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Metropolen als Melting Pot der Migranten
Quelle: Pantheon / Ausschnitt Buchcover©

Urban21 | Metropolen und Migranten

Arrival City FrankfurtRheinMain

Doug Saunders, die Arrival Cities und der Mythos Überfremdung

Ob Zuwanderer oder Flüchtlinge – weltweit strömten und strömen die Menschen in Metropolen, die überhaupt erst dadurch zu Metropolen werden. Allein Frankfurt wächst um ein bis zwei Prozent jedes Jahr. Doug Saunders – Autor der Bücher »Arrival City« und »Mythos Überfremdung« – setzt sich seit langem mit den globalen Wanderungsbewegungen auseinander und hat bereits 20 Ankunftsstädte weltweit untersucht. [weiter…]

Dazu auf urban shorts: »Doug Saunders' vier Türen - metropoler Königsweg zur Integration«. Herausforderungen und Strategien angesichts der weltweiten Migrantenzuströme in die Metropolen | In diesem Kontext findet in Frankfurt derzeit die Ausstellung »Making Heimat« im Deutschen Architekturmuseum statt | Die Reihe »Urban21« beschreibt urbane Trends unserer Zeit

Urbans Short Version

Doug Saunders' vier Türen

Metropoler Königsweg zur Integration

Doug Saunders (Toronto) ist weltweit einer der wichtigsten Metropolen- und Migrationsforscher. Er hat über 20 Metropolstädte und -regionen untersucht, um herauszufinden, was die besten Voraussetzungen für die Integration von Migranten sind. Angeschaut hat sich Saunders vor allem jene Viertel, in denen die Migranten ankamen bzw. ankommen. Zusammengefasst hat er dies in seinen beiden Büchern “Arrival Cities” und “Mythos Überfremdung”.

Insgesamt hat Saunders darin vier Felder ausgemacht, an denen sich erfolgversprechende Voraussetzungen für Integration festmachen lassen: Wohnen, Arbeiten, Bildung und Teilhabe. Er nennt sie “die vier Türen”. Vielleicht kommt noch eine fünfte hinzu: die kurzen Wege. Wohlgemerkt: Es geht bei Saunders nicht darum, wie Integration gelingt. Sondern darum, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sie überhaupt gelingen kann. Sie beschreiben den Scheideweg zwischen Integration und Pulverfass.

# Wohnen. Das erste Feld ist ein lebenswertes Wohnumfeld. Oft, so Saunders, würden die Migranten und Neuankömmlinge in günstigen Hochhaus- oder Plattenbausiedlungen landen – meist auch noch am Rande der Stadt. Nicht selten sind sie dort unter sich oder haben nur Anschluss an soziale Unterschichten. Wichtiger für eine erfolgreiche Integration sei daher die Anbindung an eine Mittelschicht einer Metropole. In diesem Falle nennt er Frankfurt und die dortige Arrival City Gallus als gutes Beispiel. Das Gallus ist sicher kein sozial starkes Viertel. Aber in ihm mischen sich soziale Schichten, und die Mittelschicht lebt ebenfalls um die Ecke oder ist in der kleinen Großstadt Frankfurt nicht weit entfernt.

# Arbeiten. Genauso wichtig wie ein Wohn- und Lebensumfeld ist für Saunders ein Arbeitsumfeld. Dabei geht es ihm nicht alleine darum, dass Migranten überhaupt möglichst schnell Arbeit finden, um in Lohn und Brot zu gelangen, sich und ihre Familien ernähren zu können und damit auch das nötige Selbstwertgefühl entwickeln, um sich erfolgreich zu integrieren. Eine gewachsene Business- und Officestruktur ermöglicht es den Migranten auch, selbst kleine Geschäfte oder Büros zu eröffnen oder zu gründen. Saunders verweist darauf, dass in vielen (Herkunfts-)Ländern diese Menschen oft im eigenen Haus einen kleinen Laden betreiben. Auch das ermögliche es ihnen, sich zu integrieren. Willkommener Nebeneffekt: Es entsteht auch ein Konsumumfeld. Auch in dieser Hinsicht lobt Saunders das Gallus, in dem es viele kleine, auch leerstehende Läden gibt.

# Bildung. Wie viele andere Forscher und Politiker nennt auch Saunders den Zugang zur Bildung und zur Sprache als ein sehr wichtiges Element der Integration. Allerdings macht er einen feinen Unterschied zwischen den älteren Migranten selbst und ihren Kindern. Besonders wichtig sei die Bildungsintegration der Kinder, die ja in der Regel die langfristigen Migranten seien. Über sie käme nicht selten die Bildung wieder zurück zu den Eltern. In diesem Zusammenhang sieht er auch die Sprache an sich gar nicht so sehr als Problem, vor allem nicht bei den Eltern. Hier nennt er sich selbst als Beispiel und verweist darauf, dass ältere Menschen eben nicht mehr so leicht neue Sprachen lernten. Deshalb müsse dies auch nicht im Vordergrund stehen, wenn es gelänge, die Kinder über die Sprache und über Bildung zu integrieren. Für Saunders ist dies eine Investition in die Zukunft.

# Teilhabe. Last but not least nennt Saunders die Teilhabe an der (politischen) Macht als wichtiges Element der Integration. Für Migranten sei es sehr wichtig, sich einzubringen. Und fast noch wichtiger, zu sehen, dass in den Verwaltungen Mitglieder ihrer eigenen Community sitzen – als Ansprechpartner im wortwörtlichen Sinne, aber auch als Identifikationsfigur. Zudem nennt er noch ein besonders wichtiges, weil für beide Seiten sensibles Feld: die Integration von Migranten in die Polizei. Für die Migranten sei dies mehr als ein symbolischer Akt. Und der Integration hilft es oft auch, wenn Polizisten ihnen näher stünden. Hinzu kommen aber auch Wahlrecht und Partizipation auf allen Ebenen. Eine Vorbildfunkten, die man nicht unterschätzen sollte, so Saunders.

Zu diesen vier Türen kommt eigentlich noch eine fünfte gemeinsame Tür, auf die Saunders immer wieder zurückkommt: kurze Wege. Er beschreibt das Dilemma vieler Ankunftsstadtteile immer wieder damit, dass sie oft weit vor den Stadtzentren liegen. Nicht selten bräuchten Migranten damit eine Stunde, um mitten ins Leben zu gelangen. Eine Stunde, die sie von der Mittelschicht, von der Arbeit, von Bildung und oft auch von der Teilhabe, vom Konsum und von der Freizeit nicht nur entfernen, sondern oft auch abhalten. Denn aus einer Stunde werden hin und zurück zwei Stunden. Nicht von ungefähr lobt er auch in diesem Zusammenhang Frankfurt, die kleine Großstadt mit den kurzen Wegen. Was manche als Nachteil sehen, sieht Saunders für die Integration als größten Vorteil (vss.).

Das Buch: Doug Saunders + Die neue Völkerwanderung – Arrival City + 576 Seiten, kartoniert + 16,99 Euro + Pantheon + München 2013