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Zwischen zwei Leben in Rumänien
Quelle: lys©

Das Buch | (Junges) Osteuropa

Rumänisches Null Komma Irgendwas

Lavinia Branistes Debütroman über eine junge Rumänin

Cristina hat Sprachen studiert, ist neugierig und aufgeschlossen. Die Protagonistin des Debüt-Romans »Null Komma Irgendwas« von Lavinia Braniste arbeitet als »Irgendwas«, als Assistentin der Chefin und Spanisch-Übersetzerin in einem eher zwielichtigen Bauunternehmen in Bukarest. Sie darf die Chefin schon mal auf eine Geschäftsreise begleiten, aber an jedem Blatt Papier wird gespart. Cristina verdient mehr als ihr Freund, der in einem Startup in Cluj arbeitet – und dem es reicht, sie alle sechs Wochen mal zu sehen. Nicht nur »ihre Fernbeziehung« beschreibt die 32-Jährige mit schonungsloser Selbstironie in einer lebensechten, aber poetischen Sprache. Cristina lässt uns auch ihren Alltag miterleben: das Leben einer jungen Frau in Rumänien, die es nervt, erst nach 17 Uhr das Būro zu verlassen, die von der wahren Liebe träumt, und davon, eine Wohnung zu kaufen.

Allgegenwärtig ist neben Handy und sozialen Medien der Matsch rund um das Gartencenter, das die Firma gerade baut. Gummistiefel wären nötig, aber die hat kaum jemand. Cristina erzählt die traurig-emotionalen Besuche der Mutter, die in Südspanien auf einem Campingplatz arbeitet. Das Nachtleben ist die Domäne der besten Freundin Otilia: der Nachtclub in der Stadt, das Festival auf dem Land. Die Hauptstadt Bukarest hat weniger Glamour als Berlin – auch Budapest und Prag sind für Ausländer cooler.  Doch es gibt die Momente der Hoffnung: »Wir fangen an zu laufen. Auf einmal gibt mir sein fester Griff im Regen, neben den Sprengern und unter dem blitzenden Himmel, der bis zu den Hochausdächern heruntergekommen ist, den Eindruck, dass alles leicht ist. Dass das andere Leben, das bessere und einfachere, nur einen Klick von uns entfernt ist und uns immer begegnen kann … «.

Branistes Männer sind allerdings (entscheidungs-) schwach. Selbst der Mann der Chefin kauft nur Büromaterial ein. Der Vermieter stapelt Plakate einer abstrusen Partei und Kartons mit eingelegten Gurken auf Cristinas Balkon – statt das Bad, in dem die Farbe von der Decke bröckelt, streichen zu lassen. Cristina schildert die KollegInnen im Büro, aber auch Szenen im Krankenhaus, das sie sich für den kleinen Eingriff noch leisten kann. Darauf, dass der Arzt ihr den Befund erklärt, verzichtet sie aus Kostengründen.  Branistes Buch vom echten Leben in Rumänien ist 2016 als bester Roman ausgezeichnet worden. Die Autorin (Jahrgang 1983), die wie ihre Heldin aus Braila im Südosten kommt, war der Star der Leipziger Buchmesse. Dass in der deutschen Übersetzung einige Tippfehler übersehen wurden, ist ärgerlich, aber »Null Komma Irgendwas« ist trotzdem absolut lesenswert. Ein anschauliches Stück junges (Ost-) Europa (lys.).