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Mysterium Sprache - Der Body of Knowledge an der Frankfurter Goethe Universität
Quelle: bw.©

Urban21 | Sprache + Integration

Einfache Sprache – einfach für alle?

Literarische und alltägliche Pionierarbeiten

Frankfurt versucht sich an Pionierarbeit – gesellschaftlich, integrativ und sprachlich. Die Stadt transformiert seit einiger Zeit Bürger-Informationen im Internet in sogenannte Leichte Sprache. Dort liest man dann in der Einführung dazu: »Texte in Leichter Sprache haben kurze Sätze. Es sind keine Fremd-Wörter dabei. Alle verstehen die Sätze schnell.« Hier geht es vor allem um Barrierefreiheit. Ein gutes Stück weiter gehen in dieser Hinsicht das Literaturhaus und die Stabsstelle Inklusion. Sie haben vor zwei Jahren das Projekt »Literatur in Einfacher Sprache« ins Leben gerufen. Im ersten Teil »Frankfurt, deine Geschichte« ging es darum, im doppelten Sinne einfach historische Personen, Orte und Geschehnisse zu vermitteln. Dem folgt mittlerweile der zweite Teil »Aufbruch in eine andere Literatur«. Auch diesmal ist der Anspruch, die Einfache Sprache (eine minimalistische Standardsprache) als Kunstform zu sehen. Das ist neu und fordert auch die beteiligten Autoren dieser Staffel: Arno Geiger, Judith Hermann, Anna Kim, Kristof Magnusson, Jens Mühling, Maruan Paschen, Ulrike Almut Sandig und Julia Schoch. Die Vision: Eine inkludierende Sprache für Menschen, die Deutsch erst lernen, und solche mit Lernschwierigkeiten, niedrigem Sprachniveau, Aufmerksamkeitsstörungen oder körperlichen Beeinträchtigungen  – ohne andere auszuschließen.

Ganz klar ist: Als Faktor für Teilhabe und besseren Zugang zu Literatur und Kultur für alle Menschen sind Leichte und Einfache Sprache zutiefst sozial und unterstützenswert. Zudem ist die Alltagssprache (vor allem der jüngeren Generation) ohnehin dabei, sich zu Gunsten einer Vereinfachung zu verändern: Bist Du Kino? So weit, so normal. Denn ultimative Sprachbewahrer verkennen, dass Sprache ein dynamisches System und Instrument ist, das dem Nutzer dienen soll und seine Lebenswirklichkeit spiegelt. Und dass die gerne gebrandmarkte Verwendung von Fremdwörtern oder Alltagssprache rasch gar nicht mehr als solche erkennbar sind. All dies befruchtet vielmehr die eigene Sprache und hält sie lebendig. Gleichwohl führt diese massive Reduktion aber auch zu einem Verlust an Präzision: Bist Du im Kino? Bist Du vor dem Kino? Bist Du heute Abend im Kino? Und zu einem Verlust an Sprachästhetik, einer sinnlichen Erfahrung von Satzrhythmus, Lautmalerischem, Differenziertheit eines individuellen Sprachstils und vielem, das auf nonverbaler Ebene mittransportiert wird. Die derzeit hörbare rudimentäre Sprache ist weit entfernt von aller Virtuosität. Würde mit einer weitergehenden Etablierung von Einfacher oder Leichter Sprache ein solcher kleinster gemeinsamer Nenner als Standard etabliert und letztlich eine filigranere Sprache in eine Nische für Experten und Nostalgiker gedrängt? Oder manifestiert sich im Gegenteil erneut eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die alltägliche Sprache als klares Distinktionsmerkmal fungiert? Baut Einfache oder Leichte Sprache eine Brücke und erzeugt im nächsten Schritt bessere Zugänge zu komplexer Sprache, Literatur, Kulturangeboten und mehr? Und geht sie auch so schön, dass sie eine eigene ästhetische Qualität generiert und unserer Sprache eine zusätzliche – zeitgemäße – Facette gibt?

Wir werden sehen, ob es bald in Bücherregalen neben den Büchern in großer Schrift auch ganz selbstverständlich solche in Einfacher oder Leichter Sprache geben wird – und Buchhandlungen und Bibliotheken so zukünftig vielleicht (wieder) die sozialen Orte sind, die sie schon immer sein wollten (pem).