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Ausgefallen • LiteraTurm - Literaturfestival
Quelle: Literaturm / Alexander Paul Englert ©

Kolumne von Jan Deck [3]

Es fehlen (nur) ein paar Millionen

Umfrage zur Freien Szene in Hessen

Es ist kaum überraschend: Corona schlägt bereits voll auf die Situation der freien Szene darstellender Künstler*innen in Hessen durch. An einer Umfrage unseres Verbandes LaPROF haben sich 247 Theater, Ensembles und Einzelkünstler*innen aus dem ganzen Bundesland beteiligt. Das sind rund 80 Prozent der Szene, was mithin eine ziemlich repräsentative Abdeckung bedeutet. Die Antworten übertrafen unsere Befürchtungen. Schon bis Ostern drohen Einnahmeausfälle von fast einer Million Euro. Sollten die Schließungen bis zur Sommerpause gehen, werden sogar 3,8 Millionen erwartet. Was ausbleibt, sind Einnahmen von Eintrittskarten oder ausfallenden Gastspielen, aber auch abgesagte künstlerische Projekte und Jobs wie beispielsweise Theater- oder Tanzworkshops in Schulen.

Schon die Zahlen machen betroffen. Doch mir als derjenige, der die Studie ausgewertet hat, bleiben vor allem die Einzelschicksale im Kopf. Menschen, die von heute auf morgen ihrer Existenzgrundlage beraubt werden, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Die nicht wissen, ob vorübergehend oder dauerhaft. Da schreiben Künstler*innen, die mit drei Kindern jetzt ziemlich alleine dastehen. Oder ein älterer Tänzer, der auf einmal 16.000 Euro Einnahmen verliert, da in den nächsten Wochen sämtliche Workshops mit Jugendlichen ausfallen oder wohl ausfallen werden. Für ihn ist das Problem nicht gelöst, wenn die Theater und Schulen wieder öffnen. Die Frage ist, ob die Jugendlichen danach weitermachen wollen oder ob die Eltern der Kids überhaupt noch Geld für die Tanzstunden haben. Für andere Künstler*innen, die von Auftritten oder Gastspielen leben, fallen nicht nur jetzt Termine weg. Sie werden aufgrund der unsicheren Dauer der Krise nicht angefragt, ihnen brechen möglicherweise Spielmöglichkeiten bis Jahresende weg. Einer Schauspielerin, die sich über Coaching finanziert, wurde von den Unternehmen bereits das komplette Jahr gecancelt. Ihr helfen selbst Überbrückungsgelder für drei Monate wenig …

Bund und Länder haben solche Soforthilfen gerade beschlossen. Auch Künstler*innen aus Hessen können sich um einen einmaligen Zuschuss bewerben, wenn sie »unverschuldet infolge der Corona-Virus-Pandemie in eine existenzgefährdende wirtschaftliche Situation bzw. in massive Liquiditätsengpässe geraten sind und diesen Liquiditätsengpass nicht aus eigener Kraft ausgleichen können«. Dafür soll ein einmaliger, nicht rückzahlbarer Zuschuss für einen Zeitraum von drei Monaten gewährt werden. Seit Montag ist das über eine Online-Plattform beim Regierungspräsidium Kassel möglich. Das ist wichtig und gut. Doch die Beispiele zeigen, dass das in vielen Fällen nicht ausreichen dürfte. Zumal bei Menschen, die sich schon vor der Krise am Existenzminimum bewegten und wenig Rücklagen haben. Insofern wäre darüber nachzudenken, ob nicht gerade in diesem Sektor der Freien Szene einen größeren Teil der hochgerechnet vier bis fünf Millionen Euro bis Sommer ausgleichen. Gemessen an den Milliarden, die aktuell zur Verfügung gestellt werden, nicht viel Geld. Für die Freie Szene sehr viel Geld …