Einfach machen - Deinufer heißt ein Projekt, in dem sich Bürger*innen ihren Mainkai bastelnd erobern
Quelle: Moritz Bernoully©

Die Welt, wie sie uns gefällt

Verkehrs-Wende-Labor Corona

Städte können schnell mit weniger Verkehr leben

»Das haben wir schon immer so gemacht«. Es ist einer der beliebtesten Sätze im Deutschen. Doch die Corona-Krise zeigt, dass urbane Reformen vielleicht nicht das Dümmste wären. Urban shorts zeigt in kurzen Gedankenskizzen, was Städte vielleicht lebenswerter machen könnte. Etwa mehr Verkehrs-Wende und autofreiere Innenstädte, war doch gerade die Corona-Zeit die veritable Blaupause, wie Städte sein könnten – und wie schnell sie sich an ihre eigene Beruhigung anpassen können … 

Was für Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren ein mehr als steiniger Weg zu sein schien, schaffte Corona im Handumdrehen. Wer im April und Mai in den Frankfurter Wallanlagen die Picknickdecke ausbreitete, konnte sich fast in nie gekannte gute alte Zeiten versetzt fühlen. Zugegeben: Ein paar Autos schlichen noch über den benachbarten Anlagenring. Doch ansonsten tummelten sich nur Radfahrer*innen und spazierende Fußgänger*innen um einen herum. Ruhe und gute Luft mitten im Herzen der Main-Metropole; selbst die Polizist*innen hoch zu Pferde schienen sich dieser (verkehrs-)beruhigten Welt anzupassen. In das Bild passte auch viel rötliche Farbe: Gleich einige Hauptverkehrsadern der Stadt erhielten einen neuen Anstrich. Einen breiten Fahrradweg nämlich. So schnell hatte die Stadt wohl selten reagiert und sich den neuen Mehrheitsverhältnissen auf den Straßen angepasst. Wohlgemerkt: Jene Stadt, die gerade darüber streitet, ob sie eine halbe autofreie Straße am Main autofrei lassen soll …

Doch Frankfurt ist nicht Brüssel, nicht Oslo, und nicht mal München. Diese und einige weitere Städte in Europa verteilen gerade in ihren Innenstädten den Verkehrsraum neu zu Gunsten von Rädern und Menschen. Parkplätze verschwinden, Pop-up- und dauerhafte Fahrradwege entstehen, sogar Bäume werden neu gepflanzt und haben angesichts weniger Abgase eine Chance zu überleben. Und Frankfurt? Leitet bereits wieder die Verkehrs-Wende-Wende ein, indem an vielen Stellen schon wieder die Bedenken herausgekramt werden. Dabei hätte die Main-Metropole die Corona-Zeit eigentlich sehr gut als Verkehrs-Wende-Labor verstehen können. Hätte es noch einer Studie über die Vorzüge einer verkehrsberuhigten Stadt bedurft, lieferten sie die letzten Monate, in denen der Fahrrad-Verkehr deutlich zugenommen hatte und den Autoverkehr verdrängte. Bürger*innen und viele Kinder eroberten sich Parks, Grünflächen und Straßen. Wissenschaftler*innen bestätigten, dass die Luft sauberer geworden ist. Dass es ruhiger war, bedurfte hingegen kaum einer wissenschaftlichen Untermauerung. Eine gewisse Entspanntheit machte sich breit. Doch kaum wurde Corona für beendet erklärt, geht es zurück zu alten Mustern und Reflexen. Das Projekt des gesperrten Mainkais solle beendet werden, da die umliegenden Viertel darunter leiden (würden). Industrie- und Handwerkskammern fordern gleich noch den Rückbau der neuen Fahrradwege, da sie den (Auto-) Kundenverkehr und die (Lkw-) Zulieferer störten. Und vor allem abends fällt einem in den Wallanlagen jetzt erst recht auf, wie viele Autos doch meist recht sinnbefreit rund um jene Wallanlagen brausen. Ruhe und gute Luft verabschiedeten zudem sich schneller, als man zusehen konnte.

Dabei ließe sich auf Grundlage des Corona-Verkehrs-Wende-Labors auch Gegenteiliges aufbauen; mit Anleihen bei anderen Metropolen. Die Innenstadt innerhalb der Wallanlagen ließe sich autofrei(er) gestalten, wäre mithin ruhiger, sauberer und menschenfreundlicher. Fläche würde gewonnen, für mehr Grün, mehr Begegnung, mehr Aktivitäten. Zulieferungen könnten statt über Lkws über Elektromobile und Lastenräder auf den neuen Radwegen zu ihren Adressaten gebracht werden (in Hessen werden gerade großflächig E-Cargo-Bikes getestet). Die Straßen selbst könnten freier und grüner werden, Anwohner*innen könnten in den vorhandenen Parkhäusern ihre Autos unterbringen (»Quartiersgarage« nennt sich das Konzept, das es in Kopenhagen, demnächst in München und erstaunlicherweise auch bereits im Frankfurter Nordend gibt). Besucher*innen könnten derweil ihre Fahrzeuge bereits vor den Toren der Stadt lassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln einfahren (in Manchester etwa projektierte ein Think Tank dafür sogar die Wiederbelebung der alten Stadttore). So wie die Menschen in der Corona-Zeit Parks und Grünanlagen nutzten und entdeckten, ist davon auszugehen, dass dauerhaft freie Flächen sehr bald neue Bestimmungen finden würden. Viele Gastronom*innen nutzen gerade in Corona-Zeiten die Außenflächen, die bereits wieder knapp und eng werden (da die Straßen eben noch immer von Autos belegt sind). Ach ja: In Corona-Zeiten boomten Liefer-Services. Mit Kurieren und eben Lastenrädern ließen sich aber auch Einkäufe nach Hause oder zu den Autos vor der Stadt bringen. Corona hat sehr eindrucksvoll gezeigt, wie schnell eine (Innen-) Stadt zu reagieren in der Lage ist. Gastronomie wurde an die Kioske und auf die Straßen verlagert. Bücher und Lebensmittel wurden zugestellt. Freie Flächen wurden in der Tat genutzt. Bisher hat noch keine Studie belegt, warum Innenstädte nicht auch ohne Corona auf eine Verkehrsberuhigung ihrer selbst reagieren können sollten. Vielleicht müsste man dem Handel und den Menschen etwas mehr Kreativität zutrauen … (vss.).

Mehr zum Thema: Auf den Seiten Local.21 und Mobile Lab | Mehr Infos: Deinufer ist ein Projekt des Deutschen Architekturmuseums, unter anderem gemeinsam mit der Stiftung Heussenstamm) | Postskriptum: »Die Welt, wie sie uns gefällt« sind Gedanken-Skizzen rund um die Corona-Krise. Es handelt sich nicht um fertige Pläne, sondern um Ideen und Anregungen. Mehr Skizzen: Home-Office ohne Kids-Betreuung?