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Centralstation Darmstadt: Programm und Stühle sind bereits von Null auf 100. Fehlt nur noch das Publikum, das es beiden gleichtun soll.
Quelle: Centralstation©

Krise (in den Griff) kriegen [3]

100 auf ⇒ Null ⇒ auf 100

Meike Heinigk über das Centralstation-Sharing

Kulturlandschaft und Kulturschaffende sind von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Auf Urban shorts beschreiben Kulturschaffende, wie sie in diesen Wochen die Krise krieg(t)en – und wie sie diese in den Griff kriegen. In Folge 3 schreibt Meike Heinigk von der Darmstädter »Centralstation« über das 100-auf-Null-auf-100-Wechselbad und über ein großes Haus als Host für viele gebeutelte kleine Häuser und Gruppen. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war natürlich Freitag, der 13. Am Morgen gastierte noch eine Theatergruppe aus Schottland im Saal der Centralstation. Zur gleichen Zeit fand in der Halle der Aufbau für ein großes Festival statt. Fünf internationale Bands waren dafür bereits auf dem Weg zu uns nach Darmstadt. Und ich erwartete einen Anruf, der mir die jüngsten Ergebnisse des Darmstädter Krisenstabs zu Covid-19 mitteilen würde. Just als das Theaterstück beginnen sollte, summte mein Handy: »Wir müssen das Haus schließen«. In Form einer Allgemeinverfügung der Stadt lag nun vor, was wir schon geahnt, aber lange nicht wahrhaben wollten. Das Datum, welches für viele mit Aberglauben verbunden ist, machte seinem Namen alle Ehre. Lockdown – von 100 auf Null in wenigen Minuten …

Wieder Freitag. Diesmal aber zum Glück der 5. Juni. Und wir öffnen wieder. Mit Pfund, einer Cover-Rockband, die normalerweise niemanden auf den Stühlen hält. Doch genau für sie haben wir nun exakt einhundert Stühle aufgestellt. So viele, wie das Land Hessen zulässt. Mit dieser Band und den 100 Stühlen starteten wir das Programm »0 ⇒ 100« – und selbst im wahrsten Wortsinn wieder ebenfalls »von Null auf 100«. Vorbei die Tage seit dem ominösen 13. März, seit dem alle Mitarbeiter nur mit Absagen, Verschiebungen und Rückabwicklungen beschäftigt waren. Bands und Agenturen hatten das Jahr schon ad acta gelegt, verschoben komplette Tourneen. Erste optimistische Versuche in diesen Wochen, Veranstaltungen um zwei Monate zu verschieben, scheiterten kläglich. Und das ging nicht nur uns so. Die ersten Lockerungen, die Veranstaltungen unter Auflagen mit kleiner Besucherzahl ermöglichten, haben obendrein viele Veranstalter*innen wütend gemacht oder gar resignieren lassen. Verständlich. Wie soll ein ohnehin meist defizitäres oder sich gerade so tragendes Kulturprogramm unter diesen Bedingungen funktionieren? Kultur ist Begegnung, Kultur ist Kommunikation. Wie sollte der Funke überspringen? Mit Mund-Nasen-Bedeckung oder Plexiglas-Wänden zwischen Musikern und Gästen?

Nun also wieder von »Null auf 100«. Das dafür gleich in mehrfacher Hinsicht. Wir machen aus der Not eine Tugend, fahren nicht nur unser Haus für unsere Künstler*innen hoch. Wir öffneten die Centralstation als einen der größten Veranstaltungsorte Darmstadts auch für Künstler*innen, Veranstalter*innen und Kultureinrichtungen, die selbst zu klein sind, um unter den aktuell geltenden Auflagen Kultur machen zu können. Im kulturellen städtischen Netzwerk stellen wir uns gemeinsam der Herausforderung und experimentieren das Veranstalten mit bis zu 100 Gästen. Erfreulicherweise war auch die Stadt »von Null auf 100« von unserem Vorschlag überzeugt. »Mit Abstand das beste Kulturprogramm« wurde geplant. Neben unseren »eigenen« Künstler*innen diesmal vollgepackt mit Gästen wie etwa dem TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder den Stromern aus Darmstadt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, haben wir uns gesagt. Und ein kleiner Gewinn soll es für alle werden: Für regionale Künstler*innen, denen zig Auftritte weggebrochen sind, für Kulturorte unserer Stadt, über die im Moment keiner mehr spricht, für Dienstleister*innen vom freien Techniker bis zur Grafikerin, die keine Aufträge mehr haben. Und natürlich für die Zuschauer*innen, die Lust auf Live haben. Apropos Publikum. Auch das ist Teil des Versuchs: Sie bitten wir, sich an viele Vorgaben zu halten – und einen solidarischen, teils höheren Eintritt zu zahlen, um den enormen Einsatz abzufedern. Aber die Idee ist, gemeinsam herauszufinden, wie man sich herantasten kann an das, was unserer Meinung nach auch »systemrelevant« ist: das kulturelle Erleben …