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Der Frankfurter Mousonturm baut sich für Herbst gleich eine eigene neue Bühne mitten im alten Bühnenraum
Quelle: Mousonturm / Raumlabor©

Kulturlandschaften | Trend

Eine neue Bühnen-Kultur

Real und virtuell wird viel neu gebaut

In Corona-Zeiten werden gerade viele neue Bühnen gebaut. Virtuelle Bühnen, auf denen sich Künstler*innen im Netz präsentieren können. Bühnen im übertragenen Sinne, indem Bühnen neu genutzt werden. Aber auch ganz reale neue Bühnen für die neuen Zeiten … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenAls der Mousonturm dieser Tage sein Programm für die nächste Spielzeit vorstellte, war der große Saal des Frankfurter Künstlerhauses fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zugegeben: »Bis auf den letzten Platz« hieß in diesem Fall, dass dort, wo sonst rund 250 Menschen das Publikum bilden, nun sorgsam getrennt auf einzelnen Stühlchen rund 30 Leute »Platz nahmen«; Künstler*innen inklusive. Im doppelten Sinne ein Ausblick auf den Herbst sozusagen. Damit der Herbst dann aber kein exklusives One-to-one-Theatre wird, war das Highlight des Tages allerdings das kleine Modell einer neuen agora-ähnlichen Bühne. Ein kleiner, vorzeitlich anmutender, aber nachzeitlich gedachter Höhlentempel aus Holz und Lehm – für die Zeit nach oder zumindest mit Corona. Realisiert von einer Design-Agentur mit dem corona-sinnigen Namen »Raumlabor« …

Angesichts zahlreicher Zu-, Ein- und Ausgangsbeschränkungen brauchen das Land und die Kultur in der Tat neue Bühnen. Das »Raumlabor Mousonturm« mit rund 50 Logenplätzen in Termitenbau-Design ist dabei die bisher kreativste Lösung. Doch auch andere Häuser suchen derzeit nach neuen Ideen und Bühnen. Die Darmstädter Centralstation als einer der größten Veranstaltungsräume der Region hat seine Bühne geöffnet für andere Akteure der regionalen Szene. »Von Null auf 100«, angelehnt an die Zahl der anfänglichen Sitzplätze, heißt das neue Programm für den Sommer, in dem nicht nur assoziierte Künstler*innen Platz finden, sondern eben auch Gruppen wie das TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder die kleine Initiative die stromer aus Darmstadt selbst. Häuser und Ensembles wie diese könnten in Corona-Zeiten kaum spielen oder spielen lassen, da ein Umbau kleiner und alter Häuser schwer und vor allem nicht schnell möglich ist. Vor Herbst sind viele Häuser und auch Gruppen auf Ausweichquartiere angewiesen. Ein weiteres solches Quartier ist ein »Kleiner Offenbacher Kultursalon« im dortigen Capitol-Theater. Ähnlich kreativ sind derzeit auch Künstler*innen, Hochschüler*innen und Stadtmarketingleute in der Region. »Window Shopping« heißt das Modell, mit dem Offenbacher HfG-Künstler*innen ab Juli freie Schaufenster in der Offenbacher Innenstadt mit dem Thema »Kleidung, Freiheit und Identität« bespielen. Gleiche Idee, nur etwas eher: Künstler*innen in Frankfurt machen das Gleiche bereits mit Schau- und Atelierfenstern im Westen von Frankfurt. Waren diese Atelierfenster schon sehr nahe dran an den Künstler*innen, so sind es einzelne Kunstmärkte dieses Sommers besonders. Pars pro toto der Mindest-Abstand-Kunstmarkt des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden im August, mit dem der Kunstverein die professionellen Kunstschaffenden der Stadt unterstützen will. Doch neue Bühnen entstehen in diesen Wochen nicht nur real. Öffentliche Hände und Fördereinrichtungen haben Bühnen im Internet geschaffen und Kreativen wie Künstler*innen kleine Stipendien ausgeschrieben, mit denen sie diese Bühnen mit etwas Leben füllen und sich damit den Lebensunterhalt über den Sommer sichern können. Eine dieser Bühnen ist der »Open Space« des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, zwei weitere sind die Plattformen und Förderstipendien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz (die beide jeweils Programme mit je 2000-Euro-Hilfen für ansässige Kreative ausgeschrieben hatten). In die Baupläne für neue Bühnen spielt derzeit übrigens auch der Sommer mit Open-Air-Bühnen und -Festivals. Im öffentlichen Raum sind Umbauten nämlich durchaus weniger aufwändig als im Mousonturm und anderswo … (vss.).