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Die Große Welle – das ewige Ringen zwischen Hokusai und Hausarbeit im Corona-Jahr 
Quelle: Katsushika Hokusai (1760-1849)©

KRISE (IN DEN GRIFF) KRIEGEN

Hungerkünstler und Mandarinente

Stephanie Nebenführ und ihr HfG-Corona-Jahr

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. In Folge 9 schreibt die Offenbacher HfG-Studentin Stephanie Nebenführ, wie es ist, wenn das Studium erstmals komplett virtuell abläuft, Kontakte mit Kommiliton*innen rarer werden, Studentenjobs entfallen – und dann auch noch die Mandarinente am Buchrainweiher plötzlich weg ist … 

Frankfurt, Anfang März. Der letzte Abend, an dem gefühlt nochmal alle zusammen kommen. Im 1822 Forum feiern wir die Eröffnung der Ausstellung »A Sitting and A Slurping and A Spitting and A Thinking« von Dominika Bednarsky, Studentin der HfG Offenbach. Es gibt erste Ellenbogen-Grüße, aber noch stehen Besucher*innen dicht gedrängt in der Galerie, draußen werden Zigaretten geteilt. – Frankfurt, ein halbes Jahr später im Oktober. Die von Arthur Löwen und Béla Feldberg kuratierte Gruppenausstellung »Orbit« wird im Messeturm eröffnet. Die Arbeiten der Künstler*innen, teilweise Studierende der HfG, sind über das gesamte Stockwerk verteilt, die Besucher*innen kommen in 45-Minuten-Slots, tragen Maske und halten Abstand. Zigaretten teilt sich hier keiner mehr.

Zwischen den beiden Ausstellungen liegt das digitale Sommersemester an der HfG. Anstelle von Zoom, das in vielen anderen Universitäten genutzt wird, werden Lehrende und Studierende an die Videochatplattform BBB (Big Blue Button) und an Mattermost (vorstellbar als digitales Schwarzes Brett) herangeführt. Die Technik-Abteilung der HfG hat in diesen Tagen viel zu tun. Lehrende und Studierende erhalten eigene Passwörter, Online-Veranstaltungen müssen koordiniert und Server gewartet werden, es herrscht ein stetiger Mail-Verkehr. Es braucht eine Weile, bis sich alle an die Programme gewöhnt haben, doch mit kleinen Ausnahmen klappt alles überraschend gut. Obwohl die digitalen Mittel die gleichen sind, unterscheiden sich die Kurse aber stark voneinander. Da gibt es die Vorlesung von Christian Janecke, Professor für Kunstgeschichte, die auch Teilnehmer*innen außerhalb der HfG offensteht. An einigen Tagen sind es dann auch mehr als 120 Zuhörende, die sich fröhlich im Chat begrüßen. Andere Kurse sind kleiner und familiärer. Im Kurs »Experimentelle Raumkonzepte« von Heiner Blum zeigen die Studierenden ihre Projekte nun von zu Hause aus. Wie bei PowerPoint kann man Fotos, Skizzen und ähnliches hochladen und den anderen präsentieren.

Business as usual, nur eben jetzt etwas anders – könnte man meinen. Ja, aber eben doch nicht ganz. Gerade der zweite Kurs zeigt den Unterschied. In diesem Rahmen wird nicht nur über Projekte gesprochen, sondern auch über die Probleme der Studierenden. Viele haben in den letzten Wochen ihre Nebenjobs verloren und sind in finanzielle Notlagen geraten. Von Hartz IV sind Studierende ausgeschlossen, die Überbrückungshilfen für Künstler*innen stehen zu Anfang nur denjenigen zu, die Mitglied in der Künstlersozialkasse sind, das ist der Großteil der Studierenden aber nicht. Erst im Juni gibt es die Überbrückungshilfe des Bundes speziell für Student*innen, die aber wiederum nur unter strengen Bedingungen bewilligt wird. Zynisch kann man einwerfen: durch die wegfallenden Jobs habe man zwar kein Geld, aber dafür endlich Zeit, die Projekte, die sonst aus Zeitmangel nicht zu realisieren sind, anzugehen. Allerdings arbeitet es sich, entgegen des Klischees des Hungerkünstlers, nur schwer mit Existenzsorgen. Da wird statt an der Hausarbeit zu schreiben, die »Große Welle vor Kanagawa« von Hokusai gepuzzelt, das unfertige Projekt gegen die Dokumentation »Der Penny auf der Reeperbahn« eingetauscht, und statt sich um die Diplomarbeit zu kümmern, steht man dann plötzlich mitten im Wald am
Buchrainweiher und fängt beinahe an zu weinen, weil die Mandarinente, die man eine Woche vorher dort entdeckt hat, heute nicht da ist. Aber vielleicht unterscheiden sich da die Erfahrungen.

Wenn man Glück hat, trifft man dann auf dem Heimweg eine Kommilitonin und merkt im Gespräch über durchkreuzte Pläne und Verdienstausfälle, dass man nicht alleine ist. Und das hilft viel, denn bei all den Problemen geht ja doch alles immer weiter. Und so wird auch der Rundgang der HfG, der jeden Juli ein großes Publikum anzieht, nicht abgesagt, sondern nur so verändert, dass er unter dem Titel Interventionen – unter Berücksichtigung aller Maßnahmen  doch stattfinden kann. Ob in den Schaufenstern der Fußgängerzone, an Plakatwänden, oder über instagram; die Studierenden tragen dafür Sorge, dass ihre Arbeiten auch in Zeiten der Pandemie sichtbar bleiben. Bleibt zu hoffen, dass auch die in Not geratenen Studierenden nicht übersehen werden. Und dass auch wir uns wieder mehr sehen können. Denn auch das Miteinander macht Studium aus …