Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Kult-Kultur | Orte mit Auslauf

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Wochen jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte; mit erstaunlicher Disziplin trotz allem. Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die 2017 sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach rund acht Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).

Agenda | Stadtleben

Dichter, Denker & Debatten

Urbanes & Subkulturelles in FrankfurtRheinMain

In diesen Tagen

Liebe Leserinnen und Leser, 

in Anbetracht der aktuellen Weltlage gibt es auf Urban Shorts bis Ende Juni keine aktuellen Hinweise auf reale Veranstaltungen aus den Bereichen Vorträge, Lesungen, Diskussionen oder sonstiger urbaner und subkultureller Events. Wir verweisen statt dessen auf die Seite AGENDA mit immer wieder aktualisierten digitalen und sonstigen Tipps zum Schauen, Hören und Lesen ….  

 

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Direkt zur Seite Agenda  > AGENDA

 

Catalina Somolinos©
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Quelle: Barbara Walzer©

Frankfurt | Zukunft des Menschen

Die Suche nach dem Tiefgang

medico und Polytechnische mit zwei Vortragsreihen

Zwei recht unterschiedliche Institutionen haben sich in Frankfurt in jüngster Zeit einen Namen damit gemacht, anspruchsvolle Gesprächs- und vor allem Vortragsreihen zu etablieren. Und beide haben in diesem Herbst zwei neue Reihen dieser Art gestartet. Und in beiden geht es um den Menschen und – etwas pathetisch ausgedrückt – um die Zukunft der Menschen. Was beide eint, ist der tiefgehende Vortrag, dem erst dann die Auseinandersetzung folgt. Die erklärtermaßen linke und für ihr Engagement an den Krisenherden dieser Welt bekannte Stiftung medico international hat an ihrem neuen Stammsitz unweit des Frankfurter Osthafens nicht geringeres als einen »Utopischen Raum« begründet.  Ganz in der Tradition von Adorno und Horkheimer soll dort angesichts der neuen Herausforderungen dieser Welt ein Raum entstehen für fundierte Vorträge, tiefgründige Diskussionen und neue Bündnisse für eine »andere Welt«. Rückgrad dessen ist eine monatliche Vortragsreihe. Darin geht es um neue und grüne Ökonomien, um globale Bürgerversicherungen und solidarische Lebensweisen allerortens oder um den Abschied von der weißen Dominanz. Mit Utopien ganz anderer Couleur, aber ebenfalls mit Tiefgang, beschäftigt sich die bürgerlich-naturwissenschaftliche Polytechnische Gesellschaft. In diesem Herbst und in Folgeveranstaltungen bis weit ins kommende Jahr hinein nimmt sie sich dem Thema »Mensch und Maschine« an. Robotik, Climate Engineering, Genetic Enhancement oder Bild- und Spracherkennung sind neue Techniken, welche die Menschen kaum verstehen und die ihnen oftmals Angst machen. Die Polytechnische will mit ausgewiesenen Fachleuten philosophisch und naturwissenschaftlich hinter diese neuen Welten schauen. Zwei Orte, zwei Reihen, die offenbar für den zunehmenden Wunsch nach mehr Sinn, nach mehr Tiefgang und nach mehr Verständnis in der heutigen Welt stehen. Und beide mit einer Frage: Welche Zukunft hat die Menschheit (sfo./vss.)?

Barbara Walzer©
Festivals sind zur Zeit eher große Baustellen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Agenda | Mehr Sichten

Viel für Aug’ & Ohr

Festivals & Co. in Frankfurt & RheinMain

Die Agenda »Viel für Aug’ & Ohr« ist eine Auswahl interessanter Festivals für Filme, Lesungen, Musik und Performances, die in Frankfurt und Umgebung stattfinden | Die Auswahl vereint vor allem Veranstaltungen aus dem Bereichen Avantgarde und Off Spaces und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit | Aus gegebenem Anlass finden allerdings viele der Festivals derzeit nur online statt | Die Agenda wird Ihnen präsentiert von urban shorts und dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain | Weitere Veranstaltungen finden Sie auf unserer Seite »Agenda«

Biennale für aktuelle Fotografie | MA/HD/LU + an verschiedenen Orten | Wieder geöffnet seit Anfang/Mitte Mai | verlängert bis Ende Mai / Juni, teilweise bis September | Mehr Infos: biennalefotografie

Mainzer Kultur-Gärten | MZ + KUZ & Schloss | Mehr Infos: Kultur-Gärten

22.05. bis 24.05.20 | Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik | KA – Streamingfestival des ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe | Mehr Infos: zkm

04.06. bis 06.06.20 (geplant) | MADE.Festival Darmstadt | Festival für freie Theater, Tanz, Performance | Darmstadt + an verschiedenen Orten | Mehr Infos: made

06.06. bis 04.06.20 | Echt und Falsch | Skulpturen-Triennale | Bingen + an verschiedenen Orten + offline im Freien | Mehr Infos: triennale

09.06. bis 14.06.20 | Nippon Connections | Japanisches Filmfestival | FRM + Online-Festival | Mehr Infos: nipponconnection

14.08. bis 16.08.20 | Poesie im Park | WI + Biebrich + Schlosspark | Mehr Infos: poesieimpark

13.09. bis 16.09.20 | MADE.Festival Fulda | Festival für freie Theater, Tanz, Performance | Fulda + an verschiedenen Orten | Mehr Infos: made

Bis 2021/2022 | Erzählung. Macht. Identität. | Themenschwerpunkt des Kulturfonds Frankfurt RheinMain | FrankfurtRheinMain + online und an verschiedenen Orten in der Region | Mehr Infos: kulturfonds

 

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