Zwischen zwei Leben in Rumänien
Quelle: lys©

Buch des Monats | Juni

Rumänisches Null Komma Irgendwas

Lavinia Branistes Debütroman über eine junge Rumänin

Cristina hat Sprachen studiert, ist neugierig und aufgeschlossen. Die Protagonistin des Debüt-Romans »Null Komma Irgendwas« von Lavinia Braniste arbeitet als »Irgendwas«, als Assistentin der Chefin und Spanisch-Übersetzerin in einem eher zwielichtigen Bauunternehmen in Bukarest. Sie darf die Chefin schon mal auf eine Geschäftsreise begleiten, aber an jedem Blatt Papier wird gespart. Cristina verdient mehr als ihr Freund, der in einem Startup in Cluj arbeitet – und dem es reicht, sie alle sechs Wochen mal zu sehen. Nicht nur »ihre Fernbeziehung« beschreibt die 32-Jährige mit schonungsloser Selbstironie in einer lebensechten, aber poetischen Sprache. Cristina lässt uns auch ihren Alltag miterleben: das Leben einer jungen Frau in Rumänien, die es nervt, erst nach 17 Uhr das Būro zu verlassen, die von der wahren Liebe träumt, und davon, eine Wohnung zu kaufen.

Allgegenwärtig ist neben Handy und sozialen Medien der Matsch rund um das Gartencenter, das die Firma gerade baut. Gummistiefel wären nötig, aber die hat kaum jemand. Cristina erzählt die traurig-emotionalen Besuche der Mutter, die in Südspanien auf einem Campingplatz arbeitet. Das Nachtleben ist die Domäne der besten Freundin Otilia: der Nachtclub in der Stadt, das Festival auf dem Land. Die Hauptstadt Bukarest hat weniger Glamour als Berlin – auch Budapest und Prag sind für Ausländer cooler.  Doch es gibt die Momente der Hoffnung: »Wir fangen an zu laufen. Auf einmal gibt mir sein fester Griff im Regen, neben den Sprengern und unter dem blitzenden Himmel, der bis zu den Hochausdächern heruntergekommen ist, den Eindruck, dass alles leicht ist. Dass das andere Leben, das bessere und einfachere, nur einen Klick von uns entfernt ist und uns immer begegnen kann … «.

Branistes Männer sind allerdings (entscheidungs-) schwach. Selbst der Mann der Chefin kauft nur Büromaterial ein. Der Vermieter stapelt Plakate einer abstrusen Partei und Kartons mit eingelegten Gurken auf Cristinas Balkon – statt das Bad, in dem die Farbe von der Decke bröckelt, streichen zu lassen. Cristina schildert die KollegInnen im Büro, aber auch Szenen im Krankenhaus, das sie sich für den kleinen Eingriff noch leisten kann. Darauf, dass der Arzt ihr den Befund erklärt, verzichtet sie aus Kostengründen.  Branistes Buch vom echten Leben in Rumänien ist 2016 als bester Roman ausgezeichnet worden. Die Autorin (Jahrgang 1983), die wie ihre Heldin aus Braila im Südosten kommt, war der Star der Leipziger Buchmesse. Dass in der deutschen Übersetzung einige Tippfehler übersehen wurden, ist ärgerlich, aber »Null Komma Irgendwas« ist trotzdem absolut lesenswert. Ein anschauliches Stück junges (Ost-) Europa (lys.).

lys©
Ausschnitt Buchcover
Quelle: Rowohlt©

Buch des Monats | März

Das Pro-Down-Syndrom-Kind-Buch

Sandra Schulz' Geschichte einer Entscheidung aus Liebe

In Frankreich hat eine junge Frau mit Down-Syndrom den Wetterbericht im Fernsehen präsentiert. In Frankreich liegt die Zahl der Abtreibungen wegen »Trisomie 21«, so der medizinisch korrekte Name, bei 77 Prozent. Und da immer mehr Mütter immer später schwanger werden, steigt das Risiko für Trisomie 21 zunehmend. Doch immer öfter wissen die Frauen auch schon vor der Geburt Bescheid. Wird es also bald keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geben?

Nach dem »Spiegel«-Artikel »33 Millimeter Mensch«, in dem die Journalistin Sandra Schulz (39) über ihre erste Schwangerschaft schrieb, musste ich ihr Buch einfach kaufen. Ich wollte lesen, wie es weitergeht und was die werdende Mutter der kleinen Marja zu sagen hat. In der 13. Schwangerschaftswoche zeigt eine Blutuntersuchung »kein komplett unauffälliges Ergebnis«. Es folgt eine nicht enden wollende Odyssee von einem Spezialisten zum anderen, von der Psychologin zur Beratungsstelle – gespickt von grausamen Kommentaren von Ärzten. Einer ist der Titel des Buches »Das ganze Kind hat so viele Fehler«. Andere sind noch drastischer, noch brutaler, denn beim Ungeborenen werden nicht nur Trisomie 21, sondern auch ein Herzfehler und ein Wasserkopf diagnostiziert.

Die Stärke dieses Berichtes der werdenden Mutter liegt darin, dass sie ihre eigenen Zweifel, ihr Leid und ihre Wut so ehrlich wie möglich preisgibt. Die Reporterin, die jahrelang im Ausland unterwegs war und eine Fernbeziehung führte, kann sich ein Leben mit einem behinderten Kind zunächst kaum für sich selbst vorstellen. Geradezu trotzig aber ringt sie sich durch. Je mehr medizinische Probleme aufkommen, je mehr ihr die Ärzte und auch ihre Eltern dazu raten, das Kind nicht zu bekommen, desto stärker wird der Wille der Autorin, sich für ihre behinderte Tochter zu entscheiden …

Wie schwierig dieser Prozess ist – trotz oder gerade wegen der modernen Pränataldiagnostik, deren Grenzen das Buch gut aufzeigt -, erlebt der Leser hautnah mit. Und er erfährt – zusammen mit Sandra Schulz -, welche verborgenen Schätze in behinderten Kindern und ihren Familien stecken. Sie haben es schwerer. Aber im Buch wie im wirklichen Leben sind sie dadurch auch anders und reicher. Der achtjährige Down-Junge Paul hat gegen Ende des Buches ein Geschenk für die fast zweijährige Marja ausgesucht: einen Bären, der singt und tanzt. »Von Experten für Experten«, sagt Pauls Mutter – und Marjas Mama und Papa tanzen dann tatsächlich zusammen mit der Tochter morgens um acht im Kinderzimmer zur Musik des Bären. Ein Expertengeschenk (lys.).

Rowohlt©
Ausschnitt Buchcover
Quelle: Piper©

Buch des Monats | Januar

Ein Genozid in Kinderaugen

Gaël Fayes aufrüttelnder Romanerstling »Kleines Land«

Zu Beginn des Romans »Kleines Land« erklärt der Vater – ein Franzose – seinen beiden Kindern Ana und Gabriel in Burundi: »Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase. (…) Und dann gibt es die Tutsi wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken«. Gabriel und seine kleine Schwester versuchten seither, auf der Straße zu erkennen, wer Tutsi ist wie die schöne, elegante Mama – und wer Hutu. Meistens gelang es ihnen nicht. Gabriel will sich selbst nicht einordnen lassen, das Kind weigert sich auch, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Doch dass die Welt schon für Kinder sehr kompliziert sein kann, das lernt man recht schnell in diesem außergewöhnlichen Roman.

Burundi und Ruanda sind die beiden kleinen Nachbarn im Osten Afrikas, die immer wieder von schweren Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi sowie von Gewalt, Flucht und Unruhen bis hin zum Genozid in Ruanda 1994 mit bis zu einer Million Toten gezeichnet wurden. »Kleines Land« erzählt davon. Es ist der erste und in Frankreich bereits mit vielen Preisen ausgezeichnete Roman des Rap-Musikers Gaël Faye. Der Autor ist selbst in Bujumbura in Burundi aufgewachsen und als Jugendlicher nach dem Völkermord an den Tutsi in den Großraum Paris gekommen. Auch Ana und Gabriel bleiben nicht in Burundi. Gabriel, dessen Sicht der Roman darstellt, wird ein Vermittler zwischen Afrika und Europa – auch für die Leser dieses Buches. Einige haben »Kleines Land« kritisiert, weil es Afrika zu negativ aus einer Art kolonialistischer Perspektive darstelle. »Kleines Land« beschreibt die Entwicklung bis zum Genozid aus der Sicht eines Jungen, der auf die französische Schule in Bujumbura geht, dessen Freunde in derselben Straße leben wie er – privilegierte Kinder in Afrika, deren Leben aber genau jene Brücke darstellt, die uns als Lesern in Europa eine Einsicht in den Völkermord vermittelt. Eindringlicher als jedes Geschichtsbuch. Und es ist dabei kein einfaches Buch. Am Ende ist die zuvor so stolze Mutter nur noch ein Schatten ihrer selbst. Schlimmer: Sie macht ihren eigenen Kindern Vorwürfe, weil sie noch leben (während in Ruanda der Rest der Familie der Mutter hingemetzelt wurde), sie droht, ihre Tochter mitzureißen in einen Strudel des Grauens. Nur eine von vielen traurigen und eigentlich kaum beschreibbar schrecklichen Szenen, die einem aus »Kleines Land« im Gedächtnis bleiben werden (lys.).


Neue Nachbarn - vom anderen Stern?
Quelle: bw.©

Migranten, die bei Kindern ankommen

Wie sag’ ich’s meinem Kinde?

Ausgewählte Bücher zu (Im)Migration und Flucht

Der Satz »Wie sag’ ich’s meinem Kinde« ist wohl fast schon so alt wie die Menschheit. Und je heikler das Thema, umso schwieriger wird es für Eltern, damit umzugehen. Derzeit gibt es wohl kein heikleres Thema als die (Im)Migration und die Flüchtlinge. Was ist das für ein Land, das sich zunehmend als Einwanderungsland entpuppt? Was sind das für (fremde) Menschen, die hierher kommen? Was wollen sie? Was machen wir mit ihnen – und sie mit uns? Fragen über Fragen, denen sich Eltern immer öfter stellen (müssen) …

Urban shorts-Mitarbeiterin Hella Brunsch beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren in ihrem Studium mit den Themen Integration und Einwanderung in Kinder- und Jugendbüchern. Als Kultur- und Religionswissenschaftlerin ist sie mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet. Wie schauen die Autoren auf das Thema? Finden sie den richtigen Mittelweg zwischen Distanz und Nähe, zwischen Wissen und Empathie – wichtig gerade für Kinder und Jugendliche? Hella Brunsch hat einige neuere Bücher ausgewählt, die sie Eltern, Kindern und Jugendlichen empfehlen möchte, weil sie großteils klar, unaufgeregt, verständnisvoll und mit dem nötigen Wissen mit Migranten und Flüchtlingen umgehen. Sie wählte Bücher, die nicht nur Hintergründe erklären, sondern die vielschichtig sind, Perspektiven wechseln, nicht eurozentrisch sind – und trotzdem nicht überfordern, sondern einfach, anschaulich und kindgerecht an Integration, Migration und schließlich an die Flüchtlinge heranführen  … (vss.).

bw.©
Der Autor. In Deutschland.
Quelle: Götz Schleser / Carl Hanser Verlag©

Buch des Monats | April

Unter Weißen

Mohamed Amjahid über Deutschsein

Eine Frau im Dirndl hält den »Zeit«-Reporter Mohamed Amjahid am Hauptbahnhof in München 2015 für einen Flüchtling aus Syrien – und will ihm um jeden Preis ein Stück Seife schenken. Das ist nur eine der vielen unglaublichen Szenen, die Amjahid in seinem Buch »Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein« beschreibt. Amjahid arbeitet beim »Zeit-Magazin«. Er ist 1988 in Frankfurt am Main geboren, dann aber mit seinen Eltern nach Marokko gezogen, wo er Abitur gemacht hat. Zum Anthropologie-Studieren kam Amjahid vor einem Jahrzehnt zurück nach Deutschland. In seinen Geschichten vom alltäglichen Rassismus hierzulande hält er uns »Biodeutschen« den Spiegel vors Gesicht. Er habe einmal, so Amjahid, mit den Feldforschungsmethoden der Anthropologie auf die europäische und vor allem auf die deutsche Gesellschaft geschaut.

Wie fühlt es sich an, in Deutschland zu leben, aber ein bisschen anders als blond und blauäugig auszusehen? Darüber sind schon einige Bücher geschrieben worden. Aber selten so gut wie von Mohamed Amjahid. Menschen wie er erleben den Rassismus tagtäglich am eigenen Leib. Etwa wenn die Frau in der U-Bahn ihre Tasche ein bisschen fester packt, weil er sich neben sie setzt. Das Problem beginnt schon bei der Sprache. Der Journalist selbst nennt die wie er etwas dunkelhäutigeren Menschen auch auf Deutsch »People of Colour«. Dieser Ausdruck und die Abkürzung »PoC« haben sich bisher allerdings kaum durchgesetzt. Meist drucksen wir – auch in journalistischen Texten – irgendwie herum. Rassismus sei, so Amjahid, allerdings kein deutsches, sondern ein strukturelles Problem, das seit Jahrhunderten systematisch in unsere Gesellschaften, Familiengeschichten, Köpfe und Seelen gehämmert wurde. Selbst seine eigene Mutter, die in Marokko lebt, wünscht sich für ihn eine möglichst biodeutsche Freundin und vor allem ein blondes Enkelkind. Indem man darüber rede, könne man den Rassismus und die Kolonialgeschichte – von der Frankreich stärker geprägt ist als Deutschland – besser aufarbeiten und abmildern, erklärt Amjahid. Am Ende des durch viele interessante Anekdoten aus dem Leben des Autors sehr spannenden Buches gibt es den »Ultimativen Selbsttest: Wie weiß sind Sie?«. Für alle »Biodeutschen«. Ein Ausdruck, den übrigens vor allem die zu kritisieren scheinen, die bei diesem Test nicht so gut abschneiden … (lys.).

Götz Schleser / Carl Hanser Verlag©
Coverausschnitt
Quelle: Suhrkamp©

Buch des Jahres | 2016

Alleinvertreter und Ausgrenzer

Jan-Werner Müllers kluger Essay über Populismus

Donald Trump ist Populist. Die von der AfD sind auch Populisten. Marine Le Pen sowieso, die sagt es sogar von sich selbst. Dazu noch Orbán in Ungarn, Tsipras in Griechenland, Strache in Österreich, Grillo in Italien, Chávez und Perón in Südamerika. Halt. Die letzten beiden sind schon tot. Und genau wie Tsipras und Grillo eigentlich links.Und ist Orbán in Europa nicht sogar Führungsmitglied der EVP, zu der auch die CDU und Horst Seehofer gehören. Apropos Seehofer. Ist es nicht zuweilen auch populistisch, wenn der Bayer mal wieder den heimischen Stammtisch als Argumentationsgrundlage benutzt? Ist populistisch also rechts? Oder weiter rechts? Oder auch links?

Alle reden von Populismus. Doch keiner weiß genau, was das ist. Da kommt der kluge Essay des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller (nein, kein populistisches Pseudonym. Er heißt wirklich so und lehrt in Princeton) gerade recht. Er hält erst einmal fest: Mit rechts und links hat Populismus nichts zu tun. Ergo kommt der Essay mit 160 Seiten aus, mit Parteiprogrammen müssen sich Müllers Leser nicht befassen. Statt dessen geht es um Alleinvertretung und Ausgrenzung. Kurz gesagt sind Populisten diejenigen, die sich für die einzigen Vertreter des einen Volkes halten – nicht empirisch, sondern moralisch. Und damit alle anderen ausgrenzen, sowohl politische Gegner wie auch die im Volk, die nicht zu diesem Volk und damit zu ihnen gehören. Mit repräsentativer Demokratie haben Populisten nach Müller übrigens kein Problem. Nur mit den Repräsentanten, die sie gerade nicht für die Richtigen halten (auch wenn diese eine Mehrheit haben). Praktisch, dass sich auch ihre Wähler gerade für ausgegrenzt, nicht repräsentiert und »vergessen« halten.

Der Unterschied liegt im Wort »auch«. »Wir sind das Volk« ist populistisch. »Wir sind auch das Volk« ist demokratisch (womit Podemos in Spanien demokratisch wäre). Nun könnte man über Details streiten (Vielleicht auch, ob nicht doch die eine oder andere Aussage inhaltlich dazugehört). Aber Müller gelingt, woran viele scheiterten: eine anwendbare Mindest- und Diskussionsgrundlage, wer und was Populisten sind. Abseits von Programmen sind sie Teil der Demokratien, ihre Schattenspieler, die dann auftauchen, wenn die (Parteien-) Demokratie nicht richtig funktioniert. Womit er auch belegt, warum es falsch wäre, sie und ihre Wähler auszugrenzen. Trump lässt grüßen. Es bleibt nur die harte und mühsame politische Auseinandersetzung. Demokratie fußt auf Pluralismus und die Welt ist komplex. Das und die Folgen den Menschen zu vermitteln, sei Aufgabe der Demokraten. Wer weiterdenkt, entdeckt dann doch noch ein Programm: Populisten und ihre Wähler wollen irgendwie (wieder) allein zu Hause sein. Was aber die heutige Welt nicht hergibt. Das Gefährliche ist – verkürzt gesagt – die Perspektive. Da Populisten schon in der Minderheit (zu) wissen (glauben), was das Volk will, werden sie es in der Mehrheit erst recht glauben. Erdoğan lässt grüßen. Müller zerpflückt dabei die These, dass Demokratie immer auch populistisch sei. Für ihn ist Populismus, weil antipluralistisch, antidemokratisch. Das Volk – und hier bemüht er Habermas – trete »nur im Plural auf«. Das zu vertreten, sei Aufgabe der demokratischen Volksvertreter, die sich darüber im Klaren sein müssten, »wie schwierig und nervenaufreibend Demokratie immer wieder ist«. Man könnte Müllers Essay tatsächlich vielen demokratischen Politikern ins Stammbuch legen … (vss.).

Suhrkamp©
Ausschnitt Buchcover
Quelle: Campus©

Buch des Jahres | 2015

Deutsche – Integriert Euch!

Annette Treibels Aufruf zum Blickwechsel

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dieses einfache Statement trägt dieses Buch. Die Soziologin Annette Treibel beschreibt klar und anschaulich, wie sich das Land nicht in den letzten Monaten, sondern seit sehr vielen Jahren verändert hat. Mehr als es manche in diesem Lande wahrhaben wollen. Rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland haben Wurzeln außerhalb des Staatsgebietes. In Städten wie Frankfurt am Main ist es bereits jeder Zweite. Diese Menschen handeln aber nicht mehr mit Döner und Gemüse. Sie sind Rechtsanwälte, Politikerinnen, Architekten und Journalistinnen. Dieses Bild existiert – und wird durch die jetzigen »Flüchtlingsströme« nur marginal verändert.

Annette Treibel beschreibt eine globalisierte Welt und ein real darin existierendes Deutschland mit einer längst bestehenden bürgerlich-multikulturellen Gesellschaft. Und sie zieht daraus die vielleicht einzige, langfristig logische Konsequenz. Nicht die Zuwanderer müssen sich in dieses global geprägte Deutschland unbedingt integrieren. Sie können es – und sie tun es meistens auch, da sie dieses Land zunehmend auch als das ihre betrachten. Die »Alt-Deutschen« hingegen müssen im eigenen Interesse beginnen, sich in diesem, gar nicht mehr so neuen Deutschland zu integrieren. Denn sonst, so die durchaus nachvollziehbare Schlussfolgerung der Autorin, werden sie am Ende die Verlierer einer falschen Integrationsdebatte sein. »Integriert Euch!« ist ein dringend notwendiger Aufruf und ein spannendes Plädoyer für ein selbstbewusstes Einwanderungsland Deutschland. Integration ist für Treibel ein Projekt für alle. Ein lohnendes obendrein (vss.).