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Wieder gelesen

Die Macht des Schwarzen Felsens

Die (un)heimliche Geld-Weltmacht BlackRock

BMW und Daimler, Eon und RWE, die Allianz und die Deutsche Bank, Bayer und BASF, die Telekom und SAP, die Lufthansa, Adidas oder Beiersdorf. Es ist die Creme de la creme der deutschen Wirtschaft. Und BlackRock? Noch nie gehört? BlackRock gehören große Teile aller dieser Unternehmen. BlackRock gehört ein großer Teil der deutschen Wirtschaft. Man könnte auch sagen: BlackRock gehört der größte Anteil an der deutschen Wirtschaft.

Und so wie in Deutschland sieht es fast auf der ganzen Welt aus. Der US-Konzern BlackRock ist der größte Vermögensverwalter der Welt, stellt alle großen und bekannten Banken weit in den Schatten. Auch an ihnen ist BlackRock beteiligt, sie sind Teil dieses weltumspannenden Imperiums. Trotzdem ist BlackRock fast unbekannt. Eine heimliche, ja unheimliche Geld-Macht. Die Wirtschaftsjournalistin Heike Buchter hat für ihr Buch »BlackRock – Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld« diesen Konzern porträtiert, um nicht zu sagen: seziert. In einer spannenden Wirtschaftsreportage hat sie hinter die Kulissen dieses Kolosses geschaut, so weit dies möglich ist. Sie beschreibt ihre Bosse und ihre Beteiligungen. Und ein Computersuperhirn, das diesen Konzern steuert. Und damit die wohl größte Geldmenge aller Zeiten. 12 Billionen Dollar ist der »schwarze Felsen« ihren Recherchen zufolge schwer. Das Ergebnis: Sie interessierte sich für eine Macht, für die sich vielleicht auch sehr bald noch einige andere interessieren sollten, wenn nicht müssten … Denn: »Was für Gefahren ein solcher Koloss birgt, wissen selbst Experten nicht« (vss.).

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Quelle: Ullstein©

Wieder gelesen

Das Digitale löst die Wirklichkeit auf

Christoph Kucklick über »Die granulare Gesellschaft«

Die allumfassende Digitalisierung ist derzeit ein omnipräsentes Thema. Bereichert wird die Diskussion nun durch das facettenreiche Buch von Christoph Kucklick. Er zeigt mittels vielfältiger Beispiele und Thesen, wie die Digitalisierung unser Leben bereits gründlich verändert hat und künftig unsere bisherige »Ordnung der Welt« weitgehend hinfällig machen wird.

»Granularität« ist in der Computerwissenschaft der Grad der Auflösung, die Präzision von Daten. Durch die Digitalisierung verwandeln wir uns Schritt für Schritt in eine feinauflösende – also: granulare – Gesellschaft. In der Konsequenz heißt das, dass wir dank der Vielzahl an Infosplittern wie Vorlieben, Freunde, Krankheiten und alltäglichen Bewegungsmuster gnadenlos vereinzelt, singularisiert werden (können). Anhand von höchstens vier Merkmalen kann schon heute nahezu jeder identifiziert werden. Das ist für den Autor die »Differenz-Revolution«. Daneben erwartet uns die »Intelligenz-Revolution«. Sie bringt allen, die mit intelligenten Maschinen umgehen und kooperieren können, wirtschaftliche Chancen. Wissen und Knowhow verschieben sich. Damit einhergehend wird die ökonomische Ungleichheit wachsen. Als drittes kommt die »Kontroll-Revolution«. Die Vielzahl an Daten ermöglicht es nämlich nicht nur, dass wir passgenaue Gesundheits- oder Dienstleistungsangebote bekommen, sondern auch, dass wir durchleuchtet, sozial bewertet und gesteuert werden können. Paradox ist, dass die Digitalisierung dabei einerseits zu mehr – durchaus positiver – Transparenz führt, die digitalen Maschinen selbst aber höchst intransparent sind (was nicht unbeträchtliche Risiken birgt).

Im Gegensatz zu anderen Stimmen im Diskurs differenziert Kucklick ausdrücklich Chancen und Risiken. Denn: Wie so oft gibt es vermutlich nicht die eine Wahrheit, und Schwarz-Weiß-Szenarien zeigen vielmehr die Begrenztheit ihres Erfinders. Der Autor befähigt seine Leser somit, eine komplexe Entwicklung zu verstehen und ermutigt sie dazu, diese neue Lebenswirklichkeit so zu gestalten, dass sie menschlich verträglich bleibt. Zentral sei die Frage, wie wir die Algorithmen durchsichtig und der Prüfung zugänglich machen können, denn dies ist die zentrale Machtfrage in der »granularen Gesellschaft«. Trotzalledem habe das 21. Jahrhundert gute Chancen, das Jahrhundert der Empathie zu werden. Eine von vielen spannenden Zukunftsaussichten in einem inspirierenden Buch (pem.).

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Quelle: Rowohlt©

Buch des Jahres | 2018

Das Pro-Down-Syndrom-Kind-Buch

Sandra Schulz' Geschichte einer Entscheidung aus Liebe

In Frankreich hat eine junge Frau mit Down-Syndrom den Wetterbericht im Fernsehen präsentiert. In Frankreich liegt die Zahl der Abtreibungen wegen »Trisomie 21«, so der medizinisch korrekte Name, bei 77 Prozent. Und da immer mehr Mütter immer später schwanger werden, steigt das Risiko für Trisomie 21 zunehmend. Doch immer öfter wissen die Frauen auch schon vor der Geburt Bescheid. Wird es also bald keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geben?

Nach dem »Spiegel«-Artikel »33 Millimeter Mensch«, in dem die Journalistin Sandra Schulz (39) über ihre erste Schwangerschaft schrieb, musste ich ihr Buch einfach kaufen. Ich wollte lesen, wie es weitergeht und was die werdende Mutter der kleinen Marja zu sagen hat. In der 13. Schwangerschaftswoche zeigt eine Blutuntersuchung »kein komplett unauffälliges Ergebnis«. Es folgt eine nicht enden wollende Odyssee von einem Spezialisten zum anderen, von der Psychologin zur Beratungsstelle – gespickt von grausamen Kommentaren von Ärzten. Einer ist der Titel des Buches »Das ganze Kind hat so viele Fehler«. Andere sind noch drastischer, noch brutaler, denn beim Ungeborenen werden nicht nur Trisomie 21, sondern auch ein Herzfehler und ein Wasserkopf diagnostiziert.

Die Stärke dieses Berichtes der werdenden Mutter liegt darin, dass sie ihre eigenen Zweifel, ihr Leid und ihre Wut so ehrlich wie möglich preisgibt. Die Reporterin, die jahrelang im Ausland unterwegs war und eine Fernbeziehung führte, kann sich ein Leben mit einem behinderten Kind zunächst kaum für sich selbst vorstellen. Geradezu trotzig aber ringt sie sich durch. Je mehr medizinische Probleme aufkommen, je mehr ihr die Ärzte und auch ihre Eltern dazu raten, das Kind nicht zu bekommen, desto stärker wird der Wille der Autorin, sich für ihre behinderte Tochter zu entscheiden …

Wie schwierig dieser Prozess ist – trotz oder gerade wegen der modernen Pränataldiagnostik, deren Grenzen das Buch gut aufzeigt -, erlebt der Leser hautnah mit. Und er erfährt – zusammen mit Sandra Schulz -, welche verborgenen Schätze in behinderten Kindern und ihren Familien stecken. Sie haben es schwerer. Aber im Buch wie im wirklichen Leben sind sie dadurch auch anders und reicher. Der achtjährige Down-Junge Paul hat gegen Ende des Buches ein Geschenk für die fast zweijährige Marja ausgesucht: einen Bären, der singt und tanzt. »Von Experten für Experten«, sagt Pauls Mutter – und Marjas Mama und Papa tanzen dann tatsächlich zusammen mit der Tochter morgens um acht im Kinderzimmer zur Musik des Bären. Ein Expertengeschenk (lys.).

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Der Autor. In Deutschland.
Quelle: Götz Schleser / Carl Hanser Verlag©

Buch des Jahres | 2017

Unter Weißen

Mohamed Amjahid über Deutschsein

Eine Frau im Dirndl hält den »Zeit«-Reporter Mohamed Amjahid am Hauptbahnhof in München 2015 für einen Flüchtling aus Syrien – und will ihm um jeden Preis ein Stück Seife schenken. Das ist nur eine der vielen unglaublichen Szenen, die Amjahid in seinem Buch »Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein« beschreibt. Amjahid arbeitet beim »Zeit-Magazin«. Er ist 1988 in Frankfurt am Main geboren, dann aber mit seinen Eltern nach Marokko gezogen, wo er Abitur gemacht hat. Zum Anthropologie-Studieren kam Amjahid vor einem Jahrzehnt zurück nach Deutschland. In seinen Geschichten vom alltäglichen Rassismus hierzulande hält er uns »Biodeutschen« den Spiegel vors Gesicht. Er habe einmal, so Amjahid, mit den Feldforschungsmethoden der Anthropologie auf die europäische und vor allem auf die deutsche Gesellschaft geschaut.

Wie fühlt es sich an, in Deutschland zu leben, aber ein bisschen anders als blond und blauäugig auszusehen? Darüber sind schon einige Bücher geschrieben worden. Aber selten so gut wie von Mohamed Amjahid. Menschen wie er erleben den Rassismus tagtäglich am eigenen Leib. Etwa wenn die Frau in der U-Bahn ihre Tasche ein bisschen fester packt, weil er sich neben sie setzt. Das Problem beginnt schon bei der Sprache. Der Journalist selbst nennt die wie er etwas dunkelhäutigeren Menschen auch auf Deutsch »People of Colour«. Dieser Ausdruck und die Abkürzung »PoC« haben sich bisher allerdings kaum durchgesetzt. Meist drucksen wir – auch in journalistischen Texten – irgendwie herum. Rassismus sei, so Amjahid, allerdings kein deutsches, sondern ein strukturelles Problem, das seit Jahrhunderten systematisch in unsere Gesellschaften, Familiengeschichten, Köpfe und Seelen gehämmert wurde. Selbst seine eigene Mutter, die in Marokko lebt, wünscht sich für ihn eine möglichst biodeutsche Freundin und vor allem ein blondes Enkelkind. Indem man darüber rede, könne man den Rassismus und die Kolonialgeschichte – von der Frankreich stärker geprägt ist als Deutschland – besser aufarbeiten und abmildern, erklärt Amjahid. Am Ende des durch viele interessante Anekdoten aus dem Leben des Autors sehr spannenden Buches gibt es den »Ultimativen Selbsttest: Wie weiß sind Sie?«. Für alle »Biodeutschen«. Ein Ausdruck, den übrigens vor allem die zu kritisieren scheinen, die bei diesem Test nicht so gut abschneiden … (lys.).

Götz Schleser / Carl Hanser Verlag©
Coverausschnitt
Quelle: Suhrkamp©

Buch des Jahres | 2016

Alleinvertreter und Ausgrenzer

Jan-Werner Müllers kluger Essay über Populismus

Donald Trump ist Populist. Die von der AfD sind auch Populisten. Marine Le Pen sowieso, die sagt es sogar von sich selbst. Dazu noch Orbán in Ungarn, Tsipras in Griechenland, Strache in Österreich, Grillo in Italien, Chávez und Perón in Südamerika. Halt. Die letzten beiden sind schon tot. Und genau wie Tsipras und Grillo eigentlich links.Und ist Orbán in Europa nicht sogar Führungsmitglied der EVP, zu der auch die CDU und Horst Seehofer gehören. Apropos Seehofer. Ist es nicht zuweilen auch populistisch, wenn der Bayer mal wieder den heimischen Stammtisch als Argumentationsgrundlage benutzt? Ist populistisch also rechts? Oder weiter rechts? Oder auch links?

Alle reden von Populismus. Doch keiner weiß genau, was das ist. Da kommt der kluge Essay des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller (nein, kein populistisches Pseudonym. Er heißt wirklich so und lehrt in Princeton) gerade recht. Er hält erst einmal fest: Mit rechts und links hat Populismus nichts zu tun. Ergo kommt der Essay mit 160 Seiten aus, mit Parteiprogrammen müssen sich Müllers Leser nicht befassen. Statt dessen geht es um Alleinvertretung und Ausgrenzung. Kurz gesagt sind Populisten diejenigen, die sich für die einzigen Vertreter des einen Volkes halten – nicht empirisch, sondern moralisch. Und damit alle anderen ausgrenzen, sowohl politische Gegner wie auch die im Volk, die nicht zu diesem Volk und damit zu ihnen gehören. Mit repräsentativer Demokratie haben Populisten nach Müller übrigens kein Problem. Nur mit den Repräsentanten, die sie gerade nicht für die Richtigen halten (auch wenn diese eine Mehrheit haben). Praktisch, dass sich auch ihre Wähler gerade für ausgegrenzt, nicht repräsentiert und »vergessen« halten.

Der Unterschied liegt im Wort »auch«. »Wir sind das Volk« ist populistisch. »Wir sind auch das Volk« ist demokratisch (womit Podemos in Spanien demokratisch wäre). Nun könnte man über Details streiten (Vielleicht auch, ob nicht doch die eine oder andere Aussage inhaltlich dazugehört). Aber Müller gelingt, woran viele scheiterten: eine anwendbare Mindest- und Diskussionsgrundlage, wer und was Populisten sind. Abseits von Programmen sind sie Teil der Demokratien, ihre Schattenspieler, die dann auftauchen, wenn die (Parteien-) Demokratie nicht richtig funktioniert. Womit er auch belegt, warum es falsch wäre, sie und ihre Wähler auszugrenzen. Trump lässt grüßen. Es bleibt nur die harte und mühsame politische Auseinandersetzung. Demokratie fußt auf Pluralismus und die Welt ist komplex. Das und die Folgen den Menschen zu vermitteln, sei Aufgabe der Demokraten. Wer weiterdenkt, entdeckt dann doch noch ein Programm: Populisten und ihre Wähler wollen irgendwie (wieder) allein zu Hause sein. Was aber die heutige Welt nicht hergibt. Das Gefährliche ist – verkürzt gesagt – die Perspektive. Da Populisten schon in der Minderheit (zu) wissen (glauben), was das Volk will, werden sie es in der Mehrheit erst recht glauben. Erdoğan lässt grüßen. Müller zerpflückt dabei die These, dass Demokratie immer auch populistisch sei. Für ihn ist Populismus, weil antipluralistisch, antidemokratisch. Das Volk – und hier bemüht er Habermas – trete »nur im Plural auf«. Das zu vertreten, sei Aufgabe der demokratischen Volksvertreter, die sich darüber im Klaren sein müssten, »wie schwierig und nervenaufreibend Demokratie immer wieder ist«. Man könnte Müllers Essay tatsächlich vielen demokratischen Politikern ins Stammbuch legen … (vss.).

Suhrkamp©
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Quelle: Campus©

Buch des Jahres | 2015

Deutsche – Integriert Euch!

Annette Treibels Aufruf zum Blickwechsel

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dieses einfache Statement trägt dieses Buch. Die Soziologin Annette Treibel beschreibt klar und anschaulich, wie sich das Land nicht in den letzten Monaten, sondern seit sehr vielen Jahren verändert hat. Mehr als es manche in diesem Lande wahrhaben wollen. Rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland haben Wurzeln außerhalb des Staatsgebietes. In Städten wie Frankfurt am Main ist es bereits jeder Zweite. Diese Menschen handeln aber nicht mehr mit Döner und Gemüse. Sie sind Rechtsanwälte, Politikerinnen, Architekten und Journalistinnen. Dieses Bild existiert – und wird durch die jetzigen »Flüchtlingsströme« nur marginal verändert.

Annette Treibel beschreibt eine globalisierte Welt und ein real darin existierendes Deutschland mit einer längst bestehenden bürgerlich-multikulturellen Gesellschaft. Und sie zieht daraus die vielleicht einzige, langfristig logische Konsequenz. Nicht die Zuwanderer müssen sich in dieses global geprägte Deutschland unbedingt integrieren. Sie können es – und sie tun es meistens auch, da sie dieses Land zunehmend auch als das ihre betrachten. Die »Alt-Deutschen« hingegen müssen im eigenen Interesse beginnen, sich in diesem, gar nicht mehr so neuen Deutschland zu integrieren. Denn sonst, so die durchaus nachvollziehbare Schlussfolgerung der Autorin, werden sie am Ende die Verlierer einer falschen Integrationsdebatte sein. »Integriert Euch!« ist ein dringend notwendiger Aufruf und ein spannendes Plädoyer für ein selbstbewusstes Einwanderungsland Deutschland. Integration ist für Treibel ein Projekt für alle. Ein lohnendes obendrein (vss.).