Urban21 | Cities auf einen Blick

Mehr als tausend Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats März« auf urban shorts. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Fotos aus dem Weltraum. Teils sind es – zumindest von oben – einfach wunderschöne Bilder wie das von Hongkong, das sowohl das Titelbild des Buches wie der aktuellen Ausgabe von urban shorts ist. Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen. Teils erzählen sie einfach Geschichte, etwa von den wechselvollen Episoden einer gewachsenen Metropole wie Peking oder vom Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl. Urban shorts zeigt eine Auswahl dieser Aufnahmen. Manche einfach schön, manche informativ, manche erschreckend, manche alles in einem. Aber alle dokumentieren ein eigenes Stück Urbanität und (Menschheits-) Geschichte … (red.).

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Das jordanische Az-Zaatari entstand im Syrienkrieg. Es ist mit über 80.000 Bewohnern eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Und längst eine Stadt.
Quelle: © eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©

Urban21 | Flüchtlingslager

Refugistan – ein Land mittlerer Größe

Das Land der Geflohenen und Unerwünschten

17 Jahre seines Lebens verbringt ein Flüchtling im Durchschnitt in (s)einem Lager. Und gleich noch einmal die selbe Zahl. Diesmal nur mit sechs Nullen dazu. Rund 17.000.000 Menschen leben heute weltweit in einem Flüchtlingslager. »Refugistan«, dieses merkwürdige »Land der Unerwünschten«, ist dabei längst ein eigener Staat mittlerer Größe geworden, nach »Einwohnern« etwa auf Platz 65 der Welt. Irgendwo zwischen den Niederlanden, Chile, Mali – und Syrien, das es makabererweise aber wohl bereits überholt haben dürfte. Und noch eine Zahl. Und wieder spielt die »7« eine Rolle. Knapp 70 Millionen Menschen sind weltweit überhaupt auf der Flucht – viele davon, ohne wenigstens in einem Lager eine Art Heimat gefunden zu haben …

Besonders erschreckend ist die Institutionalisierung der Flucht, die in den letzten Jahren dramatische Ausmaße angenommen hat. Ob in Dabaab in Kenia, dem weltweit größten Lager am Horn von Afrika mit mittlerweile rund 350.000 »Einwohnern«, im jordanischen Camp Az-Zaatari, in das der Syrienkrieg bald 100.000 Menschen gespült haben wird, oder im traurig berühmten Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, das zum Symbol (gescheiterter) europäischer Flüchtlingspolitik wurde. Weltweit leben immer mehr Menschen in Lagern, die für diese Geflohenen und nicht selten doppelt Unerwünschten zur neuen Heimat geworden sind. Orte, welche die französische Journalistin Anne Poiret schon 2015 in einer Arte-Reportage »nicht Stadt und nicht Gefängnis« nannte, die aber doch von beidem etwas sind. Erst Orte der Zuflucht. Dann Orte des Aufbruchs, von dem man nicht weiß, wann und wohin er stattfindet. Oder ob überhaupt. Nicht selten nämlich werden diese Orte auch eine endgültige Heimat für viele dieser Menschen. Und obwohl sie dabei immer mehr Städten gleichen, sind diese Orte doch zugleich auch Gefängnisse. Und dramatische Denkmäler für gescheiterte Politik(en) … (vss.).

© eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©
Metropolen als Melting Pot der Migranten
Quelle: Pantheon / Ausschnitt Buchcover©

Urban21 | Metropolen und Migranten

Arrival City FrankfurtRheinMain

Doug Saunders, die Arrival Cities und der Mythos Überfremdung

Ob Zuwanderer oder Flüchtlinge – weltweit strömten und strömen die Menschen in Metropolen, die überhaupt erst dadurch zu Metropolen werden. Allein Frankfurt wächst um ein bis zwei Prozent jedes Jahr. Doug Saunders – Autor der Bücher »Arrival City« und »Mythos Überfremdung« – setzt sich seit langem mit den globalen Wanderungsbewegungen auseinander und hat bereits 20 Ankunftsstädte weltweit untersucht. Im Mai 2015 hatte er sich die Situation in FrankfurtRheinMain angesehen. Er hat Gespräche mit Migranten und Politikern geführt, um zu verstehen, wie FrankfurtRheinMain als Ankunftsregion für Migranten funktioniert und welche politischen Strategien verfolgt werden.

Saunders Fazit: Frankfurt hat beste Voraussetzungen, mit den Herausforderungen umzugehen. Besonders angetan war er vom Stadtteil Gallus und von den kurzen Wegen in dieser recht kleinen Großstadt. Die Normalität vieler Arrival Cities sei nämlich, Migranten in Hochhaus- oder Plattenbausiedlungen in Vororten unterzubringen. In diesen künstlichen Outbacks fehlten oft Business- und Konsumstrukturen wie Läden und Büros, in denen Migranten Geschäfte oder Offices gründen und einkaufen könnten. Es fehle zudem der Anschluss an eine örtliche Mittelschicht und durch die Entfernung zu den Innenstädten auch der rasche Zugang zum Leben. Genau das böten das Gallus und Frankfurt. Damit wären für zwei der Hauptfelder der Migrationspolitik Grundlagen vorhanden: für das Wohnen und die Integration in ökonomische Strukturen. Die anderen wichtigen Felder sind die Teilhabe an der Bildung (vor allem für Kinder) und auf lange Sicht am politischen Alltag (zum Beispiel durch Integration von Migranten in örtliche Einrichtungen oder Polizei). Saunders nennt Wohnen, Arbeiten, Bildung und Teilhabe die »vier Türen« zur Integration. Seien diese offen, so könne Integration gelingen (vss.).

Dazu auf urban shorts: »Doug Saunders' vier Türen - metropoler Königsweg zur Integration«. Herausforderungen und Strategien angesichts der weltweiten Migrantenzuströme in die Metropolen | In diesem Kontext fand in Frankfurt auch die Ausstellung »Making Heimat« im Deutschen Architekturmuseum statt | Die Reihe »Urban21« beschreibt urbane Trends unserer Zeit


Film »Banyan Tree Lounge« (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden)
Quelle: Courtesy and ©: The artists©

Urban21 | Digitale Demenz

Wenn Computer für uns denken

Prof. Manfred Spitzer über die digitale Schattenseite

»Unser Gehirn kann eines nicht: nicht lernen«, sagt der renommierte Psychiater und Psychologe Prof. Manfred Spitzer. Wenn es nicht gefordert werde, baue es ab. Deshalb sind für Spitzer die vielen digitalen Helfer der heutigen Zeit vom Smartphone über den Computer bis zum Navigationssystem oft mehr Fluch als Segen, vor allem für Kinder. Wer etwa nicht mehr mit dem Gehirn durch eine Stadt navigiere, könne dies irgendwann nicht mehr. Umgekehrt haben Studien vor einigen Jahren ergeben, dass Londoner Taxifahrer durch die tägliche Schulung ein vergrößertes »Navigationsmodul« im Gehirn hatten. Ob dies heute noch so ist, ist leider nicht ermittelt. Welche Bedeutung ein solches vergrößertes Modul besitzt, erklärt Spitzer an einem Beispiel. Menschen, die zweisprachig aufwachsen und dies auch ihr Leben lang praktizieren, können eine Demenz um über fünf Jahre verzögern. Kurioserweise ist die Demenz bei ihnen zwar vorhanden. Doch durch die – vereinfacht gesprochen – doppelte Zahl von Synapsen im Kopf für zwei Sprachen stehen dem Gehirn doppelt so viele Umwege zur Verfügung, um den schleichenden Gehirnausfall bei Demenz zu umgehen. »Digitale Demenz« – wie die Fachwelt diesen Abbau durch Technik nennen – betrifft übrigens auch die soziale Kompetenz. Auch Empathie etwa werde im Gehirn gesteuert und entsprechend verkleinere sich der zuständige Teil des Gehirns, wenn die realen Kontakte abnähmen oder gar nicht erst vorhanden wären. »Wie«, so Spitzer, »sollen Acht- oder 13-Jährige Empathie oder das Dekodieren von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie auf den affektiven Gehalt hin erlernen, wenn bei virtuellen Sozialkontakten niemand da ist?« (sfo.).


Europa leuchtet - nicht unbedingt nur zum Wohle von Mensch und Tier
Quelle: NASA©

Urban21 | Globale Lichtverschmutzung

Die Erde – kein leuchtendes Vorbild

Der Verlust der Nacht und die Folgen des vielen Lichtes

Könnte man nächtens von oben auf Europa schauen, so sähe man ein Meer hell erleuchteter Flecken auf dem Kontinent. Ob London, Paris, das RheinMain-Gebiet – Es ist das Licht, das die Megacities und alle anderen Städte abstrahlen. Und was man über Europa so sieht, dupliziert sich mittlerweile vielfach auf dem gesamten Globus. Licht, soweit das Auge reicht. Doch was von oben noch romantisch sein mag, wird von unten betrachtet zunehmend zum Problem. Und das hat mittlerweile sogar einen eigenen Namen: Lichtverschmutzung.

Nicht nur, dass da oft großflächig Energie verschwendet wird. Dass es über den großstädtischen Agglomerationen kaum mehr dunkel wird, stört zunehmend auch den Biorhythmus von immer mehr Menschen. Der braucht nämlich seine dunkle Erholungsphase. Und nicht nur Menschen, auch Tiere leiden. Zugvögel verlieren die Orientierung, Insekten sterben milliardenfach an immer mehr Straßenlaternen und Leuchtreklamen. »Der Verlust der Nacht« nennen Wissenschaftler weltweit dieses Phänomen, das die Erde mittlerweile genauso belastet wie die fast gleichnamige Luftverschmutzung. »Der Verlust der Nacht« heißen allerdings auch ein interdisziplinärer Forschungsverbund und ein sehr informativer Film des Leibniz-Institutes, die sich diesem Thema angenommen und zahlreiche Informationen zusammengetragen haben – über die Missstände, aber auch über die Arbeit von Biologen, Medizinern, Physikern oder Ingenieuren, die gegen den schleichenden Nachtverlust oder gegen dessen Folgen forschen und angehen (sfo.).

Urban21 | Die neuen Hochhäuser

Statt Büros: Bäume und Bewohner

Wohnliche Wohnhochhäuser. Auch für weniger Betuchte

»Häuser sind zum Wohnen da«, sagte einst der Frankfurter und europäische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Und er meinte damit, dass Wohnraum wichtiger sei als Büroraum. Und dass Wohnhäuser nicht nur praktisch und funktional, sondern auch schön und angenehm sein sollten. Heute könnte man seinen Satz leicht abwandeln und sagen: (Auch) Hochhäuser sind zum Wohnen da. Weltweit geht in den immer stärker urbanen und verdichteten Zentren der Trend zum Hochhaus als Wohnhaus. Und zwar zunehmend auch mit Stil und Grün sowie für Menschen mit nicht so großem Geldbeutel. Trends, welche in den letzten Jahren auch der seit 2008 in Frankfurt verliehene Internationale Hochhauspreis (IHP) der Stadt, des Architektur-Museums und der Deka-Bank spiegelt.

Im Jahr 2016 etwa waren unter den fünf Finalisten für den Preis vier Wohnhochhäuser. Sieger wurde schließlich der VIA 57 West, ein mitten in New York wie eine Pyramide eingerichteter »Courtscraper«. Der Name bezeichnet die Höhe eines Skyscrapers mit der ungewöhnlichen Umbauung eines Innenhofes (engl. court). Besonders an diesem Bau: Ein Teil der Wohnungen ist auch weniger wohlhabenden Bewohnern vorbehalten. Den zweiten zentralen Trend spiegelte der Preisträger 2014. »Bosco Vertikale / Vertikaler Wald« nannten die Mailänder Architekten von Boeri Studios ihren Versuch, ein scheinbar völlig begrüntes Wohnhochhaus mit Blick über die norditalienische Metropole zu schaffen.

Trendsetter in Sachen Wohnhochhäuser sind allerdings die rasant wachsenden Megastädte Asiens, allen voran das wohlhabende Singapur. Angesichts ihrer begrenzten Fläche als Stadtstaat musste die kleine Republik in Südostasien schon immer kreativ mit dem Raum umgehen. Begünstigt durch den Wirtschaftsboom in der Region hatten schon die Gründerväter die Vision einer Wohnstadt im Grünen, die mehrheitlich ihren Bewohnern gehört. Staatlich gefördert leben heute 80 bis 90 Prozent der Einwohner im Eigentum – wohl einmalig weltweit. Und dies gilt für (fast) alle Einkommensklassen. Da allerdings der Raum eben begrenzt ist, musste das grüne Bauen in Singapur in der Vertikale stattfinden. Mit teilweise ganz bemerkenswerten Ergebnissen. Unter den fünf IHP-Finalisten des Jahres 2016 waren zwei Baukomplexe aus Singapur – und jeder für sich ein eigenes mehr oder minder grünes Dorf … (vss.).


Simulation der Arte-Dokumentation »Unter Wasser« zeigt drohende Gefahr für New York
Quelle: Arte France / © Georama TV©

Urban21 | Klima 2018/2038

Land unter: Metropolen in Gefahr?

Erderwärmung und steigende Pegel bedrohen Megacitys

New York, Istanbul, Singapur. Aber auch London, Paris, Amsterdam. Viele Metropolen weltweit liegen am Wasser. Wie bereits im vergangenen Jahr die beeindruckende Arte-Dokumentation »Unter Wasser: Megacitys in Gefahr« zeigte, könnten für sie die Erderwärmung und steigende Pegel bald schon mehr als ein abstraktes Klima-Problem sein. Gefahr droht von mehreren Seiten. Schon heute setzen durch den Klimawandel mitausgelöste Flutwellen, Hurrikans oder Überschwemmungen Städte wie New York, Bangkok oder New Orleans unter Druck oder tatsächlich unter Wasser. Da aber viele dieser Städte zugleich absinken, weil durch Erosion, abgesogenes Wasser oder »Bodenverflüssigungen« an Meeren und Flüssen der Boden nachgibt und rundum die Pegel steigen, wächst der Druck durch Naturkatastrophen weiter. Manche Experten glauben, dass der Mensch diese Metropolen irgendwann wird verlassen müssen, sofern er nicht gegensteuert.

Wie dramatisch die Situation werden könnte, hat euronews gemeinsam mit der Organisation Climate Central in drastischen Simulationen dargestellt. Sie zeigen Metropolen bei einer Erderwärmung um zwei bzw. vier Grad. Während London (> Simulation) und Shanghai (> Simulation) bereits bei plus zwei Grad langsam zu Seenplatten mutieren und in New York (> Simulation) ab vier Grad der Broadway zum Canale Grande wird, könnte sich das südafrikanische Durban (> Simulation) dann allerdings bereits in Atlantis umbenennen. Doch das Problem betrifft nicht nur ferne Metropolen. Das Recherchekollektiv correctiv hat anhand von Daten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen aus den letzten Jahrzehnten berichtet, dass der Meeresspiegel der Nordsee dort messbar steige und dass ein guter Teil dessen auf die Klimaerwärmung zurückgehe. Und dass der Trend zunehme. Stieg im 20. Jahrhundert das Meer offenbar bestenfalls alle drei Jahre um einen Zentimeter, so braucht es dafür heute noch gut zwei Jahre. Ende des Jahrhunderts sollen die Pegel aktuell einen halben Meter höher stehen … (vss.).