Die Welt im Corona-Schatten [1]

Hunderte Menschen – ein Wasserhahn

Das Leben im südafrikanischen Township Alexandra

 

Ein Wasserhahn in Alexandra, einem südafrikanischen Township bei Johannesburg. So weit, so unspektakulär. Doch in der Siedlung mit ihren vermutlich 400.000 bis 500.000 Menschen teilen sich oft einige Hunderte einen solchen Wasserhahn, ebenso wie ein paar Stunden Strom am Tag oder ein Dutzend Dixie-Toiletten. Die Frankfurter Fotografin Petra van Husen, die selbst drei Jahre in Johannesburg gelebt hat, streifte vor zwei Jahren mehrfach durch die Siedlung, die für viele Weiße noch heute als No-Go-Area gilt. Ihre Fotos erzählen von der Enge, dem Leben und dem Optimismus der Menschen, von Hütten, Hostels und schwieriger Hygiene, von kleinen Läden, Schuhputzern und 80 Kindern in zwei Räumen. Dies alles nur fünf Kilometer von Sandton entfernt, dem teuersten Geschäfts- und Shoppingviertel des afrikanischen Kontinents. Ein Blick in eine Welt, die nicht nur in Zeiten von Corona nachdenklich stimmt … (red.).

Global21 | Die Erde von oben

Menschenlandschaften

eoVision dokumentiert den »Human Footprint«

Die Aufnahmen sind unheimlich schön. Einige der Bilder sehen aus wie moderne Kunst. Und in der Tat ist das, was man sieht, künstlich. Und von Menschen geschaffen. Doch diese Menschen waren keine Künstler, ihre Werke nicht wirklich künstlerisch. Eher im Gegenteil. Und das macht die Aufnahmen zugleich ganz schön unheimlich. Der Wiener Verlag eoVision dokumentierte in dem einzigartigen Bildband »Human Footprint« mit fantastischen Satellitenaufnahmen das menschliche Handeln auf der Erde. Die Art und Weise, wie dieser Mensch in den Planeten eingreift, ihn gestaltet und zugleich auf ewig seinen Fußabdruck dort hinterlassen dürfte. Die Bilder aus 480 bis 680 Kilometern Höhe gleichen tatsächlich modernen Kunstwerken, sind aber nichts anderes als gewaltige Rohstoffminen, künstliche Stadtanlagen oder vor sich hin rostende Schiffsfriedhöfe von oben betrachtet. Und sie erzeugen damit beim Betrachter gleichermaßen Faszination wie Irritation.  Das Buch selbst ist leider mittlerweile vergriffen. Urban shorts dokumentiert eine kleine Auswahl der insgesamt 127 in jeder Hinsicht eindrucksvollen Bilder (sfo.).


Das jordanische Az-Zaatari entstand im Syrienkrieg. Es ist mit über 80.000 Bewohnern eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Und längst eine Stadt.
Quelle: © eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©

Urban.21 | Migration

Refugistan – ein Land mittlerer Größe

Das Land der Geflohenen und Unerwünschten

17 Jahre seines Lebens verbringt ein Flüchtling im Durchschnitt in (s)einem Lager. Und gleich noch einmal die selbe Zahl. Diesmal nur mit sechs Nullen dazu. Über 17.000.000 Menschen (manche Schätzungen reichen bis 20.000.000) leben heute weltweit in einem Flüchtlingslager. »Refugistan«, dieses merkwürdige »Land der Unerwünschten«, ist dabei längst ein eigener Staat mittlerer Größe geworden, nach »Einwohnern« etwa auf Platz 65 der Welt. Irgendwo zwischen den Niederlanden, Chile, Mali – und Syrien, das es makabererweise aber wohl bereits überholt haben dürfte. Und noch eine Zahl. Und wieder spielt die »7« eine Rolle. Knapp 70 Millionen Menschen sind weltweit überhaupt auf der Flucht – viele davon, ohne wenigstens in einem Lager eine Art Heimat gefunden zu haben …

Besonders erschreckend ist die Institutionalisierung der Flucht, die in den letzten Jahren dramatische Ausmaße angenommen hat. Ob in Kutupalong in Bangladesh, dem derzeit weltweit größten Lager mit rund 600.000 Flüchtlingen aus Myanmar, in Dabaab in Kenia, dem wohl größten Lager Afrikas am Horn von Afrika mit mittlerweile rund 350.000 »Einwohnern«, im jordanischen Camp Az-Zaatari, in das der Syrienkrieg zeitweise bis zu 150.000 Menschen (derzeit rund 80.000) gespült hatte, oder im traurig berühmten Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, das zum Symbol (gescheiterter) europäischer Flüchtlingspolitik wurde. Weltweit leben immer mehr Menschen in Lagern, die für diese Geflohenen und nicht selten doppelt Unerwünschten zur neuen Heimat geworden sind. Orte, welche die französische Journalistin Anne Poiret schon 2015 in einer Arte-Reportage »nicht Stadt und nicht Gefängnis« nannte, die aber doch von beidem etwas sind. Erst Orte der Zuflucht. Dann Orte des Aufbruchs, von dem man nicht weiß, wann und wohin er stattfindet. Oder ob überhaupt. Nicht selten nämlich werden diese Orte auch eine endgültige Heimat für viele dieser Menschen. Und obwohl sie dabei immer mehr Städten gleichen, sind diese Orte doch zugleich auch Gefängnisse. Und dramatische Denkmäler für gescheiterte Politik(en) … (vss.).


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Quelle: Iwan Baan / DAM©

Bangladesh | Wohnen im Klimawandel [1]

Bengal (Main) Stream?

Bauen gegen Unwetter und Überschwemmungen

Der Klimawandel stellt Architekt*innen weltweit vor neue Herausforderungen. Steigende Meeresspiegel, vermehrte Unwetter sowie sich ausbreitende Hitze und Trockenheit erfordern zunehmend ein anderes Bauen. Dies gilt mittlerweile für fast alle Teile der Welt. Und zumal dann, wenn auch gleichzeitig Ressourcen, Energieverbrauch oder Kosten im Blick gehalten werden müssen. Das führt immer stärker dazu, Anleihen in Regionen und Ländern zu nehmen, in welchen die scheinbar neuen klimatischen Bedingungen schon länger »zu Hause« sind. Eines dieser Länder ist Bangladesh. Das südasiatische Land am Rande des Indischen Ozeans mit vielen tief gelegene Regionen, zahlreichen großen Flüssen und ausgedehnten sommerlichen Monsunregen hat schon immer mit Unwettern und Überschwemmungen zu kämpfen. Außerdem liegen die Temperaturen nicht nur im Sommer oft um die 30 Grad in diesem obendrein stark bevölkerten Land.

Das erfordert in diesem Land und in seiner nur zwei Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Hauptstadt Dhaka zunehmend ein neues Denken beim Bauen. Da die Grundprobleme in diesem Lande aber eben keineswegs neu sind, orientiert sich eine jüngere Generation von Architekt*innen immer mehr an einem Mix aus neuem und aus traditionellem Bauen. Die vielschichtige Ausstellung »Bengal Stream« (aktuell im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt) und das sehr umfangreiche, begleitende Katalog-Buch geben einen Überblick über das Schaffen der Architekt*innen. In einer sehr dichten Schau geht es um innovative Ideen, um Gebäude und Menschen vor Hitze, Unwettern und Überschwemmungen zu schützen. Gebäude – sowohl im Großen wie im Kleinen – werden durch zerklüftete Fassaden oder kleine Fenster gegen die starke Sonneneinstrahlung abgeschattet. Höfe, Wasseranlagen und durchlässige Materialien sorgen für natürliche Klimatisierung, ebenso wie vertikale Durchlüftungen oder begrünte Dächer. Zugleich werden neue mit traditionellen Materialien gemischt, Beton etwa mit Bambus und Ziegel, welche beide in der Region reichlich vorhanden sind. Sehr präsent ist der Wechsel zwischen geschützten und abgeschatteten zu offenen und lichten Bereichen, die einen Gebrauch der Räume je nach Tageszeit und Nutzung zulassen. Der Gang führt durch Moscheen (die aus Platzmangel in die Vertikale gebaut sind) über Schulen (von denen einige in ländlichen Gebieten wie parkhausartige Trutzburgen aussehen und auch gleich Schutzraum gegen Zyklone sind) bis hin zu Wohnhäusern in Stadt und Land. Auffällig der Low-Cost-Gedanke (zumindest bei vielen vorgestellten Projekten): natürliche Klimatisierung statt Klimaanlage oder eben der bewusste Mix aus günstigen neuen und einheimischen Materialien. Eine Ausstellung und ein Katalog regelrecht wie ein Baukasten oder ein Labor für das Bauen in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels – in Bangladesh wie in vielen anderen Teilen dieser Welt … (vss.).


Die Arcadia School in der Nähe von Dhaka
Quelle: Iwan Baan / DAM©

Bangladesh | Wohnen im Klimawandel [2]

Schwimmende Klassenzimmer

Eine hydraulische Schule auf leeren Fässern

Eines der größten Probleme im südasiatischen Bangladesh ist das oft tiefliegende und angesichts des Klimawandels im stärker von Hochwasser bedrohte Land. Die Hauptstadt Dhaka liegt nur sechs Meter über dem Meeresspiegel, entlang des Flusses Buriganga. Während des sommerlichen Monsuns kann dann schon mal ein Drittel der Stadt unter Wasser stehen. Besonders hart allerdings trifft es immer wieder die Ortschaften um Dhaka herum. Alipur etwa ist eine im Zuge der Verlegung traditioneller Gerbereien und anderer Industriegebiete ins Umland entstandene kleine Ortschaft. Die neue Industrie nimmt oft die wenigen guten Plätze. Weite Teile rund um den Ort ist ständig vom Hochwasser bedroht. So kam man für eine privat durch eine in Großbritannien lebende bengalische Lehrerin initiierte Schule auf die Idee schwimmender Klassenzimmer. Die Bausubstanz besteht ausschließlich aus dem in der Region reichlich vorhandenen, günstigen und sehr vielseitigen Bambus, der komplett auf leeren Fässern ruht. Wenn das Wasser in der Monsunzeit von Mai bis September die Schule langsam einschließt, beginnt diese langsam, aber sicher auf dem Wasser zu schwimmen. Der traditionelle Bambus trotzt derweilen Regen und Stürmen, sodass die vier Klassenräume, die durch eine offene Veranda miteinander verbunden sind, fast das ganze Jahr genutzt werden können. Entworfen wurde die Schule vom Neffen der Lehrerin, Saif Ul Haque Sthapati, welcher in Dhaka als Architekt arbeitet (red./dam.).


Im Inneren des Friendship Centres. Im Hintergrund der Rand des Dammes.
Quelle: Iwan Baan©

Bangladesh | Wohnen im Klimawandel [3]

Wie eine tiefer gelegte Insel

Friendship Centre im Inneren einer Dammanlage

Auch das tiefliegende Land im ländlichen und landwirtschaftlichen Gaibandha ist immer wieder von Hochwasser bedroht. Das war auch das Hauptproblem beim Friendship Centre, das noch dazu mit recht kleinem Budget gebaut werden musste. Ein Erhöhen der Anlage um zweieinhalb Meter, damit sie über dem Hochwasserspiegel liegt, war deshalb keine Option. Die erdbebengefährdete Gegend und die geringe Belastbarkeit des schluffigen Bodens kamen dazu. Die Lösung: Die Anlage wurde komplett von einem Damm von zweieinhalb Metern Höhe umbaut und wurde quasi in dieses künstliche Plateau einbeschrieben. Das Gebäude aus traditionellem Ziegel der Region konnte somit direkt auf den bestehenden Boden gebaut werden und schließt nach oben mit dem Damm ab. Im Inneren der Anlage fangen eine Reihe von Maßnahmen die klimatischen Herausforderungen auf. Gegen die sommerliche Hitze setzt der Entwurf auf natürliche Belüftung und Kühlung, was durch (Zwischen-) Höfe und kühlende Teiche sowie die Bedeckung der Dächer mit Erde und Gras ermöglicht wird. Die Menschen können somit zwischen Innen- und Außenräumen wechseln. Auch der natürliche, ausgleichende Baustoff trägt seinen Teil bei. Regenwasser und Oberflächenabfluss werden zudem in einem Netzwerk aus Innenbecken gesammelt; der Überschuss wird in einen ausgehobenen Teich gepumpt, der auch zum Fischen genutzt wird. Die Architektur selbst ist von den Überresten buddhistischer alter Klöster inspiriert sowie von der Siedlung Mahasthan aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, die sich unweit des Geländes befindet. Strenge Geometrie einerseits und gebrochene Formen andererseits koexistieren in dem Komplex und bilden nüchterne und meditative Räume (red./dam.).


Produziert für die »Dritte Welt«: Minipackungen zu Maxipreisen
Quelle: 3sat©

Global.21 | Welt-Wirtschaft

Geschäfte mit der Armut

Konzerne, Dritte Welt, maximierte Gewinne

Die globalen Konsum- und Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Unilever stoßen in Europa und Nordamerika zunehmend an ihre Grenzen. Die traditionellen Märkte sind buchstäblich gesättigt. Neue Umsätze und Gewinne lassen sich nur noch mit wenigen, oft öko- und nischenartigen Trends generieren. Auszeichnungen wie »Mogelpackung des Jahres« oder kritische und aufmerksame Verbraucher tun ihr Übriges, von den Preiskämpfen der Discounter ganz zu schweigen. Doch die Konzerne sind Aktiengesellschaften. Und die Logik dieses Marktes erfordert Wachstum, um Anleger und Analysten zufriedenzustellen.

Vor diesem Hintergrund haben die Konzerne die Schwellen- und Entwicklungsländer entdeckt. Und vor allem deren arme Einkommensschichten. In Brasilien und Kenia gelten jeweils über 40 Millionen Menschen als arm, haben nur ein, zwei oder drei Euro am Tag zum Leben. Was gemessen an noch ärmeren Ländern viel ist – und sie zur idealen Zielgruppe macht. Ein, zwei Euro sind zu wenig, um Vorräte einzukaufen. Die Antwort der Konzerne: Minipackungen. Und das zu Maxipreisen – und mit entsprechenden Gewinnmargen. Zumal nicht selten diese teuren Fertig-Lebensmittel trotzdem billiger sind als einheimische Früchte oder Gemüsesorten, die immer häufiger nur noch für den Export angebaut werden. Zusätzliche Crux: Fertigprodukte fördern oft Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes – und machen nicht selten auch noch abhängig. Ein zwiespältiges Geschäft mit zahlreichen Folgekosten und Folgegewinnen – aufgezeichnet in einer eindrücklichen Reportage von Joachim Walther … (sfo.).