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Holländische Tulpenfelder - kleines Beispiel, wie der Mensch die Erde (um-) gestaltet
Quelle: Daily Overview / Digital Globe©

Urban21 | Ein neues Erdzeitalter

Am (Plastik-) Müll sollt ihr sie erkennen

Wissenschaft nähert sich dem »Zeitalter des Menschen«

»Ein neues Zeitalter hat begonnen«. Politikern und Journalisten geht dieser Satz oft leicht über die Lippen. Wissenschaftler tun sich damit schwerer. Weltweit ringen Geologen derzeit um nichts Geringeres als um ein neues Erdzeitalter. Kommissionen wurden und werden gebildet und arbeiten darauf hin, das neue Zeitalter auszurufen. Begleitet wird dies von Kongressen und Ausstellungen rund um den Globus, um den es geht. In den Worten der Wissenschaftler gesprochen soll das »Anthropozän« auf das »Holozän« folgen. Übersetzt heißt das: Das »Zeitalter des Menschen« soll das »Ganz neue«, das bisher jüngste, Zeitalter ablösen. So gewaltig nämlich ist in ihren Augen der Einfluss dieses Menschen auf unsere Zeit. Und zwar auch gemessen an den gewaltigen Zeiträumen, in denen Geologen denken.

Deshalb soll das aktuelle und damit neueste Erdzeitalter nun nach »dem Menschen« benannt werden. Es geht um »sein Werk«: die Klimaerwärmung und steigende Meeresspiegel, um radioaktiven und industriellen Fall out, um fortschreitenden Raubbau und Umweltverschmutzung, um die künftigen Sedimente betonierter Städte und den ausufernden Plastikmüll auf der Erde und in den Weltmeeren.  Es geht um Einflüsse und Ablagerungen, die sehr langfristig auf und in der Erde wiederzufinden und zu messen sind. So sehr, dass sie sich von allen Vorangehenden unterscheiden (werden). Was real und gefühlt jedem bewusst lebenden Menschen eigentlich klar ist, wird dann auch wissenschaftlich festgestellt: der Mensch verändert die Erde – definitiv. Ob »der Mensch« dann auch stolz darauf sein kann, dass nach ihm ein Erdzeitalter benannt ist, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall zeigt es an, was der Mensch bei der Gestaltung dieser Erde in der Hand hält. Die Frage ist nur: Wer wird das nächste Zeitalter nach dem des Menschen ausrufen? Sollte dies allerdings dann tatsächlich noch einmal der Mensch sein, wird die Frage wohl lauten, von welchem Planeten aus er dies tun wird (vss.). 

Daily Overview / Digital Globe©
Aus dem Titelbild des Berliner Kuriers
Quelle: Berliner Kurier / scs©

To Think | Welt vs. Trump

Die einzig richtigen Worte

Kommentar von Volker S. Stahr

Man mag Boulevardzeitungen nicht gut finden. Man mag ihre Vereinfachungen als Wurzel manchen Übels ansehen. Man muss ihre Sprache nicht mögen. Aber manchmal muss man einfach auch neidlos anerkennen, wenn sie in ihrer verblüffenden Vereinfachung den Nerv getroffen haben. So wie der »Berliner Kurier« diese Woche. Mit seiner gnadenlos treffenden und trefflichen Antwort auf Donald Trump, nachdem der das Pariser Klimaschutzabkommen aufkündigte. Wir hätten es nicht besser sagen können …

Etwas subtiler, aber nicht minder prägnant und wirkungsvoll, schaffte es der neue französische Präsident Emmanuel Macron, dem gestrigen Mann im Weißen Haus stellvertretend für die heutige Welt zu antworten. Mit nur fünf Worten zerlegte er Trump und dessen »Rede« – und gab sie dem Gespött der Welt-Öffentlichkeit preis: »Make our planet great again«. Fünf Worte, die das Zeug zum Klassiker haben – so wie einst Ronald Reagans »Mr. Gorbatschow, tear down this wall «, die mit am Anfang vom Ende der Sowjetunion standen. Dass Macron seine Antwort-Rede an Trump teilweise in fließendem Englisch hielt, so dass dieser sie nicht missverstehen konnte, setzte ihr die Krone auf. Ebenso, dass er Wissenschaftlern und Unternehmern der USA Asyl in Frankreich anbot, also in jenem Kontinent, der ihre Meinungen und ihr Mühen für den Planeten respektiere und unterstütze. Sollten Macrons Worte obendrein der Auftakt dafür sein, dass Europa sich künftig wieder selbst für sein Schicksal verantwortlich fühlt, hätte er zudem Großes angestoßen … (vss.).

Urban21 | Cities auf einen Blick

Mehr als tausend Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats März« auf urban shorts. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Fotos aus dem Weltraum. Teils sind es – zumindest von oben – einfach wunderschöne Bilder wie das von Hongkong, das sowohl das Titelbild des Buches wie der aktuellen Ausgabe von urban shorts ist. Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen. Teils erzählen sie einfach Geschichte, etwa von den wechselvollen Episoden einer gewachsenen Metropole wie Peking oder vom Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl. Urban shorts zeigt eine Auswahl dieser Aufnahmen. Manche einfach schön, manche informativ, manche erschreckend, manche alles in einem. Aber alle dokumentieren ein eigenes Stück Urbanität und (Menschheits-) Geschichte … (red.).

Berliner Kurier / scs©
Gemeinsam unterwegs ...
Quelle: bw©

To Think | Europa, quo vadis?

Das Hadern als Normalzustand

Ein Plädoyer für ein entschieden unentschiedenes Europa

Was ist nicht schon alles über Europa gesagt worden? Doch das ungläubige Staunen über die unwahrscheinlichsten Hakenschläge der Wirklichkeit, die manchmal gar keine Wirklichkeit mehr ist, sondern das postfaktische Zeitalter, teilen viele Menschen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Thementage »Erfindung Europa« Mitte Februar im Schauspiel Frankfurt schon am Samstagmorgen zu vollen Sälen führten? Wir alle fragen uns, wie es weiter gehen kann mit Europa. Ein Gefühl von Solidarität und Tatendrang waberte durch die Kulturstätte. Die vielen Menschen – ein schlechtes und ein gutes Zeichen.

An diesem Morgen sprach der Soziologe Dirk Baecker. Ein scharfer Analytiker, der mit forscherischem Vergnügen Dinge auf den Punkt bringt und gleichsam versöhnliche Perspektiven aufzeigt. Seine Gedanken kreisten um Macht und Kultur. Und um Europa. Europa sei zu Tode reflektiert, ihm der Boden entzogen. Europa müsse neu geordnet werden. Zuerst eine schlechte Nachricht: Zur Vervollständigung unserer Welt brauchen wir die Negation. Deshalb werden wir wohl nie das europäische Paradies auf Erden erreichen. Europa kann aber der Ort bleiben, an dem der weitgehende Konsens besteht, Konflikte friedlich auszutragen und die Andersartigkeit des Gegenübers respektvoll auszuhalten. Auf dem Weg dahin sind wir in den letzten Jahrzehnten vorangekommen. Doch wie viele Le Pens, Wilders, Höckes & Co. hält die demokratische Gesellschaft aus, wie viel Negation kann in die Welt-Waagschale geworfen werden, bevor sie kippt?

Für unsere einzigartigen Errungenschaften (und Konflikte) stehen drei Städte: Jerusalem mit der Erfindung des einfachen Gottes, der ein dreifacher ist, Athen mit der Geburt der Wissenschaft und der unendlichen Suche nach Wahrheit und Rom als Zentrum maximaler Macht, die an den Rändern bröckelt. Europa ist keine demokratische Einheit, seine Stärke besteht vielmehr in einem Denken, das mit Ambivalenzen und Paradoxien umzugehen in der Lage ist. Ein Einheitsdiskurs ist nach Baecker das falsche Ziel. Die gemeinsame Geschichte verbindet. Unser Denken und Handeln ist bestimmt durch binäre Codes, mehrwertige Logik und die besagte Negation. Das macht es komplex, widersprüchlich – und die Gesellschaft oszilliert zwischen diesen Logiken. Die Trumps dieser Welt erfüllen so eine wichtige politische Funktion. Und es gibt nicht nur »Trump-Ereignisse«, auch wenn es an manchen Tagen so scheine.

Mehr Unaufgeregtheit, aber auch mehr Tun – so das Plädoyer des Soziologen. Momentan seien wir in einer Situation, in der eine Befriedung Europas nicht machbar sei, sondern sich die Machtlosigkeit der Politik zeige. Der Trend zur Renationalisierung sei der Versuch, Macht zurückzuholen. Doch es gibt eine Option: Das Europa der zwei Geschwindigkeiten als Modell der Ambivalenz und Vielfältigkeit – ein Europa, das unentscheidbar bleibt. Die gilt es, gemeinsam auszuhalten und sich nicht zufriedenzugeben. Typisch Europa eben … (pem.).

bw©
Trumpusconi auf Twitter
Quelle: Screenshot / scs Twitter©

To think | Die USA haben umgeschaltet

Trumpusconi im Circus Maximus

Kommentar von Volker S. Stahr

Eine Welt in Schockstarre. Was ist schief gelaufen, dass Donald Trump Präsident werden konnte? Eine einfache Frage. Und doch die falsche. Die eigentliche Frage müsste lauten: Was ist schief gelaufen, dass die USA lediglich die Auswahl hatten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump? Darin liegt eine wesentliche Ursache der Wahl Trumps. Und wer einen Blick nach Italien wirft, wird dort die Antwort finden. Sie lautet: Trumpusconi. Ganz Italien macht sich derzeit über eine Fotomontage lustig, die auf Twitter aufgetaucht ist und nun in rasendem Tempo durch die Medien geht: Trump als Klon von Berlusconi, ein Berlusconi mit Perücke sozusagen. Und gefolgt vom netten Hinweis, dass das ewig gescheiterte Land am Stiefel ein Mal den USA voraus war …

Bereits in den 90er Jahren nämlich – einer Zeit, in der in Italien ein gelähmter Staat, eine niederliegende Wirtschaft und blühende Korruption herrschten – stieg der Medienzar Silvio Berlusconi zum Regierungschef auf. Berühmt wurde er als Kopf eines Medienunternehmens, das auf seichteste Unterhaltung setzte und als ein Mann, der keinen Skandal ausließ: von Steuerhinterziehung über verbale Fehltritte bis zu den berüchtigten Bunga-Bunga-Parties. Ein Mann, eigentlich unwählbar in der Demokratie. Doch die Italiener, in deren Land Regierungen nur Monate im Amt waren, hatten längst den Glauben daran verloren, dass Politik und Politiker etwas bewegen würden. Wenn es also schon egal war, wen man wählte, wollte man wenigstens gut unterhalten werden. Genau das lieferte Berlusconi.

Und die USA? Sie scheinen irgendwie auch an diesem Punkt angekommen zu sein. Auch viele Menschen dort haben das Gefühl, dass Politik und Politiker nichts mehr für sie bewegen – sondern nur noch für sich. Ein System, für das Hillary Clinton stand. Zumal es auch etwas dynastisches hatte, dass nach dem Bush- nun der Clinton-Clan in zweiter Auflage folgen sollte. Also entschieden sich sicher auch viele US-Amerikaner für den Circus Maximus statt für die Fortsetzung des Systems Capitol Hill. Dass dazu noch kam, dass Trump Außenseiter des Systems war und genau die Menschen ansprach, die von dem bisschen Politik, das noch gemacht wurde, scheinbar als Verlierer hinterlassen wurden, kam dazu. Und dass diese Verlierer – meist männlich, weiss und älter – sich im Macho Trump auch noch wiederfanden – anstatt sich political correct angewidert abzuwenden -, gab sein Übriges, und war vielleicht sogar der letzte Sargnagel für die politisch erfolgreiche Frau Hillary Clinton. Trumps Wähler bekommen jetzt den Wechsel – oder zumindest gute Unterhaltung in den nächsten vier Jahren. Die USA haben umgeschaltet. Auf einer Fernbedienung, die allerdings nur alle vier Jahre funktioniert …

Zur ARTE-Sendung
Unter Wasser: Megacities in Gefahr
1: Animation einer Flutwelle, die New York City trifft.
© Georama TV
Foto: ARTE France
Honorarfreie Verwendung nur im Zusammenhang mit genannter Sendung und bei folgender Nennung "Bild: Sendeanstalt/Copyright". Andere Verwendungen nur nach vorheriger Absprache: ARTE-Bildredaktion, Silke Wölk Tel.: +33 3 881 422 25, E-Mail: bildredaktion@arte.tv
Simulation zeigt die drohende Gefahr für New York
Quelle: Arte France / © Georama TV©

Urban21 | Klima 2016/2036

Land unter: Metropolen in Gefahr?

Erderwärmung und steigende Pegel bedrohen Megacitys

New York, Istanbul, Singapur. Aber auch London, Paris, Amsterdam. Viele Metropolen weltweit liegen am Wasser. Wie vor einiger Zeit bereits die beeindruckende Arte-Dokumentation »Unter Wasser: Megacitys in Gefahr« zeigte, könnten für sie die Erderwärmung und steigende Pegel bald schon mehr als ein abstraktes Klima-Problem sein. Gefahr droht von mehreren Seiten. Schon heute setzen durch den Klimawandel mitausgelöste Flutwellen, Hurrikans oder Überschwemmungen Städte wie New York, Bangkok oder New Orleans unter Druck oder tatsächlich unter Wasser. Da aber viele dieser Städte zugleich absinken, weil durch Erosion, abgesogenes Wasser oder »Bodenverflüssigungen« an Meeren und Flüssen der Boden nachgibt und rundum die Pegel steigen, wächst der Druck durch Naturkatastrophen weiter. Manche Experten glauben, dass der Mensch diese Metropolen irgendwann wird verlassen müssen, sofern er nicht gegensteuert.

Wie dramatisch die Situation werden könnte, hat euronews kürzlich gemeinsam mit der Organisation Climate Central in drastischen Simulationen dargestellt. Sie zeigen Metropolen bei einer Erderwärmung um zwei bzw. vier Grad. Während London (Simulation) und Shanghai (Simulation) bereits bei plus zwei Grad langsam zu Seenplatten mutieren und in New York (Simulation) ab vier Grad der Broadway zum Canale Grande wird, könnte sich das südafrikanische Durban (Simulation) dann allerdings bereits in Atlantis umbenennen. Doch das Problem betrifft nicht nur ferne Metropolen. Das Recherchekollektiv correctiv hat anhand von Daten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen aus den letzten Jahrzehnten berichtet, dass der Meeresspiegel der Nordsee dort messbar steige und dass ein guter Teil dessen auf die Klimaerwärmung zurückgehe. Und dass der Trend zunehme. Stieg im 20. Jahrhundert das Meer offenbar bestenfalls alle drei Jahre um einen Zentimeter, so braucht es dafür heute noch gut zwei Jahre. Ende des Jahrhunderts sollen die Pegel aktuell einen halben Meter höher stehen … (vss.).

Sichtweisen | Dieudonné Niangouna

Das Fundament des Taumels

Über den Kongo - auch als ein Stück Afrikas

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Aus »Le Socle des Vertiges« | (c) Armel Louzala / Mousonturm

»Der Taumel wird zu einer alltäglichen Erscheinung. Ja – es ist genau so passiert, wie ich es Ihnen hier beschreibe. Ein politisches und somit historisches Ereignis jagte jahrelang das andere, und nie kamen sie zur Ruhe, niemals kehrte Ordnung ein, niemals gab es irgendeine befriedigende Erklärung, wodurch die Verwirrung sich jeder Situation bemächtigte, um sie noch undurchsichtiger zu machen, sie wurde immer unersättlicher, neu war nur, dass vor dem Kippen jeder Lage eine neue Komplikation auf dem Nährboden der Gewalt der vorhergehenden entstand, dass noch etwas passierte, was der Lage neue Sprengkraft verlieh; ständig waren die Menschen gezwungen, sich neu zu erfinden, ohne zu verstehen, zu begreifen, ständig waren sie zwischen dem Hier und dem Dort hin- und hergeworfen. Die Menschen definierten sich neu über die Gewalt, im Takt zu diesem atemlosen Taumel von Überlebensstrategien, wo der Adrenalinschuss der Dringlichkeit die Grundlage jeder Handlung, jedes Wahns, eingreifen zu müssen und jeglichen Bewusstseins wurde, mobil zu sein oder mobil machen zu müssen, mit dem Wissen, jeden Tag neu anfangen zu müssen; mit einem großen Zweifel in Bezug auf die Fähigkeit, Ruhe in die eigene Verfassung bringen zu können, Stille ins Leben, Frieden, sozialen Zusammenhalt, wo sich also immer die Frage stellte, wie man Herr des Taumels wird und diesen zum Schweigen bringt. Was darauf hinaus läuft, das Fundament zu suchen, vom dem er ausgeht, um ihn eindämmen zu können …«