Virtual Artist | Niko Neuwirth

Über den Dächern einer Stadt

Suburban-subversive Baustellen-Betrachtungen

Niko Neuwirth ist ein Spezialist für die ungewöhnlichen Fälle und Fotografien. Für »Facing Europe« reiste er mehrfach quer durch Europa und fotografierte Menschen, die ihm begegneten. Sein neuestes Projekt ist Frankfurt. Genauer: die Baustelle(n) Frankfurt(s). Nachts begibt er sich auf die Dächer der Stadt und ihrer Baustellen. Je höher, desto besser. Und er sucht die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (können). Neue Blick- und Stadtlandschaften tun sich auf. Gerüste, Mülltonnen und Straßenmarkierungen bekommen einen künstlerischen Mehrwert. »Nachts über Frankfurt« ist ein urbanes und künstlerisches Projekt zugleich. Und in gewisser Weise – trotz der schwindelnden Höhen, in denen es entsteht – ein suburbanes und subversives. Urban shorts, das urban-kulturelle Magazin, dokumentiert 20 Momentaufnahmen aus den nächtlichen »Beutezügen« – persönlich »eingerahmt« durch den Künstler. Und: Urban shorts und Niko Neuwirth setzen diese Betrachtungen der Stadt mittels ihrer Baustellen fort. Im Laufe des Sommers werden weitere Bilder auftauchen. Lose und in lockerer Folge – so wie ihr Fotograf selbst immer wieder auf den Baustellen der Stadt erscheint und mit seiner ungewöhnlichen »Bildbeute« wieder entschwindet … (vss.).

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Quelle: Laszlo Szklörz©

RheinMain | Performances

Stadt. (Er-) Forscher. Festival.

01.09. bis 30.09. | Das Pop-up-Festival »Implantieren«

Ein Archiv, ein Boot, ein Club, eine Rennbahn, ein Studio, die Stadt – Das waren mehr oder minder die Orte, als das Kreativenkollektiv ID_Frankfurt sich das letzte Mal 2016 mit seinem Pop-up-Performance-Festival »Implantieren« die Stadt eroberte. 2018 ist alles eine Nummer größer: das Europaviertel, Schwanheim, Offenbach, Bockenheim, das Bahnhofsviertel, das Nordend, Hanau. Die Performer und Performerinnen bespielen diesmal ganze Stadtviertel oder wesentliche Teile davon wie den Campus in Bockenheim oder die Düne in Schwanheim. Und vor allem ungewöhnlich gewöhnliche Orte: Plätze, Straßen, die S 9, einen Kleinbus, ein Kino, eine Düne, Trinkhallen. Das ist neu. Alt ist, dass auch diesmal oft keiner so recht weiß, was dabei herauskommt. Passagiere handeln mit dem Busfahrer erst noch die Strecke aus. Museumsbesucher wissen anfangs noch nicht so recht, in welcher Führung sie sind. Und bei zahllosen Gesprächen und Diskursen etwa an Trinkhallen oder bei der Stadtführung im Bahnhofsviertel weiß ohnehin keiner, was herauskommt …

Doch das ist Programm bei ID_Frankfurt und Implantieren, die viele freie PerformerInnen, WissenschaftlerInnen und AktivistInnen der Region bündeln, um mehr oder minder spannende Stadträume zu bespielen und zu hinterfragen. Orte, die sie nicht als Kulisse sehen, sondern als Orte der Er-Forschung. Und zwar gemeinsam mit den Experten vor Ort, also den Bewohnern und den Besuchern. Die Mittel sind vielfältig: Performances, Konzerte, Audiowalks und solche ohne Audio, Busfahrten, Installationen, Tanzen, Workshops, Vorträge, Trinkgelage, Partys sowie wohl unzählige formelle und informelle Gespräche vom Diskurs bis zur Plauderei. Unvorbereitet treffen die MacherInnen nicht auf ihr Publikum. Doch das Ungewisse ist trotzdem Programm. Wo die Reise jeweils hingehen könnte, erahnt man und frau vielleicht durch die Titel der einzelnen Programmpunkte: Wellwellness, Wasserstandsmeldung, Flechtenkunde, OF-Projekt (natürlich in Offenbach), Verfahren (natürlich mit dem Bus), Schlaflos in Frankfurt oder auch die Ein-Mann-Kneipe. Und das Ganze verteilt auf fünf Wochenenden mit einer unmissverständlichen Aufforderung zum realen und gedanklichen Sich-Verfahren – mit und ohne Bus- oder S-Bahn-Linie … (vss.).

Neue Opern- und Bühnenbauten in Europa

Landmarken und Millionengräber

DAM blickt auf (andere) Neubauten und Sanierungsfälle

Frankfurt hat derzeit mit den Städtischen Bühnen und dem Kulturcampus – fast schon im wahrsten Wortsinn – zwei große »Kulturbaustellen«. Oder hätte sie zumindest gerne – wenn man denn schon so weit wäre. Vor allem rund um die Zukunft der Städtischen Bühnen ist noch vieles offen und wird weiterhin munter und vieles diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirft derzeit das Deutsche Architekturmuseum DAM gleich mehrere sehr informative Blicke auf andere derartige Projekte in Europa – aus den letzten Jahren und aus der Gegenwart. Das DAM blickt dabei auf spektakuläre und die Silhouette ihrer Städte oder einzelner Viertel prägende Neubauten wie die Elbphilharmonie in Hamburg, die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie in Stettin oder die Opèra de Lyon. Es blickt auf interessante Konversionsprojekte, etwa das Theater im (namensgebenden) ehemaligen Kraftwerk Mitte oder die neuen Theater und Oper Kopenhagens im Hafen und auf ehemaligem Militärgelände. Und es zeigt auch viel beachtete Sanierungen wie die Staatsoper unter den Linden und (scheinbar) »Never-Ending-Stories« wie die Bühnen Köln, deren geplante Wiedereröffnung mal kurz von 2015 auf 2022 verschoben wurde. Und es zeigt nicht nur bei diesem Projekt, wie sich Baukosten zuweilen »entwickeln«. In Köln etwa von ursprünglich 253 auf nunmehr (wohl mindestens) 545 bis 570 Millionen Euro. Apropos Baukosten: Als Herzstück der Ausstellung haben die DAM-Experten auch schon mal mehrere Szenarien für die Städtischen Bühnen durchgerechnet – inklusive »zu erwartender Preissteigerungen« … (loe.).

Laszlo Szklörz©
Ganz schön viel los im September
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Kultur | Der September

Rentrée in RheinMain

Festivals & Vernissagen: Kulturszenen starten die Saison

Der Begriff »Rentrée« ist eigentlich in Frankreich zu Hause. In jenem Land also, das immer im Sommer kollektiv und gleichzeitig in Urlaub und Schulferien entschwindet und damit für einige Wochen mehr oder minder lahmliegt. Und das zur Rentrée – meist Ende August – dann kollektiv wieder zurückkehrt, vor allem in die Schulen. Rentrée meint nämlich zuerst einmal den Beginn des neuen Schuljahrs. Doch es ist irgendwie auch der Zeitpunkt, an dem überhaupt »das Leben» zurückkehrt. Davor ist übrigens die Zeit der Festivals. Meist im Süden, wo das in Avignon wohl das bekannteste ist. Und das allerdings erst Anfang September stattfindende Festival International du Photojournalisme in Perpignon vielleicht das eindrucksvollste. Doch eigentlich hat fast jeder südfranzösische Ort irgendein sommerliches Kulturfestival. 

Irgendwie scheint die Rentrée mittlerweile auch auf Deutschland übergegriffen zu haben, vor allem auf FrankfurtRheinMain. Auch hier sind nach den diesmal sehr langen sommerlichen Wochen der ebenfalls mittlerweile etablierten Festivals wie Sommerwerft oder Stoffel und der vielen freien Parkplätze die Menschen wieder alle da. Und irgendwie scheinen die Kulturszenen das als kollektiven Startschuss zu sehen. Wohin man im September schaut: Saisonstarts, Eröffnungen, Premieren. Jedes Wochenende ist plötzlich wieder vollgepackt mit »Events« und »Ereignissen«. Da ist gleich das erste September-Wochenende absolut urban-»kunst-voll«: etwa mit so unterschiedlichen Events wie dem »Brückenwall«-Fest, »Rock gegen Rechts« oder der »Bike Night« sowie mit großen und kleinen Festivalstarts wie »Eine Stadt wie Frankfurt«, »implantieren« oder »Golden Leaves«. Weiter geht es am und um das zweite Wochenende mit den Saisoneröffnungen der Galerien, die in Frankfurt diesmal (fast) alle gleichzeitig neue Ausstellungen präsentieren und zum Rundgang einladen. Und da sind dazwischen und danach die großen Museen, die nun nacheinander ihre neuen großen Schauen zelebrieren. Sie alle wollen in jene kurze Zeit, in der das Wetter noch gut ist und die Menschen wieder da sind, und Werbung machen für ihre kommenden Programme. Man könnte meinen: Wer da nichts findet im teils sogar kostenlosen Kulturfeuerwerk, ist selber schuld. Auch wenn die Fülle manchen in diesen Tagen fast schon wieder erschlagen mag. Und ob das wiederum klug ist von den Veranstaltern, müssen diese selbst wissen … (vss.).


Eines von 17 Fotos »Unner de Brigg« - Kontrapunkt zum Ostend
Quelle: Jens Görlich / BFF©

Urban-ist | Kunststück des Monats

Leben unter der Brücke

Kunst - bis der Nachmieter kommt

Auf dem Weg zur Arbeit ein Häppchen Kunst? Im stockenden Verkehr die Sinne schweifen lassen? Ein eindrucksvolles Projekt des Bundes Freier Fotografen macht dies an einem der unwirtlichsten Orte in Frankfurt, unter der Eisenbahnbrücke am Ostbahnhof, möglich. Da, wo die rohe Großstadt ins urban-aufstrebende Ostend grätscht, wo das Gleißen des EZB-Turms in der Sonne die Armut der sozial Abgehängten trifft. Doch egal ob Bankenaufseher, kleine Angestellte, Agentur-Kreative oder Hartz-IV-Empfänger. Sie alle können gut eine Woche lang 17 Kunstwerke von 17 lokalen Fotografinnen und Fotografen auf sich wirken lassen – und zwar umsonst und open air. Und im Vorübergehen, -fahren oder -stehen.

Ob fast surreale Wasserfälle oder Wüstenlandschaften, ob eindrucksvolle Porträtaufnahmen, scheinbare Werbeshootings oder Modefotografie: Die 17 Mitglieder aus dem Regionalverband des Bundes Freier Fotografen (BFF) haben für »Unner de Brigg« die unterschiedlichsten Motive zusammengetragen – und demonstrieren zugleich, wie vielfältig die FotografInnen-Landschaft in dieser Region doch ist. Der Ort war gut gewählt, denn er ist das Entrée der viel befahrenen Hanauer Landstraße und zugleich Wegstrecke für alle zwischen Ostbahnhof, Europäischer Zentralbank und Hafenpark. Zudem ein Ort, der durch nicht werbliche Fotografien deutlich gewinnt. Jeder der Teilnehmenden hatte ohne thematische Vorgabe eine seiner freien Arbeiten ausgesucht, und so hängen als sogenannte Achtzehn Eintel-Plakate fotorealistische Momente neben Surrealem aus einer fremden Welt. Sie bilden unter der Brücke einen spannenden Kontrast zur grau-braunen Monotonie der Industriearchitektur, die sonst nur durch einige Graffiti und verzweifelt trotzende grüne Ranken unterbrochen wird. Spannend wird übrigens die »Finissage« der Ausstellung. Über sie entscheidet »der Markt«, da es sich um Werbeflächen handelt, auf denen die Künstler ihre Werke präsentieren. Wie so oft in Frankfurt wird auch hier der nächste zahlungskräftige Mieter die Vormieter verdrängen. Alle auf einen Schlag oder eins nach dem anderen. Morgen, übermorgen, irgendwann …  (pem.). 

Nachgeschaut

L’ Égypte Empathique

Denis Dailleux: Égypte + Mères et Fils

 

Empathie ist etwas, das selten geworden ist in der Kunst unserer Tage. Der französische Fotograf Denis Dailleux jedoch zelebriert geradezu diese alte menschliche Tugend in und mit seinen Fotos aus Ägypten. Auf ungewöhnliche Art und Weise hat er sich den Menschen in Kairo und in diesem Land genähert – und sie nicht selten in gleichsam alltäglichen und erstaunlich persönlichen Momenten festgehalten. Menschen in einem Bahnhof ebenso wie mit ihren Tieren auf dem Land. Sogar in Räumen, in denen der Mensch allgegenwärtig ist, ohne selbst im Bild zu sein. Noch deutlicher wird die Empathie, mit welcher Dailleux an seine Arbeit geht und welche gleichermaßen die Menschen in seinen Fotografien auszeichnet, in seiner kleinen Kabinett-Serie »Mères et Fils«. Sie zeigt – wie der Titel schon sagt – Mütter und ihre Söhne. Und mehr noch: ein inniges, fast zärtliches Verhältnis zwischen diesen beiden. Umso erstaunlicher, da es sich bei den Söhnen um junge Männer handelt, die als Bodybuilder ihre eigene Stärke inszenieren – und mit ihrer Hinwendung zu ihren Müttern die (emotionale) Stärke dieser Frauen erst recht unterstreichen. Zwei ungewöhnliche Serien von Bildern. Kurze Momente der Empathie und Intimität in einer immer unpersönlicheren und schnelllebigeren Welt (vss.).