Open Space Kulturfonds, Neuer Mousonturm, Centralstation, HfG-Schaufenster-Interventionen
Quelle: Linienland / raumlabor / Centralstation / HfG©

Kultur/Trend/Barometer | Juli

Neue Bühnen für die Kultur

Agoren und Schaufenster - real und virtuell

Es ist der reinste Bauboom. Vor allem Bühnenarchitekten haben derzeit Hochkonjunktur in deutschen Kulturlandschaften. Für reale und virtuelle. Und für real-virtuelle natürlich auch. Ganz real baut sich derzeit gerade der Frankfurter Mousonturm in einer Mischung aus Logenhaus und Termitenhügel eine neue Bühne für stattliche 50 Besucher*innen. Bund, Länder, Städte und Kulturförderer basteln derweil im Netz an virtuellen Open Spaces, auf denen sich Künstler*innen mehr oder minder kreativ präsentieren können und dafür auch noch Geld erhalten. Daneben funktionieren kreative Künstler*innen und zumindest nicht unkreative Stadtmarketingleute in diesen Zeiten mehr oder minder leere Schaufenster zu neuen Ausstellungsflächen um. Und manche veritablen großen Bühnen stellen angesichts ausgedünnter eigener Künstlerscharen ihre Räume nun auch anderen Kreativen zur Verfügung, die derzeit gar keine Räume haben. Urban Shorts wiederum stellt auf dieser Seite einige dieser Ideen vor. Und lässt einige der Protagonist*innen auch selbst darüber schreiben, wie sie in diesen Wochen die Corona-Krise bekamen – und wie sie diese dann auch mit dem neuen Bauboom wieder in den Griff bekamen … (vss.).

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Kulturfonds öffnet einen Open Space
Quelle: Linienland / Kulturfonds©

Neue Bühnen, viele Hilfen

Kreativ. Überleben. Sichern.

Gastkommentar von Karin Wolff

[> Beitrag auf eigener Seite lesen] Als vor gut drei Monaten schlagartig auf den Bühnen die Lichter ausgingen und auch alle Konzertsäle schlossen, gehörten Igor Levit und Daniel Hope zu den ersten, die sich und dem Publikum spontan neue Bühnen schufen. Der Pianist und der Geiger musizierten aus ihren Wohnzimmern in die Welt hinaus und wärmten mit ihren »Hörfenstern« die Herzen von Tausenden. Levit und Hope standen für viele. Der Shutdown, wie wir ihn in den letzten Monaten erlebt haben, war erst einmal eine riesige Enttäuschung. Wir haben erlebt, wie fassungslos viele von uns geförderte Kulturschaffende im ersten Moment waren. Und wir natürlich auch. Doch schnell packten die ersten wieder an. Erste Lichtzeichen von Förderern wie dem Kulturfonds, von Stiftern und Privaten – »Wir bleiben bei unserer Förderung!«, »Wo kann ich helfen?« – taten ihr Übriges. Neue Ideen und Gedanken kamen auf: Können wir unser Projekt später ansetzen? Wie können wir es im Netz zeigen? Mit wem können wir uns zusammentun? Schnell war klar: Musiker ohne Musik? Gibt es nicht. Schauspielerinnen ohne Auftritt? Unmöglich.

Doch beim Re-Start ging und geht es um mehr als um »L’ Art pour l’ art«. Es geht auch um den Lebensunterhalt der Künstler und Künstlerinnen, um die Ausübung eines Berufes. Und da ist die Gemeinschaft gefragt. Förderer wie der Kulturfonds können zwar nicht »einfach mal die Welt retten«. Aber sie können ihren Teil dazu beitragen. Wir können helfen, Bühnen und Mittel zu generieren. Etwa durch unsere Online-Plattform Open Space. Dort fördern wir Leistung und sagen kleinen künstlerischen Werken, die in diesen Wochen zu unserem Schwerpunktthema »Erzählung. Macht. Identität.« erdacht wurden, Geld und das Schaufenster dieser Plattform zu. Eine Idee, die übrigens andere auch umsetzen – wenn man etwa in die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz schaut. Doch auch sonst entstehen viele neue Bühnen und gibt es mithin viele Möglichkeiten, zu helfen, Projekte umzusetzen. Wir können bei gemachten Zusagen bleiben und zugesagte Kosten übernehmen, auch Ausfallhonorare. Gemeinsam mit Startnext und der Aventis-Foundation stellen wir über »Kulturmut« Geld bei Crowdfunding-Projekten zur Verfügung. Wir unterstützen den neuen Anlauf jener wunderbaren Ausstellungen, die zwischenzeitlich im Netz ihr Licht oft nur auf einzelne Stücke richten konnten und jetzt wieder als Ganzes betreten werden dürfen; etwa durch Marketing. Und wir beraten mit unseren Partnern, welche ganz neuen Projekte mit unserer Unterstützung mit neuem Schwung an den Start gehen können. Gegen die Angst, die Sorgen wollen wir mit ihnen gemeinsam durchstarten. Nicht ins offene Messer zu rennen, sondern mit Augenmaß die Sehnsucht der Menschen nach Kultur zu stillen und zugleich noch weiter wachsen zu lassen. Ein Gasthaus nach vielen Wochen wieder zu öffnen, ist unter den Umständen schon nicht trivial. Mit der Kultur ist es an vielen Orten mindestens genauso komplex. Aber was wäre Kultur, wenn sie nicht aufstünde?!

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Der Frankfurter Mousonturm baut sich für Herbst gleich eine eigene neue Bühne mitten im alten Bühnenraum
Quelle: Mousonturm / Raumlabor©

Kulturlandschaften | Trend

Eine neue Bühnen-Kultur

Real und virtuell wird viel neu gebaut

In Corona-Zeiten werden gerade viele neue Bühnen gebaut. Virtuelle Bühnen, auf denen sich Künstler*innen im Netz präsentieren können. Bühnen im übertragenen Sinne, indem Bühnen neu genutzt werden. Aber auch ganz reale neue Bühnen für die neuen Zeiten … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenAls der Mousonturm dieser Tage sein Programm für die nächste Spielzeit vorstellte, war der große Saal des Frankfurter Künstlerhauses fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zugegeben: »Bis auf den letzten Platz« hieß in diesem Fall, dass dort, wo sonst rund 250 Menschen das Publikum bilden, nun sorgsam getrennt auf einzelnen Stühlchen rund 30 Leute »Platz nahmen«; Künstler*innen inklusive. Im doppelten Sinne ein Ausblick auf den Herbst sozusagen. Damit der Herbst dann aber kein exklusives One-to-one-Theatre wird, war das Highlight des Tages allerdings das kleine Modell einer neuen agora-ähnlichen Bühne. Ein kleiner, vorzeitlich anmutender, aber nachzeitlich gedachter Höhlentempel aus Holz und Lehm – für die Zeit nach oder zumindest mit Corona. Realisiert von einer Design-Agentur mit dem corona-sinnigen Namen »Raumlabor« …

Angesichts zahlreicher Zu-, Ein- und Ausgangsbeschränkungen brauchen das Land und die Kultur in der Tat neue Bühnen. Das »Raumlabor Mousonturm« mit rund 50 Logenplätzen in Termitenbau-Design ist dabei die bisher kreativste Lösung. Doch auch andere Häuser suchen derzeit nach neuen Ideen und Bühnen. Die Darmstädter Centralstation als einer der größten Veranstaltungsräume der Region hat seine Bühne geöffnet für andere Akteure der regionalen Szene. »Von Null auf 100«, angelehnt an die Zahl der anfänglichen Sitzplätze, heißt das neue Programm für den Sommer, in dem nicht nur assoziierte Künstler*innen Platz finden, sondern eben auch Gruppen wie das TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder die kleine Initiative die stromer aus Darmstadt selbst. Häuser und Ensembles wie diese könnten in Corona-Zeiten kaum spielen oder spielen lassen, da ein Umbau kleiner und alter Häuser schwer und vor allem nicht schnell möglich ist. Vor Herbst sind viele Häuser und auch Gruppen auf Ausweichquartiere angewiesen. Ein weiteres solches Quartier ist ein »Kleiner Offenbacher Kultursalon« im dortigen Capitol-Theater. Ähnlich kreativ sind derzeit auch Künstler*innen, Hochschüler*innen und Stadtmarketingleute in der Region. »Window Shopping« heißt das Modell, mit dem Offenbacher HfG-Künstler*innen ab Juli freie Schaufenster in der Offenbacher Innenstadt mit dem Thema »Kleidung, Freiheit und Identität« bespielen. Gleiche Idee, nur etwas eher: Künstler*innen in Frankfurt machen das Gleiche bereits mit Schau- und Atelierfenstern im Westen von Frankfurt. Waren diese Atelierfenster schon sehr nahe dran an den Künstler*innen, so sind es einzelne Kunstmärkte dieses Sommers besonders. Pars pro toto der Mindest-Abstand-Kunstmarkt des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden im August, mit dem der Kunstverein die professionellen Kunstschaffenden der Stadt unterstützen will. Doch neue Bühnen entstehen in diesen Wochen nicht nur real. Öffentliche Hände und Fördereinrichtungen haben Bühnen im Internet geschaffen und Kreativen wie Künstler*innen kleine Stipendien ausgeschrieben, mit denen sie diese Bühnen mit etwas Leben füllen und sich damit den Lebensunterhalt über den Sommer sichern können. Eine dieser Bühnen ist der »Open Space« des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, zwei weitere sind die Plattformen und Förderstipendien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz (die beide jeweils Programme mit je 2000-Euro-Hilfen für ansässige Kreative ausgeschrieben hatten). In die Baupläne für neue Bühnen spielt derzeit übrigens auch der Sommer mit Open-Air-Bühnen und -Festivals. Im öffentlichen Raum sind Umbauten nämlich durchaus weniger aufwändig als im Mousonturm und anderswo … (vss.).

Mousonturm / Raumlabor©
Centralstation Darmstadt: Programm und Stühle sind bereits von Null auf 100. Fehlt nur noch das Publikum, das es beiden gleichtun soll.
Quelle: Centralstation©

Krise (in den Griff) kriegen [3]

100 auf ⇒ Null ⇒ auf 100

Meike Heinigk über das Centralstation-Sharing

Kulturlandschaft und Kulturschaffende sind von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Auf Urban shorts beschreiben Kulturschaffende, wie sie in diesen Wochen die Krise krieg(t)en – und wie sie diese in den Griff kriegen. In Folge 3 schreibt Meike Heinigk von der Darmstädter »Centralstation« über das 100-auf-Null-auf-100-Wechselbad und über ein großes Haus als Host für viele gebeutelte kleine Häuser und Gruppen. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war natürlich Freitag, der 13. Am Morgen gastierte noch eine Theatergruppe aus Schottland im Saal der Centralstation. Zur gleichen Zeit fand in der Halle der Aufbau für ein großes Festival statt. Fünf internationale Bands waren dafür bereits auf dem Weg zu uns nach Darmstadt. Und ich erwartete einen Anruf, der mir die jüngsten Ergebnisse des Darmstädter Krisenstabs zu Covid-19 mitteilen würde. Just als das Theaterstück beginnen sollte, summte mein Handy: »Wir müssen das Haus schließen«. In Form einer Allgemeinverfügung der Stadt lag nun vor, was wir schon geahnt, aber lange nicht wahrhaben wollten. Das Datum, welches für viele mit Aberglauben verbunden ist, machte seinem Namen alle Ehre. Lockdown – von 100 auf Null in wenigen Minuten …

Wieder Freitag. Diesmal aber zum Glück der 5. Juni. Und wir öffnen wieder. Mit Pfund, einer Cover-Rockband, die normalerweise niemanden auf den Stühlen hält. Doch genau für sie haben wir nun exakt einhundert Stühle aufgestellt. So viele, wie das Land Hessen zulässt. Mit dieser Band und den 100 Stühlen starteten wir das Programm »0 ⇒ 100« – und selbst im wahrsten Wortsinn wieder ebenfalls »von Null auf 100«. Vorbei die Tage seit dem ominösen 13. März, seit dem alle Mitarbeiter nur mit Absagen, Verschiebungen und Rückabwicklungen beschäftigt waren. Bands und Agenturen hatten das Jahr schon ad acta gelegt, verschoben komplette Tourneen. Erste optimistische Versuche in diesen Wochen, Veranstaltungen um zwei Monate zu verschieben, scheiterten kläglich. Und das ging nicht nur uns so. Die ersten Lockerungen, die Veranstaltungen unter Auflagen mit kleiner Besucherzahl ermöglichten, haben obendrein viele Veranstalter*innen wütend gemacht oder gar resignieren lassen. Verständlich. Wie soll ein ohnehin meist defizitäres oder sich gerade so tragendes Kulturprogramm unter diesen Bedingungen funktionieren? Kultur ist Begegnung, Kultur ist Kommunikation. Wie sollte der Funke überspringen? Mit Mund-Nasen-Bedeckung oder Plexiglas-Wänden zwischen Musikern und Gästen?

Nun also wieder von »Null auf 100«. Das dafür gleich in mehrfacher Hinsicht. Wir machen aus der Not eine Tugend, fahren nicht nur unser Haus für unsere Künstler*innen hoch. Wir öffneten die Centralstation als einen der größten Veranstaltungsorte Darmstadts auch für Künstler*innen, Veranstalter*innen und Kultureinrichtungen, die selbst zu klein sind, um unter den aktuell geltenden Auflagen Kultur machen zu können. Im kulturellen städtischen Netzwerk stellen wir uns gemeinsam der Herausforderung und experimentieren das Veranstalten mit bis zu 100 Gästen. Erfreulicherweise war auch die Stadt »von Null auf 100« von unserem Vorschlag überzeugt. »Mit Abstand das beste Kulturprogramm« wurde geplant. Neben unseren »eigenen« Künstler*innen diesmal vollgepackt mit Gästen wie etwa dem TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder den Stromern aus Darmstadt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, haben wir uns gesagt. Und ein kleiner Gewinn soll es für alle werden: Für regionale Künstler*innen, denen zig Auftritte weggebrochen sind, für Kulturorte unserer Stadt, über die im Moment keiner mehr spricht, für Dienstleister*innen vom freien Techniker bis zur Grafikerin, die keine Aufträge mehr haben. Und natürlich für die Zuschauer*innen, die Lust auf Live haben. Apropos Publikum. Auch das ist Teil des Versuchs: Sie bitten wir, sich an viele Vorgaben zu halten – und einen solidarischen, teils höheren Eintritt zu zahlen, um den enormen Einsatz abzufedern. Aber die Idee ist, gemeinsam herauszufinden, wie man sich herantasten kann an das, was unserer Meinung nach auch »systemrelevant« ist: das kulturelle Erleben …

Centralstation©
Mousonturm baut (sich) neue und parallele Welten
Quelle: Raumlabor / Mousonturm©

Krise (in den Griff) kriegen [4]

Üppige Corona-Kurzarbeiten

Matthias Pees: Mehr-Arbeiten, -Werte und -Losigkeiten

Kulturlandschaft und Kulturschaffende sind von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Auf Urban shorts beschreiben Kulturschaffende, wie sie in diesen Wochen die Krise krieg(t)en – und wie sie diese in den Griff kriegen. In Folge 4 schreibt Matthias Pees vom Frankfurter Mousonturm über ein neu erbautes Corona-Theater im Theater, über Kurz-Arbeiten als Mehr-Arbeiten und über »Theatersicherheitsfachleute«.

[> Beitrag auf eigener Seite lesen»Great Wide Open« klingt wie ein – natürlich abgesagtes – Tennisturnier. Stammt aber aus Tom Pettys James-Dean-Abgesang »Into The Great Wide Open« und handelt von einem Aufbegehrenden ohne Grund und Ahnung, der kaum zwischen Krise und Chance unterscheiden kann, zwischen Verhinderung und Möglichkeit, Unterbrechung und Stillstand, freiem Flug und haltlosem Absturz. So ahnungs – und orientierungslos kamen auch wir uns mitunter vor in den vergangenen Monaten. Denn wenn Corona eines nicht war, dann eine Pause. Kurz-Arbeit macht vor allem Mehr-Arbeit, und das Managen von Absagen, Ausfällen, Notfallfonds-Anträgen, Home Offices, Hygiene-Konzepten und digitalen Ersatzprogrammen ebenso. Es macht Sorgen, um Selbständige, Projekte und Reisebedingungen internationaler Partner, um Gesundheit, Kinderbetreuung, Publikum und künftige Finanzierung. Und es befremdet durch soziale Distanz, Berührungslosigkeit, Masken, Desinfektion, Plexiglas und Digitales, Warteschlangen und geschlossene Kneipen. Denn soziales Leben gehört auch zu kreativer Arbeit.

Mehr Arbeit also und mehr Losigkeiten. Ein paar Erfahrungen jedoch waren bemerkenswert. Die neuen digitalen Zuschauer etwa, die ziemlich plötzlich, via Youtube oder Zoom, von überall her, immer wieder zusammenkamen, tatsächlich teilhatten und miteinander kommunizierten. Das war ganz anders als früher, als 200 Leute auf Facebook »Nehme teil« markierten, und dann trotzdem kaum einer kam. Und es war auch eine originäre, nur im digitalen Raum mögliche Erfahrung. Bemerkenswert auch das angesichts der erdrückenden pandemischen Lage sonst eher fernliegende Gefühl einer gesteigerten Solidarität –  mit besonders Betroffenen (Kranken, Risikopatienten, Pflegekräften, Angehörigen, Alleinerziehenden, Selbständigen, Einzelhändler*innen, Wirt*innen) und gerade auch mit Opfern des europäischen Grenzregimes oder rassistischer Übergriffe. Last but not least der offen gelegte und ehrlich gelebte Beratungsbedarf der Politik, nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern auch in Fragen der Künstler-Krisen-Förderung. Ein solches Vertrauen in uns Kunst – und Theater-Fachleute (und auch: Theatersicherheitsfachleute) hätte man sich gewünscht in den eher überstürzt dekretierten Schließungen und Öffnungen, zu Mindestabständen und -flächen, zu den Gefahren exaltierten Sprechens, Tanzens und Blasens.

Als größte Schwierigkeit stellt sich uns nun dar, das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen. Nicht nur ins Theater als gesundheitlich unbedenklichen Ort. Sondern in ein Theater, das erst recht ansteckt und viral gehen kann, das nicht nur der Überrest eines Theaters aus besseren Zeiten ist. Das nicht nur als defizitär erlebt wird, sondern das die Menschen wieder Lust haben zu besuchen, und in dem sie gemeinschaftlich zusammenkommen, Ambivalenzen aushalten und austesten, und das eben möglichst vorbehalts- und distanzlos. Deshalb haben wir für uns beschlossen, mit Corona zu spielen. Und uns dafür gleich ein Corona-Theater bauen zu lassen. Ein Corona-Theater, in dem wir für mindestens sechs Monate arbeiten, spielen und produzieren wollen, auch wenn dort nie mehr als etwa 50 Besucher*innen Platz finden werden. Aus der von der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes entwickelten Idee entsteht ein mehrstöckiger, leicht amorpher und »atmender« Rundbau, eine Korona aus Holz und Lehm, mit lauter kleinen Logen. Aus ihnen heraus können Zuschauende in kleinen Immun-Gemeinschaften auf das Geschehen in der Mitte blicken, wie in ein unterirdisches Nest. Da wächst was drin, so hoffen wir, and that we rock underground, während da oben weiter auf die nächste Lockerung oder Quarantäne, auf Versammlung oder Zerstreuung gewartet werden muss. Damit wir bald wieder nicht mehr wissen, was wir tun. Sondern ahnen …

Raumlabor / Mousonturm©
Beschränkt offen - sorgsam abgezählte Stühle in der Centralstation
Quelle: Centralstation©

Kolumne von Jan Deck [10]

Elitär geregelte Lockerungsübungen

Warum trotz viel Geld Corona-Kultur oft unrentabel bleibt

[> Beitrag auf eigener Seite lesen»Lockerung« ist das Wort der Stunde. Eigentlich steht es für eine planvolle, vorsichtige Rücknahme von Verboten und Regeln, die angesichts der Corona- Pandemie für eine Zeit lang notwendig waren. Und in vielen Bereichen fühlen wir uns in der Tat schon sehr gelockert. Restaurants, Läden oder Friseursalons können wieder offen haben, arbeiten und Geld verdienen. Man kann wieder üppig essen gehen, fast unbegrenzt einkaufen, mehrere Menschen treffen, zum Teil gar bereits ganze Menschenmassen. Auch alle Kulturorte dürfen längst wieder offen haben. Theoretisch zumindest. Denn »dürfen« ist in diesem Falle nicht immer gleich »können«. Für einige Kulturbetriebe etwa ist ein  halbwegs normaler Betrieb unter den geltenden Regeln durchaus möglich, etwa für Museen oder andere Ausstellungsorte. Auch für große Theater und Säle. Sie alle müssen zwar den Einlass beschränken. Aber immerhin …

Doch dies gilt längst nicht für alle Kulturbetriebe. Man könnte fast sagen: Alte und Schwache haben besonders zu kämpfen. Kleine Kinos, alte Theater und auch auffällig viele Konzertveranstalter können aufgrund der Abstandsregeln nur sehr wenig Publikum in ihren Orten unterbringen; es sei denn, sie arbeiten im öffentlichen Raum oder verfügen über sehr große Räumlichkeiten. Das macht die Öffnung für sie problematisch, denn die Kosten überwiegen oft die Einnahmen. Die freien Theater in Frankfurt etwa haben derzeit die Wahl zwischen Pest und Cholera. Nicht spielen, heißt: keine Einnahmen, aber auch keine Sichtbarkeit. Zu spielen, heißt aber meist: Verluste machen, aber immerhin wieder etwas künstlerisch zu zeigen. Die meisten Schwierigkeiten machen die Regeln, dass zwischen Sitzplätzen in alle Richtungen 1,5 Meter Abstand sein muss, pro sitzende Person sind fünf Quadratmeter erforderlich, pro stehende Person zehn Quadratmeter. Wenigstens letzteres weicht sich nun langsam auf. Aber auch zwischen den Akteuren auf der Bühne und von diesen zum Publikum muss Abstand sein. Bei singenden, tanzenden oder laut sprechenden Menschen auf der Bühne beträgt der vorgeschriebene Abstand sechs Meter. Die meisten dieser Theater können so immer noch nur einige Dutzend Zuschauer*innen einlassen (statt wie sonst zwischen 100 und 200). Hinzu kommen Hygienekonzepte mit Regelungen für Ein- und Auslass sowie Toiletten-Benutzung sowie Maskenpflicht für Personal und weiteres. Das Ergebnis: mehr Anforderungen, mehr Personal, weniger Einnahmen …

Nun gibt es zwar Förderprogramme von Bund und Ländern, welche Theatern und anderen Kulturorten bei der Finanzierung von notwendigen Umbauten, bei der Anschaffung zusätzlicher Materialien oder bei notwendigen Maßnahmen helfen. Doch dies hilft nur, die Häuser für weniger Zuschauer fit zu machen. Aber oft nicht, mit diesen weniger Zuschauern zu überleben. Vielen Häusern drohen nach drei Monaten ohne Einnahmen nun drei Monate mit Verlusten. Einziger Trost: Förderprogramme, die Neuinszenierungen und Überarbeitungen finanzieren. Doch die werden dringend gebraucht, sind doch auch viele Inszenierungen selbst keineswegs mehr corona-tauglich und müssen erst einmal durch neue ersetzt werden. So suchen die Theater neue Lösungen. Manche haben eigene Formate entwickelt, andere hoffen darauf, dass ihnen die Städte vorübergehend größere Räume zur Verfügung stellen, und alle hoffen, dass zur nächsten Spielzeit ab Herbst die Maßnahmen weiter gelockert werden. Hoffnung macht ein Konzept aus Österreich. Dort gilt für Kulturveranstaltungen in Kinos oder Theatern nur eine Abstands-Pflicht von einem Meter, wobei Zuschauerränge im Schachbrettmuster zu besetzen sind. Mit einem solchen Konzept lassen sich deutlich mehr Zuschauer*innen einlassen. Bleibt zu hoffen, dass diese Situation dort nicht zu weiteren Corona-Fällen führt. Denn falls es gut läuft, könnte Österreich ein Muster für eine weitere Lockerungsübung im Herbst in Deutschland sein. So könnten Kulturveranstaltungen wieder Einnahmen erzielen. Nur sie sichern das Überleben …

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Lesen in Corona-Zeiten - Stilecht und mit Social distance in den Kolonnaden des Frankfurter Literaturhauses
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Gast-Autorin, Open Air und Audio Walk

Pixel und Picknickdecken

Neue Ideen braucht die Kulturlandschaft

In Corona-Zeiten braucht die Kultur neue Ideen und neue Wege. Globalisierte Lesungen, Picknickdecken-Festivals oder Audio Walks könnten drei davon sein. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesen]  In Corona-Zeiten ist es gar nicht so einfach, über neue Ideen im Kulturleben zu schreiben. Vor allem über solche, die »offline«, im realen Leben also, stattfinden. (Zu) viele dürsten bereits nach eben diesem realen Leben. Deswegen an dieser Stelle zuerst ein reales Beispiel, von dem wir allerdings nicht verraten, wo und wann es stattfindet. Es geht um einen spanischen Literaturkreis in Frankfurt. Seit Jahren lasen die Teilnehmer*innen spanisch-sprachige Bücher und plauderten im kleinen Kreise und zuweilen entsprechender kulinarischer Begleitung über die erlesenen Welten. In Corona-Zeiten fand der Kreis natürlich nicht mehr bei einem Mitglied im Wohnzimmer statt. Zoom und Social distancing waren angesagt. Das brachte die Teilnehmer*innen auf die Idee, dass in der Zoom-Konferenz auch eine Autorin aus Südamerika zugeschaltet werden könnte. Das stieß, so wird berichtet, auf der anderen Seite des Globus’ auf reges Interesse. Nicht alles klappte auf Anhieb, doch die Idee soll weiterverfolgt werden …

Neue Wege sind es, welche die Kultur in diesen Wochen benötigt. Solche, die für den Moment weiterhelfen, aber vielleicht auch über den Tag hinaus neue, zusätzliche Möglichkeiten schaffen. Das Beispiel des Literaturkreises ließe sich auch von einem Literaturhaus oder einer Buchhandlung umsetzen und auch nach Corona da und dort zusätzlich einsetzen. Mehr noch: Pfiffige Start ups könnten daraus eine Geschäftsidee machen, Gesprächs- und Lese-Kanäle rund um den Globus einrichten. Die Kunst der Kreativen – zu denen ja auch Kulturschaffende gehören (sollen) – dürfte künftig darin liegen, on- und offline kreativ zu verbinden. Und es kann neue Vernetzungen geben. Parks mit großen Grünflächen könnten im Sommer Orte der Kultur werden. Open Air-Filmfestivals können mit Großleinwand, Lautsprecher und – statt Bierbänken – Picknickdecken daherkommen. Sicher: Die Zahl der Besucher müsste beschränkt werden. Doch Picknickdecken würden mit ihren zwei mal zwei Metern Grundfläche die natürliche Social Distance schaffen (Wobei Familien auf die Doppel-Decke achten sollten). Möglich sind vielleicht auch neue Allianzen mit den ebenfalls gebeutelten Gastronomen. Ein anderer Ansatz kommt aus der Theater-Szene, wo verstärkt über die Kunstform des Audio Walks nachgedacht wird. Audio Walk meint sowohl (gut einzeln) begehbare akustische Installationen als auch gedanklich-künstlerische Spaziergänge, bei denen die Rezipienten Abstand voneinander halten und der Output idealerweise über ipods, das eigene Smartphone oder andere Geräte erfolgen kann. Ersteres hat etwa die Kreativen-Schmiede saasfee* in einem kleinen Park unweit des Eschenheimer Turms eingerichtet. Dies nur drei neue Ideen für die Zeit mit und nach Corona. Ach ja: Die einfachste und noch dazu uralte Form, Kultur im realen Raum zu genießen, ist das Lesen eines Buches – zu Hause oder auf der Picknickdecke im Park … (vss.).