Die Kultur in den Startlöchern. Aber wie sieht die Ziellinie aus?
Quelle: Evangelische Akademie©

BLICK AUF 21 | ZUKUNFT KULTUR

Re-Start mit Augenmaß

... und an die Kulturschaffenden denken

Blick auf 21 – Den Blick voraus gibt es zu diesem Jahreswechsel auch für die Kultur. Die Kultur? Gibt’s die eigentlich noch, mag man vielleicht fragen. Ja, und sie kommt sogar mit Macht in diesem Jahr – angeblich zu Ostern. Dies ist kein Sarkasmus, sondern die Zustandsbeschreibung der höchsten hessischen Kulturpolitikerin. Was das heißt, versuchen wir im Leitartikel »Re-Start mit Augenmaß« auszuloten. Mit dem Aufruf, mehr und vor allem passendere Kultur für draußen und (online-) drinnen zu entwickeln. Und für dieses Entwickeln vor allem den »einfachen« Kulturschaffenden auch in diesem Jahr etwas Geld in die Hände zu drücken. Nicht zuletzt, um den zu erwartenden Kultur-Overkill in diesem Frühjahr abzumildern. Verhindern lassen wird er sich eh wohl nicht … (mehr lesen

Best of 20 | DER HFG-LOCKDOWN

Corona so gesehen

Fotos aus dem Off(enbach)

An vielen Unis und Hochschulen fand das Sommersemester weitgehend digital statt. So auch an der HfG Offenbach, deren Studierende im Frühjahr ebenfalls in den allgemeinen Lockdown gegangen sind. Doch was hätte an einer Kunsthochschule dann näher gelegen, als sich künstlerisch mit diesem Jahr und diesem plötzlichen Auf-sich-Selbst-gestellt-Dasein auseinanderzusetzen? Zumal bei jungen Menschen, für die dieses Auf-sich-Selbst bisher kaum zum allgemeinen Lebensgefühl gehörte. Fotografie-Studierende der HfG haben sich fotografisch mit der Zeit, mit ihrer Umwelt und mit sich selbst beschäftigt. Fotografisch hieß in diesem Falle: mit ihrem Smartphone. Mindestens 60 Fotos sind jeweils entstanden: Fotos, die Leben, Gefühle, Gedanken, Momente festhalten – eine Mischung sozusagen aus Lebenslagen und Lebensgefühlen, teils dokumentarisch, teils künstlerisch, teils beides, zuweilen allerdings auch abseits davon einfach die Fortsetzung künstlerischen Tuns mit anderen Mitteln. Entstanden sind gut zwei Dutzend Foto-Bücher, die als große Collage bildlich zeigen, wie es Studierenden in und mit diesem Corona-Jahr so ging.  Urban shorts zeigt eine kleine Auswahl dieses etwas anderen HfG-Sommersemesters 2020 … (red.).

Evangelische Akademie©
Die Naxoshalle - immer wieder ein Ort für die Zukunft
Quelle: Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©

Blick auf 21 | Krise ( ... ) kriegen [10]

Freie. Bühnen. Fördern.

Gast-Kommentar von Jan Philipp Stange

Krise kriegen und in den Griff kriegen – Auf Urban shorts haben dieses Jahr viele Kulturschaffende über ihr Jahr mit Corona geschrieben. Oft waren es Texte aus dem Moment heraus. Zum Abschluss der Reihe für dieses Jahr schreibt mit Jan Philipp Stange ein junger Theatermacher über ein Projekt, das für die freie Theater- und Performance-Szene weit über den Tag hinaus greift, dessen Notwendigkeit sich aber gerade in diesem Jahr besonders gezeigt hat: ein gemeinsames Haus als feste Bühne und als Fürsprecher – mitten in Frankfurt in der alten Naxoshalle. 

Zugegeben: Ich hatte noch Glück in diesem Jahr. Viele Premieren und Aufführungen ließen sich in den Spätsommer und Herbst verlegen, als Theater eine kurze Zeit geöffnet waren. Das hat mir geholfen, Ausfälle und Absagen zu verschmerzen, auch wenn viele Gastspiele erstmal auf unbestimmte Zeit auf Eis liegen – in der ganzen Republik stauen sich ja gegenwärtig Produktionen zu einem riesigen Berg ungesehener Stücke. Doch vielen Kolleg*innen ist es weniger gut ergangen. Das Jahr hat die »freie Szene« hart getroffen, trotz einiger Lichtblicke und kurzfristiger Hilfsgelder. Viele Theatermacher*innen sind verunsichert, auch hinsichtlich dessen, was noch an Kürzungen im Kulturbereich kommen mag. 2020 hat uns schmerzhaft gezeigt, wie vulnerabel die freien Theatermacher*innen sind, wie ungeschützt und wie prekär die Strukturen, in denen wir arbeiten.

Deswegen haben wir rund um Naxos die Pandemie-Pause genutzt, darüber nachzudenken, wie man freie Theater auf neue, sicherere Füße stellen kann. Ausgehend von jener Naxoshalle, die schon immer eine Avantgarde für freie Szene war. Unsere Antwort: Frankfurt braucht ein oder mehrere starke Zentren für die freie Szene. Und wir haben der Stadt und ihren Menschen eine Idee vorgelegt, wie man rund um das Theater Willy Praml und studioNaxos für jährlich ca. 500.000 Euro eine neue Struktur, eine gemeinsame Bühne und einen starken Fürsprecher bauen kann. Denn was uns wirklich hilft, sind vor allem langfristige Investitionen. Das sieht man schon an Naxos selbst. Während die Anforderungen mit den Jahren stiegen, sind Förderstrukturen nicht mitgewachsen. Unsere Aufgaben überfordern jetzt bereits die Infrastruktur. Für 180 Veranstaltungen im Jahr haben wir nur anderthalb Techniker*innen-Stellen. Vieles wird ehrenamtlich gestemmt. Das kann man ein paar Jahre machen, aber irgendwann braucht es Investitionen, um den Betrieb zu professionalisieren und langfristig abzusichern.

Und das ist überall so. Deshalb geht unser Ansatz auch über ein, über unser Haus hinaus. Meine Kolleg*innen und mich hat die Frage beschäftigt, wie man freies Theater und das Modell Naxos krisenfest weiterentwickeln kann. Die Frage nach Ressourcen und Spielorten ist eine dringliche, gerade in Frankfurt, wo ein großer Druck auf innerstädtischen Immobilien und auf der freien Kunst- und Kulturszene liegt. Dazu kommt, dass in prekarisierten Strukturen die Verteilungskämpfe steigen. Dabei steht jedoch gerade das freie Theater für Emanzipation, Kritik und zuversichtliche Visionen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man Räume abseits von Effizienz und Verwertung behaupten kann, wenn man gleichzeitig gezwungen ist, nach neoliberalen Kalkülen zu agieren. Oder anders: Wie kann man Strukturen schaffen, die Konkurrenz nicht auflösen, aber soweit abschwächen, dass den gesellschaftskritischen Impulsen der Szene ein selbstbewusster, aber vor allem solidarischer öffentlicher Raum gegeben wird? Und dies nicht auf der Vorder-, sondern auch auf der Hinterbühne. Denn wenn wir eines für die nächsten Jahre brauchen, dann einen belastbaren Begriff von gesellschaftlicher Solidarität – und zwar nicht nur für die Szene.

Deshalb müssen für diese Szene Kräfte auch gebündelt werden. Wenn ich an das Theater der Zukunft denke, denke ich gerne an die Idee der Kooperative. Produktionsstrukturen sind für mich »Commons«, also Ressourcen, die allen gehören und im Interesse der Allgemeinheit verwendet werden. Es gibt etwa in der Schweiz Lebensmittelkooperativen, in denen – verkürzt gesagt – den Bäuer*innen der Laden gehört, in dem sie ihre Lebensmittel verkaufen. So stelle ich mir das Theater der Zukunft vor. Deshalb sprechen wir von gemeinsamen Bühnen. Und die Idee von Naxos ist noch mehr: es will zugleich Theater und Produktionsverbund sein. So wollen wir erreichen, dass in unserem freien Theaterhaus der Zugriff auf Ressourcen solidarisch organisiert wird und viele Stimmen zu Wort kommen. Das freie Theater der Zukunft gehört für mich einerseits den Künstler*innen, die darin selbstbestimmt arbeiten und sich demokratische​ Entscheidungsstrukturen geben, sowie andererseits der Stadtgesellschaft, die darin ihr Forum findet. Seit einigen Jahren arbeiten wir bereits mit mehreren freien Gruppen und Künstler*innen an diesem Modell eines freien Theaterhauses für die Stadt. Wir haben dafür »auf Naxos« ein Produktionshaus geschaffen, das zeitgenössischer Theaterproduktion gerecht wird: nämlich partikularisierende Ästhetiken, Arbeitsweisen und Zuschauer*innen unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommt: Freies Theater hat sich zu lange im Zwist mit Stadttheatern heroisiert und mitunter eigene zweifelhafte Strukturen hervorgebracht. Dabei verlaufen die Trennlinien heute anders; Fragen von Teilhabe, Mitbestimmung, Offenheit und Leitungskultur sind einer neuen Generation von Theaterschaffenden wichtiger als Kämpfe gegen Institutionen. Davon ausgehend lassen sich aus einer starken Szene heraus starke Bündnisse  schaffen. In Frankfurt etwa entstehen dafür gerade Ansätze, sichtbar in zwei großen Festivals der nächsten Jahre, in denen Städtische Bühnen, Künstlerhäuser und die Szene zusammenarbeiten. Auch dafür braucht aber diese Szene ihre starken Fundamente und Fürsprecher.

Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©
Jahr im Wartestand - Orchestermitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie
Quelle: Achim Reissner©

Best of 20 | Krise ( ... ) kriegen [8]

Mehr als ein verlorenes Jahr?

Karolin Spegg und das Dilemma junger Musiker*innen

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. Doch keine Geschichte hat uns so sehr berührt wie die von Karolin Spegg, Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie und (eigentlich) Praktikantin am SWR Orchester in Stuttgart. Ihr Jahr fiel weitgehend aus, sieht man von einem Projekt und Mini-Konzerten »vor den Fenstern sozialer Einrichtungen« ab. Für junge Musiker*innen wie sie ist dies aber mehr als ein verlorenes Jahr. In ihrem Metier kann ein solches Jahr eine ganze Karriere zur Disposition stellen … 

Das Jahr 2020 hätte ein ganz besonderes werden sollen. Sowohl für uns als Junge Deutsche Philharmonie als auch für mich als eine Musikerin in den Startlöchern ihrer Laufbahn. Nach einem Neujahrskonzert in der Alten Oper standen für uns im Frühjahr eine große Konzerttournee mit dem Ensemble Modern, im Sommer das selbst entworfene interdisziplinäre Beethoven-Projekt »Alle Sinne für die Siebte« und im Herbst Händels »Alessandro« im ETA Hoffmann Theater Bamberg an. Und ich selbst war gerade eingetaucht in mein einjähriges Praktikum der Cellogruppe im SWR Symphonieorchester Stuttgart – ein fast unverzichtbarer Grundstein für eine Orchesterkarriere.

Doch im März und April wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. Erst dachten wir, es würde »nur« unsere Frühjahrstournee ausfallen. Doch schon im April schloss auch das ETA Hoffmann Theater bis Oktober seine Türen. Von Freund*innen und Kommiliton*innen hörte ich, dass nicht nur ich in dieser Zeit kaum Motivation hatte, mein Instrument in die Hand zu nehmen. Eine Online-Krisensitzung im Orchestervorstand rüttelte mich etwas auf. »Wir erlauben das nicht, ein Leben ohne Musik!« war ein Satz, den unser Erster Dirigent Jonathan Nott sagte. Er forderte uns auf, unter allen Umständen unser noch nicht eingestampftes Beethoven-Projekt zu realisieren – und außerdem als junges Orchester öffentlich Stellung zu beziehen.

Es folgten Videositzungen, Zoom-Workouts, Online-Stammtische, eine Mitglieder-Umfrage – und schließlich ein offener Brief an alle deutschen Orchester. Denn für uns junge Musiker*innen geht es nicht nur um ein verlorenes Jahr. Es geht um unsere Zukunft. Für Musikstudierende sind ein Praktikum oder eine Akademieausbildung in einem professionellen Orchester fast unumgänglich, um sich überhaupt auf feste Stellen bewerben zu können. Andernfalls erhält man oft nicht einmal eine Einladung zum Vorspiel, dem sogenannten Probespiel. Die Altersgrenze für die begehrten Praktika und Akademiestellen liegt oft bei 26 Jahren, und viele müssen mehrere Jahre Probespiel-Erfahrung sammeln, um in dieser strapaziösen Situation ihre Fähigkeiten überhaupt zeigen zu können.

Im Sommer 2019 war ich noch sehr glücklich, das einjährige Praktikum in Stuttgart gewonnen zu haben. Doch das unvergesslichste Erlebnis meiner Zeit mit den SWR-Symphoniker*innen war im Nachhinein wohl leider der 8. März dieses Jahres in Paris, an dem wir nach dem Check-In im Hotel erfuhren, dass soeben in Frankreich mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen ab 1.000 Leuten untersagt worden waren. Eine große Gruppe von Musiker*innen saß an dem Abend in der Hotelbar und diskutierte, ob nun wirklich das Konzert am nächsten Tag ausfallen würde. Gegen Mitternacht kam die Mail – das ganze Orchester war umsonst nach Paris gereist.

Anstatt wie vorgesehen ein ganzes Jahr Erfahrung in einem professionellen Rundfunkorchester zu sammeln, spielte ich von April bis Juli Duo-Auftritte vor den Fenstern sozialer Einrichtungen und Eins-zu-Eins-Konzerte für je eine*n Zuhörer*in. Als endlich wieder kleinere Orchester möglich wurden, durfte ich in einer reinen Streicherbesetzung noch eine Audioproduktion mitspielen. Praktika für die neue Saison wurden von vielen Orchestern vorerst nicht ausgeschrieben. Und selbst wenn, dann droht die Altersgrenze und drängen jüngere Musiker*innen nach. Auch mit festen Stellen sieht es wegen Einsparungen momentan schwierig aus – der Ansturm von Bewerber*innen scheint dagegen größer denn je. Ich bin irgendwie dankbar, dass ich erst noch ein Jahr Masterstudium vor mir habe!

Einen Lichtblick gab es aber. Im September haben wir als Junge Deutsche Philharmonie mit sechs Künstler*innen, einem Dramaturgen, einem Dirigenten, einem Organisationsteam und 32 Musiker*innen unsere Beethoven-Performance in fünf deutschen Städten auf die Bühne gebracht. 32 von 260 allerdings. Von unseren 260 Mitgliedern hat in der letzten Zeit nämlich nur ein Bruchteil gespielt, und es gibt Neulinge im Orchester, die schon vor einem Jahr ein erfolgreiches Probespiel hatten – und trotzdem noch nie mit uns spielen konnten. Wir haben im Sommer Probespiele unter strengen Hygienemaßnahmen veranstaltet, um jungen Leuten zumindest diese Erfahrung möglich zu machen und sie hoffentlich bald einbinden zu können. Denn eine ganze Generation bangt gerade um ihre Zukunft …

Achim Reissner©
Die Große Welle – das ewige Ringen zwischen Hokusai und Hausarbeit im Corona-Jahr 
Quelle: Katsushika Hokusai (1760-1849)©

Best of 20 | KRISE ( ... ) KRIEGEN [9]

Hungerkünstler und Mandarinente

Stephanie Nebenführ und ihr HfG-Corona-Jahr

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. In Folge 9 schreibt die Offenbacher HfG-Studentin Stephanie Nebenführ, wie es ist, wenn das Studium erstmals komplett virtuell abläuft, Kontakte mit Kommiliton*innen rarer werden, Studentenjobs entfallen – und dann auch noch die Mandarinente am Buchrainweiher plötzlich weg ist … 

Frankfurt, Anfang März. Der letzte Abend, an dem gefühlt nochmal alle zusammen kommen. Im 1822 Forum feiern wir die Eröffnung der Ausstellung »A Sitting and A Slurping and A Spitting and A Thinking« von Dominika Bednarsky, Studentin der HfG Offenbach. Es gibt erste Ellenbogen-Grüße, aber noch stehen Besucher*innen dicht gedrängt in der Galerie, draußen werden Zigaretten geteilt. – Frankfurt, ein halbes Jahr später im Oktober. Die von Arthur Löwen und Béla Feldberg kuratierte Gruppenausstellung »Orbit« wird im Messeturm eröffnet. Die Arbeiten der Künstler*innen, teilweise Studierende der HfG, sind über das gesamte Stockwerk verteilt, die Besucher*innen kommen in 45-Minuten-Slots, tragen Maske und halten Abstand. Zigaretten teilt sich hier keiner mehr.

Zwischen den beiden Ausstellungen liegt das digitale Sommersemester an der HfG. Anstelle von Zoom, das in vielen anderen Universitäten genutzt wird, werden Lehrende und Studierende an die Videochatplattform BBB (Big Blue Button) und an Mattermost (vorstellbar als digitales Schwarzes Brett) herangeführt. Die Technik-Abteilung der HfG hat in diesen Tagen viel zu tun. Lehrende und Studierende erhalten eigene Passwörter, Online-Veranstaltungen müssen koordiniert und Server gewartet werden, es herrscht ein stetiger Mail-Verkehr. Es braucht eine Weile, bis sich alle an die Programme gewöhnt haben, doch mit kleinen Ausnahmen klappt alles überraschend gut. Obwohl die digitalen Mittel die gleichen sind, unterscheiden sich die Kurse aber stark voneinander. Da gibt es die Vorlesung von Christian Janecke, Professor für Kunstgeschichte, die auch Teilnehmer*innen außerhalb der HfG offensteht. An einigen Tagen sind es dann auch mehr als 120 Zuhörende, die sich fröhlich im Chat begrüßen. Andere Kurse sind kleiner und familiärer. Im Kurs »Experimentelle Raumkonzepte« von Heiner Blum zeigen die Studierenden ihre Projekte nun von zu Hause aus. Wie bei PowerPoint kann man Fotos, Skizzen und ähnliches hochladen und den anderen präsentieren.

Business as usual, nur eben jetzt etwas anders – könnte man meinen. Ja, aber eben doch nicht ganz. Gerade der zweite Kurs zeigt den Unterschied. In diesem Rahmen wird nicht nur über Projekte gesprochen, sondern auch über die Probleme der Studierenden. Viele haben in den letzten Wochen ihre Nebenjobs verloren und sind in finanzielle Notlagen geraten. Von Hartz IV sind Studierende ausgeschlossen, die Überbrückungshilfen für Künstler*innen stehen zu Anfang nur denjenigen zu, die Mitglied in der Künstlersozialkasse sind, das ist der Großteil der Studierenden aber nicht. Erst im Juni gibt es die Überbrückungshilfe des Bundes speziell für Student*innen, die aber wiederum nur unter strengen Bedingungen bewilligt wird. Zynisch kann man einwerfen: durch die wegfallenden Jobs habe man zwar kein Geld, aber dafür endlich Zeit, die Projekte, die sonst aus Zeitmangel nicht zu realisieren sind, anzugehen. Allerdings arbeitet es sich, entgegen des Klischees des Hungerkünstlers, nur schwer mit Existenzsorgen. Da wird statt an der Hausarbeit zu schreiben, die »Große Welle vor Kanagawa« von Hokusai gepuzzelt, das unfertige Projekt gegen die Dokumentation »Der Penny auf der Reeperbahn« eingetauscht, und statt sich um die Diplomarbeit zu kümmern, steht man dann plötzlich mitten im Wald am
Buchrainweiher und fängt beinahe an zu weinen, weil die Mandarinente, die man eine Woche vorher dort entdeckt hat, heute nicht da ist. Aber vielleicht unterscheiden sich da die Erfahrungen.

Wenn man Glück hat, trifft man dann auf dem Heimweg eine Kommilitonin und merkt im Gespräch über durchkreuzte Pläne und Verdienstausfälle, dass man nicht alleine ist. Und das hilft viel, denn bei all den Problemen geht ja doch alles immer weiter. Und so wird auch der Rundgang der HfG, der jeden Juli ein großes Publikum anzieht, nicht abgesagt, sondern nur so verändert, dass er unter dem Titel Interventionen – unter Berücksichtigung aller Maßnahmen  doch stattfinden kann. Ob in den Schaufenstern der Fußgängerzone, an Plakatwänden, oder über instagram; die Studierenden tragen dafür Sorge, dass ihre Arbeiten auch in Zeiten der Pandemie sichtbar bleiben. Bleibt zu hoffen, dass auch die in Not geratenen Studierenden nicht übersehen werden. Und dass auch wir uns wieder mehr sehen können. Denn auch das Miteinander macht Studium aus …


Kulturland hoffentlich nicht bald abgebrannt in Corona-Zeiten
Quelle: Niko Neuwirth©

Best of 20 | Kultur im Corona-Herbst

Zwischen Scylla und Charybdis

Ein Kurz-Essay von Karin Wolff

Deutschland ist im »Lockdown light«. Für die Kultur wird dieser allerdings weniger »light«. Sie wird erneut fast komplett heruntergefahren. Karin Wolff, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, ordnet in ihrem Kurz-Essay die Situation der Kultur und der Kulturschaffenden ein. Sie ruft zudem auf, die kommenden Wochen kreativ zu nutzen und für den Winter an Ideen und Konzepten zu feilen. Und für sie wären bei allem Verständnis für die Politik gerade jetzt Kulturschaffende wohl auch gute Überbrückungshelfer*innen gewesen …

Wer gerade auf die Kultur schaut, kann sich fast nur noch in Analogien flüchten. Er mag an Dramen oder Trauerspiele denken. Oder an Odysseus und die Argonauten, die zwischen den Ungeheuern Scylla und Charybdis die sichere Durchfahrt suchten. Wie sie, können sich Kulturschaffende gerade fragen, ob die Gefahr eher physisch von Corona Scylla oder pekuniär vom Lockdown Charybdis droht. Bund und Länder haben beschlossen, die Kultur mal wieder Richtung Charybdis driften zu lassen. Doch wäre für sie nicht auch ein Kurs dazwischen navigierbar gewesen? Was hätte dagegen gesprochen, in der Münchner Philharmonie mit 2.500 Plätzen 100 oder 200 Menschen ein wenig von der Tristesse dieses Corona-Herbstes abzulenken? Was, die Menschen, die derzeit ohnehin nicht in Scharen in die Museen drängen, wenigstens noch durch die großen Ausstellungshallen schlendern zu lassen? Gerade jetzt! Als Ort ausgelassenen Feierns und sinnlosen Betrinkens sind weder Philharmonie noch die Frankfurter Museen Angewandte oder Moderne Kunst bekannt. Selbst Off Spaces und kleine Galerien mit meist nur wenigen Besucher*innen sind kaum Super-Spreader. Das war eher ein Opernplatz – der aber nur so heißt.

Die Entscheidung fiel pauschal in Richtung aller Treffen von Menschen außerhalb von Schule und Beruf. War vor wenigen Wochen noch klar, dass sich nur wenige in Kultureinrichtungen (und auch in Restaurants, die regelkonform waren) ansteckten, können wir da nicht mehr ganz sicher sein. Es macht nun wenig Sinn, noch einmal herunterzubeten, wie arg es diese Kultur und vor allem die – sie mögen mir den Ausdruck verzeihen – »kleinen Kulturschaffenden« in diesem Jahr gebeutelt hat. Ich meine nicht vorrangig Intendanten und Museumsdirektorinnen, sondern Beleuchter und Cellistinnen, die Malerin und den Museumsführer. Nun sind sie erneut für Wochen zur Untätigkeit verurteilt. Doch es ist, wie es nun ist. Umso wichtiger ist es jetzt, die Zeit zu nutzen und für den langen Winter an Ideen und Konzepten zu feilen – diesmal mit den Erfahrungen des Sommers. Die Beobachtung hat gezeigt, dass es in etlichen Museen, Konzertsälen und Theatern möglich war, Aufführungen und Ausstellungen sicher für Macher*innen und Besucher*innen über die Bühnen zu bringen. Sicher: Es standen Fragezeichen auch in den Augen von Kulturbegeisterten. Sie brauchten Vertrauen: Halte ich es eher für wahrscheinlich oder für unsicher, dass ich der Lust auf Kultur freimütig folgen kann? Ist das Hygienekonzept so, dass ich Platz habe und der Maskenpflicht gefolgt wird? Und es reicht leider nicht, das Abstandsgebot im Raum zu sichern und zu lüften; was nützt es, wenn vor dem Eingang »Klumpen« entstehen wie einst auf dem Raucherschulhof? Oder wenn danach draußen im Pulk dem Rotwein gefrönt wird? Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir eine Wiedereröffnung in Stufen bekommen, wie es schon zum Teil begonnen hatte: die »normale« Veranstaltung wird kürzer sein als früher und ohne Pause, später vielleicht mit der Möglichkeit eines geselligen Abschlusses, wenn alle ein paar Regeln beachten. Auch in den »fülligeren« Events à la Bayreuth wird es eben einzig Lüftungspausen geben. Die normale Pause bei einem guten Glas sehe ich vorerst eher nicht. Auch kein Theater oder Konzert über zwei Stunden hinaus. Aber das muss ja keine Bedrohung sein, sondern kann auch neue Perspektiven eröffnen. Macher*innen und Besucher*innen sind gemeinsam gefragt, die Kultur im wahrsten Wortsinn zu sichern. Dessen sollte sich auch das Publikum in den kommenden Wochen bewusst werden.

Wenn wir eines aus dem Sommer gelernt haben, dann das: Gemeinsam geht vieles. Ich denke da bei mir zu Hause in Darmstadt an die Centralstation, die ihre Bühne öffnete für andere, die keine eigenen sicheren Bühnen hatten. Gleiches machten in Offenbach das Capitol oder in Mainz die »Kulturgärten«. Außerdem haben wir outdoor gute Erfahrungen gemacht. Wiederum in Darmstadt konnte man gerade durch die Open-Air-Ausstellungen der »Darmstädter Tage der Fotografie« wandeln, am Spanischen Turm oder auf dem nahen Waldkunstpfad. Auch in Frankfurt und Offenbach war Gleiches im Sommer und auch in diesen Tagen zu sehen: etwa bei den diesmal ihren Namen verdienenden HfG-»Rundgängen« in den Innenstädten oder gerade dieser Tage bei den WestAteliers im Frankfurter Gallus. Und auch, wenn es kühler wird: Man sollte diese Outdoor-Option im Blick haben, trotzt sie doch erst recht jedem Virus – und im November sogar jedem Lockdown. Sicher: Bei einigen Formaten ist auch der Weg ins Netz bei aller Gegenwehr der einzige gerade schiffbare, zum Beispiel um Jugendlichen den Weg zur Kultur zu ebnen. Manches ist sogar prädestiniert, ein zweites Leben im Netz zu haben: die Filmfestivals etwa, die jetzt im November leider nur auf diesem Weg an die Öffentlichkeit können. Wie dem auch sei: Nutzen wir die Zeit! Bereiten wir uns vor, danach wieder so viel Veranstaltung mit Begegnung zu ermöglichen, wie es geht. Aber brechen wir dabei nichts übers Knie, nutzen wir die Erfahrungen des Sommers und übernehmen wir – und damit meine ich auch uns als Publikum – auch Verantwortung. Ach ja: Die Argonauten sollen zumindest manchen Quellen zufolge ganz​ gut zwischen Scylla und Charybdis durchgekommen sein. Wenn sie nicht gar kreativ einen anderen Weg gewählt hatten. Man muss sich eben nur die richtige Geschichte suchen. Aber darin ist die Kultur ja bekanntlich gut …


Kunsthalle Darmstadt - viel Platz zur Zeit nicht nur draußen
Quelle: Kunsthalle Darmstadt©

Best of 20 | Ausstellungen

Kunst mit Konzept

Viel Platz in Ausstellungsräumen

Zu den Orten, die man in Corona-Zeiten noch empfehlen könnte, gehören eigentlich viele Museen und diverse Ausstellungsräume. Sie punkten mit viel Platz, Hygiene-Konzepten und – leider – wenig Besucher*innen. Manche sogar noch mit guten Ausstellungen. Zu besichtigen aber wohl erst wieder im neuen Jahr …  

Museen und Ausstellungsräume haben im Corona-Jahr einen schweren Stand. Hört man sich um, lag der Besuch die meiste Zeit bei etwa 20 bis 30 Prozent gegenüber »normal«. Wenn man mal geöffnet haben durfte. Ein wenig paradox ist die Situation schon. Bei aller Vorsicht einer solchen Aussage: Aber gerade viele Museen und Ausstellungsräume gehören eigentlich wohl zu den eher sicheren (Kultur-) Orten in der Region. Zum einen bieten gerade Museen und große Ausstellungsräume wie die Museen Angewandte und Moderne Kunst in Frankfurt, das Museum Wiesbaden oder die Kunsthalle Darmstadt per se viel Platz durch ihre weiten, großzügigen Räume. Zum anderen sorgt das ausgedünnte Publikum in den auch sonst selten überlaufenen Kunsttempeln für viel Freiraum. Vor allem aber haben die Häuser mittlerweile ausgefeilte Hygiene-Konzepte, die sicher mehr Sicherheit verheißen, als dies in vielen Wochen dieses Jahres auf Opern- oder Friedberger Plätzen in Frankfurt der Fall war. Einzig Lüften ist häufig ein Problem.

Punkten können – oder konnten – derzeit neben den genannten Häusern etwa die gleichsam tierische und allzu menschliche Dreier-Schau »Artentreffen« in Wiesbaden, Offenbach und Rüsselsheim sowie einige sehr unterschiedliche Highlights in Darmstadt (»Tomàs Saraceno«), Bad Homburg (»Was ist Natur?«) oder Frankfurt (»Die weibliche Seite Gottes«), wobei im Bad Homburger Sinclair Haus tatsächlich der Platz recht eng ist. Aber auch kleinere Räume wie etwa die Ausstellungshalle, das Heussenstamm oder die Galerie Peter Sillem (einer der wenigen Orte, die im November offen hatten) in Frankfurt sind oder wären durchaus empfehlenswert. Denn was für viele Museen gilt, stimmt häufig auch für diese Orte. Zwar haben sie per se weniger Platz, dafür aber schon immer auch deutlich weniger Besucher*innen. Das Heussenstamm etwa hatte zuletzt mit seinen Ausstellungen einige Dutzend Besucher*innen pro Tag unter der Woche. Kleine Galerien etwa rund um die Frankfurter Fahrgasse, in die eigentlich noch weniger Menschen passen (würden), begrüßen ihre Gäste ohnehin meist nur »per Handschlag« (was in diesem Falle natürlich als Redewendung gemeint ist); und zwar völlig unabhängig von Corona. Zudem gelten auch dort Hygienekonzepte, sind etwa Maskentragen und Desinfektionsmittel Standard. Gerade »die Fahrgasse«, wo auch um November manche Galerien als Einzelhändler offen blieben, hat übrigens ganz gute Voraussetzungen: viele Räume nebeneinander und viel Platz in der Straße dazwischen. Beschränkungen ab einer bestimmten Zahl von Besucher*innen gelten übrigens bei allen genannten Häusern. Allerdings sind in diesem Herbst noch nirgendwo Schlangen gesichtet worden … (sfo.).