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Suleima in Damaskus
Quelle: scs / Arte©

Kurzfilm des Monats

Inside Syria …

Jalal Maghouts »Suleima« (Arte)

Urban shorts verleiht jeden Monat in seiner urban shorts selection den urban shorts award. Bisher galt dabei die Regel: Kein Film sollte länger als 10 Minuten sein. In diesem Monat hat sich die Redaktion entschieden, für einen besonderen Film diese Regel einmalig zu brechen. Die Wahl der Jury und der Redaktion fiel in diesem Monat auf »Suleima«, ein von Thema und Art außergewöhnliches Statement. Der syrische Filmemacher Jalal Maghout, 2013 zum Studium des Animationsfilms nach Deutschland gekommen und hier geblieben, erzählt in »Suleima« die Geschichte einer Frau im Syrien Asads. Einer Frau im Widerstand. In einem Syrien der Diktatur, des Überwachungsstaates und eines menschenverachtenden Regimes im Krieg gegen sein eigenes Volk. Wenige Dokumentationen geben einen so tiefen Einblick in das Innere Syriens wie diese filmische Graphic Novel. Sie zeigt ohne Larmoyanz, warum die Menschen gegen dieses Regime aufstehen und warum sie dieses Land verlassen (haben). Eine eindrucksvolle fiktive Dokumentation und zugleich ein Stück politischen Engagements und Widerstands. Und dies in 15 dichten Minuten, die es rechtfertigen, auch einmal eine Regel zu brechen … (uss.).

scs / Arte©
Aus dem Originalplakat »Pentagon Papers«
Quelle: scs / Verleih upig©

Der Film | »Die Verlegerin«

Medien, Macht und eine Frau

Steven Spielbergs Film über Presse (und) Freiheit

Für Zuschauer, die sich mit der Geschichte der USA in den 70er Jahren nicht so gut auskennen, ist der erste Teil des Films »Die Verlegerin« von Steven Spielberg sicher etwas zäh. Aber unglaublich mitreißend ist dafür Meryl Streep in ihrer Rolle als Besitzerin der »Washington Post«. Und die steht im Mittelpunkt des Films. In der Redaktion der Zeitung sind 90 Prozent der Journalisten, die ihre Texte in die Schreibmaschinen tippen, Männer. In allen Aufsichtsratssitzungen muss sich die Erbin als einzige Frau gegen viele sexistische Vorurteile zur Wehr setzen. Wie schwer das für eine Frau sein kann, die nur ganz nach oben kam, weil ihr Mann gestorben war, das lässt Meryl Streep das Publikum geradezu körperlich miterleben …

Fast nebenbei lehrt der Film viel über die Stimmung in den USA zu Zeiten des Vietnamkriegs und über die Verflechtung von Geldgebern, Politik und Medien in dieser Zeit. Zeitungen wurden damals noch in einzelnen Lettern von Druckern zusammengesetzt. Doch es drängt sich trotzdem der Vergleich auf mit der aktuellen Situation unter Donald Trump, welcher die Presse gerne mal der Fake News bezichtigt. In »Die Verlegerin« durchforsten die Journalisten auf dem Boden hockend im Wohnzimmer von Chefredakteur Ben Bradley (Tom Hanks) die fotokopierten 4.000 Seiten der »Pentagon Papers«, die zeigen, wie die US-Regierung jahrelang junge Männer trotz besseren Wissens ins Verderben des Krieges geschickt hat. Die Verlegerin ist mit dem Verteidigungsminister und dessen Familie befreundet, was ihre Entscheidung über die Veröffentlichung des brisanten Materials nicht einfacher macht. Es geht auch ums finanzielle Überleben, um die Existenz der Zeitung. Der Film zeigt die ganze Komplexität der Pressefreiheit – ohne die einfache Einteilung in Gut und Böse. Er ist ein »Must see« für alle, die sich für Journalismus interessieren. Und für alle anderen, die in dieser Welt leben, eigentlich auch … (lys.).

Nachgeschaut

L’ Égypte Empathique

Denis Dailleux: Égypte + Mères et Fils

 

Empathie ist etwas, das selten geworden ist in der Kunst unserer Tage. Der französische Fotograf Denis Dailleux jedoch zelebriert geradezu diese alte menschliche Tugend in und mit seinen Fotos aus Ägypten. Auf ungewöhnliche Art und Weise hat er sich den Menschen in Kairo und in diesem Land genähert – und sie nicht selten in gleichsam alltäglichen und erstaunlich persönlichen Momenten festgehalten. Menschen in einem Bahnhof ebenso wie mit ihren Tieren auf dem Land. Sogar in Räumen, in denen der Mensch allgegenwärtig ist, ohne selbst im Bild zu sein. Noch deutlicher wird die Empathie, mit welcher Dailleux an seine Arbeit geht und welche gleichermaßen die Menschen in seinen Fotografien auszeichnet, in seiner kleinen Kabinett-Serie »Mères et Fils«. Sie zeigt – wie der Titel schon sagt – Mütter und ihre Söhne. Und mehr noch: ein inniges, fast zärtliches Verhältnis zwischen diesen beiden. Umso erstaunlicher, da es sich bei den Söhnen um junge Männer handelt, die als Bodybuilder ihre eigene Stärke inszenieren – und mit ihrer Hinwendung zu ihren Müttern die (emotionale) Stärke dieser Frauen erst recht unterstreichen. Zwei ungewöhnliche Serien von Bildern. Kurze Momente der Empathie und Intimität in einer immer unpersönlicheren und schnelllebigeren Welt (vss.).

Rick Harris | CC 2.0
Rick Harris' Lonely Phone Booths
Quelle: Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©

Kunststück | The Red Boxes

Bittere (Zell-) Zeiten

Telefonzellen als Kunstwerke

Für Telefonzellen scheinen weltweit bittere Zeiten angebrochen. In unseren Mobile Times, in denen die Menschen nicht nur Bilder und Urlaubseindrücke, sondern auch ihre Telefongespräche öffentlich teilen, haben sie zunehmend ausgedient und werden weltweit abgebaut. Nur in ein paar abgelegenen Orten kämpfen Menschen noch um ihre Telefonkabine (Mehr). Ein paar von ihnen überleben noch mit neuem Inhalt – als Bücherschränke, Coffeeshops oder gar Reparaturläden für Smartphones (Mehr). Doch längst scheint auch die Kunst die ausgedienten Zellen entdeckt zu haben. Manche werden flugs zu Ausstellungsräumen oder gar öffentlichen Aquarien umfunktioniert. Andere werden selbst zu Kunstwerken. So etwa bei dem kanadischen Fotografen Rick Harris, den ein paar alte und besonders bemitleidenswerte Exemplare zu einigen eindrucksvollen Foto-Sessions veranlasst haben. By the way: Mit seinem Hang zum Morbiden hat er auch bereits ausgediente Räume, Sessel oder Einkaufswagen neu inszeniert … (vss.).

Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©
Eine ganze Telefonzellenzeile - nicht nur in London mittlerweile ein sehr seltener Anblick
Quelle: AnTu©

Urban21 | Zellsterben

Die letzten Telefonzellen …

... und ein gallisches Dorf in Frankreich

In der Schweiz und in Frankreich endete mit dem Jahreswechsel eine vertraute Ära: die der Telefonhäuschen oder der »cabines téléphoniques«, wie sie in diesen beiden Ländern heißen. In der Schweiz lief die Verpflichtung der Swisscom zur flächendeckenden Versorgung mit den Häuschen aus. Und damit dürften auch die letzten paar Tausend der einst 61.000 öffentlichen Fernsprecher im Alpenland nur noch ein kurzes Leben haben, wie die Neue Zürcher Zeitung dieser Tage mutmaßte. Und auch in Frankreich werden rund um den Jahresbeginn die letzten 1.500 Zellen abgebaut. Sie sind laut dem inzwischen privatisierten, einstigen Staatskonzern Orange, der sie betreibt, mit 10 Millionen Euro Kosten pro Jahr zu teuer und dafür viel zu selten genutzt. Jedes Jahr gehe die Dauer der in den Kabinen geführten Telefongespräche um 40 Prozent zurück. Vor 20 Jahren gab es noch 300.000 Telefonhäuschen in Frankreich. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Wie mittlerweile in vielen Ländern dieser Welt.

Dabei funktioniert gerade in Frankreich das Mobilfunknetz, dessen Omnipräsenz den kleinen Häuschen nach und nach den Garaus macht, nicht überall im Lande wirklich gut. Und daher rührt auch die kleine Geschichte eines »gallischen Dorfes«, das ganz wie bei Asterix Widerstand leistet. Der kleine Skiort Ceillac in den französischen Alpen – im Département Hautes-Alpes etwa 80 km von Gap entfernt – kämpft um seine Telefonzelle. Der Bürgermeister hatte schon im März 2017 an den neuen Präsidenten Emmanuel Macron und an den CEO von Orange geschrieben. Weil das Mobilfunknetz in seinem Ort kaum funktioniere – von Internet gar nicht zu reden -, müsse die letzte Telefonzelle, die sich in Flur des Rathauses befindet, erhalten werden. Während der Skisaison halten sich etwa 3.000 Menschen in Ceillac auf, im Rest des Jahres sind es zehn mal weniger. Aber einige ältere Bewohner des Dorfes haben gar kein Telefon und kommen ins Rathaus – auch um sich in der Telefonzelle anrufen zu lassen. Laut örtlichen Medien hat der Bürgermeister sogar einen Techniker, der gekommen war, um die Telefonzelle 2017 bereits abzubauen, persönlich davon abgehalten. Seither gehen die Bewohner von Ceillac davon aus, dass ihre Telefonzelle erhalten bleibe. Und wenn es die einzige wäre im ganzen Lande. Oder vielleicht sogar im ganzen Europa … (lys. / sfo.).

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Neues Leben - als Aquarium, als Bücherschrank, als Galerie. Darunter: Out of Order (David March)
Quelle: us, pmau, Salino01, Andre Carrotflower, Clavecin | Copyright-Details s. unten©

Urban21 | Die neue Zellkultur

Vom Pub bis zum Bücherschrank

Neues Leben in alten (Telefon-) Zellen

Über viele Jahrzehnte hinweg gehörten Telefonhäuschen in fast allen Ländern und Städten dieser Welt zum festen Straßenbild. Zu den bekanntesten Exemplaren gehören wohl die berühmten roten Booths der British Telecom und die allseits vertrauten gelben Kabinen ihres deutschen Pendants. Doch der Siegeszug der Mobile und Smart Phones führte zum langsamen, aber steten Dahinsiechen der doch eigentlich smarten Boxen. Staatliche Auflagen retteten ihnen da und dort noch das Leben, auch wenn sie längst kaum mehr benutzt wurden. In Deutschland, Frankreich und der Schweiz sollen einst rund eine halbe Million der Kabinen herumgestanden haben. Mittlerweile sind es nur noch 20.000 bis 30.000, rund drei Viertel davon in Deutschland. In Frankreich und der Schweiz werden seit dem Jahreswechsel auch die letzten Häuschen so langsam abgebaut. Fast schon symbolhaft hatte diese Entwicklung bereits in den 90er Jahren der britische Künstler David March in seiner Skulptur »Out of Order« vorweggenommen.

Doch seit einigen Jahren scheint das Zellsterben ein Ende zu haben. Nicht, dass es auf einer neuen Retrowelle plötzlich wieder mehr Kabinentelefonierer gäbe oder zunehmend autistische Smart Phone-Besitzer die Box nun gar zum eigenen Schutz entdeckt hätten. Aber immer öfter regt sich neues Leben in den alten Zellen – und zwar weltweit. Neuen Raum findet darin etwa plötzlich ein Medium, dem eigentlich zuweilen selbst das Aussterben prognostiziert: das Buch. In alten Telefonzellen finden mittlerweile »Bücherschränke« zum Einstellen und Finden alter und/oder gelesener Bücher ein neues Zuhause. Weit verbreitet sind diese Minibibliotheken in Deutschland; sowohl in alten Telekomkabinen, als auch in Original-Phone-Booths aus Großbritannien. Doch auch Firmen und Privatleute sichern sich hierzulande ausrangierte Zellen, um sie sich zur Dekoration in Büroräume oder in den heimischen Vorgarten zu stellen. Und sie sind dabei so beliebt, dass die Telekom angeblich selbst schon kaum mehr über Altbestände verfügen soll. Apropos. In manchen modernen Großraumbüros sollen die Telefonzellen sogar ihren ursprünglichen Zweck wieder erfüllen – mal in Ruhe und ohne Zuhörer ein Telefonat zu führen …

Doch die einst so häufigen Häuschen sind längst nicht mehr nur als Liebhaberstücke unter die Leute gekommen. Auch zu mehr oder minder kommerziellen Zwecken erblühen sie mittlerweile zu neuem Leben. Im schottischen Kilberry etwa hat Hotelbesitzer David Wilson eine der alten roten BT-Relikte für ein Pfund erworben und den wahrscheinlich kleinsten Pub der Welt daraus gemacht, wenn auch vornehmlich für die eigenen Hotelgäste in der abgelegenen Gegend. Eine Investition, die sich bereits beim ersten Gast amortisiert haben dürfte. Wobei die Geschäfts-Idee in Großbritannien gar nicht mal mehr so originell ist. Viele der alten BT-Häuschen, die es übrigens bereits seit fast 100 Jahren gibt, haben mittlerweile neue Bestimmungen als kleine Shops, Salat-Bars, Cafés (für richtige Bars außerhalb eines Hotelgeländes bräuchte man eine Lizenz) und sogar Mobile Phone Repair Shops. Längst gibt es sogar eine eigene Firma namens Red Kiosk Company, welche die Häuschen für rund dreieinhalb Tausend Pfund im Jahr vermietet. Allerdings wirft das neue Geschäft neue Probleme auf. Der Nachrichtendienst Bloomberg berichtete kürzlich, dass nun neue Lizenzen erarbeitet werden müssten, da es sich hier weder um einen stationären noch um einen fliegenden Händler handelt … (sfo.).