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Zwei Filme aus einer Hand. Aus: »Das Geschäft mit der Armut / Globale Dickmacher«
Quelle: 3sat©

Mediale Inszenierungen

Moderne Medien-Maßkonfektion

Wie ZDF und 3sat ihre Zuschauer sehen

In der Modebranche gibt es Konfektionsware, Maßanfertigung – und »Maßkonfektion«. Letzteres ist die Mischung aus dem Anzug oder dem Kostüm von der Stange und dem ausschließlich für einen Träger oder eine Trägerin individuell angefertigten Kleidungsstück. Ein Konfektions-Corpus wird dabei auf die besonderen Maße der Besitzerin oder des Besitzers angepasst hergestellt. Mittlerweile gibt es dies auch in den Medien. In großen Zentralredaktionen wird beispielsweise eine Zeitungsreportage ganz nach Bedarf für das Boulevardblatt, für die Lokalzeitung oder für das eher intellektuelle Wochenmagazin ein und desselben Verlages zurechtgeschnitten.

Wie so etwas im Fernsehen aussieht, kann man derzeit an zwei Reportagen in den Mediatheken von ZDF und 3sat sehen. Also eigentlich an einer Reportage – in zwei verschiedenen Versionen. Autor Joachim Walther hat rund um den Globus recherchiert, wie globale Konsum- und Lebensmittelkonzerne sich in den aufstrebenden Schwellenländern neue Märkte entwickeln. Und erzählt zu den gleichen Bildern zwei Geschichten. Er erzählt für das 3sat-Publikum die moralische Geschichte vom »Geschäft mit der Armut«, in dem die weniger kaufkräftige Bevölkerung Minipackungen zu Maxipreisen bekommt und obendrein die künstlichen Nahrungsmittel der Gesundheit nicht gerade förderlich sind. Und er erzählt dem ZDF-Publikum die eher plakative Geschichte von den »Globalen Dickmachern«, mit denen die Konzerne ganz nebenbei auch noch prächtige Geschäfte machen. Der Betrachter kann sich derzeit beide Beiträge parallel in den Mediatheken ansehen – oder sich seine Version aussuchen. Und erhält noch ganz nebenbei einen Einblick, wie sich ZDF und 3sat wohl so ihre Zuschauer vorstellen (vss.).

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Aus: Elle
Quelle: Elle / Filmmuseum©

In Frankfurt | Filmmuseum

Ein etwas anderes »Film(e)festival«

Filmmuseum zeigt Kinohighlights 2017 in Originalfassungen

Das Kino im Deutschen Filmmuseum Frankfurt macht Anfang des Jahres zwar kein Film-Festival, aber ein kleines Filme-Festival mit ausgewählten Kinohighlights des Jahres 2017. Das Besondere daran: Es handelt sich nicht nur um herausragende Programmkino-Filme des abgelaufenen Jahres, sondern zugleich ausschließlich um Originalfassungen mit Untertiteln. Die Reihe mit zahlreichen kleinen und größeren Perlen von Kaurismäkis »Die andere Seite der Hoffnung« bis Lelios »Eine fantastische Frau« wird auch im Februar noch fortgesetzt (red.).

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Neue Sichtweisen. Neue Begegnungen. Mit Ausschnitten aus Santuary & Rimini Protokoll
Quelle: Kerstin Behrendt, Daniel Ammann, Barbara Walzer©

Art(s)21 | Stadt + Migration

Dem/den Neuen begegnen

Das Neue mit neuen Formen aufarbeiten

Seit dem »Sommer der Migration« gibt es sie: die Flüchtlinge und Geflüchteten mitten unter uns. Und mit ihnen die zahllosen einzelnen Begegnungen aller Art im Alltag, manches Mal eine echte Konfrontation, manches Mal aber auch einfach eine Begegnung mit vielem Neuen. Wir erzählen darüber Geschichten, wir bekommen dadurch Inspiration oder wir erfahren Irritation. Künstlerinnen und Künstlern aus vielen Teilen der Welt geht es ebenso. Und sie setzen sich mit ihren Mitteln mit diesen Themen Flucht und Migration, aber auch mit Konsequenzen wie Stadtentwicklung und aktivem Stadtumbau auseinander. Und entwickeln dabei nicht selten neue Formen, Spielarten und Erzählweisen. Nicht selten auch inspiriert von diesen »neuen« Menschen mitten unter ihnen.

»Displacements« im Frankfurter Mousonturm war fast drei Wochen lang ein Ort für solche neuen Formen, Sicht- und Erzählweisen. Besonders auffällig: Die Theaterstücke und Performances von und mit Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt verzichteten fast ausnahmslos auf Grenzen und Barrieren. Bühnen, Kulissen, Darsteller und vor allem das Publikum vermischten sich und begegneten sich fast immer sehr direkt. In der Hör-Bild-Performance »Stadt (Land Fluss)« von Hannes Seidl und Daniel Kötter wandeln die Besucher selbst durch das Stück, können sich sogar jeder quasi das eigene Stück zusammenstellen, sich mit eigens produzierten Kopfhörern selbst auf die Reise machen, einen Platz in der Stadt zu finden. In dem rituellen und dokumentarischen Parcours »Sanctuary« des Südafrikaners Brett Bailey gehen die Besucher im 5-Minuten-Takt in kleinen Gruppen durch Gänge aus Nato-Draht und begegnen in »Tableaux vivants« Bildern von geflüchteten Menschen in unterschiedlichen Situationen. Und diese blicken den Besucher wiederum an – in die Augen, unausweichlich. Es geht um Verzweiflung, Angst – oder auch Sicherheit. Der Wahrnehmung von Europa. Mit »Evros Walk Water«, einem Cage-Re-Enactment, hat Daniel Wetzel (Rimini Protokoll) schließlich mit geflüchteten Jungen ein Bühnenbild und ein Hörstück erarbeitet, die von den Besuchern nun be- und gespielt werden (müssen). Drei Beispiele neuer Welten und anderer Erzählungen, die sich mit »den Neuen« in unserer Welt auftun. – eine spannende Schnittstelle zwischen (neuem) urbanem Leben und (neuer) urbaner Kunst … (loe.)

KURZESSAY | SONGS, SO WRONG [4]

Kreolisch müsste Fan können …

Bob Marleys legendäres »No Woman No Cry«

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Aus: Musiker in Frankfurt | (c) Barbara Walzer

Zu den größten Irrtümern, denen auch ich als Autor regelmäßig erlegen bin, gehörte lange Zeit die Fehldeutung des Titels »No Woman No Cry« als »Keine Frau, kein Weinen« oder »Ohne Frauen? Da gäb’s keinen Stress!«. Damit war ich gerade in Europa nicht allein, zumal viele Titelnennungen, die man in Zeitschriften las, nur ein einziges Komma aufwiesen: zwischen »No Woman« und «No Cry«. Und selbst auf Covers von Bob Marley wird der Titel mal mit diesem Komma, mal gänzlich ohne Kommas angegeben. »Keine Frauen, kein Ärger«, diese Deutung wirkte allerdings schon immer reichlich seltsam. Denn warum hatte der Song einen so beseelt-entspannten Reggae-Groove, und wieso schwenkten immer Tausende von Fans bei Konzerten glückselig ihre Feuerzeuge, wenn doch in den Lyrics so abschätzig über Frauen gesprochen wurde?

Des Rätsels Lösung heißt Patwa – andere sagen Patois, wieder andere Jamaika-Kreolisch. Und in dieser Kreolsprache mit englischen Wurzeln lautet »No Woman No Cry« genau genommen »Nuh (= don’t), woman, nuh (= don’t) cry« und bedeutet »Nicht, Frau, weine nicht!«. Statt sich also abfällig über das weibliche Geschlecht zu äußern, spendet das Ich des Songs einer Frau, zu der es spricht, auf rührende Weise Trost. Die mitreißende Liveaufnahme aus dem Jahr 1975 war der erste Welthit des jamaikanischen Reggaestars Bob Marley. Das Ich des Songs scheint an eine wichtige Stätte seiner Vergangenheit zurückgekehrt zu sein und spricht zu einer Frau, die nach wie vor dort lebt. Gegen Ende wird klar, dass er wieder abreisen wird, aber er tröstet die Frau, indem er die Community beschwört und voraussagt, dass schon alles gut werde. Der Ort ist das Armenviertel Trenchtown in Kingston. Der Sprecher erinnert sich an die guten Menschen, die er dort kannte und von denen einige bereits gestorben sind, aber auch an zwielichtige Gestalten, an Heuchler. Die Vergangenheit sei hart gewesen, aber nun mal ein wichtiger Teil seiner Lebenserfahrung – und die Zukunft werde großartig sein. Weshalb es einfach keinen Grund zum Weinen gebe: »Said, said, said, I remember when we used to sit / In the government yard in Trenchtown / Oba – obaserving the ‚ypocrites / As they would mingle with the good people we meet / Good friends we have, oh, good friends we’ve lost / Along the way / In this great future, you can’t forget your past / So dry your tears, I seh.«

In der zweiten Strophe erinnert der Sprecher zunächst daran, wie man zusammen gekocht und sein Essen mit anderen geteilt hat, um dann anzukündigen, dass er wieder fortgehen werde. Es folgt die endlos wiederholte Beschwörung, dass schon alles gut ausgehen werde. In Verbindung mit dem entspannten Groove des Songs ist es spätestens diese Stelle, die den Song in die Herzen des Publikums trägt und ein Gefühl des Trosts entfaltet: »My feet is my only carriage / So I’ve got to push on through / But while I’m gone, I mean / Everything’s gonna be all right / Everything’s gonna be all right / Everything’s gonna be all right …«. Wehmütiger Rückblick und hoffnungsvoller Blick in die Zukunft – dazu können sich Menschen der ganzen Welt gerne in Beziehung setzen … (ted.).

Virtual Artist | Hans-Jürgen Herrmann

Der Mensch in der Kunst

Fotografische Beobachtungen auf Vernissagen

Der Mensch in der Kunst – Darüber sind schon viele mehr oder minder interessante Abhandlungen geschrieben und Gedanken gedacht worden. Seinen ganz eigenen Zugang zu diesem Thema wählt der Frankfurter Fotograf Hans-Jürgen Herrmann. Seit fünf Jahren hält der passionierte Vernissagengänger das Aufeinandertreffen von Kunst und Kunstbetrachtern in den Museen, Galerien und Off spaces vor allem von Frankfurt und Offenbach fotografisch fest. Für sein Facebook-Blog »neuliXt« sind auf diese Art und Weise mittlerweile fast 200 Fotoserien mit rund 1800 Aufnahmen entstanden. Es sind Bilder, die im wahrsten Wortsinn die Menschen in der Kunst zeigen. Aber auch die Menschen mit der Kunst. Und die damit etwas zeigen, was (fast) keine Ausstellungsbesprechung aufzeigt und aufzuzeigen vermag: die Wirkung der Kunst auf die(se) Menschen. Wobei nicht selten Kunst und Kunstbetrachter bei diesen zufälligen Aufeinandertreffen eins werden – für sich, aber oft auch für den Betrachter des Betrachters und des Betrachteten. Nicht selten der Moment zweier erstaunlicher, zuweilen tiefer, zuweilen auch skurriler Symbiosen – und allein für diesen Moment festgehalten. Urbans shorts präsentiert 20 dieser Momente. Ein weiterer kleiner Ausschnitt von 45 Aufnahmen ist 2017 bis kurz vor Jahresende in der Frankfurter Heussenstamm Galerie zu sehen (vss.).

Kerstin Behrendt, Daniel Ammann, Barbara Walzer©
Musliminnen in Deutschland: Mut für den eigenen Stil - und das eigene Leben
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Migration + Mode | Meriem Lebdiri

Die Freiheit, selbst und anders zu sein

Modedesign für Musliminnen und Nicht-Musliminnen

Frauen mit Migrationshintergrund – besonders die mit Kopftuch – müssen sich in Deutschland oft rechtfertigen. Für sich, für andere, für ihre Kleidung. Das geht selbst erfolgreichen Geschäftsfrauen wie Meriem Lebdiri so. »Oft begegne ich Menschen,« so die Germersheimer Modedesignerin, »die mich nur auf das Kopftuch reduzieren und mir nicht viel zutrauen, oder die sich wundern, wenn ich fließend deutsch spreche. Es kommt auch mal vor, dass man eine Stellungnahme von mir erwartet für grausame Taten, die Menschen begangen haben, die meiner Religion zugehörig sind. Damit umzugehen kann oft sehr mühsam sein. Aber das alles zeigt mir nur, dass wir als Gesellschaft mehr miteinander statt übereinander reden sollten.«

Meriem Lebdiri (29) arbeitet daran, dass sich dies ändert. Sie kreiert im beschaulichen Germersheim zwischen Mannheim und Karlsruhe unweit der französischen Grenze Schleier, Kleider und Jacken, macht Mode für Musliminnen und Nicht-Musliminnen. Der Name ihrer Marke »Mizaan« kommt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa »Gleichgewicht, Balance«. Mit ihrem Label reagiert sie auch auf etwas, das ihr in Deutschland in ihrer Jugend gefehlt hat, wie sie im Gespräch erklärt: »Ich habe mich nicht vertreten gefühlt und wollte genau das ändern. Zumindest für kommende Generationen. ›Modest Fashion‹ bietet zeitgemäße Kollektionen, die jedoch längere Ärmel und Säume haben, nicht durchsichtig sind – und somit die Lücke schließen, für alle Frauen, die das Bedürfnis nach mehr Stoff haben.« Ihre Kleider, Ponchos, Capes und Tücher kann man über das Internet kaufen – weltweit. Wohin die meisten Kleidungsstücke des seit 2012 bestehenden Labels gehen, will Lebdiri nicht verraten: »Mizaan ist noch viel zu klein, um Bilanz zu ziehen. Ich denke, dass sich erst in drei bis vier Saisons zeigen wird, wo es künftig die meisten Mizaan-Kollektionen geben wird.«

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Meriem Lebdiri | (c) Selma Lebdiri

Mit ihren Kollektionen möchte die Modemacherin keinesfalls zu einer Parallelgesellschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, sie will Menschen zusammenbringen und zum Dialog anregen: »Kundinnen meines Labels sind sehr durchmischt. Während ich weiß, dass Kundin Leyla den Seidenschal als Hijab tragen wird, kann ich mir bei Kundin Anna fast sicher sein, dass sie ihn als Accessoire um den Hals binden wird. Das mag zunächst etwas banal klingen, aber vielleicht treffen Leyla und Anna mal aufeinander, wenn sie gerade den gleichen Schal tragen. Vielleicht sprechen sie sich auch deswegen an und kommen ins Gespräch. Dann bin ich glücklich und habe (fast alles) erreicht, was ich erreichen will.« Wie fast alle Musliminnen mit Schleier in Deutschland fordert die Designerin vor allem die Freiheit für alle Frauen, sich anzuziehen, wie sie wollen. Zum Verhalten der deutschen Verteidigungsministerin, die sich weigerte, in Saudi-Arabien ihren Kopf zu bedecken, sagt sie: »Ich finde, keiner sollte das Recht haben, einer Frau zu sagen, was sie an- oder auszuziehen hat. Frau von der Leyen hat in dem Moment als selbstbestimmte Frau agiert. Nur schade, dass wir gerade hierzulande diese Selbstbestimmung anderen Frauen absprechen, die sich aus freien Stücken für das Tuch entscheiden. Ich kann mir nicht erklären, woher sich mehrheitlich männliche Politiker das Recht nehmen, über die Kleidung der Frau zu bestimmen, indem sie ihr etwas aufzwingen oder verbieten.«

Und wie lebt Meriem Lebdiri persönlich? »Ich denke«, so die junge Frau, »ich habe eine ausgewogene Mischung in mir aus beiden Kulturen: Deutschland und Algerien. Wie deutsch ich bin, merke ich jedes Mal wenn ich im Ausland bin und beispielsweise vergeblich nach Busfahrplänen suche oder überpünktlich und gut organisiert zu einem Termin erscheine. Meine algerische Lässigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn es doch keine Fahrpläne gibt oder mein Gegenüber eine Stunde später erscheint als vereinbart …« (lys.).