Want show as young-Sessions: Alte Klamotten auftragen mal anders
Quelle: wantshowasyoung / instagram©

Im Netz | Wantshowasyoung

Neues Leben in alten Klamotten

Was in Wäschereien so alles liegen bleibt

Aus Taiwan erobert gerade ein doppeltes Fanal gegen das Aussortieren die Weiten des World Wide Webs. Mit einer Idee offenbar ganz im Trend der Zeit sind Hsu Hsiu-e und Chang Wan-ji derzeit wohl zwei der ältesten Stars des Internets. Chang Wan-ji, der seit sieben Jahrzehnten eine kleine, unspektakuläre Wäscherei im Städtchen Taichung City betreibt, lässt sich mit seiner Frau seit einiger Zeit in nie abgeholten Klamotten aus seinen Waschtrommeln ablichten. Ihre Modenschauen mit naheliegenderweise meist jugendlicheren Kleidungsstücken stellen die beiden Ü-80-Models dann auf Instagram ins Netz, wo sie bereits weit über 350.000 Follower haben. Recycling und Jungbrunnen der etwas anderen Art offenbar. Denn glaubt man den beiden, fühlen sie sich mit der Idee und den Klamotten auch selbst gleich wieder ein paar Jahrzehnte jünger. Und die Kleidungsstücke werden dabei gleich im doppelten Sinne mit neuem Leben erfüllt … (jhp.).

Virtual Artists | Niklas Görke

Aus neu mach alt

Niklas Görkes Retro-Frankfurt (1)

Die Fotos erinnern ein wenig an die »gute alte Zeit«. Nein, nicht die vor Corona. Sondern ganz früher. Als noch Pferdekutschen durch die Stadt fuhren, Honoratioren Zylinder und Gehröcke trugen, kleine Läden mit Klingeln in der Tür den Handel dominierten, Kinder auf den Straßen spielen konnten. Aber halt. Hatten die früher auch schon Lastenfahrräder? Hochhäuser in Frankfurt? Und sogar Mund-Nase-Masken? Niklas Görke versetzt Frankfurt nur scheinbar in die Vergangenheit zurück. Genauer: Der Frankfurter Fotograf nutzt die Fotografie des 19. Jahrhunderts, um das urbane Frankfurt des 21. Jahrhunderts abzubilden. »Nassplatten-Fotografie« mit »Tintypes« nennt sich das. Mit einer nachgebauten »alten« Kamera wie aus dem 19. Jahrhundert, einem Stativ und einem modernen Lastenrad fährt er durch die Stadt, bannt seine Motive wieder buchstäblich wie früher auf Platten (diesmal nur aus Aluminium) und entwickelt sie vor Ort im mobilen Labor auf dem Lastenrad. In der Zeit beliebiger Smartphone-Fotografie setzt er auf das Unikat. Mit Fotos, die im wahrsten Wortsinn zeitlos zu sein scheinen. Womit er auf seine Art und Weise in der Fotografen-Flut dieser Tage selbst so etwas wie ein Unikat zu sein scheint …. (vss.).


Kunsthalle Darmstadt - viel Platz zur Zeit nicht nur draußen
Quelle: Kunsthalle Darmstadt©

Ausstellungen

Kunst mit Konzept

Viel Platz in Ausstellungsräumen

Museen und Ausstellungsräume haben im Corona-Jahr einen schweren Stand. Hört man sich um, liegt der Besuch aktuell bei etwa 20, 30 oder 40 Prozent gegenüber »normal«. Und das, nachdem die Häuser im Frühjahr ohnehin ganz geschlossen waren. Ein wenig paradox ist die Situation schon. Bei aller Vorsicht einer solchen Aussage: Aber gerade viele Museen und Ausstellungsräume gehören derzeit wohl zu den eher sicheren (Kultur-) Orten in der Region. Zum einen bieten gerade Museen und große Ausstellungsräume wie die Museen Angewandte und Moderne Kunst in Frankfurt, das Museum Wiesbaden oder die Kunsthalle Darmstadt per se viel Platz durch ihre weiten, großzügigen Räume. Zum anderen sorgt das ausgedünnte Publikum in den auch sonst selten überlaufenen Kunsttempeln für viel Freiraum. Vor allem aber haben die Häuser mittlerweile ausgefeilte Hygiene-Konzepte, die sicher mehr Sicherheit verheißen als Opern- oder Friedberger Plätze in Frankfurt. Einzig Lüften ist häufig ein Problem.

Aus diesem Grunde empfiehlt Urban shorts auch weiterhin ausgewählte Ausstellungen in FrankfurtRheinMain. Wohlgemerkt: Ausstellungen, nicht unbedingt deren Vernissagen. Wobei sich hier die Soft Openings über viele Stunden bei großen Häusern durchaus bewährt haben. Punkten können bei Ausstellungen derzeit neben den genannten Häusern etwa die gleichsam tierische und allzu menschliche Dreier-Schau »Artentreffen« in Wiesbaden, Offenbach und Rüsselsheim sowie einige sehr unterschiedliche Highlights in Darmstadt (»Tomàs Saraceno«), Bad Homburg (»Was ist Natur?«) oder Frankfurt (»#neuland«), wobei im Bad Homburger Sinclair Haus tatsächlich der Platz recht eng sind. Aber auch kleinere Räume wie etwa die Ausstellungshalle, das Heussenstamm oder die Galerie Peter Sillem in Frankfurt sind durchaus empfehlenswert. Denn was für viele Museen gilt, stimmt häufig auch für diese Ausstellungsräume. Zwar haben sie per se weniger Platz als ein Museum, dafür aber schon immer auch deutlich weniger Besucher*innen. Das Heussenstamm etwa hatte zuletzt mit den Ausstellungen von Niko Neuwirth und Asal Khosravi einige Dutzend Besucher*innen pro Tag. Kleine Galerien etwa in der Frankfurter Fahrgasse, in die eigentlich noch weniger Menschen passen (würden), begrüßen ihre Gäste ohnehin meist nur »per Handschlag« (was in diesem Falle natürlich als Redewendung gemeint ist); und zwar völlig unabhängig von Corona. Zudem gelten auch in diesen freien Ausstellungsräumen Hygienekonzepte, sind etwa Maskentragen und Desinfektionsmittel Standard. Gerade »die Fahrgasse« hat übrigens ganz gute Voraussetzungen: viele Räume nebeneinander und viel Platz in der Straße dazwischen. Einzig könnte vielleicht mal jemand auf die Idee kommen, in Corona-Zeiten bei gemeinsamen Openings eben jene Straße abzusperren. Zugangsbeschränkungen ab einer bestimmten Zahl von Besucher*innen gelten übrigens bei allen genannten Häusern. Allerdings sind in diesem Herbst noch nirgendwo Schlangen gesichtet worden … (sfo.).


Jahr im Wartestand - Orchestermitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie
Quelle: Achim Reissner©

Krise (in den Griff) kriegen

Mehr als ein verlorenes Jahr?

Karolin Spegg und das Dilemma junger Musiker*innen

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. Doch keine Geschichte hat uns so sehr berührt wie die von Karolin Spegg, Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie und (eigentlich) Praktikantin am SWR Orchester in Stuttgart. Ihr Jahr fiel weitgehend aus, sieht man von einem Projekt und Mini-Konzerten »vor den Fenstern sozialer Einrichtungen« ab. Für junge Musiker*innen wie sie ist dies aber mehr als ein verlorenes Jahr. In ihrem Metier kann ein solches Jahr eine ganze Karriere zur Disposition stellen … 

Das Jahr 2020 hätte ein ganz besonderes werden sollen. Sowohl für uns als Junge Deutsche Philharmonie als auch für mich als eine Musikerin in den Startlöchern ihrer Laufbahn. Nach einem Neujahrskonzert in der Alten Oper standen für uns im Frühjahr eine große Konzerttournee mit dem Ensemble Modern, im Sommer das selbst entworfene interdisziplinäre Beethoven-Projekt »Alle Sinne für die Siebte« und im Herbst Händels »Alessandro« im ETA Hoffmann Theater Bamberg an. Und ich selbst war gerade eingetaucht in mein einjähriges Praktikum der Cellogruppe im SWR Symphonieorchester Stuttgart – ein fast unverzichtbarer Grundstein für eine Orchesterkarriere.

Doch im März und April wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. Erst dachten wir, es würde »nur« unsere Frühjahrstournee ausfallen. Doch schon im April schloss auch das ETA Hoffmann Theater bis Oktober seine Türen. Von Freund*innen und Kommiliton*innen hörte ich, dass nicht nur ich in dieser Zeit kaum Motivation hatte, mein Instrument in die Hand zu nehmen. Eine Online-Krisensitzung im Orchestervorstand rüttelte mich etwas auf. »Wir erlauben das nicht, ein Leben ohne Musik!« war ein Satz, den unser Erster Dirigent Jonathan Nott sagte. Er forderte uns auf, unter allen Umständen unser noch nicht eingestampftes Beethoven-Projekt zu realisieren – und außerdem als junges Orchester öffentlich Stellung zu beziehen.

Es folgten Videositzungen, Zoom-Workouts, Online-Stammtische, eine Mitglieder-Umfrage – und schließlich ein offener Brief an alle deutschen Orchester. Denn für uns junge Musiker*innen geht es nicht nur um ein verlorenes Jahr. Es geht um unsere Zukunft. Für Musikstudierende sind ein Praktikum oder eine Akademieausbildung in einem professionellen Orchester fast unumgänglich, um sich überhaupt auf feste Stellen bewerben zu können. Andernfalls erhält man oft nicht einmal eine Einladung zum Vorspiel, dem sogenannten Probespiel. Die Altersgrenze für die begehrten Praktika und Akademiestellen liegt oft bei 26 Jahren, und viele müssen mehrere Jahre Probespiel-Erfahrung sammeln, um in dieser strapaziösen Situation ihre Fähigkeiten überhaupt zeigen zu können.

Im Sommer 2019 war ich noch sehr glücklich, das einjährige Praktikum in Stuttgart gewonnen zu haben. Doch das unvergesslichste Erlebnis meiner Zeit mit den SWR-Symphoniker*innen war im Nachhinein wohl leider der 8. März dieses Jahres in Paris, an dem wir nach dem Check-In im Hotel erfuhren, dass soeben in Frankreich mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen ab 1.000 Leuten untersagt worden waren. Eine große Gruppe von Musiker*innen saß an dem Abend in der Hotelbar und diskutierte, ob nun wirklich das Konzert am nächsten Tag ausfallen würde. Gegen Mitternacht kam die Mail – das ganze Orchester war umsonst nach Paris gereist.

Anstatt wie vorgesehen ein ganzes Jahr Erfahrung in einem professionellen Rundfunkorchester zu sammeln, spielte ich von April bis Juli Duo-Auftritte vor den Fenstern sozialer Einrichtungen und Eins-zu-Eins-Konzerte für je eine*n Zuhörer*in. Als endlich wieder kleinere Orchester möglich wurden, durfte ich in einer reinen Streicherbesetzung noch eine Audioproduktion mitspielen. Praktika für die neue Saison wurden von vielen Orchestern vorerst nicht ausgeschrieben. Und selbst wenn, dann droht die Altersgrenze und drängen jüngere Musiker*innen nach. Auch mit festen Stellen sieht es wegen Einsparungen momentan schwierig aus – der Ansturm von Bewerber*innen scheint dagegen größer denn je. Ich bin irgendwie dankbar, dass ich erst noch ein Jahr Masterstudium vor mir habe!

Einen Lichtblick gab es aber. Im September haben wir als Junge Deutsche Philharmonie mit sechs Künstler*innen, einem Dramaturgen, einem Dirigenten, einem Organisationsteam und 32 Musiker*innen unsere Beethoven-Performance in fünf deutschen Städten auf die Bühne gebracht. 32 von 260 allerdings. Von unseren 260 Mitgliedern hat in der letzten Zeit nämlich nur ein Bruchteil gespielt, und es gibt Neulinge im Orchester, die schon vor einem Jahr ein erfolgreiches Probespiel hatten – und trotzdem noch nie mit uns spielen konnten. Wir haben im Sommer Probespiele unter strengen Hygienemaßnahmen veranstaltet, um jungen Leuten zumindest diese Erfahrung möglich zu machen und sie hoffentlich bald einbinden zu können. Denn eine ganze Generation bangt gerade um ihre Zukunft …

Achim Reissner©
Fototage Darmstadt - Raus mit der Kunst
Quelle: Darmstädter Tage der Fotografie©

Kunst im öffentlichen Raum

Outdoor ist das neue Indoor

Künstler*innen bespielen Städte und Wälder

In Corona-Zeiten haben Abstand und Draußensein Konjunktur. Da passte im Spätsommer die Aktionskunst der Frankfurterin Cornelia F Ch Heier bestens in die Zeit, obwohl sie eigentlich »nur« eine Fortsetzung aus vergangenen Jahren war. Seit Jahren bespielt sie mit »Signalement« die Frankfurter Innenstadt mit Plakaten. Auf Plakatwänden und Litfaßsäulen, welche ihr in der werbearmen Sommerzeit ein Vermarkter zur Verfügung stellt. Dieses Jahr waren großformatig reduzierte Gesichter mehr oder minder berühmter Köpfe wie Mahatma Gandhi und Fara Diba, Beate Uhse und Simone Signoret oder Goebbels und Xi Jinping zu sehen. Heier bespielt den Stadtraum wie eine große Galerie – für Menschen, die sonst selten mit Kunst in Berührung kommen. Und Heiers Kunst ist zeitlos. Ohne Anfang und Ende. Wenn die Flächen wieder vermietet sind, verschwindet ihre Kunst. Ob und welche der im August angebrachten Plakate auch heute noch da sind, weiß sie selbst nicht genau.

Was Heier seit Jahren macht, ist in diesem Corona-Jahr Mode geworden. Diesmal aber nicht nur als »Zufallsprodukt« für sonst kunstferne Passant*innen, sondern vor allem, um der Kunst und vor allem kunstaffinen Ausstellungsgänger*innen buchstäblich Raum zu geben. Davon zeugen zwei Großausstellungen, mit denen Künstler*innen derzeit vor allem Darmstadt und Offenbach bespielen. In beiden Städten haben die Ausstellungsmacher*innen der »Darmstädter Tage der Fotografie« und der Hochschule für Gestaltung (HfG) dieses Jahr aus der Not eine Tugend gemacht. Die Darmstädter Tage bestücken großflächig die Innenstadt: mit teils überdimensionalen Fotografien von Kultfotografen wie Erwin Wurm auf dem Friedensplatz oder etwas versteckter mit Fotoprojekten im Schlossgraben oder im waldähnlichen Osthang an der Mathildenhöhe. Und auch die Student*innen der Kreativenschmiede HfG sind in diesem Jahr mit ihren Abschlussarbeiten nach draußen gegangen und bespielen in Offenbach Bauzäune, S-Bahnstationen oder ebenfalls Plakatwände. »Draußen« bedeutet in diesem Fall übrigens diesmal auch Frankfurt, wo sie ebenso wie Heier Flächen eines Vermarkters füllen.

Doch beileibe nicht alles, was derzeit im öffentlichen Raum zu sehen ist, hat mit Corona zu tun. Und gerade zwei Klassiker bespielen Orte, an die man zuerst gar nicht denkt. Besonders beständig etwa sind die überdimensionalen Menschenlandschaften von Nikolaus Nessler, der im Frankfurter Hauptbahnhof in zwei S-Bahn-Abgängen schon seit Jahren Landkarten und Stadtpläne drapiert hat, auf welchen Städte- und Straßennamen durch menschliche Namen aus aller Welt ersetzt sind. Bereits seit zehn Jahren bringen bei Darmstadt auf dem Internationalen Waldkunstpfad Künstler*innen aus aller Welt moderne Kunst alle zwei Jahre in vielen Spielarten mitten unter die Bäume, wo über die Jahre hinweg langsam aber sicher ein regelrechtes Museum entsteht. Eines sollte man bei Outdoor-Ausstellungen immer im Blick haben: Sie sind, wie Heier sagte, zeitlos und wandelbar. Manche wie Nesslers Karten überdauern selbst zur Überraschung des Künstlers, andere wie die Darmstädter Fototage wachsen dieser Tage sogar noch. Auch die Waldkunst ist mindestens noch übers Jahr zu sehen. Über die HfG-Interventionen hingegen geht wie bei Heier mittlerweile bereits die Zeit hinweg; wenn auch offenbar mehr in Frankfurt als in Offenbach. So oder so – es steht zu erwarten, dass gerade in Corona-Zeiten da und dort wieder neue Werke aufpoppen werden. Urban shorts hat auf seiner AGENDA-Seite zwei, drei Plätze reserviert, die in den kommenden Wochen für diese Kunst immer neu angepasst werden sollen (loe./vss.).

Darmstädter Tage der Fotografie©
Quiz-Frage: Zeigt die Grafik den Königsweg für Kulturschaffende, und - wenn ja - wie viele?
Quelle: PAD01©

B3, PAD01, NODE20

Analog, digital, hybrid, noch was ?

Festivals such(t)en digitale Kultur-Königsweg(e)

Kulturschaffende haben es in diesem Jahr nicht leicht. Erst hieß es: alles dicht! Dann: alle ins Netz! Und schließlich: alles auf Anfang! Wobei keiner so genau wusste, was Anfang so ganz meinte. Auf jeden Fall machten sich alle irgendwie auf die Suche nach dem Königsweg – durch die und im Idealfall vielleicht sogar aus der Krise. Besonders angepriesen wurden zwei Wege: der raus an die frische Luft und der rein ins Internet. War der erste den meisten noch irgendwie vertraut, erwies sich letzterer für viele Kulturschaffende doch schon wie eine von Jules Vernes Reisen in unbekannte Welten. Auf einer Konferenz dieser Tage (es war PAD01, um die es gleich noch geht) wurde schon zur Eröffnung schnell klar, dass Kulturschaffende und Digitalisierung noch viel mit zwei Welten zu tun hat. Auch wenn es außerhalb der Kultur schon hilfreiche Strukturen gäbe und man sich tatsächlich langsam anzunähern scheint.

B3, PAD01, NODE20 – So klingt im Herbst 2020 der Versuch, diese Welten einander näher zu bringen. Wenn Kulturschaffende bei den drei Namen nun aber vornehmlich Weltraum-Bahnhof verstehen, mag dies auch daran liegen, dass die drei Festivals, die gerade fast gleichzeitig im Rhein-Main-Gebiet stattfinden, es noch nicht recht geschafft haben, sich selbst ins Bewusstsein der Kulturschaffenden zu bringen. Und dass – wie gesagt – vielen Kulturschaffenden die Digitalisierung ohnehin noch ein Buch mit sieben Siegeln scheint. Oder vielleicht eher ein Mischpult mit sieben Hebeln? Gemein haben die drei mit den kryptischen Namen aber vor allem eines, das im Corona-Kultur-Jahr durchaus wichtig ist: Sie suchen alle drei nach Ausdruck und Wegen der Kultur im digitalen Zeitalter. Und zwar unabhängig davon, ob es um analogen Raum geht, in dem digitale Kultur stattfindet, oder um digitalen Raum, in den analoge Kultur corona-bedingt und corona-affin transferiert oder transformiert werden soll, oder um eine der derzeit in aller Munde befindlichen Hybrid-Formen. Und ob schließlich »hybrid« eine spannende Melange oder nur analog-digitales Nebeneinander ist. Zumindest die ersten beiden Festivals waren und sind tatsächlich auf dem Weg, eine Mitte zu finden und sich über Sinn und Zweck Gedanken zu machen. Teile dessen waren und sind teils noch immer im Netz nach- und mitverfolgbar (vor Ort waren die Plätze eher rar).

B3, PAD01, NODE20 haben mithin eben noch eines gemein: Sie finden global und vor allem online statt. Nicht nur zum Zusehen, auch zum Mitmachen. Dort in dieser digitalen Welt präsentieren, erforschen und diskutieren sie mehr oder minder neue digitale Kulturwelten. Zugegeben: Vieles ist noch Spielwiese. Aber manches auch schon zu erleben. »NODE20« (benannt nach einer Programmiersprache und der Jahreszahl) experimentierte vor allem mit zwei digitalen Räumen: einem realen TV-Studio, in dem viele Gäste digital präsent waren und die real-digitale (Kultur-) Zukunft und eine »Second Nature« hinterfragten, und einem Green House, das real und digital (in diesem Falle aber nicht gemeinsam) begehbar war und in dem man Fragen der Nachhaltigkeit nachgehen sollte. Betrachter*innen haben zumindest in ersterem einen Eindruck von digitaler Kultur-Zukunft erahnen können. »PAD01« (kurz für: »Performing Arts und Digitalität, die Erste«) steht für einen Versuch, Chancen, Risiken und vielleicht auch wertfrei Nebenwirkungen der Digitalisierung der bisher recht analogen Theater-, Tanz- und Performance-Welten auszuloten – mit zahlreichen online und offline aufgeführten Beispielen sowie ein paar diskursiven Elementen (die aber eher in der Theorie blieben). Die Bandbreite reichte vom fast konservativen Ensemble Ligna mit einem Mitmachhörspiel (das auch online noch abrufbar ist) bis zu Evelyn Hriberseks avantgardistischer »Eurydike Infected« (leider nicht abrufbar). »B3« (steht eigentlich nur für 3 B’s: Biennale (des) bewegten Bildes) schließlich, der Nachzügler, verspricht schon seit Jahren immer wieder, in die Zukunft des digitalisierten bewegten Bildes zu schauen und muss dies in diesem Jahr in der Tat selbst weitestgehend digital tun (unweigerlich denken wir an Probe und Exempel), verspricht aber dabei diesmal auch darüber zu sprechen, was diese Digitalisierung für Kultur und Gesellschaft bringt, vor allem eben unter Vorzeichen von Corona. Den eigenen Anspruch (Zitat: »seit 2013 bestimmt die B3 Biennale den genre- und länderübergreifenden Diskurs über Trends und Entwicklungen des bewegten Bildes«) hat man auf jeden Fall schon einmal hoch gesteckt. Schaut man allerdings vorab schon mal auf das Film- und Vortragsprogramm der B3, so kommt dies schon erstaunlich konservativ und nur begrenzt innovativ daher. Allerdings haben PAD und NODE die Messlatte auch recht hoch gelegt für die B3. Apropos B, PAD und NODE – Über eines sollten die drei Festivals doch mal nachdenken: über ihre kryptischen Namen. Ach so, eine erste Antwort gibt es auch bereits: den Königsweg gibt es nicht … (vss./sfo.).

Nachgeschaut

Mit alt mach neu

Niklas Görkes Retro-Frankfurt (2)

»Sobald der Fotograf Niklas Görke auf sein Fahrrad steigt, ist er auf der Suche. Wonach, das weiß er im Vorfeld nie so genau. Hat er ein passendes Motiv gefunden, dauert es eine kleine Ewigkeit, bis er ein Foto machen kann. Denn Görke arbeitet mit einer 4×5 inch Großbildkamera, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war. Aus Holz gefertigt, ist sie zwar relativ leicht und kompakt, aber muss erst einmal auf ein Stativ aufgebaut und genau justiert werden. Für jede Änderung des Bildausschnitts muss das Stativ verschoben und die Kamera neu ausgerichtet werden – und das unter dem Dunkeltuch mit Blick auf das seitenverkehrt und kopfüber stehende Bild der Mattscheibe. Dann geht alles ganz schnell: Um die Platten lichtempfindlich zu machen, werden sie zunächst gleichmäßig mit einer sogenannten Kollodium-Emulsion überzogen und unter Rotlicht für drei Minuten in ein Bad aus Silbernitratlösung gelegt. In die Kamera eingesetzt, werden die Platten noch im feuchten Zustand belichtet. Die anschließende Entwicklung vor Ort der noch feuchten Platten ist nach ca. 15 Sekunden abgeschlossen. Dafür hat Görke aus zwei schwarzen Plastikkisten für sein Lastenfahrrad eine mobile Dunkelkammer gebaut. Wie in einem Brutkasten hantiert der Fotograf durch zwei Greiflöcher im beengten Raum, den er nur durch eine dunkelrote Scheibe einsehen kann. Nach der Entwicklung werden die Platten fixiert und zeigen das Bild als Positiv. In einem Wasserbad zurück ins Studio transportiert, trocknet Görke dort die Platten, scannt sie und versiegelt sie schließlich mit Schellack. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis er diesen Ablauf mit viel Geduld und Übung in den Griff bekam«.