Der Klima-Kalender - hier noch Anfang Januar
Quelle: Mareen Bender©

Kunststück | Mareen Bender

Beim Schmelzen zusehen

Ein 365-Tage-Eisberg als Klima-Kalender

Die oft zitierte Klimakatastrophe ist für viele Menschen ein reichlich abstraktes Problem. 500 Milliarden Tonnen Eis verlieren die Polarkappen jedes Jahr. Eine beeindruckende Zahl. Doch schwer vorstellbar. In den letzten 20 Jahren ist das Polareis schneller geschmolzen als in den 10.000 Jahren zuvor. Auch das kommt kaum ins Bewusstsein, weil kaum ein Mensch (zu-) sieht, wie das Eis so langsam abschmelzt und die Meeresspiegel steigen lässt. Um auf dieses Problem – das tatsächliche und das der Wahrnehmung – aufmerksam zu machen, hat die Frankfurter Designstudentin Mareen Bender einen dreidimensionalen Klimakalender kreiert. Statt Kalenderblätter abzureißen, nimmt man Tag für Tag eine Schicht vom modellierten Eisberg weg. Tag für Tag kann man dem Eis praktisch beim Schmelzen zusehen. Es genau genommen wie in der realen Welt sogar selbst herbeiführen. Und unter den abgenommenen Schichten Tag für Tag neue Fakten über das Schmelzen und über die Folgen für Klima und Globus nachlesen. Ein eindrucksvolles Kunstwerk und ein politisches Statement (vss.).

Mareen Bender©
Eine Kirche oder Fort Knox? Claude Parent / Paul Virilio: Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers (Frankreich)
Quelle: Bruno Bellec 2008 / DAM©

Urban21 | Brutal (oder) schön?

»Rettet die Betonmonster«

»SOSBrutalismus« - Aktion, Ausstellung, Essay

»SOS Brutalismus« ist eigentlich in vielfacher Hinsicht ein faszinierendes Wortspiel. Der »Brutalismus« bezeichnet jenen Baustil der 50er bis 70er Jahre, der seinerseits nach dem »béton brut« benannt ist. Das ist zwar zuerst einmal das französische Wort für »Sichtbeton« und zelebriert quasi den Stil jener puren, scheinbar nackten Betonbauten. Doch es korrespondiert natürlich auch mit dem Wort »brutal«, der rohen und für viele Betrachter hässlichen Facette, die vor allem in den späteren Bauten zum Tragen kam. Und damit dem Grund, warum viele der Gebäude bereits aus den Städten weichen mussten oder aktuell von der Abrissbirne bedroht sind. Nicht selten zu Unrecht, meinten die Macher der Kampagne »SOS Brutalismus« und machten sich an eine Neudefinition und Neubewertung des Brutalismus’, inklusive dem daraus abgeleiteten Aufruf »Rettet die Betonmonster«. Herausgekommen sind eine bemerkenswerte Internetpräsenz und eine (Wander-) Ausstellung, die zugleich ein Anstoß zu einer Debatte wie auch – wohl wider alles Erwarten – faszinierende ästhetische Inszenierungen sind. Und die an der einen oder anderen Stelle auch deutlich machen, dass es nicht selten auch ökonomisch und ökologisch sinnvoller sein könnte, die Bauten stehen zu lassen und neue Nutzungen für sie zu finden. Die Ausstellung »SOSBrutalismus« ist 2017/2018 zuerst in Frankfurt und in Wien zu sehen ist. Das Internetportal »SOSBrutalismus« dokumentiert derweil fortlaufend längst über 1000 dieser widersprüchlichen Bauten in aller Welt. Und beide rufen damit zu deren Erhaltung auf – sofern die Bauten überhaupt noch stehen … Urban shorts begleitet Aktion und Ausstellung(en) mit einem kleinen Auszug aus dieser Internetpräsenz (»Brutal schön – Beispiele des Brutalismus«) und mit dem Essay »Brutalismus neu entdecken« des Ausstellungs-Kurators Oliver Elser, in dem er eine neue Definition und einen eigenen Stellenwert für die Architektur des Brutalismus anstrebt … (vss.).

20 Steinzeitzeugen

Brutal schön

Beispiele des Brutalismus

Bruno Bellec 2008 / DAM©
Zwei Filme aus einer Hand. Aus: »Das Geschäft mit der Armut / Globale Dickmacher«
Quelle: 3sat©

Urban21 | Mediale Inszenierungen

Moderne Medien-Maßkonfektion

Wie ZDF und 3sat ihre Zuschauer sehen

In der Modebranche gibt es Konfektionsware, Maßanfertigung – und »Maßkonfektion«. Letzteres ist die Mischung aus dem Anzug oder dem Kostüm von der Stange und dem ausschließlich für einen Träger oder eine Trägerin individuell angefertigten Kleidungsstück. Ein Konfektions-Corpus wird dabei auf die besonderen Maße der Besitzerin oder des Besitzers angepasst hergestellt. Mittlerweile gibt es dies auch in den Medien. In großen Zentralredaktionen wird beispielsweise eine Zeitungsreportage ganz nach Bedarf für das Boulevardblatt, für die Lokalzeitung oder für das eher intellektuelle Wochenmagazin ein und desselben Verlages zurechtgeschnitten.

Wie so etwas im Fernsehen aussieht, kann man derzeit an zwei Reportagen in den Mediatheken von ZDF und 3sat sehen. Also eigentlich an einer Reportage – in zwei verschiedenen Versionen. Autor Joachim Walther hat rund um den Globus recherchiert, wie globale Konsum- und Lebensmittelkonzerne sich in den aufstrebenden Schwellenländern neue Märkte entwickeln. Und erzählt zu den gleichen Bildern zwei Geschichten. Er erzählt für das 3sat-Publikum die moralische Geschichte vom »Geschäft mit der Armut«, in dem die weniger kaufkräftige Bevölkerung Minipackungen zu Maxipreisen bekommt und obendrein die künstlichen Nahrungsmittel der Gesundheit nicht gerade förderlich sind. Und er erzählt dem ZDF-Publikum die eher plakative Geschichte von den »Globalen Dickmachern«, mit denen die Konzerne ganz nebenbei auch noch prächtige Geschäfte machen. Der Betrachter kann sich derzeit beide Beiträge parallel in den Mediatheken ansehen – oder sich seine Version aussuchen. Und erhält noch ganz nebenbei einen Einblick, wie sich ZDF und 3sat wohl so ihre Zuschauer vorstellen (vss.).

Rick Harris | CC 2.0
Rick Harris' Lonely Phone Booths
Quelle: Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©

Kunststück | The Red Boxes

Bittere (Zell-) Zeiten

Telefonzellen als Kunstwerke

Für Telefonzellen scheinen weltweit bittere Zeiten angebrochen. In unseren Mobile Times, in denen die Menschen nicht nur Bilder und Urlaubseindrücke, sondern auch ihre Telefongespräche öffentlich teilen, haben sie zunehmend ausgedient und werden weltweit abgebaut. Nur in ein paar abgelegenen Orten kämpfen Menschen noch um ihre Telefonkabine (Mehr). Ein paar von ihnen überleben noch mit neuem Inhalt – als Bücherschränke, Coffeeshops oder gar Reparaturläden für Smartphones (Mehr). Doch längst scheint auch die Kunst die ausgedienten Zellen entdeckt zu haben. Manche werden flugs zu Ausstellungsräumen oder gar öffentlichen Aquarien umfunktioniert. Andere werden selbst zu Kunstwerken. So etwa bei dem kanadischen Fotografen Rick Harris, den ein paar alte und besonders bemitleidenswerte Exemplare zu einigen eindrucksvollen Foto-Sessions veranlasst haben. By the way: Mit seinem Hang zum Morbiden hat er auch bereits ausgediente Räume, Sessel oder Einkaufswagen neu inszeniert … (vss.).

Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©
Eine ganze Telefonzellenzeile - nicht nur in London mittlerweile ein sehr seltener Anblick
Quelle: AnTu©

Urban21 | Zellsterben

Die letzten Telefonzellen …

... und ein gallisches Dorf in Frankreich

In der Schweiz und in Frankreich endete mit dem Jahreswechsel eine vertraute Ära: die der Telefonhäuschen oder der »cabines téléphoniques«, wie sie in diesen beiden Ländern heißen. In der Schweiz lief die Verpflichtung der Swisscom zur flächendeckenden Versorgung mit den Häuschen aus. Und damit dürften auch die letzten paar Tausend der einst 61.000 öffentlichen Fernsprecher im Alpenland nur noch ein kurzes Leben haben, wie die Neue Zürcher Zeitung dieser Tage mutmaßte. Und auch in Frankreich werden rund um den Jahresbeginn die letzten 1.500 Zellen abgebaut. Sie sind laut dem inzwischen privatisierten, einstigen Staatskonzern Orange, der sie betreibt, mit 10 Millionen Euro Kosten pro Jahr zu teuer und dafür viel zu selten genutzt. Jedes Jahr gehe die Dauer der in den Kabinen geführten Telefongespräche um 40 Prozent zurück. Vor 20 Jahren gab es noch 300.000 Telefonhäuschen in Frankreich. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Wie mittlerweile in vielen Ländern dieser Welt.

Dabei funktioniert gerade in Frankreich das Mobilfunknetz, dessen Omnipräsenz den kleinen Häuschen nach und nach den Garaus macht, nicht überall im Lande wirklich gut. Und daher rührt auch die kleine Geschichte eines »gallischen Dorfes«, das ganz wie bei Asterix Widerstand leistet. Der kleine Skiort Ceillac in den französischen Alpen – im Département Hautes-Alpes etwa 80 km von Gap entfernt – kämpft um seine Telefonzelle. Der Bürgermeister hatte schon im März 2017 an den neuen Präsidenten Emmanuel Macron und an den CEO von Orange geschrieben. Weil das Mobilfunknetz in seinem Ort kaum funktioniere – von Internet gar nicht zu reden -, müsse die letzte Telefonzelle, die sich in Flur des Rathauses befindet, erhalten werden. Während der Skisaison halten sich etwa 3.000 Menschen in Ceillac auf, im Rest des Jahres sind es zehn mal weniger. Aber einige ältere Bewohner des Dorfes haben gar kein Telefon und kommen ins Rathaus – auch um sich in der Telefonzelle anrufen zu lassen. Laut örtlichen Medien hat der Bürgermeister sogar einen Techniker, der gekommen war, um die Telefonzelle 2017 bereits abzubauen, persönlich davon abgehalten. Seither gehen die Bewohner von Ceillac davon aus, dass ihre Telefonzelle erhalten bleibe. Und wenn es die einzige wäre im ganzen Lande. Oder vielleicht sogar im ganzen Europa … (lys. / sfo.).


Neues Leben - als Aquarium, als Bücherschrank, als Galerie. Darunter: Out of Order (David March)
Quelle: us, pmau, Salino01, Andre Carrotflower, Clavecin | Copyright-Details s. unten©

Urban21 | Die neue Zellkultur

Vom Pub bis zum Bücherschrank

Neues Leben in alten (Telefon-) Zellen

Über viele Jahrzehnte hinweg gehörten Telefonhäuschen in fast allen Ländern und Städten dieser Welt zum festen Straßenbild. Zu den bekanntesten Exemplaren gehören wohl die berühmten roten Booths der British Telecom und die allseits vertrauten gelben Kabinen ihres deutschen Pendants. Doch der Siegeszug der Mobile und Smart Phones führte zum langsamen, aber steten Dahinsiechen der doch eigentlich smarten Boxen. Staatliche Auflagen retteten ihnen da und dort noch das Leben, auch wenn sie längst kaum mehr benutzt wurden. In Deutschland, Frankreich und der Schweiz sollen einst rund eine halbe Million der Kabinen herumgestanden haben. Mittlerweile sind es nur noch 20.000 bis 30.000, rund drei Viertel davon in Deutschland. In Frankreich und der Schweiz werden seit dem Jahreswechsel auch die letzten Häuschen so langsam abgebaut. Fast schon symbolhaft hatte diese Entwicklung bereits in den 90er Jahren der britische Künstler David March in seiner Skulptur »Out of Order« vorweggenommen.

Doch seit einigen Jahren scheint das Zellsterben ein Ende zu haben. Nicht, dass es auf einer neuen Retrowelle plötzlich wieder mehr Kabinentelefonierer gäbe oder zunehmend autistische Smart Phone-Besitzer die Box nun gar zum eigenen Schutz entdeckt hätten. Aber immer öfter regt sich neues Leben in den alten Zellen – und zwar weltweit. Neuen Raum findet darin etwa plötzlich ein Medium, dem eigentlich zuweilen selbst das Aussterben prognostiziert: das Buch. In alten Telefonzellen finden mittlerweile »Bücherschränke« zum Einstellen und Finden alter und/oder gelesener Bücher ein neues Zuhause. Weit verbreitet sind diese Minibibliotheken in Deutschland; sowohl in alten Telekomkabinen, als auch in Original-Phone-Booths aus Großbritannien. Doch auch Firmen und Privatleute sichern sich hierzulande ausrangierte Zellen, um sie sich zur Dekoration in Büroräume oder in den heimischen Vorgarten zu stellen. Und sie sind dabei so beliebt, dass die Telekom angeblich selbst schon kaum mehr über Altbestände verfügen soll. Apropos. In manchen modernen Großraumbüros sollen die Telefonzellen sogar ihren ursprünglichen Zweck wieder erfüllen – mal in Ruhe und ohne Zuhörer ein Telefonat zu führen …

Doch die einst so häufigen Häuschen sind längst nicht mehr nur als Liebhaberstücke unter die Leute gekommen. Auch zu mehr oder minder kommerziellen Zwecken erblühen sie mittlerweile zu neuem Leben. Im schottischen Kilberry etwa hat Hotelbesitzer David Wilson eine der alten roten BT-Relikte für ein Pfund erworben und den wahrscheinlich kleinsten Pub der Welt daraus gemacht, wenn auch vornehmlich für die eigenen Hotelgäste in der abgelegenen Gegend. Eine Investition, die sich bereits beim ersten Gast amortisiert haben dürfte. Wobei die Geschäfts-Idee in Großbritannien gar nicht mal mehr so originell ist. Viele der alten BT-Häuschen, die es übrigens bereits seit fast 100 Jahren gibt, haben mittlerweile neue Bestimmungen als kleine Shops, Salat-Bars, Cafés (für richtige Bars außerhalb eines Hotelgeländes bräuchte man eine Lizenz) und sogar Mobile Phone Repair Shops. Längst gibt es sogar eine eigene Firma namens Red Kiosk Company, welche die Häuschen für rund dreieinhalb Tausend Pfund im Jahr vermietet. Allerdings wirft das neue Geschäft neue Probleme auf. Der Nachrichtendienst Bloomberg berichtete kürzlich, dass nun neue Lizenzen erarbeitet werden müssten, da es sich hier weder um einen stationären noch um einen fliegenden Händler handelt … (sfo.).