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Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Tanz in FrankfurtRheinMain

Tanz an (fast) allen Orten

31.10. bis 17.11. | Tanzfestival Rhein-Main

Bereits zum vierten Mal findet in diesem Jahr das Tanzfestival Rhein-Main statt. In dieser recht kurzen Zeit hat es sich dabei zu einem der führenden Festivals in Deutschland entwickelt. Gestützt auch auf eine breite Infrastruktur in der Tanzplattform Rhein-Main mit den Flaggschiffen Hessisches Staatsballett und Künstlerhaus Mousonturm. Die vierte Ausgabe steht unter dem Motto »Moving beyond«, »über sich, über etwas hinausgehen«. Gut zwei Wochen lang loten Ensembles aus der Region und aus der ganzen Welt Grenzen aus. Grenzen des Tanzes, Grenzen des Körpers, Grenzen der Wahrnehmung. »Sich Anderen öffnen, um die eigenen Grenzen zu überwinden, ist die DNA vieler Künstler*innen«, sagen unisono die Kurator*innen Anna Wagner und Bruno Heynderickx. Eindrucksvoll in Szene gesetzt schon mit dem Eröffnungsstück »Omphalos« des belgisch-französischen Künstlers Damien Jalet, das ausschließlich in, an und um eine raumschiffgleiche riesige Satellitenschüssel spielt und mit klassischem Tanz kaum mehr etwas gemein hat. Neu in diesem Jahr das Spotlight, das sich ausschließlich der belgischen Choreografin Lisbeth Gruwez und ihrer Kompanie Voetvolk widmet. Beschlossen wird das Festival dann mit einem großen offenen Tanzfest: dem Tanztag in der ganzen Region, der mit insgesamt 170 Workshops Tanz für die Besucher*innen direkt erlebbar macht (red.).

Barbara Walzer (bw.)©
Impression vom ersten Tanzfestival 2016 (aus SetandReset/Reset von Candoco Dance Company)
Quelle: Hugo Glendinning©

DIE DEUTSCHE TANZREGION RHEINMAIN

Tanzen in der ersten Reihe

Kommentar von Dr. Helmut Müller

Vom 31. Oktober bis 17. November findet dieses Jahr in FrankfurtRheinMain bereits zum vierten Mal das Tanzfestival Rhein-Main statt. Es hat sich mittlerweile als das Tanzfestival der Region etabliert, und ist zusammen mit einigen anderen Aktivitäten dabei, die Region selbst als ein Zentrum des Tanzes in Deutschland zu etablieren. Herausragende Produktionen zeigten in den letzten drei Jahren vielfach auf, was aktuell künstlerischen Tanz ausmacht, welche Entwicklungen, welche Ansätze, welche Schwerpunkte, welche künstlerischen Positionen gesetzt werden. Besonders war, dass dabei die ganze Region zur Plattform und zum Labor wurde. Neben dem Nukleus des Hessischen Staatsballets in Darmstadt und Wiesbaden sowie dem freien Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm kam in diesem Jahr auch Offenbach als Spielfläche für das Ensemble Mobile hinzu; außerdem über den Tanztag weitere Orte. In der Region mit 2,5 Mio. Einwohnern kann das Interesse am Tanz damit noch weiter und breiter wachsen.

Damit wird Tanz in dieser Region noch wichtiger – und die ohnehin tanzstarke Region wird in der (Tanz-) Welt noch stärker als ein Zentrum wahrgenommen. FrankfurtRheinMain könnte sich damit sogar zu dem Zentrum für Tanz in Deutschland entwickeln, vor allem mit der parallel gestarteten und deutschlandweit einmaligen Tanzplattform Rhein-Main. Unter der Überschrift »Vertiefen – Verstetigen – Entgrenzen« wird darin ein dichtes Netz von institutionen- und szeneübergreifenden Aktivitäten geknüpft. Mit den Ensembles in Wiesbaden und Darmstadt an der Spitze, ideal ergänzt durch das freie Künstlerhaus Mousonturm. Mit dem Ensemble Mobile wird Tanz an Orte gebracht, wo Menschen sonst keinen direkten Zugang haben. Künstlerresidenzen helfen, neuen und spannenden Input in die Region zu bringen. Dazu kommen das Festival, Tanzclubs und Vermittlungsangebote. Auf diese Art und Weise wird das gesamte Tanztheater im Ballungsraum RheinMain auf eine neue Stufe gehoben. Und dies – last but not least – auch in (s)einer gesellschaftlichen Funktion. Der Tanz, der nicht auf Worte, sondern auf die direkte und unmittelbare Körpersprache setzt, bringt Menschen zusammen. Gerade in unserer Zeit, in der viele Menschen zu uns kommen, mit denen es oftmals noch keine gemeinsame Sprache gibt …

Hugo Glendinning©
Lisbeth Gruwez | »The Sea Within«
Quelle: Danny Willems / Tanzplattform Rhein-Main©

FRM | Tanzfestival Rhein-Main

Wenn das Wir das Ich umarmt

Spotlight: Lisbeth Gruwez und »The Sea Within«

»The Sea Within«, das jüngste Stück der diesjährigen Spotlight-Künstlerin Lisbeth Gruwez, ist eine geradezu magnetisierende Tanzperformance. In ihr entdeckt die belgische Choreografin das Chaos als eigene schöpferische Kraft. Nicht mehr einzelne Individuen stehen im Vordergrund, sondern die Auflösung der Grenzen zwischen Körpern. Lisbeth Gruwez schafft mit diesem Stück ein zeitgenössisches Ritual, in dem das »Wir« das einzelne »Ich« umarmt und die Tänzerinnen sich in einer eindrucksvollen, atmenden Landschaft auflösen. Gruwez ist die erste Spotlight-Künstlerin des Tanzfestivals Rhein-Main. In dieser Rubrik widmet sich das Festival künftig regelmäßig mit mehreren Beiträgen einem Künstler oder einer Künstlerin und dessen / deren Werken (red./loe.).

Danny Willems / Tanzplattform Rhein-Main©
Auf die Plätze, fertig, tanzen
Quelle: Jörg Baumann©

FRM | Tanzfestival

All you can danse

16.11. | Der Tanztag Rhein-Main

»Einen tanzen Tag lang« – So könnte man knapp den Tanztag Rhein-Main umschreiben. Einen ganzen Tag lang nämlich kann man und frau in FrankfurtRheinMain tanzen, Tanz entdecken und Tanz erleben. Von der großen Bühne bis zu exotischen Bauchtanzeinlagen – Am 16. November erfüllen sich in zwölf Städten der Region beim mittlerweile 7. Tanztag Rhein-Main (fast) alle Träume von Tanzwütigen, Tanzbegeisterten und Tanzinteressierten. Egal welcher Stil, ob alleine, in der Gruppe oder als Formation, ob Groß oder Klein, bewegungseingeschränkt oder mit großen Ambitionen – an diesem Tag kann (fast) alles erlebt und ausprobiert werden. In sage und schreibe über 170 Workshops. Und wem das noch nicht reicht: Den Abschluss bildet dann das große Tanzfest am Abend im Frankfurter Mousonturm (loe.).

Jörg Baumann©
Caveland - aus einem subterranen Festival-Programm von 2017
Quelle: Mousonturm©

Orte & Menschen | Mousonturm

Der Anti-Elfenbeinturm

30 Jahre etabliert progressiv

Was hat ein Frankfurter Künstlerhaus mit dem Hamburger-Brater McDonald’s zu tun? Im ersten Moment würde uns da mal lange Zeit nichts einfallen. Außer dem »M«. Das jedoch reichte den Mousonturm-Macher*innen 2016 für eine bemerkenswerte Kooperation. Im Mittelpunkt: ein ambitioniertes performatives »Lecture-Programm«, bei dem diverse Dichter und Denkerinnen irgendwie konspirative Vorlesungen hielten. Zu Urban Research, Journalism, Cooking oder Philosophy. Gehalten von Architektinnen oder Kulturproduzentinnen, Autoren oder Musikern – aus Afghanistan, Syrien, Eritrea oder anderen Teilen der Welt. Innovativ waren aber erst recht die Orte der Handlungen: in Frankfurter McDonald’s-Filialen und im eigens umgebauten Mousonturm-Filialcafé …

Frankfurts Mousonturm – eigentlich eine erste Tanz-Adresse der Stadt – steht auch gerne für Experimente, und dies als Haltung und Dauerzustand. Intendanten, Künstlerinnen und Künstler mieden und meiden dabei allzu ausgetretene Pfade. Sind gerne mal unbequem. Rausgehen gehört bei ihnen mit zur Kunst – auf die Straße, in die Bahn oder wohin auch immer. Gerne mit Erwartungen und Gewohnheiten spielend. Gerne überraschend – manchmal auch ein bisschen verrückt. Hilmar Hoffmann hatte dies in seiner Eröffnungsrede für das Haus 1988 im Wunsch nach einem »Werkstattcharakter« beschrieben. Ein Auftrag, den das Haus immer wieder auch erfüllt. Mit Avantgarde und politischer Kunst für das 21. Jahrhundert oder mit impulsreichen Themenschwerpunkten – 2018 »Flucht und Migration« mit Brett Baileys Labyrinth oder in diesem Jahr »Eine Stadt wie Frankfurt« mit gleich mehreren bemerkenswerten Rimini-Protokollen, zuletzt als Schaubude in der Stadt unterwegs.

Rimini Protokoll gehören auch zu den vielen jungen Kreativen, die hier immer wieder eine Plattform erhalten, nicht selten ihre erste, um oftmals wieder zurückzukehren. Dazu gehören auch die Frankfurt-Offenbacher YRD.Works. Doch mit einem riesigen Kreis mehr und weniger verbundener Künstlerinnen und Künstler, regionalen Größen, bunten Gästen und Sympathisanten hat der Mousonturm auch etwas Familiäres. Ein intimer – und nicht ganz endgültiger – Abschiedsabend von Tänzer und Choreograf Toni Rizzi war einst berührend und beispielhaft dafür, wie sehr der Mousonturm Teil des Netzwerks und der Szene FrankfurtRheinMain ist. Und trotz aller Progressivität darf es in der denkmalgeschützten früheren Seifenfabrik durchaus unterhaltsam sein: mit einfach wunderschönen Konzerten und legendären Partys. Liebgewonnene Traditionen gehören genauso zum Programm. Man denke nur an die Max Goldt-Lesungen rund um die Weihnachtstage. Auch Michael Quast steht seit langem immer wieder auf dieser Bühne. Von Hannelore Elsner bis Pussy Riot. Alles subjektive Fragmente eines Künstlerhauses, das sich als progressive Kunst-Brutstätte etabliert hat – ohne bereits ganz etabliert zu sein … (pem./vss.).

Mousonturm©
Auch das Implantieren-Festival gehört mit dazu
Quelle: Implantieren©

Tanzregion FrankfurtRheinMain

Von Mainz bis Gießen

Tanzplattform und viele Akteure

Tanz war in FrankfurtRheinMain schon immer mit guten Namen verbunden. Frankfurt war einst Heimat der weltberühmten »Forsythe Company«. Heute spielt dort in deren Nachfolge die »Dresden Frankfurt Dance Company« unter Jacopo Godani. Das wohl ambitionierteste Ensemble ist derzeit aber sicher das Hessische Staatsballett, vor vier Jahren aus dem Zusammenschluss der Ballett-Sparten der beiden Hessischen Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden entstanden. Mit der Kraft zweier großer Häuser und zweier renommierter Choreographen, Tim Plegge und Bruno Heynderickx, tanzte das Ensemble viel beachtete moderne »Nussknacker« ebenso wie inklusive Stücke wie »Mensch«. In Mainz, Hauptstadt des Nachbarlandes Rheinland-Pfalz sitzt das dritte Staatstheater mit profilierter Tanzsparte. Sie firmiert mit eigenem Ensemble und Festival als »tanzmainz« und steht in der Tradition großer Namen wie Martin Schläpfer oder Pascal Touzeau, die über Jahre gefeierte Ballettdirektoren am Rhein waren.

Die Tanzregion FrankfurtRheinMain tanzt sich derweil in Deutschland immer mehr in die erste Reihe. 2016 entstanden eine eigene »Tanzplattform« und ein  jährliches Festival herausragender lokaler und internationaler Produktionen. Nukleus war neben dem Hessischen Staatsballett auch das international renommierte freie Produktionshaus Mousonturm – allesamt erste Adressen in Deutschland. Die Tanzplattform geht auch neue Wege mit Tanztagen und einem Ensemble Mobile und richtet sich ausdrücklich auch an Laien. Experimentier-Studio der Region ist wohl das F*LAB, in dem auch spannende Hochschul- und Avantgardeensembles wie der Gießener Tanzstudiengang (ATW), die HfMDK und das Ensemble Moderne neue Formen von Tanz und Performance kreieren. Außerdem gibt es eine lebendige alternative Tanz- und Performanceszene mit dem Implantieren-Festival oder dem Straßentheater von Antagon sowie der sehr agilen Freien Szene (loe.).