Das Filmmuseum - Zentrum und Spielort zahlreicher Festivals
Quelle: Barbara Walzer©

Blick auf 2020 | Film(festival)region

Nonstop-Filmfest FrankfurtRheinMain

Keine Berlinale - aber über 50 Filmfestivals in der Region

Wer in Deutschland an Filmfestivals denkt, denkt zuerst an die Berlinale. Mit Cannes und Venedig spielt sie in der ersten Reihe europäischer Festivals und misst sich zuweilen gar mit Hollywood und seinen Oscars. FrankfurtRheinMain hingegen kann nichts derartiges aufweisen. Oder doch? FrankfurtRheinMain besitzt zwar keine Berlinale, ist aber wohl die Region in Deutschland und vielleicht sogar in Europa mit den meisten einzelnen Festivals überhaupt. Über 50 Filmfeste stehen im Laufe des Jahres im Kalender – im Schnitt eines pro Woche. Die Palette reicht von relativ großen Akteuren wie Lichter und Nippon Connection in Frankfurt oder GoEast und exground in Wiesbaden bis hin zu den »Exoten« wie Reflekta oder gar dem Putzfilmfestival, das 2018 Premiere hatte.

Besonders auffällig sind viele internationale Festivals, vom panafrikanischen Africa Alive im Januar bis zum italienischen Verso Sud im Dezember. Dazwischen geht es locker in zwei Dutzend Festivals um die Welt: von Japan (Nippon Connection) über China (Golden Trees), Korea (Project K) und Indien (New Generations), Europa und den Nahen Osten (GoEast, Jüdische Filmtage oder das Türkische Filmfestival), eben Afrika (Africa Alive) bis hin auf den amerikanischen Doppelkontinent. Letzterer steht richtig weit vorne. Die Dias de Cine beleuchten gleich ganz Lateinamerika, mehrere Länder wie Brasilien (CineBrasil) oder Cuba (Cuba im Film) und sogar die Dominikanische Republik haben eigene Festivals. Und manchmal gibt es wie dieses Jahr bei exground noch einen Festivalschwerpunkt wie Brasilien op top. Nicht von ungefähr kann FrankfurtRheinMain auch mit vielen Orten aufwarten, die Originalfilmreihen im Programm haben. Doch die Palette reicht auch quer durch Generationen und Geschlechter: vom Europäischen Filmfestival der Generationen und dem Frauenfilmfestival Remake über das Queer Filmfest Weiterstadt und die Homonale Wiesbaden bis zu den vielsprachigen Jugendfestivals Lucas, visionale, Cinéfête oder Britfilms. Ganz eigen ist auch die Landschaft für Kurzfilme vom kleinen Waldfestival in Weiterstadt über die Shorts at Moonlight bis zu den Rüsselsheimer Filmtagen. Und 2018 gab es neben dem Urgestein der Animationsfilmszene, dem Internationalen Trickfilm Wochenende Wiesbaden, auch noch die Premiere des neuen, fast jugendlichen Pendants Sweat & Tears in Frankfurt. Ach ja. Noch gar nicht erwähnt sind die sommerlichen Freiluftkinos wie der Lichter-Ableger Freiluftkino Frankfurt, die Filmtage in den Reisinger Anlagen in Wiesbaden, das Open Air-Programm im Hafen 2 in Offenbach oder der Filmsommer in Mainz. Und wem das nicht reicht, der findet an den Rändern der Region mehr: bei den Openeyes in Marburg, dem Dokfest in Kassel, dem Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen oder dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Kurzum: FrankfurtRheinMain ist eigentlich von Januar bis Dezember ein einziges großes Nonstop-Filmfestival. Für eine Berlinale wäre wohl gar kein Platz mehr frei im regionalen Festivalkalender … (vss.).

Barbara Walzer©
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Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Tanz in FrankfurtRheinMain

Tanz an (fast) allen Orten

31.10. bis 17.11. | Tanzfestival Rhein-Main

Bereits zum vierten Mal findet in diesem Jahr das Tanzfestival Rhein-Main statt. In dieser recht kurzen Zeit hat es sich dabei zu einem der führenden Festivals in Deutschland entwickelt. Gestützt auch auf eine breite Infrastruktur in der Tanzplattform Rhein-Main mit den Flaggschiffen Hessisches Staatsballett und Künstlerhaus Mousonturm. Die vierte Ausgabe steht unter dem Motto »Moving beyond«, »über sich, über etwas hinausgehen«. Gut zwei Wochen lang loten Ensembles aus der Region und aus der ganzen Welt Grenzen aus. Grenzen des Tanzes, Grenzen des Körpers, Grenzen der Wahrnehmung. »Sich Anderen öffnen, um die eigenen Grenzen zu überwinden, ist die DNA vieler Künstler*innen«, sagen unisono die Kurator*innen Anna Wagner und Bruno Heynderickx. Eindrucksvoll in Szene gesetzt schon mit dem Eröffnungsstück »Omphalos« des belgisch-französischen Künstlers Damien Jalet, das ausschließlich in, an und um eine raumschiffgleiche riesige Satellitenschüssel spielt und mit klassischem Tanz kaum mehr etwas gemein hat. Neu in diesem Jahr das Spotlight, das sich ausschließlich der belgischen Choreografin Lisbeth Gruwez und ihrer Kompanie Voetvolk widmet. Beschlossen wird das Festival dann mit einem großen offenen Tanzfest: dem Tanztag in der ganzen Region, der mit insgesamt 170 Workshops Tanz für die Besucher*innen direkt erlebbar macht (red.).

Neue Opern- und Bühnenbauten in Europa

Landmarken und Millionengräber

DAM blickt auf (andere) Neubauten und Sanierungsfälle

Frankfurt hat derzeit mit den Städtischen Bühnen und dem Kulturcampus – fast schon im wahrsten Wortsinn – zwei große »Kulturbaustellen«. Oder hätte sie zumindest gerne – wenn man denn schon so weit wäre. Vor allem rund um die Zukunft der Städtischen Bühnen ist noch vieles offen und wird weiterhin munter und vieles diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirft derzeit das Deutsche Architekturmuseum DAM gleich mehrere sehr informative Blicke auf andere derartige Projekte in Europa – aus den letzten Jahren und aus der Gegenwart. Das DAM blickt dabei auf spektakuläre und die Silhouette ihrer Städte oder einzelner Viertel prägende Neubauten wie die Elbphilharmonie in Hamburg, die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie in Stettin oder die Opèra de Lyon. Es blickt auf interessante Konversionsprojekte, etwa das Theater im (namensgebenden) ehemaligen Kraftwerk Mitte oder die neuen Theater und Oper Kopenhagens im Hafen und auf ehemaligem Militärgelände. Und es zeigt auch viel beachtete Sanierungen wie die Staatsoper unter den Linden und (scheinbar) »Never-Ending-Stories« wie die Bühnen Köln, deren geplante Wiedereröffnung mal kurz von 2015 auf 2022 verschoben wurde. Und es zeigt nicht nur bei diesem Projekt, wie sich Baukosten zuweilen »entwickeln«. In Köln etwa von ursprünglich 253 auf nunmehr (wohl mindestens) 545 bis 570 Millionen Euro. Apropos Baukosten: Als Herzstück der Ausstellung haben die DAM-Experten auch schon mal mehrere Szenarien für die Städtischen Bühnen durchgerechnet – inklusive »zu erwartender Preissteigerungen« … (loe.).

Barbara Walzer (bw.)©
Impression vom ersten Tanzfestival 2016 (aus SetandReset/Reset von Candoco Dance Company)
Quelle: Hugo Glendinning©

DIE DEUTSCHE TANZREGION RHEINMAIN

Tanzen in der ersten Reihe

Kommentar von Dr. Helmut Müller

Vom 31. Oktober bis 17. November fand dieses Jahr in FrankfurtRheinMain bereits zum vierten Mal das Tanzfestival Rhein-Main statt. Es hat sich mittlerweile als das Tanzfestival der Region etabliert, und ist zusammen mit einigen anderen Aktivitäten dabei, die Region selbst als ein Zentrum des Tanzes in Deutschland zu etablieren. Herausragende Produktionen zeigten in den letzten drei Jahren vielfach auf, was aktuell künstlerischen Tanz ausmacht, welche Entwicklungen, welche Ansätze, welche Schwerpunkte, welche künstlerischen Positionen gesetzt werden. Besonders war, dass dabei die ganze Region zur Plattform und zum Labor wurde. Neben dem Nukleus des Hessischen Staatsballets in Darmstadt und Wiesbaden sowie dem freien Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm kam in diesem Jahr auch Offenbach als Spielfläche für das Ensemble Mobile hinzu; außerdem über den Tanztag weitere Orte. In der Region mit 2,5 Mio. Einwohnern kann das Interesse am Tanz damit noch weiter und breiter wachsen.

Damit wird Tanz in dieser Region noch wichtiger – und die ohnehin tanzstarke Region wird in der (Tanz-) Welt noch stärker als ein Zentrum wahrgenommen. FrankfurtRheinMain könnte sich damit sogar zu dem Zentrum für Tanz in Deutschland entwickeln, vor allem mit der parallel gestarteten und deutschlandweit einmaligen Tanzplattform Rhein-Main. Unter der Überschrift »Vertiefen – Verstetigen – Entgrenzen« wird darin ein dichtes Netz von institutionen- und szeneübergreifenden Aktivitäten geknüpft. Mit den Ensembles in Wiesbaden und Darmstadt an der Spitze, ideal ergänzt durch das freie Künstlerhaus Mousonturm. Mit dem Ensemble Mobile wird Tanz an Orte gebracht, wo Menschen sonst keinen direkten Zugang haben. Künstlerresidenzen helfen, neuen und spannenden Input in die Region zu bringen. Dazu kommen das Festival, Tanzclubs und Vermittlungsangebote. Auf diese Art und Weise wird das gesamte Tanztheater im Ballungsraum RheinMain auf eine neue Stufe gehoben. Und dies – last but not least – auch in (s)einer gesellschaftlichen Funktion. Der Tanz, der nicht auf Worte, sondern auf die direkte und unmittelbare Körpersprache setzt, bringt Menschen zusammen. Gerade in unserer Zeit, in der viele Menschen zu uns kommen, mit denen es oftmals noch keine gemeinsame Sprache gibt …

Hugo Glendinning©
Auch das Implantieren-Festival gehört mit dazu
Quelle: Implantieren©

Tanzregion FrankfurtRheinMain

Von Mainz bis Gießen

Tanzplattform und viele Akteure

Tanz war in FrankfurtRheinMain schon immer mit guten Namen verbunden. Frankfurt war einst Heimat der weltberühmten »Forsythe Company«. Heute spielt dort in deren Nachfolge die »Dresden Frankfurt Dance Company« unter Jacopo Godani. Das wohl ambitionierteste Ensemble ist derzeit aber sicher das Hessische Staatsballett, vor vier Jahren aus dem Zusammenschluss der Ballett-Sparten der beiden Hessischen Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden entstanden. Mit der Kraft zweier großer Häuser und zweier renommierter Choreographen, Tim Plegge und Bruno Heynderickx, tanzte das Ensemble viel beachtete moderne »Nussknacker« ebenso wie inklusive Stücke wie »Mensch«. In Mainz, Hauptstadt des Nachbarlandes Rheinland-Pfalz sitzt das dritte Staatstheater mit profilierter Tanzsparte. Sie firmiert mit eigenem Ensemble und Festival als »tanzmainz« und steht in der Tradition großer Namen wie Martin Schläpfer oder Pascal Touzeau, die über Jahre gefeierte Ballettdirektoren am Rhein waren.

Die Tanzregion FrankfurtRheinMain tanzt sich derweil in Deutschland immer mehr in die erste Reihe. 2016 entstanden eine eigene »Tanzplattform« und ein  jährliches Festival herausragender lokaler und internationaler Produktionen. Nukleus war neben dem Hessischen Staatsballett auch das international renommierte freie Produktionshaus Mousonturm – allesamt erste Adressen in Deutschland. Die Tanzplattform geht auch neue Wege mit Tanztagen und einem Ensemble Mobile und richtet sich ausdrücklich auch an Laien. Experimentier-Studio der Region ist wohl das F*LAB, in dem auch spannende Hochschul- und Avantgardeensembles wie der Gießener Tanzstudiengang (ATW), die HfMDK und das Ensemble Moderne neue Formen von Tanz und Performance kreieren. Außerdem gibt es eine lebendige alternative Tanz- und Performanceszene mit dem Implantieren-Festival oder dem Straßentheater von Antagon sowie der sehr agilen Freien Szene (loe.).

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Musliminnen in Deutschland: Mut für den eigenen Stil - und das eigene Leben
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban21 | Migration + Mode

Die Freiheit, selbst und anders zu sein

Meriem Lebdiri: Mode für Musliminnen und Andere

Frauen mit Migrationshintergrund – besonders die mit Kopftuch – müssen sich in Deutschland oft rechtfertigen. Für sich, für andere, für ihre Kleidung. Das geht selbst erfolgreichen Geschäftsfrauen wie Meriem Lebdiri so. »Oft begegne ich Menschen,« so die Germersheimer Modedesignerin, »die mich nur auf das Kopftuch reduzieren und mir nicht viel zutrauen, oder die sich wundern, wenn ich fließend deutsch spreche. Es kommt auch mal vor, dass man eine Stellungnahme von mir erwartet für grausame Taten, die Menschen begangen haben, die meiner Religion zugehörig sind. Damit umzugehen kann oft sehr mühsam sein. Aber das alles zeigt mir nur, dass wir als Gesellschaft mehr miteinander statt übereinander reden sollten.«

Meriem Lebdiri arbeitet daran, dass sich dies ändert. Sie kreiert im beschaulichen Germersheim zwischen Mannheim und Karlsruhe unweit der französischen Grenze Schleier, Kleider und Jacken, macht Mode für Musliminnen und Nicht-Musliminnen. Der Name ihrer Marke »Mizaan« kommt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa »Gleichgewicht, Balance«. Mit ihrem Label reagiert sie auch auf etwas, das ihr in Deutschland in ihrer Jugend gefehlt hat, wie sie im Gespräch erklärt: »Ich habe mich nicht vertreten gefühlt und wollte genau das ändern. Zumindest für kommende Generationen. ›Modest Fashion‹ bietet zeitgemäße Kollektionen, die jedoch längere Ärmel und Säume haben, nicht durchsichtig sind – und somit die Lücke schließen, für alle Frauen, die das Bedürfnis nach mehr Stoff haben.« Ihre Kleider, Ponchos, Capes und Tücher kann man über das Internet kaufen – weltweit. Wohin die meisten Kleidungsstücke des seit 2012 bestehenden Labels gehen, will Lebdiri nicht verraten: »Mizaan ist noch viel zu klein, um Bilanz zu ziehen. Ich denke, dass sich erst in drei bis vier Saisons zeigen wird, wo es künftig die meisten Mizaan-Kollektionen geben wird.«

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Meriem Lebdiri | (c) Selma Lebdiri

Mit ihren Kollektionen möchte die Modemacherin keinesfalls zu einer Parallelgesellschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, sie will Menschen zusammenbringen und zum Dialog anregen: »Kundinnen meines Labels sind sehr durchmischt. Während ich weiß, dass Kundin Leyla den Seidenschal als Hijab tragen wird, kann ich mir bei Kundin Anna fast sicher sein, dass sie ihn als Accessoire um den Hals binden wird. Das mag zunächst etwas banal klingen, aber vielleicht treffen Leyla und Anna mal aufeinander, wenn sie gerade den gleichen Schal tragen. Vielleicht sprechen sie sich auch deswegen an und kommen ins Gespräch. Dann bin ich glücklich und habe (fast alles) erreicht, was ich erreichen will.« Wie fast alle Musliminnen mit Schleier in Deutschland fordert die Designerin vor allem die Freiheit für alle Frauen, sich anzuziehen, wie sie wollen. Zum Verhalten Ursula von der Leyens, die sich als deutsche Verteidigungsministerin weigerte, in Saudi-Arabien ihren Kopf zu bedecken, sagt sie: »Ich finde, keiner sollte das Recht haben, einer Frau zu sagen, was sie an- oder auszuziehen hat. Frau von der Leyen hat in dem Moment als selbstbestimmte Frau agiert. Nur schade, dass wir gerade hierzulande diese Selbstbestimmung anderen Frauen absprechen, die sich aus freien Stücken für das Tuch entscheiden. Ich kann mir nicht erklären, woher sich mehrheitlich männliche Politiker das Recht nehmen, über die Kleidung der Frau zu bestimmen, indem sie ihr etwas aufzwingen oder verbieten.«

Und wie lebt Meriem Lebdiri persönlich? »Ich denke«, so die junge Frau, »ich habe eine ausgewogene Mischung in mir aus beiden Kulturen: Deutschland und Algerien. Wie deutsch ich bin, merke ich jedes Mal wenn ich im Ausland bin und beispielsweise vergeblich nach Busfahrplänen suche oder überpünktlich und gut organisiert zu einem Termin erscheine. Meine algerische Lässigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn es doch keine Fahrpläne gibt oder mein Gegenüber eine Stunde später erscheint als vereinbart …« (lys.).