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Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Kulturona | Kultur und Corona

Geld zum Arbeiten

Mehr und weniger hilfreiche Programme

Kultur und Kulturschaffende sind von Corona besonders betroffen. Im Ressort ART(S) und auf der Seite KULTURONA schaut Urban shorts auf die Situation und auf die neuen Herausforderungen. || Neuester Stand: Die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz haben die beiden neuen Förderprogramme »Kulturpaket« und »Sechs Punkte für Rheinland-Pfalz« aufgelegt. Schwerpunkte sind Fördergelder für Kulturinstitutionen und Festivals sowie Arbeitsstipendien für Kreative und Künstler*innen. In beiden Ländern etwa können Kulturschaffende einmalig 2.000 Euro für ein Projekt beantragen (Links in der Randspalte). || Auf Urban shorts: Auf Urban shorts schreiben Kulturschaffende, wie sie mit der Situation die Krise bekamen – und wie sie dabei sind, die Krise zu meistern (Beiträge »Krise (in den Griff) kriegen« auf der Seite > ART(S)). Daneben schreibt Theatermacher Jan Deck in einer Kolumne, wie es Künstler*innen und Kreativen in der Krise gerade geht und was sie von diversen Hilfsprogrammen halten (Beiträge auf der Seite > KULTURONA). Außerdem: eine Linksammlung zu Förderprogrammen von Bund, Ländern, Gemeinden und Privaten (ebenfalls auf der Seite > KULTURONA in der Randspalte.

Barbara Walzer (bw.)©
Beschränkt offen - sorgsam abgezählte Stühle in der Centralstation
Quelle: Centralstation©

Kolumne von Jan Deck [10]

Elitär geregelte Lockerungsübungen

Warum trotz viel Geld Corona-Kultur oft unrentabel bleibt

[> Beitrag auf eigener Seite lesen»Lockerung« ist das Wort der Stunde. Eigentlich steht es für eine planvolle, vorsichtige Rücknahme von Verboten und Regeln, die angesichts der Corona- Pandemie für eine Zeit lang notwendig waren. Und in vielen Bereichen fühlen wir uns in der Tat schon sehr gelockert. Restaurants, Läden oder Friseursalons können wieder offen haben, arbeiten und Geld verdienen. Man kann wieder üppig essen gehen, fast unbegrenzt einkaufen, mehrere Menschen treffen, zum Teil gar bereits ganze Menschenmassen. Auch alle Kulturorte dürfen längst wieder offen haben. Theoretisch zumindest. Denn »dürfen« ist in diesem Falle nicht immer gleich »können«. Für einige Kulturbetriebe etwa ist ein  halbwegs normaler Betrieb unter den geltenden Regeln durchaus möglich, etwa für Museen oder andere Ausstellungsorte. Auch für große Theater und Säle. Sie alle müssen zwar den Einlass beschränken. Aber immerhin …

Doch dies gilt längst nicht für alle Kulturbetriebe. Man könnte fast sagen: Alte und Schwache haben besonders zu kämpfen. Kleine Kinos, alte Theater und auch auffällig viele Konzertveranstalter können aufgrund der Abstandsregeln nur sehr wenig Publikum in ihren Orten unterbringen; es sei denn, sie arbeiten im öffentlichen Raum oder verfügen über sehr große Räumlichkeiten. Das macht die Öffnung für sie problematisch, denn die Kosten überwiegen oft die Einnahmen. Die freien Theater in Frankfurt etwa haben derzeit die Wahl zwischen Pest und Cholera. Nicht spielen, heißt: keine Einnahmen, aber auch keine Sichtbarkeit. Zu spielen, heißt aber meist: Verluste machen, aber immerhin wieder etwas künstlerisch zu zeigen. Die meisten Schwierigkeiten machen die Regeln, dass zwischen Sitzplätzen in alle Richtungen 1,5 Meter Abstand sein muss, pro sitzende Person sind fünf Quadratmeter erforderlich, pro stehende Person zehn Quadratmeter. Wenigstens letzteres weicht sich nun langsam auf. Aber auch zwischen den Akteuren auf der Bühne und von diesen zum Publikum muss Abstand sein. Bei singenden, tanzenden oder laut sprechenden Menschen auf der Bühne beträgt der vorgeschriebene Abstand sechs Meter. Die meisten dieser Theater können so immer noch nur einige Dutzend Zuschauer*innen einlassen (statt wie sonst zwischen 100 und 200). Hinzu kommen Hygienekonzepte mit Regelungen für Ein- und Auslass sowie Toiletten-Benutzung sowie Maskenpflicht für Personal und weiteres. Das Ergebnis: mehr Anforderungen, mehr Personal, weniger Einnahmen …

Nun gibt es zwar Förderprogramme von Bund und Ländern, welche Theatern und anderen Kulturorten bei der Finanzierung von notwendigen Umbauten, bei der Anschaffung zusätzlicher Materialien oder bei notwendigen Maßnahmen helfen. Doch dies hilft nur, die Häuser für weniger Zuschauer fit zu machen. Aber oft nicht, mit diesen weniger Zuschauern zu überleben. Vielen Häusern drohen nach drei Monaten ohne Einnahmen nun drei Monate mit Verlusten. Einziger Trost: Förderprogramme, die Neuinszenierungen und Überarbeitungen finanzieren. Doch die werden dringend gebraucht, sind doch auch viele Inszenierungen selbst keineswegs mehr corona-tauglich und müssen erst einmal durch neue ersetzt werden. So suchen die Theater neue Lösungen. Manche haben eigene Formate entwickelt, andere hoffen darauf, dass ihnen die Städte vorübergehend größere Räume zur Verfügung stellen, und alle hoffen, dass zur nächsten Spielzeit ab Herbst die Maßnahmen weiter gelockert werden. Hoffnung macht ein Konzept aus Österreich. Dort gilt für Kulturveranstaltungen in Kinos oder Theatern nur eine Abstands-Pflicht von einem Meter, wobei Zuschauerränge im Schachbrettmuster zu besetzen sind. Mit einem solchen Konzept lassen sich deutlich mehr Zuschauer*innen einlassen. Bleibt zu hoffen, dass diese Situation dort nicht zu weiteren Corona-Fällen führt. Denn falls es gut läuft, könnte Österreich ein Muster für eine weitere Lockerungsübung im Herbst in Deutschland sein. So könnten Kulturveranstaltungen wieder Einnahmen erzielen. Nur sie sichern das Überleben …

Centralstation©
Neu 2021 • Alles Inklusive - Ein Darmstädter Festival
Quelle: Alles inklusive / Centralstation©

Kolumne von Jan Deck [9]

Hessen hilft phasenweise

Kulturpaket - Hessens dreistufiger Förderplan

Zugegeben. Es hat schon ein wenig gedauert, bis das Land Hessen »sein Kulturpaket« vorgestellt hat. Und ein wenig abgeschrieben bei anderen Nachbarn wirkt es auch (was aber per se nicht das Schlechteste sein muss). Doch nachdem sich auf Bundesebene offenbar nichts mehr bewegen ließ, griff nun auch Hessen seiner durch die Pandemie stillgelegten Kulturszene unter die Arme. Und mit 50 Millionen Euro Gesamtvolumen scheint tatsächlich mal Klotzen statt Kleckern angesagt gewesen zu sein. Und so wie es aussieht, erreicht es diesmal wohl auch breite Teile der Kulturszene(n), wenn auch da und dort phasenweise etwas zeitverzögert …

Immerhin erscheinen die Phasen logisch. Die erste Phase »Sofort helfen« sind überwiegend bereits bekannte Hilfsprogramme. Bereits von Mitte April stammt das Programm »Weiterführung der Vereins- und Kulturarbeit«. Gemeinnützige Vereine mit Corona-bedingten Ausfällen können bis zu 10.000 Euro finanzielle Unterstützung beantragen. Zusätzlich unterstützt Hessen jetzt Kulturfestivals, die als Großveranstaltung aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt oder in den digitalen Raum verlagert werden müssen. In der zweite Phase »Übergang meistern« (ab Juni) werden freie Künstler*innen mit Arbeitsstipendien von je 2.000 Euro unterstützt. Das soll ihnen ermöglichen, neue Projekte für den Übergang aus der Pandemie-Zeit zu erarbeiten. Es steht allen in Hessen lebenden und in der Künstlersozialkasse (KSK) versicherten Kulturschaffenden offen. Das Gesamtbudget ist so hoch, dass alle bei der KSK versicherten Kulturschaffenden ein Stipendium bekommen könn(t)en. Die Künstler*innen erhalten zudem die Möglichkeit, besondere Ergebnisse in einem digitalen Schaufenster zu präsentieren.

Die dritte Phase »Innovativ neu eröffnen« (ab Juli/August) soll andere Veranstaltungsformen, bauliche Veränderungen oder neue Formen der Publikums-Ansprache fördern. Zum einen gibt es dafür den Fonds »Innovativ neu eröffnen« für Kultureinrichtungen und Spielstätten, um Kultureinrichtungen mit regelmäßigen Veranstaltungen den Übergang in die vollständige Neueröffnung zu erleichtern. Für die Entwicklung neuer Formate, für bauliche Anpassungen oder auch für die Öffentlichkeitsarbeit können 500 Pauschalbeträge von je 18.000 Euro vergeben werden. Zudem sollen Projektstipendien für freie Gruppen und Einzelkünstler*innen vergeben werden, um neuartigen Ansätzen für Kulturveranstaltungen und künstlerischen Formaten die Realisierung, Dokumentation und Publikation zu ermöglichen Es stehen Mittel für 250 Gruppen in Höhe von je 18.000 Euro sowie für 1.000 Künstlerinnen und Künstler in Höhe von je 5.000 Euro bereit. Eine Fachjury beurteilt die Einreichungen. Natürlich wird auch dieses Programm nicht allen helfen. Nicht alle Kulturschaffenden – wenn auch sehr viele – sind etwa in der KSK, nicht alle Festivals erheben Eintritt, nicht alle Künstler*innen wollen Corona-Kunst machen. Und es gibt keinen Ausgleichs-Topf für entgangene Einnahmen. Doch es wird endlich einmal vielen geholfen, die Hilfe brauchen. Und für die anderen, vor allem jene außerhalb der KSK, finden sich vielleicht auch noch Möglichkeiten – vielleicht beim Land, vielleicht aber auch in einem gemeinsamen Projekt mit anderen (KSK-)Künstler*innen …

Alles inklusive / Centralstation©
Ins Netz gegangen • GoEast goes online - Online-Festival des mittel- und osteuropäischen Films
Quelle: GoEast ©

Kolumne von Jan Deck [8]

Drei Mal werden wir noch wach …

Finanz-Hilfen für Kultur-Häuser und Gruppen

Ein bisschen kommt es uns Kulturschaffenden in Hessen gerade vor wie kurz vor Weihnachten. Drei Mal werden wir noch wach. Heysa, dann ist Weihnachtstag! So zumindest fühlt es sich gerade an, nachdem Ende dieser Woche aus der Hessischen Landesregierung durchgesickert ist, dass auch sie Anfang der Woche ein lange gefordertes Sonderprogramm zur Förderung von Künstler*innen und Kreativen vorstellen will. Das Soforthilfe-Programm des Bundes hatte zuvor für viele Kulturschaffende zu kurz gegriffen, und andere Länder hatten auch bereits eigene Programme vorgelegt. Gespannt und gebannt schauen wir deshalb nun alle auf den Anfang der kommenden Woche.

Und wie immer kurz vor Weihnachten vertreiben wir uns die Zeit bis dahin. In diesem Falle mit dem Blick auf einige schon bestehenden Hilfs-Programme des Bundes, die wenigstens da und dort Abhilfe versprechen. Es gibt nämlich durchaus immer mehr spezifische bundesweite Fördertöpfe, mit denen die Folgen der Pandemie abgemildert und die Kulturszene unterstützt werden kann. Besonders spannend klingt ein Stipendien-Programm der Kulturstiftung des Bundes. Unter dem Namen »reload« lädt die Kulturstiftung im Rahmen eines sechsmonatigen Stipendiums frei produzierende Künstlergruppen ein, sich mit den Auswirkungen der Coronakrise auf die eigene Kunstpraxis zu beschäftigen. Das Stipendien-Programm richtet sich gezielt an Freie Gruppen der darstellenden Künste und der Musik, deren künstlerische Zusammenarbeit und Aufführungen aktuell und in den nächsten Monaten nicht wie geplant möglich sein werden. Die Höhe der Stipendien für Freie Gruppen beträgt 25.000 Euro und soll die Zusammenarbeit der Gruppe sichern. Die Mittel stehen für gemeinsame Arbeits- und Recherche-Vorhaben zur Verfügung, mit denen Freie Gruppen ihre künstlerische Arbeit fortführen, vertiefen und auf eine gemeinsame Zukunft nach dem Ausnahmezustand ausrichten können.

Andere Fördertöpfe richten sich direkt an Institutionen. Zum Beispiel das Projekt »Land intakt – Soforthilfeprogramm Kulturzentren«. Soziokulturelle Zentren, Kulturhäuser, Kulturzentren und Bürgerzentren in Landgemeinden und Kleinstädten mit bis zu 20.000 Einwohnern können bis zu 25.000 Euro unter anderem für Maßnahmen zur Modernisierung und zum Bauunterhalt beantragen. Das Projekt wird im Rahmen des Programms »Kultur in ländlichen Räumen« aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Das Programm »Neustart« dagegen wurde ins Leben gerufen, um insbesondere kleinen und mittleren Kultureinrichtungen eine rasche Wiedereröffnung nach der Corona-bedingten Schließung zu ermöglichen. In diesem Jahr stehen dafür einmalig bis zu zehn Millionen Euro zur Verfügung. Finanziert werden Investitionen in den Umbau und zur Ausstattung, zum Beispiel der Einbau von Schutzvorrichtungen oder die Optimierung der Besucher-Steuerung. Auch die Einführung beziehungsweise Anpassung digitaler Vermittlungs-Formate können unterstützt werden. Für die Maßnahmen sind zwischen 10.000 und 50.000 Euro pro Kultureinrichtung vorgesehen. Gemeinsam haben alle drei Programme, dass sie sich nicht an Einzelpersonen richten, sondern ganze Häuser und das Miteinander in der Kulturszene fördern. Das sind zumindest drei Programme, die da oder dort Hilfe versprechen. Sich mit ihnen zu beschäftigen, ist zumindest gut genutzte Zeit beim Warten auf die Bescherung Anfang der Woche – wie auch immer diese dann ausfallen mag …

GoEast ©
Verschoben • DTDF - Darmstädter Tage der Fotografie
Quelle: Nancy Borowick / DTDF 2018 ©

Kolumne von Jan Deck [7]

Mogelpackung Grundsicherung

Statt ALG II sind eigene Programme nötig

Aufgrund der mangelhaften Unterstützung durch Soforthilfe-Programme sind immer mehr Kulturschaffende auf Arbeitslosengeld angewiesen. Bund und Länder nennen dies »Corona-Grundsicherung«. Für bis zu sechs Monate gibt es dabei keine Prüfung oder Anrechnung von Ersparnissen oder Wohneigentum, alle tatsächlichen Kosten für Wohnung und Heizung werden akzeptiert, unklare Anspruchsvoraussetzungen werden nicht geprüft. Einige Politiker*innen rückten diese »Corona-Grundsicherung« denn auch bereits arg in die Nähe eines bedingungslosen Grundeinkommens für einige Monate. Wovon allerdings nur sehr bedingt die Rede sein kann. Vor diesem Hintergrund ist es ermutigend, dass das Land Hessen nun auch an einem eigenen Programm für Kulturschaffende arbeitet, das in Kürze vorgestellt werden soll. Andere Länder wie Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg sind schon vorangegangen.

Die Sichtweise mit dem bedingungslosen Grundeinkommen war hingegen schon fast zynisch. Kolleg*innen ohne deutschen Pass etwa, Studierende und Rentner*innen, die noch weiter arbeiten müssen, haben keinen Anspruch. Ich habe zudem mit vielen Kolleg*innen über die Erfahrungen der letzten Wochen kommuniziert, und die Bilanz ist besorgniserregend. Bei vielen ihrer Anfragen wussten Sachbearbeiter*innen nichts von einer »Corona-Grundsicherung«, den Kolleg*innen wurden klassische Hartz IV-Anträge geschickt, sie mussten die richtigen Formulare selbst im Internet recherchieren. Viele wurden aufgefordert, Kontoauszüge oder zukünftige Einnahmen anzugeben – was eigentlich nach den Regeln der »Corona-Grundsicherung« überhaupt nicht relevant ist. Inzwischen ist klar, dass die neuen Anträge überhaupt erst ab dem 1. April zur Verfügung standen. Wer schon im März beantragen musste, wurde also anscheinend nach alten Regeln behandelt; was absolut im Widerspruch zu den Versprechungen steht. Viele Kolleg*innen bekamen zudem zu hören, dass zwar im Moment keine Anspruchsprüfungen gemacht würden, aber dann eben nach dem Zeitraum von sechs Monaten. Auch das steht im Widerspruch zur Regel, nach der nur auf Antrag der Antragsteller*innen geprüft werde. All das sind keine Einzelfälle.

Außerdem gibt es andere ALG II-Regeln, die trotzdem für die Corona-Grundsicherung gelten. Lebt man mit Partner*in zusammen in einem Haushalt, bildet man eine so genannte »Bedarfsgemeinschaft«, das gemeinsame Vermögen wird herangezogen. Das Problem: So können Künstler*innen keine Rücklagen bilden, um dann im Herbst mit ihnen weiter produzieren zu können. Die Folge ist, dass viele länger als die geplanten sechs Monate auf ALG II angewiesen sein könnten. Auch die Androhung, zumutbare Arbeit annehmen zu müssen, wird nicht außer Kraft gesetzt. Ein Kollege musste sich schon anhören, da er ja wegen ausgefallenen Aufführungen jetzt nichts zu tun habe, könne er ja wohl andere Jobs annehmen. Hier zeigt sich mal wieder ein massives Unverständnis gegenüber künstlerischen Arbeitsweisen. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die »Corona-Grundsicherung« keine ausreichende Unterstützung ist und sich nur marginal von Hartz IV unterscheidet. Viele Politiker*innen wundern sich zudem, dass Künstler*innen diese Praxis als demütigend empfinden. Dabei wurde doch Hartz IV genau so aufgebaut: als ein System von Abschreckung, von Fördern und Fordern, von Überwachen und Strafen. Genau in diesem Modus funktionieren auch weiterhin viele Mitarbeiter*innen beim Jobcenter, was die Beschreibungen von Kolleg*innen bestätigen. Viele Kulturschaffende haben damit schon leidvolle Erfahrungen gemacht. Ein solches System mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu vergleichen, ist – freundlich gesagt – realitätsfern. Bedingungslos bedeutet nämlich, jedem Menschen 1000 oder 1500 Euro monatlich ohne Prüfung seines Einkommens oder Arbeitszwang zur Verfügung zu stellen. Dies muss man nicht unterstützen. Aber man sollte auch nicht für eine Mogelpackung damit hausieren gehen. Gut, dass hier mittlerweile andere Ideen vorangetrieben werden …

Nancy Borowick / DTDF 2018  ©
Ins Netz gegangen • Lichter on Demand - Filmfestival im Netz
Quelle: Lichter ©

Kolumne von Jan Deck [6]

Bedingungsloses Grund-Vertrauen

Hilfsinitiativen für Künstler*innen statt ALG II

Als in den 1930er Jahren die schlimmste Wirtschaftskrise der jüngeren Geschichte wütete, setzte in den USA Präsident Franklin D. Roosevelt auf den »New Deal«, ein gigantisches Wirtschaftsprogramm zum Bau von Flughäfen, Straßen, Schulen. Und: Über das Public Works of Art Project und das Federal Art Project wurden auch zahlreiche Kunstprojekte finanziert. Die lapidare Begründung des New-Deal-Chefs Harry Hopkins: »Die (Künstler) müssen genauso essen wie alle anderen auch«. Das scheinen jetzt in der vielleicht größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik auch Politiker hierzulande langsam zu verstehen. Auf Initiative Bremens forderten die Wirtschaftsminister der Länder am 8. April die Bundesregierung einstimmig auf, Solo-Selbständigen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht seien, auch ohne Beantragung von ALG II zu helfen. Alle Selbstständigen, die Dienstleistungen »außer Haus und beim Kunden« erbringen, sollten einen monatlichen Pauschalbetrag von 1000 Euro erhalten, wenn sie durch Corona Umsatzverluste von mindestens 50 Prozent haben. Betriebskosten sollen zusätzlich bezuschusst werden.

Diese 1000 Euro monatlich ohne Belegpflicht und ohne Prüfungen wären sicher eine tatsächlich unbürokratische Lösung, die auch vielen Kulturschaffenden helfen könnte. Sollte dieses Geld plus Betriebskostenzuschuss tatsächlich für einige Monate bezahlt werden, könnte man von einer wirklichen Hilfe sprechen, welche den sonst entwürdigenden Gang zum Jobcenter ersparen würde und auch denjenigen zu Gute käme, die kein ALG II beantragen können. Es stimmt hoffnungsvoll, dass in diesem Gremium alle wichtigen demokratischen Parteien vertreten sind. Bislang hat die Bundesregierung noch nicht auf diesen Vorschlag reagiert. Aber allein die Existenz eines solchen überparteilichen Vorschlags macht Hoffnung. Dieses quasi bedingungslose temporäre Grundeinkommen wäre ein großer Vertrauensbeweis für Künstler*innen. Und es würde zu so einigen (teils privaten) Initiativen dieser Tage passen, die nun im Kontext der Corona-Krise aufgelegt wurden. Bei einzelnen Rettungsfonds spezifisch für Künstler*innen wurde etwa zumeist vermieden, umfassende Prüfungen zu betreiben. Oft reicht die Schilderung der persönlichen Situation, um Geld zu bekommen. Das private Programm »Kulturzeiter*in« hat zum Beispiel bereits in der ersten Woche fast 45.000 Euro an Spenden gesammelt, um Kulturschaffenden aus Frankfurt und Offenbach 500 Euro monatliche Hilfe zukommen zu lassen; die Ersten haben bereits Zusagen erhalten. Das Frankfurter Kulturamt vergibt mittlerweile ähnlich dem New Deal zumindest Hilfsgelder mit formlosen Anträgen. Auch bei den bereits vollständig verausgabten Förderungen der GDBA waren keine Beweise für eine Existenzbedrohung notwendig. Und es gibt sogar staatliche Stellen, die weiter gehen. Sachsen-Anhalt zahlt seinen Künstler*innen auf Antrag 400 Euro im Monat aus. Vielleicht könnte der Bund davon lernen, wie überall bedingungslos geholfen wird. Ist das nicht der Charakter von Hilfe, dass man in einer Notlage gibt, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen? Die Bürokratisierung von Hilfe ist getrieben vom Geist des Misstrauens und der vorsorglichen Unterstellung, man wolle ohnehin nur die Gutmütigkeit anderer ausnutzen. Umso schöner, dass private und kommunale Programme wieder den Geist des Vertrauens dagegenstellen. Davon könnte sich die Bundesregierung eine Scheibe abschneiden. Ein Vorschlag in diese Richtung liegt ja auf ihrem Tisch.

Lichter ©
Abgesagt • Conference of Trees - Konzert-Gastspiel im Mousonturm
Quelle: Mousonturm / Stephan Abry©

Kolumne von Jan Deck [5]

Solidarität statt ALG II

Andere Hilfen für Künstler*innen

Ein paar Tage lang gab es Hoffnung. Hinter den Kulissen wurde um Anpassungen am Soforthilfeprogramm des Bundes gerungen, um speziell Künstler*innen und manchen kleinen Solo-Selbständigen ohne große Mietkosten, Dienstwagen und Leasinggeräten mehr zu helfen. Doch trotz des Einsatzes von Hessen und anderen Ländern wird das Programm nicht verändert. Weiterhin bleiben Liquiditätsengpässe die Grundlage für die Unterstützung, Einnahmeausfälle und Lebenshaltungskosten werden nicht anerkannt. Das macht die Situation vieler Solo-Selbständiger und Kulturschaffender weiter schwierig. Sie werden weiter auf die erleichterte Corona-Variante von ALG II verwiesen.

Ein Verweis, mit dem viele Künstler*innen aber verständlicherweise psychologisch ein Problem haben. Der Verweis auf »Instrumente« wie ALG II und Hartz IV wirken wie die Elendsvariante eines bedingungslosen Grundeinkommens für Kulturschaffende. Und klingen eher wie ein schlechter Scherz. Auch der deutsche Kulturrat und dessen Vorsitzender Olaf Zimmermann fanden diese Lösung großartig. Sicher, es gibt positive Veränderungen: Für bis zu sechs Monate werden bei Antragsteller*innen Ersparnisse oder Wohneigentum nicht geprüft oder angerechnet. Die tatsächlichen Kosten für Wohnung und Heizung werden akzeptiert, unabhängig davon, ob sie als »angemessen« gelten. Auch unklare Anspruchsvoraussetzungen werden nicht geprüft.

Doch es hat eben etwas von einem »Stigma«, dem sich andere nicht aussetzen müssen. Und es gibt obendrein noch einige, die selbst durch dieses Raster fallen, weil sie auch das veränderte ALG II nicht beantragen können. Allen voran Künstler*innen ohne deutschen Pass, die in keinem Fest-Engagement stehen. Einige von ihnen haben kurzfristig viele Jobs verloren. Einige Kolleg*innen befinden sich zudem in Masterstudiengängen zur Weiterbildung (als Studierende können sie kein ALG II bekommen). Andere sind bereits in Rente. Trotz jahrzehntelanger Arbeit reicht diese jedoch nicht zum Leben, sie müssen deshalb weiterarbeiten. Statt ALG II müssen sie nun Grundsicherung beantragen, die jedoch nicht so gelockerte Bedingungen hat. Und das sind nur drei Beispiele.

So sind Künstler*innen nun mehr denn je auf Solidarität angewiesen. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig hat schon frühzeitig reagiert mit einem Notfallfonds, der helfen soll bei bei existenziellen Notlagen und wenn andere Förderprogramme nicht greifen. Antragsberechtigt sind Einzelkünstler*innen, Künstlergruppen und Kollektive aller Genres aus Frankfurt am Main. Die Höhe der Förderung kann zwischen 500 und 5000 Euro gestaffelt sein. Doch leider muss dieser Betrag im Regelfall zurückbezahlt werden (nur ausnahmsweise kann er behalten werden). Immerhin entstehen derzeit zahlreiche private Initiativen. Es gibt Crowdfunding-Aktionen, um einzelne Künstler*innen und Kulturorte zu retten. Die Frankfurter Künstlerhilfe unterstützt mit 500 Euro Soforthilfe und mit Arbeitsstipendien. Gerade ist aber auch die Webseite kulturzeiterin.de online gegangen. Sie ruft zu Spenden für Kulturschaffende auf, um ihnen ebenfalls eine unbürokratische Unterstützung von 500 Euro zukommen zu lassen. Viele Menschen aus Kultur und Gesellschaft haben sie gemeinsam initiiert (auch ich gehöre dazu). Und auch wenn die Förderung und Absicherung von Kultur Aufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden ist: Vielleicht sorgt gerade diese Form der Solidarität für mehr Zusammenhalt innerhalb der Szene, aber auch zwischen der Kultur und ihren Liebhaber*innen. Vielleicht ein bemerkenswerter Effekt von Corona …