Zwei Filme aus einer Hand. Aus: »Das Geschäft mit der Armut / Globale Dickmacher«
Quelle: 3sat©

Urban21 | Mediale Inszenierungen

Moderne Medien-Maßkonfektion

Wie ZDF und 3sat ihre Zuschauer sehen

In der Modebranche gibt es Konfektionsware, Maßanfertigung – und »Maßkonfektion«. Letzteres ist die Mischung aus dem Anzug oder dem Kostüm von der Stange und dem ausschließlich für einen Träger oder eine Trägerin individuell angefertigten Kleidungsstück. Ein Konfektions-Corpus wird dabei auf die besonderen Maße der Besitzerin oder des Besitzers angepasst hergestellt. Mittlerweile gibt es dies auch in den Medien. In großen Zentralredaktionen wird beispielsweise eine Zeitungsreportage ganz nach Bedarf für das Boulevardblatt, für die Lokalzeitung oder für das eher intellektuelle Wochenmagazin ein und desselben Verlages zurechtgeschnitten.

Wie so etwas im Fernsehen aussieht, kann man derzeit an zwei Reportagen in den Mediatheken von ZDF und 3sat sehen. Also eigentlich an einer Reportage – in zwei verschiedenen Versionen. Autor Joachim Walther hat rund um den Globus recherchiert, wie globale Konsum- und Lebensmittelkonzerne sich in den aufstrebenden Schwellenländern neue Märkte entwickeln. Und erzählt zu den gleichen Bildern zwei Geschichten. Er erzählt für das 3sat-Publikum die moralische Geschichte vom »Geschäft mit der Armut«, in dem die weniger kaufkräftige Bevölkerung Minipackungen zu Maxipreisen bekommt und obendrein die künstlichen Nahrungsmittel der Gesundheit nicht gerade förderlich sind. Und er erzählt dem ZDF-Publikum die eher plakative Geschichte von den »Globalen Dickmachern«, mit denen die Konzerne ganz nebenbei auch noch prächtige Geschäfte machen. Der Betrachter kann sich derzeit beide Beiträge parallel in den Mediatheken ansehen – oder sich seine Version aussuchen. Und erhält noch ganz nebenbei einen Einblick, wie sich ZDF und 3sat wohl so ihre Zuschauer vorstellen (vss.).

Rick Harris | CC 2.0
Rick Harris' Lonely Phone Booths
Quelle: Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©

Kunststück | The Red Boxes

Bittere (Zell-) Zeiten

Telefonzellen als Kunstwerke

Für Telefonzellen scheinen weltweit bittere Zeiten angebrochen. In unseren Mobile Times, in denen die Menschen nicht nur Bilder und Urlaubseindrücke, sondern auch ihre Telefongespräche öffentlich teilen, haben sie zunehmend ausgedient und werden weltweit abgebaut. Nur in ein paar abgelegenen Orten kämpfen Menschen noch um ihre Telefonkabine (Mehr). Ein paar von ihnen überleben noch mit neuem Inhalt – als Bücherschränke, Coffeeshops oder gar Reparaturläden für Smartphones (Mehr). Doch längst scheint auch die Kunst die ausgedienten Zellen entdeckt zu haben. Manche werden flugs zu Ausstellungsräumen oder gar öffentlichen Aquarien umfunktioniert. Andere werden selbst zu Kunstwerken. So etwa bei dem kanadischen Fotografen Rick Harris, den ein paar alte und besonders bemitleidenswerte Exemplare zu einigen eindrucksvollen Foto-Sessions veranlasst haben. By the way: Mit seinem Hang zum Morbiden hat er auch bereits ausgediente Räume, Sessel oder Einkaufswagen neu inszeniert … (vss.).

Rick Harris / Creative Commons License CC-BY-SA-2.0 (mehr: s.u.)©
Eine ganze Telefonzellenzeile - nicht nur in London mittlerweile ein sehr seltener Anblick
Quelle: AnTu©

Urban21 | Zellsterben

Die letzten Telefonzellen …

... und ein gallisches Dorf in Frankreich

In der Schweiz und in Frankreich endete mit dem Jahreswechsel eine vertraute Ära: die der Telefonhäuschen oder der »cabines téléphoniques«, wie sie in diesen beiden Ländern heißen. In der Schweiz lief die Verpflichtung der Swisscom zur flächendeckenden Versorgung mit den Häuschen aus. Und damit dürften auch die letzten paar Tausend der einst 61.000 öffentlichen Fernsprecher im Alpenland nur noch ein kurzes Leben haben, wie die Neue Zürcher Zeitung dieser Tage mutmaßte. Und auch in Frankreich werden rund um den Jahresbeginn die letzten 1.500 Zellen abgebaut. Sie sind laut dem inzwischen privatisierten, einstigen Staatskonzern Orange, der sie betreibt, mit 10 Millionen Euro Kosten pro Jahr zu teuer und dafür viel zu selten genutzt. Jedes Jahr gehe die Dauer der in den Kabinen geführten Telefongespräche um 40 Prozent zurück. Vor 20 Jahren gab es noch 300.000 Telefonhäuschen in Frankreich. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Wie mittlerweile in vielen Ländern dieser Welt.

Dabei funktioniert gerade in Frankreich das Mobilfunknetz, dessen Omnipräsenz den kleinen Häuschen nach und nach den Garaus macht, nicht überall im Lande wirklich gut. Und daher rührt auch die kleine Geschichte eines »gallischen Dorfes«, das ganz wie bei Asterix Widerstand leistet. Der kleine Skiort Ceillac in den französischen Alpen – im Département Hautes-Alpes etwa 80 km von Gap entfernt – kämpft um seine Telefonzelle. Der Bürgermeister hatte schon im März 2017 an den neuen Präsidenten Emmanuel Macron und an den CEO von Orange geschrieben. Weil das Mobilfunknetz in seinem Ort kaum funktioniere – von Internet gar nicht zu reden -, müsse die letzte Telefonzelle, die sich in Flur des Rathauses befindet, erhalten werden. Während der Skisaison halten sich etwa 3.000 Menschen in Ceillac auf, im Rest des Jahres sind es zehn mal weniger. Aber einige ältere Bewohner des Dorfes haben gar kein Telefon und kommen ins Rathaus – auch um sich in der Telefonzelle anrufen zu lassen. Laut örtlichen Medien hat der Bürgermeister sogar einen Techniker, der gekommen war, um die Telefonzelle 2017 bereits abzubauen, persönlich davon abgehalten. Seither gehen die Bewohner von Ceillac davon aus, dass ihre Telefonzelle erhalten bleibe. Und wenn es die einzige wäre im ganzen Lande. Oder vielleicht sogar im ganzen Europa … (lys. / sfo.).


Neues Leben - als Aquarium, als Bücherschrank, als Galerie. Darunter: Out of Order (David March)
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Urban21 | Die neue Zellkultur

Vom Pub bis zum Bücherschrank

Neues Leben in alten (Telefon-) Zellen

Über viele Jahrzehnte hinweg gehörten Telefonhäuschen in fast allen Ländern und Städten dieser Welt zum festen Straßenbild. Zu den bekanntesten Exemplaren gehören wohl die berühmten roten Booths der British Telecom und die allseits vertrauten gelben Kabinen ihres deutschen Pendants. Doch der Siegeszug der Mobile und Smart Phones führte zum langsamen, aber steten Dahinsiechen der doch eigentlich smarten Boxen. Staatliche Auflagen retteten ihnen da und dort noch das Leben, auch wenn sie längst kaum mehr benutzt wurden. In Deutschland, Frankreich und der Schweiz sollen einst rund eine halbe Million der Kabinen herumgestanden haben. Mittlerweile sind es nur noch 20.000 bis 30.000, rund drei Viertel davon in Deutschland. In Frankreich und der Schweiz werden seit dem Jahreswechsel auch die letzten Häuschen so langsam abgebaut. Fast schon symbolhaft hatte diese Entwicklung bereits in den 90er Jahren der britische Künstler David March in seiner Skulptur »Out of Order« vorweggenommen.

Doch seit einigen Jahren scheint das Zellsterben ein Ende zu haben. Nicht, dass es auf einer neuen Retrowelle plötzlich wieder mehr Kabinentelefonierer gäbe oder zunehmend autistische Smart Phone-Besitzer die Box nun gar zum eigenen Schutz entdeckt hätten. Aber immer öfter regt sich neues Leben in den alten Zellen – und zwar weltweit. Neuen Raum findet darin etwa plötzlich ein Medium, dem eigentlich zuweilen selbst das Aussterben prognostiziert: das Buch. In alten Telefonzellen finden mittlerweile »Bücherschränke« zum Einstellen und Finden alter und/oder gelesener Bücher ein neues Zuhause. Weit verbreitet sind diese Minibibliotheken in Deutschland; sowohl in alten Telekomkabinen, als auch in Original-Phone-Booths aus Großbritannien. Doch auch Firmen und Privatleute sichern sich hierzulande ausrangierte Zellen, um sie sich zur Dekoration in Büroräume oder in den heimischen Vorgarten zu stellen. Und sie sind dabei so beliebt, dass die Telekom angeblich selbst schon kaum mehr über Altbestände verfügen soll. Apropos. In manchen modernen Großraumbüros sollen die Telefonzellen sogar ihren ursprünglichen Zweck wieder erfüllen – mal in Ruhe und ohne Zuhörer ein Telefonat zu führen …

Doch die einst so häufigen Häuschen sind längst nicht mehr nur als Liebhaberstücke unter die Leute gekommen. Auch zu mehr oder minder kommerziellen Zwecken erblühen sie mittlerweile zu neuem Leben. Im schottischen Kilberry etwa hat Hotelbesitzer David Wilson eine der alten roten BT-Relikte für ein Pfund erworben und den wahrscheinlich kleinsten Pub der Welt daraus gemacht, wenn auch vornehmlich für die eigenen Hotelgäste in der abgelegenen Gegend. Eine Investition, die sich bereits beim ersten Gast amortisiert haben dürfte. Wobei die Geschäfts-Idee in Großbritannien gar nicht mal mehr so originell ist. Viele der alten BT-Häuschen, die es übrigens bereits seit fast 100 Jahren gibt, haben mittlerweile neue Bestimmungen als kleine Shops, Salat-Bars, Cafés (für richtige Bars außerhalb eines Hotelgeländes bräuchte man eine Lizenz) und sogar Mobile Phone Repair Shops. Längst gibt es sogar eine eigene Firma namens Red Kiosk Company, welche die Häuschen für rund dreieinhalb Tausend Pfund im Jahr vermietet. Allerdings wirft das neue Geschäft neue Probleme auf. Der Nachrichtendienst Bloomberg berichtete kürzlich, dass nun neue Lizenzen erarbeitet werden müssten, da es sich hier weder um einen stationären noch um einen fliegenden Händler handelt … (sfo.).

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Mysterium Sprache - Der Body of Knowledge an der Frankfurter Goethe Universität
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Urban21 | Sprache + Integration

Einfache Sprache – einfach für alle?

Literarische und alltägliche Pionierarbeiten

Frankfurt versucht sich gerade an Pionierarbeit – gesellschaftlich, integrativ und sprachlich. Die Stadt transformiert Bürger-Informationen im Internet in sogenannte Leichte Sprache. Dort liest man dann in der Einführung dazu: »Texte in Leichter Sprache haben kurze Sätze. Es sind keine Fremd-Wörter dabei. Alle verstehen die Sätze schnell.« Hier geht es vor allem um Barrierefreiheit. Weiter gehen Literaturhaus, Historisches Museum und die Stabsstelle Inklusion. Sie wollen mit »Frankfurt, deine Geschichte: Literatur in Einfacher Sprache« historische Personen, Orte und Geschehnisse vermitteln. Anspruch ist, die Einfache Sprache (eine minimalistische Standardsprache) als Kunstform zu sehen. Das ist neu und fordert auch die beteiligten Autoren Henning Ahrens, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa, Kristof Magnusson und Alissa Walser. Die Vision: Eine inkludierende Sprache für Menschen, die Deutsch erst lernen, und solche mit Lernschwierigkeiten, niedrigem Sprachniveau, Aufmerksamkeitsstörungen oder körperlichen Beeinträchtigungen  – ohne andere auszuschließen.

Ganz klar ist: Als Faktor für Teilhabe und besseren Zugang zu Literatur und Kultur für alle Menschen sind Leichte und Einfache Sprache zutiefst sozial und unterstützenswert. Zudem ist die Alltagssprache (vor allem der jüngeren Generation) ohnehin dabei, sich zu Gunsten einer Vereinfachung zu verändern: Bist Du Kino? So weit, so normal. Denn ultimative Sprachbewahrer verkennen, dass Sprache ein dynamisches System und Instrument ist, das dem Nutzer dienen soll und seine Lebenswirklichkeit spiegelt. Und dass die gerne gebrandmarkte Verwendung von Fremdwörtern oder Alltagssprache rasch gar nicht mehr als solche erkennbar sind. All dies befruchtet vielmehr die eigene Sprache und hält sie lebendig. Gleichwohl führt diese massive Reduktion aber auch zu einem Verlust an Präzision: Bist Du im Kino? Bist Du vor dem Kino? Bist Du heute Abend im Kino? Und zu einem Verlust an Sprachästhetik, einer sinnlichen Erfahrung von Satzrhythmus, Lautmalerischem, Differenziertheit eines individuellen Sprachstils und vielem, das auf nonverbaler Ebene mittransportiert wird. Die derzeit hörbare rudimentäre Sprache ist weit entfernt von aller Virtuosität. Würde mit einer weitergehenden Etablierung von Einfacher oder Leichter Sprache ein solcher kleinster gemeinsamer Nenner als Standard etabliert und letztlich eine filigranere Sprache in eine Nische für Experten und Nostalgiker gedrängt? Oder manifestiert sich im Gegenteil erneut eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die alltägliche Sprache als klares Distinktionsmerkmal fungiert? Baut Einfache oder Leichte Sprache eine Brücke und erzeugt im nächsten Schritt bessere Zugänge zu komplexer Sprache, Literatur, Kulturangeboten und mehr? Und geht sie auch so schön, dass sie eine eigene ästhetische Qualität generiert und unserer Sprache eine zusätzliche – zeitgemäße – Facette gibt?

Wir werden sehen, ob es bald in Bücherregalen neben den Büchern in großer Schrift auch ganz selbstverständlich solche in Einfacher oder Leichter Sprache geben wird – und Buchhandlungen und Bibliotheken so zukünftig vielleicht (wieder) die sozialen Orte sind, die sie schon immer sein wollten (pem).


Film »Banyan Tree Lounge« (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden)
Quelle: Courtesy and ©: The artists©

Urban21 | Digitale Demenz

Wenn Computer für uns denken

Prof. Manfred Spitzer über die digitale Schattenseite

»Unser Gehirn kann eines nicht: nicht lernen«, sagt der renommierte Psychiater und Psychologe Prof. Manfred Spitzer. Wenn es nicht gefordert werde, baue es ab. Deshalb sind für Spitzer die vielen digitalen Helfer der heutigen Zeit vom Smartphone über den Computer bis zum Navigationssystem oft mehr Fluch als Segen, vor allem für Kinder. Wer etwa nicht mehr mit dem Gehirn durch eine Stadt navigiere, könne dies irgendwann nicht mehr. Umgekehrt haben Studien vor einigen Jahren ergeben, dass Londoner Taxifahrer durch die tägliche Schulung ein vergrößertes »Navigationsmodul« im Gehirn hatten. Ob dies heute noch so ist, ist leider nicht ermittelt. Welche Bedeutung ein solches vergrößertes Modul besitzt, erklärt Spitzer an einem Beispiel. Menschen, die zweisprachig aufwachsen und dies auch ihr Leben lang praktizieren, können eine Demenz um über fünf Jahre verzögern. Kurioserweise ist die Demenz bei ihnen zwar vorhanden. Doch durch die – vereinfacht gesprochen – doppelte Zahl von Synapsen im Kopf für zwei Sprachen stehen dem Gehirn doppelt so viele Umwege zur Verfügung, um den schleichenden Gehirnausfall bei Demenz zu umgehen. »Digitale Demenz« – wie die Fachwelt diesen Abbau durch Technik nennen – betrifft übrigens auch die soziale Kompetenz. Auch Empathie etwa werde im Gehirn gesteuert und entsprechend verkleinere sich der zuständige Teil des Gehirns, wenn die realen Kontakte abnähmen oder gar nicht erst vorhanden wären. »Wie«, so Spitzer, »sollen Acht- oder 13-Jährige Empathie oder das Dekodieren von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie auf den affektiven Gehalt hin erlernen, wenn bei virtuellen Sozialkontakten niemand da ist?« (sfo.).

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Musliminnen in Deutschland: Mut für den eigenen Stil - und das eigene Leben
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Urban21 | Migration + Mode

Die Freiheit, selbst und anders zu sein

Meriem Lebdiri: Mode für Musliminnen und Andere

Frauen mit Migrationshintergrund – besonders die mit Kopftuch – müssen sich in Deutschland oft rechtfertigen. Für sich, für andere, für ihre Kleidung. Das geht selbst erfolgreichen Geschäftsfrauen wie Meriem Lebdiri so. »Oft begegne ich Menschen,« so die Germersheimer Modedesignerin, »die mich nur auf das Kopftuch reduzieren und mir nicht viel zutrauen, oder die sich wundern, wenn ich fließend deutsch spreche. Es kommt auch mal vor, dass man eine Stellungnahme von mir erwartet für grausame Taten, die Menschen begangen haben, die meiner Religion zugehörig sind. Damit umzugehen kann oft sehr mühsam sein. Aber das alles zeigt mir nur, dass wir als Gesellschaft mehr miteinander statt übereinander reden sollten.«

Meriem Lebdiri (29) arbeitet daran, dass sich dies ändert. Sie kreiert im beschaulichen Germersheim zwischen Mannheim und Karlsruhe unweit der französischen Grenze Schleier, Kleider und Jacken, macht Mode für Musliminnen und Nicht-Musliminnen. Der Name ihrer Marke »Mizaan« kommt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa »Gleichgewicht, Balance«. Mit ihrem Label reagiert sie auch auf etwas, das ihr in Deutschland in ihrer Jugend gefehlt hat, wie sie im Gespräch erklärt: »Ich habe mich nicht vertreten gefühlt und wollte genau das ändern. Zumindest für kommende Generationen. ›Modest Fashion‹ bietet zeitgemäße Kollektionen, die jedoch längere Ärmel und Säume haben, nicht durchsichtig sind – und somit die Lücke schließen, für alle Frauen, die das Bedürfnis nach mehr Stoff haben.« Ihre Kleider, Ponchos, Capes und Tücher kann man über das Internet kaufen – weltweit. Wohin die meisten Kleidungsstücke des seit 2012 bestehenden Labels gehen, will Lebdiri nicht verraten: »Mizaan ist noch viel zu klein, um Bilanz zu ziehen. Ich denke, dass sich erst in drei bis vier Saisons zeigen wird, wo es künftig die meisten Mizaan-Kollektionen geben wird.«

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Meriem Lebdiri | (c) Selma Lebdiri

Mit ihren Kollektionen möchte die Modemacherin keinesfalls zu einer Parallelgesellschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, sie will Menschen zusammenbringen und zum Dialog anregen: »Kundinnen meines Labels sind sehr durchmischt. Während ich weiß, dass Kundin Leyla den Seidenschal als Hijab tragen wird, kann ich mir bei Kundin Anna fast sicher sein, dass sie ihn als Accessoire um den Hals binden wird. Das mag zunächst etwas banal klingen, aber vielleicht treffen Leyla und Anna mal aufeinander, wenn sie gerade den gleichen Schal tragen. Vielleicht sprechen sie sich auch deswegen an und kommen ins Gespräch. Dann bin ich glücklich und habe (fast alles) erreicht, was ich erreichen will.« Wie fast alle Musliminnen mit Schleier in Deutschland fordert die Designerin vor allem die Freiheit für alle Frauen, sich anzuziehen, wie sie wollen. Zum Verhalten der deutschen Verteidigungsministerin, die sich weigerte, in Saudi-Arabien ihren Kopf zu bedecken, sagt sie: »Ich finde, keiner sollte das Recht haben, einer Frau zu sagen, was sie an- oder auszuziehen hat. Frau von der Leyen hat in dem Moment als selbstbestimmte Frau agiert. Nur schade, dass wir gerade hierzulande diese Selbstbestimmung anderen Frauen absprechen, die sich aus freien Stücken für das Tuch entscheiden. Ich kann mir nicht erklären, woher sich mehrheitlich männliche Politiker das Recht nehmen, über die Kleidung der Frau zu bestimmen, indem sie ihr etwas aufzwingen oder verbieten.«

Und wie lebt Meriem Lebdiri persönlich? »Ich denke«, so die junge Frau, »ich habe eine ausgewogene Mischung in mir aus beiden Kulturen: Deutschland und Algerien. Wie deutsch ich bin, merke ich jedes Mal wenn ich im Ausland bin und beispielsweise vergeblich nach Busfahrplänen suche oder überpünktlich und gut organisiert zu einem Termin erscheine. Meine algerische Lässigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn es doch keine Fahrpläne gibt oder mein Gegenüber eine Stunde später erscheint als vereinbart …« (lys.).