L_Indenesion_Underground
Film »Banyan Tree Lounge« (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden)
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Urban21 | Digitale Demenz

Wenn Computer für uns denken

Prof. Manfred Spitzer über die digitale Schattenseite

»Unser Gehirn kann eines nicht: nicht lernen«, sagt der renommierte Psychiater und Psychologe Prof. Manfred Spitzer. Wenn es nicht gefordert werde, baue es ab. Deshalb sind für Spitzer die vielen digitalen Helfer der heutigen Zeit vom Smartphone über den Computer bis zum Navigationssystem oft mehr Fluch als Segen, vor allem für Kinder. Wer etwa nicht mehr mit dem Gehirn durch eine Stadt navigiere, könne dies irgendwann nicht mehr. Umgekehrt haben Studien vor einigen Jahren ergeben, dass Londoner Taxifahrer durch die tägliche Schulung ein vergrößertes »Navigationsmodul« im Gehirn hatten. Ob dies heute noch so ist, ist leider nicht ermittelt. Welche Bedeutung ein solches vergrößertes Modul besitzt, erklärt Spitzer an einem Beispiel. Menschen, die zweisprachig aufwachsen und dies auch ihr Leben lang praktizieren, können eine Demenz um über fünf Jahre verzögern. Kurioserweise ist die Demenz bei ihnen zwar vorhanden. Doch durch die – vereinfacht gesprochen – doppelte Zahl von Synapsen im Kopf für zwei Sprachen stehen dem Gehirn doppelt so viele Umwege zur Verfügung, um den schleichenden Gehirnausfall bei Demenz zu umgehen. »Digitale Demenz« – wie die Fachwelt diesen Abbau durch Technik nennen – betrifft übrigens auch die soziale Kompetenz. Auch Empathie etwa werde im Gehirn gesteuert und entsprechend verkleinere sich der zuständige Teil des Gehirns, wenn die realen Kontakte abnähmen oder gar nicht erst vorhanden wären. »Wie«, so Spitzer, »sollen Acht- oder 13-Jährige Empathie oder das Dekodieren von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie auf den affektiven Gehalt hin erlernen, wenn bei virtuellen Sozialkontakten niemand da ist?« (sfo.).

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Auf der Zeil in Frankfurt
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To Think | Mediale Reflexe

Flüchtlinge sind kein flüchtiges Thema

Kolumne von Prof. Dr. Marlis Prinzing

Das Thema »Flüchtlinge« ist zum Thema geworden. Aber im Laufe der Zeit ist auch das »Thema Flüchtlinge« zum Thema geworden; also die Frage, wie der Journalist / die Journalistin mit dem Thema umgehen. Es ist ein Unterschied, ob ich mich als Anwalt von Flüchtlingen inszeniere, der »flüchtlingskritische« Argumente ausklammert. Oder ob ich Situationen und aktuelle Entwicklungen, Sorgen und Missstände, Fehler und Schwierigkeiten mitteile, schildere und einordne. Es ist ein Unterschied, ob ich als Journalistin meine Gefühle in den Vordergrund spiele oder ob ich mich auf das einlasse, was mir mein Gegenüber erzählt – der neuankommende Flüchtling, der Flüchtlingsbetreuer, der besorgte Bürger.

Das Thema Flüchtlinge bleibt. Und das ist gut so! Aber es verändert sich. Ob Berichterstattung glückt, hängt davon ab, ob Journalisten der differenzierte und der differenzierende Blick gelingt und auch, ob es gelingt, zu unterscheiden zwischen Empathie und Emotionalität. Doch das Thema bleibt nicht nur. Es muss bleiben. Es geht tiefer in die Gesellschaft hinein. Vieles bleibt zu tun. Die gegenwärtige Diskussion offenbart einen Graben: an dem einen Ende stehen ideologisch durchtränkte Rechtskonservative, an dem anderen Gutmenschen. Die Art, wie die Flüchtlingsberichterstattung weitergeht, wird entscheidend dazu beitragen, ob der durch diese Wanderungsbewegung entstandene Umbruch unsere Gesellschaft spaltet. Oder sie bereichert, indem sie toleranter und vielfältiger wird. Und das gibt dann wiederum eine Menge zu berichten.

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Das letzte Bild, das der Präsident Barack Obama twitterte ...
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Zeitzeichen | A President's Legacy

Obamas letztes Bild

Wie Obama sich und sein Amerika sieht

Es war das letzte Bild, das über den offiziellen Präsidenten-Accout getwittert wurde, bevor Barack Obama sein Amt und den Account an Donald Trump übergab. Es zeigte ein letztes Mal die Art und Weise, wie der scheidende Präsident sichtbare Zeichen zu setzen verstand. Es zeigte ein Foto von Barack und Michelle Obama aus dem Jahr 2015 vom historischen Gedenken für den »Bloody Sunday« in der Stadt Selma, an dem die Polizei 1965 einen friedlichen Marsch schwarzer Bürger auf die Stadt mit Gewalt verhinderte.  Und es zeigt, wie Obama sein Amerika sieht – und sich selbst. Und zugleich einen bewussten Kontrast zu dem, was von Trump zu erwarten war und was seit dessen erstem Tag im Amt zu sehen war. Dass Obama das Bild ausgerechnet über das Medium seines Twitter-Nachfolgers Trump verbreiten ließ, war das I-Tüpfelchen auf diese letzte Botschaft. Sekunden nach dem Amtseid von Trump verschwand nicht nur dieser Tweet vom präsidialen Account @POTUS, der nun Trump gehörte. Obama twittert übrigens weiter unter @POTUS44. POTUS steht für President of the United States, die Zahl für den 44. Präsidenten Barack Obama … (sfo.).

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Den Protest auf die Bühnen getragen
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To Think | Brasiliens wütende Künstler

Um país de todos – ein Land aller?

Ein Kommentar von Matthias Pees

Als ich vor 13 Jahren nach Sao Paulo zog, war Lula da Silva gerade Präsident geworden, und das Land schien mir erfasst zu sein von einer gewissen Euphorie. Einer Hoffnung nicht nur auf bessere materielle Verhältnisse für immer mehr Menschen, sondern auch auf ein neues Miteinander, mehr Einheit in Vielfalt, Demokratie, Gerechtigkeit und Teilhabe, ein Überwinden der krassen Klassenunterschiede und starken Segregation. Das große, emanzipatorische »Projeto Brasil« versuchte die neue Regierung unter dem Slogan »Um país de todos« (Ein Land aller) zu realisieren, damit das ewige »Land der Zukunft« (Stefan Zweig) endlich in der Gegenwart ankäme. Selbst die Rechten, die Reichen und die alteingesessenen, natürlich nur teilentmachteten Eliten schienen den Atem anzuhalten ob der damaligen Entwicklungen, setzten insgeheim vielleicht sogar selber auf die Integration unter dem einstigen Gewerkschaftsführer, oder schwiegen zumindest.

Wenig ist geblieben von diesem Aufbruch, die alten Gräben sind wieder aufgerissen, abgrundtief. Staatsstreichartig wurde Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff suspendiert, es regiert ihr Stellvertreter Michel Temer von der korruptesten und zweifelhaftesten aller brasilianischen Großparteien, ein Haufen reicher alter weißer Männer, die alte Garde, die Reaktion. Zum Wohl der darniederliegenden Wirtschaft, wie es heißt, vor allem aber wohl zum eigenen Wohl, zum Schutz vor Strafverfolgung. Vehement dagegen halten Brasiliens Künstler, kämpfen für die Demokratie, für das »Projeto Brasil«, gerade jetzt. In vielfältigen Arbeiten und Aktionen beleuchten und diskutieren sie das Projekt. Und mit »Against the Coup in Brazil« protestieren sie immer wieder phantasie- und effektvoll am Ende ihrer Aufführungen. Die spektakulärste Aktion: Tausende Künstler – darunter prominente und populäre Namen wie Gilberto Gil, Caetano Veloso, Carlinhos Brown und Chico Buarque – demonstrieren landesweit gegen die handstreichartige Abschaffung des Kulturministeriums MinC und besetzen die Gebäude des MinC. Temer blieb nichts anderes übrig, als die Pläne fallen zu lassen. Er hat auch genug andere Baustellen. Nach immer neuen Enthüllungen fallt quasi im Wochenrhythmus ein anderer Minister von seinem Kabinettstisch. Doch Brasiliens Künstler begnügen sich nicht mit Aktionen zu Hause. In Cannes protestierten Schauspieler mitten auf dem berühmten roten Teppich vor laufenden Kameras mit Slogans wie »In Brasilien geschah ein Putsch!« oder »54.501.118 Stimmen verbrannt!«. Ähnliche Aktionen sah man auch bei den »Projeto Brasil«-Festivals kürzlich in Dresden, Berlin und bei uns in Frankfurt.

Und zumindest eines ist sicher: Auch das wird nicht der letzte Akt gewesen sein …

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Lettre de Lyon (lys.)

Wissen wollen, was alle nicht wissen?

Typisch deutsch? Die vielen (sinnlosen) Talkshows

Es war besonders auffällig Anfang 2016. »Anne Will« am 17.01.2016: »Nach Köln – Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?«. »Anne Will« am 24.01.2016: »Vorbild Österreich – Braucht Deutschland eine nationale Obergrenze?«. »Anne Will« am 31.01.2016: »Misstrauen, Ängste, Verbote – Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?«. In deutschen Talkshows redet man wochenlang immer nur über ein Thema. Anfang 2016 waren es eben die Flüchtlinge. Auch wenn es nicht im Titel stand. Etwa am 07.02.2016: »Merkel im Umfragetief – Kriegt sie noch die Kurve?«.

So viele Talkshows wie im deutschen Fernsehen gibt es nirgendwo sonst in Europa. Zwar lassen sich auch französische Politiker zu aktuellen Themen befragen, und selbst Regierungschef Manuel Valls war damals im Januar zu Gast beim Komiker Laurent Ruquier in der Sendung »On n’est pas couché« (»Wir sind noch nicht im Bett«). Kurz vor Valls erklärte »Baywatch«-Star Pamela Anderson, warum sie die Franzosen dazu aufruft, keine Foie gras mehr zu essen (weil die Gänse, wenn sie gestopft werden, fürchterlich leiden).

Aber wochenlang alle zum selben Thema und immer wieder dieselbe Moderatorin oder derselbe Moderator Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Markus Lanz – solche Talkshows gibt es nur in Deutschland. Dem deutschen Publikum scheint das zu gefallen. Auf Twitter sind die Namen der Talkshows – wie der »Tatort« an jedem Sonntagabend – immer wieder Trending Topics. In den sozialen Medien werden die Sendungen kommentiert, wenn auch meist heftig kritisiert. Bei »Anne Will« zum Thema »Obergrenze für Flüchtlinge?« waren neben der evangelischen Kirche nur CSU, CDU und AfD vertreten. Auf Twitter forderten einige daraufhin eine »Obergrenze für Konservative«. Und nach der Hälfte der Sendezeit wollte die Twitter-Expertin der ZEIT auf »Dschungelcamp« umschalten. Bei Maybrit Illner ging es wenige Tage später dennoch weiter unter dem eigentlich geschmacklosen Titel »Antanzen zur Integration – wie deutsch müssen Ausländer werden?«.

In Frankreich und in Spanien finden Diskussionssendungen in kleiner Runde (oft auch nur mit einem Experten) statt, eher in Nachrichtensendern und nicht zur besten Sendezeit. Nur in Deutschland sind Talks so populär. Stellt sich die Frage: Sehen deutsche Zuschauer am liebsten Menschen zu, die eigentlich nicht mehr wissen als sie selbst? Und sind nicht vielleicht gerade diese vielen Talkshows mit Schuld daran, dass die Politik- und auch die Medienverdrossenheit immer größer werden (lys.)?

Mainz | Deutscher Kleinkunstpreis

Grundkurs Moderates Moderieren

Malmsheimers Preisverleihungsbegrüßungsmusterrede

Durst
Jochen Malmsheimer by Jochen Malmsheimer

Preisverleihungen sind so eine Sache. Und die Einführungen dazu erst recht. Dazu braucht es einen Redner oder Moderator, der mit dem Thema umgehen kann, aber sich selbst nicht wichtiger nimmt als den Preis oder die Gäste. Doch auch das ist so eine Sache, wie der Autor dieser Zeilen aus der leidvollen Begleitung zahlreicher Verleihungen berichten könnte – wenn es ihn nicht selbst langweilen würde. Manchmal wünschte er sich dann, dass es eine gute, geist- und humorvolle Standardrede gäbe, einfach so zum Abschreiben oder Kopieren …

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises im Mainzer unterhaus umrahmte der bekannte Pott- und Anstaltskabarettist Jochen Malmsheimer mit seiner Moderation alle hochkarätigen Preisträger mit Bravour – ohne dabei unangenehm aufzufallen (einziges Kompliment für Moderatoren). Und dabei reflektierte er nur über Preisverleihungen und deren verbale Begleiter. Et voilà: Streicht man(n)/frau aus dem ersten Teil der Rede das Wort Deutscher Kleinkunstpreis und ersetzt es durch Film-, Buch- oder Sonstwaspreis und modifiziert die vorzügliche zweite Hälfte der Rede über den Deutschen Kleinkunstpreis an sich auch nur annähernd mit ein paar Anmerkungen zu einem eigenen Thema (nach dieser Vorrede ist fast egal, was man(n)/frau da so sagt), ist einem gelungen Start in einen Preisabend kaum mehr auszuweichen. urban shorts dokumentiert die Rede – als Muster mit Mehrwert – und erspart sich damit zugleich auch eine eigene Einführung in den Deutschen Kleinkunstpreis (vss.).