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»Thinking Tools« - aus einer anderen Zeit?
Quelle: bw.©

Kunststücke | Lamy, Moleskine & Co.

Wider den digitalen Trend

Wahrer Luxus: Buchkalender und Schreibgeräte

Am Ende (m)eines jeden Jahres gibt es einen Moment, an dem das alte und das neue Jahr wie ein offenes Buch vor mir liegen. Pardon: wie zwei offene Bücher. Es ist der Moment, in dem neben den treuen Begleiter des alten der neue – noch jungfräuliche – des noch nicht begonnenen Jahres den Platz auf dem Schreibtisch einnimmt. Der neue, der in wenigen Tagen diesen Platz alleine haben wird, wenn er nicht gerade selbst den Weg zu den vielen Terminen findet, die sich im Laufe des Jahres auf seinen jetzt noch weißen und leeren Seiten ansammeln werden. Was ihn erwartet, davon zeugt der Vorgänger. Ein pralles, nunmehr volles Arbeits- und Lebensjahres hat ihn breiter und runder gemacht. Da er nicht nur auf dem Tisch lag, hat er manche Schramme abgekommen. Doch nicht nur außen bezeugt er Leben. Mehr noch innen mit unzähligen Terminen, Gedanken, Notizen, Zitaten, Telefonnummern, Erinnerungen …

Vielleicht ist es gerade die schnelllebige Welt um uns herum, die manche von uns nicht von solchen steten Begleitern lassen lässt. Was bei mir Moleskine, ist bei anderen Filofax oder Semikolon. Einer, der einen nicht mit Piepstönen zum nächsten Termin jagt. Der zwar runterfallen kann, aber niemals abstürzen. Der Viren nicht fürchtet und dem Rotwein Patina verleiht. Er weiß vielleicht mehr über einen als der beste Freund. Wenn er erzählen würde – oder andere das Gekrakel lesen könnten. Und kein edler Kalender ohne elegantes Schreibgerät. Ob Lamy, Montblanc oder Pelikan. Ebenfalls seit Jahren das gleiche, mit dem jeder Termin und jede Notiz sorgsam verewigt werden. Ausstellungsmacher hatten kürzlich solche Schreibgeräte als »Thinking Tools« betitelt – was auch für die Buchkalender gilt. Für mich sind sie zusammen ein Stück Stetigkeit und Luxus. Vielleicht auch analoger Widerstand gegen die allgegenwärtige Allsynchronität der digitalen Terminatoren. Und apropos. Schon mal gehört, dass einem der Terminkalender geklaut wurde? Und wenn er wirklich mal verloren geht, wird einem bewusst, welches die wichtigen Termine darin waren. Die, hat man auch im Kopf hat … (vss.).

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Tanita Tikaram bei euronews
Quelle: scs / euronews©

Musik | Tanita Takiram

Die Kunst, (sich) zu bewegen

Tanita Tikaram und ihr neuntes Album »Closer to the people«

»Es ist ein Song darüber, die Art der Bewegung von Menschen zu lieben – egal, wie sie sich bewegen und tanzen. Es ist ein unschuldiger Song, und ich bin froh, dass ich ihn geschrieben habe.« Der Track »The Way You Move« ist damit eine Art Schlüssel zu Tanita Tikarams neuem Album »Closer to the people«. Mit ihm möchte die 46-jährige Britin, die in Münster geboren wurde, die Menschen zum Tanzen bringen – ganz natürlich. 

Tanita Takiram gilt als eine große Sängerin, auch wenn es lange Zeit ruhig war um sie. Mit ihrer rauchigen Stimme hatte sie sich in den späten 80er Jahren einen Namen gemacht. Von ihrem Debütalbum »Ancient Heart« verkaufte sie auf Anhieb vier Millionen Platten. Mit der Single-Auskopplung »Twist in My Sobriety« wurde die damals 19-Jährige international bekannt. Heute sieht sie den Erfolg mit Abstand: »Wenn man jung ist, sehr jung anfängt, dann weiß man nicht immer, warum man etwas tut, insbesondere wenn man viel Erfolg hat, ohne dass man selbst fühlt, dass man ihn sich richtig verdient hat. Wenn man eine junge Frau ist, sucht man seine Identität und will das Leben erfahren – und das nicht unbedingt in der Öffentlichkeit.«

Nach diesen Erfolgen war es auch lange Zeit ruhig um Tanita Tikaram. Erst vor vier Jahren kehrte sie ausgerechnet mit »Can’t Go Back« wieder ins Rampenlicht zurück. Immer wieder geht sie auch einmal neue Wege. Für dieses neunte Studioalbum arbeitete Tikarams »Rhythm and Blues Band« mit Producer Angie Pollock zusammen. »Meine Idee war es«, so die Sängerin, »mit einer Tour-Band zu arbeiten und eine sehr starke Bindung mit den Musikern aufzubauen. Und das Gefühl zu haben, dass ich etwas machen sollte, das auch in einem modernen Umfeld funktioniert.« (lys.).

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»Vielseitig kombinierbar«
Quelle: Lisa Niederreiter©

Kunststück | La marinière

Von der Reling auf den Laufsteg

Matrosenpullis - nicht outzukriegen

Anfang der 80er Jahre hat die eigenwillige Pariser Stil-Ikone Jean Paul Gaultier den Matrosenpulli entstaubt und salonfähig gemacht. Seitdem ist »la marinière« aus der Mode nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr feiert der Klassiker seine nächste Renaissance. Frau trägt ihn nun bevorzugt zum engen kamelfarbenen Businessrock.

Seit 1858 gehören die indigoblau gestreiften Pullis zur offiziellen Ausrüstung der französischen Marine. Fast alle französischen Kinder sind mit den »milleraies«, der fein gewebten Unterwäsche von »Petit Bateau«, groß geworden. Seit den 90er Jahren ist »Petit Bateau« endgültig in und macht seither auch Mode für Erwachsene. Ihr Markenzeichen sind die Streifen.

Nur als Frankreichs damaliger Industrieminister Arnaud Montebourg sich 2012 im Matrosenpulli ablichten ließ, um für Made in France zu werben, war das ein Flop. Zwar hat die Marke »Armor Lux« aus der Bretagne, deren Shirt Montebourg trug, ein wenig von der Reklame profitiert. Doch der sozialistische Politiker erntete viel Spott, und seiner Karriere war es auch nicht förderlich. Heute kritisiert er vor allem die eigene Partei und macht neuerdings wieder Werbung: im Matrosenpulli für französische Schokolade.

Deutlich mehr Erfolg hatte die Ausstellung »Jean Paul Gaultier«, die im Sommer 2015 in Paris 420.000 Besucher(innen) anzog und danach ebenfalls recht erfolgreich bis Februar in München zu sehen war (lys.).

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Françoise Cactus & Brezel Göring
Quelle: StereoTotal-©-SimGil-©

Musik | Stereo Total

Schräg und frankophil

Das Album »Les Hormones«

Es gibt sie nun fast schon seit einem Viertel Jahrhundert und ihr Name ist Programm: »Stereo Total« von Brezel Göring (Hartmut Richard Friedrich Ziegler) und Françoise Cactus (Françoise van Hove). Auch im neuen, zwölften Album »Les Hormones« sind sie sich treu geblieben, haben ihre Songs wie immer irgendwo zwischen Chanson, Pop, Punk, Trash, Avantgarde und Sixties-Sound angesiedet. Mit 14 Titeln von unglücklichen Erlebnissen, (Minderwertigkeits-) Komplexen, Ängsten und Wünschen. Im ersten Song »Zu schön für Dich« singt Françoise Cactus »Ich hätte gern eine Turmfrisur, ich hätte gern eine Wespentaille, ich hätte so gern verrückte Beine, Pampelmusenbusen … «. In »Doktor Kaktus« heißt es später: »Ein Blick im Spiegel, und ich weiß, etwas ist hier nicht in Ordnung, meine Haare sind wie Spaghetti, ich schiele, ich habe einen Pickel. Ich möchte jemand anderes sein als ich …«. Madame Françoise spielt Schlagzeug und singt mit französichem Akzent, Brezel schrammelt die Gitarre und streut Syntie-Klänge ein. Ein Album schräg, voller elektronischer Gimmicks, frankophil – wunderbare, virtuose,  stereo-totale Unterhaltung (ksa.).

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Louane mit Band
Quelle: Louane©

Lettre de France (lys.)

Kommende Stimme aus Frankreich

Louane - Schauspielerin, Sängerin, hitverdächtig

In Paris ist sie kürzlich für ihr Album »Chambre 12« als Neuentdeckung des Jahres ausgezeichnet worden. Doch auch in Radiosendern in Deutschland ist ihr Song »Avenir« (Zukunft) seit einigen Monaten ständig zu hören. Louanes Stimme hat das gewisse Etwas, man erkennt sie wieder. Doch das mag auch an ihren Inhalten liegen. Louane sagt selbst über sich, dass sie in dem nervigen Alter sei, in dem man nicht wisse, ob man ein Baby sei oder erwachsen. Davon handelt auch ihre Musik.

Doch es ist keine leichte Musik. Fast bekannter als »Avenir« ist in Frankreich der Song »Maman«. Darüber, dass ihr Vater und ihre Mutter 2013 und 2014 kurz hintereinander gestorben sind, will Louane nicht sprechen. Doch sie singt in »Maman«: »Ich bin nicht ganz richtig im Kopf, Maman … Schau Dir an, wie Deine Tochter wirklich ist, Maman (…) und alles fängt im Frühling wieder von Neuem an, alles bis auf die unauslöschliche Liebe …«. Geboren ist Louane 1996 als Anne Peichert in Hénin-Beaumont, der heutigen Hochburg von Marine Le Pen in Nordfrankreich. Durch mehrere Castingshows hat sie sich nach oben gekämpft. Gesungen hat sie zuerst mit ihrer »Nounou« Monique oder Momo, der Tagesmutter, die auf die Kinder der Patchworkfamilie aufgepasst hatte, während die Eltern arbeiteten. Louane ist nicht nur Sängerin. In der Filmkomödie »Die Familie Bélier« spielte sie 2014 Paula, die hörende Tochter einer gehörlosen Familie. Und auch dafür hat sie Preise gewonnen. Ein Erfolg, der ihr allerdings noch nicht zu Kopfe gestiegen scheint … (lys.).

Im Netz: avenir + maman | Mehr zu Louane (frz.)