Virtual Artists | Ina Holitzka

Baustellen-Metamorphosen

Die Baustelle(n) Frankfurt(s) als Projektionsfläche

Nichts boomt in Frankfurt wohl derart wie das Bauen. Ob Ostend, Gallus oder Innenstadt – Überall werden permanent neue Büro- und Wohnblöcke aus dem Boden gestampft. Manche Teile der Stadt sehen aus wie eine einzige Großbaustelle. Vor allem jenes Ostend. So musste die Frankfurter Künstlerin Ina Holitzka im dortigen Atelier Frankfurt nur aus dem Fenster schauen, um die Projektionsfläche für ihr großangelegtes Kunstprojekt »Passage« frei Haus geliefert zu bekommen. Wie wohl keine zweite Künstlerin Frankfurts denkt, arbeitet und spielt sie mit der längst Synonym dieser Stadt gewordenen Baustelle. Sie fotografiert, verfremdet, digitalisiert, transformiert und interpretiert, was im wahrsten Wortsinn vor ihren Augen wuchs und wächst. Und macht(e) sich künstlerische Gedanken über das gleichsam manifeste und flüchtige Wesen und Werden dieser Stadt. Projekt trifft sich mit Projektion, Reflektieren mit Reflexion an diesem und auf diesen Ort. Herausgekommen sind neue Welten, faszinierende Landschaften und fast lebende Organismen – spannender als viele der Bauten, welche tatsächlich aus diesen Beton- und Stahl-Fundamenten der Großbaustellen gewachsen sind. Teile der »Passagen« waren im Sommer im Foyer des Medico-Hauses neben dem Atelier Frankfurt zu sehen. Jenes Hauses also, das genau auf diesen gezeigten Fundamenten vor dem Fenster der Künstlerin ruht. Wobei tatsächlich gerade dieses eines der wenigen ist, das etwas anders ist als die vielen gleichen Bauten, die sonst so in diesem bau-boomenden Ostend entstehen … (vss.).

Fotograph | Barbara Walzer

Die 720.000 Anderen

Gesichter Frankfurts (5) | Musik-Edition

Die »Gesichter Frankfurts« sind ein Fotoprojekt der Frankfurter Fotografin Barbara Walzer. Die Aufnahmen sind entstanden auf zahllosen Streifzügen durch die Mainmetropole. Sie zeigen Menschen aus dem Leben, aus verschiedenen Kulturen, Berühmte und Unbekannte, Wichtige und scheinbar Wichtige. Es sind keine Studioaufnahmen, nichts daran ist inszeniert. Die Stadt, sie scheint das Studio dieser außergewöhnlichen Stadtstreicherin zu sein scheint. »Diese Menschen«, so Walzer, »suche ich nicht. Sie suchen mich. Sie sind einfach da. Im selben Moment wie ich … «. Die Serie wächst übrigens genauso wie die Stadt. Die erste Folge hieß im Jahr 2015 noch »Die 700.000 Anderen« … (jjk.).

Virtual Artists | Urban Sketching

Momente. Menschen. MainStreams.

Wir zeigen Frankfurt. Zeichnung für Zeichnung.

»Wir zeigen die Welt. Zeichnung für Zeichung!«. So lautet das Motto der Urban Sketcher, einer weltweit stetig wachsenden Gemeinschaft von Zeichnern und Zeichnerinnen. Eine Gruppe Frankfurter Urban Sketchers hat das Motto aufgenommen und versucht in diesem Jahr, ihrer Stadt und dem Lebensgefühl der Main-Metropole zeichnerisch auf die Spur zu kommen. »Wir zeigen Frankfurt. Zeichnung für Zeichung!« ist seit Sommer 2017 das Motto der Künstler/innen Katharina Müller (Kamü), Catalina Somolinos und Ivo Kuliš. Gemeinsam und jeder für sich erkunden sie die Stadt und suchen nach interessanten Monumenten, Menschen und Momenten in der Main-Metropole. Urban shorts dokumentiert die Arbeit dieser Gruppe. Wir präsentieren in den kommenden Monaten Zeichnungen, welche die Künstler/innen Woche für Woche in dieser Stadt und von dieser Stadt angefertigt haben. Die Reihe wird fortgesetzt (red.).

Urban-ist | Urban Sketching

Städte. Skizzen. Sichten.

Eine urban-künstlerische Bewegung

Am Anfang – wenn auch keineswegs ganz am Anfang – stand 2007 der in den USA lebende spanische Zeichner und Journalist Gabi Campanario. Für die »Seattle Times« näherte er sich damals bereits einmal in der Woche zeichnerisch und journalistisch einem Ort, einem Thema oder einem Ereignis, das er auf diese vorerst ungewohnte Art und Weise versuchte, aufzunehmen, einzufangen und zu dokumentieren. Da Campanario mit dieser Idee allerdings schon damals nicht so ganz allein stand, sondern rund um den Globus bereits zahlreiche Menschen versuchten, auf die gleiche Art und Weise ihre Städte und ihre Umgebung zu erkunden und zu erfassen, entstand um Campanario herum rasch eine neue Bewegung, die sich den Namen »Urban Sketchers« gab. Herzstück ist der »Urban Sketchers Blog«, auf dem mittlerweile rund 100 »Blogkorrespondenten« weltweit ihre Arbeiten und Berichte von ihren Treffen publizieren.

Ein Jahrzehnt nach Gabi Campanarios Anfängen ist das »Urban Sketching« – ob organisiert oder unorganisiert – eine weltweite und ständig wachsende Gemeinschaft, die über das World Wide Web miteinander vernetzt ist, dort ihre Idee(n) und Zeichnungen teilt und verbreitet, aber deren Mitglieder auch untereinander sich immer wieder in Gruppen treffen, miteinander diskutieren und zeichnen. Neben einer neuen, eigenen Sicht auf die Dinge steht für sie oft auch das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Allein im Rhein-Main-Gebiet hat Urban Sketching mittlerweile eine dreistellige Zahl mehr oder minder organisierter Anhänger, die auch immer wieder durch Projekte und Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. In Mainz hat sich ein kleines Zentrum ihrer Arbeit entwickelt. Dort hatten zuletzt sowohl im Rathaus als auch im Landesmuseum organisierte Urban Sketchers aus der Region und auch Gäste aus aller Welt eigene Ausstellungen und präsentierten Zeichnungen, die bei zahlreichen (auch gemeinsamen) Reisen rund um den Globus entstanden sind. Gerade diese Ausstellungen zeigten die Klasse, mit welcher es den Künstler(inne)n immer wieder gelingt, nicht nur einfach Orte und Menschen abzubilden, sondern auch ein Stück weit das Lebensgefühl dieser Orte und Menschen und damit auch der Zeit und Gesellschaft von heute einzufangen. Ergänzt werden diese Ausstellungen und auch die sonstigen Treffen der Urban Sketchers immer wieder mit Live-Zeichen-Sessions und Workshops, bei denen nicht selten neue Interessenten zu dieser Community hinzustoßen … (vss.).

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Mitten im Ostend: Kulturcampus wörtlich genommen
Quelle: Barbara Walzer©

Frankfurt | Kultur gegen Kommerz?

Im Osten(d) viel Neues

Rund um Ostport und Oststern

Frankfurt baut und boomt. Dies sieht man in allen Stadtteilen, besonders in Ostend, Gallus und Europaviertel. Bürohäuser, Wohnkarrees und -blöcke schießen aus dem Boden. Massig, glatt und selten günstig verändern sie das Gesicht der Viertel und längst der gesamten Stadt. »Gentrifizierung« ist das böse Wort. Kultur gilt gerne als ein Gegengewicht solcher Gentrifizierung. In der Regel jedoch läuft sie ihr voran – und verschwindet mit deren Fortschreiten. Zumindest der Grassroots-Teil der Kultur, die Off Spaces, freien Szenen und »kleinen« Künstler*innen. Zuweilen geht’s auch noch schneller. In Bockenheim etwa gibt’s derzeit sogar womöglich die Version mit übersprungener Künstlerphase, scheint doch aktuell aus dem geplanten »Kulturcampus Bockenheim« eher direkt das neue gehobene »Wohnquartier Am Kulturcampus« zu werden. Die Gentrifizierung 2.0 sozusagen. Auch wenn Stadt und Land versuchen, dazwischen noch ein paar kleine Kultur-Akzente zu setzen …

Dass es auch anders geht, sieht man im Ostend. Dort setzt die Kultur gerade ein sichtbares Gegengewicht – und baut ein paar »Gallische Dörfer« wider Kommerz und Gentrifizierung. Im Sommer feierte medico international dort 50 Jahre seines Bestehens und zugleich sein neues, eigenes Haus. Doch die Hilfsorganisation feierte nicht allein, sondern bewusst gemeinsam mit der Kulturszene des Osthafens: mit Atelier Frankfurt, Ensemble Modern, Junger Deutscher Philharmonie, Romanfabrik und Kunstverein Montez. Ein großes Sommerfest alternativer Kulturakteure, aus dem mittlerweile langsam mehr wird. Unter der gemeinsamen Dachmarke »Ostport« wollen medico und die Kulturmacher rund um den Hafen künftig in einer »lockeren nachbarschaftlichen Kooperation« mit gemeinsamen Aktionen zeigen, »dass das Ostend ein Ort für Kultur und Politik ist, und dies sichtbar sein muss«, so medico-Geschäftsführer Thomas Gebauer. Und der »Ostport« steht keineswegs alleine. Ein paar hundert Meter entfernt erfüllt sich derzeit noch der Kinderarzt und Kulturinitiator Awi Wiesel sich einen kleinen Traum von einem »Kulturcampus light«. Sein »Oststern« ist das 18.000 Quadratmeter große Gelände einer ehemaligen Mercedes-Niederlassung und steht zur Zwischennutzung vor einem allfälligen Abriss im kommenden Jahr zur Verfügung. Die großen Hallen wurden bereits mit mehreren Pop-up-Ausstellungen (aktuell und passend zum Thema und zur Hausnummer 121 an der Hanauer Landstraße: Mercedes 121) und Performances bespielt, im Hof gab es Street Art- und andere Festivals und dazwischen parken Foodtrucks und schraubt ein Kart-Vermieter. Und das Viertel hat auch noch mehr rührige Akteure. Unweit des Oststerns etabliert der Fotograf und Kameramann Wolfgang Raith in einem Hinterhof mit Ka:Ost einen kleinen Ausstellungsraum. Am Rande des Viertels erfindet sich gerade das Internationale Theater unter Federführung des türkischen Güneş-Theaters neu. Mit beiden hat Wiesel bereits bei den Performance Days kooperiert. Und weitere Adressen bieten sich an: der Kulturbunker, der Bund Bildender Künstler und allen voran der nachhaltige »Zukunftshafen Pier F« direkt im Hafen, sicherlich auch eine der spannendsten Locations vor Ort …

Während also im Westen der avisierte Kulturcampus eher bleiern über der Stadt und dem Bockenheimer Viertel liegt, regt sich im Osten(d) einiges und entsteht regelrecht ein ganz eigener Kulturcampus.  Bemerkenswert daran: Es gibt dafür keinen großen Plan und keine großen Entwürfe. Dafür aber viel Engagement von Bürger*innen, Künstler*innen und Kulturbegeisterten. »Kulturcampus« nennen die Akteure dies übrigens ungern, wollen sie doch niemanden anderswo »aus der Pflicht« nehmen. Vielleicht können sie allerdings doch den einen oder anderen Fingerzeig für andere Campusplaner geben. Zumal die Stadt wahrscheinlich gar nicht genug gute Kulturcampi brauchen kann. Allerdings sieht man gerade im Ostend, dass Kultur im Zeitalter der Gentrifizierung auch eine Gratwanderung sein kann. Auffällig ist, dass sich die Kunst gerade hier doch auch ein wenig selbst gentrifiziert. Der Oststern etwa mit einem Wüstencamp und einer Hydraulikbar, das Atelier Frankfurt mit seinem Night Market oder das Montez mit Yogakursen. Bleibt also abzuwarten, was dort wächst: ein Gegengewicht oder ein etwas angepasster Kulturcampus 2.0. Wobei letzteres allerdings auch die Blaupause für ein Verbleiben von Künstler*innen in einem gentrifizierten Viertel sein könnte … (vss.).

Barbara Walzer©
»human being« in der Bewohnten Kunstinstallation
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Orte + Menschen | Sandips b.k.i.

Vier Zimmer, Küche, Kunst …

Sandip Shahs Bewohnte Kunstinstallation

Nicht wenige Frankfurter machen sich Gedanken, wie sie aktuell und erst recht künftig ihre Miete finanzieren. Vor allem Künstler, mit denen sich die Stadt gerne schmückt, die aber immer öfter woanders wohnen (müssen). Sandip Shah, stadtbekanntes Exemplar, hat offenbar eine Lösung gefunden. Zumindest für sich, denn beliebig reproduzierbar ist die Idee nicht. Seit eineinhalb Jahren lebt er in einer »Bewohnten Kunstinstallation« (kurz: b.k.i.) – oder arbeitet in einer öffentlichen Wohninstallation. Wie man es nimmt. Während andere bereits in ihren Ateliers wohnen müssen, hat er dies zum künstlerischen Prinzip erhoben. Shah hat in Sachsenhausen eine Laden-Wohnung zu einer Mischung aus Galerie- und Wohnraum gestaltet und stellt Künstler und Künstlerinnen aus. Im vorderen Teil zur Seehofstraße hin sieht alles aus wie eine Galerie mit Schaufenster, im hinteren lebt und arbeitet er mitten unter weiteren Ausstellungsstücken.

Doch Shahs »Vier Zimmer, Küche, Kunst« ist mehr als eine Wohn-Galerie für den Künstler selbst. Binnen eines Jahres ist ihm ein mehrfaches Kunststück gelungen. Zum einen hat er den Ort fast als einen kleinen alternativen Frankfurter Kunstverein etabliert, der immer wieder eine Handvoll mehr oder minder echter – zumindest langjähriger – Frankfurter Künstler wie Bea Emsbach, Deniz Alt, Edwin Schäfer, Corinna Mayer oder sogar Annette Gloser zeigt. Und der es schafft, bei Eröffnungen der zweite (kunst-) familiäre Off Space in Sachsenhausen neben Mica Prentovics Perpétuel zu sein. Ein Ort also, wo sich Off-Künstler mit ihren Freunden treffen, nicht selten bis in die Nacht. Doch auch, wenn es so scheint: Die b.k.i. des 45jährigen Deutsch-Inders ist kein rein Frankfurter Projekt. Shah mischt in den Ausstellungen Frankfurter (im weitesten Sinne) immer wieder mit einigen anderen Künstlern, national und international.

Shah hat offenbar einen Nerv getroffen. Die oft auch mit ihm befreundeten Künstler goutieren es, geben ihm gerne ihre Kunst. Die Eröffnung 2016 – Titel: »kurz vor dem Anfang einer neuen Epoche« – war eine Mischung aus Shahs Beständen und Zugaben vieler Freunde. Und die Bude, würde man flapsig sagen, war voll. Die Kunst steht zum Verkauf, was natürlich auch der Finanzierung von Wohnung und Künstler dient. Als Galerist versteht sich Shah aber nicht. Wohl schon deshalb, weil viele Ausgestellte Freunde sind und er eher eine Provision nimmt. Und weil alles auf die Zeit der Ausstellung beschränkt ist. Was gut ist für Künstler, die keine Galerie haben. Oder sich nicht gerne zu sehr an Galeristen binden. Es scheint eine Lücke – auch mit seinem Charme von Kunstsalons der 20er Jahre. Für Shah, selbst mit Malerei, Zeichnungen und Installationen bekannt geworden, ist die Idee »b.k.i.« nicht neu. Er hatte sie – und sich – bereits erfolgreich in Darmstadt »ausgestellt«. Apropos. Unwohl fühle er sich nicht dabei, sei er doch gewohnt, als Künstler »auch auf dem Präsentierteller zu leben«. Durch das Fenster können ihm Passanten schon auch beim Leben zuschauen. Zumindest bei einem Teil davon. Mehr zu sehen gibt’s bei den Vernissagen, wenn (fast) alle Räume offen stehen. Irgendwie passend dazu übrigens auch ein weiterer Titel einer seiner Ausstellungen: »human being«. Aktuell zeigt Sandip Shah übrigens einmal ausschließlich Kunst von sich selbst – in der Ausstellung »Sandip Shah: Stadtlandschaften« (vss.).