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Quelle: Katharina Müller (kamü)©

Kultur in Corona-Zeiten

Kultur-Lebbe geht weider …

... und ist ständig immer wieder im Wandel

Museen, Theater und Kinos mussten in Zeiten von Corona ihre Pforten schließen. Ebenso wie Buchläden und Literaturhäuser. Doch das war und ist nicht das Ende der Kultur. Auch wenn es viele Kulturschaffende vor existenzielle Probleme stellte (worüber wir auf den Seiten Art(s) und Kulturona berichten). Wenn nun Buchläden, Ausstellungsorte und sogar erste Theater wieder öffnen, offenbart sich nach und nach eine neue, teils andere Kulturlandschaft. Urban shorts zeigt, was sich Kulturschaffende real (wo möglich) und virtuell (wo ihnen möglich) einfallen lassen und was drumherum an Kultur zu sehen ist. Aus Verantwortung steht im Vordergrund weiter die virtuelle Kultur oder jene, die mit Abstand im öffentlichen Raum zu genießen ist. Vorsichtig – ähnlich vorsichtig wie auch manche Kulturschaffende und vielleicht vorsichtiger als die Politik – wagen wir uns auch offline: mit den Übersichten über neue und wieder geöffnete Ausstellungen und Festivals, dem Blick auf alte und teils neu belebte urbane »Kulturorte mit Auslauf« oder einer Reihe über kleine Buchläden und Antiquariate (die teils auch noch immer ausliefern). Und wir empfehlen weiterhin »unsere besten Bücher« als aktiven Corona-Schutz. Dazu Tagestipps – je nach Lage mal real, mal virtuell …  (red.).

Katharina Müller (kamü)©
Outdoor-Theater mit Abstandshaltern als eine Alternative im Sommer ?
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Kulturlandschaften | Trend

Zwischen-Zeiten-Kultur

Weiter online, vorsichtig offline

Zur Zeit ist viel Bewegung in den Kulturlandschaften an Rhein und Main. Sollen sollen die Häuser und Kulturschaffenden schon wieder ziemlich viel. Dürfen dürfen sie allerdings bisher noch lange nicht alles. Vor allem letzteres ist gar nicht so einfach für Kulturschaffende. Insofern erleben wir zur Zeit eine Kulturlandschaft zwischen den Zeiten und mit vielen Experimenten. Große Häuser wie die beiden Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden setzen auf ein Mehr-Kanal-System. Geplant sind in den nächsten Wochen wieder vorsichtig erste Aufführungen mit selektiv-ausgedünntem Publikum und eben solchen Ensembles. Auf den Bühnen wird dabei verstärkt nachgedacht über Monologe oder über aufgeteilte Orchester, um auf mehreren Bühnen mehr Besucher*innen Musik anbieten zu können. Daneben allerdings führen auch diese Häuser ihre mittlerweile etablierten Corona-Online-Angebote fort. Darmstadt etwa seine »Tägliche Dosis«, seine Lesungen von Mitgliedern des Ensembles und neuerdings sogar einen »Theater-Lieferservice«.

Das größte Problem für die Häuser ist allerdings das Publikum. Es muss auf Distanz gehalten werden – von den Bühnen und von sich selbst. Das muss mit viel Aufwand organisiert werden. Und sorgt auch dann noch für Einbussen. Zum Beispiel bei den Kinos; selbst bei modernen Exemplaren wie im Filmmuseum, wo es großzügige Zugangswege, Platz im Kinosessel und keine Berührungspunkte mit Schauspieler*innen auf der Leinwand gibt. Doch wegen Corona dürfen statt 131 nur rund 20 Personen in den Kinosaal. Das deckt nicht einmal die Kosten. Doch das größere Problem (für die Kosten gibt es Hilfs-Programme): Mit 20 Leuten kommt auch keine Kino-Atmosphäre auf. Nun haben Häuser wie das Filmmuseum noch die Möglichkeit für Online-Angebote, die sie auch weiterhin fortsetzen werden. Kleine Programmkinos haben diese Möglichkeit allerdings nicht. Vermutlich wird deswegen im Sommer ein Genre einen Schub erhalten, das schon seit einigen Jahren aufblüht. Outdoor-Theater und Freiluft-Filmfestivals dürften Konjunktur haben. Häuser wie der Mousonturm und das Filmmuseum haben darin bereits Erfahrung aus vergangenen Jahren. In wie weit kleine Häuser den Switch schaffen, bleibt abzuwarten. Und zu hoffen bleibt, ob das Wetter mitspielt. Einen weiteren womöglichen Trend für den Sommer macht derzeit die Centralstation in Darmstadt vor. Die recht großzügige Bühnen- und Konzert-Location nimmt neben eigenem Programm kleinere Häuser und Gruppen huckepack und stellt ihnen ihre Bühnen zur Verfügung. Gäste sind unter anderen das TheaterGrüneSosse aus Frankfurt oder das theater die stromer aus Darmstadt. So oder so – Es könnte ein Sommer der Ideen werden …  (vss.).


The Empty House - offenbar gestylt für alle Lebenslagen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Orte mit Auslauf | Museum Angewandte Kunst

Die Weite eines weißen Hauses

Wo Stil und Design (wieder) zu Hause sind

Als das Frankfurter Museum Angewandte Kunst 1985 eingeweiht wurde, feierte man vor allem die weiße und weite Architektur Richard Meiers. Doch Orientteppiche, Buddhas und Mingvasen – so sehr sie ihren Reiz haben mögen – überzogen das Haus im Laufe der Jahre gewaltig mit imaginärem Staub. Rechtzeitig zum Jubiläum 2015 aber kam mit Matthias Wagner K ein neuer Direktor. Und der bekennende Workaholic mit der Wohnung direkt neben dem Museum (seine Frau kennt von ihm vor allem den Satz: »Ich geh’ mal kurz runter«) entstaubte es gewaltig und lüftete kräftig durch. Lichter, weiter und präsenter wirkt der faszinierende Bau seither. Und vor allem moderner. Mit markanten und trotzdem nicht anbiedernden Ausstellungen zu Hipstern, Hamstern und Mobiltelefonen oder einer viel beachteten Partizipation an der Fototriennale RAY. Ganz nebenbei machte Wagner K das Haus zum begehrten Festivalzentrum, etwa für die Bewegtbildbiennale B3 oder in gewisser Weise auch für das »House of Norway« während der Buchmesse 2019. Nicht alles passte perfekt (etwa Stefan Sagmeisters reichlich überzogene »Happy Show«). Doch meist hatte Wagner K einen guten Griff. Zu den Highlights zählten eine große Tour durch die Kulturgeschichte des Picknicks oder die mehrdimensionalen Comicwelten des Marc-Antoine Mathieu. Und zwischendurch wagte er sich noch weiter und räumte das entstaubte Haus einmal komplett für eine raumgreifende erste Museumsschau mit der (Mode-) Designerin Jil Sander. Jil Sander im Museum Angewandte Kunst – quasi zwei Stil- und Designikonen unter sich. Zuletzt machten das Haus und Wagner K mal wieder Schlagzeilen mit der mutigen Übernahme von »Contemporary Muslim Fashion«, einer Ausstellung am Puls der Zeit. Lange stand das Museum Angewandte Kunst im Schatten des Museum Moderne Kunst auf der anderen Main-Seite. Doch längst lohnt sich, auch dort wieder hineinzuschauen. Stil und Design scheinen hier wieder zu Hause zu sein. Aktuell zeigt das Haus mit »Life doesn’t frighten me« Mode, getragen comme des Garçons … (vss.).

Barbara Walzer (bw.)©
Performance at Home: Pfiffige Idee - bis auf die Abstände ...
Quelle: Anna Witt / Performance Homework©

Home Stories | Performances

Für den Hausgebrauch

Meditatives, Performatives, Pfiffiges

Aktuell +++ Performance Homework +++ DMT – Digitaler Mousonturm +++ Unversehrtheit +++ Geheimer Salon +++ Lockdown (Staatstheater Darmstadt) 

Es gab in den letzten Wochen immer wieder nicht wenige Institutionen und Menschen, die einem mehr oder weniger erbetene Ratschläge gaben, was man zwischen Home Office und Stay at Home mit seiner Zeit und sich selbst online gerade so anfangen sollte. Die meisten Vorschläge wirkten – freundlich ausgedrückt – wie das Pfeifen im dunklen Home Home. Einige wenige gute Ideen jenseits von Screens, Streams & Co. fielen uns allerdings auf – und gefielen uns auch noch. Zum Beispiel die pfiffigen Selbst-Performance-Vorschläge der österreichischen Künstlerkollektiv-Plattform »Performance Homework«. Sie reichen vom fast meditativen Trainieren des passenden Business-Lächelns für die angeblich kommenden besseren Tage bis hin zum pfiffigen Bra Dance, für den aber wahrscheinlich nur Frauen das passende Utensil problemlos greifbar haben. Männer können es aber einfach mit der Maske versuchen …

Regelmäßiger Gast in Home Offices und Wohnzimmern waren und sind mittlerweile  Videokonferenzprogramme. Auch Künstler*innen haben damit erste (leidvolle) Erfahrungen gemacht. Was läge da näher, als das ganze Theater mit Zoom & Co. selbst zum Theater zu machen. Die Experimentkünstler*innen von Forced Entertainment gingen dafür ins Netz und spielten für den Mousonturm »End Meeting For All«. Virtuell präsentiert via Zoom aus London, Sheffield und Berlin – mit allen bekannten und vertrauten Problemen und Missverständnissen von verpassten Anschlüsse und verschmierter Schminke bis hin zum unregelmäßigen Strom von Unterbrechungen, verursacht durch Katzen, Geräusche auf dem Flur und Geister. Der Mousonturm präsentierte das Stück in drei Teilen plus Week-After-Talk bis Ende Mai. »End Meeting For All« ist Teil des Projektes »DMT – Digitaler Mousonturm«, mit dem das Künstlerhaus und seine Protagonisten virtuell durch die Krise navigieren. Dazu gehören auch virtuelle Tischgespräche, »Geheime Salons« oder die Online-Reihe »Unversehrtheit: Conversations on the Integrities of the Body«. In einem Mix aus Gesprächen und dramaturgischen Sessions geht es um den Körper in scheinbar allen Lebenslagen, diesseits und abseits von Corona. Übrigens: Der Mousonturm ist nicht das einzige Theater, dass mit Corona Theater macht. So hat beispielsweise auch das Staatstheater Darmstadt mittlerweile einen »Lockdown« im (Online-) Programm: alle zwei Wochen immer wieder sonntags live aus einem Berliner (Künstler*innen) Home Office.  Auch wieder so ein Fall von »Gastspiel wörtlich genommen« – und wohl angesichts der unübersichtlichen Lage zur Zeit auch von »open end« … (sfo.).

Anna Witt / Performance Homework©
Lesen, gelesen werden, gelesen bekommen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Home Stories | Literatur

Bücher und Autor*innen frei Haus

Corona-Zeiten - neue Wege für die Literatur

Aktuell +++ Buchläden +++ Staatstheater Darmstadt +++ Literaturhaus Wiesbaden +++ Literaturzirkel 

Jede Branche sucht in diesen Wochen den eigenen Königsweg durch die Corona-Krise. Recht weit voran ist dabei der Buch- und Literaturmarkt. Zwar waren in den letzten Wochen Buchläden und Literaturhäuser geschlossen, mussten der Direktverkauf  und zahlreiche Lesungen entfallen. Doch zumindest die Buchläden sind wieder geöffnet. Viele Läden bieten allerdings auch weiterhin Lieferungen per Post und zuweilen auch per Kurier in die direkte Nachbarschaft sowie telefonische Beratungen an. Doch auch andere Literatur-Institutionen und zahlreiche Literat*innen wussten sich zu helfen. Theater, Literaturhäuser sowie viele Autor*innen entdeckten das Internet für improvisierte Lesungen, mit denen sie nun direkt in die Wohnstuben der Leser*innen kamen. Das alles traf auf viel Wohlwollen, zumal in Zeiten der Krise auch die Bücher und das Lesen wieder neu entdeckt wurden. Und selten sahen wir in den letzten Woche so viele Menschen lesend im Park sitzen …

So ist gerade diese Branche mittlerweile gar nicht mehr so schlecht aufgestellt für die weitere Corona-Zeit. Häuser wie das Staatstheater Darmstadt oder das Literaturhaus Wiesbaden beliefern ihre Klientel via Internet mit Lesungen; mittlerweile sogar in ganz ansprechender Qualität. Das Literaturhaus präsentierte etwa eine Woche lang Einsamkeitsklassiker von Daniel Defoes »Robinson« bis zu zeitgenössischen Werken wie Thomas Glavinics »Die Arbeit der Nacht«. Mittlerweile steht die gesamte Reihe online; zusammen mit weiteren Lesungen und Gesprächen. Das Staatstheater kreierte »Vitamin L – das Ensemble liest zeitgenössische Literatur« mit täglichen Dosen für Erwachsene oder Kinder, aktuell mit Andrew Ridkers »Die Altruisten«. Ähnliche Angebote haben auch andere Theater und Literaturhäuser eingerichtet. Lediglich die Literatur-Flaggschiffe in der Buchmesse-Stadt Frankfurt fallen hier nicht gerade kreativ auf und lesen offenbar vornehmlich für sich selbst im stillen Kämmerlein. Die wieder offenen Buchläden haben nun das Zwei-Kanal-System mit Beratung vor Ort und am Telefon im Angebot. Und gegebenenfalls auch noch immer die Lieferung für Risikogruppen um die Ecke. Und manche berichten bereits, dass sie offenbar Sympathie-Punkte gegenüber Amazon und den einen oder die andere neue Kunden/in gewonnen haben. Urban shorts stellt in seiner Reihe »Bücher & Menschen« einige dieser Kult(ur)-Orte vor. Auch Autor*innen lesen offenbar weiterhin vor der heimischen Kamera und nutzen nun selbst diesen nicht zu unterschätzenden Marketing-Kanal. Auch wenn man manchen immer noch anmerkt, dass es nicht so ihr Medium ist. Last but not least entdeckten manche Protaganist*innen der Branche gar ganz neue Wege. Ein spanischer Literaturkreis in Frankfurt etwa kam auf die Idee, in Zeiten von Video-Konferenzprogrammen auch mal den einen oder die andere der gelesenen Autor*innen aus Lateinamerika oder Spanien virtuell dazuzubitten. Fast schon erstaunlich, dass es dazu die Corona-Krise brauchte … (vss.)

Barbara Walzer (bw.)©
Grant Wood: American Gothic (Ausschnitt)
Quelle: CC0 Public Domain / Art Inst. of Chicago©

Home Stories | World Wide Showroom

Bild-Kunst am Bild-Schirm

Museen und Festivals digital

Aktuell +++ ArtsForSpring +++ Art Institute of Chicago +++ Städel Digital +++ TU Darmstadt: Radar II +++ Discovery Art Fair +++ Dok-Fest München@Home +++ AFAC Screens & Streams +++ Künstler-Duo Liebl/Schmid-Pfähler +++ (Links siehe unten)

[> Beitrag auf eigener Seite lesen]  Grant Woods Gemälde »American Gothic« aus dem ländlichen US-Amerika der 1930er Jahre ist vielleicht eines der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte. Das Original hängt im Art Institute of Chicago. Die hochwertige digitale Reproduktion ist bereits seit Jahren auch online einsehbar und unter einer Creative Commons-Lizenz auch herunterzuladen und zu bearbeiten. So weit gingen und gehen die großen und kleinen Museen weltweit noch nicht überall. Aber in den Tagen von Corona stellten und stellen viele Häuser ihre Sammlungen und aktuellen Ausstellungen online, stream(t)en Vernissagen oder promote(te)n ihre digitalen Vermittlungsangebote. In Frankfurt etwa streamte bereits früh und passend zum Thema das Museum für Kommunikation die Ausstellungseröffnung »#neuland: Ich, wir & die Digitalisierung« als Sneak Preview. Nomen est omen auch an der Technische Universität Darmstadt. Als aufwändiger virtueller 3D-Rundgang ist noch immer die Ausstellung »Radar II« mit Werken von Kunsthochschüler*innen aus Deutschland zu sehen. Und dass auch Künstler*innen selbst ihre Ausstellungen unfallfrei und anschaulich auf die eigenen Webseiten bringen können, belegt das Offenbacher Künstler-Paar Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler, etwa mit »Blue Wire«, den frisch geschlüpften »Echo Entity« und anderen Installationen …

Allerdings zeigt sich oftmals sehr deutlich, wer bereits über Expertise im Geschäft der Digitalisierung verfügt. Neben Angeboten wie dem des Art Institute, das 44.000 Werke in hoher Qualität im Netz stehen hat, überzeug(t)en vor allem digitale Zusatzangebote wie die Tutorials des Städel, das damit seit geraumer Zeit seine Ausstellungen begleitet. Recht selten hingegen die Ausnahmen, die Neues eigens für das Netz entwickeln. Ein besonders gelungenes Beispiel liefern das Bad Homburger Sinclair Haus und die dahinter stehende Nantesbuch-Stiftung. In »ArtsForSpring« haben sie 100 Künstlerinnen und Künstler aller Disziplinen zum »digitalen Frühlingstreffen« eingeladen. Zumindest schön anzuschauen waren auch die wöchentlich neuen künstlerischen Tagebücher der Kunsthalle Mainz @home. Auch Festivals versuchen aktuell, neue Formen in und für die Corona-Zeiten zu finden. Die drei großen Frühjahrs-Filmfestivals der Rhein-Main-Region erprob(t)en neue digitale Formate. Aus dem »Lichter Filmfest« wurde etwa Ende April »Lichter on Demand«, »Go East« folgte Anfang Mai und »Nippon Connection« goes digital im Juni. Die Festivals kreieren dafür eigene neue Plattformen mit Tickets und teils Online-Votings. Ob im Wohnzimmer das passende Film Feeling aufkommt, muss jede(r) selbst beurteilen. Immerhin lassen sich so die Gelder und damit auch das Überleben von Künstler*innen und anderen Mitwirkenden sichern. Allerdings steigt auch die Konkurrenz, da jetzt jedes Festival praktisch überall stattfindet. Das »Dok-Fest München« etwa, eines der renommiertesten Dokumentarfilm-Festivals, hat bereits frühzeitig ebenfalls für Mai das »Dok-Fest München@Home« angekündigt. Gleiche Idee, anderes Festival: die »Kurzfilmtage Oberhausen« diesmal Zuhause. Dazu kommen weltweit improvisierte Festivals, also Kulturanbieter, die in der jetzigen Zeit Filme empfehlen oder online stellen. Ein erlesenes kleines Programm von Filmen aus der arabischen Welt etwa präsentiert jede Woche »Screens & Streams« des Arab Fund for Arts and Culture (AFAC) mit Sitz in Beirut.

Doch nicht nur Film-, auch Foto-Festivals und Kunstmessen spielen mit. Die Discovery Art Fair in Frankfurt ist im Mai mit dem Zusatz »virtual« online und präsentiert Galerien und Kunstwerke nun zweidimensional. Die Fotografie-Biennale in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen zum Beispiel bietet virtuelle Rundgänge durch die Ausstellungen an. Virtuell heißt allerdings auch, dass man sich in die Bilder zoomen muss, was nicht immer das reinste Vergnügen ist. Zur Erklärung: Während die Werke des Art Institute aufgrund des Alters meist rechtefrei sind, scheitert bei Ausstellungen etwa mit aktueller Fotografie eine Eins-zu-eins-Reproduktion oft an Rechtefragen. Bei manchen Versuchen dürfte man mithin froh sein, dass viele Häuser mittlerweile oder in nächster Zeit wieder offen sind – Beschränkungen hin, Beschränkungen her … (vss.).

CC0 Public Domain / Art Inst. of Chicago©
Abends in Sachsenhausen: Die Wendeltreppe in der Brückenstraße
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Bücher & Menschen [1] | Die Wendeltreppe

Eine Treppe und zwei Miss Marples

Mit 4.000 Titeln erste Adresse für Krimifans

Der kleine Buchladen am Rande des Brückenviertels gehört heute zum festen Inventar des Sachsenhäuser Kultquartiers. Und: Er ist selbst längst Kult geworden. 4000 Titel, ausnahmslos Krimiliteratur, stehen gut sortiert in den Regalen. Auch ein kleines Buchantiquariat ist Teil des Angebots. Die Wendeltreppe – sie ist seit drei Jahrzehnten das Reich der beiden Krimi-Expertinnen Jutta Wilkesmann und Hildegard Ganßmüller. Mittlerweile fast schon selbst zwei veritable Miss Marples, kennen sie fast alle Autoren und Inhalte, können beraten und laden – zumindest außerhalb der Corona-Zeiten – regelmäßig am ersten Donnerstag im Monat zu einer Lesung in das Geschäft ein. An diesen Abenden, bei denen sie auch von Freunden unterstützt werden, gehe es darum, in entspannter Atmosphäre über die Bücher und ihre Inhalte zu sprechen und einen lebendigen Austausch zu ermöglichen. Wie viele Krimis sie selbst schon gelesen haben, können sie nicht genau beziffern. Auf jedem Fall »sehr viele«. Deswegen sind Krimi-Fans auf der Suche nach spannenden Büchern hier auch an der richtigen Adresse.

Ein persönliches Erlebnis brachte Jutta Wilkesmann Ende der 80er Jahre auf den Gedanken, eine Buchhandlung für Kriminalliteratur zu eröffnen. Damals, so erzählt sie, sei das Genre lange nicht so populär gewesen wie heute. Auch sie selbst habe erst spät damit angefangen, Krimis zu lesen. »Freunde hatten mich dazu gebracht.« Dass sie ihrer Buchhandlung den Namen »Die Wendeltreppe« gab, ist nicht dem gleichnamigen US-amerikanischen Thriller von Robert Siodmark aus dem Jahr 1946 zu verdanken. Von dem hängt zwar ein Plakat an der Wand des Geschäfts, doch es ist vielmehr die Wendeltreppe selbst, die es in den ersten Räumen der Buchhandlung gab und die im Februar 1989 in der Brückenstraße eröffnete. Trotz eines Umzugs vier Jahre später in einen größeren Laden ein paar Häuser weiter, steht auch dort immer noch eine Wendeltreppe zur Dekoration. Sie ist ein Symbol dessen, was den Buchladen für Kriminalliteratur, den Wilkesmann seit seinen Anfängen mit Unterstützung von Hildegard Ganßmüller führt, ist: Eine Oase für Krimi-Fans und solche, die in unserer schnelllebigen Zeit ein- und abtauchen wollen in die Welt des Genres …

Erst seit den 90er Jahren wurden Krimis unter Buchlesern immer beliebter, weiß Wilkesmann. So beliebt, dass sie sogar regelmäßig eine kleine Zeitung für ihre Kunden herausbrachten: das »Kriminal-Journal«. »Irgendwann war der Aufwand aber so groß, dass wir die Zeitung eingestellt haben«. So oder so sind Krimis für Wilkesmann immer viel mehr als nur Mord. »Mich fasziniert, dass Krimis immer sehr schnell auf politische, gesellschaftliche und soziale Zustände reagieren«. Übertragen auf die reale Welt, bedeute dies, dass auch eine Gesellschaft immer bemüht sein müsse, den Täter zu finden, weil sie sonst nicht überleben könne und Misstrauen entstünde. Ein guter Krimi müsse daher auch immer gut recherchiert sein. Doch auch das Krimigeschäft unterliegt dem Wandel. Die Zeiten haben sich verändert, nicht nur im Hinblick auf Technik und das Leseverhalten. Wilkesmann nennt als Beispiel den bevorstehenden Brexit, der sich unter anderem auch auf den Bezug der Bücher von britischen Verlagen auswirken werde. Doch wie genau, das werde sich – wie bei einem guten Krimi – wohl auch hier erst nach und nach zeigen … (alf.)