Virtual Artist | Niko Neuwirth

N.N. – Zwischen Häusern

Subversive Baustellen-Betrachtungen (2)

Niko Neuwirth ist ein Spezialist für ungewöhnliche Fälle und Fotografien. Für »Facing Europe« reiste er mehrfach quer durch Europa und fotografierte Menschen, die ihm begegneten. Sein aktuelles Projekt ist Frankfurt. Genauer: die Baustelle(n) Frankfurt(s). Nachts begibt er sich auf Baustellen und auf die Dächer der Stadt. Je höher, desto besser. Und er sucht die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (können). Neue Blick- und Stadtlandschaften tun sich auf. In der Stadt, die längst eine permanente Baustelle geworden ist. »Nachts über Frankfurt« ist ein urbanes und künstlerisches Projekt zugleich. Und in gewisser Weise – trotz der teils schwindelnden Höhen, in denen es entsteht – ein subversives. Urban shorts, das urban-kulturelle Magazin, dokumentiert erneut einige dieser Momentaufnahmen aus den nächtlichen »Beutezügen«. Und: Urban shorts und Niko Neuwirth werden auch weiterhin diese Betrachtungen der Stadt mittels ihrer Baustellen fortsetzen. Im Laufe der Zeit werden weitere Bilder auftauchen. Lose und in lockerer Folge – so wie ihr Fotograf selbst immer wieder auf den Baustellen der Stadt erscheint und mit seiner ungewöhnlichen »Bildbeute« wieder entschwindet … (vss.).

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Quo vadis - Künstler*innen in FrankfurtRheinMain?
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Impuls | Eine Künstler-Abgabe

Ein Drittel für Künstler!

Gastkommentar von Jan Deck

Frankfurt ist ein Tourismusmagnet. Über fünf Millionen Menschen kommen jedes Jahr in die Stadt und sorgen für rund zehn Millionen Übernachtungen. Ein Potential, an dem auch die Stadt mittlerweile verdient. Für jede private Übernachtung – und das ist fast jede dritte – kassiert sie seit 2018 zwei Euro. Das müssten rund sechs Millionen Euro pro Jahr sein.

Nun kommen diese Menschen vor allem wegen der lebendigen und vielseitigen Kunst- und Kulturlandschaft. Städel, Oper oder Mousonturm sind Publikumsmagneten. Doch dahinter stehen auch viele freischaffende Künstler*innen. Ihre Zahl dürfte in und um diese Stadt herum locker vierstellig sein. In den meisten Sparten ist deren Förderung durch die Stadt mangelhaft. Gleichzeitig steigen Mieten, Lebenshaltung, Preise für Ateliers und Proberäume. Viele Künstler können sich die Stadt, die sie sich mit ihnen schmückt, nicht mehr leisten.

Deshalb muss ein Drittel der neuen Einnahmen zur besseren Finanzierung der freien Szene verwendet werden! Das wären geschätzt zwei Millionen Euro. Wir wollen, dass mit dem Geld ein Fördertopf eingerichtet wird, aus dem alle freischaffenden Künstler*innen und Initiativen Geld für Projekte bekommen: Filmfeste, Musiker*innen, Clubs, Theatergruppen, Bildende Künstler*innen, Autor*innen, Filmschaffende, Kooperationsprojekte zwischen den Sparten und viele mehr. Diese vielseitige Kunstszene ist ein Hauptgrund für den privaten Touristenboom. Deshalb wollen wir nicht mehr und nicht weniger als unseren Anteil an den mit uns erzielten Einnahmen. Und das bitte nicht bei gleichzeitiger Streichung anderer Gelder …

Virtual Artists | Ina Holitzka

Baustellen-Metamorphosen

Die Baustelle(n) Frankfurt(s) als Projektionsfläche

Nichts boomt in Frankfurt wohl derart wie das Bauen. Ob Ostend, Gallus oder Innenstadt – Überall werden permanent neue Büro- und Wohnblöcke aus dem Boden gestampft. Manche Teile der Stadt sehen aus wie eine einzige Großbaustelle. Vor allem jenes Ostend. So musste die Frankfurter Künstlerin Ina Holitzka im dortigen Atelier Frankfurt nur aus dem Fenster schauen, um die Projektionsfläche für ihr großangelegtes Kunstprojekt »Passage« frei Haus geliefert zu bekommen. Wie wohl keine zweite Künstlerin Frankfurts denkt, arbeitet und spielt sie mit der längst Synonym dieser Stadt gewordenen Baustelle. Sie fotografiert, verfremdet, digitalisiert, transformiert und interpretiert, was im wahrsten Wortsinn vor ihren Augen wuchs und wächst. Und macht(e) sich künstlerische Gedanken über das gleichsam manifeste und flüchtige Wesen und Werden dieser Stadt. Projekt trifft sich mit Projektion, Reflektieren mit Reflexion an diesem und auf diesen Ort. Herausgekommen sind neue Welten, faszinierende Landschaften und fast lebende Organismen – spannender als viele der Bauten, welche tatsächlich aus diesen Beton- und Stahl-Fundamenten der Großbaustellen gewachsen sind. Teile der »Passagen« waren im Sommer im Foyer des Medico-Hauses neben dem Atelier Frankfurt zu sehen. Jenes Hauses also, das genau auf diesen gezeigten Fundamenten vor dem Fenster der Künstlerin ruht. Wobei tatsächlich gerade dieses eines der wenigen ist, das etwas anders ist als die vielen gleichen Bauten, die sonst so in diesem bau-boomenden Ostend entstehen … (vss.).

Virtual Artists | Urban Sketching

Momente. Menschen. MainStreams.

Wir zeigen Frankfurt. Zeichnung für Zeichnung.

»Wir zeigen die Welt. Zeichnung für Zeichung!«. So lautet das Motto der Urban Sketcher, einer weltweit stetig wachsenden Gemeinschaft von Zeichnern und Zeichnerinnen. Eine Gruppe Frankfurter Urban Sketchers hat das Motto aufgenommen und versucht in diesem Jahr, ihrer Stadt und dem Lebensgefühl der Main-Metropole zeichnerisch auf die Spur zu kommen. »Wir zeigen Frankfurt. Zeichnung für Zeichung!« ist seit Sommer 2017 das Motto der Künstler/innen Katharina Müller (Kamü), Catalina Somolinos und Ivo Kuliš. Gemeinsam und jeder für sich erkunden sie die Stadt und suchen nach interessanten Monumenten, Menschen und Momenten in der Main-Metropole. Urban shorts dokumentiert die Arbeit dieser Gruppe. Wir präsentieren in den kommenden Monaten Zeichnungen, welche die Künstler/innen Woche für Woche in dieser Stadt und von dieser Stadt angefertigt haben. Die Reihe wird fortgesetzt (red.).

Barbara Walzer (bw.)©
Mysterium Sprache - Der Body of Knowledge an der Frankfurter Goethe Universität
Quelle: bw.©

Urban21 | Sprache + Integration

Einfache Sprache – einfach für alle?

Literarische und alltägliche Pionierarbeiten

Frankfurt versucht sich an Pionierarbeit – gesellschaftlich, integrativ und sprachlich. Die Stadt transformiert seit einiger Zeit Bürger-Informationen im Internet in sogenannte Leichte Sprache. Dort liest man dann in der Einführung dazu: »Texte in Leichter Sprache haben kurze Sätze. Es sind keine Fremd-Wörter dabei. Alle verstehen die Sätze schnell.« Hier geht es vor allem um Barrierefreiheit. Ein gutes Stück weiter gehen in dieser Hinsicht das Literaturhaus und die Stabsstelle Inklusion. Sie haben vor zwei Jahren das Projekt »Literatur in Einfacher Sprache« ins Leben gerufen. Im ersten Teil »Frankfurt, deine Geschichte« ging es darum, im doppelten Sinne einfach historische Personen, Orte und Geschehnisse zu vermitteln. Dem folgt mittlerweile der zweite Teil »Aufbruch in eine andere Literatur«. Auch diesmal ist der Anspruch, die Einfache Sprache (eine minimalistische Standardsprache) als Kunstform zu sehen. Das ist neu und fordert auch die beteiligten Autoren dieser Staffel: Arno Geiger, Judith Hermann, Anna Kim, Kristof Magnusson, Jens Mühling, Maruan Paschen, Ulrike Almut Sandig und Julia Schoch. Die Vision: Eine inkludierende Sprache für Menschen, die Deutsch erst lernen, und solche mit Lernschwierigkeiten, niedrigem Sprachniveau, Aufmerksamkeitsstörungen oder körperlichen Beeinträchtigungen  – ohne andere auszuschließen.

Ganz klar ist: Als Faktor für Teilhabe und besseren Zugang zu Literatur und Kultur für alle Menschen sind Leichte und Einfache Sprache zutiefst sozial und unterstützenswert. Zudem ist die Alltagssprache (vor allem der jüngeren Generation) ohnehin dabei, sich zu Gunsten einer Vereinfachung zu verändern: Bist Du Kino? So weit, so normal. Denn ultimative Sprachbewahrer verkennen, dass Sprache ein dynamisches System und Instrument ist, das dem Nutzer dienen soll und seine Lebenswirklichkeit spiegelt. Und dass die gerne gebrandmarkte Verwendung von Fremdwörtern oder Alltagssprache rasch gar nicht mehr als solche erkennbar sind. All dies befruchtet vielmehr die eigene Sprache und hält sie lebendig. Gleichwohl führt diese massive Reduktion aber auch zu einem Verlust an Präzision: Bist Du im Kino? Bist Du vor dem Kino? Bist Du heute Abend im Kino? Und zu einem Verlust an Sprachästhetik, einer sinnlichen Erfahrung von Satzrhythmus, Lautmalerischem, Differenziertheit eines individuellen Sprachstils und vielem, das auf nonverbaler Ebene mittransportiert wird. Die derzeit hörbare rudimentäre Sprache ist weit entfernt von aller Virtuosität. Würde mit einer weitergehenden Etablierung von Einfacher oder Leichter Sprache ein solcher kleinster gemeinsamer Nenner als Standard etabliert und letztlich eine filigranere Sprache in eine Nische für Experten und Nostalgiker gedrängt? Oder manifestiert sich im Gegenteil erneut eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die alltägliche Sprache als klares Distinktionsmerkmal fungiert? Baut Einfache oder Leichte Sprache eine Brücke und erzeugt im nächsten Schritt bessere Zugänge zu komplexer Sprache, Literatur, Kulturangeboten und mehr? Und geht sie auch so schön, dass sie eine eigene ästhetische Qualität generiert und unserer Sprache eine zusätzliche – zeitgemäße – Facette gibt?

Wir werden sehen, ob es bald in Bücherregalen neben den Büchern in großer Schrift auch ganz selbstverständlich solche in Einfacher oder Leichter Sprache geben wird – und Buchhandlungen und Bibliotheken so zukünftig vielleicht (wieder) die sozialen Orte sind, die sie schon immer sein wollten (pem).

Fotograph | Barbara Walzer

Die 720.000 Anderen

Gesichter Frankfurts (5) | Musik-Edition

Die »Gesichter Frankfurts« sind ein Fotoprojekt der Frankfurter Fotografin Barbara Walzer. Die Aufnahmen sind entstanden auf zahllosen Streifzügen durch die Mainmetropole. Sie zeigen Menschen aus dem Leben, aus verschiedenen Kulturen, Berühmte und Unbekannte, Wichtige und scheinbar Wichtige. Es sind keine Studioaufnahmen, nichts daran ist inszeniert. Die Stadt, sie scheint das Studio dieser außergewöhnlichen Stadtstreicherin zu sein scheint. »Diese Menschen«, so Walzer, »suche ich nicht. Sie suchen mich. Sie sind einfach da. Im selben Moment wie ich … «. Die Serie wächst übrigens genauso wie die Stadt. Die erste Folge hieß im Jahr 2015 noch »Die 700.000 Anderen« … (jjk.).