Zwischen Nordsee und Bodensee: Fünf beliebte Radwege in Deutschland
Quelle: Bronstein / statista • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Non-Urban | Radwege

Republik per Pedale

Beliebte deutsche Radwanderwege

Freizeit findet in Corona-Zeiten für viele Menschen am besten draußen statt. Und für umweltbewusste und sportliche Menschen ist das Fahrrad dabei erste Wahl. Passend dazu hat der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club, die fünf beliebtesten Radwanderwege in und um Deutschland ermittelt. Der Weg davon mit dem größten Teilstück innerhalb Deutschlands führt immer an der Elbe entlang von Cuxhaven an der Nordsee über Hamburg und Dresden auf rund 840 Kilometern bis nach Königstein an der Grenze zu Tschechien. Wer trotz Corona noch weiterfahren mag, kann die Tour auch noch auf 1270 Kilometer tief ins Nachbarland hinein ausdehnen. Wem das eine oder das andere für vielleicht ein paar freie Tage doch zu sportlich ist, kann eine der vier anderen Routen wählen, die etwa besonders reizvoll auf rund 250 Kilometern einmal rund um den Bodensee führen. Und wer im Rhein-Main-Gebiet lieber gleich nahe der eigenen Haustür rund um Frankfurt losfahren möchte, findet etwa auf der Seite Regionalpark Rhein-Main das regionale Pendant mit fünf ausgewählten Radwanderwegen in der Region (sfo.).


Kunsthalle Darmstadt - viel Platz zur Zeit nicht nur draußen
Quelle: Kunsthalle Darmstadt©

Ausstellungen

Kunst mit Konzept

Viel Platz in Ausstellungsräumen

Museen und Ausstellungsräume haben im Corona-Jahr einen schweren Stand. Hört man sich um, liegt der Besuch aktuell bei etwa 20, 30 oder 40 Prozent gegenüber »normal«. Und das, nachdem die Häuser im Frühjahr ohnehin ganz geschlossen waren. Ein wenig paradox ist die Situation schon. Bei aller Vorsicht einer solchen Aussage: Aber gerade viele Museen und Ausstellungsräume gehören derzeit wohl zu den eher sicheren (Kultur-) Orten in der Region. Zum einen bieten gerade Museen und große Ausstellungsräume wie die Museen Angewandte und Moderne Kunst in Frankfurt, das Museum Wiesbaden oder die Kunsthalle Darmstadt per se viel Platz durch ihre weiten, großzügigen Räume. Zum anderen sorgt das ausgedünnte Publikum in den auch sonst selten überlaufenen Kunsttempeln für viel Freiraum. Vor allem aber haben die Häuser mittlerweile ausgefeilte Hygiene-Konzepte, die sicher mehr Sicherheit verheißen als Opern- oder Friedberger Plätze in Frankfurt. Einzig Lüften ist häufig ein Problem.

Aus diesem Grunde empfiehlt Urban shorts auch weiterhin ausgewählte Ausstellungen in FrankfurtRheinMain. Wohlgemerkt: Ausstellungen, nicht unbedingt deren Vernissagen. Wobei sich hier die Soft Openings über viele Stunden bei großen Häusern durchaus bewährt haben. Punkten können bei Ausstellungen derzeit neben den genannten Häusern etwa die gleichsam tierische und allzu menschliche Dreier-Schau »Artentreffen« in Wiesbaden, Offenbach und Rüsselsheim sowie einige sehr unterschiedliche Highlights in Darmstadt (»Tomàs Saraceno«), Bad Homburg (»Was ist Natur?«) oder Frankfurt (»#neuland«), wobei im Bad Homburger Sinclair Haus tatsächlich der Platz recht eng sind. Aber auch kleinere Räume wie etwa die Ausstellungshalle, das Heussenstamm oder die Galerie Peter Sillem in Frankfurt sind durchaus empfehlenswert. Denn was für viele Museen gilt, stimmt häufig auch für diese Ausstellungsräume. Zwar haben sie per se weniger Platz als ein Museum, dafür aber schon immer auch deutlich weniger Besucher*innen. Das Heussenstamm etwa hatte zuletzt mit den Ausstellungen von Niko Neuwirth und Asal Khosravi einige Dutzend Besucher*innen pro Tag. Kleine Galerien etwa in der Frankfurter Fahrgasse, in die eigentlich noch weniger Menschen passen (würden), begrüßen ihre Gäste ohnehin meist nur »per Handschlag« (was in diesem Falle natürlich als Redewendung gemeint ist); und zwar völlig unabhängig von Corona. Zudem gelten auch in diesen freien Ausstellungsräumen Hygienekonzepte, sind etwa Maskentragen und Desinfektionsmittel Standard. Gerade »die Fahrgasse« hat übrigens ganz gute Voraussetzungen: viele Räume nebeneinander und viel Platz in der Straße dazwischen. Einzig könnte vielleicht mal jemand auf die Idee kommen, in Corona-Zeiten bei gemeinsamen Openings eben jene Straße abzusperren. Zugangsbeschränkungen ab einer bestimmten Zahl von Besucher*innen gelten übrigens bei allen genannten Häusern. Allerdings sind in diesem Herbst noch nirgendwo Schlangen gesichtet worden … (sfo.).

Kunsthalle Darmstadt©
Fototage Darmstadt - Raus mit der Kunst
Quelle: Darmstädter Tage der Fotografie©

Kunst im öffentlichen Raum

Outdoor ist das neue Indoor

Künstler*innen bespielen Städte und Wälder

In Corona-Zeiten haben Abstand und Draußensein Konjunktur. Da passte im Spätsommer die Aktionskunst der Frankfurterin Cornelia F Ch Heier bestens in die Zeit, obwohl sie eigentlich »nur« eine Fortsetzung aus vergangenen Jahren war. Seit Jahren bespielt sie mit »Signalement« die Frankfurter Innenstadt mit Plakaten. Auf Plakatwänden und Litfaßsäulen, welche ihr in der werbearmen Sommerzeit ein Vermarkter zur Verfügung stellt. Dieses Jahr waren großformatig reduzierte Gesichter mehr oder minder berühmter Köpfe wie Mahatma Gandhi und Fara Diba, Beate Uhse und Simone Signoret oder Goebbels und Xi Jinping zu sehen. Heier bespielt den Stadtraum wie eine große Galerie – für Menschen, die sonst selten mit Kunst in Berührung kommen. Und Heiers Kunst ist zeitlos. Ohne Anfang und Ende. Wenn die Flächen wieder vermietet sind, verschwindet ihre Kunst. Ob und welche der im August angebrachten Plakate auch heute noch da sind, weiß sie selbst nicht genau.

Was Heier seit Jahren macht, ist in diesem Corona-Jahr Mode geworden. Diesmal aber nicht nur als »Zufallsprodukt« für sonst kunstferne Passant*innen, sondern vor allem, um der Kunst und vor allem kunstaffinen Ausstellungsgänger*innen buchstäblich Raum zu geben. Davon zeugen zwei Großausstellungen, mit denen Künstler*innen derzeit vor allem Darmstadt und Offenbach bespielen. In beiden Städten haben die Ausstellungsmacher*innen der »Darmstädter Tage der Fotografie« und der Hochschule für Gestaltung (HfG) dieses Jahr aus der Not eine Tugend gemacht. Die Darmstädter Tage bestücken großflächig die Innenstadt: mit teils überdimensionalen Fotografien von Kultfotografen wie Erwin Wurm auf dem Friedensplatz oder etwas versteckter mit Fotoprojekten im Schlossgraben oder im waldähnlichen Osthang an der Mathildenhöhe. Und auch die Student*innen der Kreativenschmiede HfG sind in diesem Jahr mit ihren Abschlussarbeiten nach draußen gegangen und bespielen in Offenbach Bauzäune, S-Bahnstationen oder ebenfalls Plakatwände. »Draußen« bedeutet in diesem Fall übrigens diesmal auch Frankfurt, wo sie ebenso wie Heier Flächen eines Vermarkters füllen.

Doch beileibe nicht alles, was derzeit im öffentlichen Raum zu sehen ist, hat mit Corona zu tun. Und gerade zwei Klassiker bespielen Orte, an die man zuerst gar nicht denkt. Besonders beständig etwa sind die überdimensionalen Menschenlandschaften von Nikolaus Nessler, der im Frankfurter Hauptbahnhof in zwei S-Bahn-Abgängen schon seit Jahren Landkarten und Stadtpläne drapiert hat, auf welchen Städte- und Straßennamen durch menschliche Namen aus aller Welt ersetzt sind. Bereits seit zehn Jahren bringen bei Darmstadt auf dem Internationalen Waldkunstpfad Künstler*innen aus aller Welt moderne Kunst alle zwei Jahre in vielen Spielarten mitten unter die Bäume, wo über die Jahre hinweg langsam aber sicher ein regelrechtes Museum entsteht. Eines sollte man bei Outdoor-Ausstellungen immer im Blick haben: Sie sind, wie Heier sagte, zeitlos und wandelbar. Manche wie Nesslers Karten überdauern selbst zur Überraschung des Künstlers, andere wie die Darmstädter Fototage wachsen dieser Tage sogar noch. Auch die Waldkunst ist mindestens noch übers Jahr zu sehen. Über die HfG-Interventionen hingegen geht wie bei Heier mittlerweile bereits die Zeit hinweg; wenn auch offenbar mehr in Frankfurt als in Offenbach. So oder so – es steht zu erwarten, dass gerade in Corona-Zeiten da und dort wieder neue Werke aufpoppen werden. Urban shorts hat auf seiner AGENDA-Seite zwei, drei Plätze reserviert, die in den kommenden Wochen für diese Kunst immer neu angepasst werden sollen (loe./vss.).

Darmstädter Tage der Fotografie©
Fast pars pro toto für das Festival: Erik Clewe inszeniert Fundstücke am Wegrand zu Kunststücken am Wegrand
Quelle: Erik Clewe©

Eye Catcher am Wegrand

Festival im Freiraum

Darmstädter Fototage in Darmstadt

Was macht man im Corona-Jahr mit einem Festival, das vor allem aus Foto-Ausstellungen in oft kleinen Off Spaces besteht? Ausfallen lassen wäre eine Lösung, ins Internet verlagern eine andere. Die Darmstädter Tage der Fotografie haben sich für die dritte Möglichkeit entschieden: raus gehen. Vom Friedensplatz über den Schlossgraben bis zum Osthang an der Mathildenhöhe bespielen die Macher*innen in diesem Jahr den öffentlichen Raum. »Skurrile Fluchten« ist dafür ein sogar mehr als doppeldeutiger Titel. Es meint nicht nur die Flucht nach draußen und das Bespielen von Fluchten im öffentlichen Raum, sondern vor allem das Spiel der Fotograf*innen mit dem Humor in ihren Bildern.

Überdimensionale Fotos skurriler Menschen von Erwin Wurm oder Iiu Susiraja prangen etwa an mehrere Meter hohen Kuben auf dem Friedensplatz. Im Schlossgraben passieren die Besucher*innen eine lange Flucht korrespondierender Körper von Tänzer*innen. Eher etwas versteckt zwischen Bäumen präsentieren Jana Hartmann oder Erik Clewe ungewöhnlich inszenierte Momentaufnahmen aus öffentlichen Räumen in eben jenem öffentlichen Raum; die vielleicht faszinierendste Schau in dem verwunschenen Wald-Garten am Osthang. Eine lange Flucht ist in diesem Jahr übrigens auch das Festival selbst. Die Ausstellungen, deren Eröffnung und das Symposium erstrecken sich fast über ein halbes Jahr. Die ersten Bilder poppten bereits Mitte September mitten in der Stadt auf, das Festival und weitere Eröffnungen folgen im Oktober, die letzten Ausstellungen werden irgendwann Anfang 2021 abgebaut. So sie nicht gerade in diesem öffentlichen Raum wegen Corona und mangels anderer Alternativen noch länger stehen bleiben sollten. Ach so: Einige Ausstellungen sind natürlich auch in Innenräumen zu sehen. Unter den üblichen Sicherheitsvorkehrungen. Doch irgendwie scheinen diese in diesem Jahr nur das versteckte Beiwerk neben den zahlreichen veritablen Eye Catchern im Stadtraum zu sein. Nicht von ungefähr stellte bei der Eröffnung jemand die Frage: Warum haben wir das eigentlich nicht schon immer so gemacht (vss.)?

Erik Clewe©
The Cube von Jens J. Meyer
Quelle: Internationaler Waldkunstpfad©

Kunst im öffentlichen Raum

Zur Kunst in den Wald

10. Internationaler Waldkunstpfad 2020

In Europa leben die Menschen bekanntlich vornehmlich im Wald. In manchen Ländern wie Österreich gibt es sogar ganze Waldstädte. Das hat sich sogar bis in die USA und ins Weiße Haus herumgesprochen. Was bisher noch weniger bekannt ist: Auch Kunst und Kultur finden in unseren Breitengraden natürlich in der Natur statt. Das Zentrum europäischer Waldkultur ist bekanntlich Darmstadt. Jeder kennt etwa das europäische Hollywood: das Filmfest Weiterstadt, das seit Jahrzehnten alljährlich in einem bekannten Waldstück nahe Darmstadt über die Bühne, pardon: über die Lichtung geht.

Wer sich hingegen in Europa für moderne Kunst interessiert, kommt – natürlich – nicht um das ganz sicher auch im Weißen Haus bekannte Internationale Waldkunstzentrum herum. Mit seiner von internationalen Experten in Washington sogar bereits vor Venedig angesiedelten Biennale wird es alle zwei Jahre zum Mekka moderner Kunst. Internationale Künstler*innen wie die US-Amerikanerin Regina Walter zog es auch dieses Jahr wieder dorthin. Die bekannte Urbanitäts-Künstlerin war nicht nur für die Eröffnungs-Performance mit bleibendem Kunstwerk verantwortlich. Als Artist-in-Residence wurde sie eigens eingeladen, um den Menschen im europäischen Wald auch einmal näher zu bringen, dass es auch andere Formen von Zusammenleben gibt. Weitere 15 Künstler*innen aus sieben Ländern haben in diesem Jahr das Biennale-Motto »Kunst/Natur/Identität« mit Leben und mit zahlreichen Installationen, Performances und BankART gefüllt. Die Darmstädter Museumsmacher*innen haben dabei schon lange vor Corona auf Abstand geachtet. Damit die Menschen nicht pulkartig in ihrem Waldmuseum herumstehen, führt eigens der (in diesem Jahr bereits 10.) Internationale Waldkunstpfad durch dieses Museum. Gerüchten zufolge sollte in diesem Jahr übrigens der international renommierteste Waldexperte aus Washington die Ausstellung eröffnen. Er musste sein Kommen allerdings auf den 11. Waldkunstpfad 2022 verschieben – wenn dann in den USA pünktlich die Stimmen der Präsidentschaftswahl ausgezählt sind … (sfo.).

Internationaler Waldkunstpfad©
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Quelle: HfG©

Kunst im öffentlichen Raum

Viel Kunst im Vorübergehen

HfG-Arbeiten diesmal wirklich als Rundgang

Vor einem Jahrhundert gehörten Plakatwände und Litfaßsäulen zu den wichtigsten Werbeträgern überhaupt. Im Zeitalter von Fernsehen und Internet haben sie an Bedeutung verloren. Doch noch immer können sie im Vorbeigehen und Vorbeifahren die Blicke auf sich ziehen. Das machen sich jetzt in Corona-Zeiten die Studierenden der Offenbacher Kreativenschmiede HfG zu Nutze. Da bei ihnen in diesem Corona-Jahr die beliebten Rundgänge in den eigenen Räumen zur Präsentation der Abschluss- und Semesterarbeiten ausfallen, nehmen sie das Wort »Rundgang« wörtlich, gehen selbst raus in die Stadt und bespielen freie Flächen auf den Plakatwänden, auf Litfaßsäulen, in S-Bahnstationen oder einfach an Bauzäunen. Entgegen kommt ihnen dabei, dass in Corona-Zeiten ohnehin viele Flächen frei bleiben, weil die Werbewirtschaft weniger Geld für die in ihren Augen nicht so attraktive Außenwerbung hat …

So fluten die HfG-Künstler*innen derzeit den Außenraum in Offenbach und auch in Frankfurt mit Plakaten, Fotografien, Grafiken, Malerei oder Illustrationen. An ausgewählten Orten gibt es zudem Kurzfilme zu sehen, etwa im Schaufenster einer Galerie in Frankfurt. 300 Arbeiten sind es insgesamt, von 120 Künstler*innen, an rund 40 Orten. Wo genau es etwas zu sehen gibt, zeigen Karten wie die oben abgebildete. Den Kunstwerken kann man und frau aber auch einfach so begegnen: sehr prominent auf großen Plakaten am Frankfurter Willy-Brandt-Platz, eher beiläufig in Offenbach auf einem Bauzaun am Marktplatz und sogar im Vorbeifahren und Interaktiv unter der Stadt in einer Offenbacher S-Bahn-Station. Apropos S-Bahn-Station. Der Eintritt zu dieser Ausstellung ist natürlich frei. Daten muss man auch keine dafür hergeben. Nur sollte man etwa in S-Bahn-Stationen daran denken, seine Maske zu tragen. Denn sonst gibt es schnell Post. Nicht von der HfG, sondern vom Regierungspräsidium Kassel. Und das hat dann doch Folgen: für Anonymität und Geldbeutel. Und das wiederum kann, wie man aus der HfG hört, zuweilen schneller gehen als man denkt …  (vss.).

HfG©
Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte mit Auslauf | Trinkhallen

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Wasserhäuschen sind Kult. Und in Corona-Zeiten fast schon »systemrelevant«. 

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Wochen jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 1,50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte (auch wenn mit zunehmender Lockerung nicht wenige es auch lockerer mit Müll und Lautstärke sahen). Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die 2017 sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach rund acht Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).