Quelle: Carlsen / Dobi Robinski / Catalina Somolinos©

Out of the Box + Urban Communities

Der Comic Satellit Frankfurt

Die Comic Community trifft die Urban Sketchers

Beim 4. Frankfurter Comic Satelliten trafen in diesem Jahr vom 11. bis 13. Oktober die Frankfurter Comic Community auf die regionale Urban Sketchers-Gruppe Rhein-Main. Urban shorts nimmt das dreitägige Festival mit Lesungen, Live-Zeichnen und Parties zum Anlass, einmal einen besonderen Blick auf diese beiden urban-künstlerischen Gruppierungen zu werfen. Zugleich ist dies der Auftakt eines Projektes, künftig auf der Seite Out of the Box urbanen und/oder künstlerischen Ideen und Initiativen der Region öfter einen solchen Platz einzuräumen und ihn auch gemeinsam mit diesen Gruppen zu bespielen (red.).


Spät abends auf dem Boot der zeichnenden Hände ...
Quelle: kamü / Clara Schuster / Verlage©

Festival | Downtown Frankfurt

Das Boot der zeichnenden Hände

Comic Solidarity & Urban Sketchers auf dem Yachtklub

»Das Boot der zeichnenden Hände« – Es klingt wie der Titel des neuesten Abenteuers der beiden frankobelgischen Comic-Helden Spirou und Fantasio. Ort und Zeit: ein altes Hausboot am Ufer des Flusses, etwas versteckt unter einer Brücke und hinter einer bewaldeten Flussinsel, an einem lauschigen Altweibersommerabend, an dem sich die milde Wärme vom sonnigen Tag mit den ersten Oktobernebeln über dem Wasser mischen. Szenerie und Handlung: eine illustre Gesellschaft teils mondäner, teils subkultureller Stadtmenschen, toulouse-lautrec-artig gemischt mit Künstlern und Künstlerinnen sowie einigen skurrilen Gestalten der örtlichen Szene, soireeartige Lesungen unter Deck, angeregte Plaudereien an Bar und Reling, ein bohèmehaft-künstlerisches Treiben der Szenekünstler, die zwischendurch Gäste skizzenhaft aufs Zeichenpapier bannen, und erste Töne eines DJs, der seinerseits bereits die späteren Bands ankündigt …

»Das Boot der zeichnenden Hände« – Es war allerdings (noch) nicht das neueste Abenteuer der beiden Comic-Helden. Es war vielmehr die Szenerie des 4. Frankfurter Comic Satelliten, der im Schatten der großen Buchmesse nicht nur erstmals auf dem kleinen szenigen Yachtklub am Main stattfand, sondern erstmals auch zwei ungewöhnliche Communities zusammenbrachte. Womit wir bei der Handlung wären: Die Frankfurter Comic Solidarity der unabhängigen Comicszene traf auf die Urban Sketcher der freien urbanen Zeichner aus der Region. Hier die ZeichnerInnen aus dem stillen Kämmerlein, die erst mit dem fertigen Produkt und ganzen Geschichten an die Öffentlichkeit treten. Dort die ZeichnerInnen, deren Werke in der Öffentlichkeit entstehen und die eher einzelne Momente festhalten. Eins eint allerdings beide Gemeinschaften: der Wunsch, zeichnerisch ihre Welt(en) zu entdecken und festzuhalten und dabei tatsächlich auch Gemeinschaft in den Vordergrund zu stellen.

Drei Abende lang war das Hausboot – tatsächlich gelegen zwischen Alter Brücke, Mainufer und Rudererinsel – Gastort dieses ungewöhnlichen »Comicsatelliten«, eines der eher schrägen Kunstereignisse am Rande der Buchmesse. ComiczeichnerInnen luden zu Lesungen aus ihren neuesten Bänden, darunter Kultautorin Katja Klengel (mit »Girlsplaining«) oder das Independent-Label »Jazam«. Dazu konter-skizzierten die VertreterInnen der Urban-Sketcher-Szene mit Pop-up-Ausstellungen und permanentem Live-Zeichnen per Hand im Skizzenblock und elektronisch via Bildschirm die Abende. Meist in entspannter Runde mit Tusche und Stift, ließen sie sich dabei über die Schultern schauen und auch für einige Porträts einspannen. Je später der Abend, desto chilliger wurde es denn auch auf dem Boot, auch durch die anschließenden Parties zu später Stunde. Und das Boot? Es wurde dabei selbst zur Pop-up-Ausstellung mit unzähligen kleinen Zeichnungen an den Wänden. Und auch doch noch zum Stoff neuer Comic-Geschichten? Vielleicht sogar des nächsten Spirou- und Fantasio-Bandes? Flix, der Zeichner des aktuellen Berlin-Abenteuers der beiden, war am Samstag selbst zur Lesung zu Gast – und sprach danach schon vorsichtig von Spirou in Frankfurt. Und wenn nicht, schreibt vielleicht jemand anderes nach diesen Abenden die Geschichte vom »Boot der zeichnenden Hände« … (vss.).

Urban Sketchers unterwegs

Einige Tage in … Porto

Sketchers sehen die portugiesische Stadt

Einmal im Jahr trifft sich die weltweite Urban Sketchers Community in einer Metropole dieser Welt. Für wenige Tage wird diese Stadt zum Mittelpunkt und zum Studio dieser begeisterten ZeichnerInnen. Sie kommen zusammen, um andere ZeichnerInnen zu treffen, um dazuzulernen, um die Stadt zu erleben – und natürlich um zu zeichnen. 2018 war dieses Mekka die portugiesische Küstenstadt Porto, zweitgrößte Metropole des Landes. In der Urban shorts Artist-Section »Out of the Box« zeigen einige Urban Sketchers aus FrankfurtRheinMain eine kleine Nachlese dieser Reise. Mehr über diesen Trip und die Philosophie dieser Treffen im nachfolgenden Text der Frankfurter Urban Sketcherin Gabi Wührmann, in dem sie einen Einblick in die Tage in Porto gibt (red.).

kamü / Clara Schuster / Verlage©
In Porto drinnen ...
Quelle: Clara Schuster©

Vier Tage im Sommer ... [1]

Klappstühle erobern Portos Plätze

800 Urban Sketchers in Portugals Küstenmetropole

»Hier sitzen überall so Leute auf Klappstühlen rum und malen. Sind das diese Urban Sketchers?«. Schon eine Woche, bevor ich mich im Sommer zum diesjährigen Urban Sketchers Treffen nach Porto aufmachte, erreichte mich diese Nachricht einer Freundin, die gerade zum Sprachkurs in der Stadt war. Eine Woche später hätte sie sicher nicht mehr gefragt, nachdem gerade nach und nach rund 800 Zeichner und Zeichnerinnen in die nordportugiesische Küstenmetropole eingefallen waren. Seit Mitte der Woche streben die Leute mit Rucksäcken und Stühlchen der Alfandenga de Porto zu. Im Inneren des Veranstaltungsgebäudes windet sich eine lange Schlange mit lächelnden, sich begrüßenden Zeichnern aus der ganzen Welt. Die offene, freundliche Atmosphäre wird sich durch alle vier Tage ziehen. Man wartet mit Spaniern, die in Schottland leben, und mit Russinnen, die in Berlin zu Hause sind. Man frühstückt mit Amerikanern – und zeichnet dann mit Holländern und Portugiesen zusammen. Die Workshopleiter kommen aus Australien oder aus Singapur. Alle eint der unbändige Spaß, von dieser Welt zeichnend zu berichten. Sie farbig oder schwarz-weiß so abzubilden, wie man sie gerade erlebt. In seiner ganz individuellen Sicht, die sein darf, die nicht bewertet wird und die mit allen anderen Sichtweisen zusammen zu einem farbenfrohen Bild der Wirklichkeit verschmilzt.

Doch das Symposium ist nicht nur Kommunikation und Philosophie, sondern lebt durch die Praxis. Je nach gebuchtem Workshop-Pass wählt man zwei oder vier Workshops und eine Demo aus oder nimmt einfach nur an den Sketchcrawls oder am Rahmenprogramm teil. Während die vier Workshops leicht in Stress ausarten können – besonders, wenn man wie ich noch einen Sketchcrawl und das Drink and Draw dazu nimmt -, ist ein Zwei-Workshop-Pass die günstigere und wahrscheinlich bessere Wahl. Aber wer selten Gelegenheit hat, zu Hause solche Veranstaltungen zu besuchen oder auch einfach mal mit den »großen Namen« der Zunft zeichnen will, für den ist der große Pass eine gute Wahl. Bereits am Nachmittag findet von der Alfandega aus der erste Sketchcrawl statt. Eine Karawane Hunderter Sketcher zieht in Richtung Altstadt zur imposanten Eisenbrücke, die sich mit mutigem Bogen hoch über den Fluss auf die andere Seite Portos schwingt. In schwindelnder Höhe überqueren darauf die alten Straßenbahnen das Wasser. So wie der Turm in Paris ist auch diese Eisenkonstruktion des Monsieur Eiffel ein traumhaftes Motiv. Viele Zeichner stranden daher dort, wo man diese am besten im Blick hat: an der Placa Ribeira. Neben den bunten Häusern am Fluss darf gerade dieses Bauwerk denn auch wirklich in keinem Skizzenbuch fehlen …

Clara Schuster©
... in Porto draußen
Quelle: Sabine Baumgärtel©

VIER TAGE IM SOMMER ... [2]

Mit Porto und den Portugiesen

Gegenseitige Eroberung von Stadt und Menschen

Am Donnerstag beginnt das »Symposium« mit den Workshops. Bereits am Morgen wird die gute Vorarbeit und Organisation des weltweiten Dachverbandes Urbansketchers.org sichtbar. Rund 700 Personen müssen sich auf die 35 Workshops richtig verteilen. Mit Hilfe der freundlichen Volunteers de Porto gruppieren sich die Gäste dann lernbegierig um »ihren Star«. Wobei das natürlich mit einem deutlichen Augenzwinkern zu lesen ist, denn keiner, der hier sein Wissen weitergibt, ist unnahbar oder führt sich auf, wie ein König – auch, wenn man bei dem einen oder der anderen schon mal an einen Hofstaat denken könnte. Das ist aber eher amüsant, als ärgerlich. Hat denn nicht jeder von uns seinen heimlichen Favoriten? Dieser eine lockere Strich, diese eine Art, Farbe einzusetzen, von dessen Können man träumt? Doch wer gut gewählt hat, der hört spätestens beim ersten Workshop auf zu träumen und sieht sich neuen Ansätzen und somit neuen Anforderungen gegenüber. Auf einmal klappt gar nichts mehr wie gewohnt, man schluckt so manches Mal ein bisschen. Doch am Ende jedes Workshops steht dieses eine Bild, das das Eigene mit dem Neuen verbindet und das einen weiterbringt. Oder eben auch die Erkenntnis, dass die gewählte Methode wohl doch nicht ganz zu einem passt …

Der eigentliche Star des Symposiums aber ist die Stadt: Porto. Und natürlich die Portugiesen, die ich dort treffe. Freundlich, hilfsbereit und geduldig – So begegnet man mir. Der Typ von der Appartement-Agentur, der Überstunden macht und mich mitten in der Nacht plaudernd zu meiner Wohnung begleitet. Die Frau, deren kleine Bar im Morgengrauen Kaffee anbietet und geduldig das Wort »Galao« (die berühmte Kaffeespezialität) wiederholt – bis ich es richtig ausspreche. Der Typ im Anzug, der vor mir in der Schlange einer älteren Dame den Ticketautomaten erklärt. Und sich dabei halb abwendet, mich sieht, kurz seufzt – und für mich wieder von vorne beginnt. Vier Workshops und unzählige Bilder und Begegnungen später, denke ich auf dem viel zu früh angetretenen Rückweg noch einmal zurück. Ich bin vollkommen erledigt – und vollkommen glücklich. »Inspiriert« trifft es vielleicht am besten, denn erst in den folgenden Wochen stellt sich heraus, was man wirklich mitgenommen hat auf dieser Reise. Und während dann am Sonntag der Flieger wieder nach Hause abhebt, sammeln sich unten in der Stadt nochmal viele Urban Sketchers zu dem einen Gruppenfoto. Dieses Foto mit der unglaublichen Menge der Begeisterten und deren wunderbarer Fröhlichkeit, das dies kurz darauf per Internet rund um die Welt wiederholt, kopiert und dupliziert. Ein Vorgeschmack auf 2019 – in Amsterdam!

Urban-ist | Urban Sketching

Städte. Skizzen. Sichten.

Eine urban-künstlerische Bewegung

Am Anfang – wenn auch keineswegs ganz am Anfang – stand 2007 der in den USA lebende spanische Zeichner und Journalist Gabi Campanario. Für die »Seattle Times« näherte er sich damals bereits einmal in der Woche zeichnerisch und journalistisch einem Ort, einem Thema oder einem Ereignis, das er auf diese vorerst ungewohnte Art und Weise versuchte, aufzunehmen, einzufangen und zu dokumentieren. Da Campanario mit dieser Idee allerdings schon damals nicht so ganz allein stand, sondern rund um den Globus bereits zahlreiche Menschen versuchten, auf die gleiche Art und Weise ihre Städte und ihre Umgebung zu erkunden und zu erfassen, entstand um Campanario herum rasch eine neue Bewegung, die sich den Namen »Urban Sketchers« gab. Herzstück ist der »Urban Sketchers Blog«, auf dem mittlerweile rund 100 »Blogkorrespondenten« weltweit ihre Arbeiten und Berichte von ihren Treffen publizieren.

Ein Jahrzehnt nach Gabi Campanarios Anfängen ist das »Urban Sketching« – ob organisiert oder unorganisiert – eine weltweite und ständig wachsende Gemeinschaft, die über das World Wide Web miteinander vernetzt ist, dort ihre Idee(n) und Zeichnungen teilt und verbreitet, aber deren Mitglieder auch untereinander sich immer wieder in Gruppen treffen, miteinander diskutieren und zeichnen. Neben einer neuen, eigenen Sicht auf die Dinge steht für sie oft auch das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Allein im Rhein-Main-Gebiet hat Urban Sketching mittlerweile eine dreistellige Zahl mehr oder minder organisierter Anhänger, die auch immer wieder durch Projekte und Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. In Mainz hat sich ein kleines Zentrum ihrer Arbeit entwickelt. Dort hatten zuletzt sowohl im Rathaus als auch im Landesmuseum organisierte Urban Sketchers aus der Region und auch Gäste aus aller Welt eigene Ausstellungen und präsentierten Zeichnungen, die bei zahlreichen (auch gemeinsamen) Reisen rund um den Globus entstanden sind. Gerade diese Ausstellungen zeigten die Klasse, mit welcher es den Künstler(inne)n immer wieder gelingt, nicht nur einfach Orte und Menschen abzubilden, sondern auch ein Stück weit das Lebensgefühl dieser Orte und Menschen und damit auch der Zeit und Gesellschaft von heute einzufangen. Ergänzt werden diese Ausstellungen und auch die sonstigen Treffen der Urban Sketchers immer wieder mit Live-Zeichen-Sessions und Workshops, bei denen nicht selten neue Interessenten zu dieser Community hinzustoßen … (vss.).