Kunststück | Serge Clément

Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto

Ein Kanadier und die Kunst des Trompe-l'œil

»Trompe-l’œil« nennen die Franzosen eine »Täuschung des Blickes«. Ein fotografischer Meister dieser Kunst ist der Kanadier Serge Clément. Auf seinem Foto glaubt man, die Silhouette eines Autos zu sehen. Befremdlich wirkt das Umfeld. Beim Nähertreten ändert sich langsam die Wahrnehmung. Auf den zweiten Blick sieht man immer noch ein Auto. Doch plötzlich ist es keine Silhouette mehr. Es ist eine Draufsicht des Autos, langsam sichtbar werdend in einem Spiel mit dem Schnee und dem Befreien und Freilegen des Fahrzeugs von Schnee und Eis … Wer es nicht erkennt, mag auf das Foto klicken. Der zweite Blick offenbart sich spätestens beim zweiten Klick … (vss.).

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Links: Amerikas trauriger Bär | Rechts: die Hülsen mit den Namen und dem Alter der Opfer
Quelle: Barbara Walzer / Patricia Espinosa©

Kunststück | Patricia Espinosa

America’s trauriger Teddy Bear

Ein Fanal gegen US-»school shootings«

438 Schüsse sind seit 2012 an Schulen in den Vereinigten Staaten von Amerika gefallen. 438 Schaumstoff-Gewehrbolzen hat die mexikanische Künstlerin Patricia Espinosa mithilfe eines Spielzeug-Gewehrs auf die Fensterscheibe einer Galerie in Frankfurt-Bockenheim abgefeuert. 138 dieser Geschosse tragen Namen und eine Zahl. 138 Menschen – meist Kinder – sind bei den Schüssen in den USA getötet worden. Die Namen auf den Geschossen sind ihre Namen. Die Zahlen nennen das Alter, in welchem sie ums Leben kamen. Es sind selten große Zahlen geworden …

Die Geschosse formen einen Teddy Bär. »America’s Teddy Bear« nennt Espinosa ihre Ausstellung. Eine Ausstellung, die nur aus dieser einen Arbeit besteht. Und doch mehr erzählt als viele andere und größere Ausstellungen. Vor wenigen Wochen gingen Hunderttausende meist junge Menschen in Washington und in anderen Städten der USA auf die Straße(n), um gegen die Waffengläubigkeit in ihrem Land und unter ihren Politikern zu protestieren – und um diesen Wahnsinn an ihren Schulen zu stoppen. Espinosas Arbeit steht in deren Geiste.  Sie ist – für sich gesehen – ein ebenso eindrucksvolles Zeichen wie der Marsch der Hunderttausende. Espinosa, selbst Mutter zweier Kinder, hat lange Zeit in Manhattan gelebt und wird demnächst wieder von Frankfurt nach Brooklyn ziehen. Sie kennt dieses Amerika gut. Mit ihrer Arbeit will sie auch hierzulande Flagge zeigen, an die sinnlosen Opfer dieser »school shootings« erinnern – und auch an die Täter, die in der Mehrzahl selbst Amok laufende Jugendliche waren. Und damit auch nicht zuletzt darauf aufmerksam machen, wie oft Kinder und Jugendliche Einsamkeit und Ängsten, Verletzungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind und wie oft sie mit diesen alleine gelassen werden. Espinosa legt den Finger damit in gleich mehrere Wunden des Landes, das sie auch ein Stück weit als das ihre sieht.

Postskriptum: Die Zahl 438 ist leider längst überholt … (loe.).


Der Klima-Kalender - hier noch Anfang Januar
Quelle: Mareen Bender©

Kunststück | Mareen Bender

Beim Schmelzen zusehen

Ein 365-Tage-Eisberg als Klima-Kalender

Die oft zitierte Klimakatastrophe ist für viele Menschen ein reichlich abstraktes Problem. 500 Milliarden Tonnen Eis verlieren die Polarkappen jedes Jahr. Eine beeindruckende Zahl. Doch schwer vorstellbar. In den letzten 20 Jahren ist das Polareis schneller geschmolzen als in den 10.000 Jahren zuvor. Auch das kommt kaum ins Bewusstsein, weil kaum ein Mensch (zu-) sieht, wie das Eis so langsam abschmelzt und die Meeresspiegel steigen lässt. Um auf dieses Problem – das tatsächliche und das der Wahrnehmung – aufmerksam zu machen, hat die Frankfurter Designstudentin Mareen Bender einen dreidimensionalen Klimakalender kreiert. Statt Kalenderblätter abzureißen, nimmt man Tag für Tag eine Schicht vom modellierten Eisberg weg. Tag für Tag kann man dem Eis praktisch beim Schmelzen zusehen. Es genau genommen wie in der realen Welt sogar selbst herbeiführen. Und unter den abgenommenen Schichten Tag für Tag neue Fakten über das Schmelzen und über die Folgen für Klima und Globus nachlesen. Ein eindrucksvolles Kunstwerk und ein politisches Statement (vss.).


Reza: Ich vermisse ihn | Aus Bruno Barbey: Passages
Quelle: Reza / Museum für Kommunikation | Barbey / FFF©

Kunststücke | Fotografie

Sehen – einst und jetzt

Reza & Barbey - Zwei Bildarbeiter

Fotografie hat sich mit der fortschreitenden Technik und Digitalisierung verändert. Nicht nur, dass Fotografen heute viel mehr Bilder machen können als früher, um am Ende das ideale Motiv herausfiltern zu können. Sie haben auch immer mehr Möglichkeiten, nachträglich ein Bild entstehen zu lassen. Ein Bild etwa aus mehreren Bildern. Oder ein Bild in der Verfremdung. Die ganze Bandbreite der Fotografie lässt sich derzeit in zwei Ausstellungen in Frankfurt sehr gut sehen. Genauer vielleicht sogar in zwei Aufnahmen aus diesen beiden Ausstellungen. Da ist zum einen der Arbeit des Fotografen Bruno Barbey aus den 60er Jahren, die zwei Jungen beim Baden zeigt. Und zum anderen die Arbeit des Fotografen Reza aus unseren Tagen, welche die innige Beziehung von Helmut Schmidt zur Zigarette und zum blauen Dunst thematisiert. Zwei Aufnahmen, welche nicht nur die ganze Bandbreite von Bildarbeiten zeigen, sondern auch die ganze Bandbreite des Sehens. Barbey, der den Moment sieht und einfängt. Reza, der (s)eine Vision sieht und gestaltet … (vss.).


VIA 57 West
Quelle: Deka Bank / Karin Bucher©

Zeitzeichen | VIA 57 West

Auch ich bin ein Hochhaus

New Yorks erster »Courtscraper«

Eigentlich gab es schon früher einmal Zeiten, in denen Hochhäuser nicht einfach nur rechteckige Kästen waren. Man denke nur an das Empire State Building oder den »Zuckerbäckerstil« früher russischer Hochhäuser. Doch in Zeiten »verdichteten« Bauens, wo in urbanen Zentren auf teuren und kleinen Flächen möglichst viele Büros und zuweilen auch Wohnungen entstehen mussten, war einfaches Bauen die Folge. Für Büros mochte das noch angehen. Doch für Wohnungen, in denen Menschen leben und sich wohlfühlen sollten, immer weniger. Nun ist in New York der »VIA 57 West« entstanden. Ein Bau, für dessen Form es noch gar keinen Namen gab. Gut 130 Meter ragt die Spitze der Pyramide in die Höhe und reiht sich mühelos in das Meer von Skyscapern rundum ein. Auf ungewöhnliche Art und Weise ist im Inneren der Pyramide zudem ein Hof ausgeformt, um den sich die knapp 750 Wohnungen gruppieren. Dies trug dem Bau die Bezeichnung »Courtscraper« ein, »Hochhofhaus« wäre sicher auch eine Variante gewesen. Angelehnt ist die Idee damit übrigens zugleich an eine typische Blockbebauung. Für so viel Innovation erhielten die Architekten der dänischen Bjarke Ingels Group 2016 den Internationalen Hochhauspreis der Stadt Frankfurt. Auf jeden Fall ein interessanter Versuch, der Wohnungsnot in immer dichteren urbanen Zentren mit anschaulichen und lebenswerten Konzepten zu begegnen. Zumal ein Teil der Wohnungen im VIA 57 West auch weniger betuchten Menschen offen stehen soll. Was genau dies bedeutet, war allerdings nicht so einfach zu recherchieren … (sfo.).

Deka Bank / Karin Bucher©
»Vielseitig kombinierbar«
Quelle: Lisa Niederreiter©

Kunststück | La marinière

Von der Reling auf den Laufsteg

Matrosenpullis - nicht outzukriegen

Anfang der 80er Jahre hat die eigenwillige Pariser Stil-Ikone Jean Paul Gaultier den Matrosenpulli entstaubt und salonfähig gemacht. Seitdem ist »la marinière« aus der Mode nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr feiert der Klassiker seine nächste Renaissance. Frau trägt ihn nun bevorzugt zum engen kamelfarbenen Businessrock.

Seit 1858 gehören die indigoblau gestreiften Pullis zur offiziellen Ausrüstung der französischen Marine. Fast alle französischen Kinder sind mit den »milleraies«, der fein gewebten Unterwäsche von »Petit Bateau«, groß geworden. Seit den 90er Jahren ist »Petit Bateau« endgültig in und macht seither auch Mode für Erwachsene. Ihr Markenzeichen sind die Streifen.

Nur als Frankreichs damaliger Industrieminister Arnaud Montebourg sich 2012 im Matrosenpulli ablichten ließ, um für Made in France zu werben, war das ein Flop. Zwar hat die Marke »Armor Lux« aus der Bretagne, deren Shirt Montebourg trug, ein wenig von der Reklame profitiert. Doch der sozialistische Politiker erntete viel Spott, und seiner Karriere war es auch nicht förderlich. Heute kritisiert er vor allem die eigene Partei und macht neuerdings wieder Werbung: im Matrosenpulli für französische Schokolade.

Deutlich mehr Erfolg hatte die Ausstellung »Jean Paul Gaultier«, die im Sommer 2015 in Paris 420.000 Besucher(innen) anzog und danach ebenfalls recht erfolgreich bis Februar 2016 in München zu sehen war (lys.).


Der Bosco Verticale in Mailand
Quelle: Paolo Rosselli / Deka©

Zeitzeichen | Bosco Verticale

Beton. Balkone. Bäume.

Ein begrüntes Hochhaus in Mailand

In der verdichteten Großstadt sind Wald und Natur weit weg. Um das menschliche Bedürfnis nach Grün zu bedienen, sind neue Ideen gefragt. Ein spektakuläres Experiment ist nun in Mailand zu sehen. Dort sind zwei neue Wohnhochhäuser bewaldet worden. Bosco Verticale – vertikaler Wald – heißt das Projekt des Architekten, Stadtplaners und früheren Kulturdezernenten von Mailand, Stefano Boeri, bei dem Architektur und Natur eine Symbiose eingehen sollen. Zu diesem Zweck sind die Fassaden der beiden 80 Meter beziehungsweise 112 Meter hohen Wohntürme mit insgesamt 800 Bäumen und Tausenden Stauden, Sträuchern und Bodendeckern bepflanzt worden. Die Pflanzen sorgen für eine natürliche Klimatisierung der insgesamt 113 Wohnungen. Um diesen positiven Effekt weiß man zwar schon lange, gleichwohl ist Bosco Verticale eine Pionierleistung. Es gibt noch keine Erkenntnisse, wie die Pflanzen in den obersten Stockwerken auf Wind, Sonne, Regen und Schnee reagieren. Um beispielsweise zu verhindern, dass bei einem Windstoß die Erde davongeblasen wird und 100 Meter tief auf die Straße fällt, hat die Botanikerin Laura Gatti eigens eine festere Blumenerde für die Wurzelballen gemischt.  Nicht zuletzt diese Innovationsfreude ist mit dem Internationalen Hochhauspreis der Stadt Frankfurt gewürdigt worden (cfr.).