April2013, Israel 
"24h Jerusalem"
project zero one 24 

Projektregie / artistic director: Volker  Heise
Produzent / producer: Thomas Kufus (zero one 24)
Koproduzenten / coproducers: Alegria, BR, ARTE

City of David / Silwan, Ostjerusalem mit Altstadt im Hintergrund (goldene Kuppel des Felsendoms und rechts daneben Al Aqsa Moschee)
City of David / Silwan, East-Jerusalem with old city in the background (golden roof of the Dome of the Rocks, on the right hand side Al Aqsa Mosque)
Aus: 24 h Jerusalem
Quelle: Volker Heise, Thomas Kufus, zero one film©

On Tour | Berlin

Jerusalem jetzt in Berlin

Jüdisches Museum zeigt »Welcome to Jerusalem«

Nicht jeder schafft es, nach Jerusalem zu reisen. Aber auch für Leute, die schon mal dort waren, bietet die Ausstellung »Welcome to Jerusalem« im Jüdischen Museum in Berlin einen überraschenden Blick und vielschichtige Einblicke in die Stadt. Seit der umstrittenen Initiative von Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen zu wollen, steht die seit Jahrtausenden umkämpfte Stadt wieder im Fokus der internationalen Politik.

Auf mehrere Wände gleichzeitig projizierte Videos, in denen israelische Sicherheitskräfte durch die engen Gassen der Altstadt des palästinensischen Ost-Jerusalem Streife laufen, vermitteln sofort das Gefühl, vor Ort zu sein. Der Besucher spürt die angespannte Stimmung – körperlich. Ein weiteres Highlight ist der Nachbau des Tempelberges als riesiges Modell. Interaktive, auf Tischen aufrufbare Karten erklären die komplizierte Geschichte der Stadt durch die Jahrhunderte hindurch, zeigen auf, wie Jerusalem gewachsen ist, und wann welcher Teil von Christen, Muslimen oder Juden beherrscht wurde.

Besonders einprägsam sind die Geschichten der Menschen. Im Video wird gezeigt, wie der bekannte Tätowierer Wissam Razouk arbeitet. Er sagt, dass gerade viele Christen (aber auch Menschen anderer Religionen) als Erinnerung an Jerusalem ein Tattoo wollen. Der Palästinenser, dessen Familie seit Generationen tätowiert, arbeitet auch für die Vertretung Kanadas in Ramallah. Gleich nebenan erzählt der Angestellte eines Luxushotels, dass er morgens um 3 Uhr aufsteht, weil er auf dem Weg zur Arbeit stundenlang an einem Checkpoint warten muss. Er wohnt im Westjordanland und macht im israelischen Teil der Stadt Hotelzimmer sauber. Ein 15-Jähriger, der ebenfalls auf der anderen Seite der Mauer wohnt, ruft zu seinem Kumpel, der über die Mauer geklettert ist, um einen Drachen zurückzuholen, er solle Steine auf die israelischen Soldaten werfen. Der Jugendliche geht seit drei Jahren nicht mehr in die Schule. »Jerusalem ist jetzt in Berlin« ist mehr als nur ein Slogan. Bis Ende April ist die Stadt tatsächlich im Herzen der deutschen Hauptstadt zu erleben … (lys.).

Volker Heise, Thomas Kufus, zero one film©
Ein Wasserhaus und seine Seele: Jöst Nr. 1 im Osthafen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Orte + Menschen | Kult und Kulturgut

Neues Trinken in alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus aufeinandertreffen. Wo es menschelt und der Büdchenbesitzer schon weiß, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen will. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

So war und ist es nicht verwunderlich, dass die Frankfurter Wasserhäuschen eine Renaissance erlebten. Wenn auch da und dort in der zuweilen etwas feineren Variante: wie eben genau das »Fein« im Nordend. Und mit der Renaissance wurde das Kulturgut plötzlich auch Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die kürzlich sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach sieben Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern.

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen … (pem.).

Barbara Walzer (bw.)©
Menschen im Museum
Quelle: bw©

Orte + Menschen | Museum Angewandte Kunst

Entstaubt, durchgelüftet, durchgestartet

»Neuer Besen« Matthias Wagner K

Als das Frankfurter Museum Angewandte Kunst vor gut 25 Jahren eingeweiht wurde, feierte man vor allem die weiße und weite Architektur Richard Meiers. Doch Orientteppiche, Buddhas und Mingvasen – so sehr sie ihren Reiz haben mögen – überzogen das Haus im Laufe der Jahre gewaltig mit imaginärem Staub. Und damit verfiel es am Rande des Museumsufers in einen dunklen Dornröschenschlaf. Rechtzeitig zum Jubiläum 2015 aber kam mit Matthias Wagner K ein neuer Direktor. Und der bekennende Workaholic mit der Wohnung direkt neben dem Museum (seine Frau kennt von ihm vor allem den Satz: »Ich geh’ mal kurz runter«) entstaubte es gewaltig und lüftete kräftig durch. Lichter, weiter und präsenter wirkt es seither. Und vor allem moderner: mit markanten und trotzdem nicht anbiedernden Ausstellungen zu Hipstern, Hamstern und Mobiltelefonen oder einer viel beachteten Partizipation an der Fototriennale RAY. Und während der Vorgänger noch aus Märchenbüchern vorlas, machte Wagner K das Haus zum Festivalzentrum der Bewegtbildbiennale B3. Nicht alles passte perfekt (etwa Stefan Sagmeisters reichlich überzogene »Happy Show«). Doch meist hatte Wagner K einen sehr guten Griff. Im Sommer lud er zu einer großen Tour durch die Kulturgeschichte des Picknicks oder in die mehrdimensionalen Comicwelten des Marc-Antoine Mathieu. Und in diesem Herbst wagt er sich noch weiter und räumt das entstaubte Haus einmal komplett für eine raumgreifende erste Museumsschau mit der (Mode-) Designerin Jil Sander. Jil Sander im Museum Angewandte Kunst – quasi zwei Stil- und Designikonen unter sich. Lange stand das MAK im Schatten des MMK auf der anderen Main-Seite. Doch während dort Kreativität mittlerweile vor allem darin besteht, Moderne von 1 bis 3 zu nummerieren, schickt sich Wagner K an, sein Haus kreativ in die Zukunft zu führen. Es lohnt sich, wieder hineinzuschauen. Das modernere Museum scheint das Ufer gewechselt zu haben … (vss.).

bw©
Unvollkommene Perfektion
Quelle: MUDE©

Welt-Orte | Das MUDE in Lissabon

Design im verwundeten Haus

Museum für Design, Mode - und Veränderung

Braucht Museales glatte Wände, liebt nur die Off-Kultur es rauh und unverputzt? In Lissabon sieht man das anders. Wer im Zentrum der Stadt hinter der übergroßen Praça do Comércio den klassizistischen Arco do Triunfo durchquert, streift auf der Rua Augusta ein prächtiges Haus aus den 1920er Jahren: das MUDE, das Museum für Design und Mode.

»Mude« steht portugiesisch für »Veränderung«. Und bezeichnender könnte ein Name nicht sein. Das verwundete Innere der Räume ist zunächst ein Schock und krasser Gegensatz zur vollendeten Gestaltung der Objekte. Die ästhetischen Wunden sind Konzept und Thema zugleich. Sie resultieren aus der Geschichte der früheren Handelsbank BNU und dessen Architekten und (Neu-)Gestalters in den 60ern, Christano da Silva. Das MUDE provoziert dadurch eine auch kritische Auseinandersetzung mit Architektur, Design, Kultur und Geopolitik im urbanen Raum.

Nach dem damaligen Auszug der Bank begann ein Investor mit der Sanierung. Doch abgeschreckt durch die Auflagen des Denkmalschutzes wurde das bereits inwändig demontierte Gebäude an die Stadt übergeben. Das Museum richtete sich 2009 mit internationalen Design-Schätzen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Le Corbusier über Christian Dior und Yves Saint Laurent bis Arne Jacobson und Tom Dixon im Provisorium ein. Vor allem die riesige Schalterhalle ist unglaublich. Über dem elegant-bombastischen Tresen offene Leitungsschächte und Decken, unverputzte Wände, nackter Raum. Sehenswert auch das seitliche Treppenhaus mit seiner kühlen Klarheit und Pracht im Art Deco. Dazu unbarmherziges Neonlicht, das rohe Betondecken anstrahlt. Und im ersten Stock der mondäne frühere Konferenzraum der Bank.

Von den insgesamt acht Etagen werden bislang erst die unteren bespielt: neben der festen Schau und Wechselausstellungen ist hier auch der Designnachwuchs verortet. Doch auch wegen all der architektonischen Details lohnt ein ausgiebiger Blick über die gezeigten Objekte hinaus. Das MUDE jongliert so mit unseren Sehgewohnheiten und -erwartungen – und füttert gleichermaßen alle Sinne (pem.).

MUDE©
Das Musée des Civilisations d'Europe et de la Méditerranée
Quelle: lys.©

Welt-Orte | Das MuCEM in Marseille

Mediterrane Moderne pur

Das Musée des Civilisations d'Europe et de la Méditerranée

Laut, dreckig und gewalttätig. Das ist das Bild von Marseille. Doch die Hafenmetropole hat auch ein modernes Gesicht. Besonders die Touristen, die auf riesigen Kreuzfahrtschiffen in die Stadt einlaufen, sehen zuerst das brandneue Einkaufszentrum neben den Docks. Wie der Name »Les Terrasses du Port« verspricht, wartet dort eine riesige Besucherterrasse mit atemberaubendem Blick aufs Meer. Mindestens ebenso atemberaubend – wenn auch nicht auf den ersten Blick – ist das ebenfalls neue MuCEM. Das 2013, als Marseille Kulturhauptstadt war, eingeweihte »Musée des Civilisations d’Europe et de la Méditerranée (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers)« ist mittlerweile ohne Zweifel das kulturelle und architektonische Highlight der schillernden Mittelmeermetropole.

Um dorthin zu gelangen, muss man allerdings ein wenig laufen. Oder man nimmt den Bus. Von dem es allerdings nur einen dorthin gibt. Und der fährt auch nicht sehr oft. Aber der Weg lohnt sich. Zuletzt hatte die Picasso-Ausstellung im Frühjahr und Sommer 2016 mehr als 210.000 Besucher ins MuCEM gelockt. Doch allein das perfekt in den Hafen und die Umgebung integrierte Bauwerk von Rudy Riciotti ist schon eine Tour an diesen Ort wert. Wer nur einen spektakulären Spaziergang machen will, muss nichts bezahlen. Auf dem teilweise von der Außenstruktur bedeckten Dach des bauklotzförmigen MuCEM gibt es eine schattige Terrasse mit Café. Von überall bietet die rund ums Gebäude führende Fassade mit ihren geschwungenen Formen ganz besondere Ausblicke: auf den Hafen, aufs Meer und auf die alte Festung der Stadt …

Von der Dachterrasse führt eine 130 Meter lange Fußgängerbrücke zum Fort St. Jean, jener Festung aus dem 12. Jahrhundert, die an Jaffa bei Tel Aviv erinnert. Was in Marseille besonders beeindruckt, ist die Harmonie zwischen der historischen Festung und dem modernen Museum. Der alte Wehrbau ist dabei heute auch immer wieder Ausstellungsraum. Derzeit ist dort bis Januar 2017 eine Foto-Show mit dem richtungweisenden Titel »Albanien, 1207 Kilometer im Osten« zu sehen. Daneben gibt es den mediterranen Garten, in dem Granatäpfel und andere besondere Pflanzen wachsen. Einer der Eingänge des MuCEM führt von der Festung zurück Richtung Stadt. Wenige hundert Meter weiter kann man den alten Hafen für 50 Cents auch mit einem Boot überqueren, so dass man direkt zu den Cafés und Restaurants am Place d’Estienne d’Orves gelangt. Lange gestritten wurde übrigens um das »Hard Rock Café« an dieser historischen Stelle … 

Hier – im Herzen der Stadt – präsentiert sich Marseille mittlerweile immer mehr als eine moderne Metropole. Sogar der Bahnhof Saint-Charles ist hell und modern saniert. Die Gewalt, sie findet vor allem in den Randbezirken statt. Dennoch bleibt Marseille eine laute und schmutzige Stadt – aber vielleicht gehört das einfach zum südländischen Charme dazu … (lys.).

lys.©
Idylle und Moderne: Das neue Lyon vom Wasser betrachtet
Quelle: lys.©

Welt-Orte | Lettre de Lyon (lys.)

Dinostrudel. Viel Hafen. Knallfarben.

Lyon baut sich ein neues modernes Vorzeigeviertel

Von Weitem wirkt es ein wenig wie ein riesiger stählerner Dinosaurier, der sich der Stadt nähert: das Musée des Confluences des Wiener Star-Architekten Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au. Nicht allen in Lyon gefällt das Monster-Museum – nicht nur, weil es fast 10 Jahre zu spät fertig geworden ist und 500 Prozent teurer war als geplant. Prix dagegen ist so stolz auf sein Werk, dass er fast auf dem Autobahnzubringer überfahren worden wäre, als er bei der Einweihung ein Selfie machen wollte. Der Coop Himmelb(l)au-Mitbegründer beschreibt das Musée des Confluences gern als »Strudel«. In der Architektur will er das Wasser von Rhône und Saône widerspiegeln, denn das Museum steht genau am Zusammenfluss (frz. Confluence)  und nimmt den gesamten Platz der Spitze der Presqu’île (Halbinsel) ein. Prix verteidigt den Preis übrigens damit, dass es immer noch billiger sei als zwei französische Kampfflugzeuge – und viel sinnvoller. 

Der moderne metallische Prunkbau ist das Vorzeigeobjekt im Vorzeigeviertel Confluence, das jetzt zu zwei Dritteln fertiggestellt ist. Früher waren hier Hafenanlagen und Markthallen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurden, und heruntergekommene Wohnungen hinter dem Bahnhof Perrache. In der Nähe wird jetzt ein Gefängnis aus dem 19. Jahrhundert, in dem bis 2009 Häftlinge unter katastrophalen Bedingungen lebten, in eine Uni umgebaut. Bis 2025 sollen 16.000 Menschen an der Confluence wohnen. Neben den teuren, schicken Lofts mit Dachterrassen und Blick aufs Wasser gibt es auch Sozialwohnungen wie im 2012 fertiggestellten Gebäude der Pariser Architektin Emmanuelle Colboc in der Rue Denuzière. Ein paar hundert Meter weiter ist das Einkaufszentrum Confluence  – durch das der Zug nach St. Etienne fährt – mit einem kleinen künstlichen Hafen und der Place nautique.

Die Lyoner gehen gerne entlang der Saône spazieren – auch ein Vaporetto fährt vom Stadtzentrum zur Confluence. Die Hafenarchitektur sorgt dafür, dass alles direkt am Fluss liegt: das in einer alten Zuckerfabrik untergebrachte Ausstellungsgebäude Sucrière ebenso wie die Agentur GL Events oder die Redaktion von euronews; letztere in einem knallgrünen Würfel der Architekten Jakob+MacFarlane, die auch noch einen orangen Pavillon an die Confluence gestellt haben. Das Gebäude von GL Events hat die Französin Odile Decq konzipiert. Decq hat Paris, Wien, New York und Düsseldorf den Rücken gekehrt, um ihre 2014 gegründete Architekturschule in Lyon anzusiedeln. Die Studenten lernen – zur Zeit noch von Brachland umgeben – hinter Glasfassaden in einem umgebauten Teil der alten Markthallen. Richtig trendy sind übrigens auch noch die Leihfahrräder, die in Lyon Velov genannt werden und bereits einige Jahre vor den Pariser Velib installiert wurden. Und Sinn machen sie hier auch noch. Wer im Auto die Confluence erreichen will, wo auch die Regionalverwaltung in einem Betonklotz ihren Sitz hat, bleibt öfter mal im einspurigen Verkehr stecken. Und die Tram fährt auch nur bis etwa 23 Uhr (lys.).  

lys.©
Die Stadt und die Säule
Quelle: Daniel Hartlaub©

In Frankfurt | Kunstsäule

Rundum eine runde Sache

Changierende Kunst im urbanen Raum

Es ist der wahrscheinlich kleinste permanente »Ausstellungsraum« Frankfurts. Von der Größe her konkurriert damit wohl nur Cornelia Heiers – allerdings mobile und temporäre – »Kunstbude«. Und es ist vielleicht der ungewöhnlichste, denn schon der Begriff »Raum« ist eigentlich falsch – zumindest im klassischen Sinn. Bei der »KunstSäule«, die Daniel Hartlaub und Florian Koch seit Frühjahr 2017 auf dem kleinen Platz am Rande des Sachsenhäuser Brückenviertels betreiben, bespielen Künstler die Fläche einer Litfaßsäule – und damit ganz nebenbei allerdings auch den (Stadt-) Raum drumherum.

Bei der ersten Ausstellung »Drei Sechs Null°« – den urbanen, immer etwas düsteren Stadtzeichnungen von Daniel Hartlaub –  hat sich die Kunst nicht nur auf der Säule abgespielt, sondern sich auch in den umgebenden Raum gefügt. Sie kontrastierte auf eigentümliche Art mit den Bürgerhäusern, dem Park und dem Spielplatz drumherum. Und im Laufe der Zeit veränderte sich das Kunstwerk auch noch. Vorbeikommende »Gelegenheitskünstler« rissen im Stil der Affichisten ein Stück von der Säule ab oder entwickelten das öffentliche Kunstwerk mit dem einen oder anderen Federstrich, Farbtupfer oder Aufkleber auf ihre Art weiter. Im gleichen Sinne entwickelt sich übrigens auch die Säule selbst von Ausstellung zu Ausstellung. Nach der Finissage überdeckte der ebenfalls Frankfurter Zeichner Nicolaj Dudek Hartlaubs urbane Welten Ende August 2017 langsam, aber sicher mit einem neuen Kunstwerk. Und gleiches geschieht Anfang Oktober, wenn Katja von Puttkamer wiederum Dudeks Arbeit langsam unter ihren Werken verschwinden lässt. Apropos: Selten war der Vergleich mit einer »runden Sache« wohl trefflicher (vss.).