Menschen im Museum
Quelle: bw©

Orte & Menschen | Museum Angewandte Kunst

Entstaubt, durchgelüftet, durchgestartet

Wo Stil und Design (wieder) zu Hause sind

Als das Frankfurter Museum Angewandte Kunst 1985 eingeweiht wurde, feierte man vor allem die weiße und weite Architektur Richard Meiers. Doch Orientteppiche, Buddhas und Mingvasen – so sehr sie ihren Reiz haben mögen – überzogen das Haus im Laufe der Jahre gewaltig mit imaginärem Staub. Rechtzeitig zum Jubiläum 2015 aber kam mit Matthias Wagner K ein neuer Direktor. Und der bekennende Workaholic mit der Wohnung direkt neben dem Museum (seine Frau kennt von ihm vor allem den Satz: »Ich geh’ mal kurz runter«) entstaubte es gewaltig und lüftete kräftig durch. Lichter, weiter und präsenter wirkt der faszinierende Bau seither. Und vor allem moderner. Mit markanten und trotzdem nicht anbiedernden Ausstellungen zu Hipstern, Hamstern und Mobiltelefonen oder einer viel beachteten Partizipation an der Fototriennale RAY. Ganz nebenbei machte Wagner K das Haus zum begehrten Festivalzentrum, etwa für die Bewegtbildbiennale B3. Nicht alles passte perfekt (etwa Stefan Sagmeisters reichlich überzogene »Happy Show«). Doch meist hatte Wagner K einen sehr guten Griff. Zu den Highlights zählten eine große Tour durch die Kulturgeschichte des Picknicks oder die mehrdimensionalen Comicwelten des Marc-Antoine Mathieu. Und im vorvergangenen Herbst wagte er sich noch weiter und räumte das entstaubte Haus einmal komplett für eine raumgreifende erste Museumsschau mit der (Mode-) Designerin Jil Sander. Jil Sander im Museum Angewandte Kunst – quasi zwei Stil- und Designikonen unter sich. Und kaum schloss Sanders »Flaggship Museum« seine Pforten, war das Haus 2018 schon wieder eines der Zentren der Fototriennale RAY. Zuletzt machten das MAK und Wagner K mal wieder Schlagzeilen mit der mutigen Übernahme von »Contemporary Muslim Fashion«, einer Ausstellung am Puls der Zeit. Lange stand das Museum Angewandte Kunst im Schatten des Museum Moderne Kunst auf der anderen Main-Seite. Doch längst lohnt sich, auch dort wieder hineinzuschauen. Stil und Design scheinen hier wieder zu Hause zu sein. Nicht von ungefähr ist es nun auch noch einer der Fixpunkte der diesjährigen Buchmesse. Mit House of Norway präsentiert Skandinavien-Liebhaber Wagner K sein Haus gleichzeitig als Gastgeber für wie als ganz eigene Hommage an das diesjährige Gastland Norwegen … (vss.).

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Caveland - aus einem subterranen Festival-Programm von 2017
Quelle: Mousonturm©

Orte & Menschen | Mousonturm

Der Anti-Elfenbeinturm

30 Jahre etabliert progressiv

Was hat ein Frankfurter Künstlerhaus mit dem Hamburger-Brater McDonald’s zu tun? Im ersten Moment würde uns da mal lange Zeit nichts einfallen. Außer dem »M«. Das jedoch reichte den Mousonturm-Macher*innen 2016 für eine bemerkenswerte Kooperation. Im Mittelpunkt: ein ambitioniertes performatives »Lecture-Programm«, bei dem diverse Dichter und Denkerinnen irgendwie konspirative Vorlesungen hielten. Zu Urban Research, Journalism, Cooking oder Philosophy. Gehalten von Architektinnen oder Kulturproduzentinnen, Autoren oder Musikern – aus Afghanistan, Syrien, Eritrea oder anderen Teilen der Welt. Innovativ waren aber erst recht die Orte der Handlungen: in Frankfurter McDonald’s-Filialen und im eigens umgebauten Mousonturm-Filialcafé …

Frankfurts Mousonturm – eigentlich eine erste Tanz-Adresse der Stadt – steht auch gerne für Experimente, und dies als Haltung und Dauerzustand. Intendanten, Künstlerinnen und Künstler mieden und meiden dabei allzu ausgetretene Pfade. Sind gerne mal unbequem. Rausgehen gehört bei ihnen mit zur Kunst – auf die Straße, in die Bahn oder wohin auch immer. Gerne mit Erwartungen und Gewohnheiten spielend. Gerne überraschend – manchmal auch ein bisschen verrückt. Hilmar Hoffmann hatte dies in seiner Eröffnungsrede für das Haus 1988 im Wunsch nach einem »Werkstattcharakter« beschrieben. Ein Auftrag, den das Haus immer wieder auch erfüllt. Mit Avantgarde und politischer Kunst für das 21. Jahrhundert oder mit impulsreichen Themenschwerpunkten – 2018 »Flucht und Migration« mit Brett Baileys Labyrinth oder in diesem Jahr »Eine Stadt wie Frankfurt« mit gleich mehreren bemerkenswerten Rimini-Protokollen, zuletzt als Schaubude in der Stadt unterwegs.

Rimini Protokoll gehören auch zu den vielen jungen Kreativen, die hier immer wieder eine Plattform erhalten, nicht selten ihre erste, um oftmals wieder zurückzukehren. Dazu gehören auch die Frankfurt-Offenbacher YRD.Works. Doch mit einem riesigen Kreis mehr und weniger verbundener Künstlerinnen und Künstler, regionalen Größen, bunten Gästen und Sympathisanten hat der Mousonturm auch etwas Familiäres. Ein intimer – und nicht ganz endgültiger – Abschiedsabend von Tänzer und Choreograf Toni Rizzi war einst berührend und beispielhaft dafür, wie sehr der Mousonturm Teil des Netzwerks und der Szene FrankfurtRheinMain ist. Und trotz aller Progressivität darf es in der denkmalgeschützten früheren Seifenfabrik durchaus unterhaltsam sein: mit einfach wunderschönen Konzerten und legendären Partys. Liebgewonnene Traditionen gehören genauso zum Programm. Man denke nur an die Max Goldt-Lesungen rund um die Weihnachtstage. Auch Michael Quast steht seit langem immer wieder auf dieser Bühne. Von Hannelore Elsner bis Pussy Riot. Alles subjektive Fragmente eines Künstlerhauses, das sich als progressive Kunst-Brutstätte etabliert hat – ohne bereits ganz etabliert zu sein … (pem./vss.).

Mousonturm©
Das und der Orange Beach
Quelle: Olaf Gries©

Orte + Menschen | Orange Beach

Strand-Oase zum Guten Zweck

Olaf Gries und sein kleines Strand-Kiosk am Main

Es liegt ein wenig abgelegen vom Trubel der Stadt, eingerahmt von einem Industriekomplex und zwei Eisenbahnbrücken, draußen am Griesheimer Mainufer. Ein ausgebautes Kiosk mit Bierbänken, einer Bühne und einem Mini-Beach, inklusive Strandkorb und Liegestühlen. Und über der Eingangstür befindet sich ein Schild mit einem selbstironischen und vielsagenden Graffito: »Hot Beer / Lousy Food / Bad Service / Welcome / Have a nice Day«. Das liest sich wie das Gegenkonzept zum unweit entfernten Frankfurter Westhafen, der mit feingeschliffenem Design und Lounge-Optik ein geldkräftiges Publikum anspricht. Und es ist auch genau so gemeint …

Das »Orange Beach« ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Trinkhallen Frankfurts. So ungewöhnlich, wie die Geschichte des Schildes über der Tür und der des Inhabers dieses Beach-Kiosks. Olaf Gries, der den Ort seit 2006 betreibt, hat es einst in Gambia machen lassen. Dorthin verschlägt es ihn regelmäßig, weil er dort eine Schule unterstützt. Angefangen hat das um 2010/2011 herum, sagt er. Damals ist er mit einem Sack voll Trinkgeld in das westafrikanische Land gereist, auf der Suche nach einem Projekt, das er unterstützen konnte. Am liebsten etwas mit Kindern. So ist er bei der Jalangban Nursey School ein paar Kilometer hinter Brikama gelandet und hat seitdem eine Mauer um das Schulgelände sowie ein neues Dach mitfinanziert, und hat dabei geholfen, die Einrichtung zu einer Ganztagsschule zu machen. Nur vor Ort könne man wirklich helfen, indem man sich auf Land und Leute einlässt, sagt Gries. Für ihn sei das die einzige Alternative für die fehlgeleitete Entwicklungshilfe mit öffentlichen Geldern.

Genauso einfach wie sein Konzept für die private Entwicklungshilfe ist sein Konzept für den Orange Beach. Es ist ein einfacher Ort für die einfachen Leute. Ein Ort, wohin »der Frankfurter« und »die Frankfurterin« gerne rausfahren und einfach sein können. Sich auf die Leute einlassen. Geld nimmt Gries vor allem mit Konzerten ein, die regelmäßig sonntags stattfinden, und mit privaten Buchungen für Betriebsfeiern, Hochzeiten und was es sonst für Anlässe zum Feiern gibt. Was er an Equipment da hat, kann genutzt werden. Außerdem sind die Gruppen frei, die Fläche zu nutzen, wie sie möchten – ob mit feinen weißen Tischdecken oder einem Parcours für Trinkspiele. »Beim Olaf« ist beinahe alles möglich. Ihm geht es um die Menschen – hier ebenso wie in Gambia. Oder, wie es ein Stammgast einmal einem Fernsehsender gesagt hat: »Egal wer hier reinkommt. Der Olaf behandelt jeden gleich …«. Hier, in seiner kleinen Strand-Oase am Griesheimer Mainufer. Da, wo Frankfurt noch ein Stück weit zu Hause ist … (ojs.).


Das Musée des Civilisations d'Europe et de la Méditerranée
Quelle: lys.©

Welt-Orte | Das MuCEM in Marseille

Mediterrane Moderne pur

Das Musée des Civilisations d'Europe et de la Méditerranée

Laut, dreckig und gewalttätig. Das ist das Bild von Marseille. Doch die Hafenmetropole hat auch ein modernes Gesicht. Besonders die Touristen, die auf riesigen Kreuzfahrtschiffen in die Stadt einlaufen, sehen zuerst das brandneue Einkaufszentrum neben den Docks. Wie der Name »Les Terrasses du Port« verspricht, wartet dort eine riesige Besucherterrasse mit atemberaubendem Blick aufs Meer. Mindestens ebenso atemberaubend – wenn auch nicht auf den ersten Blick – ist das ebenfalls neue MuCEM. Das 2013, als Marseille Kulturhauptstadt war, eingeweihte »Musée des Civilisations d’Europe et de la Méditerranée (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers)« ist mittlerweile ohne Zweifel das kulturelle und architektonische Highlight der schillernden Mittelmeermetropole.

Um dorthin zu gelangen, muss man allerdings ein wenig laufen. Oder man nimmt den Bus. Von dem es allerdings nur einen dorthin gibt. Und der fährt auch nicht sehr oft. Aber der Weg lohnt sich. Zuletzt hatte die Picasso-Ausstellung im Frühjahr und Sommer 2016 mehr als 210.000 Besucher ins MuCEM gelockt. Doch allein das perfekt in den Hafen und die Umgebung integrierte Bauwerk von Rudy Riciotti ist schon eine Tour an diesen Ort wert. Wer nur einen spektakulären Spaziergang machen will, muss nichts bezahlen. Auf dem teilweise von der Außenstruktur bedeckten Dach des bauklotzförmigen MuCEM gibt es eine schattige Terrasse mit Café. Von überall bietet die rund ums Gebäude führende Fassade mit ihren geschwungenen Formen ganz besondere Ausblicke: auf den Hafen, aufs Meer und auf die alte Festung der Stadt …

Von der Dachterrasse führt eine 130 Meter lange Fußgängerbrücke zum Fort St. Jean, jener Festung aus dem 12. Jahrhundert, die an Jaffa bei Tel Aviv erinnert. Was in Marseille besonders beeindruckt, ist die Harmonie zwischen der historischen Festung und dem modernen Museum. Der alte Wehrbau ist dabei heute auch immer wieder Ausstellungsraum. Derzeit ist dort bis Januar 2017 eine Foto-Show mit dem richtungweisenden Titel »Albanien, 1207 Kilometer im Osten« zu sehen. Daneben gibt es den mediterranen Garten, in dem Granatäpfel und andere besondere Pflanzen wachsen. Einer der Eingänge des MuCEM führt von der Festung zurück Richtung Stadt. Wenige hundert Meter weiter kann man den alten Hafen für 50 Cents auch mit einem Boot überqueren, so dass man direkt zu den Cafés und Restaurants am Place d’Estienne d’Orves gelangt. Lange gestritten wurde übrigens um das »Hard Rock Café« an dieser historischen Stelle … 

Hier – im Herzen der Stadt – präsentiert sich Marseille mittlerweile immer mehr als eine moderne Metropole. Sogar der Bahnhof Saint-Charles ist hell und modern saniert. Die Gewalt, sie findet vor allem in den Randbezirken statt. Dennoch bleibt Marseille eine laute und schmutzige Stadt – aber vielleicht gehört das einfach zum südländischen Charme dazu … (lys.).

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Unvollkommene Perfektion
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Welt-Orte | Das MUDE in Lissabon

Design im verwundeten Haus

Museum für Design, Mode - und Veränderung

Braucht Museales glatte Wände, liebt nur die Off-Kultur es rauh und unverputzt? In Lissabon sieht man das anders. Wer im Zentrum der Stadt hinter der übergroßen Praça do Comércio den klassizistischen Arco do Triunfo durchquert, streift auf der Rua Augusta ein prächtiges Haus aus den 1920er Jahren: das MUDE, das Museum für Design und Mode.

»Mude« steht portugiesisch für »Veränderung«. Und bezeichnender könnte ein Name nicht sein. Das verwundete Innere der Räume ist zunächst ein Schock und krasser Gegensatz zur vollendeten Gestaltung der Objekte. Die ästhetischen Wunden sind Konzept und Thema zugleich. Sie resultieren aus der Geschichte der früheren Handelsbank BNU und dessen Architekten und (Neu-)Gestalters in den 60ern, Christano da Silva. Das MUDE provoziert dadurch eine auch kritische Auseinandersetzung mit Architektur, Design, Kultur und Geopolitik im urbanen Raum.

Nach dem damaligen Auszug der Bank begann ein Investor mit der Sanierung. Doch abgeschreckt durch die Auflagen des Denkmalschutzes wurde das bereits inwändig demontierte Gebäude an die Stadt übergeben. Das Museum richtete sich 2009 mit internationalen Design-Schätzen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Le Corbusier über Christian Dior und Yves Saint Laurent bis Arne Jacobson und Tom Dixon im Provisorium ein. Vor allem die riesige Schalterhalle ist unglaublich. Über dem elegant-bombastischen Tresen offene Leitungsschächte und Decken, unverputzte Wände, nackter Raum. Sehenswert auch das seitliche Treppenhaus mit seiner kühlen Klarheit und Pracht im Art Deco. Dazu unbarmherziges Neonlicht, das rohe Betondecken anstrahlt. Und im ersten Stock der mondäne frühere Konferenzraum der Bank.

Von den insgesamt acht Etagen werden bislang erst die unteren bespielt: neben der festen Schau und Wechselausstellungen ist hier auch der Designnachwuchs verortet. Doch auch wegen all der architektonischen Details lohnt ein ausgiebiger Blick über die gezeigten Objekte hinaus. Das MUDE jongliert so mit unseren Sehgewohnheiten und -erwartungen – und füttert gleichermaßen alle Sinne (pem.).

Tarjeta Postal de Cuba* (sub.)

See (this) Cuba as long as it still exists

Bilder von einer Reise ins ausklingende Kuba Fidel Castros

Kuba – lange Jahrzehnte lebte der Inselstaat in der Karibik sein eigenes Leben. Scheinbar losgelöst von der Welt, geführt von einem der letzten Revolutionäre Fidel Castro, als Gegenmodell zum »Klassenfeind« USA, sozialistisch noch in der nach-sozialistischen Ära dieser Welt. Seit einigen Jahren ist dieses selbstgewählte Eigenleben am Aufbrechen. Ein (sehr) vorsichtiger Abbau des Sozialismus, eine spektakuläre Wiederannäherung an die USA noch unter Barack Obama sowie der Tod des »Übervaters« Fidel Castro markierten einen langsamen Aufbruch zu einem neuen Kuba. Urban shorts-Redakteurin Susanne Benner hat noch zu Lebzeiten des Máximo Líder die Karibik-Insel bereist. Ihre Fotos zeigen noch das alte, gerne auch leicht verklärte Kuba. Ein skurriles und manchmal trostloses, aber in der karibischen Sonne und mit seinem konsequenten Anti-Amerikanismus auch immer irgendwie charmantes sozialistisches Biotop, das wohl in nicht gar zu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören könnte … (red.).