Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Wieder gelesen

Städte sind für Menschen da

Jan Gehl und das menschliche Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch lerne ich mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass ich alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).

Barbara Walzer (bw.)©
Ausschnitt Buchcover
Quelle: eoVision©

Buch des Monats | März

Mehr als 1000 Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats | März«. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« (Bildstrecke) erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Aufnahmen aus dem Weltraum. Teils sind es einfach wunderschöne Fotos wie die von Sydney, Wladiwostok oder Hongkong (letzteres ist sowohl das Titelbild des Buches wie auch der aktuellen Ausgabe von urban shorts im März 2017). Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen.  Teils erzählen sie einfach Geschichte, wenn sie die wechselvollen Episoden gewachsener Metropolen wie Peking und Damaskus oder aber das Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl oder dem Verlust wichtiger Handelsrouten dokumentieren.

EoVision hat 131 teils doppelseitige Aufnahmen aus dem Weltraum zu einem beeindruckenden Bildband vereint. Ein Band, der teilweise einfach schön, fast immer informativ, teilweise auch erschreckend, manchmal sogar alles alles in einem ist. Auf jeden Fall ist der Band mehr als ein »Coffee table-Buch«. Nicht nur, weil viele Bilder tatsächlich mehr als Worte ein jeweils eigenes Stück Urbanität erzählen und dokumentieren. Weil der Betrachter zuweilen auch tief in die Bilder eintauchen und vielleicht noch mehr Geschichten und Details entdecken kann. Auch, weil der Band noch ergänzt wird um einige sorgsam ausgewählte Texte über Aufstieg und Niedergang von Städten, über Formen, Farben und Strukturen, über sehr unterschiedliche Funktionen, aber auch über das »Lebewesen Stadt« (der vielleicht interessanteste Beitrag über grüne Lungen, Verkehrsadern und regelrechten Magengeschwüren), über ungewöhnliche Städte und über die Zukunft von Städten. Die Bandbreite reicht dabei von den großen Megacities und sogenannten Agglomerationen mit ihren bis zu 50 Millionen Menschen auf immer engerem Raum bis hin zu Rentner- und buchstäblich ausgestorbenen Städten. Der Band lässt jede Stadt wie ein offenes Buch erscheinen und ist selbst ein beredtes Geschichtsbuch der Menschheit … (sfo.).


Entdeckungsreise zu Indonesiens Schriftstellerinnen
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Literaturszene | Indonesien

Die weiblichen Stimmen der 17.000 Inseln

Entdeckungsreise zu Indonesiens Schriftstellerinnen

Von kulinarischen Spezialitäten und exotischen Urlaubsparadiesen Indonesiens hat man hierzulande häufig schon gehört, die Literatur des weltgrößten Inselstaates ist hingegen weitgehend unbekannt.  Fast noch unbekannter ist die starke Rolle der Schriftstellerinnen des Landes. Ihre Werke sind mittlerweile fast so bunt und vielfältig wie die 17.000 Inseln, aus denen der Riesenstaat in Südostasien besteht. Die Frauen fast aller Altersgruppen spielen mit verschiedenen Zeitebenen, den vielen Kulturen und Schattenkulturen, der Aufarbeitung unterschiedlicher, oft belasteter historischer Epochen und den alltäglichen Problemen der Genderfragen und der Korruption, aber auch der Liebe und des einfachen Lebens. Ein kleiner Ausschnitt dieser Werke ist auch auf Deutsch erschienen. Sabine Müller hat sich für urban shorts einmal genau diese Bücher angesehen (vss.).

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Wem gehört die City?
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To Link | Neue Zürcher Zeitung

Euro-Cities als Disneyland

Zwischen Heuschreckenschwarm und VIP-Zonen

In Venedig leben 265.000 Menschen. Tendenz fallend. Jeden Sommer kommen 150.000 Besucher aus aller Welt in die Stadt – am Tag. Tendenz stark steigend. Setzen sich beide Trends ungebrochen fort, kommt irgendwann in einem nicht mehr zu fernen Sommer in »der schönsten Stadt der Welt« ein Einwohner auf einen Touristen. Das Schicksal Venedigs ist allerdings kein Einzelfall, wie in diesen Tagen in einem sehr aufschlussreichen Artikel im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung zu lesen steht. Autor Adrian Lobe hat zahlreiche europäische Metropolen bereist und schlägt gemeinsam mit den Bürgermeistern dieser Städte Alarm.

Für das Jahr 2030 werden weltweit 1,8 Milliarden Touristenankünfte in den Metropolen erwartet. Die Stadtkerne, in denen sich die Touristen dann ballen, würden von ihren Bewohnern entfremdet und entvölkert. »Traditionelle Soziotope zerfallen«, schreibt Lobe. Es drohe eine Disneyisierung mit immer mehr Hotels, Sponsoringzonen und vielleicht sogar Pay Walls um die Innenstädte. In London etwa sei kaum mehr ein Streifen Themseufer frei zugänglich, Sponsoren wie BP, Glencore und Rio Tinto beherrschen das Bild und das Silvesterfeuerwerk gibt es nur noch gegen Eintrittspreis direkt am Fluss zu sehen. Zugleich verkämen Innenstädte immer mehr zu Party- und Shoppingzonen und nähme das Benehmen der Besucher immer mehr ab. Besonders die pittoresken kleinen Städte leiden. Kommen auf 800.000 Amsterdamer jedes Jahr schon je 10 Touristen, so sind es bei den 265.000 Venezianern bereits rund 100. Beide ächzten bereits heute unter den »Heuschreckenschwärmen«. Venedig sicher deutlich mehr. Lobe zitiert deshalb auch die italienische Kulturstaatssekretärin Ilaria Borletti bereits mit Plänen für eine Eintrittsgebühr und mit dem Satz: »Venedig stirbt einen langsamen Tod des Tourismus, erwürgt von Sommertouristen, die essen und rennen und wenig bis gar nichts in der Stadt lassen«. Doch auch in Amsterdam sieht der Bürgermeister eine Entwicklung zu einer »Stadt für Touristen und nicht für seine Bewohner« … (red.).

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Das Modell für die etwas weitere Reise ...
Quelle: sabi©

Wieder gelesen | Der andere Reiseroman

Wo liegt die Schweiz, oder war es Schweden?

Per J. Andersson über eine Reise für die Liebe

Kaum zu glauben, dass die Geschichte »Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden« von Per J. Andersson wahr ist. Doch nach Lektüre des Buches ist sich der Leser ebenso sicher wie die Hauptfigur Pikay, alles zu schaffen, wenn man nur an sich und an seine Bestimmung glaubt. Pikay wird nämlich bei seiner Geburt prophezeit, dass er sich in eine weiße Frau aus einem fernen Land verlieben wird. Und die Prophezeiung sollte aufgehen …

Pikay stammt aus den ärmsten Verhältnissen des indischen Dschungels. Er erzählt seine Lebensgeschichte in zwei Teilen. Zuerst schildert er sein Leben als »Unberührbarer« und nimmt dabei den Leser mit in eine sehr berührende und aufwühlende Gefühlswelt. Eingebettet in die Geschichte Indiens der 60er und 70er Jahre und dessen Suche nach einer modernen politischen Führung sowie den Einflüssen aus der westlichen Welt und der Hippie-Kultur, schildert Andersson das gnadenlose Kastensystem, aber auch dessen Möglichkeiten und Schlupflöcher. Pikay gelingt es, sich in Delhi einen Namen als Porträtzeichner zu machen. Sein größter Erfolg ist die Einladung, Indira Gandhi zu porträtieren. Schließlich trifft er 1975 die Schwedin Lotta, die sich mit Freunden auf einer Indienreise befindet. Pikay verliebt sich in sie und ist sich sicher, dass dies die Frau ist, die ihm bei seiner Geburt prophezeit wurde. Als Lotta nach einer gemeinsamen Zeit wieder nach Schweden zurückkehrt, beschließt Pikay ihr zu folgen. Mangels finanzieller Möglichkeiten mit dem Fahrrad. Auf einem alten Damenfahrrad macht er sich auf die über 7.000 Kilometer lange Reise.

Der zweite Teil des Buches schildert seine Reise durch Indien, Afghanistan, den Iran, die Türkei, Österreich, Deutschland, Dänemark und Schweden. Viele Klippen gilt es zu umschiffen, die er mit Hilfe seiner zahlreichen westlichen Freunde aus einem Hippiecafé in Dehli und deren Tipps, aber auch mittels seiner urteilslosen Neugier auf Menschen meistert. Er erzählt von der unermüdlichen Gastfreundschaft der Orientalen, die selbst nichts haben, ihm aber helfen zu überleben – und von der ungewohnten Distanziertheit und Kälte der Menschen im Westen Europas. Asien versus Europa, Liebe versus Kopf, tiefes, unerschütterliches Vertrauen versus Status und Macht. Pikay legt den Finger auf die Unterschiede zwischen Ost und West wie auf eine Wunde. Und Pikay schafft es. Er erreicht Boras in Schweden und seine Lotta, er findet ein neues Leben, sein Leben. Ruhig und in tiefem Glauben daran, dass alles möglich ist (loe.).

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Arbeit des israelischen Friedensaktivisten und Graffiti-Künstlers Kis-Lev
Quelle: Foto: Psychology Forever / CC-BY-SA-4.0 (Details: s.u.)©

To link | Neue Zürcher Zeitung

Piña Colada und Politikbewusstsein

Tel Aviv bis Ramallah: Die neue palästinensische Jugend

In der jungen palästinensischen Szene in Ramallah, Haifa und Tel Aviv echauffiert man sich gerade sehr über einen Artikel, der in der New York Times erschienen ist. Eigentlich sollte es ja ein wohlwollendes, gut gemeintes Feature über eine hippe, moderne und coole, neue palästinensische Jugend gewesen sein, fernab von Messerstechern und Politik. Und vieles in dem Artikel war nicht falsch. Es gibt sie, die junge, coole, hippe und teils homosexuelle »Szene«, der Diskos, Piña Coladas und spacige Kunst zum Alltag geworden ist. Und sie ist auch nicht klein. Doch der letzte Zungenschlag kam nicht gut an. Denn unpolitisch sieht sich ein guter Teil dieser Jugend nicht. Und deshalb laufen sie auch gegen eine zweite, feine Nuance Sturm. Nämlich dass diese coole, moderne, libertäre Kultur, die sie da lebten, eine westliche, ja gar von Israels Gnaden bestimmte sei …

Vor diesem Hintergrund hat sich der NZZ-Nahostredakteur Ulrich Schmid aufgemacht in jene Szene von Tel Aviv bis Ramallah und hat ein üppiges, beindruckendes wie differenziertes Porträt dieser Jugend mitgebracht. Er traf in Tel Aviv die Hebräisch sprechende, junge palästinensische Studentin Anwar, die in einer Bank jobbt, Arabisch-Unterricht gibt, sich mit schwulen und lesbischen Freunden trifft und ihre jüdischen Kumpel zu ihren Eltern mitbringt. Und die Araber und Juden als ein Paar sieht, »das sich niemals scheiden lassen werde«, und die deshalb tagtäglich das Zusammenleben lebt, nicht ohne immer wieder ihre Wurzeln zu betonen. Er trifft Ayed und Muhammad, die in der hippen Szene von Haifa abhängen und ebenfalls jüdische Freunde haben – aber sich vehement dagegen wehren, für unreflektierte Artikel über die schöne und unpolitische Koexistenz herzuhalten. »Besatzung« bleibt »Besatzung«. Und westlich liberal? Da erinnern dann auch die doch so Unpolitischen mal gerne an arabische Blütezeiten und daran, dass die vorislamistischen palästinensischen Bewegungen links und liberal waren.

Doch Schmid erlebt nicht nur die arabisch-palästinensische Jugend in Israel so. Kaum anders ist die Szene im Schmelztiegel Ramallah, wo eine (sehr) reiche, eine säkulare, aber auch eine islamistische Welt und viele UN-Mitarbeiter aufeinandertreffen. Schmid schaut ins Szeneviertel Masjun, wo man sich im »Garage« oder im »La Vie Café« trifft – Junge, Intellektuelle, Künstler, Lesben, Bisexuelle und viele(s) andere. Er beschreibt eine Welt, die hier cool und widersprüchlich ist, aber auch hochpolitisch. Die sich Freiheit(en) erkämpft und erkämpfen muss. Wo schwul und lesbisch sein aber auch noch immer riskant ist, Meinung sagen auch. Er trifft dort Menschen wie Ghada und Yazid, die verändern wollen – hin zu mehr Politik und zugleich zu mehr Piña Colada, vereinfacht gesprochen. Und deren Idol nicht von ungefähr der Theatermacher Juliano Mer Khamis ist. Der von sich behauptete, zu 100 Prozent Palästinenser und zu 100 Prozent Jude zu sein. Und dafür vor genau fünf Jahren von einem Attentäter mit fünf Kugeln getötet wurde. Ob Tel Aviv oder Ramallah – cool und politisch sind hier keine Gegensätze. Und als eins betrachten sich die Palästinenser hüben wie drüben sowieso (hak.).