City
-
Quelle: bw©

To Think | Metropolen im Vergleich

Rhein-Main gleich(t) Berlin

Kommentar von Dr. Helmut Müller

Was ist schon vergleichbar? Eigentlich nichts! Dennoch lässt sich zugleich nichts ohne Vergleich bestimmen. In der Kunstgeschichte wie in notenlosen Schulklassen, in denen die Kinder zwar ihre Note nicht kennen, wohl aber sehr präzise wissen, wer besser und wer nicht so gut ist. Nicht viel anders ist es, wenn man Räume vergleicht. Berlin und Frankfurt werden oft verglichen. Oft mit dem Rubrum: das große Berlin und das kleine Frankfurt. Doch schon daran sieht man, wie schwierig es mit Vergleichen ist. Denn stimmt das überhaupt, das große Berlin und das kleine Frankfurt?

Ist Berlin nicht nur deshalb groß, weil die Lücken geschlossener sind? Auch rund um Frankfurt wächst ein Ballungsraum Frankfurt Rhein Main. Ein Raum, dessen Lücken immer mehr verschwinden, nicht nur in dem Kunstwort FrankfurtRheinMain. Projiziert man die Fläche Berlins auf diesen Ballungsraum, so finden sich dort kaum weniger Einwohner. Und nimmt man die ganze zusammenwachsende Metropolregion FrankfurtRheinMain, so leben hier mit über 5,5 Millionen sogar wesentlich mehr Menschen. Allerdings gibt es Unterschiede: Nicht in einer Stadt, sondern in 20 oder mehr Städten leben diese Menschen. In Zeiten größerer Partizipation und Basisnähe sicher kein Nachteil. Es gibt nicht ein Kulturamt, das alle Intendanten, Verwaltungschefinnen oder Generalmusikdirektoren beruft – sondern viele, mit allen Chancen für eigene Profile und eigene Konturen. Größer oder kleiner? Was soll’s? FrankfurtRheinMain ist einfach anders …

bw©
Ein Wasserhaus und seine Seele: Jöst Nr. 1 im Osthafen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Orte + Menschen | Kult und Kulturgut

Neues Trinken in alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus aufeinandertreffen. Wo es menschelt und der Büdchenbesitzer schon weiß, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen will. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

So war und ist es nicht verwunderlich, dass die Frankfurter Wasserhäuschen eine Renaissance erlebten. Wenn auch da und dort in der zuweilen etwas feineren Variante: wie eben genau das »Fein« im Nordend. Und mit der Renaissance wurde das Kulturgut plötzlich auch Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die kürzlich sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach sieben Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern.

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen … (pem.).

Ffm. | Vom Rande betrachtet (bw.)

Mikrokosmos Bahnhofsviertel

Die fotografische Kolumne von Barbara Walzer

Tarjeta Postal de Cuba* (sub.)

See (this) Cuba as long as it still exists

Bilder von einer Reise ins ausklingende Kuba Fidel Castros

Kuba – lange Jahrzehnte lebte der Inselstaat in der Karibik sein eigenes Leben. Scheinbar losgelöst von der Welt, geführt von einem der letzten Revolutionäre Fidel Castro, als Gegenmodell zum »Klassenfeind« USA, sozialistisch noch in der nach-sozialistischen Ära dieser Welt. Seit einigen Jahren ist dieses selbstgewählte Eigenleben am Aufbrechen. Ein vorsichtiger Abbau des Sozialismus, eine spektakuläre Wiederannäherung an die USA noch unter Barack Obama sowie der Tod des »Übervaters« Fidel Castro markieren einen langsamen Aufbruch zu einem neuen Kuba. Urban shorts-Redakteurin Susanne Benner hat noch zu Lebzeiten des Máximo Líder die Karibik-Insel bereist. Ihre Fotos zeigen noch das alte, gerne auch leicht verklärte Kuba. Ein skurriles und manchmal trostloses, aber in der karibischen Sonne und mit seinem konsequenten Anti-Amerikanismus auch immer irgendwie charmantes sozialistisches Biotop, das wohl in nicht gar zu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören könnte … (red.).

ISTANBUL'DAN BIR CARTPOSTAL* (HAK.)

Des Sultans neue Paläste

Erdoğans gigantische Bauprojekte

Die Türkei und dessen alte Metropole Istanbul galten schon immer als Brücke zwischen Orient und Okzident. Drei Mal waren sie das Zentrum eines Weltreiches. Erst war das einstige Konstantinopel Hauptstadt des Römischen, danach des Byzantinischen Reiches und dann auch die Kapitale der Osmanen. An die alte Größe – vor allem der Osmanen – möchte auch der mittlerweile umstrittene heutige Präsident Recep Tayyip Erdoğan anknüpfen. Und zwar mit gewaltigen Bauprojekten. Riesige Moscheen und Paläste hat er bereits errichten lassen, mächtige Brücken und Tunnel vereinfachen mittlerweile die Verbindungen zwischen dem europäischen und dem anatolischen Teil der Metropole. Manches davon ist sicher auch dem gewaltigen Wachstum mit offiziell 15 Millionen, vielleicht aber schon bald 20 Millionen Menschen geschuldet und sieht aus wie die Fortführung seiner Arbeit als ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt in den 90er Jahren. Doch zugleich stecken hinter den Bauten noch andere Ziele: die symbolhafte Stärkung des Landes als Mittelmacht zwischen Orient und Okzident, die Neujustierung des Staates zwischen Demokratie und Islam, die Bedienung der eigenen muslimischen und anatolischen Klientel sowie letztlich wohl auch die Schaffung des eigenen Denkmals und des Platzes in den Geschichtsbüchern. Nicht wenige sprechen denn auch bereits vom »neuen Sultan am Bosporus« und seinen Palästen – und auch hier von einem Politiker im Rausche der Macht (hak.).

Barbara Walzer (bw.)©
Zwischen Frankfurt und Offenbach soll etwas Neues entstehen
Quelle: bw.©

Brief von der MainHöhe (pem.)

Stadtplan als Startschuss

Frankfurt und Offenbach wachsen - zusammen

Wie lange ringen wir in FrankfurtRheinMain schon darum, zusammenzuwachsen? Wie viel Wasser musste den Main hinunterfließen, wie viele mutige, visionäre Macherinnen und Macher brauchte es, nicht länger gegeneinander aufzurechnen, sondern eine gemeinsame Metropolregion zu leben? Nebeneinander her und in inniger Missgunst vereint lebten dabei bisher vor allem die ungleichen Nachbarn Frankfurt und Offenbach. Immer gut für einen schlechten Witz. Doch das Lachen ist allen längst vergangen. Zu drängend die Probleme – die vielfach gleichen – dies- und jenseits des Kaiserlei, jenes skurrilen Rondells an der A661, das sie bisher eher trennte als verband.

Doch es tut sich was. Frankfurt und Offenbach wollen die Zukunft gemeinsam(er) gestalten und buchstäblich zusammenrücken. Und sie haben dafür sogar einen Plan. Den ersten, Mitte August vorgestellten, gemeinsamen Stadtplan in der Geschichte beider Städte. Doch damit nicht genug. Frankfurt und Offenbach wollen nicht nur auf dem kartografischen Papier zusammenwachsen. Das Urban Land Institute hat bereits eine Studie vorgelegt, die Potenziale, Strategien und Handlungen benennt. Sie basiert auf einem 2015 durchgeführten Panel mit zehn internationalen Fachleuten aus Regional- und Stadtplanung sowie Immobilienwirtschaft, in dem Ideen für das neue grenzenlose Zeitalter gesammelt wurden. Ihr Fazit ist eindeutig: Aus den vielfältigen Stärken beider Städte lassen sich wirtschaftliche, soziale und kulturelle Chancen ableiten, von denen alle profitieren könnten. 

Entsprechend wurden kurz- und langfristige Maßnahmen für Wohnen, Verkehr, Umwelt und Wirtschaft benannt. So schlagen die Experten vor, dem Kaiserlei als »MainHöhe« ein neues Image zu geben, um als verbindender Ort Gemeinschaft und Identität zu kultivieren. Die Vision: Dieser Kern des neuen »globalen Frankfurt« soll die Nachbarn zu einer Gemeinschaft machen. Südlich des Mains soll ein 7-Kräuter-Park die Bürger zusammenbringen und mit einem integrierten Konzept als Bindeglied für Freizeit, Erholung, Bildung und Beschäftigung dienen. Zusätzliche Verbindungen über den Main sollen mehr Verbundenheit erzeugen und die Studierenden an den Hochschulen enger zusammenarbeiten. Der neue Offenbacher Hafen 2 als weltweit beachtetes Stadtentwicklungsprojekt nahe des Kaiserlei ist schon jetzt ein belebender Baustein für die gemeinsame urbane Zukunft am Main.

Frankfurt hat sich 2015 bereits ein integriertes Stadtentwicklungskonzept vorgenommen. Die fortschreitende Realisierung von Schlüsselprojekten und Maßnahmen denkt dies nun weiter und wird beide Städte stärken – sofern alle vorgestrigen Rivalitäten überwunden werden. »Wir sind nicht mehr aufzuhalten«, so Offenbachs OB Horst Schneider im Frühjahr bei der Eröffnung des Festivals junger Talente im Frankfurter Kunstverein. Das Festival, traditionell stark getragen von Studierenden der HfG Offenbach, macht schon seit Jahren zusammen mit anderen Projekten im Kulturbereich vor, wie die Region funktioniert und Impulse über den eigenen Tellerrand hinaus gibt. Man darf gespannt sein, wenn demnächst dann auch die »MainHöhe« bebt (pem.).