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Ein Blick in den Bürgergarten am Rande der Wallanlagen
Quelle: Frank Behnsen • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Urban Green [4] | Parkkultur

Ein freyes Vergnügen

Kunst des Seins und des Spazierens

Parks sind gemeinhin die größten Grünflächen in Städten. Oft waren sie Teil fürstlicher Schlösser und Anlagen. Bürger*innenstädte wie Hamburg und Frankfurt haben ihre eigene Parkkultur. Und mit ihr entwickelte sich schon früh die Kultur des Spazierens. Davon erzählt ein Spaziergang durch Frankfurts Parks und die Kultur des Spazierens mit Nina Gorgus.

Schon der Schriftsteller Alexandre Dumas war im 19. Jahrhundert beeindruckt von der damals ersten Frankfurter Parkanlage und lobte die Umsetzung nach einem englischen Landschaftsgarten durch den Gärtner Sebastian Rinz als ein »riesiges Kamelienbukett in einem Kranz von Heidekraut«. Die Rede war von den Wallanlagen – einem Ort, den viele Frankfurter*innen heute gar nicht mehr so recht als Park empfinden. Die zackige Form erinnert noch an das, was hier ursprünglich stand: die ehemalige Stadtbefestigung. Zwischen 1804 und 1812 wurden deren Mauern niedergelegt, private Gärten und Promenaden entstanden und damit tatsächlich der erste öffentliche Park der Stadt. Erstmals konnte sich damit die gesamte Bevölkerung inklusive Gästen und Reisenden auch der neuen Kultur des Spazierengehens widmen. Durch die »Wallservitut« (eine amtliche Bestimmung zum Schutz der öffentlichen Grünanlagen) und Zukäufe durch die Stadt ist die Anlage mit einigen Veränderungen bis heute erhalten, auch wenn der lärmende Autoverkehr den einstigen Parkgenuss doch etwas trübt …

In der Stadt spazieren zu können, ist eine Errungenschaft, die sich Ende des 18. Jahrhunderts durchsetzt. Zur neuen Lebenswelt der Bürger*innen jener Zeit gehörte ein »kulturelles und ästhetisches Programm«, wie die Kulturwissenschaftlerin Gudrun König es einmal beschrieb. Dazu zählten ein verändertes Verhältnis zur Natur, neue Formen der bürgerlichen Selbstdarstellung und der Beginn der Trennung von Arbeit und Freizeit. Erste Ratgeber sorgten für den richtigen Gang. So beschreibt Karl Gottlob Schelle 1802 in »Die Spatziergänge oder die Kunst Spatzieren zu gehen« das Spazieren als »freyes Vergnügen«, das unter keinem Zwang stehe. Ein gutes Leitmotiv, das bis heute Gültigkeit hat. Spazierend lässt sich ganz zwanglos der Grünraum der Stadt erfahren. Ob auf den geschwungenen Wegen im Grüneburg- oder im Günthersburgpark, begleitet von vielen unterschiedlichen Baumarten, die an die Anfänge der Parks als englische Landschaftsgärten erinnern. Oder auf den weiten Flächen des Ostparks, wo die damalige Stadtplanung zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wiesen zum Tummeln und Toben vor Augen hatte. Heute geht es hier allerdings mehr um Fußball und Grillen. Weiter draußen beim Spazieren im GrünGürtel entlang der Nidda merkt man, wie sehr der Nutzungsdruck und die Ansprüche an das öffentliche Grün gestiegen sind. Hier ist die Konkurrenz zwischen Fußgänger*innen und Radfahrenden zunehmend größer geworden. Der Soziologe Lucius Burckhard wollte das Spazieren übrigens gerne als Wissenschaft etablieren. Ihn interessierte besonders die Wahrnehmung und »die Determiniertheit unserer Wahrnehmungsformen« während des Spaziergangs. Anders formuliert: Menschen sind zu oft mit Klischees und Stereotypen im Kopf unterwegs. Seine Lösung: Kopf frei machen für neue Gedanken, Ideen und Impulse, durch das Rausgehen und das Erkunden der Parks im eigenen und in anderen Stadtteilen – also schlicht die vielfältigen Freiheiten des Spazierengehens einfach genießen. Nicht von ungefähr feierte diese alte Kulturform gerade in Lockdown-Zeiten ein viel beachtetes Comeback …