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Neu denken und wohnen in alten Büros?
Quelle: Niko Neuwirth©

Impuls | Wohn-Zwischennutzung

Wohnen im Kaufhaus

Adapter erprobt neue Wohnformen

In praktisch allen großen Städten fehlt Wohnraum. Gleichzeitig steht überall viel Büro- und Ladenfläche leer – nicht nur in Corona-Home-Office-Zeiten. Die Stuttgarter Initiative »Adapter« will aus Gewerbeflächen Wohnraum machen – vor allem auf Zeit zum (sich) Ausprobieren. Ein Konzept für alternativen Wohnraum und anderes Wohnen in einem. Mitinitiatorin Christiana Weiß stellt die Idee vor. 

Wir stehen vor einem zwölfgeschossigen Gebäudekomplex im Herzen von Stuttgart, nur wenige hundert Meter von der Innenstadt entfernt. Auf dem Dach prangt der Schriftzug einer bekannten deutschen Versicherung. Es ist ein sonniger Tag, doch die Jalousie des Bürogebäudes bleiben hochgefahren. Hinter den im Licht dunkel-spiegelnden Scheiben arbeitet keiner mehr, das Gebäude wurde bereits weitgehend geräumt. Einer von vielen gewerblichen Leerständen in deutschen Städten. – Szenenwechsel. Der gleiche Komplex, vielleicht ein halbes oder ein Jahr später.  Auf dem Vorplatz parkt ein Mann sein Fahrrad und trägt seine Einkäufe ins Haus. Die Fenster im Erdgeschoss sind geöffnet, drinnen kocht eine Gruppe Studierende gerade in der offenen Gemeinschaftsküche. Der Mann grüßt und geht zum Treppenhaus, hinauf zu seiner kleinen Wohnung, die vor Kurzem als »Cluster« mit vielen anderen in den einst offenen Bürostrukturen entstanden ist. Am Eingang passiert er noch eine Infotafel, die über das Modellprojekt »Wohnen als Zwischennutzung im gewerblichen Leerstand« informiert und zum nächsten Infoabend einlädt …

Wohnen in Deutschland in nicht gar zu ferner Zukunft? Überall in Städten fehlt Wohnraum. Überall stehen aber zugleich Gewerbeflächen leer: von veralteten Bürogebäuden bis zu unrentablen Kaufhäusern. »Adapter« möchte die Aufmerksamkeit auf diesen ungenutzten »Freiraum« und dessen Möglichkeiten richten, will die sich wandelnden Lebensrealitäten und Wohnbedürfnisse thematisieren und neue Wohnformen testen. Es geht um neuen Wohnraum – vielleicht auf Dauer, aber vor allem auch auf Zeit. Noch werden Bürokomplexe und Kaufhäuser meist bestenfalls als Zwischennutzung für Konzerte oder Ausstellungen genutzt. Dabei geht dort auch Wohnen. Und gerade Zwischennutzungen eignen sich durch den temporären Charakter ideal für das Testen neuer Wohn- und Lebensformen im realen Umfeld. Denn da sie einer anderen Logik als etablierte Planung oder renditeorientierte Marktmechanismen folgen, können in ihrem Kontext unkonventionelle Ansätze und Akteur*innenkonstellationen eingeschlossen und ausprobiert werden. Klassische Haushalte werden seltener, Wohnen und Arbeiten gestalten sich anders. Es gilt, einen Anspruch auf die Mitgestaltung unserer Wohnpraktiken zu erheben und diese weiterzuentwickeln. Um solche neuen Wohnformen in der Alltagsrealität zu erproben, planen wir konkret etwa zwei Jahre dauernde Wohn-Zwischennutzungen in gewerblichem Leerstand. Um dieses Vorhaben zu realisieren, entwickeln wir aktionsbasierte Forschungsmethoden und Werkzeuge. Denn für eine Zwischennutzung braucht es nicht nur räumliche Vorstellungskraft und eine Sensibilisierung für gemeinschaftliches Wohnen. Dem leerstehenden Gebäude muss mit einer architektonischen Lösung begegnet werden, die Antworten auf bauliche, technische und bauphysikalische Fragen gibt. Hierfür haben wir ein modular aufgebautes Paneel-System für den Innenausbau entwickelt. Mit diesem System kann zum einen ein schneller und flexibler Ausbau umgesetzt werden, zum anderen die Raumgestaltung partizipativ und experimentell erprobt werden. In dem zwölfstöckigen Stuttgarter Gebäude können sich auf diese Art und Weise über viele Etagen hinweg mehrere Wohncluster in den einst offenen Bürogrundrissen verteilen – offen und flexibel gestaltbar. Verschiedenste Gruppen können sich finden – und selbst auch »anders wohnen« üben und viele verschiedene Konstellationen ausprobieren. So könnten zukünftig leerstehende Gewerbebauten temporär (um)genutzt werden, könnte dringend benötigter Wohnraum und zugleich neue Impulse für das Wohnen entstehen …​