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Ein neues Laissez-faire in der Stadt und auf ihren Plätzen?
Quelle: Sibylle Lienhard©

Impulse | Luise Gerlach

Auf die Plätze, fertig, … anders

Bürger*innen haben Plätze in Corona neu definiert

Von der Salsa-Party am Main bis zum Glühwein am Luisenplatz – In Zeiten von Corona sind viele Parks, Plätze und Promenaden neu definiert worden. Veränderungen, die fluide sind, die wieder verschwinden, aber auch in der einen oder anderen Form bleiben könn(t)en. Luise Gerlach, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Theater im öffentlichen Raum und Referentin der Geschäftsführung am Mousonturm, hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht … 

Öffentliche Orte in deutschen Städten werden meistens auf eine Weise genutzt, die durch Gewohnheit, Hausrecht, behördliche oder behauptete Ver- und Gebote vorgegeben ist. An ihnen wird gegessen oder auch gegangen. An manchen kann man sich für die Dauer eines dort erworbenen Getränkes aufhalten. Anderswo darf man sitzen oder liegen – aber nur wenn man so aussieht, als hätte man ein Zuhause. Es darf gespielt werden, aber nur leise und auf keinen Fall Fußball. So weit, so gut. Öffentliche Orte – sie waren in Deutschland lange Zeit sorgsam definiert …

Corona hat diese Grenzen durchlässiger gemacht. Die Maßnahmen, die das soziale Leben im Laufe der Pandemie einschränkten, führten dazu, dass jene öffentlichen Orte freier genutzt wurden – tatsächlich auch hierzulande öffentlicher wurden. Einerseits waren die gewohnten Möglichkeiten von sozialer Praxis beschränkt, andererseits entstanden gerade freie Stellen im urbanen Raum dort, wo eingeübte Nutzungen vorübergehend nicht möglich waren. Da die vordefinierten Orte für Speisen, Feiern oder Aufenthalt wegfielen, wurden Menschen zurückgeworfen auf sich selbst und ihre Bereitschaft und Kreativität, ebensolche Räume herzustellen. Aus Angst vor dem Virus wurde sich eher draußen getroffen, und so wurden öffentliche Orte zu beliebten Stätten der selbst organisierten Alternativen. Geburtstage und Hochzeiten wurden kurzerhand in Parks verlegt, Kinder ohne Kita spielten auf Plätzen und in Höfen, Leute schwitzten alleine oder gemeinsam sportlich in aller Öffentlichkeit, Menschen, die man sonst höchstens im Rahmen eines Wein- oder Straßenfestes außerhalb von gastronomischen Einrichtungen mit Getränken in der Hand sah, flanierten plötzlich mit Flaschenbieren durch Grünanlagen. Und nicht nur dort …

Anfangs führte das auch zu einer neuen, für Deutschland erstaunlich ungewohnten Gelassenheit. Bemerkenswerte Duldsamkeit wiesen tatsächlich Anwohner*innen und Behörden auf, trotz gesteigerter Geräuschkulissen nach 22 Uhr und des zunehmend ausdehnten Aufenthalts auf Plätzen und Gehwegen. Auch die Außenflächen der Gastronomie wuchsen mit deren Wiederöffnung, da die Innenräume in der Gunst der Gäste hintanstanden und nach wie vor immer noch -stehen. An milden Abenden stellte sich auf den belebten Straßen sogar ein geradezu mediterranes Feeling ein. Und auch im letzten Winter trotzten viele Festentschlossene dem unwirtlichen Wetter und trafen sich draußen, mit Thermobechern voll Kaffee oder Glühwein und der stolzen Freude, der Kälte und dem Virus zu trotzen.

Es änderte sich also die soziale Praxis, die den öffentlichen Raum neben den jeweiligen architektonischen Gegebenheiten immer gestaltete, zumindest vorübergehend. Die Frage ist, ob diese Selfmade-Kultur auch das Ende der Pandemiemaßnahmen überdauert. Und wenn, wie sieht sie dann aus? Und müssen sich dafür neben dem Bewusstsein nicht auch Strukturen ändern? Es braucht manchmal etwas Organisation und zuweilen auch Abenteuerlust, um sich Raum zu nehmen und zu gestalten. Allerdings kommt dazu noch eine Aushandlung mit anderen Nutzer*innen. Die Überlagerung von Interessen ist bekanntlich inhärentes Merkmal des öffentlichen Raumes. Wie diese Aushandlung ein vielstimmiges Miteinander werden kann und nicht bloß gegenseitigen Verdrängungsmechanismen folgt, ist beides – eine Frage von stadtplanerischen Impulsen sowie Verantwortung der privaten und zivilgesellschaftlichen Nutzung. Ganz nebenbei ist diese Aushandlung selbst Grundlage für Austausch und Begegnung, somit der Urkräfte demokratischen Handelns auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Öffentlichen …