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Quelle: bw©

Lettre de Lyon (lys.)

Wissen wollen, was alle nicht wissen?

Typisch deutsch? Die vielen (sinnlosen) Talkshows

Es war besonders auffällig Anfang 2016. »Anne Will« am 17.01.2016: »Nach Köln – Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?«. »Anne Will« am 24.01.2016: »Vorbild Österreich – Braucht Deutschland eine nationale Obergrenze?«. »Anne Will« am 31.01.2016: »Misstrauen, Ängste, Verbote – Kippt die Stimmung gegen Flüchtlinge?«. In deutschen Talkshows redet man wochenlang immer nur über ein Thema. Anfang 2016 waren es eben die Flüchtlinge. Auch wenn es nicht im Titel stand. Etwa am 07.02.2016: »Merkel im Umfragetief – Kriegt sie noch die Kurve?«.

So viele Talkshows wie im deutschen Fernsehen gibt es nirgendwo sonst in Europa. Zwar lassen sich auch französische Politiker zu aktuellen Themen befragen, und selbst Regierungschef Manuel Valls war damals im Januar zu Gast beim Komiker Laurent Ruquier in der Sendung »On n’est pas couché« (»Wir sind noch nicht im Bett«). Kurz vor Valls erklärte »Baywatch«-Star Pamela Anderson, warum sie die Franzosen dazu aufruft, keine Foie gras mehr zu essen (weil die Gänse, wenn sie gestopft werden, fürchterlich leiden).

Aber wochenlang alle zum selben Thema und immer wieder dieselbe Moderatorin oder derselbe Moderator Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Markus Lanz – solche Talkshows gibt es nur in Deutschland. Dem deutschen Publikum scheint das zu gefallen. Auf Twitter sind die Namen der Talkshows – wie der »Tatort« an jedem Sonntagabend – immer wieder Trending Topics. In den sozialen Medien werden die Sendungen kommentiert, wenn auch meist heftig kritisiert. Bei »Anne Will« zum Thema »Obergrenze für Flüchtlinge?« waren neben der evangelischen Kirche nur CSU, CDU und AfD vertreten. Auf Twitter forderten einige daraufhin eine »Obergrenze für Konservative«. Und nach der Hälfte der Sendezeit wollte die Twitter-Expertin der ZEIT auf »Dschungelcamp« umschalten. Bei Maybrit Illner ging es wenige Tage später dennoch weiter unter dem eigentlich geschmacklosen Titel »Antanzen zur Integration – wie deutsch müssen Ausländer werden?«.

In Frankreich und in Spanien finden Diskussionssendungen in kleiner Runde (oft auch nur mit einem Experten) statt, eher in Nachrichtensendern und nicht zur besten Sendezeit. Nur in Deutschland sind Talks so populär. Stellt sich die Frage: Sehen deutsche Zuschauer am liebsten Menschen zu, die eigentlich nicht mehr wissen als sie selbst? Und sind nicht vielleicht gerade diese vielen Talkshows mit Schuld daran, dass die Politik- und auch die Medienverdrossenheit immer größer werden (lys.)?