Rund um die Ukraine

Ein gutes Dutzend Bücher

Ausgewählt von Litprom - Weltempfänger

Der Frankfurter Verein Litprom versteht viel von guten Büchern. Vor allem von solchen aus dem »Globalen Süden«, die hierzulande bekanntzumachen er sich auf die Fahnen geschrieben hat. Davon zeugt vier Mal im Jahr die Bestenliste »Weltempfänger« mit ausgewählten Übersetzungen aus (fast) aller Welt. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sich die kundigen Juror*innen, selbst ausgewählte Literat*innen und sonstige Büchermenschen, auch der Ukraine und dem russischen Angriffskrieg lesend nähern. Resultat dessen ist eine Sonderausgabe des »Weltempfängers« mit ausgewählten Büchern rund um die Ukraine. Urban Shorts – Das Metropole Magazin präsentiert die belletristischen Fundstücke aus dieser Liste zum Durchklicken. Ein im wahrsten Wortsinn gutes Dutzend guter Bücher. Genau genommen: 13 Bücher von zwölf Autor*innen; ein Autor schaffte gleich doppelt die Aufnahme in diese erlesene Liste … (red.).

©
Eigentlich könnten sich viele Länder dieser Welt und ihre Bewohner*innen selbst versorgen
Quelle: Bernard Gagnon • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Flucht hat viele Gründe

Kein Brot aus Erdbeeren

Gastbeitrag von Radwa Khaled-Ibrahim

Der Krieg in der Ukraine geht weit über das Land hinaus. Wenn Russland in seinen Nachbarstaat einmarschiert, hat dies Folgen für die ganze Welt. Für Urban shorts beschreibt Radwa Khaled-Ibrahim von medico international, wie sich der Krieg auf andere Länder auswirkt, Krisen und Missstände verschärft, Menschen aus ihren Ländern treibt. Mit Putins Krieg wird etwa der Hunger in vielen Teilen der Welt zunehmen.

»This will be hell on earth«. Es ist nicht überraschend, was David Beasley, Direktor der UN-Welthungerhilfe, sagt. Die Zahlen sind erschreckend: 276 Millionen Menschen in 81 Länder erleben bereits eine Hungerkrise. 44 Millionen sind nur ein Schritt entfernt von der Hungersnot. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Ukraine und Russlands machen etwa zwölf Prozent aller »calories the world trades« aus; mehr als 30 Prozent des Welthandels mit Weizen, 32 Prozent mit Gerste, 17 Prozent mit Mais und mehr als 50 Prozent mit Sonnenblumenöl, -Samen und -Mehl kommen aus diesen beiden Ländern. Der meiste ukrainische Weizen aus der letzten Ernte wurde bereits exportiert, 30 Prozent liegen aber noch in der Ukraine. Die nächste Haupterntesaison kommt im Sommer, derzeit wäre eigentlich die Saatzeit gewesen (von Anfang März bis Ende April).

Die ersten Prognosen sind verheerend. Es wird damit gerechnet, dass das weltweite Angebot bis zu 50 Prozent bei wichtigen Agrarprodukten wie Weizen, Gerste, Mais, Raps- und Sonnenblumenöl zurückgehen wird. Das trifft vor allem Länder, die ohnehin in den letzten Jahren stark durch unterschiedliche (geo)politische und globale ökonomische Dynamiken geschwächt waren. Das Kriegsland Jemen bezieht mehr als ein Drittel seines Weizens aus Russland und der Ukraine. Die Länder der letzten großen Aufstände – Ägypten, Irak, Algerien, Tunesien, Libanon –, die bereits von Dürre und Inflation betroffen sind, erhalten zwischen 60 und 85 Prozent ihres Weizens aus der Ukraine und Russland. In Ostafrika wird die Dürre durch die – vor allem von uns menschengemachte – Klimakatastrophe Ausmaße wie noch nie erreichen. Außerdem sind die afrikanischen Länder Ghana, Nigeria, Kenia und Somalia große Weizenimporteure. Als Ölimporteur wird Kenia zudem hart von den Sanktionen getroffen, vor allem wegen des überbewerteten Schillings und dem zu erwarteten Handelsdefizit. Es wird erwartet, dass Kenia Subventionen einstellen wird, welche die Benzinpreise künstlich stabil halten. Dies könnte zur Verdrängung von Ausgaben in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur führen.

Doch der Hunger ist nur der Anfang. Dies hat zwei Gründe. Erstens kommt der Hunger selten alleine. Oft wird er mit Gewalt (besonders gegen Frauen und Minoritäten), neuen Schuldenkreisläufen, Binnenflucht (mehr als die Hälfte der weltweiten Fluchtbewegungen), Schwächung der Infrastrukturen sowie besonderen Gefahren für Kinder begleitet. Zweitens sind es die globalen politisch-ökonomischen Strukturen, die dieses Ausmaß an Abhängigkeiten erlaubt haben. Häufig genug produzieren die Landwirtschaften vor Ort nicht mehr für den heimischen Markt, sondern für den Export, sind die »globalen Arbeitsteilungen« verhängnisvoll für die Menschen in diesen Ländern. Es ist kein Zufall, dass der Revolutionsruf in Ägypten »Brot, Freiheit, Würde« lautete. Brot kam zuerst, denn da geht es um die globalen Strukturen, die aus einer Grundversorgung Modelle für Profit gemacht haben. Oder, wie die Sudanes*innen in ihren Protesten gerade rufen: »Crops not cotton«. Denn während Baumwolle eines der klassischen Exportprodukte der Region ist und in den globalen Handelskreisläufen gut fließen kann, steht es aber zugleich stellvertretend für die Ausbeutung des Sudans. Ähnlich ist es in Ägypten, nicht nur mit Baumwolle, sondern auch mit Erdbeeren. Doch wie schrieb der ägyptische Soziologe Sakr El-Nour bitter? »Aus Erdbeeren«, so El-Nour, »wird kein Brot gebacken …«.


Heba, Wend-Giida, Ayan, Maryam, Helen
Quelle: Sandra Mann©

Fünf Frankfurterinnen

Frauen aus dieser Welt

Geschichten von Flucht und Ankommen

Über fünf Millionen Menschen hat Putins Krieg in der Ukraine mittlerweile außer Landes getrieben. Europa erlebt die größte Flüchtlingswelle seit 2015. Doch Krieg ist nicht der einzige Grund, Menschen in die Flucht zu treiben. Weltweit sind gerade weit über 80 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Manche, weil das Klima sie vor Ort nicht mehr leben lässt. Manche, weil Hunger ihnen ein Überleben unmöglich macht. Manche, weil sie Frauen sind. Seit 2015 haben viele dieser Menschen in Deutschland eine neue, eine zweite Heimat gefunden. Die Frankfurter Fotografin Sandra Mann hat fünf Frauen porträtiert, die seit damals aus fünf Ländern dieser Welt nach Frankfurt gekommen sind. Fünf Frauen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Burkina-Faso, aus Eritrea, aus Somalia. Fünf Menschen zwischen den Kulturen, die aus unterschiedlichen Gründen geflohen sind und die in Frankfurt Sicherheit und ein neues Zuhause gefunden haben. Fünf Frauen, mit Kindern, die Fuß fass(t)en. Im schwierigen Umfeld, in Containern, in kleinen Hotelzimmern, in Hochhäusern. Die Theater spielen, Menschen pflegen, Ausbildungen machen (gerne hätte Mann auch mehr Künstlerinnen oder Medienschaffende mit aufgenommen, die sie aber zu Anfang nicht fand für ihr Projekt). Unspektakulär und doch empathisch hat Sandra Mann diese Alltage fotografiert und in ihrem White Room die Frauen sich auch selbst inszenieren lassen. Den Frauen auch in ihrer jeweils eigenen Fotografie Raum zu geben, war der Fotografin dabei besonders wichtig. Ergänzt werden die fünf Fotostrecken dezent durch private Bilder der Protagonistinnen von ihrer Flucht oder aus ihren früheren Leben sowie durch kurze Texte, welche die Frauen selbst geschrieben haben – über sich, über ihre Geschichte, über ihr(e) Leben. Fünf Geschichten, denen die Frauen selbst den Titel »Extreme Veränderung« gegeben haben. Fünf Geschichten, die vom Leben in dieser Welt erzählen. Fünf Geschichten von fünf Frauen, die dabei sind, Frankfurterinnen zu werden und dabei – teils zum ersten Mal – ihr eigenes Leben leben können. Fünf Geschichten, die Urban shorts – Das Metropole Magazin an dieser Stelle eins zu eins so stehen lassen und präsentieren möchte: als kurzen Ausschnitt aus den Leben dieser Frauen und als kurzen Ausschnitt aus einer Porträtreihe, welche die Fotografin als Buch herausgegeben hat und die derzeit als Ausstellung im Frankfurter Haus am Dom zu sehen ist … (vss.).

Sandra Mann©
---
Quelle: Ernst Nay (Peter Hinschläger), Walid Raad, Ferhat Bouda, Anna Meuer©

Region | Ausstellungen

Kultur mitten im Leben

Vier sehr politische Ausstellungen

Kultur ist immer auch politisch, Kultur muss immer auch politisch sein. Dies zeigt sich dieser Tage nicht nur an Benefiz-Konzerten und -Auktionen. Von denen kein einziges, keine einzige (wie zuweilen zu hören war) überflüssig ist. Es zeigt sich nicht nur an Festivals wie GoEast, dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das in diesen Tagen das Forum schlechthin sein wird. Es zeigt sich auch an Ausstellungen wie jenen, die derzeit in der Kunsthalle Mainz, in der Schirn, dem Fotografieforum und der Villa Gründergeist in Frankfurt zu sehen sind. Ausstellungen, die vor Putins Krieg geplant wurden. Da sind Walid Raads faszinierende Mainzer Neuinszenierungen von Geschichte, etwa von jenen Wasserfällen im Libanon, die nach jenen Machthabern benannt sind, welche die verschiedenen Seiten im »Bürgerkrieg« unterstützten. Man könnte es belächeln, wenn nicht gerade Putin mit Geschichts-Inszenierungen seinen Krieg begründen würde und Raads Ausstellung beklemmende Aktualität gibt. Der Unterschied: Raad inszeniert mit subtiler Ironie, etwa mit einem unterirdischen Museum des Libanon, das durch geheime Gänge mit der »Biennale für eine abwechslungsreiche Perspektive« verbunden ist. Bittere Ironie: In Beirut besteht derzeit eine Baugrube, geschaffen wie für dieses Museum – nur leider von einem anderen Museum, für das das Geld ausging. Ebenso – wenn auch immer etwas anders – politisch sind die drei Ausstellungen in Frankfurt. Die Schirn arbeitet Künstler*innen-Schicksale aus dem Nationalsozialismus auf. Nicht minder beklemmend vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Opposition im heutigen Russland. Dass es auch noch eine Welt abseits von Putins Krieg gibt, ist im Fotografieforum und noch für wenige Tage in der Villa Gründergeist zu sehen. Bei Ferhat Bouda, einem ursprünglich aus der nomadischen Kultur Nordafrikas stammenden Frankfurter Fotografen, geht es um die Schicksale von Menschen in derzeit scheinbar ferneren Teilen dieser Welt. Anna Meuer hat hingegen direkt vor der Frankfurter Haustür Künstler*innen gefilmt, fotografiert und befragt zu ihren Erfahrungen aus der Pandemie-Zeit. Vier Ausstellungen pars pro toto für die Bedeutung von Kultur in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft. Vier Ausstellungen, die gerade jetzt um so mehr deutlich machen, wie wichtig Kultur ist. Als Ort, als Medium des Nachdenkens, des Bewusstmachens, des Erinnerns, des Einordnens – oder eben des Helfens bei all dessen. Und: Wie sehr Kultur mitten im Leben steht. Vier – jede auf ihre Art – höchst politische Ausstellungen. Ach ja, und vier exzellente Ausstellungen obendrein. Vier Ausstellungen, bei denen man erleben kann, warum öffentliche Gelder in Kultur fließen. Fließen müssen … (vss.).


Vier Orte für Menschen: Berlin, Oberhausen, Zwickau, Mannheim
Quelle: Wüstenrot Stiftung©

Projekt(e) über Projekte

Orte des Miteinanders

Biotope und soziokulturelle Zentren

In diesen Zeiten ist viel die Rede vom Wert der Demokratie, von der Freiheit und von der Teilhabe an der Gesellschaft. Doch Demokratie braucht auch Orte des Austausches, des Nachdenkens, des Miteinanders – kurzum: der Stärkung dieser Demokratie und ihrer grundlegenden Werte. »Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe« heißt ein Projekt der Wüstenrot Stiftung, das derzeit virtuell im Netz betrachtet werden kann und als Wanderausstellung durch die Republik tourt. Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt vier der Orte pars pro toto vor. Ein Ort, an dem Bürger*innen selbst ihre Stadtentwicklung in die Hand nehmen (können). Ein Ort, an dem Geflüchtete Kultur und Kompetenzen einbringen (können). Ein Ort, an dem Jugendliche ein eigenes Gespür für Teilhabe und Demokratie entwickeln (können). Ein Ort, an dem Menschen in einem Stadtviertel Gemeinsamkeiten finden und entwickeln (können). Die vier Projekte zeigen, wie vielfältig Demokratie, Teilhabe und Integration gelebt werden und welche Rolle Kultur dabei als ein tragendes Element spielen kann. Urban shorts – Das Metropole Magazin ergänzt dieses »Projekt über Projekte« aber auch durch einige sehr unterschiedliche Beispiele aus der Region FrankfurtRheinMain, die ihrerseits zeigen, wie sehr solche Orte und deren Arbeit ein wichtiger Backbone für eine demokratische Gesellschaft sind. Pars pro toto steht das Frankfurter Offene Haus der Kulturen. Mit dabei sind aber auch Orte wie der Hafen 2 in Offenbach, der Darmstädter Waldkunstpfad, das Haus Mainusch in Mainz, der Orange Beach am Rande von Frankfurt oder ein immer mehr um sich greifender Trend zu Gemeinschaftsgärten. Abgerundet wird der kleine Schwerpunkt von einem Gastbeitrag von der  KulturRegion-Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg über das Potential, das für Kulturschaffende in alten Industriekulturbauten liegt (red.).

Wüstenrot Stiftung©
Gefördert: Tanzfestival, Museen, Ausstellungen, Filmfestivals
Quelle: Emanuel Gat / Tanzfestival RheinMain, Anja Jahn / Museum Angewandte Kunst, Hans-Jürgen Herrmann, Go East©

SERIE • STARKE PARTNER

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder vor einigen Jahren die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt auf dieser Seite solche starken und meist stillen Partner in der Region vor. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Gerade in (Post-) Corona- und Krisen-Zeiten sind und werden diese Institutionen wichtiger denn je für das Leben und Überleben der Kulturschaffenden in FrankfurtRheinMain. In den einzelnen Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen (Ansprech-) Partner zu finden. Die einzelnen Folgen erscheinen etwa in monatlichem Abstand. Auf der Seite FOR.ARTISTS finden sich zudem ergänzend zu dieser Reihe weitere Beiträge von, für und über Kulturschaffende(n), über ihr Leben, ihr Arbeiten und über ihre Möglichkeiten zur Förderung  (red.).


---
Quelle: Deutsche Botschaft Kiew©

Leitartikel | Putins Krieg

Mehr Mut, mutig zu sein

... und Menschen nicht unterschätzen

Es gibt in der Politik ein geflügeltes Wort: Politik müsse »die Menschen mitnehmen«. Wer sich aktuell jedoch Weltgeschehen und deutsche Politik anschaut, ist versucht, dieses politische Diktum umzudrehen und sich zu wünschen, dass »die Menschen« es hierzulande schafften, ihre Politiker*innen mitzunehmen. Schon während der beiden Corona-Jahre hat sich immer wieder gezeigt, dass viele Bürger*innen in diesem Land bereit waren, weiter zu gehen als ihre Regierung(en) meinte(n), ihnen zumuten zu können. Immer wieder legten Umfragen – jene der großen Institute als auch jene in der »empirischen Kleingruppe« der Freunde und Bekannten – nahe, dass Bürgerinnen und Bürger mutiger waren, harte Maßnahmen zu tragen. Auch bei Putins Überfall auf die Ukraine scheinen die Menschen einmal mehr weiter zu sein als ihre Regierenden. Zigtausende zeigen Solidarität, Zigtausende gehen auf die Straße(n). Sie spüren, dass es Zeit ist, dem Aggressor die Stirn zu zeigen. Sie spüren, dass es nicht reicht, Konten zu sperren und in kleinen Dosen Waffen zu liefern (die Anfangsidee, ein paar Helme zu schicken, hätte sich keine Karikaturistin besser einfallen lassen können). Sie spüren, dass Ukrainer und Ukrainerinnen nicht nur ihr Land verteidigen. Sie spüren, dass Betroffenheit und Solidaritätsbekundungen nicht ausreichen. Sie spüren, dass man die Menschen in Kyiv, in Charkiw, in Odessa nicht alleine kämpfen lassen kann, dass warme Öfen und eine wie geschmiert laufende Wirtschaft hierzulande keine alles überstrahlenden Argumente sein können. Sie spüren, dass es in diesen Tagen nicht zu viel verlangt ist, die Heizung etwas herunterzudrehen, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, mit ein paar Euro mehr am Tag Abhängigkeiten zu verringern (das Geld für die, die dies wirklich nicht tragen können, dürfte in einem Land wie diesem da sein). Sie wissen, dass man den Menschen in der Ukraine beistehen muss. Um der Menschen willen. Aber auch, weil es diesmal auch noch um mehr geht. Sie wissen, dass die Menschen in der Ukraine das freie Europa verteidigen. Sie wissen, dass die Menschen in der Ukraine in Bunkern übernachten, mit Raketen leben, mit der Waffe in der Hand kämpfen. Sie sind bereit, diesen Menschen die Unterstützung zu geben, die sie brauchen – auch, wenn dies eigene, ganz sicher erst einmal kleine Opfer mit abverlangt. Man ist versucht, Regierenden zuzurufen: Regierende, sehet und höret die Signale – und höret auf, Eure eigenen Bürger*innen zu unterschätzen. Wann, wenn nicht jetzt, wäre es auch an der Zeit, Ansprüche und Lebensweisen zu hinterfragen und dabei auch wirklich etwas zu ändern und zu verändern. Die Klimakrise hat es nicht bewirkt, eine weltweite Pandemie auch nicht. Wenn es auch dieser Krieg nicht bewirkt, was dann … (vss.)?