Ab nächster Woche öffnen wieder viele Museen in FrankfurtRheinMain; wenn auch vorerst nur mit einem sehr eingeschränkten Zugang nach vorheriger Anmeldung. Unter den wieder geöffneten Häusern wird sich wohl auch das Jüdische Museum in Frankfurt befinden. Es zeigt derzeit in einer Sonderausstellung an zahlreichen Beispielen die weibliche(n) Seite(n) Gottes. Mal witzig, wie in einem Video gleich beim Betreten der Ausstellung. Mal eher tiefschürfend, mit zahlreichen Details, Objekten und Vertiefungen in der weiteren Ausstellung. Im doppelten Wortsinn ergeben sich somit in der kommenden Woche gute Gelegenheiten, einen etwas anderen Zugang und neue Perspektiven zu finden – in dieser wie auch in den anderen Ausstellungen, die kommende Woche in limitierter Form öffnen. Bleibt zu hoffen, dass die neue Vielfalt einen (und auch eine) hoffentlich weniger verwirren als Noah beim Rundgang durch die Gottheiten. Der Film aus dem Entrée hier schon mal als Vorgeschmack. Und apropos: Die Göttinnen sind die einzigen, die ohne Maske in die Ausstellung(en) dürfen … (red.).

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Transparente Politik durch Datenhoheit und freie Software
Quelle: Aus einer Broschüre der Free Software Foundation©

Zur Wahl | Demokratie

Partizipation wie in Barcelona

Plattform »Decidim« beteiligt Bürger*innen

Statistiken besagen, dass sich etwa ein Promille der Bürger*innen an der Politik ihrer Städte beteiligen. Es könnten aber auch viel mehr sein. Mit einer digitalen Bürger-Plattform beteiligt Barcelona die Einwohner*innen an den Entscheidungen – und rund 400.000 der 5,5, Millionen Menschen machen mit. »Partizipation wie in Barcelona« ist Teil der Reihe »Zur Wahl – Stadt muss nicht neu erfunden werden«.  

Wo soll ein neues Wohnquartier entstehen? Welche Route sollen die Busse nehmen? Wofür gibt die Stadt ihren Haushalt aus? Dies sind nur drei von vielen Fragen, die in Barcelona auf der Online-Plattform »Decidim« gestellt, diskutiert und beantwortet werden. »Decidim« bedeutet »wir entscheiden« und wurde vor fünf Jahren von der damals neuen Stadtregierung unter Ada Colau eingeführt. Sie ist die vielleicht größte Bürgerplattform, über die Menschen über ihre Stadt mitentscheiden können. Über 400.000 der rund fünfeinhalb Millionen Einwohner*innen beteiligen sich bereits. Etwa, wenn die Stadt einen 75 Millionen-Etat online stellt und die Bürger*innen fragt, was mit dem Geld geschehen solle. Doch die Einwohner*innen werden nicht nur gefragt. Sie machen selbst Vorschläge. Über 10.000 sind es in den letzten Jahren bereits gewesen. Rund 80 Prozent davon wurden umgesetzt – von einem städtischen Beerdigungsinstitut bis zum Spielplatz um die Ecke. Es heißt, dass »Decidim« bereits 75 Prozent der Stadtpolitik mitentscheide. Einzig über Gesetze kann nicht direkt abgestimmt werden. Das verhindern bisher andere (Landes-) Gesetze. In Barcelona ist gerne von »kollektiver Intelligenz« die Rede – ein auffälliger Gegenpol zur um sich greifenden »künstlichen Intelligenz«.

»Decidim« ist Teil eines großen Beteiligungsprogrammes, mit dem Politik in der katalanischen Kapitale demokratisiert werden soll. Es ist Teil des Versuches, die Stadt der Zukunft smarter zu machen, sich dabei aber nicht in technologischen Gadgets zu verlieren. Zwar glänzt die Stadt mittlerweile auch durch intelligente Bewässerungs-, Müllentsorgungs- oder Beleuchtungstechniken. Doch das Credo der Stadtregierung ist, dass die Technologie den Menschen dienen müsse. Nicht von ungefähr setzt Barcelona mehr als andere Städte auf Datenhoheit. Zum einen müssen sämtliche Daten, die von Unternehmen im öffentlichen Bereich oder Auftrag erhoben werden, öffentlich gemacht werden. Sie müssen von der Stadt oder von den Bürger*innen genutzt werden können. Zum anderen haben die Einwohner*innen erheblich mehr Möglichkeiten, überhaupt über die Nutzung ihrer Daten zu entscheiden. »Daten als öffentliches Gut«, lautet das Credo dahinter. Wie Wasser oder Strom. Nicht von ungefähr gibt es mittlerweile auch immer mehr Programme, die Abhängigkeit der Stadt von Software-Giganten wie Google und Microsoft zu verringern und verstärkt auf Open-Source zu setzen. Barcelona gilt mit diesen Initiativen mittlerweile als Vorbild. Rund 80 weitere Städte sind weltweit dabei, »Decidim« ebenfalls bei sich in irgendeiner Form auf den Weg zu bringen. Außerdem ging von Barcelona mittlerweile eine »Städtekoalition für digitale Rechte« aus. In Deutschland gehören ihr unter anderem Berlin und München an (hak.).


Alles im grünen Bereich: Blick auf die Römerstadt
Quelle: Moritz Bernoully©

Urban_Green [2] | Ernst May

Alles Grün macht(e) der May

Frankfurt hat(te) schon mal viel Urban_Green

Wer heute bei einem Spaziergang an der Nidda entlang, mitten in der Natur stehend, auf die Siedlung Römerstadt blickt, der kann noch erahnen, wie die Häuser einst in ihrer Entstehungszeit 1927 und 1928 strahlend weiß zum Flussufer hin geleuchtet haben müssen. Terrassenförmig entlang des Niddatals angelegt, erhebt sich die Siedlung fast wie eine mediterrane Stadt am Mittelmeer. Einst geplant vom Stadtbaurat, Architekten und früheren Siedlungsdezernenten Ernst May (1886 – 1970) und seinem Team, ist die Römerstadt ein Paradebeispiel für das »Neue Bauen« und Ausdruck für das von ihm 1925 aufgelegte Wohnungsbauprogramm »Das Neue Frankfurt«, mit dem innerhalb von fünf Jahren 12 000 Wohnungen neu geschaffen wurden.

Doch nicht nur das Weiß sticht ins Auge, sondern ebenso noch heute das Grün. Das Grün, das für Mays Team ein Lebenselixier der Siedlungen war. Für die Umsetzung holte er sich mit dem Gartenarchitekten und Frankfurter Gartenbaudirektor Max Bromme sowie Landschaftsarchitekt Leberecht Migge zwei Experten hinzu. Dem Team ging es aber nicht nur darum, in den Siedlungen zentrale Grünflächen als Orte der Begegnung und wohnnaher Erholung überall bereits vor der Bauphase großzügig mit zu planen. Die vorwiegend als Ein-Familien-Häuser errichteten Gebäude sind regelrecht in einer grünen Umgebung eingebettet. Die Häuser werden jeweils von einem Vorgarten mit Rasenflächen flankiert, zusätzlich bepflanzt mit Blumen und Hecken. Dadurch wird der Privatbereich zum Bürgersteig und zur Straße hin abgrenzt. Begrünt waren teils auch die Fassaden. Der eigene Garten auf der Rückseite wurde als Erholungs- und als Nutzgarten zur Selbstversorgung ebenfalls vorab in die Planungen einbezogen. Diese sind bis heute nicht nur über das Haus selbst, sondern auch von der Rückseite aus zugänglich – über einen kleinen Weg, der die Häuserreihen voneinander trennt und nur für Fußgänger passierbar ist. Für Mieter in Mehrfamilienhäusern ohne eigenen Garten, gab es als Alternative eine Kleingartenparzelle zum Pachten direkt an der Nidda, unterhalb der Bastionsmauern, die die Siedlung zum Flussufer hin umgeben. Diese Parzellen waren ebenfalls gegliedert nach Flächen zur Erholung und solchen, auf denen Gemüse und Obst zur Selbstversorgung angebaut werden konnten.

Gemeinsames Grün, Frischluftschneisen, Urban Gardening, Urban Farming, Selbstversorgung sowie mehr oder minder solidarische Landwirtschaft –  viele der heute modernen Schlagworte waren bei May und seinem Verständnis von Wohnen und Leben als Einheit bereits mitgedacht. Zugegeben: Der Stadtbaumeister hatte, was die Erweiterung und das Denken der Stadt betraf, oftmals buchstäblich die grüne Wiese vor sich, konnte bei Flächen noch aus dem Vollen schöpfen und musste sich auch an weniger Begrenzungen halten. Heute sind bebaubare Grundstücke für große Wohnbauprojekte in Frankfurt Mangelware. Oft heißt es deshalb Nachverdichtung – meist verbunden mit der Vernichtung bereits bestehender Grünflächen. Umso wichtiger scheint mit Blick auf May und im heutigen Wissen um das Klima ganzheitliches Planen bei den wenigen Projekten unabdingbar. In Frankfurt ist aktuell an vielen Stellen erkennbar, was es bedeutet, wenn Begrünung nur ein nebensächlicher Aspekt bei den Planungen war oder nach der Umsetzung gar nicht genutzt werden kann. Ein Beispiel ist der »Europagarten«, der in der Mitte der Europaallee angelegt wurde und als das »grüne Herz« des neuen Europaviertels gedacht war, aber bis heute nicht eröffnet ist. Umso aufwändiger ist es oft, Mays grünes Lebensumfeld nachträglich zu implementieren. Etwa durch Apelle an Hauseigentümer, ihre Fassaden oder Flachdächer zu begrünen oder versiegelte Hofflächen aufzubrechen und zu bepflanzen. Dafür hat die Stadt das Förderprogramm »Frankfurt frischt auf« aufgelegt, mit dem ein Beitrag für das städtische Klima und für mehr Artenvielfalt geleistet werden soll. Doch einer solchen rückwirkenden Begrünung könnte eben vorgebeugt werden, indem diese, wie einst bei May, schon in den Planungen mitgedacht wird – wenn man Wohn- und Lebensumfeld früher als Einheit betrachtet (alf.).

Moritz Bernoully©
Mehr Grün? Mehr Endgeräte? Dauert die Pandemie doch länger?
Quelle: juk©

Zur Wahl | Plakative Pandemie

Schöne bunte Einfaltsstraßen

Ein Gang durch Frankfurts Wahlplakate-Parcours

Man kommt derzeit in Frankfurt buchstäblich nicht an ihnen vorbei. Wenn sie einem nicht gleich und nochmals buchstäblich an vielen Geh- und Radwegen ins Auge stechen. Wahlplakate türmen sich dieser Tage haushoch an den begehrtesten Laternenmasten der großen Einfallstraßen oder thronen entlang der Alleen großformatig im Begleitgrün, die Sicht auf Straßen und Übergänge großzügig versperrend. Immerhin: 93 Stimmen gibt es in Frankfurt zu gewinnen. Die meisten Parteien tun alles dafür, keine einzige zu erhalten … 

Das Motto für alle hat eine dynamisch-grellbunt daherkommende Kleinpartei. Die mit den drei Punkten. »Was wirklich zählt« steht auf deren meist großformatigen Kunstwerken. Und das ist gleich ziemlich viel, muss man an deren mit feinster 20-Punkt-Schrift vollgepackten Plakaten doch schon länger stehenbleiben, um sich das zu Gemüte zu führen. Und über manche könnte man gleich stundenlang philosophieren. »Unsere Luft vor Staus schützen«, steht da etwa. Bitte was? Worum geht es? Nicht eher darum, Menschen Schadstoffe, Lärm und Autoverkehr zu ersparen? Und wie schützt man überhaupt Luft vor Staus? Und warum? Fragen über Fragen. Hat wohl seinen Grund, warum die F.D.P. schon länger in der Opposition sitzt …

Wo die einen mit vielen Worten nichts sagen, schaffen das andere mit wenigen Worten. Dabei hat uns die CDU auf den ersten Blick sogar Hoffnung gemacht. Mit einer autofreien Mainbrücke und einer Straßenbahn in der Innenstadt. Wenn da nicht der Zusatz »Verkehrspolitik mit Plan« stünde. Klingt sehr nach: erst mal ein Gesamtkonzept finden, erst mal zehn Jahre planen und untersuchen, und derweilen erst mal alles so lassen, wie es ist. Zumal uns auch der dritte plakative »Plan« der Union etwas verstört: das Bild der wie üblich mit viel Blech verstopften Frankfurter Innenstadt. Oder hatten da einfach nur die Plakatdesigner der Partei keinen Plan … ? Kurz zur Beruhigung der CDU: Nein, wir nehmen Euch Eure Stadt nicht weg. Ja, wir lassen Euch so sogar im Magistrat. Und nein, wir ändern nichts. Na ja, mal sehen. Apropos Worte. »Uns interessiert nicht, wo Du herkommst, sondern, wo Du hinwillst«. So charmant sind Migranten selten aus dem Land komplimentiert worden. Peinlich nur, dass dieser missverständliche Satz nicht von einer Rechts-Partei kommt, sondern von der SPD …

Verlassen wir mal die nicht vorhandenen Inhalte. An den Farben hätten Psychologen ihre helle Freude. Es hängt sehr viel orange an den Straßen. Kein Wunder, diese Farbe gilt als aktiv, jugendlich, stimulierend, man verbindet mit ihr Kreativität, Vitalität, Lebensfreude und Optimismus. Und die Parteien dahinter. Tja. Neben den ja traditionell orangen Piraten kommt neuerdings die CDU orange daher, außerdem die Freien Wähler und die BFF. Ansonsten dominiert Pastell: grün-pastell, pink-pastell, und ist orange nicht eigentlich auch irgendwie pastell? Überraschend: Auf vielen Plakaten der SPD sind Menschen, die man eigentlich gar nicht wählen kann, da sie im Magistrat sitzen und dort auch bleiben wollen. Oder ahnen die schon mehr? Bei der Union sind’s eher auffällig viele, die man gar nicht wählen mag – oder liegt das daran, dass die Partei offenbar nicht nur an Plakatdesignern, sondern auch bei den Fotografen gespart hat? Wobei überhaupt die wenigsten Plakatgesichter dazu führen, dass man zuhause gleich den tischtuchgroßen Musterwahlzettel auffaltet, um sie für die Wahl vorzumerken …

Also doch noch mal zu den Inhalten. Auch wenn die bei manchen eher nach Neu-Jahrs-Vorsätzen klingen. »Die Stadt neu denken« heißt es etwa bei den  Grünen. Die Grünen? Wie lange regieren sie jetzt schon in Frankfurt mit? Und wann wollen sie mit dem Denken anfangen? Das Gleiche in schwarz von der anderen Magistrats-Partei CDU: »Schwierige Zeiten. Richtige Antworten«. Das Bild dazu: eine triste, schlecht asphaltierte Straßengabelung, deren beide Zweige in nebliges Niemandsland führen – flankiert von zwei leeren Wegweisern. Dazu passt das Motto der dritten Pastell-, pardon: Magistrats-Partei: »Garantiert nur mit uns«. So offen können wenige mit ihrer Verlust-Angst umgehen. Kann ja heiter werden, falls es zur Neuauflage der Therapie-Gruppe kommt. Immerhin haben die drei neben der gemeinsamen Selbstbeschäftigung auch ein Thema: Mieten – wahlweise übrigens runter, gedeckelt, gestoppt oder stabilisiert. Oder mit den Worten einer anderen Partei: Auf zur »Wohnraumoffensive«. Wohnraumoffensive? Richtig: das war die, die auch die Luft vor den Staus retten will …  (juk./vss.).

juk©
Das Ein-Euro-Streckennetz immer vor Augen in einer Wiener U-Bahn-Station
Quelle: Johannes Zinner / Wiener Linien©

Urban.21 | Vorbild Österreich

Das Ein-Zwei-Drei-Euro-Ticket

Österreich will den ÖPNV einfach revolutionieren

Ein Euro am Tag, 365 Euro im Jahr – Für viele das neue Modell, die Bahn zum Rückgrat moderner Mobilität zu machen. Doch wie weit kommt man damit? Aus Österreich stammt eine Idee, die auch mehr als nur den nahen Umkreis abdecken könnte und mit politischem Willen finanzierbar wäre. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenWie(n) ÖPNV geht – Schon seit Jahren macht Österreichs Hauptstadt vor, wie mit etwas politischem Willen ein kostengünstiger Öffentlicher Nahverkehr machbar ist. Vor knapp einem Jahrzehnt bereits führte die Stadt auf den sogenannten »Wiener Linien« das 365-Euro-Ticket ein. »Um einen Euro am Tag«, wie die Einheimischen sagen, dürfen Wiener und Wienerinnen seither alle Busse und Bahnen der Kapitale nutzen. 2020 legte die schwarz-grüne Bundesregierung nach – um dabei gleich den gesamten Bus- und Bahnverkehr im Alpenland zu revolutionieren. »1-2-3-Euro-Ticket« hieß deren charmante wie einfache Idee. Ein komplettes Bundesland (zu denen auch Wien zählt) für einen Euro am Tag. Zwei Bundesländer für zwei Euro. Und ganz Österreich für drei Euro. Der letzte Teil des Plans soll bereits 2021 als erstes eingeführt werden. Kostenpunkt: rund 240 Millionen Euro, welche der Bund zu dem Paket zuschießen soll. Mit 1095 Euro im Jahr wäre das Ticket übrigens rund halb so teuer wie die aktuelle ÖBB-Jahreskarte der Österreichischen Bundesbahn, die noch dazu nur auf den Fernstrecken gilt.

Das »1-2-3-Euro-Ticket« hat durchaus seinen Charme. Wien darf hier sehr wohl als Vorreiter gesehen werden. Zumal die Stadt seit Einführung selbst fast den Dreisatz geschafft hat. Gab es vor 2012 noch 363.000 Jahreskarten-Besitzer*innen, so sind es heute bald drei Mal so viel: stolze 850.000 im Jahr 2019. Das sind rund 30 Prozent der Menschen, die im Großraum Wien leben. Allerdings: Kostendeckend ist der Zuwachs nicht, 40 Prozent der Kosten trägt die Stadt. Der politische Wille dazu ist im meist rot regierten Wien jedoch vorhanden. Und ein Teil des Geldes kommt nur indirekt aus der Stadtkasse. So gibt es in Wien etwa eine Unternehmens-Umlage, die direkt in dieses Ticket fließt, und eine flankierende »Parkraumbewirtschaftung«. Soll heißen: Die Stadt hat den Parkraum verringert und teurer gemacht. Ersteres machte Autofahren in der Stadt unattraktiver, letzteres federt die ÖPNV-Kosten für die Stadt ab. Ein weiterer wichtiger Baustein in Wien: Vor Einführung des neuen 365-Euro-Tickets hatte die Stadt ihre »Wiener Linien« deutlich ausgebaut. Denn darüber sind sich Verkehrsexperten einig: Der Preis alleine macht es nicht. Gleichzeitig müssen Anreize wie etwa eine gute Taktung und ausreichender Platz geschaffen werden. Ähnlich ging übrigens auch das Großherzogtum Luxemburg vor, das 2019/20 nach einer massiven Aufrüstung seinen ÖPNV kostenlos machte. Ob dies auch ein Modell für Deutschland ist, dürfte auch hier eine Frage des politischen Willens sein. Über die 365-Euro-Variante denken bereits diverse Städte und Verkehrs-Verbünde nach, Bundesgelder für Pilotprojekte tun ihr Übriges. Ob daraus später auch Mehr-Länder-Tickets oder eine bundesweite (DB- und) ÖPNV-Flat wird, muss sich wohl noch zeigen. Und rechnen – wobei ein einfacher Dreisatz dafür vielleicht etwas zu kurz gegriffen sein könnte. Aber vielleicht schafft Deutschland ja die 1-2-3-4-Euro-Variante. Wenn es in dem Modell überhaupt einer bundesweiten Komponente bedürfen würde. Denn der Bedarf der meisten Menschen ist wohl viel regionaler … (sfo.).

Frankfurt und Wiesbaden

STADTLANDSCHAFTEN

Zwei Städte - ganz bei sich fotografiert

Anna Meuer ist eine Fotografin aus Frankfurt. Sven Biernath und Michael Leukel sind zwei Kollegen aus Wiesbaden und dem Rheingau. Gemein haben die drei, in jüngster Zeit Städte fotografiert zu haben. Die eine Frankfurt, die anderen Wiesbaden. Städte einmal ohne Menschen, die uns sonst oft den Blick auf sie nehmen (nicht selten, ohne dort wirklich zu Hause zu sein oder hinzugehören). Anna Meuer tat dies in Frankfurt in den Tagen des ersten Lockdowns. In Tagen, in denen kaum ein Mensch auf Plätzen und Straßen war – nicht am Flughafen, nicht an der Uni, in der Altstadt, auf den Spielplätzen. Bilder, in beredter und beschaulicher Stille, die nicht von ungefähr den Titel »Ohne Worte« tragen. Bei Biernath und Leukel könnte man meinen, sie hätten das gleiche getan. Doch ihre Fotos entstanden weit vor Corona. Nachts – genau »Fünf vor vier«, wie auch der Titel der Serie lautet – haben sie mit Langzeit-Belichtungen die majestätische Stille sonst belebter Plätze eingefangen – vor dem Landtag, auf der Wilhelmsstraße oder an einer Tankstelle am Bahnhof. Kaum zu glauben, dass ihre Fotos vier der belebtesten Plätze der Landeshauptstadt abbilden. Beide Serien zeigen Fotos in Ausnahmesituationen – äußeren und inneren, wenn man so will. Fotos, die ein anderes Bild der Städte vermitteln, als das, das man gemeinhin tagsüber von ihnen gewinnt – oder zumindest vor Lockdown-Zeiten gewinnen konnte. Und die nebeneinander gestellt auch viel Gemeinsames spiegeln. Urban shorts zeigt zwölf dieser Bilder – präsentiert in dem für Städte vertrauten Postkartenformat. Ein Format, das bezeichnenderweise sonst auch ohne Menschen auskommt, obwohl es genau diese voraussetzt – als Adressaten. Bei Meuer, Leukel und Biernath sind in der Tat nicht sie, sondern die Städte selbst gemeint – »dank« Corona oder der Stille der Nacht. Stadtlandschaften für den Moment bei sich selbst angetroffen (red.).


Die 20 digitalsten Städte der Republik
Quelle: Bitkom©

Best of 20 | Digitale Städte

Rhein-Main – ziemlich unsmart

Nur eine Digitalstadt und dann lange nichts

Wie digital ist Deutschland? Im Lockdown kommt dieser Frage eine immer größere Bedeutung zu. Kann man Behördengänge von zu Hause erledigen? Ist das Internet auch für das Home Office stabil genug? Ein wichtiges Barometer für diese Frage ist das »Smart-City-Ranking« des Digitalverbandes Bitkom. Das stimmt in Sachen Rhein-Main allerdings ziemlich nachdenklich. 

Die gute Nachricht zuerst: Darmstadt steht bundesweit in Sachen Digitalisierung an vierter Stelle. Die nicht ganz so gute Nachricht: Unter den Großstädten im Rhein-Main-Gebiet ist Darmstadt die einzige, die es aktuell unter die Top-20 des Bitkom-Smart-City-Rankings geschafft hat. Der Digitalverband macht alljährlich eine Untersuchung, wie fit etwa Verwaltung, Verkehr oder auch die Bevölkerung der Städte rund um das Internet hierzulande sind. Nun ist Digitalität nicht alles, was eine lebenswerte Stadt ausmacht. Und ob es intelligente Mülltonnen (ein Kriterium der Studie) braucht, sei auch einmal dahingestellt. Doch Behörden, bei denen »Behördengänge« eher das Wort für Korridore ist, Bahnen, bei denen Abfahrtszeiten auf die Minute genau an der Haltestelle vorhergesagt werden, oder mobile Datennetze, die im Home Office nicht dauernd aussteigen, sollten schon langsam die Mindest-Anforderung an modernes Leben sein – besonders im Lockdown-Zeitalter.

Da macht offenbar Darmstadt seinem Namen als »Digitalstadt« tatsächlich alle Ehre. Zum Beispiel mit Online Check-ins und Gebäude-Navigation im Krankenhaus oder mit einer zentralen urbanen Datenplattform. Außerdem gibt es in der Stadt Bodycams für die Feuerwehrleute und Drohnen-Unterstützung für Rettungsdienste. Wobei Darmstadt – auch das verrät die Statistik – nichts besonders, aber alles ziemlich gut macht. Nur Hamburg, München und Köln sind da noch besser. Apropos Hamburg, München und Köln: In dieser Liga spielt angeblich auch Frankfurt. Die Mainmetropole rühmt sich gerne als Bankenstadt, Verkehrs- und Digitalknotenpunkt. Doch »smart« sind offenbar andere. Zum Beispiel Bochum, Freiburg, Ulm oder gar Osnabrück, die es in diesem Jahr allesamt locker in die Top-20 geschafft haben. Selbst Berlin, von dessen Flughafen man mittlerweile sogar wegfliegen kann, liegt noch vor »Mainhattan«. Und warum hinkt Frankfurt so deutlich hinterher, dass es lediglich zu Platz 25 gereicht hat? Was fehlt, erschließt sich aus den Tabellen der Bitkom leider nur mühsam. Man kann es aber ahnen, wenn es etwa in Bereichen wie »Smart Waste« oder »Smart Grid« (intelligente und nachhaltige Stromnetze) stolze null Punkte gab. Auch das Wort »Pilotprojekte« scheint man in Frankfurt bisher eher mit Flughafen zu verbinden. Die volle Punktzahl erbrachte übrigens das Stichwort »Parken«. Aufschlussreicher ist das Nachlesen bei den Städten, die vor Frankfurt liegen. Dort findet sich etwa eine App, die aus allen Verkehrs- und Sharing-Angeboten die schnellste Route und das passende Ticket findet – und bei Bedarf auch noch bucht (Hamburg). Oder Paketzustellungen per E-Bike (Osnabrück) und intelligente Bewässerungssysteme für das städtische Grün (Duisburg). In Leipzig kümmert sich die Stadt mit »Hardware for Future« sogar darum, dass weniger Menschen digital abgehängt werden. Wobei smart aber nicht nur digital sein muss. Auch E-Fahrzeuge, Sharing-Angebote und Energie-Lösungen spielen eine Rolle. Beim Nachlesen könnte man im Magistrat vielleicht die eine oder andere Anregung finden. Übrigens auch in Wiesbaden (28.), Mainz (36.) oder Offenbach (66.). Deutlich fitter scheint man da am Rande von Rhein-Main zu sein: etwa in Heidelberg (10.) oder Mannheim (16.). Ach ja: Und was macht Frankfurt so in Sachen Digitalisierung? Die Stadt legte am Montag mal einen Entwurf »Gesamtstädtische Digitalisierungsstrategie« vor. Da steht zum Beispiel schon mal drin, welche Pilotprojekte man gerne mal machen möchte und wie viel Zeit welche App braucht, bis sie programmiert ist. 14 Pilotprojekte sind es übrigens, und das Programmieren einer App dauert im Schnitt zwei bis vier Jahre. Eines kann man mithin seit Montag zumindest nicht mehr behaupten: dass Frankfurt keinen Plan hätte … (vss.).