Simulation der Arte-Dokumentation »Unter Wasser« zeigt drohende Gefahr für New York
Quelle: Arte France / © Georama TV©

Urban .21| Klima 2020/2040

Land unter: Metropolen in Gefahr?

Erderwärmung und steigende Pegel bedrohen Megacitys

New York, Istanbul, Singapur. Aber auch London, Paris, Amsterdam. Viele Metropolen weltweit liegen am Wasser. Wie die beeindruckende Arte-Dokumentation »Unter Wasser: Megacitys in Gefahr« zeigt, könnten für sie die Erderwärmung und steigende Pegel bald schon mehr sein als ein abstraktes Klima-Problem in ferner Zukunft. Gefahr droht diesen Städten von mehreren Seiten. Schon heute setzen durch den Klimawandel mit ausgelöste Flutwellen, Hurrikans oder Überschwemmungen Städte wie New York, Bangkok oder New Orleans unter Druck oder zuweilen tatsächlich unter Wasser. Da aber viele dieser Städte zugleich auch noch absinken, weil durch Erosion, abgesogenes Wasser oder »Bodenverflüssigungen« an Meeren und Flüssen der Boden nachgibt und rundum die Pegel steigen, wächst der Druck durch die Naturkatastrophen noch weiter. Manche Experten glauben bereits, dass der Mensch diese Metropolen irgendwann wird verlassen müssen, sofern er nicht rechtzeitig gegensteuert.

Wie dramatisch die Situation werden könnte, hat vor einiger Zeit auch der Fernsehsender euronews gemeinsam mit der Organisation Climate Central in drastischen Simulationen dargestellt. Sie zeigen Metropolen bei einer Erderwärmung um zwei beziehungsweise um vier Grad. Während London (> Simulation) und Shanghai (> Simulation) bereits bei plus zwei Grad langsam zu Seenplatten mutieren und in New York (> Simulation) ab vier Grad der Broadway zum Canale Grande wird, könnte sich das südafrikanische Durban (> Simulation) dann allerdings bereits in Atlantis umbenennen. Doch das Problem betrifft nicht nur ferne Metropolen. Das Recherchekollektiv correctiv hatte vor drei Jahren anhand von Daten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen aus den letzten Jahrzehnten berichtet, dass der Meeresspiegel der Nordsee dort messbar steige und dass ein guter Teil dessen auf die Klimaerwärmung zurückgehe. Und dass der Trend zunehme. Stieg im 20. Jahrhundert das Meer offenbar bestenfalls alle drei Jahre um einen Zentimeter, so braucht es dafür heute noch gut zwei Jahre. Ende des Jahrhunderts sollen die Pegel aktuell einen halben Meter höher stehen als heute … (vss.).

Arte France / © Georama TV©
Aufgeräumt am Straßenrand - ein zunehmend seltenes Bild nicht nur in skandinavischen Städten
Quelle: Sebleouf • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Verkehr | Kopenhagen & Co.

Rollback für E-Roller

Skandinavische Städte räumen auf

In Skandinaviens Städten ist das große Aufräumen angesagt. Oslo, Stockholm und Kopenhagen haben in diesem Jahr die E-Roller in ihren Städten merklich reglementiert und in einem Fall sogar praktisch komplett aus der Innenstadt verbannt. Den Anfang machte bereits Anfang des Jahres Dänemarks Kapitale Kopenhagen. Nachdem dort der Wildwuchs herumliegender Roller und zugleich die Zahl bedenklicher Verkehrsunfälle mit noch nicht herumliegenden Exemplaren immer mehr zunahm, verbot die Stadtregierung Anfang des Jahres das Parken und auch das bloße Abstellen von Rollern in der Stadt kurzerhand. Das Ergebnis: Nur Besitzer*innen eigener E-Roller sind zuweilen noch auf den Straßen zu sehen. Die weit verbreiteten Fun-Trittbrettfahrer*innen hingegen sind praktisch aus dem Stadtbild verschwunden – und mit ihnen de facto eigentlich auch die Roller.

Nicht ganz so radikal waren in diesem Sommer die beiden anderen nordischen Kapitalen Oslo und Stockholm. Stockholm verordnete den Betreiberfirmen für jedes ihrer Vehikel eine Art polizeiliches Führungszeugnis – für eine jährliche Gebühr von 140 Euro pro Stück. Ergebnis: Auch in Schwedens Hauptstadt ging die Zahl der Roller merklich zurück. Als letzte der drei zieht in diesen Tagen Oslo nach. Dessen eher linke Stadtregierung verordnete eine radikale »Diät« und eine Art »Nachtflug-«, pardon: »Nachtfahrverbot«. Erlaubt sind in Oslo ab Mitte September nur noch 8.000 Roller insgesamt (bisher waren es bis zu 30.000), die noch dazu gleichmäßig über die Stadt verteilt und stets in einwandfreiem Zustand sein müssen. Und die außerdem mit einer Art nächtlicher Wegfahrsperre versehen sein müssen, da insbesondere zwischen elf Uhr abends und fünf Uhr morgens die Zahl der Scooter-Unfälle rapide zugenommen hatte. Rund die Hälfte aller Unfälle geschah in dieser Zeit. Und die meisten der Fahrer*innen waren betrunken. Insgesamt verletzten sich allein im Monat Juli rund 400 Menschen bei Unfällen mit E-Scootern. Über Oslos Rollback-Maßnahmen entscheiden dieser Tage allerdings noch die Gerichte. Die Betreiberfirmen sehen sich in ihrer unternehmerischen Freiheit eingeschränkt. Die Stadtregierung sieht hingegen eher nicht rollerfahrende Bürger*innen zunehmend in ihren Freiheiten und immer öfter auch in ihrer Unversehrtheit eingeschränkt. Vielleicht sollte man da und dort auch noch mal über polizeiliche Führungszeugnisse für Fahrer*innen nachdenken. Und das wahrscheinlich längst nicht nur in Skandinavien … (sfo.).

Urban Artists | Günther Bauer

Schule(n) der Pandemie

Fotografisch begleitetes Home-Schooling

In regelmäßigen Abständen erheben sich die Wasserfontainen auf dem Frankfurter Rathenauplatz. Menschen haben auf den Sitzbänken Platz genommen und genießen die Sonnenstrahlen. Sie schauen auf die großen Fotografien, montiert auf mehreren Meter hohen Metallstelen. Ein ungewohntes Bild, ebenso wie das Thema der Fotos: der Schulalltag seit dem Ende des ersten Lockdowns 2020. Aufgenommen wurden die Bilder von Günther Bauer. Der seit Mitte der 80er Jahre in Frankfurt lebende Fotograf nennt sein Projekt »Wir vermissen euch! – Neustart an Frankfurter Schulen«. Im wahrsten Wortsinn ein Langzeitprojekt, für das er in den vergangenen Monaten Einblicke an sieben Lehreinrichtungen in der Stadt bekam. Die Schulporträts in Zeiten der Pandemie: Ein Zeitzeugnis – immer wieder schwankend zwischen Alltag und unfreiwilliger Komik. Und eine Referenz, wie unerlässlich es ist, flexibel und kreativ auf jede Veränderung reagieren zu können.

Bauer hat vieles gesehen und festgehalten. Da sind die Abiturient*innen der Helmholtzschule im Ostend; bereits der zweite Jahrgang, der unter erschwerten Umständen den Abschluss gemacht hat, und dennoch nicht auf eine Abi-Feier verzichten wollte. Die Dimensionen sind jedoch größer als in Vor-Corona-Zeiten – gefeiert wurde im Stadion. Bauer hat diesen Moment festgehalten. Ihm sei aufgefallen, dass die Lehrer viele Dinge für ihre Schüler möglich gemacht haben, um ihnen möglichst viel Normalität zurückzugeben. Mit dem Projekt angefangen hatte er an der Anne-Frank-Schule am Dornbusch, weitere Einrichtungen schlossen sich der Idee an, als er auf sie zugekommen sei. Bauer protokollierte Szenen des Alltags im Home-Schooling, das Lernen am Laptop, das Maskentragen im Unterricht, die Absperrbänder, die Wege in den Gebäuden vorgaben. In der Fotoserie treffen sich Dokumentation mit künstlerischem Anspruch. Gezeigt wird die Ausstellung am Rathenauplatz, weitere Fotos sind auf den Höfen von sechs der sieben Schulen ausgestellt – als Transparente oder auf Paletten befestigt. Ende September soll eine Publikation erscheinen, die neben den Fotografien auch Gedanken und Zeichnungen der Schüler enthält. Kooperationspartner ist Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt. Wer die Ausstellungen auf den Schulhöfen sehen möchte, wird gebeten, sich zuvor in den Sekretariaten der beteiligten Schulen anzumelden (alf.).

Sebleouf • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
Mit etwas Kreide ins Blickfeld gerückt
Quelle: Julia Krohmer©

Urban_Green [3] | Verkanntes Grün

Nicht mehr mit Füßen treten

Von Plant Blindness und Krautschauen

An das letzte Tier, das sie gesehen haben, erinnern sich die meisten Menschen. Und oft können sie es auch noch in allen Details beschreiben. Aber die letzte Pflanze? Vor dem Haus? Ein Baum halt. An der Straße? Eine Hecke. Und sonst? Die Form der Blätter, die Besonderheiten der Gehölze? Das können die wenigsten sagen. Viele nehmen Pflanzen lediglich als grünen Hintergrund oder »Straßenbegleitgrün« wahr. Die US-Botaniker*innen Elisabeth Schussler und James Wandersee prägten dafür den Begriff »Plant Blindness« (Pflanzenblindheit) – »die Unfähigkeit, die Pflanzen in der eigenen Umgebung zu sehen«. Ein BBC-Beitrag aus dem Jahr 2019 brachte auf den Punkt, warum dies gerade heute gefährlich ist: Es führt zur mangelnden Wertschätzung von Pflanzen – und zu einem begrenzten Interesse an ihrem Schutz und ihrer Bewahrung. Fatal gerade in Städten, wo wir Pflanzen dringend brauchen, um die Folgen des Klimawandeln abzumildern.

Doch dabei geht es nicht nur um Bäume und Hecken. Wer hinschaut, findet in unseren von Beton und Asphalt geprägten Städten fast überall Pflanzen. Sogar unter unseren Füßen. Zunächst springt einem dort zwar der Müll ins Auge, die Scherben und unzählige Zigarettenstummel. Doch dazwischen entdeckt man winziges, zähes Grün fast überall: zwischen Pflastersteinen, in Rinnsteinfugen und in Mauerritzen. Und nicht nur einfach Grün – sondern eine Vielzahl von Kräutern, Gräsern und Moosen, die sich an diese extremen Bedingungen angepasst haben und kleine Mikro-Ökosysteme für zahlreiche Insekten und andere Organismen bilden. Sie sind unbedingt einen zweiten Blick wert. Und immer mehr Menschen schauen inzwischen tatsächlich genauer hin. Dank der Aktion »#Krautschau«, eine − im wahrsten Wortsinn − Grassroot-Bewegung von Botaniker*innen und Pflanzenfans. Den Anfang machte in Frankreich der Toulouser Botaniker Boris Presseq, der ein neues Bewusstsein für die Präsenz von Wildpflanzen auf Gehwegen und überhaupt für die Natur in Städten schaffen wollte. Von dort kam sie über England, wo die Botanikerin Sophie Leguil ihr den Namen »More Than Weeds« gab, nach Deutschland. Auch hier hat sich neben #Krautschau auch der Hashtag #MehrAlsUnkraut etabliert. Beider Prinzip ist einfach: Jede/r, wer möchte, kann den pflanzlichen Kämpfernaturen in Mauern und unter unseren Füßen mit etwas Kreide Aufmerksamkeit verschaffen, dies fotografieren und im Netz teilen. Apps wie FloraIncognita (floraincognita.com) helfen auch Botaniklaien bei der zielsicheren Bestimmung dieser Kleinstflora, bei deren Vielfalt man gerne mal in die Knie geht: wegen ihres Wuchsortes, aber auch vor Bewunderung für die omnipräsenten Überlebenskünstlerinnen. Wer also verwunderte Blicke der Passanten nicht scheut, ist eingeladen, diesen Streifzug durch die städtische Mikro-Wildnis mit Gleichgesinnten zu unternehmen … (juk.).

Julia Krohmer©
Aktionstag: Frankfurts Innenstadt soll am 18. September ein Ideenlabor für die Stadt werden
Quelle: Johanna Moraweg / Making Frankfurt©

Making Frankfurt

Die Möglich-Macher*innen

Initiative für eine andere (Innen-) Stadt

Möglich machen – das ist das Ziel, mit dem die Initiative »Making Frankfurt« antritt. Stadt anders zu denken, Stadt anders zu gestalten, Stadt anders zu bespielen, Stadt anders zu leben – die Möglich-Macher*innen von »Making Frankfurt« wollen Räume schaffen, die dies alles für die Menschen in ihrer Stadt möglich machen sollen. Physische Räume ebenso wie Denkräume. Vor einem Jahr bespielte »Making Frankfurt« den Mainkai – um zu zeigen, was auf einer autofreien Straße alles möglich ist. Dieses Jahr, am 18. September, wurde die Innenstadt bespielt – als Raum neuer Möglichkeiten (fast) aller Art. Als Laboratorium für eine andere Stadt, bei dem und bei der jede/r mitmachen kann und sich jede/r angesprochen fühlen soll.

»Making Frankfurt« – das sind Stadtdenker*innen und Kulturschaffende, Tänzer*innen und Stadtplanende, Musiker*innen und Buchhändler*innen, Zeichner*innen und Tagträumer*innen, Agenturchef*innen und Ausstellungsmacher*innen, Architekt*innen und Pop-up-Künstler*innen, Journalist*innen und Designer*innen, Ideeninkubator*innen und Menschen, die noch gar nicht wissen, dass sie Ideen haben und umsetzen könn(t)en. Angetreten sind sie alle dafür, dass diese Liste noch viel länger, bunter und vielfältiger wird. Dass Stadt und Gesellschaft um sie herum anders, lebendiger und lebenswerter werden – so wie die Vielzahl der Menschen, die eine solche Stadt ausmachen. Und dass auf dem Weg zu einer gemeinsamen Stadt möglichst viele Menschen und ihre Ideen und Wünsche mitgenommen werden. Urban shorts – Das Metropole Magazin begleitet »Making Frankfurt« als Medienpartner und stellt nach und nach diese und andere Möglich-Macher*innen rund um diese Stadt herum vor. Den Anfang machte rund um den Aktionstag am 18. September eine Gruppe urban-kultureller Akteur*innen, die auch in irgendeiner Form an diesem Aktionstag beteiligt waren. Ein Mensch, der Räume denkt und öffnet. Eine Frau, die Kultur zu den Menschen liefert. Ein Duo, das buchstäblich Grundlagen für Neues und Anderes legt. Ein Mann, der Dinge sammelt und Künstler*innen damit arbeiten lässt. Porträts von Menschen, die sonst selten im Fokus der Berichterstattung stehen – und zugleich zeigen, dass jede/r selbst Möglich-Macher*in sein oder werden kann und das die Summe von ihnen Stadt verändern kann. Weitere Möglich-Macher*innen werden in den kommenden Monaten in loser Folge vorgestellt (red.).

Johanna Moraweg / Making Frankfurt©
Auch Kindern gehört die Stadt! Die Wiesbadener Wellritz-Straße, die kürzlich verkehrsberuhigt wurde
Quelle: Zeichnung: Sibylle Lienhard©

Impuls | Kidical Mass

Kids statt Kotflügel

Impuls-Kommentar von Katharina Knacker

Früher konnten Kinder noch auf den Straßen spielen und alleine zur Schule fahren oder laufen. Auch heute ist dies möglich. Allerdings wegen vieler Autos an und auf den Straßen ungleich gefährlicher. Katherina Knacker und die Initiative »Kidical Mass« fordern deshalb wieder mehr Platz und Sicherheit für Kids auf den Straßen, mit einer Neuverteilung des Raums und »Tempo 30« in Städten. Dafür macht »Kidical Mass« regelmäßig Fahrrad-Demos für Kids in Frankfurt und  in anderen Städten.  

In der Führerscheinprüfung gibt es die Frage 1.1/02-112: »In einem Wohngebiet rollt ein Ball vor ihr Fahrzeug. Wie müssen sie reagieren?«. Die (einzig mögliche) Antwort: »Bremsen«. Warum? Weil Kinder hinter dem Ball her rennen könnten. Diese Frage beantworten jährlich tausende Fahrschüler*innen, obwohl Kinder, die im Straßenraum Ball spielen, kaum noch zu finden sind. Vor wenigen Jahrzehnten war es noch möglich, sich spontan mit den Nachbarskindern vor der Haustür zu treffen. Heute ist dieser Platz durch immer mehr parkende Autos fast verschwunden. Und durch schnell fahrende Autos ist das auch viel zu gefährlich geworden für die Kids. Mit ein Grund zudem, dass sich lauf WHO im Jahre 2019 80 Prozent der Kinder in Deutschland zu wenig bewegt haben …

Dabei wäre alles sehr einfach. Eine gerechtere Platzverteilung im Straßenraum und Tempo 30 innerorts könnten unsere Städte auch für unsere Kinder wieder lebenswerter machen. Bei Tempo 30 passieren erwiesenermaßen weniger Unfälle und weniger schwere Unfallfolgen. Autofahrer*innen nähmen mehr Rücksicht auf Kinder, Gefahren könnten besser erkannt werden, es gäbe zudem weniger Lärm und Abgase. Dabei erhöht sich die Fahrtzeit im Gegensatz zu Tempo 50 nur geringfügig. Mit »Kidical Mass« demonstrieren wir mehrfach im Jahr, was möglich wäre. Mit Hunderten Kids radeln wir eine Stunde lang im kinderfreundlichen Tempo quer durch die Stadt. Start ist meist an Orten wie der Alten Oper oder dem Mainkai. Ziel sind Parks, an denen alle gemeinsam den Tag ausklingen lassen können. Ein Erlebnis immer wieder – für Kids, Familien und Freunde. Der Kinder-Fahrrad-Korso – der am 19./20. September 2020 auch erstmals bundesweit stattfand – ist allerdings eine angemeldete Demonstration, wird von der Polizei geschützt, und erfahrene Ordner*innen sichern Straßen und Kreuzungen. Denn normal ist es für Kids leider auch an einem Sonntag nicht, so sorglos durch eine Stadt wie Frankfurt zu radeln.

»Normal« ist in unseren Städten leider anderes. Aktuell toleriert unsere Gesellschaft »Blitzer-Meldungen«, die Autofahrer*innen nicht daran erinnern, dass es kein Kavaliersdelikt ist, zu schnell zu fahren, sondern davor warnen, wo sie für zu schnelles Fahren eine Strafe erhalten könnten. Auch das Parken an Kreuzungen oder Zebrastreifen ist gang und gäbe – obwohl es verboten und eine besondere Gefahr für kleine Menschen ist, die von den parkenden Autos beim Queren der Straße verdeckt werden. Von den vielen sonstigen Autos am Straßenrand mal ganz abgesehen. Während Anfang der 70er Jahre noch 92 Prozent der 6- bis 7-Jährigen selbständig zur Schule gingen, waren es 2018 nur noch 43 Prozent. Immer mehr Kinder werden von den Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren. Mit teils paradoxen Folgen: noch mehr Verkehr und vor den Schulen immer mehr gefährliche Situationen und Unfälle. Kommen Kinder hingegen zu Fuß, mit Roller oder Rad zur Schule, haben sie sich morgens schon bewegt, können sich besser konzentrieren und hatten schon schöne Erlebnisse mit Freunden oder Eltern, die sie begleiteten. Genauso paradox: Während die Anmeldungen in Sportvereinen immer mehr steigen, können Kinder immer weniger selbstständig zu diesen oder an andere Orte gelangen. Alles gute Gründe, mit neuen Regeln und bei der Neuverteilung des Platzes in den Straßen mehr an die Kinder zu denken. Denn auch ihnen gehört die Stadt! Und wir waren da schon mal weiter – wie die Fragen in den Führerscheinprüfungen belegen …

Zeichnung: Sibylle Lienhard©
Zum Kino-Schauen über den Rhein? Das Caligari in Wiesbaden ...
Quelle: Barbara Staubach / Caligari©

Brief aus Mainz (ucm.)

Wohnen im Programmkino?

Letzte Mainzer Programmkinos auf der Kippe

Kinos haben es schwer in diesen Zeiten. In Frankfurt musste das Berger Kino schließen. Zukunft ungewiss. Das Eldorado konnte gerade noch gerettet werden. Noch dramatischer in Mainz: Dort könnte sich die Zahl der Kinos in Kürze halbieren – von vier auf zwei. Besonders pikant: Immer öfter müssen in der Medienstadt Kinos Wohnungen weichen. Aber es regt sich Widerstand … 

Zwei Kinos, fünf Säle, 607 Sitzplätze und über 13.000 Cineast*innen, die für deren Erhalt kämpfen. So könnte man die Situation des »Capitol & Palatin« runterbrechen. Die Zukunft der letzten beiden und gemeinsam geführten Mainzer Programmkinos liegt aktuell in den Händen einer Baufirma. Sie ist neuer Eigentümer jenes Gebäudes im Bleichenviertel, in dem sich das Palatin und der Club »Alexander The Great« befinden. Doch der Bauträger ist nicht gerade als Kinoliebhaber bekannt. »Wir realisieren Ihre Wohnträume«, heißt es auf dessen Website – und genau das ist die Befürchtung vieler Filmbegeisterter. Noch hat sich die Firma nicht klar positioniert, will erst einmal ein Gutachten über den Zustand des Gebäudes erstellen lassen. Doch bereits 2017 musste in Mainz das »Residenz- und Prinzess-Kino« nach 60 Jahren weichen – für 31 Wohnungen eben jenes Bauträgers. Und ohne das Palatin wäre auch das Capitol kaum überlebensfähig …

Das wäre dann so ziemlich das Aus für die Mainzer Kinokultur. Schon 2017 waren es nur noch drei Programmkino-Betreiber – dabei hat die Landeshauptstadt eine große Lichtspielhaus-Geschichte. An Pfingsten 1906 wurde in der Flachsmarktstraße das erste Kino eröffnet. »Etablissement ersten Ranges« hieß es, und nur drei Monate später folgte »Webers Kinematograph«. 1909 eröffnete das »Union Theater« am Neubrunnenplatz, dessen Filmauswahl die lokale Presse als »Weltstadt Wunderprogramm« pries. 20 Jahre später ging der Vorhang im »UFA-Filmpalast« hoch: 1.200 Plätze hatte dieser zu bieten – wurde jedoch schon bald zum Propaganda-Instrument für die NSDAP. 1933 entstand schließlich das Capitol. Dafür wurde eigens eine alte Reithalle umgebaut. Seinen damals bereits feuerfesten Türen war es zu verdanken, dass es den Zweiten Weltkrieg überlebte – als einziges Kino in Mainz. Eine solche Brandmauer im übertragenen Sinne könnten Capitol & Palatin auch jetzt gut gebrauchen. Seit 2009 betreiben Jochen Seehuber und Eduard Zeiler beide Kinos. Immerhin gibt es eine Initiative »Capitol & Palatin erhalten!«, deren Petition über 13.000 Cineasten unterschrieben haben. Ein offener Brief wurde ebenfalls veröffentlicht und dem Bauträger und der Stadtspitze zugestellt. Kurzer Auszug: »eine Landeshauptstadt ohne Programmkino ist eine kulturelle Bankrotterklärung, erst recht für die selbsternannte ‚Medienstadt‘ Mainz!«. Zu den Unterzeichnenden gehören Vertreter*innen aus Kultur und Politik …

Capitol ohne Palatin – das war bereits in der Vergangenheit aus wirtschaftlichen Gründen kaum machbar. Ein einziger großer Kinosaal lässt sich in Mainz nicht betreiben. Wird das Gebäude des Palatin abgerissen, muss auch das Capitol schließen. Dabei laufen beide Kinos laut den Betreibern gut, auch die Corona-Krise habe man ohne gravierende Einschnitte überstanden. 2019 sei mit 90.000 Besucher*innen sogar das stärkste Jahr gewesen. Es müsste also ein gut laufendes Unternehmen schließen. Dutzende Kinobesucher*innen würden täglich wegfallen – ebenso der Restaurant-Besuch davor und die Drinks danach. Für Mainz ein Einschnitt: 1957 hatte die Stadt noch 14 Kinos, die Lichtspielhäuser in den Stadtteilen sind schon lange Vergangenheit. Was bliebe, wäre das kommunale Kino »CinéMayence«, in dem auch Filme abseits des Mainstreams gezeigt werden, und das Blockbuster-Kino »CineStar«. Zur Eröffnung des Capitol schrieb die lokale Presse einst von einem »Theater, das […] der Würde und der Bedeutung der Stadt Mainz weiteste Rechnung trägt. […] Mainz ist durch diesen Licht-Palast – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Sehenswürdigkeit reicher geworden.« In der Firmenbroschüre des Bauträgers heißt es: »Würde ich hier selbst einziehen, gilt seit jeher als Maßstab all unserer Projekte«. Genau das ist die Frage, die sich die Stadt und ihre Bürger*innen nun stellen müssen: Möchte man in einer Stadt sein, in der man zwar wohnen, aber nicht wirklich leben kann? (ucm.).