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Quelle: us. / Christina Kuhl / Feline Hammer©

Städte mit und für Menschen

Barcelona in Darmstadt

Initiative heiner*blocks für autoarme Viertel

In einigen Städten der Region wird derzeit fleißig experimentiert mit »autoarmen Vierteln«, um die Lebensqualität in diesen urbanen Zentren zu erhöhen. Neue Viertel werden von Anfang an »autoärmer« gedacht. Das Problem sind allerdings die bestehenden und gewachsenen Viertel, in denen Autos das Bild dominieren. In Frankfurt und Wiesbaden hatten zuletzt »Sommerstraßentage« eine Anmutung gegeben, wie Viertel, Plätze und Straßen auch aussehen könn(t)en. In beiden Städten wird weiter experimentiert, in Frankfurt etwa in den kommenden Wochen am Mainkai (s. Beitrag »Sommerstraßen wie in Stockholm«). Darmstadt scheint hier schon einen Schritt weiter zu sein. Für die aktuelle Legislaturperiode haben sich die Regierenden von Grünen, CDU und Volt ein erstes Modellviertel im Stadtzentrum vorgenommen. Rund um das zentrale Martinsviertel im Herzen der Stadt präsentiert derweilen die junge  Initiative »heiner*blocks« bereits seit einem Jahr Ideen und Pläne für ein solches autoarmes Viertel oder zumindest für den Weg dorthin. Sicher scheint zumindest eines: Nächstes Jahr soll es, wie aus der Stadt zu hören ist, mit einem Modellversuch losgehen. Mehr dazu auf der Seite URBAN.

us. / Christina Kuhl / Feline Hammer©
Alles dabei: Hof, Dach, Wald und Wiese
Quelle: Freiluftkinofrankfurt, Haus am Dom, Filmfest Weiterstadt, Bilderwerfer©

Viele Open-Air-Kinos

Auf Dächern, in Höfen, im Wald

Freiluftkinofrankfurt, Filmfest Weiterstadt & Co.

»Bilderwerfer« – der Name ist Programm. Nein, nicht dass das Publikum dabei mit Bildern beworfen wird. Diese werden, wie es sich für ein gutes Filmprogramm gehört, an die Leinwand geworfen. Diese steht auf der großen grünen Wiese vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof, welche zugleich der Tummelplatz für unzählige corona-gerechte Picknickdecken ist, auf denen sich ein buntes Publikum für eines der charmantesten Filmfestivals der Region niederlässt. Manche bringen auch Stühlchen mit (die man/frau dann aber eher am Rande aufbauen sollte), andere Weinflaschen und ein komplettes Picknick. Die »Bilderwerfer« sind eine der vielen großen und kleinen Filmhappenings, die in diesen Wochen als Reihen oder als mehr oder minder kohärente Festivals daherkommen. Und ob auf Dächern, in Hinterhöfen, auf Wiesen oder sogar (fast) mitten im Wald – FrankfurtRheinMain hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Zu den Klassikern zählen neben den Bilderwerfern – übrigens als eines der wenigen mit freiem Eintritt – auch das »Freiluftkinofrankfurt« im Alten Polizeipräsidium und das »Kino auf dem Dach« im oder genauer auf dem Haus am Dom, beide in Frankfurt. Doch es gibt auch Newcomer wie das ebenfalls auf Dächern spielende »High Rise Cinema« auf wechselnden Dachterrassen der Mainmetropole. Nicht ganz neu, aber immer wieder gerne gesehen, ist der »Filmsommer Mainz«, der traditionell hoch oben über der Stadt an der Zitadelle startet. Ebenfalls nicht ganz neu, aber auch noch nicht so bekannt, ist »Kino e Vino«, das ab Anfang August immer mal wieder den Hof der Parkside Studios in Offenbach bespielt. Nomen est omen: Es gibt Filme und Wein. Für den Geheimtipp unter den Freiluftkinos der Region allerdings muss man sich schon ein wenig aufmachen. Mitte August lädt das Filmfest Weiterstadt zum mittlerweile 46. Mal auf seine Lichtung am Waldrand von Weiterstadt bei Darmstadt. An fünf Tagen gibt es dort dafür dann allerdings wie jedes Jahr Kurzfilme satt – und das zuweilen auch noch bis tief in die Nacht. Immerhin: Zum Programmende steht jeweils ein kostenloser Shuttlebus aus der Wildnis zurück nach Darmstadt bereit … (vss.).

Projekt | Instant Karma

Künstler*innen-Landschaften

Mit Klaus Weddig zu Gast im Atelier Frankfurt

Eigentlich wollte Fotograf Klaus Weddig nur mal ein Viertelstündchen bei dem einen oder der anderen Nachbar*in im Atelier Frankfurt vorbeischauen. In Corona-Tagen, um gerade in diesen Zeiten mit der Kamera mal die Stimmung(en) einzufangen, in denen sich die Kolleg*innen gerade zu befanden. Was sie so machten, wie sie mit diesen Zeiten so umgingen. Doch bald merkte er, dass er mehr aus diesen Besuchen machen sollte. Er wollte die Momente nutzen, in dieser fast still stehenden »Zeit des Dornröschenschlafes« nicht nur Stimmungen, sondern auch das künstlerische Schaffen der Kolleg*innen einzufangen. »Landschaften mit Künstler*innen« nennt er das, was dabei herausgekommen ist. Panoramen des Kreativseins – im Schaffen wie zuweilen auch im Nicht-Schaffen – sind entstanden; zusammengesetzt jeweils aus vier oder fünf Fotos als Panorama-Aufnahmen. »Künstler*innen unter sich« sozusagen. 24 Landschaftspanoramen mit Künstler*innen sind bisher entstanden. 24 Künstler*innenporträts und gleichsam ein kleiner virtueller Gang durch das Atelierhaus. »Instant Karma« ist der Titel einer kleinen Ausstellung, zu der die einzelnen Künstler*innen auch noch kurze Texte beigesteuert haben. Als Ganzes ist sie derzeit auf den Webseiten des Ateliers und des Fotografen zu sehen. Einen Auszug daraus zeigt Urban shorts – Das Metropole Magazin. Weddig wird die Arbeit außerdem fortsetzen. Motive gibt es genug: Im Haus sind immerhin über 200 Künstler*innen zu Hause … (vss.).

Freiluftkinofrankfurt, Haus am Dom, Filmfest Weiterstadt, Bilderwerfer©
Politik mit Augenmaß: Ticket für alle, Tankrabatt nur bei Bedarf für Landbewohner*innen
Quelle: vs.©

Leitartikel | Umdenken bitte

Prioritäten statt Privilegien

Zeitenwende erfordert auch Politikwende

Manchmal versuchen wir, uns beim Schreiben ein wenig in die Rolle derer zu versetzen, über die wir schreiben. Zum Beispiel in die Rolle eines Bundesfinanzministers. Zugegeben: Als Journalist*innen, Stadtbewohner*innen sowie Rad- und ÖPNV-Fahrer*innen würden wir wohl versuchen, das Neun-Euro-Ticket zu erhalten, und die Künstlersozialkasse (eine Sozialversicherung für Künstler*innen und Publizist*innen) sowie den Pauschalunkostenabzug für Journalist*innen vielleicht auch. Allerdings hätten wir es leichter als ein Porsche fahrender, gut verdienender und Konzernen nahe stehender Finanzminister, der im Einsatz für E-Fuels und Tankrabatte sowie gegen Neun-Euro-Ticket, Tempolimit und die Streichung netter Privilegien für Besserverdienende und Dienstwagenfahrer*innen schnell Kritik erntet. Unser Vorteil wäre, dass das Neuner-Ticket nicht nur der Umwelt dient, sondern auch von jeder/m zweiten Bundesbürger*in genutzt wird und diese derzeit spürbar entlastet. Auch bei Radwegen stünde bzw. führe wohl eine breite Mehrheit der Bevölkerung hinter uns, besitzt doch statistisch Jede/r hierzulande ein Rad. Und bei Sozialversicherung und Steuervereinfachungen für Kulturschaffende könnten wir zumindest auf Billigung derer hoffen, die in diesem Jahr und auch grundsätzlich schauen müssen, wie sie über die Runden kommen …

Da hat es der aktuelle Finanzminister schwerer. Das verstehen wir, auch wenn wir wenig Verständnis dafür haben. Womit wir beim Thema wären: Debatte und Geschichte des Neun-Euro-Tickets zeigen, dass in Berlin einige Politiker noch nicht in der »Zeitenwende« angekommen sind, von der sie gerne reden. »Zeitenwende« nämlich erfordert auch Um- und Neudenken. Diese ganz besonders. Klima, Krieg und Corona: Die Deutschen stellen sich auf schwierige und ungemütliche Zeiten ein. Viele müssen – und erstaunlich viele wollen – sich einschränken. Klima, Krieg und Corona haben bei vielen auch das Bewusstsein entstehen lassen, dass Wirtschaft, Wachstum und Wohlstand nicht alles sind. Freiheit, Sich-Bescheiden, Solidarität und der Blick auf das Wesentliche gewinnen an Bedeutung. Da passen Tausch- und Klientelpolitik nicht mehr. »Dein Ticket, mein Tankrabatt« ist in Zeiten des nun weniger Machbaren nicht mehr zeitgemäß. »Kein Rabatt, kein Ticket« schon gar nicht. Mehr Solidarität sowie der Blick fürs Ganze und die Schwächeren (und das werden in diesem Jahr nicht gerade wenige sein) sind angesagt. Das Land braucht einen Politikwechsel und zumindest für die nahe Zukunft einen Fokus auf Familien und Alleinerziehende, Normal- und Geringverdienende, Renten- und Sozialhilfe-Empfänger*innen. Zwei Beispiele: Gerade in diesem Frühjahr haben deutsche Großunternehmen mit die höchsten Dividenden der Geschichte ausgeschüttet. Gleichzeitig erhalten viele Führungs- und hochdotierte Fachkräfte oft nicht gerade kleine Dienstwagen, die sie gegen eine Pauschalbesteuerung auch privat nutzen können (obwohl deren überbordende Technik eine Trennung erlauben würde). Gegen beides ist grundsätzlich nichts zu sagen. Doch nicht in dieser Zeit. Fahrzeuge und Privatnutzungen werden von Steuerzahler*innen mitfinanziert. Allein Privatnutzungen mit bis zu sechs Milliarden Euro pro Jahr. Gleichzeitig fehlt angeblich Geld für ein Neun-Euro-Ticket. Oder für eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um zehn Prozent, obwohl viele Waren gerade um bis zu 30 Prozent teurer wurden. Wobei es hierbei um Beträge geht, die schon vor dem Krieg nicht einmal für die Tankfüllung eines Dienstwagens gereicht hätten. Statt dessen wird gerne darauf verwiesen, dass die Inflation bei Hartz IV ja eingerechnet werde. Stimmt, aber erst mit Verzögerung von eineinhalb Jahren. Gleichzeitig werden Steuersenkungen erwogen, die bei Menschen über 600.000 Euro Einkommen 1.000 bis 2.000 Euro ausmachen, bei normalverdienenden Familien oder bei Geringverdienenden aber nur in homöopathischen Dosen ankommen. Wobei eigentlich allen klar sein müsste, dass in der gegenwärtigen Situation Einmalzahlungen jeden Steuersenkungen vorzuziehen sind. Erstere entlasten Schwache stärker. Bei Letzteren wäre es genau umgekehrt. Und das wäre sogar die noch schlechtere Botschaft als ein Tauschhandel …

Ein Ticket, das für zehn Milliarden Euro der Umwelt dient und die Hälfte der Bevölkerung in diesen ungemütlichen Zeiten entlastet, sollte da eigentlich ein No-Brainer sein. Dass die andere Hälfte, vornehmlich auf dem Land, davon weniger profitiert, sollte kein Ausschlusskriterium sein. Sondern Ansporn, für eben diese eine Art Tankrabatt bis zum nächsten Bahnhof zu schaffen – aber nicht einzelne Stadtbewohner*innen mit Bahn- und Tankrabatt doppelt zu fördern und nicht Landbewohner*innen partout mit dem Auto bis in die Innenstadt fahren zu lassen. Zumal alles durchaus finanzierbar wäre (s. Beitrag »Wo ein Wille, da ein Ticket«). Doch gerade die Kombi aus Ticket- und Tankrabatt zeigt(e), wie oftmals doppelt und dreifach und noch dazu unsinnig gefördert wurde. Politikstil von gestern, wenn man so will (und wenn das Wort »Stil« hier überhaupt passen würde). Das ist, als würde man einen Garten mit Bäumen, Blumenbeeten und Rasen zwei Mal komplett mit Schlauch und Gießkanne wässern – und dann noch den Rasensprenger über den gesamten Garten rieseln lassen. Und das, obwohl das Wasser knapp ist und die Temperaturen hoch sind. Doch am Ende hat niemand etwas davon, wenn das gesamte Wasser alle ist – oder der Garten absäuft. Jede/r gute Gärtner*in hingegen würde Schlauch, Gießkanne und Rasensprenger gezielter einsetzen – und schon gar nicht nur die Tannen wässern, weil er/sie eine besonders gute Beziehung zum Verband der Weihnachtsbaumverkäufer*innen unterhält. Und nein: Es wäre in diesem Falle auch keine gute Begründung, dass eine Mehrheit der Deutschen einmal im Jahr Weihnachtsbäume kauft … (vss.).

Zukunft des Verkehrs

Der Blick von unten

Wie Kids sich Mobilität wünschen

Die Stadt Frankfurt arbeitet derzeit mit ihren Bürger*innen einen »Masterplan Mobilität« aus. Teil der Bürger*innen-Beteiligung sind auch Planspiele und Befragungen an Schulen. Gemeinsam mit dem Verein »Umwelt lernen« wurden an 35 Schulen fast 1.800 Kids einbezogen. Die Vorstellungen der Schüler*innen präsentier(t)en sich in eigenen Schaubildern, umfangreichen Auswertungen sowie einem eigenen Podium beim 3. Frankfurter Mobilitätsforum.  

Gut, ein Wunsch Frankfurter Schülerinnen und Schüler wird sich nicht so leicht erfüllen: dass Autos und E-Roller sich einfach in Bäume verwandeln. Doch sonst haben fast 1.800 Kids, die sich in 35 Schulen an einem Planspiel zur künftigen Mobilität in der Mainmetropole beteiligt haben, nicht nur klare und naheliegende, sondern auch realisierbare Vorschläge. Und das erstaunlich differenziert und begründet. Ganz oben auf allen Listen: günstigere ÖPNV-Tickets, mehr Grün in der Stadt und vor allem mehr Platz und mehr Sicherheit für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer*innen. »Wenn mehr mit dem Bus fahren, ist mehr Platz auf den Straßen«, war ein Argument, warum Tickets günstig oder kostenlos sein müssten. Und zwar nicht nur für Oberstufen-Schüler*innen, die überraschenderweise oft ihre Tickets selbst bezahlen müssen. Genauso wichtig ist ihnen die Sicherheit am Straßenrand, »weil Autos oft zu schnell sind«. Also Brücken statt Zebrastreifen, längere Grünphasen an Ampeln, Schwellen vor Überwegen, mehr Kreisel oder breitere und baulich abgetrennte Radwege. Und: weniger Mülltonnen dort, weil sie – völlig überraschend – die Sicht verdecken.

Da Kids durchaus eine ganz andere Sicht auf den Verkehr haben, bekamen sie beim 3. Frankfurter Mobilitätsforum Anfang Juli im Haus am Dom eine eigene Ausstellung mit »ihren« Ergebnissen (s. Bildergalerie) und eines von drei Podien alleine für sich. Und auf dem Podium zeigten alleine zwölf Schüler*innen aus vier Schulen sehr schnell, was ihnen wichtig ist. Nicht nur der Blick auf den Verkehr stand im Fokus: mehr Bäume, mehr Blumen, »straffreies Urban Gardening«, überhaupt mehr Grün und Plätze zum Spielen und »zum Abhängen« (nicht nur für sich), forderten sie ganz allgemein ein. Aber auch beim Blick auf die Straße(n) gab es Prioritäten: weniger Autos auf der Fahrbahn und am Straßenrand, bis hin zu einer völlig autofreien Berger Straße. Und immer mit einem besonderen Blick für die Schwächeren: Erstaunlich viel Raum bekamen Hilfen für Rolli-Fahrer*innen und Blinde (»Die können ja nichts für ihre Behinderung. Deshalb müssen wir uns für sie einsetzen.«). Zwischendrin auch die Forderung nach weniger Ausgrenzung von Obdachlosen. Null Verständnis gab es für schmale Gehwege und vor allem für herumliegende E-Roller. Doch nicht nur diese Art von »Müll« würden Kids gerne aus dem Stadtbild verbannen. Auch sonst ist es ihnen viel zu viel Unrat auf und neben den Straßen. Und auch Busse und Bahnen bekommen ihr Fett weg. Die Kids, die schon quasi »von Berufs wegen« Busse, Bahnen und Fußwege nutzen, finden es überall zu dreckig, wünschen sich weniger klebrige Kaugummis sowie Busse, Bahnen und Gehwege, bei denen es mehr Spaß mache, sie auch zu benutzen. Denn eines ist auch ihnen erstaunlich klar: Es reicht nicht, nur einfach mehr Menschen in den ÖPNV, auf Rad- und Fußwege zu bringen. Diese müssten auch in der Lage sein, sie aufzunehmen. Ach ja, und an noch jemanden denken die Schüler*innen. Kostenlos müsse nicht alles sein. Denn auch die, die dort im ÖPNV und bei der Straßenreinigung arbeiteten, »müssen ja auch was verdienen …«. Manchmal hatte man das Gefühl, dass auf Podien ein »Blick von unten« auf den Verkehr öfter nicht unbedingt schaden würde … (vss.).

vs.©
»Der vor uns liegende Streckenabschnitt ist leider noch durch die Bundesregierung belegt«
Quelle: Veronika Scherer (vs.)©

Impuls | Umsteuern bitte

Wo ein Wille, da ein Ticket …

Wie das Neun-Euro-Ticket finanzierbar wäre

Es gibt wohl wenige Beiträge, für die es so viele schöne Überschriften gäbe oder bereits gibt. »Ticket sucht Anschluss«, »Umsteuern bitte«, »Warum einfach, wenn …«, »Das Geld liegt auf der Straße«, »Wo ein Wille, da ein Ticket« oder einfach »Zahlen, bitte …«. Zugegeben: Die erste Idee haben wir uns von der Süddeutschen ausgeliehen, und die anderen hatten bestimmt auch schon andere wortfindige Kolleg*innen. Was aber lediglich zeigt, dass eine Fortsetzung des Sommermärchens Neun-Euro-Ticket Charme hätte, manche Probleme lösen würde und entgegen vieler Unkenrufe wohl auch mach- und finanzierbar wäre. Selten nämlich hatte ein Sparpaket der Bundesregierung politisch wohl so viel Sinn gemacht für Umwelt und Gesellschaft, so viel Entlastung in teuren Zeiten gebracht und obendrein auch noch reichlich Spaß gemacht. Okay: Ticketkontrolleur*innen müssten umschulen. Aber sonst sind wenig Kollateralschäden bekannt. Selbst die sonst so kritischen Deutschen schauen bei dem Preis- und Spaßfaktor großzügig über Missstände hinweg. Und das alles bei derart überschaubaren Kosten: Selbst der skeptische Verkehrsminister kommt beim Nachrechnen nicht auf mehr als zehn bis zwölf Milliarden Euro pro Jahr für das Ganze …

Gegenstimmen? Okay, eineinhalb. Zum einen die des Bundesfinanzministers. Aber der ist bekanntlich voreingenommen, weil von Berufs wegen gegen vieles, was Geld kostet. Und die andere halbe Stimme kommt von eben jenem Parteikollegen und Verkehrsminister, der aber zumindest zuletzt schwankte, sich sogar eine zweimonatige Fortsetzung und eine ausführliche Prüfung im Herbst vorstellen konnte. Nun, normalerweise kommt von Finanzministern immer die Aufforderung, »Gegenfinanzierungen vorzuschlagen«, wenn ihnen ein Projekt missfällt. Damit es nicht am Ende daran scheitert, hätten wir hier schon einmal ein paar alternative Gegenfinanzierungsideen mit Geld, das im Bundeshaushalt bereits vorhanden ist. Das Öko-Institut und das das Umweltbundesamt – das eine sitzt auch in Berlin, das andere ist eine Bundesbehörde, könnten also schnell zu Rate gezogen werden – haben etwa letztes Jahr in zwei Studien zwei recht dicke »Batzen« im Bundesetat gefunden, die ihrerseits etwas mit Verkehr zu tun haben, nicht unbedingt umweltfreundlich sind – und fast schon reichen würden, das Neun-Euro-Ticket alleine zu finanzieren. Das wären zum einen die Privatnutzung von Dienstwagen, die laut Berechnungen des Öko-Instituts den Bund jährlich bis zu sechs Milliarden Euro kostet. Und es wäre die Pendlerpauschale, welche die gleichen Kosten verursacht und zumindest bei einem Teil der Klientel über das Neun-Euro-Ticket eigentlich auszugleichen wäre (mehr dazu weiter unten). Doch damit nicht genug: In ähnlichen Größenordnungen bewegen sich auch die Förderungen für Diesel und Flugbenzin, die zu streichen mit über 16 Milliarden Euro alleine das gesamte Paket finanzieren könnten (wobei hier teilweise die Mithilfe der EU notwendig wäre). Nimmt man gar beides zusammen, kommen unterm Strich Minimum 25 Milliarden Euro pro Jahr heraus. Damit ließe sich nicht nur das Neun-Euro-Ticket finanzieren, sondern gleich noch der ÖPNV fit machen für den Ansturm an Fahrgästen und die Regionen für einen Anschluss an das dann deutlich bessere Netz. Und es wäre wahrscheinlich noch genug Geld übrig, um allen, die dann tatsächlich auf dem Land noch einen Anschluss an den nächsten Bahnhof per Auto brauchen, noch einen Tankrabatt zukommen zu lassen. Dann würde das Ganze sogar fast schon nach einem Verkehrs-Wende-Konzept aussehen – und würde zwei Ministern vielleicht auch die Hauptrollen im etwas schiefen Remake von »Die Zwei von der Tankstelle« ersparen …

Ach ja: Die Zahlen sind übrigens nicht neu. Sie waren – zusammen mit noch ein paar weiteren Zahlen und Vorschlägen – vor genau einem Jahr schon einmal an dieser Stelle zu lesen. Damals ging es noch darum, das Klima zu retten und die Verkehrswende voranzubringen. Fragt sich: Wie viele Gründe braucht man(n) im Bundeskabinett noch, um Zeitenwenden nicht nur zu verkünden, sondern vielleicht auch mal praktisch umzusetzen? Klima, Umwelt und rund 30 bis 40 Millionen Ticket-Besitzer*innen würden sich ganz sicher freuen über dieses Paket. Und niemand müsste sich mehr Gedanken machen, ob sich 19, 29 oder 69 Euro als Alternative anböten … Apropos 69 Euro. Für ungefähr dieses Geld kann man in Österreich durchs ganze Land fahren. Als dies letztes Jahr verkündet wurde, hielten Verbandsfunktionäre hierzulande dies für kaum übertragbar auf Deutschland. Nun schlagen die gleichen Funktionäre es als ihr eigenes Nachfolgemodell vor. Ihnen könnte die Politik jetzt noch etwas entgegenkommen. Dann würde für beide gelten: Wo ein Wille ist, ist am Ende auch ein Ticket … (vss.).

Beste Bücher aus aller Welt

Von den Anden bis Wuhan

Ausgewählt von Litprom - Weltempfänger

Urlaubszeit ist nicht nur Reise-, sondern auch Lesezeit. Genau der richtige Moment, in einer neuen Zusammenarbeit von Litprom – Literaturen der Welt und Urban shorts – Das Metropole Magazin einen kleinen Strauß frischer und lesenswerter Bücher aus aller Welt vorzustellen. Sie kommen aus Chile und China, aus Japan und Israel, aus Mexiko, Brasilien und Argentinien. Sie handeln von Politik, von Geschichte, von Gesellschaft(en) und Gegenwart(en), vor allem aber von Menschen und ihren Schicksalen in vielen Teilen des globalen Südens zwischen Mittelamerika und Ostasien. Der Verein Litprom, der sich seit mehr als 40 Jahren Büchern und Autor*innen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt widmet und diese vor allem durch Übersetzungen fördert, präsentiert seine Bestenliste vier Mal im Jahr mit jeweils sieben neuen Übersetzungen aus diesen Teilen der Welt. Zum Durchklicken sind sie künftig auch als kleine, sehr spezielle Lesetipps auf Urban shorts – Das Metropole Magazin zu lesen … (red.).