Baum pro toto
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

Region | Veranstaltungen

Ich glaub’, wir steh’n im Wald

Ein Boom grüner Aktionen und Ausstellungen

Selten war so viel Baum und Grün wie derzeit. Zugegeben: Nicht gerade im Frankfurter Stadtwald. Der gleicht eher einer Intensivstation als einem Biotop. Und auch nicht mitten in den urbanen Zentren der Region. Die sind und bleiben zunehmend versiegelt. Doch zumindest gesellschaftlich und künstlerisch gibt es gerade zahlreiche engagierte (Wieder-) Belebungsversuche. Gleich drei Ausstellungen in Bad Homburg und Frankfurt laden derzeit in den Wald ein. Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain hat rundherum um so viel »Waldnis« ein ganzes »Wald«-Programm geflochten. Die Kulturregion FrankfurtRheinMain kürte derweil ihre »Blühenden (Lieblings-) Gärten«. Es vergeht obendrein kaum ein Wochenende ohne »Offene Gärten« oder bis vor kurzem auch ohne eine »Pflanzentauschbörse«. Und Anfang Juni eröffnete nun auch Frankfurts erste kleine »Stadtfarm«. Da wundert es kaum, dass der Stadt Mainz dieses Jahr mehrere Dutzende zu verschenkende Bäume binnen Tagen fast buchstäblich aus den Beständen gerissen wurden. Bereits nach wenigen Wochen bat die Stadt darum, keine Anträge mehr zu stellen … (red.).

Veronika Scherer (ver.)©
Momente, Mediales, Menschen – Ein Stadtpavillon als Ort vielfältiger Begegnungen
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

ORTE & MENSCHEN

Offenbachs temporäre Mitte

Der improvisiert-improvisierende Stadtpavillon

Es ist ein Ort, der temporär improvisiert wurde und an dem ein Jahr lang permanent improvisiert wird. Der Offenbacher »Rathaus-Pavillon«, der vielleicht besser »Stadt-« oder »Bürger*innen-Pavillon« heißen sollte, bietet Bürger*innen und Bike-Fahrenden, Kids und Künstler*innen Räume zum Sich-Finden und zum (Sich-)Ausprobieren – Labor und Experimentierfläche für neues Miteinander von Menschen in Innenstädten. Zumindest bis Sommer. Dann muss der Bau erst einmal saniert und ertüchtigt werden. 

Das graue, flache Gebäude-Ensemble fügt sich eigentlich schon seit Jahren im wahrsten Wortsinn »unspektakulär« in den grauen, flachen Platz vor dem grauen, zur Abwechslung mal sehr hohen Offenbacher Rathaus in der – nun ja – auch etwas grauen, flachen Offenbacher Innenstadt ein. Alles wirkt fast ein wenig wie eine Zeitkapsel aus den Siebzigern. Zugegeben: Architektur-Gourmets würden von einem perfekten Zusammenspiel brutalistischer Beton-Architektur sprechen. Weniger kulturell Bewanderte eher von einem Ensemble, dessen bevorzugtes Schicksal es lange war, einfach unbeachtet in der Gegend herumzustehen. Wohl nicht ganz von ungefähr war hier in dem grauen, flachen Ensemble lange ein »Polizeiladen« einquartiert …

Doch seit ein, zwei Jahren ist hier Leben eingekehrt. »Stadtraum«, »Radraum«, »Jugendraum« – Die Idee klingt beim ersten Hören fast etwas akademisch. Auch Sunny, der gerade Fotografien an Drahtseilen im schwarz-getünchten Inneren des niedrigen »Stadtraums« im linken Teil des Ensembles hinter den großen Glasfassaden aufhängt, vermutete mal wie so viele andere Passant*innen vor ihm auch, dass in den drei Räumen des kleinen Glaspavillons etwas von und mit der HfG, der Offenbacher Kreativenschmiede Hochschule für Gestaltung, passieren würde (mehr lesen).


Beispiel Oeder Weg: Straßen mit weniger Autos laden oft zum Verweilen und Einkaufen ein
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

Geschäfte | Autos weg, Umsatz weg?

Auch Radler*innen geben Geld aus

Ein Gastbeitrag von Professor Dennis Knese

Lange galt in Geschäftsstraßen dieser Welt das Mantra: Je mehr Autoparkplätze, umso mehr Umsatz. Doch seit sich in immer mehr Städten Einkaufsstraßen zu autofreieren Zonen wandeln, häufen sich Studien, die eher von mehr als von weniger Umsatz berichten. Und nicht selten scheint die Mär von zahlungskräftigen Autofahrenden auffällig mit der Verkehrsmittelwahl der Händler*innen selbst zu korrelieren. Ein Gastbeitrag zum Thema von Prof. Dennis Knese (UAS Frankfurt).  

Ein Mittwochnachmittag in Frankfurt am Oeder Weg. Beschaulich liegt die langgestreckte Einkaufsmeile im Nordend mit den kleinen Cafés, Kiosken und Bistros, den Läden für Blumen, Bücher und Kinderkleidung sowie den Apotheken und Reinigungen in der Sonne. Auf der rotmarkierte Straße sind seit einiger Zeit deutlich mehr Radfahrer*innen unterwegs als früher. Im Supermarkt und beim Shop Zeit für Brot herrscht gerade emsige Betriebsamkeit. Und viele Menschen schlendern, eilen, verweilen dazwischen. Im Nordend sieht man, wie sich solche Straßen zuletzt verändert haben. Während heute auf jedes Auto auch ungefähr ein Fahrrad kommt, waren es vor einigen Jahren noch doppelt so viele Autos wie Fahrräder. Bummeln und Shoppen – Das hieß damals für viele, mal eben ins Auto hüpfen und mit diesem in die Stadt hinein. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nehme ich das Fahrrad, egal ob per Pedes, mit Elektrohilfe oder als Lastenkahn? Nehme ich Bus, U-, S- oder Straßenbahn, oder fahre ich gar Tretroller? Was sich aber noch nicht geändert hat: die Mär, dass dies das Ende der Geschäfte wäre, weil einzig Autofahrende Geld ausgeben würden. Sicherlich ist das Auto nicht unverzichtbar, lässt sich ein Sofa doch weniger komfortabel – aber nicht unmöglich – mit (Lasten-)Rad oder ÖPNV transportieren als eine Tüte Lebensmittel. Doch die Erfahrung lehrt: bei den meisten Einkäufen in der Stadt geht es selten um Waren des langfristigen Bedarfs wie Möbelstücke … (weiter lesen)

Veronika Scherer (ver.)©
Übersehen konnte man Straßenbahnen in der Mittelmeermetropole Montpellier noch nie wirklich
Quelle: Magnus Manske / IngolfBLN • CC BY-SA 2.0 (s.u.)©

Blaupause | Montpellier

Einsteigen und losfahren

Stadt schenkt Bewohner*innen ÖPNV

Straßenbahnen in Montpellier sind schon seit geraumer Zeit etwas besonderes. Nicht nur, dass einige von ihnen zu den buntesten und farbenprächtigsten Exemplaren in ganz Europa zählen dürften. Wer einmal in der südfranzösischen Mittelmeer-Metropole war, weiß auch, dass Montpellier eine der wenigen Städte ist, in der man mit der Straßenbahn fast bis an den Strand fahren kann. Zumindest bis an die »Etang« geheißenen Wassergebiete ganz nahe am Meer. Für wen das ein Grund ist, nach Südfrankreich umzuziehen, der oder die haben seit einem halben Jahr noch mehr Freude an den Trams. Seit kurz vor Weihnachten ist Montpellier die größte Stadt Europas mit kostenlosen Bussen und Bahnen – zumindest für ihre Bewohner*innen. Rund eine halbe Million Menschen in und um Montpellier dürfen seither den ÖPNV der Stadt ohne Ticket nutzen. In dieser Größenordnung absolut einmalig in Europa.

Rund 40 Millionen Euro lässt sich die Stadt das Fahrvergnügen ihrer Bürger*innen pro Jahr extra kosten. Der Großteil dieser Ausgaben sei, so die Mobilitätsdezernentin, aber schon wieder eingespielt. Montpellier profitiert dabei davon, dass es eine französische Boomtown am Mittelmeer ist – und dass in Frankreich Städte ansässige Unternehmen ab elf Mitarbeitenden an den Kosten für den örtlichen ÖPNV beteiligen dürfen. Da Montpellier seit Jahren wächst, immer mehr Unternehmen anzieht und jedes Jahr rund 8.000 Menschen sich neu in der Stadt ansiedeln, spült diese Steuer jedes Jahr viele Millionen Euro in die Kassen der Stadt. Für die Unternehmen, so die Dezernentin, sei diese Infrastruktur neben dem Meer und der fast garantierten Sonne ein echtes Plus für ihre Mitarbeiter*innen, wie Umfragen ergeben hätten. Nicht von ungefähr sind die Nutzerzahlen für das recht gut ausgebaute Netz von Bussen und Bahnen im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten gerade in den letzten Monaten um rund 25 Prozent gestiegen. Und es hilft gegenzusteuern, denn mit den Zugezogenen stieg zuvor auch jedes Jahr die Zahl der neu zugelassenen Autos um mehrere Tausend. Unternehmen sind übrigens nicht die einzigen, die in Montpellier noch zahlen. Auch die nach Südfrankreich kommenden Tourist*innen zahlen weiterhin ihr Billet. Verkehrsexpert*innen aus aller Welt schauen aber mittlerweile schon mit großem Interesse auf das Experiment im Süden Frankreichs. Bisher nämlich waren es vor allem kleinere Städte wie zum Beispiel Tallinn in Estland oder das ebenfalls französische Dunkerque / Dünkirchen, die mit einem kostenlosen ÖPNV experimentiert haben. Gerade wirtschaftsstarke Städte denken dabei ebenfalls an eine Art Mobilitätsabgabe wie in Frankreich. Zuletzt machte auch um den Jahreswechsel herum Frankfurts Verkehrsdezernent mit dieser Idee von sich reden. Bisher ohne Erfolg. Wobei es an den zuziehenden Wirtschaftsunternehmen und der steigenden Einwohner*innenzahl nicht liegen kann. Vielleicht fehlt aber irgendwie noch die direkte Verbindung zum Meer. Und die Sonne vielleicht auch des Öfteren … (sfo.).


Das Crespo Haus - viel Platz für Kultur und Begegnung
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

Best of | Räume

Wo Kultur neu zu Hause ist

Crespo-Haus & Museum Reinhard Ernst

Kultur muss sparen. Das hört man in jüngster Zeit wieder öfter. Städte und Gemeinden müssen nach Corona wieder die Rotstifte auspacken. Und die, so scheint es, scheinen vielen Stadtkämmerern oft am besten zur Kultur zu passen. Umso erfreulicher, dass in der Region gerade in dieser Zeit durch außergewöhnliches privates Engagement zwei neue, ebenso außergewöhnliche Kultur-Häuser entstehen: in Frankfurt das Crespo-Haus, zu dem die Stadt mit einem 50er-Jahre-Sanierungsfall den Grundstein legte, und in Wiesbaden das gänzlich neue Museum Reinhard Ernst, bei dem nur das Grundstück der Stadt gehört und das praktisch komplett privat finanziert wurde durch den Unternehmer gleichen Namens. Doch auch in Frankfurt wurde das neue Haus nur möglich durch das posthume Engagement der verstorbenen Wella-Erbin Ulrike Crespo – selbst begeisterte und zuweilen begeisternde Fotografin –, aus deren Stiftungsvermögen das neue Haus komplett grundsaniert wurde und nunmehr auch betrieben wird.

Was beide Häuser neben zwei sehr ansprechenden Architekturen eint, sind hohe, wenn auch fast diametral gegensätzliche Ansprüche. Hier das neue, fast futuristische Museum Reinhard Ernst im Herzen von Wiesbaden, das sich als (künftiger) Leuchtturm und selbsternanntes »Kompetenzzentrum für abstrakte Kunst« positionieren will. Lee Krasner, Ernst Wilhelm Nay, Günther Uecker, Kenneth Noland – Schon die Eröffnungsausstellung »Farbe ist alles!« dürfte ein Who is who der abstrakten Kunst werden; bestückt ausschließlich aus dem Fundus des Stifters selbst. Dazu eine Hommage an den vor wenigen Tagen verstorbenen Architekten Fumihiko Maki, welcher den abstrakten Meisterwerken (s)ein Museum regelrecht auf den Leib geschneidert zu haben scheint. »Für eine menschliche Architektur« ist diese zweite Schau überschrieben – und schlägt damit geradezu die Brücke zu dem anderen neuen Haus in Frankfurt. »Menschen stark machen« war das Motto, das Ulrike Crespo ihrer gleichnamigen Stiftung und indirekt auch dem neuen Haus auferlegt hat. Menschen durch Kunst und durch kulturelle Bildung stärken, ihnen die Chance geben, Persönlichkeit(en) zu entwickeln, ist der Auftrag des Hauses und der mit gut 12 Millionen Euro pro Jahr gut ausgestatteten Stiftung. Ein Stück weit fließt das Geld in dem weiten und lichten Crespo-Haus, das vor allem aus viel Luft zum Atmen zu bestehen scheint, in Projekte und Veranstaltungen, die dort stattfinden sollen oder die von dort aus gesteuert und noch mehr als bisher gefördert werden sollen. Kultur und Soziales soll mit den Projekten sehr konkret verbunden werden. Abstrakt ist hier wenig. Jugendliche sollen gefördert und gefordert werden, wie schon Anfang Juni ein sehr offener »Social Dreaming Day« sehr lebhaft illustrierte. Zusammenleben soll befördert werden, wie etwa die Unterstützung für die migrantische Plattform »Amal« unterstreicht. »Kultur-Schaffende« in vielerlei Sinn sollen ebenfalls dort buchstäblich Raum erhalten. »Eine gläserne Werkstatt« nannte es Crespo-Vorständin Christiane Riedel kurz nach dem Einzug. Nicht von ungefähr besteht das Haus aus vielen großen Fensterfronten – und einer nach außen offenen Freitreppe. Eine Architektur, welche das Innere nach außen trägt. Das wiederum hat das sehr offene Crespo-Haus mit der streng abstrakten weißen Kubenlandschaft des Museums Reinhard Ernst auf eine sehr eigene Art und Weise gemeinsam …  (vss.).

Veronika Scherer (ver.)©
Im Uhrzeigersinn: Kirsten Flagstad, Peter Christen Asbjørnsen, Edvard Munch, Sigrid Undset - Vier Künstler*innen, die bis vor wenigen Jahren noch vier von fünf norwegischen Banknoten schmückten
Quelle: Norwegische Zentralbank©

Blaupause Kultur | Norwegen

Eine Allianz fürs Leben

Oslo fördert Künstler*innen Jahrzehnte

Skål! Die Gläser klingen. Der Toast gilt dem norwegischen Maler Kenneth
Varpe. Er hat ein vom norwegischen Staat finanziertes Stipendium erhalten. Der flachsblonde Mann mit den hellen Augenbrauen und dem gewinnenden Lächeln strahlt. »Das Stipendium macht mich frei«, sagt Varpe. »Es ist nun schon mein zwölftes Jahresstipendium in Folge. Mein erstes erhielt ich 2012. Seitdem kann ich mich voll und ganz auf die Weiterentwicklung meiner Kunst konzentrieren. Die langfristige Künstler*innenförderung hier in Norwegen hat mir ermöglicht, meine Malerei konzeptuell und technisch konsequent weiterzuentwickeln – ohne dass meine Kunst instrumentalisiert wird.«

Bereits seit 2006 kann sich Kenneth Varpe ganz auf seine Kunst konzentrieren. Bedingt durch eine recht einmalige Art von Kunstförderung hier im hohen Norden Europas. Seit 2006 muss Varpe keiner fachfremden Tätigkeit mehr nachgehen, um als Künstler überleben zu können. Durch frühere und die mittlerweile regelmäßigen Stipendien ist er trotzdem nicht allein auf den Verkauf seiner Werke angewiesen. Das meint er auch, wenn er von »Instrumentalisierung« spricht – nämlich, dass ein Künstler sich nach einem Markt richten müsse. Varpe müsse dies nicht. Und dies komme, so der Künstler, seiner Kunst sehr zu Gute. So habe er über einen langen Zeitraum Malerei immer wieder neu denken können. Varpe beschäftigt sich mit der Substanz, aus der Kunst besteht: eine politische, philosophische, aber aus seiner Sicht auch eine ganz praktische Frage. Daher macht er künstlerische Materialien zum Motiv seiner Bilder. Angefangen hat er mit Malerband, Ton und Gips als Motiven. In den letzten Jahren wurde seine Malerei zunehmend bunt, es geht um die Materialität von Farbe. Großformatige, abstrakte Malereien, deren Thema üppige, pastose Farben sind. Man merkt, dass Varpe in der Tat offenbar weniger nachdenken muss, wie (verkäuflich) seine Kunst ankommt.

Norwegen – ein Land, dass durch seine Ölvorkommen vor der Küste eine gewisse Sonderstellung in Europa einnimmt und zu den reichsten des Kontinents zählt – geht einen recht eigenen Weg bei der Förderung von Kunst. Mehr als andere Länder sichert es seine Künstler*innen ab, vor allem mit zahlreichen Stipendien mit bis zu zehn Jahren Förderdauer. Ziel der staatlichen Stipendien ist ein garantiertes Einkommen für Künstler*innen, um ihnen wirtschaftliche Sicherheit zu geben, ihre künstlerische Tätigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg zu entwickeln. Vergeben werden die Stipendien von verschiedenen Organisationen. Die Höhe der staatlich geförderten Gelder variiert je nach der Organisation. Am höchsten dotiert sind die Stipendien des »Kulturrådet«. Sie entsprechen etwa 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in Norwegen. Die anderen Vergabe-Organisationen orientieren sich zumindest an diesem Wert. Die staatlichen Stipendien gibt es für unterschiedliche Förderzeiträume. Es gibt Stipendien über ein, zwei oder drei Jahre, aber auch Fünf- oder gar Zehn-Jahres-Förderungen. Die Stipendien sind dazu gedacht, gezielt verschiedene Karrierephasen von Künstler*innen zu unterstützen. Absolvent*innen können kürzere Laufzeiten beantragen, erfahrenere Künstler*innen erhalten oft Planungssicherheit durch langfristige Förderungen über fünf oder zehn Jahre. Nach Ablauf können sich Künstler*innen ohne Sperrfrist direkt erneut auf ein Stipendium in der gleichen Laufzeit bewerben. So kann die gesamte Künstler*innenkarriere unterstützen werden.​

In dieser Förderlogik haben Bildende Künstler*innen im Verlauf ihrer Karriere insgesamt zwei Mal Anspruch auf ein 10-Jahres-Stipendium, erweitert gilt ab dem 56. Lebensjahr ein spezielles Stipendium für erfahrene Künstler. Dieses Stipendium können Künstler*innen jährlich bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahre erhalten. Die Förderquote für staatliche Stipendien liegt in Norwegen bei etwa 10 Prozent. Soll heißen: etwa jeder zehnte Antrag wird angenommen. Über das Vergabeverfahren der norwegischen Stipendien berichtet Varpe, dass die Entscheidungen auf der Grundlage von künstlerischer Qualität und Aktivität getroffen werden. Weite und weiche Kriterien, die viel Spielraum erlauben. Werkproduktion und Ausstellungstätigkeit können ein Kriterium sein, aber Recherchen, künstlerische Prozesse, Experimente und das Aneignen neuer Techniken gelten in gleichem Massen als förderungswürdig. Von den Auswahlgremien, die von Kunstschaffenden besetzt werden, wird eine möglichst vielfältige Zusammensetzung angestrebt: nach Alter, künstlerischem Ausdruck und geografischer Zugehörigkeit innerhalb Norwegens. Das Gremium selbst wird auf zwei Jahre bestellt. Für Varpe ist die breite und offene Künstler*innen-Förderung eine Investition in die Zukunft des Landes. Künstlerische Experimente und Künstler*innenkarrieren zu fördern, läge für ihn im Interesse der Allgemeinheit und müsse daher von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Kunstförderung unter den Prinzipien von Wettbewerb und Exzellenz lehnt er ab. »In dieser Förderlogik gibt es meist nur Raum für das, was ohnehin bereits Aufmerksamkeit hat. Neues kann so gar nicht erst entstehen«, sagt er. Und ergänzt: »Klar, der Impact einer solchen Kunstförderung ist ökonomisch nur schwer zu überprüfen, da Experimente auch scheitern können. Aber wer kann die Welt von morgen vorhersehen? Keiner! Daher dürfen nicht nur Bereiche und Themen unterstützt werden, die bereits erfolgreich sind …« (lkr.).


Viele Fäden in der Hand – Doch sehr selten stellt Nazim Alemdar sich wirklich in den Mittelpunkt
Quelle: Barbara Walzer©

SERIE • MÖGLICH-MACHER*INNEN

Offen für alle, die offen sind

Nazim Alemdar: Gibt's nicht gibt's nicht

Eigentlich könnte Nazim Alemdar die berühmte Atlas-Figur des Bildhauers Gustav Herold, die auf der Spitze des Hauptbahnhofes steht, aus dem Schaufenster heraus sehen. Eigentlich. Denn die Fensterfronten seines weit über Frankfurt hinaus bekannten Kultkiosks »Yok Yok«, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite an der Adresse Am Hauptbahnhof 6 befindet, sind mit Aufklebern übersät. Aufkleber, die Kunden und Passanten daran aufgebracht haben. »Das hat sich so schon am alten Standort in der Münchner Straße entwickelt«, erzählt Alemdar. Als sie im vergangen Jahr mit ihm und dem Kiosk an den Hauptbahnhof gezogen seien, ging es dort mit den Aufklebern weiter. Täglich schaue er aber, dass an den Schaufenstern nichts klebt, was in irgendeiner Weise dem rechten Spektrum zugeordnet werden könne. »Hier«, so Alemdar, »gibt es keinen Platz für Nazis und für Dealer«. Das Yok Yok sei ein Ort, der offen ist für alle, die offen sind …

Die »Sticker-Wall«, wie sie heißt, bekommt auch an diesem Tag »neues Futter«. Alemdar, den alle nur Nazim nennen, steht hinter dem Verkaufspult im Kiosk, in dem 22 Kühlschränke mit Getränken vor sich hin brummen. Obwohl es noch früher Nachmittag ist, schauen bereits viele Gäste vorbei und unterhalten sich mit dem Inhaber, den die meisten seit langem kennen, quasi mit ihm und seinem Kiosk an den Hauptbahnhof »umgezogen« sind – Menschen unterschiedlicher Berufe und gesellschaftlicher Schichten, Künstler*innen, Studierende, Banker, Anwälte, Eintracht-Fans oder einfach Reisende. Die Gäste, wie er sie nennt, sind für ihn auch Familie. Nicht wenige sehen es ähnlich. Respekt begleitet ihn, wenn er hier, am vielleicht schwierigsten Punkt des schwierigen Bahnhofsviertels vor die Tür tritt. Einige verweilen an dem Nachmittag an den Tischen, die direkt vor der Tür stehen – mitten im Trubel, der rund um den Bahnhof herrscht und genießen die zugleich besondere Atmosphäre des Ortes und des Viertels. Das »Yok Yok«, was aus dem Türkischen übersetzt so viel heißt wie »Gibt’s nicht – gibt’s nicht«, ist ein Treffpunkt, ein Ort, an dem Begegnung und Austausch möglich ist, aber auch ein Platz, der zeigt, dass das Bahnhofsviertel nicht nur Kriminalität und Drogenkonsum ist. Und: eine Institution, obwohl erst Monate an dieser Stelle …

Auch »Nazim« ist eine Institution. Jemand, der Menschen zusammenbringt. Verbindet. Ein Gefühl für Orte hat. »Die Tische, die draußen stehen«, so Nazim, »stammen noch aus einem alten Fischgeschäft aus der Münchner Straße. Die waren ganz früher sogar mal Hoflieferant«, erzählt Alemdar, der Ende der 1970er Jahre nach Deutschland kam und das Bahnhofsviertel sehr gut kennt. In früheren Jahren habe er dort einen Großhandel für VHS- und Musikkassetten gehabt und habe die Produkte von Kopenhagen bis nach Sydney vertrieben. Das Internet habe aber alles verändert. Aber am Ende auch dazu geführt, dass er das »Yok Yok« in der Münchner Straße eröffnet habe. Als Vorsitzender des im Bahnhofsviertel ansässigen Gewerbevereins macht er sich für ein Miteinander im Viertel stark. Dafür, dass sich Menschen mit Respekt begegnen. Die Menschen schätzen seine offene Art, auf jeden zuzugehen und sie miteinander zu verbinden, durch Gespräche. Und durch die Kunst, die auch in den Räumen am Hauptbahnhof ihren Platz gefunden hat – in der »Treppengalerie«, wie er sie selbst nennt, hinter dem Verkaufsraum. Kunst – und das dürften längst nicht alle seiner Gäste hier im Schatten des Hauptbahnhofs wissen – gehört zu Nazim wie Kiosk. Ausstellungen haben im »Yok Yok« Tradition. Gerade denen, die nicht in Museen hängen, gab er schon immer Raum. Und sei es nur eine Wand. Bereits in der Münchner Straße, wo er 2008 eröffnet hatte, gehörte die Kunst mit dazu, ließ er Wände bespielen. Legendär seine Dependance in der Fahrgasse. Mitten in der Frankfurter Galerienstraße mischte er einen etwas besseren Kiosk mit einem Kunstort. Jeder Zentimeter Wand wurde zur Ausstellungsfläche: Fotografien, Zeichnungen, Malerei. In einem sehr viel feineren Ambiente, auf den dunkelgrünen Wänden, mit dem Schreibtisch als Theke, den Fensterbänken als Sitzgelegenheit. Auch Konzerte in Anlehnung an die 1920er gab es dort. Ein Hauch von Bohème. Fast eine Ironie des Schicksals, dass er ging, als sich in der Galerienstraße die Cafés, Eisdielen und Biertastings ausbreiteten. Ein Hauch dessen, was die Fahrgasse war, ist auch wenige Meter vom Yok Yok entfernt, das lauschige Parkcafé Yok Yok Eden, das er mitinitiiert hatte, wenn auch nicht selbst betreibt. Auch dort gab es Musik und Lesungen unter Bäumen. Was die Ausstellungen anging, seien es rückblickend wohl bisher an die 70 Schauen gewesen – und das soll immer weitergehen. Viele Frankfurter Künstler wie den 2018 verstorbenen Max Weinberg habe er in den vergangenen Jahren gezeigt. »Ich fühle mich auch als ein Teil der Frankfurter Kunst- und Kulturszene«, beschreibt er es. Viele aus dieser Szene würden das sofort unterschreiben. Paradox: Sein Name steht wahrscheinlich in keinem Kunst- und Kulturführer der Stadt. Und doch hat er mehr Frankfurter Künstler*innen Raum gegeben als viele Bekanntere. Und das mit sehr bescheidenen Mitteln. Nur mit viel Wohlwollen …

»Deutschland hat mir viel gegeben und ich habe hier ein tolles Leben«, betont Nazim Alemdar. »Volles Leben« wäre wohl auch nicht falsch. Für ihn sei es aber wichtig, auch wieder etwas zurückzugeben. Sein Credo laute, alles, was er mache, von Herzen zu tun und Negatives in Positives umzuwandeln und aktiv mitzugestalten. Was die Drogenproblematik im Viertel betreffe, so wünsche er sich ein Frankfurter Modell 2.0., unter anderem mit mehr sicheren Räumen für den Konsum. Es sei außerdem wichtig, die Integration stärker zu fördern und nicht immer nur zu fordern. Sagt’s und geht raus und zeigt uns, was »wir« hier um die Ecke in der Kaiserstraße gerade wieder alles vorhaben. Weniger Autos, mehr Sicherheit, Sitzgelegenheiten – Kleinigkeiten, für die er sich tagein, tagaus einsetzt. Rührig im besten Sinne. Viele Politiker*innen reden gerne, was sie im Bahnhofsviertel tun (würden). Alemdar handelt. Einen Traum, den hat er noch. Ihn erzählt er, wer ihn lange kennt. »Ein, zwei Jahre eine Halle, ein altes Gebäude bespielen. Muss nichts besonderes sein. Für einen Platz, an dem Menschen sein können, reden, tanzen, Kunst sehen, trinken …«. Noch hat er einen passenden Ort noch nicht gefunden … (alf.).