Wenn Bestand wenig zählt

Viele vertane Chancen

Buch über das Alte Polizeipräsidium

Es ist fast ein Mahnmal, wie Städte und Gemeinschaften nicht mit ihrem (Bau-) Bestand umgehen sollten. Das Alte Polizeipräsidium – einst ein stattliches Landmark im Stadtbild der Main-Metropole – ist über zwei Jahrzehnte hinweg von Stadt und Land in eine Ruine verwandelt worden. Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis ein Käufer und neuer Besitzer gefunden wurde. Bis auf das vordere Hauptgebäude – fast könnte man sagen: bis auf die Fassade –, wird der weitläufige Gebäudekomplex nun abgetragen. In einigen Jahren wird hinter dieser Fassade dann ein neuer Komplex aus sehr viel Büro-, einigen Hotel-, Wohn- sowie ein paar Gemeinschaftsflächen stehen. Neues Landmark des Areals wird ein Hochhaus. »Lost Place / Verlorener Ort« haben denn auch vier Fans des Alten Polizeipräsidiums ihr Buch genannt, in dem sie dem alten Landmark ein publizistisches Denkmal setzten. Zahlreiche Fotos zeigen eindrucksvoll, wie sonst eigentlich nur Bauspekulanten ein Ensemble verfallen lassen können. Texte von Stadtführern, Journalisten und ehemaligen Mitarbeitern der alten Gemäuer (warum auch immer übrigens ausschließlich Männer) fügen den vielfach melancholischen Bildern noch einige gut gesetzte Fußnoten über das einstige Leben in den alten Mauern hinzu. Ein Buch als Hommage auf etwas, was kein Ruhmesblatt für Stadt und Land ist. Nur ein Bruchteil der Gebäude und der »grauen Energie« (des verwertbaren Bestandes) werden bewahrt. Nur ein Bruchteil des Areals kommt Gemeinschaft oder bezahlbarem Wohnraum zu Gute. Gerade beim Streit um den Verkauf zeigte sich auch, wie wenig oft »die Politik« auf ihre Sonntagsreden von Stadt-Entwicklung für Menschen gibt. Das Land, in dessen Besitz das Areal war, wollte einen möglichst hohen Preis erzielen. Die Stadt, die davon wenig hatte, hat ausgerechnet hier am lautesten nach bezahlbarem Wohnraum gerufen. Man darf gespannt sein, wie sehr dieser Ruf bei anderen Großbaustellen auf ihrem Terrain nachhallt. Immerhin: Das Alte Polizeipräsidium hat mit »Lost Place« noch einen würdigen Nachruf erhalten, ein ebensolcher Nachfolger ist bisher nicht wirklich in Sicht … (vss.).


Viele grüne Oasen wie hier im Grüneburgpark halten Städte wie Frankfurt am Leben
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

Städte brauchen Grün

Ein Stück überholte Politik

Straße statt Wald - heute noch zeitgemäß?

Grün ist eine wichtige Lebensgrundlage in unseren Städten. Nicht von ungefähr lobt sich die Stadt Frankfurt gerade sehr für einen neuen Rennbahn-Park im Westen der Stadt. Im Osten, am anderen Ende, schickt sie sich allerdings gerade an, Wald zu vernichten. Und zwar, um eine neue Schneise für Autos auf einer Autobahn zu schaffen. »Ein gewaldiger Fehler«, findet unsere Autorin Julia Krohmer. 

Städte brauchen Grün. Großstädte brauchen noch mehr Grün. Ansonsten, so die einfache Wahrheit in Zeiten des Klimawandels, würden sie früher oder später unbewohnbar. Grundsätzlich sind Städte mit ihren dichtbebauten Zentren nämlich wahre »Wärmeinseln«. Mit diesen Stadtzentren sind sie bis zu zehn Grad heißer als ihr Umland – und das derzeit vor dem Hintergrund der ohnehin schon allgemeinen Erwärmung im Zuge des Klimawandels. Frankfurt etwa verzeichnete in diesem erneuten Extremsommer 2022 – ein Sommer, der sehr wahrscheinlich bald das neue Normal werden wird – wieder fast 100 Tage mit Temperaturen über 25° Celsius. Und davon wiederum 44 »heiße Tage« mit Höchsttemperaturen über 30° Celsius. Vor allem für ältere Menschen, für Kleinkinder und für Menschen mit (Vor-) Erkrankungen ist das ein Problem, denn ihr Organismus kann sich schlechter an die hohe Wärmebelastung anpassen. Was also tun? Stadtverwaltungen auf der ganzen Welt zerbrechen sich aktuell die Köpfe, wie sie ihre Städte in Zukunft kühlen und damit nicht nur lebenswert, sondern teilweise überhaupt bewohnbar halten. »Nature based solutions« – Lösungen, die auf der Natur basieren – sind hier der vielversprechendste Ansatz, da sie oft effizienter und ökologischer sowie meist kostengünstiger sind als technische Lösungen. Eine der wirkungsvollsten Maßnahmen ist »grüne Infrastruktur«, also vor allem die schlichte Erhöhung des Grünflächenanteils. Kurzum: mehr Wald, mehr Parks, mehr Rasen, mehr begrünte Fassaden. Damit wird parallel auch noch die biologische Vielfalt gefördert, um die es bekanntermaßen vielerorts auch nicht gut steht … (mehr lesen).

Veronika Scherer (ver.)©
Das MUDAM - ein Zentrum für Kultur und Kulturschaffende in Luxemburg.
Quelle: Jean-Noël Lafargue • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Blaupause Kultur | Luxemburg

Großherziges Grundeinkommen

Großherzogtum sichert seine Kulturschaffenden ab

Eigentlich ist es ein ganz normales Künstlerleben, wie das so vieler Künstler*innen an vielen Orten in Europa. Paul Schumacher ist Videokünstler und lebt in Luxemburg. Sein Metier ist die Event-Kunst, als VJ und mit Video Mapping hat er sich einen Namen gemacht. Seine Arbeiten zeigt er vor allem im kleinen Großherzogtum selbst: Projektionen im öffentlichen Raum, Kooperationen mit Bühnen, in Theatern oder beim Tanz. Er bespielt renommierte Orte wie die Philharmonie und das »Mudam«, das Museum für zeitgenössische Kunst. Und er arbeitet mit internationalen DJs wie Sven Väth, Westbam oder Tomcraft. Doch ganz normal werden viele Kolleg*innen das Künstlerleben des Paul Schumacher nicht empfinden – zumindest nicht außerhalb des kleinen Fürstentums. Schumacher kann es nämlich entspannt angehen. Bereits seit zehn Jahren nutzt er eine Luxemburger Besonderheit der Kulturförderung: die Möglichkeit, sein Einkommen mittels einer speziellen Sozialhilfe für Kulturschaffende aufzustocken. Das sichert ihm immer ein Grundeinkommen von rund zweieinhalbtausend Euro. Auch dann, wenn – wie in diesem Metier üblich – die Einnahmen schwankend sind. In manchen Monaten jagt ein Event das andere, in anderen sind nur wenige Tage des Kalenders belegt. Der Künstler aber hat die Sicherheit, immer sein Existenzminimum zu erreichen und zuweilen auch einmal bezahlten Urlaub machen zu können. Und das Ganze ist auch akzeptiert: Er muss dafür nicht angestellt sein. Anders als in Deutschland, wo Jobcenter ausschließlich in sozialversicherungspflichtige Jobs vermitteln, ist es in Luxemburg möglich, als Kreative*r einfach freiberuflich tätig zu sein und eine Aufstockung zu erhalten. Und das auch über lange Zeiträume … (mehr lesen).


Beispiele aus dem Architekturmuseum, wie man im Bestand Neues schaffen kann ...
Quelle: Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©

Im Fokus: Graue Energien

Bauen mit dem, was da ist

Ein Special und eine Ausstellung

Gebäude verursachen weltweit 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes. Er entsteht zu großen Teilen bereits beim Bau, bei Gewinnung, Transport und Verarbeitung der Materialien und deren Entsorgung. In Zeiten des Klimawandels ist der Verlust dieser »Grauen Energie« ein Problem, vor allem durch Abriss und Neubau von Gebäuden. Urban shorts widmet ein Special auf den Seiten URBAN und STADT dem Bauen mit Bestand, das Graue Energie weiternutzt. Anlass ist die Ausstellung »Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand« im Deutschen Architekturmuseum. Wobei Bauen im Bestand eigentlich gar nichts Neues ist … 

Schon in der Antike war es gang und gäbe. Ob Griechen oder Römer – immer wieder wurden Ruinen alter oder eingestürzter Gebäude buchstäblich als Steinbruch für neue Bauten benutzt. Besonders beliebt waren Säulen oder Kapitelle, die als Zitat oder als Baumaterial weiterverwendet wurden. Aber auch schnöde Steinquader wurden oft wiederverwendet. Die alte justinianische Zisterne Konstantinopels nahe der Hagia Sophia ruht auf unzähligen, meist korinthischen Säulen verschiedenster Herkunft. Auch im Mittelalter wurde die Tradition fortgesetzt. Die Baumeister Karls des Großen haben sich bei der Kapelle der Aachener Kaiserpfalz gar in Ravenna bedient. Und bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden in vielen mitteleuropäischen Städten Abrissgenehmigungen nur erteilt, wenn zuvor der Bestand ausgewertet und gegebenenfalls für eine weitere Verwertung gesichert worden war. Erst im Zeitalter der Industrialisierung kam dieses Wiederverwerten aus der Mode.

»Graue Energie« heißt jene Energie, die bei der Entstehung eines Gebäudes gebündelt wird. Jener Energiebedarf also, der in der Herstellung, dem Transport, der Verwertung und Verarbeitung sowie letztlich in der Entsorgung eines solchen Baus steckt. Am Lebenszyklus eines Gebäudes macht sie rund 50 Prozent der Energie aus … (mehr lesen).

Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©
Die Frankfurter Gruneliusschule: Umbauen im Bestand, das Schule machen kann
Quelle: Karsten Ratzke / Public Domain©

Impulse | Frankfurt baut um

Graue Energie weiternutzen

Ein Gastkommentar von Sylvia Weber

Viel zu oft werden in Städten alte Gebäude durch mehr oder minder schicke Neubauten ersetzt. Nicht selten ist dies Unsinn – zuvorderst ökologisch, oftmals sozial und am Ende auch ökonomisch. Frankfurts Bau-Dezernentin Sylvia Weber plädiert für ein Umdenken und nimmt auch die eigene Verwaltung in die Pflicht. 

Bereits seit über einem Jahrhundert gehen im Frankfurter Stadtteil Oberrad Schülerinnen und Schüler in die Gruneliusschule. Mittlerweile aber ist der mehrfach erweiterte Komplex um das turmartige Schulgebäude von 1907 trotz Renovierungen in die Jahre gekommen – und damit auf meinem Schreibtisch als Bau- und Schuldezernentin gelandet. Längst sind Lehrräume nicht mehr zeitgemäß, ist die Sportversorgung bestenfalls noch eine Turnhalle und das Ganze energetisch eine Katastrophe. Deshalb sollte die Schule abgerissen und neu gebaut werden. Doch dann kam der Ortsbeirat mit dem Wunsch, den Turm zu erhalten. Er sei mit der markanten Erscheinung und seiner Geschichte wichtig für die Identifikation der Bürger*innen mit ihrem Ortsteil. Wissend, wie wichtig Identität für Bewohner*innen eines Stadtteils ist, haben wir uns mit Schulgemeinde und Eltern erneut zusammengesetzt und einen neuen Plan erdacht: Wir erhalten den Turm und einen Großteil der alten Schule, werden drinnen um- und drumherum an- und weiterbauen. Alle Beteiligten sind überzeugt, dass wir das zu eng gewordene Erbe der Stifterfamilie Grunelius in ein zeitgemäßes Schulgebäude transformieren können, welches Raum gibt für neue pädagogische Ansätze bei weitgehendem Erhalt des Bestandes. Zumal der Erhalt von viel sogenannter »grauer Energie« auch ökologisch Sinn macht. Untersuchungen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der Energie, die wir in die Herstellung von Gebäuden gesteckt haben, erhalten bleiben kann, wenn wir nicht abreißen. Nimmt man alles zusammen, ist es am Ende sogar ökonomischer, mit Bestand zu bauen … (mehr lesen).

Frankfurt | Stadtentwicklung

Kleine Park-Oasen

Parklets erobern die Innenstädte

Holz, etwas Farbe, Pflanzen und Bücher. Es braucht nicht viel, aus einem klassischen Parkplatz für Autos einen Ruhe- und Begegnungsort für Menschen zu machen. In aller Welt sprießen solche Parklets derzeit an den Straßenrändern. In Frankfurt ist kürzlich das erste Parklet der Stadt entstanden. Und es hat bereits Nachahmer*innen gefunden. 

Bockenheim hat seit einigen Monaten ein Parklet. Ein Parklet? Aus der Ferne betrachtet, sieht der vollgelbe Farbklecks aus wie eine Skulptur inmitten von parkenden Autos am Straßenrand. Aus der Nähe offenbart sich das ungewöhnliche Holzkonstrukt allerdings als kleine Oase mitten im sonst blechernen Großstadtdschungel. Das verbaute Holz bildet verschiedene Stufen, welche rundherum Sitzgelegenheiten bieten. Vier Holzlatten zu einem Rechteck verbaut ergeben zudem eine Art Kübel, in den Blumen gepflanzt worden sind. Eine Art von Regal hin zum Trottoir wiederum bietet den Nachbar*innen Platz zum Abstellen oder Ablegen. Für Bücher oder einen Kaffee. Und das alles auf einem ehemaligen Parkplatz am Straßenrand. Was einst Standfläche für tote Materie war, haben Bürgerinnen und Bürger des Viertels über einige Wochen hinweg flugs in eine lebendige Verweil- und Begegnungsfläche für Menschen umgewandelt …

Das Parklet in Bockenheim ist nur eines von vielen, wie sie derzeit in vielen Städten auf dieser Welt an den Straßenrändern aus dem Boden sprießen. Auf einer Fläche von meist etwa 12 Quadratmetern, die vorher Autos vorbehalten war. Das Parklet in Bockenheim war das erste in Frankfurt. Sein Weg begann dabei in der Bockenheimer Nachbarschaft, nicht in der Politik. Gemeinsam gründeten engagierte Bürger*innen die Initiative »Bockenheim außer Haus«. Frühzeitig hatten sie gemerkt, dass es in der Mainmetropole ein massives Missverhältnis gibt. »Ein massives Missverhältnis in der Flächennutzung«, wie es Sabrina Wirtz von der Nachbargemeinschaft ausdrückt. Frankfurt belege mit einer Bevölkerungsdichte von 3.077 Einwohnern pro Quadratkilometer den fünften Platz im Ranking der am dichtesten besiedelten Städte Deutschlands. Und es ist eine Stadt mit viel zu vielen Autos im öffentlichen Raum. Rasch fanden sich in der Gemeinschaft rund 130 Menschen zusammen, sammelten Geld und begannen die Gespräche über die Planung und das Umsetzen einer Idee. So wie eine grüne Pflanze auf einem kleinen Tischlein eine vormals kahle Wohnung schnell aufmöbeln kann, sieht es auch bei den Parklets aus: Mit Stadtmöbeln, Pflanzen & Co. könne auch eine Stadt belebt werden. Das Grau des Asphaltes wird mit Grün bekämpft, die leeren Gehwege mit Sitzgelegenheiten. Parklets schaffen damit einen einladenden Raum für Begegnungen. Das Bockenheimer Parklet war in der Hinsicht gut gewählt, denn die Bürger*innen entschieden sich für einen Parkplatz direkt vor einem Paketshop in der Jordanstraße. Ein Ort, an dem früher alles schnell vonstatten ging. Mittlerweile habe sich das etwas geändert, erzählt Wirtz. Anstatt Pakete und Post schnell abzuholen, plaudern viele Nachbar*innen jetzt am Shop auch mal ein paar Worte miteinander. Oder genießen die Entspannungsmöglichkeit in dem so dicht besiedelten Viertel. Dieses neue Gefühl von Gemeinschaft sei es auch, auf das es bei dem Parklet und bei der Initiative »Bockenheim außer Haus« ankomme. Nicht von ungefähr organisiert die Gruppe auch seit dem vergangenen Jahr sogenannte »Sommerstraßen«, bei denen jeweils für einen Tag eine der Straßen des Viertels autofrei gemacht und für einige Stunden buchstäblich bewohnt wird. Eine Idee, die es mittlerweile auch in anderen Vierteln der Stadt gibt. Ebenso wie Parklets. Jüngste Beispiele sind seit einigen Wochen bereits in der Innenstadt entlang der Braubachstraße gesichtet worden … (luc.).


Barcelona - einst das erste LNG-Terminal Spaniens
Quelle: Port of Barcelona©

Optionen für einen Wandel

Wind, Sonne und Häfen

Spanien - ein europäischer Energiepark?

Rund die Hälfte der deutschen Energie kam bisher aus Russland. Um diese Abhängigkeit abzubauen, schaut man in den Nahen Osten, tauscht aber damit womöglich nur einen Krieg führenden und Menschenrechte verletzenden Diktator gegen einen anderen. Klüger könnte es sein, den Blick Richtung Iberische Halbinsel oder sogar weiter auf den afrikanischen Kontinent zu wenden. 

Spanien ist, was seine Energieversorgung angeht, weiter und nachhaltiger unterwegs als viele andere Teile Europas. Rund ein Drittel der spanischen Energie kommt bereits heute aus erneuerbaren Rohstoffen. Strom produziert das Land sogar bereits zur Hälfte aus Energien wie Sonne oder Wind. Beides gibt es schließlich auf der Iberischen Halbinsel zur Genüge. Importiertes Gas wird hingegen nur zu 15 Prozent für die Stromerzeugung genutzt. Wobei Spanien – und Nachbar Portugal – beim Gas sogar fast völlig unabhängig von Russland sind. Der Grund: An den Küsten der Halbinsel liegt fast die Hälfte der europäischen LNG-Häfen, an denen Tanker etwa aus den USA, aus Nigeria oder aus Norwegen Liquefied Natural Gas, also verflüssigtes Gas, anliefern können. Direkt vor Ort wird das Gas wieder in den Originalzustand versetzt und weitertransportiert. Sechs der Häfen liegen an der spanischen, einer an der portugiesischen Küste. Dort könnte ein Teil der jährlich bis zu 50 Mrd. Kubikmeter LNG ankommen, das allein die USA in den kommenden Jahren nach Europa liefern sollen. Die beiden iberischen Nachbarn hatten früher als viele andere europäische Staaten auf diese Häfen gesetzt. Portugal kann damit seinen kompletten Gasbedarf decken. Spanien wäre sogar in der Lage, mit einer Kapazität zur Löschung von 30 Tankern pro Monat einen Teil des Gases nach Europa weiterzuliefern. Ähnliches gilt auch für Solar- oder Windenergie, welche auf oder vor der Halbinsel produziert werden könnten. Spanien nutzt seine Kapazitäten vielfach gar nicht aus.

Nicht von ungefähr sehen Spanien und Portugal nicht nur Chancen für eine eigene Autarkie von russischer Energie, sondern Iberien sogar als Energie-Reservoir oder zumindest Durchgangsstation für Europa. Allerdings hat die Sache bisher noch zwei überraschende Haken. Zum einen ist Spanien so gut wie gar nicht mit dem Stromnetz Resteuropas verbunden. Zum anderen gibt es nur zwei, noch dazu recht leistungsschwache Gas-Pipelines durch die Pyrenäen nach Frankreich, eine dritte endet bei Girona gar im Niemandsland. Doch selbst wenn alle drei Pipelines funktionieren würden, flöße mit gut 15 Mrd. Kubikmetern Gas im Jahr nur ein gutes Viertel des Volumens von Nord Stream I durch diese Verbindungen. Dabei wäre ein Ausbau beider Netze nicht nur kurzfristig ein Gewinn. Sowohl die Häfen als auch die Pipelines könnten langfristig auch für sogenannten grünen Wasserstoff umgerüstet werden. Er ist umweltfreundlicher als das LNG und kann mit Sonne, Wind und Wasser sowohl in Spanien als auch in und um Afrika im großen Stil produziert werden. Deutschland etwa arbeitet zur Zeit gemeinsam mit Namibia an entsprechenden Versuchsanlagen im südlichen Afrika (wenn auch bisher noch ohne eigene Abnahmehäfen in Deutschland selbst). Ganz nebenbei verfügt auch Mittelmeeranrainer Algerien über große Gasvorkommen und könnte über zwei Pipelines ganz klassisch über 20 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr nach Spanien pumpen. Allerdings ist dieser Teil des Ganzen politisch heikel, da dazu auch das Transitland Marokko teilweise mit eingebunden werden müsste. Dieses aber liegt wegen der West-Sahara mit Spanien und Algerien im Streit. So oder so könnte die Iberische Halbinsel in Zukunft für die Energieversorgung Europas zunehmend wichtiger werden – sei es selbst als Produzent von Energie oder zumindest als Anlande- und Transitland Richtung Zentral-Europa. Das größte Manko aber: Die Europäische Union müsste vorher kräftig in den Anschluss der Halbinsel investieren. Und eines noch: Angesichts von 155 Mrd. Kubikmetern russischen Gases, das 2021 alleine in die EU floss, werden die Anlagen Iberiens alleine das Energie-Problem Europas nicht lösen. Aber laut Fachleuten sollen sie gemeinsam mit den Kapazitäten der anderen Häfen in Europa rund zwei Drittel des russischen Gases ersetzen können … (sfo.).