Am Morgen im Schatten der Hochhäuser
Quelle: Julia Krohmer©

Urban_Green [6] | SoLaWi

Von der Acker-Allmende

Mit SoLaWis können alle besser leben

Auf der Webseite »Solidarische Landwirtschaft« findet man aktuell 361 »SoLaWis« in Deutschland (davon 83 in Gründung). SoLaWi boomt. Und warum auch nicht? Das Prinzip ist bestechend: Landwirt*innen in der Region produzieren, Verbraucher*innen nehmen direkt ab und beteiligen sich bedingt auch am Risiko. Es wird Obst und Gemüse produziert, manchmal auch Eier und Honig, seltener Milch und Fleisch. Die Produkte kann man abholen oder sich umweltfreundlich liefern lassen. Sehr häufig liegen SoLaWis in oder nahe Ballungsräumen – wo die Städter*innen dann beim exotisch geworden Landleben nicht nur mitreden, sondern bei gemeinsamen Pflanz-, Jät- und Ernteaktionen auch gerne selbst die Ärmel hochkrempeln und mit anpacken können. Wenn sie denn wollen …

Ein schnelles Googeln ergibt in Frankfurt und naher Umgebung gleich neun SoLaWis: SoLaWi Frankfurt, SoLaWi Maingrün, SoLaWi Ffm, SoLaWi Guter Grund, SoLaWi Luisenhof, SoLaWi 42, der Birkenhof Egelsbach, Auf dem Acker und Die Kooperative. Auch in Frankfurt, der engen, von Banken und Börsen regierten Hessenmetropole, und der aus allen Nähten platzenden, verkehrszerfurchten Rhein-Main-Region gibt es also Raum für sowas. Ein Sechstel des Frankfurter Stadtgebiets (4000 Hektar, also 40 Quadratkilometer!) ist landwirtschaftliche Fläche. In der Metropolregion FrankfurtRheinMain sind es sogar 42 Prozent – reichlich Platz also nicht nur für die übliche marktorientiert-produzierende konventionelle Landwirtschaft, sondern auch für viele Direktvermarkter und SoLaWis. Eine davon ist die 2018 gegründete, schnell und pragmatisch wachsende »Kooperative« mit ihrer Demeter-zertifizierten »Cityfarm« in Oberrad sowie weiteren Flächen des Quellenhofs in Steinbach. Sie versorgt bereits 550 Frankfurter Haushalte mit diversen Angeboten (groß/klein, Obst und/oder Gemüse, mit/ohne Eier etwa). Wobei für einen kleinen Haushalt mit einer kleinen Obst-Gemüse-Kiste, ein paar Eiern und, nicht zu vergessen, zwei Hühnern im Jahr etwa 25 bis 30 Euro die Woche plus/minus anfallen können (ohne Gewähr natürlich). Das eigene Sortiment der Kooperative wird durch Kooperationen mit anderen Höfen noch erweitert. Wenn nicht gerade Corona ist, kann man auch mitmachen. Man kann Obstbäume pflanzen, mitgärtnern und -imkern, Marmelade kochen oder Sauerkraut herstellen. Es gibt Kinderkurse, Pflanz- und Ernte-Tanz-Feste, Schnittkurse, aber auch Versammlungen, zahlreiche Dialogprozesse, ein Online-Forum und vieles mehr. Kommunikation und das gemeinsame Beschließen ist allen SoLaWis sehr wichtig. Doch man kann sich natürlich auch einfach nur wöchentlich die per Fahrradkurier direkt vom Feld ins Depot gelieferte Kiste abholen, ein bisschen mit anderen Abholer*innen schwatzen und hin und wieder nach Oberrad radeln, um die zutraulichen Hühner in ihrem Hühnermobil auf der grünen Wiese zu besuchen.

SoLaWis gibt es in Deutschland schon seit fast 50 Jahren. Ursprünglich kam die Idee aus Japan. Dort schlossen sich 1974 engagierte Landwirt*innen und Verbraucher*innen im Kampf gegen Agrarchemie und Kunstdünger zusammen und »erfanden« so diese Form der Direktvermarktung und -gewinnung. Sie basiert auf gegenseitigem Vertrauen zwischen Erzeuger*innen und Verbraucher*innen, garantiert letzteren gesunde Nahrungsmittel mit geringem ökologischem Fußabdruck durch Produktion und Transport, viel Mitsprache und heute oft auch viel Mitmachen. Die Landwirt*innen können ihrerseits wegen der garantierten Abnahme und Bezahlung ihrer Produkte durch die mehr oder weniger straff organisierte Gruppe frei von Marktzwängen arbeiten. Mögliche Risiken, etwa durch Ernteausfälle, werden gemeinsam getragen – solidarisch eben. Damit steht SoLaWi, die solidarische Landwirtschaft, nicht nur zum gegenteiligen Vorteil, sondern meist auch zum Nutzen der Umwelt – denn hier wird meist aus Überzeugung ökologisch gewirtschaftet (juk.).

Julia Krohmer©
Simulation der Arte-Dokumentation »Unter Wasser« zeigt drohende Gefahr für New York
Quelle: Arte France / © Georama TV©

Urban .21| Klima 2020/2040

Land unter: Metropolen in Gefahr?

Erderwärmung und steigende Pegel bedrohen Megacitys

New York, Istanbul, Singapur. Aber auch London, Paris, Amsterdam. Viele Metropolen weltweit liegen am Wasser. Wie die beeindruckende Arte-Dokumentation »Unter Wasser: Megacitys in Gefahr« zeigt, könnten für sie die Erderwärmung und steigende Pegel bald schon mehr sein als ein abstraktes Klima-Problem in ferner Zukunft. Gefahr droht diesen Städten von mehreren Seiten. Schon heute setzen durch den Klimawandel mit ausgelöste Flutwellen, Hurrikans oder Überschwemmungen Städte wie New York, Bangkok oder New Orleans unter Druck oder zuweilen tatsächlich unter Wasser. Da aber viele dieser Städte zugleich auch noch absinken, weil durch Erosion, abgesogenes Wasser oder »Bodenverflüssigungen« an Meeren und Flüssen der Boden nachgibt und rundum die Pegel steigen, wächst der Druck durch die Naturkatastrophen noch weiter. Manche Experten glauben bereits, dass der Mensch diese Metropolen irgendwann wird verlassen müssen, sofern er nicht rechtzeitig gegensteuert.

Wie dramatisch die Situation werden könnte, hat vor einiger Zeit auch der Fernsehsender euronews gemeinsam mit der Organisation Climate Central in drastischen Simulationen dargestellt. Sie zeigen Metropolen bei einer Erderwärmung um zwei beziehungsweise um vier Grad. Während London (> Simulation) und Shanghai (> Simulation) bereits bei plus zwei Grad langsam zu Seenplatten mutieren und in New York (> Simulation) ab vier Grad der Broadway zum Canale Grande wird, könnte sich das südafrikanische Durban (> Simulation) dann allerdings bereits in Atlantis umbenennen. Doch das Problem ist weder neu noch betrifft es nur ferne Metropolen. Das Recherchekollektiv correctiv hatte bereits vor sechs Jahren anhand von Daten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen aus den letzten Jahrzehnten berichtet, dass der Meeresspiegel der Nordsee dort messbar steige und dass ein guter Teil dessen auf die Klimaerwärmung zurückgehe. Und dass der Trend zunehme. Stieg im 20. Jahrhundert das Meer offenbar bestenfalls alle drei Jahre um einen Zentimeter, so braucht es dafür heute noch gut zwei Jahre. Ende des Jahrhunderts sollen die Pegel aktuell einen halben Meter höher stehen als heute … (vss.).

Arte France / © Georama TV©
Blickt man auf den Vergleich Pkw - Bahn ist das Ein-Euro-Ticket in Wien ein Erfolg
Quelle: Wiener Linien©

Blaupausen | ÖPNV Österreich

Für 1.000 Euro im Jahr durchs Land

Österreich will den ÖPNV einfach revolutionieren

Ein Euro am Tag, 365 Euro im Jahr – für viele das neue Modell, die Bahn zum Rückgrat moderner Mobilität zu machen. Doch wie weit kommt man damit? Aus Österreich stammt eine Idee, die auch mehr als nur den nahen Umkreis abdecken könnte und mit politischem Willen finanzierbar wäre. Dort kann man seit einigen Jahren für 365 Euro durch Wien fahren. Und seit einigen Tagen für rund 1.000 Euro durch das ganze Land … 

Wie(n) ÖPNV geht – Schon seit Jahren macht Österreichs Kapitale vor, wie mit etwas politischem Willen ein kostengünstiger Öffentlicher Nahverkehr machbar ist. Vor einem Jahrzehnt führte die Stadt auf den sogenannten »Wiener Linien« das 365-Euro-Ticket ein. »Um einen Euro am Tag«, wie die Einheimischen sagen, dürfen Wiener und Wienerinnen seither alle Busse und Bahnen der Kapitale nutzen. Vor einem Jahr legte die schwarz-grüne Bundesregierung nach – um dabei gleich den gesamten Bus- und Bahnverkehr im Alpenland zu revolutionieren. »1-2-3-Euro-Ticket« hieß damals deren charmante wie einfache Idee. Ein komplettes Bundesland (zu denen auch Wien zählt) für einen Euro am Tag. Zwei Bundesländer für zwei Euro. Und ganz Österreich für drei Euro …

Ein bisschen zerfleddert wurde das Konzept seither schon. Von »1-2-3« spricht kaum noch einer. Aber pünktlich zum Nationalfeiertag am 26. Oktober – wenn auch im Windschatten der Kanzler-Krise im Lande etwas untergegangen – wurde nun das Österreich-Ticket eingeführt. Für rund 1.000 Euro (1095 Euro regulär und 949 Euro zur Einführung) kann man mit einem sogenannten »Klima-Ticket« den gesamten Schienen- und Busverkehr im Land nutzen. Österreicher*innen scheinen die Idee gut zu finden. Kurz nach Einführung brachen erstmal die Netze zusammen; die zum Buchen, nicht die zum Fahren. Das General-Abo scheint in der Tat eine smarte Sache zu sein. Selbst für 1095 Euro im Jahr wäre das Ticket nur rund halb so teuer wie die aktuelle ÖBB-Jahreskarte der Österreichischen Bundesbahn, die noch dazu nur auf den Fernstrecken gilt. Auch in der Schweiz ist ein vergleichbares Angebot vier Mal so teuer (wenn auch mit dem besseren Bahnnetz). Allerdings ist das Klima-Ticket auch eindeutig eine politische Entscheidung. Rund 250 Millionen Euro pro Jahr muss der Bund vorerst zuschießen. Einige Fachleute kritisieren das Ticket zudem auch als zu billig. Hinzu kommt, dass es unterhalb des Landes-Tickets mit den 1- und 2-Euro-Tickets noch mächtig hapert. Das dickste Brett, so heißt es, sind die 2-Länder-Tickets, die kaum vorankommen. Zu unterschiedlich oft Kassen- und Interessenlagen sowie politische Mehrheiten. Dazu kommt die Vielzahl einzelner Verkehrsverbünde. Doch selbst mit dem 1-Euro-Ticket klappt es nicht überall so wie in Wien. Andere Länder zogen zwar schon mit, aber die Preise können dort schon mal bis knapp 700 Euro reichen …

Dabei hätte das »1-2-3-Euro-Ticket« durchaus Charme. Beispiel nochmals Wien: Seit Einführung hat die Stadt selbst fast den Dreisatz geschafft. Gab es vor 2012 noch 363.000 Jahreskarten-Besitzer*innen, so sind es heute bald drei Mal so viele: stolze 850.000 im Jahr 2019 vor Corona. Das sind rund 30 Prozent der Menschen, die im Großraum Wien leben. Allerdings: Kostendeckend ist auch hier der Zuwachs nicht, 40 Prozent der Kosten trägt die Stadt. Der politische Wille dazu ist im meist rot regierten Wien jedoch vorhanden. Und ein Teil des Geldes kommt nur indirekt aus der Stadtkasse. So gibt es in Wien etwa eine Unternehmens-Umlage, die direkt in dieses Ticket fließt, und eine flankierende »Parkraumbewirtschaftung«. Soll heißen: Die Stadt hat den Parkraum verringert und teurer gemacht. Ersteres machte Autofahren in der Stadt unattraktiver, letzteres federt die ÖPNV-Kosten für die Stadt ab. Ein weiterer wichtiger Baustein in Wien: Vor Einführung des neuen 365-Euro-Tickets hatte die Stadt ihre »Wiener Linien« deutlich ausgebaut. Denn darüber sind sich Verkehrsexperten einig: Der Preis alleine macht es nicht. Gleichzeitig müssen Anreize wie etwa eine gute Taktung und ausreichender Platz geschaffen werden. Ähnlich ging übrigens auch das Großherzogtum Luxemburg vor, das 2019/20 nach einer massiven Aufrüstung seinen ÖPNV kostenlos machte. Ob dies auch ein Modell für Deutschland ist, dürfte auch hier eine Frage des politischen Willens sein. Über die 365-Euro-Variante denken bereits diverse Städte und Verkehrs-Verbünde nach, Bundesgelder für Pilotprojekte tun ihr Übriges. Ob daraus später auch Mehr-Länder-Tickets oder eine bundesweite (DB- und) ÖPNV-Flat wird, muss sich wohl noch zeigen. Und rechnen – wobei ein einfacher Dreisatz dafür vielleicht etwas zu kurz gegriffen sein könnte. Aber vielleicht schafft Deutschland ja die 1-2-3-4-Euro-Variante. Wenn es in dem Modell überhaupt einer bundesweiten Komponente bedürfen würde. Denn der Bedarf der meisten Menschen ist wohl viel regionaler … (sfo.).

Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt

Zeugen vieler Alltage

Einige ungewöhnliche Fotoausstellungen

In FrankfurtRheinMain gibt es derzeit eine seltene Fülle ungewöhnlich guter Fotografieausstellungen. Einen faszinierenden Einblick in das Großbritannien seit den 60er Jahren liefert etwa »Facing Britain« in der Kunsthalle Darmstadt. Rund vier Dutzend britische Fotograf*innen von Martin Parr und David Hurn bis John Myers und Tish Murtha haben immer wieder den Alltag des so vielschichtigen und oft auch konfliktreichen Landes mit ihren Kameras festgehalten – nicht selten auch in zahlreichen charmant-komischen Momenten, selbst bei ernsten Themen. Das Frankfurter Fotografieforum zeigt derweil zwar »nur« einen Künstler in einer Retrospektive. Doch das weite Spektrum des einst aus der Werbung kommenden US-amerikanischen Reise-Fotografen Peter Fink deckt ein nicht minder spannendes Kaleidoskop mit seinen schwarz-weißen Momentaufnahmen von New York bis Nordafrika mit vielen Stationen in Europa ab. Etwas spezieller sind zwei Ausstellungen im Frankfurter Museum Angewandte Kunst und im Wiesbadener Kunsthaus. Waren bei den ersten beiden Schauen meist etablierte Meister*innen ihres Faches hinter der Kamera, so glänzen hier in unterschiedlichem Sinne »Newcomer*innen«. Der Masterclass der Fotografie-Triennale RAY führte im Sommer junge Talente zusammen und brachte zumindest einige Highlights hervor. Dazu zählt eine kleine Serie sehr atmosphärischer Schwarz-Weiß-Aufnahmen Yawei Chens aus einem chinesischen Tee-Haus, porträtiert jenseits aller Klischees und als besonderen sozio-kulturellen Ort einfacher Leute. Oder eine Reihe von Fotos, mit denen sich Sinah Osner auf ungewöhnliche Art und Weise auf den Spuren ihres Vaters (und ihrer Kindheit) bewegt hatte. Last but not least eine Ausstellung, die leider nur für einige Tagen zu sehen sein wird: Über einige Zeit hat der Choreograph Emanuel Gat sein Ensemble immer wieder bei der Arbeit fotografiert und dabei eindrucksvolle Momentaufnahmen aus dem Entstehen von Tanzstücken eingefangen, welche die Faszination des Tanzes und buchstäblich die Arbeit der Akteur*innen für einmal aus dem Inneren heraus zeigen. Die Ausstellung, die bereits einmal in Metz gezeigt wurde, ist parallel zum Tanzfestival Rhein-Main im Kunsthaus in Wiesbaden zu sehen … (vss.).


Sandip Shah gibt Einblicke ins Künstlerleben
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [6]

Sandip S. – der Darstellende

Von der Kunst als Künstler zu wohnen

Nicht wenige Frankfurter*innen machen sich Gedanken um ihre Wohnsituation. Vor allem Künstler*innen, mit denen sich die Stadt gerne schmückt, die aber immer öfter woanders wohnen (müssen). Sandip Shah, stadtbekanntes Exemplar, hat im wahrsten Wortsinn offensichtlich seine Lösung gefunden. Zumindest für sich, denn beliebig reproduzierbar ist die Idee nicht. Shah lebt – zumindest zeitweise – in einer »Bewohnten Kunstinstallation« (kurz: b.k.i.). Oder er arbeitet in einer öffentlichen Wohninstallation. Wie man es nimmt. Während andere bereits in ihren Ateliers wohnen, hat er dies zum künstlerischen Prinzip erhoben. Shah hat in Sachsenhausen eine Laden-Wohnung zu einer Mischung aus Galerie- und Wohnraum gestaltet und stellt sich sowie andere Künstler*innen aus. Im vorderen Teil zur Straße hin sieht alles aus wie eine Galerie mit Schaufenster, im hinteren lebt und arbeitet er. Seit Corona sind die »Grenzen« noch strikter. Beide Bereiche sind fast hermetisch voneinander abgeriegelt. Shah selbst – künstlerisch kokettierender Hypochonder – bleibt hinter einer Glaswand und kommuniziert über Mikrophone vor und hinter der Scheibe.

Die Bewohnte Kunstinstallation ist vieles: Wohnung, Atelier, Ausstellungsraum, Spiel mit dem Raum – und ohne Zweifel auch Inszenierung. In ihr verschwimmen wie bei vielen Künstler*innen die Lebenswelten. An ihr kann man sich trefflich Gedanken über Künstler*innenleben machen. Manchmal auch ganz direkt. Etwa, wenn Shah seiner bisherigen Hauptbeschäftigung in der b.k.i. nachging, dem Ausstellen anderer Künstler*innen. In dieser Hinsicht hat er in den Jahren seit der Gründung 2016 ein echtes Kunststück geschafft. Er hat den Ort fast als kleinen alternativen Frankfurter Kunstverein etabliert, der immer wieder eine Handvoll mehr oder minder echter – zumindest langjähriger – Frankfurter Künstler*innen wie Bea Emsbach, Deniz Alt, Edwin Schäfer, Corinna Mayer oder Annette Gloser zeigt(e) und zuweilen auch verkauft(e). Und der es schafft(e), bei Eröffnungen der zweite kunst-familiäre Off Space in Sachsenhausen neben Mica Prentovics Perpétuel zu sein. Ein Ort, wo sich Off-Künstler*innen mit ihren Freund*innen treffen, nicht selten bis weit in die Nacht. Auch aktuell hängt eine Schau Frankfurter Künstler*innen an den Wänden – auch wenn es noch immer die »Reste« der einzigen Ausstellung während Corona sind. Statt einer Vernissage hatte Shah die Künstlerschar diesmal einzeln zu Interviews gebeten – zum Zwiegespräch durch die Scheibe. Shah kann sich die künstlerischen Inszenierungen leisten. Ein kleines Erbe machte ihn finanziell etwas unabhängig. So wie Shah in dieser b.k.i. arbeitet und lebt, lebt und arbeitet er auch noch in Mülheim bei Offenbach, wo er ein »Atelier« hat. Selbstverständlich eines, in dem er auch lebt (vielleicht sogar mehr lebt als hier). Für den Deutsch-Inder, selbst mit Malerei, Zeichnungen und Installationen bekannt geworden, ist die Idee »b.k.i.« nicht neu. Er hatte sie – und sich – bereits in Darmstadt »ausgestellt«. Unwohl fühle er sich nicht dabei, sei er doch gewohnt, als Künstler »auf dem Präsentierteller zu leben«. Durchs Fenster konnten ihm Passanten vor Corona schon auch beim Leben zuschauen. Zumindest bei einem Teil davon. Denn eines ist gewiss: Je öffentlicher ein Künstler wie Shah sich ausstellt, umso weniger wissen eigentlich die Betrachter*innen wirklich, wer der Künstler vor ihren Augen eigentlich ist und was nur eine Inszenierung – und vor allem welche? Aber noch eins ist ebenfalls gewiss: In Shahs b.k.i.s sind mehr Wahrheiten über Kunstbetrieb und Künstler*innenleben anzutreffen (gewesen), als in vielen Abhandlungen darüber geschrieben wurde. Als nächstes will Shah übrigens wieder sich ausstellen, also seine Kunst, sagt er (_us.).

Urban Artists | Christa Fajen

100 Häuser Frankfurts

Eine Zeichnerin auf der Spur der Stadt

Charakter? Kann ein Haus so etwas wie einen Charakter haben? Dick, dünn, groß, klein, gemütlich, bedrohlich? Christa Fajen hat sich auf die Suche nach den Charakteren der Häuser ihrer Stadt Frankfurt gemacht. Die Zeichnerin und Illustratorin hat sich 100 Häuser der Stadt zum Ziel gesetzt. Häuser, die diese Stadt ausmachen. Häuser, die viele kennen. Häuser, die kaum jemand kennt. Häuser, bei denen manche schon gedacht haben, dass sie doch etwas »Menschliches« an sich haben (auch wenn das sicher eher eine typisch menschliche Projektion ist … eine angenehme oft allerdings …). Und Häuser, die man vielleicht erst mit diesen Zeichnungen entdeckt – real und charakterlich. Angefangen hat alles mit einer Radtour durch die Stadt. Ein Haus an der Seckbacher Landstraße war dem Vernehmen nach das erste, das sie für diese Serie ansprach (wobei sich jede/r in diesem Nebensatz Subjekt und Objekt selbst aussuchen möge). Dann machte sie sich weiter auf die Suche und forderte über eine eigene Website Menschen auf, eigene Vorschläge zu machen. Längst kommen auch Geschichten hinzu. Geschichten der Häuser, wie eines Hauses am Paulsplatz, das im Krieg einer der wichtigsten Zugänge zu den Schutzkellern war. Oder eigene, erlebte Geschichten. Und nach und nach entsteht ein ganz anderes Bild dieser Stadt aus einer ganz eigenen Perspektive. Ob es nun diejenige von Christa Fajen ist oder diejenige der vielen Gebäude, sei den Betrachter*innen selbst überlassen … (vss.).