Viel Platz im Hafen 2 - Vor allem im Sommer
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Offenbach

Sheep and Screens

Subkulturelles Biotop par excellence

»Soziokulturelle Zentren«, in denen meist mehr oder weniger alternativ angehaucht Kultur und Gesellschaft zusammenkommen, werden für eine offene und demokratische Kultur im Lande immer wichtiger. Ein solches Zentrum par excellence ist der Hafen 2 in Offenbach. Er feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Bestehen. 

Sie gehörten zu jenen Kultur- und Gastro-Orten, die selbst in heftigeren Corona-Tagen eine Chance hatten, zu öffnen. Zumindest, wenn nicht alles geschlossen war. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen bis zu coolen Singern und Songwritern. Und es gilt für das Drumherum. Nicht von ungefähr tummeln sich hier vor allem von Frühjahr bis Herbst Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Nicht von ungefähr hatte sich Hessens damalige Kulturministerin Angela Dorn vor vier Jahren eben diesen Hafen 2 ausgesucht, um die Verdoppelung der Fördermittel für soziokulturelle Zentren im Lande auf rund zwei Millionen Euro zu verkünden. Nun hat man zwar zuweilen den Eindruck, dass ganz Offenbach mit seinem »Stadtpavillon«, dem vormaligen Projekt »UND«, den »Kunstansichten« sowie anderer Events ein einziges soziokulturelles Zentrum ist. Doch für »den Hafen« gilt dies besonders. Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen konnte so gerade in Corona-Sommern punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtende. Apropos Engagement: Im Jahr 2020 profitierte der Hafen auch vom besonderen Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme fanden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam die Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst später spülten erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett verschoben und fanden erst vereinzelt wieder statt. So startete der Hafen einen Spenden-Aufruf. Der brachte mehrere Zehntausend Euro ein – und den Hafen 2 schließlich zusammen mit einigen öffentlichen Geldern in den letzten drei Jahren doch über die Runden. Wobei es zwischenzeitlich allerdings auch schon mal sehr knapp gewesen sein soll …

Seit März hat »der Hafen« nun auch in diesem Jahr wieder geöffnet, unterstützt auch aus dem aufgestockten Etat des Landes und getragen von seinen vielen Fans. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place to be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Vor allem Konzerte und kleine Ausstellungen können dort immer wieder stattfinden. Zwischenzeitlich lebt immer auch mal wieder eine andere Hafen-Tradition auf: die üblichen Fußball-Live-Übertragungen, meist zu EM oder WM gibt es dann im Schuppen ein Public Viewing. Ein Stück weit ist Hafen 2 aber immer auch Impro-Theater: Was wann so zu erleben ist, muss man stets den aktuellen Ankündigungen entnehmen – egal ob die für das Virus oder die für das Wetter … (vss.).


Vier Orte für Menschen: Berlin, Oberhausen, Zwickau, Mannheim
Quelle: Wüstenrot Stiftung©

Projekt(e) über Projekte

Orte des Miteinanders

Biotope und soziokulturelle Zentren

In diesen Zeiten ist viel die Rede vom Wert der Demokratie, von der Freiheit und von der Teilhabe an der Gesellschaft. Doch Demokratie braucht auch Orte des Austausches, des Nachdenkens, des Miteinanders – kurzum: der Stärkung dieser Demokratie und ihrer grundlegenden Werte. »Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe« heißt ein Projekt der Wüstenrot Stiftung, das derzeit virtuell im Netz betrachtet werden kann und als Wanderausstellung durch die Republik tourt. Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt vier der Orte pars pro toto vor. Ein Ort, an dem Bürger*innen selbst ihre Stadtentwicklung in die Hand nehmen (können). Ein Ort, an dem Geflüchtete Kultur und Kompetenzen einbringen (können). Ein Ort, an dem Jugendliche ein eigenes Gespür für Teilhabe und Demokratie entwickeln (können). Ein Ort, an dem Menschen in einem Stadtviertel Gemeinsamkeiten finden und entwickeln (können). Die vier Projekte zeigen, wie vielfältig Demokratie, Teilhabe und Integration gelebt werden und welche Rolle Kultur dabei als ein tragendes Element spielen kann. Urban shorts – Das Metropole Magazin ergänzt dieses »Projekt über Projekte« aber auch durch einige sehr unterschiedliche Beispiele aus der Region FrankfurtRheinMain, die ihrerseits zeigen, wie sehr solche Orte und deren Arbeit ein wichtiger Backbone für eine demokratische Gesellschaft sind. Pars pro toto steht das Frankfurter Offene Haus der Kulturen. Mit dabei sind aber auch Orte wie der Hafen 2 in Offenbach, der Darmstädter Waldkunstpfad, das Haus Mainusch in Mainz, der Orange Beach am Rande von Frankfurt oder ein immer mehr um sich greifender Trend zu Gemeinschaftsgärten. Abgerundet wird der kleine Schwerpunkt von einem Gastbeitrag der »KulturRegion«-Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg über das Potential, das für Kulturschaffende in alten Industriekulturbauten liegt (red.).

Wüstenrot Stiftung©
Die Werkstatt - Treffpunkt und Schnittstelle nach außen
Quelle: Nils Koenning©

Orte für Menschen [1]

Stadt gemeinsam entwickeln

Das (ehemalige) Haus der Statistik in Berlin

Stadtentwicklung ist normalerweise ein typisches Top-down-Geschäft. Städte und Unternehmen planen ein Stadtviertel; die Bevölkerung wird zuweilen in partizipativen Prozessen mehr oder minder beratend hinzugezogen. Rund um das ehemalige Haus der Statistik – bestehend aus vier Hochhauskomplexen und dem kleinen Werkstattgebäude – entstand in Berlin ein neuer Ansatz, bei dem neben Stadt und Wohnbaugesellschaften direkt zahlreiche Gruppen als Pioniernutzer*innen miteinziehen und mitgestalten konnten. Bundesweit ein mit Spannung beobachteter Modellversuch.

Die Idee: Das Haus der Statistik ist ein Modellversuch einer koproduktiven Stadtentwicklung. Das Gegeneinander von Top-down und Bottom-up soll durch ein Miteinander im Sinne einer vielstimmigen Gestaltung von Stadt abgelöst werden. Das Land Berlin leitete das Projekt 2017 mit der Rekommunalisierung des Gebäudekomplexes der ehemaligen Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR 2017 als kooperative Entwicklung ein. Zahlreiche Nutzungsangebote in den bestehenden Räumen wenden sich an Gruppen, die sonst, insbesondere in derart zentralen Stadträumen, nicht an diesen Prozessen beteiligt, sondern eher von Verdrängung und Marginalisierung betroffen sind.

Der Ort: Der ehemalige Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR besteht aus vier Hochhauskomplexen mit jeweils neun bis elf Geschossen sowie Verbindungsbauten. Der gesamte Komplex stand seit 2008 leer. Das Ergebnis eines städtebaulichen Werkstattverfahrens von 2019 sieht vor, dass auf dem mehr als drei Hektar großen Areal ein neues Stadtquartier entsteht und die bestehenden Bauten mit rund 46.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche um weitere rund 70.000 Quadratmeter Neubaufläche ergänzt werden. Aktuell stehen geringe Teile der Gebäude für unterschiedliche Zwischennutzungen zur Verfügung.

Programm: Seit Sommer 2019 beleben Pioniernutzungen die Erdgeschosse. Kunst, Kultur, Soziales, Bildung, Nachbarschaft, Klima und Ernährung sind die Themen der verschiedenen Zwischennutzer*innen, die durch die beginnenden Sanierungsarbeiten ihrerseits zu einem hohen Maß an Flexibilität verpflichtet sind. Es wird Wert darauf gelegt, mit den Angeboten auch Nachbar*innen anzusprechen, die sonst wenig Zugang zu Stadtentwicklung haben. Zugänge für Kinder und Jugendliche genießen ein besonderes Augenmerk. Über 40 Gruppen nutzen das Areal zurzeit. In regelmäßigen Plenarsitzungen werden gemeinschaftliche Themen verhandelt, die Kuratierung der Pioniernutzungen erfolgt durch die Koop5 (s.u.). Mit der Werkstatt Haus der Statistik steht ein zentraler Raum für Themenabende, Quartierslabore, Vernetzungsratschläge und einen »PlanTisch« zur Verfügung, um die kooperative Stadtentwicklung auf partizipativ mit Informationen, Konsultationen, Kooperationen und Koproduktionen zu ermöglichen.

Akteur*innen: Zur Umsetzung des Gesamtvorhabens arbeiten öffentliche Hand und Zivilgesellschaft in einer »Koop5« genannten Kooperationsgemeinschaft zusammen, die aus dem Bezirk Berlin-Mitte, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, den landeseigenen Gesellschaften WBM (Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte) und BIM (Berliner Immobilienmanagement) sowie der Genossenschaft »ZUsammenKUNFT Berlin eG« (ZKB) besteht. Die ZKB setzt im Auftrag der Koop5 die Mitwirkungsprozesse um und verantwortet die Pioniernutzungen. Diese müssen gemeinwohlorientiert und gemeinschaftlich sein. Der finanzielle Beitrag richtet sich nach den jeweiligen Möglichkeiten. Die Genossenschaft will damit vor allem Wirksamkeit erfahrbar machen. Ihr Credo: »Ich kann mein eigenes Lebensumfeld gestalten. Das jedoch muss ich jeden Tag neu mit den
Interessen anderer verhandeln.«

Nils Koenning©
Die Brotfabrik - dem Verwertungsdruck vorerst entzogen
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©

Impulse | Industriebauten

Kultur und Kulturerbe bewahren

Gastbeitrag von Sabine von Bebenburg

Alte Industriebauten sind oft ideale Biotope für Kultur und Kulturschaffende. Aber leider sind deren Areale auch beliebt bei Projekt- und Immobilienentwicklern. Sabine von Bebenburg, Geschäftsführerin der KulturRegion, plädiert für einen Erhalt und für ein Bündeln von Kräften – für die Kultur, aber auch für eine lebendige Stadtteilkultur. 

Nur selten sind sie in den Schlagzeilen: Ehemalige Industriebauten und -Ensembles, die nach einem Leerstand zunächst von Pionier*innen – etwa mit Künstler*innenateliers – genutzt wurden. So wie die Brotfabrik in Frankfurt-Hausen mit ihrem Mix aus Kultur, Gastronomie und Praxen. Sie belebt diesen Stadtteil und hat sich über Jahrzehnte als Kulturzentrum mit Tanz-Schwerpunkt für Frankfurt und die Region etabliert. In die Schlagzeilen geriet sie durch Verkaufspläne, die Abriss und Wohnungsneubau nach sich ziehen sollten. In diesem Fall reagierten Stadt und Land schnell und stellten das Ensemble unter Denkmalschutz. Fürs Erste scheint damit auch die Kultur hier gerettet.

Sowohl für eine lebendige Stadt wie für eine lebendige Kulturlandschaft ist es wichtig, Soziotope wie dieses zu schützen. Ist die Lage eines solchen Ensembles nämlich begehrt, wird es im weiteren Verlauf dann gerne von der Kreativwirtschaft, von Fotograf*innen, Design*innen oder Werbeagenturen, nachgefragt – sowie später in der Verwertungskette von etablierten Firmen als Showroom oder als Lofts zum Wohnen für Kosmopolit*innen. »Aufwertung« nennt man das – und es wird dabei Geld zur fachgerechten Erhaltung in die Hand genommen. Beispiele zur »upgrading«-Transformation von qualitativ hochwertigen Ensembles aus der Industriezeit sind etwa in Offenbach die Heyne- und Hassia-Fabrik, in Frankfurt die ehemalige Union-Brauerei an der Hanauer Landstraße, die Klassikstadt in Fechenheim oder das Druckwasserwerk im Westhafen, heute ein angesagtes Restaurant. Zuweilen werden Industriekultur-Hallen entkernt und erleben ihre Auferstehung als Supermärkte wie etwa die ehemaligen Bornheimer und Sachsenhäuser Straßenbahn-Depots. Auch die ehemaligen Lungenheilstätten in Königstein-Falkenstein (heute ein Kempinski-Hotel mit Wohnen sowie Fitnessstudio) und in Kelkheim-Ruppertshain (heute ein »Zauberberg« mit Wohnungen, Praxen, Ateliers und Gastronomie) haben eine solche Entwicklung durchlaufen, wodurch die aufgewerteten Ensembles dauerhaft erhalten werden können.

Die Schönheit und Potenziale solcher industriekultureller Ensembles zu erkennen, ist allerdings eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: als identitätsstiftende Orte – neben ihrer soziokulturellen Rolle auch durch ihre typischen Landmarken wie die alten Schornsteine – und in ihrer gestalterischen Offenheit als ideale Orte der künstlerischen und kreativen Begegnung. Nur selten können solche Orte dauerhaft für eine rein kulturelle Nutzung erhalten werden, so in Frankfurt ein weiteres ehemaliges Straßenbahn-Depot, das als »Bockenheimer Depot« Spielstätte städtischer Bühnen und des Balletts wurde. In nachgefragten Lagen kann die Kultur meist nur so lange bleiben, wie es (noch) bröckelt. An anderen brachgefallenen Orten etwa, wo der Verwertungsdruck nicht so groß ist, werkeln häufig eher betagte Vereinsmitglieder mit viel Leidenschaft und Kompetenz, um »ihre« Orte zu nutzen und zu erhalten: So gibt es etwa engagierte Eisenbahnvereine in Frankfurt, Darmstadt oder Hanau, die über historische Rundlokschuppen samt Schienenfahrzeugen verfügen. Doch hier fehlt es oft an Geld für notwendige Reparaturen zur Instandhaltung der Gebäude, und die Kosten notwendiger TÜV-Abnahmen von Dampfmaschinen oder Loks können einen Verein in den Ruin stürzen. An anderer Stelle braucht es Ressourcen, um ein Management so weit zu professionalisieren, dass ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept möglich wird für die Betreiber. Aktuelles Beispiel: die Transformation der Seilerbahn, der ehemaligen Seilerei Reutlinger, in Frankfurt-Sachsenhausen. Dass städtische oder staatliche Unterstützung seitens der Kreativwirtschaft im Schulterschluss mit Kultur- und Planungsdezernaten Gutes bewirken können, zeigen Beispiele wie das Produktions- und Ausstellungshaus Basis im Frankfurter Bahnhofsviertel oder die ebenfalls dort angesiedelte Leerstandagentur Radar, die im Bestand Räume für Kulturschaffende vermittelt und unterstützt. Wo findige und kundige Pioniere wie etwa der Gastronom Simon Horn und Projektentwickler Sven Seipp unterwegs sind, kann es auch aus eigener Kraft gelingen, inspirierende Orte für Kreative in Industriekultur zu schaffen, zumindest temporär. Das zeigen aktuell etwa das »Danzig am Platz« (am Frankfurter Ostbahnhof) und das »Massif Central« in einer ehemaligen Druckerei an der Eschersheimer Landstraße. Was es braucht: Kreative Köpfe, eine offene Gesprächskultur, ein konstruktives Miteinander von öffentlichen und privaten Akteur*innen, Ressourcen und finanzielle Unterstützung, Allianzen zwischen engagierten Kulturschaffenden und Bürger*innen. All das hat in Frankfurt, der Stadt der Bürger*innenstiftungen, Tradition …

Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©
Nukleus für ein Stück gemeinsamer Stadtkultur
Quelle: Wüstenrot Stiftung.©

Orte & Menschen | Frankfurt

Der kleine Kulturcampus

Frankfurts Offenes Haus der Kulturen

Während die Stadt Frankfurt seit einem Jahrzehnt die Vision vom »Kulturcampus« hegt und pflegt, haben sich die Initiator*innen des »Offenen Hauses der Kulturen« (OHdK) schon einmal auf den Weg gemacht. Im und um das gerade mal so langsam ehemalige Studierendenhaus entsteht derzeit zumindest ein »Kulturcampus en miniature«. Diverse Initiativen versuchen, Stadtentwicklung von unten voranzutreiben: mit selbst verwaltetem Platz für Kultur und Soziokultur, gemeinschaftlichem Wohnen, Urban Gardening- und anderen Pioniernutzungen.

Das große Transparent, das am ehemaligen Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim befestigt ist, flattert im Wind. »Fighting for a future for all« steht darauf geschrieben. Sowie die Worte »Offenes Haus«. Zumindest ein Versprechen. Denn ansonsten ist es ruhig auf dem Gelände unweit der Bockenheimer Warte, das an diesem Vormittag wirkt als sei es im Dornröschenschlaf. Das aber ist nicht jeden Tag so. Vor ein paar Wochen war hier alles ziemlich belebt. Hunderte Menschen, viele Jugendliche, die »Fridays for Future« nach ihrer Klima-Demonstration genau hierhin zusammenbrachte. Die hier fröhlich campierten, diskutierten, tanzten, aus der Suppenküche mit geretteten Lebensmitteln versorgt wurden. Oder ein paar Tage später drinnen in der alten Aula, die zuweilen auch dem Studi-Kino Pupille als Vorführraum dient. Da waren es einige Dutzend Menschen, die auf einer Stadtteilversammlung die Zukunft diskutierten. Auch lädt an diesen Ort mal das Frauenfilmfestival Remake oder die eine oder andere Initiative für LGBT-Rechte oder Geflüchtete ebenso wie ein Kongress zu Urban Commons oder eine Soli-Party für Mietentscheide …

Wenn der Platz also so ruhig in der Sonne liegt, täuscht dies schon etwas. Auch wenn hier beileibe noch nicht so viel los ist, wie sich die Betreiber*innen vom Offenen Haus das wünschen würden. Das »Offene Haus der Kulturen« ist so etwas wie die Vorhut des Kulturcampus, vielleicht sogar die Avantgarde (wenn das nicht für die Betreiber*innen wohl viel zu elitär klänge). Auf jeden Fall ein soziokulturelles Zentrum, wie das heutzutage so heißt. Oder der Versuch, eines zu werden rund um das Anfang der 1950er Jahre als Studierendenhaus der Goethe-Universität eröffnete Gebäude, das von dem Architekten Otto Apel entworfen wurde. »Am Anfang – also vor rund zehn Jahren – stand die Vision, diesen besonderen Ort zu erhalten«, erzählt Tim Schuster, einer der Initiatoren. Neben dieser Idee entstand aber rasch der Gedanke, dass die Stadt zentrale Orte benötigt, an denen Partizipation möglich ist. »Wir als Gesellschaft«, so Schuster, »brauchen solche Orte, an denen Leute zusammenkommen und gemeinsam etwas entwickeln können. Menschen haben das Bedürfnis, ihre eigenen Orte zu gestalten und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen«. Wobei auch eine Rolle spielt(e), dass der seit Jahren durch die Stadtpolitik und durch Bockenheim wabernde »Kulturcampus« wohl ohne nachdrückliche Initiativen vor Ort auch kaum von der Stelle käme …

Dass hier nun wenigstens ein »Kulturcampus en miniature« auf den Weg kommt, wurde möglich durch den Wegzug der Universität ins Westend sowie durch die Idee, das Gelände des Campus Bockenheim zu einem Kulturcampus zu entwickeln. Konkret bedeutet(e) dies, einen Ort zu gestalten, an dem Kultureinrichtungen und bezahlbare Wohnungen einen Platz finden sollten. Ein lebendiges kulturelles Herz für den Stadtteil sozusagen. Doch so richtig von der Stelle kommt das Ganze nicht, was nicht nur daran liegt, dass der Wegzug der Universität im Zeitlupentempo vonstatten ging und in manchen Resten offenbar noch immer geht. Dennoch stehen viele Räume auf dem Gelände leer, auf dem sich früher tausende Studenten tummelten, gemeinsam Kaffee getrunken und sich ausgetauscht haben. Die Wiederbelebung der Flächen für die Stadtgesellschaft ist nun Ziel des Offenen Haus. Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt nebenan ist bereits auf dem Weg, eine Reihe unterschiedlicher Initiativen haben bereits im ehemaligen Studierendenhauses Obdach gefunden. Ein Café gibt es, Filme und Konzerte, Raum für Diskurs, Kultur und Rückzug. Nun soll das Drumherum ausgebaut werden. »Pioniernutzung« nennen sie das; implizierend, dass nach Pionier*innen eben mehr kommt. Ein Gedanke für den Platz ist Urban Gardening. Auch ein Skater-Park soll und wird umgesetzt werden. Das Hochhaus nebenan hat man ebenfalls im Blick. Leere Büroräume könnten erst einmal Geflüchteten aus der Ukraine neue Heimat geben. Später könnten dort Wohnen, Kultur und Soziales heimisch werden und sich miteinander verweben. Zwischenzeitlich ist von Studierendenwohnen die Rede. Überhaupt lebt das OHdK von der Beteiligung vieler Akteur*innen und Initiativen, die gemeinsam daran arbeiten, welche Möglichkeiten sich auf dem Gelände für die Stadtgesellschaft umsetzen lassen. Als das Studierendenhaus 1953 seine Türen öffnete, entstand ein Ort des demokratischen Aufbruchs – in einer Zeit des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland. Diesen Geist zu erhalten, wo in den vergangenen Jahrzehnten politisch wie kulturell viel passiert ist, und ihn in die Zukunft zu führen, ist das Anliegen des Offenen Hauses. Es soll ein Ort des Aufbruchs und der Vielfalt bleiben, an dem Themen der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft reflektiert sowie Ideen erarbeitet und umgesetzt werden. Und »offen« meint dabei auch offen. Jede/r sei eingeladen, so Schuster, sich zu beteiligen – ganz gleich, wer die Person sei oder woher sie komme. Das OHdK scheint zumindest auf dem Weg. Ob’s am Ende der Nukleus für den Kulturcampus wird oder nur das schräg-schmückende Beiwerk für ein schickes »Wohnquartier am Kulturcampus« steht noch nicht auf den Wegweisern. Zumindest ist es ein Ort für Stadtkultur und -Gesellschaft … (alf./vss.)

Wüstenrot Stiftung.©
Ein Ort mitten im Quartier
Quelle: Jessica Uhrig©

Orte für Menschen [4]

Die Kunst im und als Stadtteil

Das Community Art Center Mannheim (CaCm)

Das Kultur auch die Identität und die Gemeinschaft im Stadtteil fördern kann, ist keine neue Erkenntnis mehr. Immer öfter entstehen Stadtteilinitiativen, die gezielt auf Kunst und Kultur als Mittel zum Miteinander, auch zur Integration ausgegrenzter Gruppen, setzen. Ein Beispiel ist das CaCm in Mannheim – eine Mischung aus Stadtteilbüro und Kulturbühne. 

Die Idee: Im COMMUNITYartCENTERmannheim (CaCm) soll Kunst für, mit und in einem benachteiligten Stadtquartier geschaffen und so der Austausch über Milieu- und Quartiersgrenzen hinweg gefördert werden. Interaktive und dialogische Kunstprojekte knüpfen an die Problemstellungen und Potenziale der lokalen Bevölkerung an und ermöglichen Auseinandersetzungen im Alltag mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen. Die künstlerisch-pädagogische Arbeit des CaCm will dabei Bewusstsein schaffen für demokratische Werte und sozialen Zusammenhalt.

Der Ort: Ein ehemals gewerblich genutzter Raum im Quartier Neckarstadt West dient seit 2012 als Büro-, Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Die großen Fensterflächen ermöglichen einen fortwährenden Austausch nach außen und einen sehr niedrigschwelligen Zugang zu den Produktionen. Für die verschiedenen Installationen und Aufführungen werden eine Vielzahl von Orten des Alltags, wie der zentrale Quartiersplatz, Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete oder Kitas und Schulen im Quartier genutzt. Digitale Kommunikations- und künstlerische Formate ergänzen die analogen Angebote.

Programm: Das CaCm hat sich ein aktives Eintreten gegen Menschenfeindlichkeit und politische Kampagnenarbeit für gesellschaftliche und soziale Fragestellungen wie Diskriminierung, prekäre Arbeitsverhältnisse, Rechtspopulismus oder Gentrifizierung auf die Fahnen geschrieben. Ziel ist es, Menschen zu ermöglichen, über Kunst neue Perspektiven auf für sie relevanten Themen zu gewinnen, miteinander in Dialog zu treten und sie zu ermutigen, sich selbst für demokratische Werte und sozialen Zusammenhalt einzusetzen. Kennzeichnend für die Produktionen ist, dass jedes Kunst-Werk eingebettet ist in ein Dialogformat mit den Zielgruppen.

Akteur*innen: Seit 2015 steht hinter dem CaCm der gemeinnützige Verein Community Art e. V. Die Mitglieder konzipieren das Programm und zentrale Projekte selbst. An vielen der Projekte sind ein Netzwerk von rund 70 freischaffenden Künstler*innen sowie weitere Vereine und Institutionen beteiligt. Alle Projekte werden über die finanziellen Ressourcen des Vereins, Spenden oder öffentliche und private Projektförderungen getragen. Die Angebote sind grundsätzlich kostenfrei. Insbesondere ärmeren Bewohner*innen und marginalisierten Gruppen wie Geflüchteten, Sinti und Roma, LSBTQ, People of Color sowie Kindern und Jugendlichen sollen ein Zugang zu Kunst ermöglicht werden. Verschiedene Formate – von Theaterstücken über Interventionen und Installationen im öffentlichen Raum bis zu Ausstellungen und Konzerten – sollen den unterschiedlichen Zielgruppen vielfältige Zugänge zur Kunst öffnen.


Das Refugees' Kitchen mitten im Leben
Quelle: Christoph Stark / KITEV©

Orte für Menschen [2]

Lebendige soziale Skulptur

Das Refugees' Kitchen in Oberhausen

Das Refugees’ Kitchen in Oberhausen könnte man tatsächlich als eine lebende soziale Skulptur bezeichnen: Ein eigenwilliger multifunktionaler Kubus wird zur Heimat für geflüchtete Menschen, von der aus sie über ihr Essen und ihre Kultur eigene Kompetenzen in die hiesige Gesellschaft einbringen können. Refugees’ Kitchen blieb dabei offenbar nicht nur ein »Kunstprojekt«, sondern brachte laut den Organisatoren bisher auch allen Geflüchteten Arbeitsplätze in lokalen Unternehmen. 

Die Idee: Eingebettet in zahlreiche weitere Aktivitäten des Kulturkollektivs KITEVKultur im Turm e. V. – nutzt Refugees‘ Kitchen einen umgebauten Kleinlaster mit einer Container-Küche als mobile Kantine. Refugees‘ Kitchen soll ein funktionelles Kunstwerk sein. Essen und Trinken werden bei jedem Catering von der basalen Erfüllung von Grundbedürfnissen zum performativen Akt, der den Austausch über Kultur, Politik und die sozialen Hintergründe der jeweils Kochenden fördern soll. Das Integrationsprojekt gibt Geflüchteten die Rolle der Gastgeber*innen – ein gewollter Bruch mit dem zugewiesenen Status der Geduldeten.

Der Ort:  Refugees‘ Kitchen hat als mobiler Ort begonnen. In einer Industriehalle wurde monatelang an dem Küchentruck geschraubt und lackiert, fachliche Kenntnisse ausgetauscht, soziale Kontakte zwischen Geflüchteten, dem Kollektiv KITEV und beteiligten lokalen Handwerker*innen geschaffen und Deutsch geübt. 2016 führte die »Jungfernfahrt« auf die bekannte Zeche Zollverein. Wo immer das Küchenmobil seither Station machte, entstand mit dem Essen die Möglichkeit zu Verständigung, Miteinander und Dialog, eröffnet von den Köch*innen, die ihre Geschichten mit den Gerichten verknüpfen – und Gesprächsrunden und Begegnungen ebenso wichtig finden wie das leibliche Wohl. Seit einiger Zeit gibt es zudem die »KüfA«, die »Küche für alle«, in einem selbstverwalteten Stadtteil- und Nachbarschaftszentrum in der Oberhausener Innenstadt, und Ende 2020 wurde eine prominent im Bahnhofsgebäude platzierte dauerhafte gastronomische Einrichtung eröffnet.

Programm: Kochen und gemeinsames Essen sind zentrale programmatische Elemente von Refugees‘ Kitchen, verbunden mit Möglichkeiten des Spracherwerbs, des Zuverdienstes für die Köch*innen sowie der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das Projekt ist mit einer Vielzahl von Vorhaben des Kollektivs KITEV vernetzt, die 2006 mit der Umnutzung des Wasserturms am Oberhausener Hauptbahnhof begannen. Empowerment des lokalen sozialen Umfelds sowie Interventionen in den urbanen Raum mit den Mitteln der Kunst bilden den roten Faden zwischen den einzelnen Projekten. Migration und Fluchterfahrung sind für diese Projekte ein zentrales Thema.

Akteur*innenKITEVKultur im Turm e. V. – besteht seit 2006 und führt als Verein vielfältige künstlerische Partizipationsprojekte durch. Bis heute ist der Trägerverein stark geprägt durch die Gründer*innen, eine Architektin und einen Künstler. Sie sehen sich als Vernetzer*innen und den Verein als eine Plattform für alle, deren Vorhaben zu den kulturellen und integrativen Vereinszielen passen. Am Bau des Küchenmobils haben ungefähr 50 Geflüchtete mitgewirkt, mitgekocht haben weit über 100 Geflächtete, von denen fast alle mittlerweile in Betrieben und Firmen tätig sind. Die Anzahl der ausgegebenen Essen interessiert die Macher*innen dabei weniger als die Bandbreite der Nutzer*innen: Refugees‘ Kitchen wurde etwa von Künstler*innen wie von Karnevalist*innen eingeladen …