Vier Orte für Menschen: Berlin, Oberhausen, Zwickau, Mannheim
Quelle: Wüstenrot Stiftung©

Projekt(e) über Projekte

Orte des Miteinanders

Biotope und soziokulturelle Zentren

In diesen Zeiten ist viel die Rede vom Wert der Demokratie, von der Freiheit und von der Teilhabe an der Gesellschaft. Doch Demokratie braucht auch Orte des Austausches, des Nachdenkens, des Miteinanders – kurzum: der Stärkung dieser Demokratie und ihrer grundlegenden Werte. »Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe« heißt ein Projekt der Wüstenrot Stiftung, das derzeit virtuell im Netz betrachtet werden kann und als Wanderausstellung durch die Republik tourt. Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt vier der Orte pars pro toto vor. Ein Ort, an dem Bürger*innen selbst ihre Stadtentwicklung in die Hand nehmen (können). Ein Ort, an dem Geflüchtete Kultur und Kompetenzen einbringen (können). Ein Ort, an dem Jugendliche ein eigenes Gespür für Teilhabe und Demokratie entwickeln (können). Ein Ort, an dem Menschen in einem Stadtviertel Gemeinsamkeiten finden und entwickeln (können). Die vier Projekte zeigen, wie vielfältig Demokratie, Teilhabe und Integration gelebt werden und welche Rolle Kultur dabei als ein tragendes Element spielen kann. Urban shorts – Das Metropole Magazin ergänzt dieses »Projekt über Projekte« aber auch durch einige sehr unterschiedliche Beispiele aus der Region FrankfurtRheinMain, die ihrerseits zeigen, wie sehr solche Orte und deren Arbeit ein wichtiger Backbone für eine demokratische Gesellschaft sind. Pars pro toto steht das Frankfurter Offene Haus der Kulturen. Mit dabei sind aber auch Orte wie der Hafen 2 in Offenbach, der Darmstädter Waldkunstpfad, das Haus Mainusch in Mainz, der Orange Beach am Rande von Frankfurt oder ein immer mehr um sich greifender Trend zu Gemeinschaftsgärten. Abgerundet wird der kleine Schwerpunkt von einem Gastbeitrag von der  KulturRegion-Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg über das Potential, das für Kulturschaffende in alten Industriekulturbauten liegt (red.).

Wüstenrot Stiftung©
Die Werkstatt - Treffpunkt und Schnittstelle nach außen
Quelle: Nils Koenning©

Orte für Menschen [1]

Stadt gemeinsam entwickeln

Das (ehemalige) Haus der Statistik in Berlin

Stadtentwicklung ist normalerweise ein typisches Top-down-Geschäft. Städte und Unternehmen planen ein Stadtviertel; die Bevölkerung wird zuweilen in partizipativen Prozessen mehr oder minder beratend hinzugezogen. Rund um das ehemalige Haus der Statistik – bestehend aus vier Hochhauskomplexen und dem kleinen Werkstattgebäude – entstand in Berlin ein neuer Ansatz, bei dem neben Stadt und Wohnbaugesellschaften direkt zahlreiche Gruppen als Pioniernutzer*innen miteinziehen und mitgestalten konnten. Bundesweit ein mit Spannung beobachteter Modellversuch.

Die Idee: Das Haus der Statistik ist ein Modellversuch einer koproduktiven Stadtentwicklung. Das Gegeneinander von Top-down und Bottom-up soll durch ein Miteinander im Sinne einer vielstimmigen Gestaltung von Stadt abgelöst werden. Das Land Berlin leitete das Projekt 2017 mit der Rekommunalisierung des Gebäudekomplexes der ehemaligen Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR 2017 als kooperative Entwicklung ein. Zahlreiche Nutzungsangebote in den bestehenden Räumen wenden sich an Gruppen, die sonst, insbesondere in derart zentralen Stadträumen, nicht an diesen Prozessen beteiligt, sondern eher von Verdrängung und Marginalisierung betroffen sind.

Der Ort: Der ehemalige Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR besteht aus vier Hochhauskomplexen mit jeweils neun bis elf Geschossen sowie Verbindungsbauten. Der gesamte Komplex stand seit 2008 leer. Das Ergebnis eines städtebaulichen Werkstattverfahrens von 2019 sieht vor, dass auf dem mehr als drei Hektar großen Areal ein neues Stadtquartier entsteht und die bestehenden Bauten mit rund 46.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche um weitere rund 70.000 Quadratmeter Neubaufläche ergänzt werden. Aktuell stehen geringe Teile der Gebäude für unterschiedliche Zwischennutzungen zur Verfügung.

Programm: Seit Sommer 2019 beleben Pioniernutzungen die Erdgeschosse. Kunst, Kultur, Soziales, Bildung, Nachbarschaft, Klima und Ernährung sind die Themen der verschiedenen Zwischennutzer*innen, die durch die beginnenden Sanierungsarbeiten ihrerseits zu einem hohen Maß an Flexibilität verpflichtet sind. Es wird Wert darauf gelegt, mit den Angeboten auch Nachbar*innen anzusprechen, die sonst wenig Zugang zu Stadtentwicklung haben. Zugänge für Kinder und Jugendliche genießen ein besonderes Augenmerk. Über 40 Gruppen nutzen das Areal zurzeit. In regelmäßigen Plenarsitzungen werden gemeinschaftliche Themen verhandelt, die Kuratierung der Pioniernutzungen erfolgt durch die Koop5 (s.u.). Mit der Werkstatt Haus der Statistik steht ein zentraler Raum für Themenabende, Quartierslabore, Vernetzungsratschläge und einen »PlanTisch« zur Verfügung, um die kooperative Stadtentwicklung auf partizipativ mit Informationen, Konsultationen, Kooperationen und Koproduktionen zu ermöglichen.

Akteur*innen: Zur Umsetzung des Gesamtvorhabens arbeiten öffentliche Hand und Zivilgesellschaft in einer »Koop5« genannten Kooperationsgemeinschaft zusammen, die aus dem Bezirk Berlin-Mitte, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, den landeseigenen Gesellschaften WBM (Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte) und BIM (Berliner Immobilienmanagement) sowie der Genossenschaft »ZUsammenKUNFT Berlin eG« (ZKB) besteht. Die ZKB setzt im Auftrag der Koop5 die Mitwirkungsprozesse um und verantwortet die Pioniernutzungen. Diese müssen gemeinwohlorientiert und gemeinschaftlich sein. Der finanzielle Beitrag richtet sich nach den jeweiligen Möglichkeiten. Die Genossenschaft will damit vor allem Wirksamkeit erfahrbar machen. Ihr Credo: »Ich kann mein eigenes Lebensumfeld gestalten. Das jedoch muss ich jeden Tag neu mit den
Interessen anderer verhandeln.«

Nils Koenning©
Viel Platz im Hafen 2
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Hafen 2

Sheep and Screens

Subkulturelles Biotop par excellence

»Soziokulturelle Zentren«, in denen meist mehr oder weniger alternativ angehaucht Kultur und Gesellschaft zusammenkommen, werden für eine offene und demokratische Kultur im Lande immer wichtiger. Ein solches Zentrum par excellence ist der Hafen 2 in Offenbach.  

Sie gehörten zu jenen Kultur- und Gastro-Orten, die selbst in heftigeren Corona-Tagen eine Chance hatten, zu öffnen. Zumindest, wenn nicht alles geschlossen war. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen bis zu coolen Singern und Songwritern. Und es gilt für das Drumherum. Nicht von ungefähr tummeln sich hier im Sommer Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Nicht von ungefähr hatte sich Hessen Kulturministerin Angela Dorn kürzlich eben diesen Hafen 2 ausgesucht, um die Verdoppelung der Fördermittel für soziokulturelle Zentren im Lande auf rund zwei Millionen Euro zu verkünden. Nun hat man zwar zuweilen den Eindruck, dass ganz Offenbach mit seinem gerade eröffneten »UND«, den »Kunstansichten« sowie anderer Events ein einziges soziokulturelles Zentrum ist. Doch für »den Hafen« gilt dies besonders. Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen konnte so gerade in Corona-Sommern punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtende. Apropos Engagement: Im Jahr 2020 profitierte der Hafen auch vom besonderen Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme fanden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam die Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst später spülten erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett verschoben und fanden erst vereinzelt wieder statt. So startete der Hafen einen Spenden-Aufruf. Der brachte mehrere Zehntausend Euro ein – und den Hafen 2 schließlich zusammen mit einigen öffentlichen Geldern in den letzten beiden Jahren doch über die Runden. Wobei es zwischenzeitlich allerdings auch schon mal sehr knapp wurde …

Seit Anfang März hat »der Hafen« nun auch in diesem Jahr wieder geöffnet, unterstützt auch aus dem aufgestockten Etat des Landes und getragen von seinen vielen Fans. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place to be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Vor allem Konzerte und kleine Ausstellungen können dort immer wieder stattfinden. Zwischenzeitlich lebt immer auch mal wieder eine andere Hafen-Tradition auf: die üblichen Fußball-Live-Übertragungen, meist zu EM oder WM gibt es dann im Schuppen ein Public Viewing. Ein Stück weit ist Hafen 2 aber immer auch Impro-Theater: Was wann so zu erleben ist, muss man stets den aktuellen Ankündigungen entnehmen – egal ob die für das Virus oder die für das Wetter … (vss.).


Das Refugees' Kitchen mitten im Leben
Quelle: Christoph Stark / KITEV©

Orte für Menschen [2]

Lebendige soziale Skulptur

Das Refugees' Kitchen in Oberhausen

Das Refugees’ Kitchen in Oberhausen könnte man tatsächlich als eine lebende soziale Skulptur bezeichnen: Ein eigenwilliger multifunktionaler Kubus wird zur Heimat für geflüchtete Menschen, von der aus sie über ihr Essen und ihre Kultur eigene Kompetenzen in die hiesige Gesellschaft einbringen können. Refugees’ Kitchen blieb dabei offenbar nicht nur ein »Kunstprojekt«, sondern brachte laut den Organisatoren bisher auch allen Geflüchteten Arbeitsplätze in lokalen Unternehmen. 

Die Idee: Eingebettet in zahlreiche weitere Aktivitäten des Kulturkollektivs KITEVKultur im Turm e. V. – nutzt Refugees‘ Kitchen einen umgebauten Kleinlaster mit einer Container-Küche als mobile Kantine. Refugees‘ Kitchen soll ein funktionelles Kunstwerk sein. Essen und Trinken werden bei jedem Catering von der basalen Erfüllung von Grundbedürfnissen zum performativen Akt, der den Austausch über Kultur, Politik und die sozialen Hintergründe der jeweils Kochenden fördern soll. Das Integrationsprojekt gibt Geflüchteten die Rolle der Gastgeber*innen – ein gewollter Bruch mit dem zugewiesenen Status der Geduldeten.

Der Ort:  Refugees‘ Kitchen hat als mobiler Ort begonnen. In einer Industriehalle wurde monatelang an dem Küchentruck geschraubt und lackiert, fachliche Kenntnisse ausgetauscht, soziale Kontakte zwischen Geflüchteten, dem Kollektiv KITEV und beteiligten lokalen Handwerker*innen geschaffen und Deutsch geübt. 2016 führte die »Jungfernfahrt« auf die bekannte Zeche Zollverein. Wo immer das Küchenmobil seither Station machte, entstand mit dem Essen die Möglichkeit zu Verständigung, Miteinander und Dialog, eröffnet von den Köch*innen, die ihre Geschichten mit den Gerichten verknüpfen – und Gesprächsrunden und Begegnungen ebenso wichtig finden wie das leibliche Wohl. Seit einiger Zeit gibt es zudem die »KüfA«, die »Küche für alle«, in einem selbstverwalteten Stadtteil- und Nachbarschaftszentrum in der Oberhausener Innenstadt, und Ende 2020 wurde eine prominent im Bahnhofsgebäude platzierte dauerhafte gastronomische Einrichtung eröffnet.

Programm: Kochen und gemeinsames Essen sind zentrale programmatische Elemente von Refugees‘ Kitchen, verbunden mit Möglichkeiten des Spracherwerbs, des Zuverdienstes für die Köch*innen sowie der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das Projekt ist mit einer Vielzahl von Vorhaben des Kollektivs KITEV vernetzt, die 2006 mit der Umnutzung des Wasserturms am Oberhausener Hauptbahnhof begannen. Empowerment des lokalen sozialen Umfelds sowie Interventionen in den urbanen Raum mit den Mitteln der Kunst bilden den roten Faden zwischen den einzelnen Projekten. Migration und Fluchterfahrung sind für diese Projekte ein zentrales Thema.

Akteur*innenKITEVKultur im Turm e. V. – besteht seit 2006 und führt als Verein vielfältige künstlerische Partizipationsprojekte durch. Bis heute ist der Trägerverein stark geprägt durch die Gründer*innen, eine Architektin und einen Künstler. Sie sehen sich als Vernetzer*innen und den Verein als eine Plattform für alle, deren Vorhaben zu den kulturellen und integrativen Vereinszielen passen. Am Bau des Küchenmobils haben ungefähr 50 Geflüchtete mitgewirkt, mitgekocht haben weit über 100 Geflächtete, von denen fast alle mittlerweile in Betrieben und Firmen tätig sind. Die Anzahl der ausgegebenen Essen interessiert die Macher*innen dabei weniger als die Bandbreite der Nutzer*innen: Refugees‘ Kitchen wurde etwa von Künstler*innen wie von Karnevalist*innen eingeladen …

Christoph Stark / KITEV©
Eine von vielen kleinen grünen Gemeinschafts-Oasen im Herzen Frankfurts
Quelle: Stefanie Kösling©

Orte & Menschen | Urban Green

Grüne Oasen des Miteinanders

Urbanes (Er-) Leben in Gemeinschaftsgärten

Krieg und steigende Preise für Lebensmittel rücken es dieser Tage noch stärker in den Blick. Doch auch zuvor schon stieg im Bewusstsein für Nachhaltigkeit das Interesse an neuen Formen der (Selbst-) Versorgung und des Umgangs mit Lebensmitteln. Gemeinschaftsgärten liegen im Trend – für mehr Regionalität von Lebensmitteln oder für eine Ökologie, die energieaufwendige Transporte vermeiden und Wasser sparen hilft. Oder auch im Wunsch nach urbanem Grün und Gemeinschaft.  

Man findet sie immer öfter in Hinterhöfen, auf freien Flächen, manchmal buchstäblich am Wegrand: kleine grüne Oasen, mit Hochbeeten, Gemüse und Obstbäumen, kleinen Bänken und Feuerstellen, dazu wuselnde Menschen, die Blumen gießen, Tomaten ernten oder einfach plauschen. Immer öfter suchen Großstadtbewohner*innen, die keinen eigenen Garten haben, nach solchen Gemeinschaftsgärten. Sie ermöglichen das Anbauen von Lebensmitteln zusammen mit Gleichgesinnten auf öffentlich zugänglichem Boden. Die Teilnehmer*innen versorgen sich ein Stück weit selbst, entwickeln ein gutes Gefühl für die Umwelt und haben ganz nebenbei Gewissheit über Herkunft, Frische und Natürlichkeit ihrer Ernährung. Als Nebeneffekt tragen sie zur Veränderung ihres Stadt- oder Stadtteilbildes bei und schaffen Orte für Begegnungen – für sich und andere, die oftmals rasch hinzukommen. Die Idylle dieser kleinen Gärten bietet nicht nur Zeit zum Unterhalten und Gärtnern, sondern auch eine gute Gelegenheit, eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen. Auf einer Bank zwischen den Hochbeeten sitzend und umhüllt vom Geruch des Frühlings. Rings herum ein paar farbenfrohe Blumen und in den Ohren das Summen der Bienen …

Auch in Frankfurt gibt es immer mehr Zulauf für solche Projekte. Sie unterscheiden sich zwar in vielerlei Hinsicht, doch verfolgen sie alle die selben Ziele: Gemeinschaft und nachhaltige Lebensmittel. Manche sind themenbezogen, bauen zum Beispiel interkulturelle Lebensmittel an und bringen auf diese Weise auch unterschiedliche Kulturen näher zueinander. Andere sind einfach durch die Menschen geprägt, die sich nicht selten zufällig für sie oder in ihnen zusammengefunden haben. Durch das Entstehen und Fördern solcher Projekte, entwickelt sich ein Bewusstsein gegenüber der Umwelt, aber auch der Bezug zur Gesellschaft selbst. Als Gemeinschaftsgarten besteht außerdem die Möglichkeit einer Kooperation mit Institutionen, etwa einem Biobauernhof, von dem Grundnahrungsmittel bezogen werden können. Das erleichtert vor allem den Einstieg in den Gemeinschaftsgarten. Gebraucht wird oft nicht viel: tatkräftige, engagierte Helfer*innen, die bestenfalls schon Erfahrung mit dem Gärtnern haben, und die Fläche, welche bepflanzt werden soll. Um Orte und interessierte Menschen zu finden, gibt es soziale Netzwerke wie »Urbane-Gärten.de«, »Nebenan.de« oder »Nachbarschaft.net«. Sie ermöglichen die  Präsentation des eigenen Projektes und die Kommunikation mit anderen, Tipps und Erfahrungen können dort ausgetauscht werden. Empfehlenswert ist auch die Stiftung »Anstiftung.de«. Auch über sie lassen sich Gleichgesinnte finden. Sie listet aber auch weitere Stiftungen, die Gemeinschaftsgärten finanziell unterstützen. Oder man schaut sich gleich nach größeren Projekten in der Stadt um. Dazu gehören etwa »Die Gemüseheldinnen«, die einst am Günthersburgpark ihren Anfang nahmen und mittlerweile längst Ableger in anderen Teilen der Stadt »gezogen« haben. Oftmals reicht aber auch ein Streifen durch die Nachbarschaft und ein Fragen, ob man mitmachen könne. Grundsätzlich gilt also: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Oder in diesem Falle: ein Gartenweg … (lsw.).

Stefanie Kösling©
Nukleus für ein Stück gemeinsamer Stadtkultur
Quelle: Wüstenrot Stiftung.©

Orte & Menschen | OHDK

Der kleine Kulturcampus

Frankfurts Offenes Haus der Kulturen

Während die Stadt Frankfurt seit einem Jahrzehnt die Vision vom »Kulturcampus« hegt und pflegt, haben sich die Initiator*innen des »Offenen Hauses der Kulturen« (OHdK) schon einmal auf den Weg gemacht. Im und um das noch nicht ganz ehemalige Studierendenhaus entsteht derzeit zumindest ein »Kulturcampus en miniature«. Diverse Initiativen versuchen, Stadtentwicklung von unten voranzutreiben: mit selbst verwaltetem Platz für Kultur und Soziokultur, gemeinschaftlichem Wohnen, Urban Gardening- und anderen Pioniernutzungen.

Das große Transparent, das am ehemaligen Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim befestigt ist, flattert im Wind. »Fighting for a future for all« steht darauf geschrieben. Sowie die Worte »Offenes Haus«. Zumindest ein Versprechen. Denn ansonsten ist es ruhig auf dem Gelände unweit der Bockenheimer Warte, das an diesem Vormittag wirkt als sei es im Dornröschenschlaf. Das aber ist nicht jeden Tag so. Vor ein paar Wochen war hier alles ziemlich belebt. Hunderte Menschen, viele Jugendliche, die »Fridays for Future« nach ihrer Klima-Demonstration genau hierhin zusammenbrachte. Die hier fröhlich campierten, diskutierten, tanzten, aus der Suppenküche mit geretteten Lebensmitteln versorgt wurden. Oder ein paar Tage später drinnen in der alten Aula, die zuweilen auch dem Studi-Kino Pupille als Vorführraum dient. Da waren es einige Dutzend Menschen, die auf einer Stadtteilversammlung die Zukunft diskutierten. Auch lädt an diesen Ort mal das Frauenfilmfestival Remake oder die eine oder andere Initiative für LGBT-Rechte oder Geflüchtete ebenso wie ein Kongress zu Urban Commons oder eine Soli-Party für Mietentscheide …

Wenn der Platz also so ruhig in der Sonne liegt, täuscht dies schon etwas. Auch wenn hier beileibe noch nicht so viel los ist, wie sich die Betreiber*innen vom Offenen Haus das wünschen würden. Das »Offene Haus der Kulturen« ist so etwas wie die Vorhut des Kulturcampus, vielleicht sogar die Avantgarde (wenn das nicht für die Betreiber*innen wohl viel zu elitär klänge). Auf jeden Fall ein soziokulturelles Zentrum, wie das heutzutage so heißt. Oder der Versuch, eines zu werden rund um das Anfang der 1950er Jahre als Studierendenhaus der Goethe-Universität eröffnete Gebäude, das von dem Architekten Otto Apel entworfen wurde. »Am Anfang – also vor rund zehn Jahren – stand die Vision, diesen besonderen Ort zu erhalten«, erzählt Tim Schuster, einer der Initiatoren. Neben dieser Idee entstand aber rasch der Gedanke, dass die Stadt zentrale Orte benötigt, an denen Partizipation möglich ist. »Wir als Gesellschaft«, so Schuster, »brauchen solche Orte, an denen Leute zusammenkommen und gemeinsam etwas entwickeln können. Menschen haben das Bedürfnis, ihre eigenen Orte zu gestalten und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen«. Wobei auch eine Rolle spielt(e), dass der seit Jahren durch die Stadtpolitik und durch Bockenheim wabernde »Kulturcampus« wohl ohne nachdrückliche Initiativen vor Ort auch kaum von der Stelle käme …

Dass hier nun wenigstens ein »Kulturcampus en miniature« auf den Weg kommt, wurde möglich durch den Wegzug der Universität ins Westend sowie durch die Idee, das Gelände des Campus Bockenheim zu einem Kulturcampus zu entwickeln. Konkret bedeutet(e) dies, einen Ort zu gestalten, an dem Kultureinrichtungen und bezahlbare Wohnungen einen Platz finden sollten. Ein lebendiges kulturelles Herz für den Stadtteil sozusagen. Doch so richtig von der Stelle kommt das Ganze nicht, was nicht nur daran liegt, dass noch keineswegs alle Bereiche der Universität schon ins Westend gezogen sind. Dennoch stehen viele Räume auf dem Gelände leer, auf dem sich früher tausende Studenten tummelten, gemeinsam Kaffee getrunken und sich ausgetauscht haben. Die Wiederbelebung der Flächen für die Stadtgesellschaft ist nun Ziel des Offenen Haus. Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt nebenan ist bereits auf dem Weg, eine Reihe unterschiedlicher Initiativen haben bereits im ehemaligen Studierendenhauses Obdach gefunden. Ein Café gibt es, Filme und Konzerte, Raum für Diskurs, Kultur und Rückzug. Nun soll das Drumherum ausgebaut werden. »Pioniernutzung« nennen sie das; implizierend, dass nach Pionier*innen eben mehr kommt. So soll es schon Ende April auf dem Platz mit Urban Gardening losgehen. Auch ein Skater-Park soll umgesetzt werden. Das Hochhaus nebenan hat man ebenfalls im Blick. Leere Büroräume könnten erst einmal Geflüchteten aus der Ukraine neue Heimat geben. Später könnten dort Wohnen, Kultur und Soziales heimisch werden und sich miteinander verweben. Überhaupt lebt das OHdK von der Beteiligung vieler Akteur*innen und Initiativen, die gemeinsam daran arbeiten, welche Möglichkeiten sich auf dem Gelände für die Stadtgesellschaft umsetzen lassen. Als das Studierendenhaus 1953 seine Türen öffnete, entstand ein Ort des demokratischen Aufbruchs – in einer Zeit des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland. Diesen Geist zu erhalten, wo in den vergangenen Jahrzehnten politisch wie kulturell viel passiert ist, und ihn in die Zukunft zu führen, ist das Anliegen des Offenen Hauses. Es soll ein Ort des Aufbruchs und der Vielfalt bleiben, an dem Themen der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft reflektiert sowie Ideen erarbeitet und umgesetzt werden. Und »offen« meint dabei auch offen. Jede/r sei eingeladen, so Schuster, sich zu beteiligen – ganz gleich, wer die Person sei oder woher sie komme. Das OHdK scheint zumindest auf dem Weg. Ob’s am Ende der Nukleus für den Kulturcampus wird oder nur das schräg-schmückende Beiwerk für ein schickes »Wohnquartier am Kulturcampus« steht noch nicht auf den Wegweisern. Zumindest ist es ein Ort für Stadtkultur und -Gesellschaft … (alf./vss.)

Wüstenrot Stiftung.©
Vorlagen für Webseiten und Ausstellungen - Man kann kaum sagen, dass Frankfurt sich nicht müht, Menschen die Idee vom Miteinander auf den Straßen der Stadt nahe zu bringen
Quelle: Stadt Frankfurt©

Frankfurt | Mobiles Miteinander

Mehr Leben auf der Straße

Für Läden, Gastro, Autos, Räder, Menschen

Wer über Orte für Menschen nachsinnt, denkt kaum zuerst an Straßen. Weltweit aber formen Städte ihre asphaltierten »Lebensadern« zu neuen Orten des Lebens und des Miteinanders. In Frankfurt ist der Oeder Weg Vorzeigemeile beim Versuch, künftig Läden, Gastronomie, Autos, Räder und vor allem die Menschen mehr zum Miteinander zu bringen. Noch pflegen aber viele ihre Vor-Urteile … 

»Fahrrad-Anarchie« – Bei dem Begriff muss Katharina Knacker, Stadtverordnete und im Ausschuss für Mobilität und Smart-City, schmunzeln. Er fällt immer wieder in Gesprächen über den Umbau des Oeder Weges. Die Rede ist dann schnell von »Lobbypolitik«. Von »unachtsamen, alle Verkehrsregeln missachtenden Radfahrern«. Von finanzieller Not des Einzelhandels durch vertriebene Kunden, die normalerweise mit ihren Autos herkommen. »Da pflegt jeder und jede so ihre Vorurteile«, sagt Knacker. Der Entwicklungsplan des Oeder Weges ziele aber vielmehr auf ein Miteinander, auf eine Verbesserung des Verkehrs als auch des Zugangs zu Außengastronomie und Einzelhandel. Letzteres, indem Sommergärten und breitere Gehwege die Menschen motivieren sollen, zu Fuß durch die Straßen zu gehen. Andere Städte wie Stockholm haben damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Dortige »Sommerstraßen« funktionieren sogar ohne Autos. Sie weiten sich sogar von Jahr zu Jahr aus – und zwar auf Wunsch von Anwohner*innen, aber auch Laden- und Gastronomie-Betreiber*innen.

Frankfurts neue Verkehrspolitik rund um elf neue Fahrradstraßen hat in der Tat zwei Seiten. Es gehe um Zusammenleben und um Fahrradfreundlichkeit. Miteinander statt gegeneinander. Das beginnt bei den Verkehrsteilnehmer*innen: Alle sollen gleichberechtigt sein. Busse, Autofahrer*innen, Radfahrer*innen und Fußgänger*innen – für sie setzt die Stadt auf einen »Multifunktionsstreifen«, der alle Verkehrsteilnehmer*innen beachtet und mehr Möglichkeiten für einen sicheren Verkehr schafft. Auch wenn die nun großen roten Flächen manchen und manche erst mal verwirren – viele davon aber auch gerade dadurch vorsichtiger und rücksichtsvoller fahren lassen. Doch das neue Bild schafft auch ein anderes entspanntes Ambiente. Ein buntes Farbenspiel – das Auge lebt bekanntlich mit. Mehr Grünelemente, darunter auch mehr Baumkübel zur Abgrenzung der Außengastronomie, die neuen Fahrradwege in Rot, ein sicherer Verkehr durch breitere Fahrbahnen. An den Seiten der Gehwege gibt es mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Neben diesen befinden sich Lieferzonen und außerdem noch immer auch ein paar Auto-Parkplätze. Insgesamt soll der Oeder Weg breiter werden. Oder zumindest breiter wirken. Breit genug, dass rechts und links neben spazierenden Fußgängern zwischen den bunten Sommergärten Platz für den Verkehr von Radfahrer*innen und Autos bleibt und alle Verkehrsteilnehmer sicher ihren Weg durch die zentral gelegene Straße finden. Aber vor allem: dass sie alle auch verweilen können in dieser Straße. Die Philosophie: mehr Mensch, mehr Leben. Allerdings soll das neue Konzept natürlich auch zum Radeln motivieren. Denn allen Worten zum Trotz liegt da in Frankfurt durchaus auch noch einiges im Argen. Der Fahrrad-Monitor 2021, eine Umfrage, die das Sinus-Institut für Markt- und Sozialforschung für das Verkehrsministerium durchgeführt hatte, zeigt nämlich, dass im vergangenen Jahr nur noch 59 Prozent der Hess*innen ihr Rad regelmäßig benutzten, während dieser Wert im Jahre 2019 noch bei 68 Prozent lag. Im bundesweiten Fahrradklima-Test 2020 erzielte Frankfurt zuvor mit einer Note von 3,72 auch nur einen eher mittelmäßigen Wert. Allerdings bekommt die Stadt zusammen mit Wiesbaden den Titel als »bester Aufholer« in ihrer Kategorie. Deshalb gut zu wissen, dass das Leben in der Straße nur ein Teil der Philosophie und der Oeder Weg keine »Insel« ist. Das Modell ist Teil eines großen sicheren Radstraßennetzwerks, das mehr denn je auch die umliegenden Straßen verknüpft und sich mit den zehn anderen Fahrradstraßen verbindet. Sodass man ein Auto eigentlich auch gar nicht mehr unbedingt braucht, um in Frankfurt von einem Ort zum anderen zu kommen … (luc.).