Wenn Bestand wenig zählt

Viele vertane Chancen

Buch über das Alte Polizeipräsidium

Es ist fast ein Mahnmal, wie Städte und Gemeinschaften nicht mit ihrem (Bau-) Bestand umgehen sollten. Das Alte Polizeipräsidium – einst ein stattliches Landmark im Stadtbild der Main-Metropole – ist über zwei Jahrzehnte hinweg von Stadt und Land in eine Ruine verwandelt worden. Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis ein Käufer und neuer Besitzer gefunden wurde. Bis auf das vordere Hauptgebäude – fast könnte man sagen: bis auf die Fassade –, wird der weitläufige Gebäudekomplex nun abgetragen. In einigen Jahren wird hinter dieser Fassade dann ein neuer Komplex aus sehr viel Büro-, einigen Hotel-, Wohn- sowie ein paar Gemeinschaftsflächen stehen. Neues Landmark des Areals wird ein Hochhaus. »Lost Place / Verlorener Ort« haben denn auch vier Fans des Alten Polizeipräsidiums ihr Buch genannt, in dem sie dem alten Landmark ein publizistisches Denkmal setzten. Zahlreiche Fotos zeigen eindrucksvoll, wie sonst eigentlich nur Bauspekulanten ein Ensemble verfallen lassen können. Texte von Stadtführern, Journalisten und ehemaligen Mitarbeitern der alten Gemäuer (warum auch immer übrigens ausschließlich Männer) fügen den vielfach melancholischen Bildern noch einige gut gesetzte Fußnoten über das einstige Leben in den alten Mauern hinzu. Ein Buch als Hommage auf etwas, was kein Ruhmesblatt für Stadt und Land ist. Nur ein Bruchteil der Gebäude und der »grauen Energie« (des verwertbaren Bestandes) werden bewahrt. Nur ein Bruchteil des Areals kommt Gemeinschaft oder bezahlbarem Wohnraum zu Gute. Gerade beim Streit um den Verkauf zeigte sich auch, wie wenig oft »die Politik« auf ihre Sonntagsreden von Stadt-Entwicklung für Menschen gibt. Das Land, in dessen Besitz das Areal war, wollte einen möglichst hohen Preis erzielen. Die Stadt, die davon wenig hatte, hat ausgerechnet hier am lautesten nach bezahlbarem Wohnraum gerufen. Man darf gespannt sein, wie sehr dieser Ruf bei anderen Großbaustellen auf ihrem Terrain nachhallt. Immerhin: Das Alte Polizeipräsidium hat mit »Lost Place« noch einen würdigen Nachruf erhalten, ein ebensolcher Nachfolger ist bisher nicht wirklich in Sicht … (vss.).


Beispiele aus dem Architekturmuseum, wie man im Bestand Neues schaffen kann ...
Quelle: Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©

Im Fokus: Graue Energien

Bauen mit dem, was da ist

Ein Special und eine Ausstellung

Gebäude verursachen weltweit 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes. Er entsteht zu großen Teilen bereits beim Bau, bei Gewinnung, Transport und Verarbeitung der Materialien und deren Entsorgung. In Zeiten des Klimawandels ist der Verlust dieser »Grauen Energie« ein Problem, vor allem durch Abriss und Neubau von Gebäuden. Urban shorts widmet ein Special auf den Seiten URBAN und STADT dem Bauen mit Bestand, das Graue Energie weiternutzt. Anlass ist die Ausstellung »Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand« im Deutschen Architekturmuseum. Wobei Bauen im Bestand eigentlich gar nichts Neues ist … 

Schon in der Antike war es gang und gäbe. Ob Griechen oder Römer – immer wieder wurden Ruinen alter oder eingestürzter Gebäude buchstäblich als Steinbruch für neue Bauten benutzt. Besonders beliebt waren Säulen oder Kapitelle, die als Zitat oder als Baumaterial weiterverwendet wurden. Aber auch schnöde Steinquader wurden oft wiederverwendet. Die alte justinianische Zisterne Konstantinopels nahe der Hagia Sophia ruht auf unzähligen, meist korinthischen Säulen verschiedenster Herkunft. Auch im Mittelalter wurde die Tradition fortgesetzt. Die Baumeister Karls des Großen haben sich bei der Kapelle der Aachener Kaiserpfalz gar in Ravenna bedient. Und bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden in vielen mitteleuropäischen Städten Abrissgenehmigungen nur erteilt, wenn zuvor der Bestand ausgewertet und gegebenenfalls für eine weitere Verwertung gesichert worden war. Erst im Zeitalter der Industrialisierung kam dieses Wiederverwerten aus der Mode.

»Graue Energie« heißt jene Energie, die bei der Entstehung eines Gebäudes gebündelt wird. Jener Energiebedarf also, der in der Herstellung, dem Transport, der Verwertung und Verarbeitung sowie letztlich in der Entsorgung eines solchen Baus steckt. Am Lebenszyklus eines Gebäudes macht sie rund 50 Prozent der Energie aus … (mehr lesen).

Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©
Die Frankfurter Gruneliusschule: Umbauen im Bestand, das Schule machen kann
Quelle: Karsten Ratzke / Public Domain©

Impulse | Frankfurt baut um

Graue Energie weiternutzen

Ein Gastkommentar von Sylvia Weber

Viel zu oft werden in Städten alte Gebäude durch mehr oder minder schicke Neubauten ersetzt. Nicht selten ist dies Unsinn – zuvorderst ökologisch, oftmals sozial und am Ende auch ökonomisch. Frankfurts Bau-Dezernentin Sylvia Weber plädiert für ein Umdenken und nimmt auch die eigene Verwaltung in die Pflicht. 

Bereits seit über einem Jahrhundert gehen im Frankfurter Stadtteil Oberrad Schülerinnen und Schüler in die Gruneliusschule. Mittlerweile aber ist der mehrfach erweiterte Komplex um das turmartige Schulgebäude von 1907 trotz Renovierungen in die Jahre gekommen – und damit auf meinem Schreibtisch als Bau- und Schuldezernentin gelandet. Längst sind Lehrräume nicht mehr zeitgemäß, ist die Sportversorgung bestenfalls noch eine Turnhalle und das Ganze energetisch eine Katastrophe. Deshalb sollte die Schule abgerissen und neu gebaut werden. Doch dann kam der Ortsbeirat mit dem Wunsch, den Turm zu erhalten. Er sei mit der markanten Erscheinung und seiner Geschichte wichtig für die Identifikation der Bürger*innen mit ihrem Ortsteil. Wissend, wie wichtig Identität für Bewohner*innen eines Stadtteils ist, haben wir uns mit Schulgemeinde und Eltern erneut zusammengesetzt und einen neuen Plan erdacht: Wir erhalten den Turm und einen Großteil der alten Schule, werden drinnen um- und drumherum an- und weiterbauen. Alle Beteiligten sind überzeugt, dass wir das zu eng gewordene Erbe der Stifterfamilie Grunelius in ein zeitgemäßes Schulgebäude transformieren können, welches Raum gibt für neue pädagogische Ansätze bei weitgehendem Erhalt des Bestandes. Zumal der Erhalt von viel sogenannter »grauer Energie« auch ökologisch Sinn macht. Untersuchungen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der Energie, die wir in die Herstellung von Gebäuden gesteckt haben, erhalten bleiben kann, wenn wir nicht abreißen. Nimmt man alles zusammen, ist es am Ende sogar ökonomischer, mit Bestand zu bauen … (mehr lesen).

Karsten Ratzke / Public Domain©
Stadt. Land. Nirwana. Das Frankfurter Juridicum
Quelle: Moritz Bernoully / DAM©

Bestand oder nicht Bestand

Grau ist alle Juridicum-Energie

Letzte Züge oder bald Leuchtturmprojekt?

Nicht nur wegen seiner zwölf Stockwerke hätte das bald ehemalige Frankfurter Juridicum das Zeug für ein Leuchtturmprojekt. Interessierte und Fachleute glauben, dass sich der Bau bestens für ein »zweites Leben« mit Kultur- und Wohnraum eignen würde und leicht zu sanieren wäre. Dem steht aber noch ein alter Plan entgegen: der Abriss und ein (ganz) neues Areal für Kultur, Gewerbe, Wohnungen und eine Hochschule. Das Ergebnis: Derzeit häufen sich mal wieder rund ums Gelände vor allem Entwürfe und Diskussionsrunden. Was allerdings auch nicht ganz neu ist …

Überschriften für die folgende Geschichte ließen sich viele finden: »Stadt, Land, Nirwana?«, »Grau ist alle Energie«, »Never Ending Campus«, »Kulturcampus ohne Kultur und Campus«, »Ein Leuchtturmprojekt für Frankfurt«, »Hauptsache, wir haben miteinander geredet«. Seit über einem Jahrzehnt plant und diskutiert Frankfurt – die Stadt und alle irgendwie Interessierten – über einen »Kulturcampus« im Stadtteil Bockenheim. Die Vision: ein urbanes Quartier für Kultur, Wohnen, Gewerbe und Wissenschaften. Die Horrorvision: ein gehobenes »Wohngebiet am Kulturcampus« ohne Kultur (und) Campus. Mittendrin, fast wie ein Kulminationsort: das alte Juridicum, in den 60er Jahren von Architekt und Stadtplaner Ferdinand Kramer zwölf Stockwerke hoch für angehende Jurist*innen erstellt – und nun schon seit Jahren in einem merkwürdigen Dämmerzustand. Der banale Plan am Anfang: ein Abriss und damit ein »Plan blanche«, um auf dem freien Gelände einen Neubau für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK, wohnhaft derzeit noch im Westend) und drumherum viel Wohn-, Gewerbe- und eventuell noch Kulturraum zu schaffen. Beteiligt am Spiel seither: das Land Hessen, das den Hochschulbau forcieren möchte, die Stadt Frankfurt, die Wohnungen braucht und auch noch einige andere Dinge verwirklichen will, einige Architekturbüros, die sich und anderes verwirklichen wollen, und nebenbei noch zahlreiche (Kultur-) Interessierte und Anwohner*innen, die hier künftig in der ein oder anderen Form zu Hause sein wollen oder es bereits sind. Und, ach ja, eine städtische Wohnbaugesellschaft … (mehr lesen)


Blick in eine Superilla. Neue Bäume, Tempo 10 - und nach 120 Metern rechts wieder raus ...
Quelle: Toniher / Creative Commons CC BY-SA 3.0 (Lizenz: s.u.)©

STÄDTE FÜR MENSCHEN UND RÄDER [4]

Masterplan mit Superilles

Barcelona nimmt »Durchgangsverkehr« wörtlich

Mit dem Auto durch Barcelona zu fahren, ist eine feine Sache. Die Stadt ist – wie New York – als Schachbrett angelegt. Wenn frau ungefähr weiß, wo sie hin will, erreicht sie mit Immer-Geradeaus und der einen oder anderen 90-Grad-Kurve problemlos jedes Ziel. Zumindest, wenn sie überhaupt mit dem Auto unterwegs sein will. Und: So lange sie nicht in einen »Superilla« fährt. Diese »Superblocks« bestehen aus drei mal drei, also neun, im Quadrat liegenden Häuserblocks. Und ergo vier Durchgangsstraßen, zwei geradeaus und zwei quer dazu. Der Begriff »Durchgangsstraße« bekommt allerdings in einem Superilla eine ganz neue, wenn auch keineswegs abwegige Bedeutung. Nachdem sich schon bei der Einfahrt in das Viertel die Fahrbahn gleich mal um zwei Drittel verengt hatte, geht es am Ende des ersten Blocks strikt rechts ab und nach noch einmal der gleichen Strecke im 90-Grad-Winkel wieder aus dem Viertel hinaus. Und das ist im ganzen Viertel so. Als Durchfahrtsstraße also schlicht ungeeignet. Doch das ist auch schlicht der Sinn dahinter. Fände ich als Durchfahrerin wohl nervig. Als Anwohnerin würde ich anders darüber denken …

Seit 2015 hat Barcelona eine neue, alternative Bürgermeisterin. Ada Colau war mit dem Ziel angetreten, die Stadt ihren Bürgern zurückzugeben. Und der Spekulation, der Industrie und den Autos zu entreißen. Teil dessen war der Plan mit den Superilles, der im Inneren eines solchen Superblocks rund um den zentralen Block und die vier angrenzenden Plätze neuen Freiraum schuf. Betonierter Freiraum anfangs, der oft noch neu gestaltet werden muss(te). Aber immerhin. Die Superilles sind dabei Teil eines ziemlich ehrgeizigen Planes. Bis 2030 will Barcelona den Straßenverkehr um 21 Prozent (gegenüber 2005) reduzieren und den Anteil des Fußgänger, Radfahrer und des Nahverkehrs erhöhen. Ebenfalls bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent reduziert und städtische Grünflächen um einen Quadratmeter pro Einwohner erweitert werden. Dabei sollen 165 Hektar neue Grünflächen entstehen. Zug um Zug soll die Öffentlichkeit dabei in die Gestaltung und Verwaltung der Flächen einbezogen werden. Dies war bisher teils noch ein Problem bei den ersten Superilles und sorgte auch da und dort für Ablehnung bei Anliegern. So war der erste im nicht so dicht besiedelten Stadtteil Poblenou nicht gerade unumstritten. Doch die Proteste sind weniger geworden.

Flankiert wird das Ganze durch ein neues Verkehrskonzept. Das städtische Radwegenetz soll auf über 300 Kilometer fast verdreifacht werden. Zu Gunsten von Fußgänger*innen und Radfahrer*innen werden neue verkehrsberuhigte Zonen in den Superilles geschaffen. Das Modell verteilt den Raum innerhalb dieser Blöcke zwischen motorisierten Fahrzeugen und Menschen um und gewährt den letzteren Vorrang. In naher Zukunft soll diese Maßnahme auf andere Stadtviertel ausgeweitet werden.  Kurz vor dem Abschluss steht auch die Einführung des neuen Busliniennetzes mit über 28 Buslinien. Die Busse werden alle fünf bis acht Minuten fahren, so entsteht ein leistungsfähiges Liniennetz mit kürzeren Warte- und Fahrtzeiten. Nächstes Ziel im öffentlichen Nahverkehr ist die Verknüpfung der beiden derzeit getrennten Straßenbahnnetze der Stadt mittels einer 3,9 Kilometer langen Verbindungsstrecke. Damit ließe sich laut Planung die gegenwärtige Nutzung verdoppeln. Alles in allem ist dies ein regelrechter Masterplan, mit dem die Einwohner Barcelonas ermutigt werden sollen, Wege möglichst nachhaltig zu bewältigen: zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Private Pkw-Fahrten sollen reduziert werden und damit die Wohn- und Lebensbedingungen im Stadtgebiet verbessert werden. Vor allem der Fahrradanteil lässt mit rund zwei Prozent schon zu wünschen übrig. Immerhin sieht es beim Autoverkehr mit 26 Prozent schon jetzt gar nicht mal so schlecht aus. Offenbar sind die einheimischen Autofahrer weniger begeistert von ihrem Schachbrett als so manche Touristin … (hak. / dam.).

Toniher / Creative Commons CC BY-SA 3.0 (Lizenz: s.u.)©
Die Straße als Begegnungsstätte im Herzen der Stadt
Quelle: Heiner*blocks / Feline Hammer©

Impuls | Zukunft der Stadt

Barcelona in Darmstadt

Heiner*blocks für autoarme Quartiere

In einigen Städten der Region wird derzeit fleißig nachgedacht über »autoarme« Viertel, um die Lebensqualität in diesen urbanen Zentren zu erhöhen. Mit mehr Platz für Spielen und Begegnung, für Kinder, Fußgänger*innen, Radfahrer*innen oder Rollstuhlfahrer*innen. Neue Viertel werden von Anfang an »autoärmer« gedacht. Das Problem sind allerdings die bestehenden und gewachsenen Viertel, in denen Autos das Bild dominieren. In Frankfurt und Wiesbaden hatten dieses Jahr »Sommerstraßentage« eine Anmutung gegeben, wie Viertel, Plätze und Straßen auch aussehen könn(t)en. Darmstadt scheint hier mittlerweile einen Schritt weiter zu sein. Für die aktuelle Legislaturperiode haben sich die Regierenden von Grünen, CDU und Volt ein erstes Modellviertel im Stadtzentrum vorgenommen. Rund um das zentrale Martinsviertel im Herzen der Stadt präsentiert derweilen die junge Initiative »heiner*blocks« bereits seit über einem Jahr Ideen und Pläne für ein solches autoarmes Viertel oder zumindest für den Weg dorthin …

Das Quartier Lichtenbergviertel mit verkehrsberuhigten Ein- und Ausfahrtstraßen sowie Plätzen und zahlreichen Pfosten, die ein direktes Durchqueren verhindern. Quelle: heiner*blocks / Christina Kuhl mit Google Maps ©

Vorbild für Stadt und Initiative ist die Stadt Barcelona. Dort werden bereits seit vielen Jahren ganze Straßenblöcke zu sogenannten »Superblocks« umgebaut, die man mit dem Auto nicht mehr einfach durchfahren, sondern in die man meist nur ein- und umgehend wieder ausfahren kann. Kreuzungen sind darin zu Plätzen gemacht worden, Straßenflächen begrünt, Spiel- und Begegnungsflächen sind entstanden (s. Beitrag »Masterplan mit Superillas«). Diese Idee spiegelt sich auch in Darmstadt im 2021 beschlossenen Koalitionsvertrag für die kommenden fünf Jahre wider. »Innerhalb der aktuellen Legislaturperiode realisieren wir ein autoarmes Bestandsquartier als Pilotprojekt«, heißt es dort. Im September gab es einen offiziellen Beschluss der Stadtverordneten dazu, der die Umsetzung auf die zweite Hälfte 2023 festlegt. Offen ist, ob mit Quartier etwa das gesamte Martinsviertel oder nur ein Straßenblock wie etwa das darin gelegene Lichtenbergquartier gemeint ist. Die Initiative »heiner*blocks« – eine Gruppe anfangs meist junger Menschen aus den zentralen Vierteln, die mittlerweile auch Anhänger*innen in anderen Altersgruppen gefunden hat – hat der Stadt zumindest schon mal eine Art Blaupause für eben jenes Lichtenbergquartier entworfen, das auch Favorit als Startpilot zu sein scheint. Auf den Plänen sieht man ein ausgeklügeltes Netz an Einbahnstraßen, die jeweils nur kurz ins Viertel hinein- und dann abknickend wieder aus dem selben herausführen. Zumindest Anwohner*innen haben so weitgehend Zufahrt zu ihren Anwesen. Außerdem sind abgegrenzte Plätze für Begegnungen eingezeichnet sowie Ampeln an den Stellen, an denen die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen bevorzugt das Viertel verlassen könnten. Der allgemeine Autoverkehr hingegen würde über die roten Hauptverkehrsachsen um das Viertel herum geführt. Das Viertel selbst würde den Anwohner*innen gehören. Ein kleines Dorf in der Stadt sozusagen …

Ein Entwurf für die acht Teilquartiere des Martins- (rechts) und des Johannesviertels (links), die nach und nach in Super- oder Heiner-Blocks verwandelt werden könnten. Quelle: heiner*blocks / Maximilian Keiner©

Die Initiative begrüßt den Plan der Stadt, würde sich allerdings ein schnelleres Vorgehen bereits vor dem Sommer wünschen. Folgt man der Initiative der heiner*blocks, könnten nämlich dann bereits zügig die ganzen Innenstadtquartiere nach und nach in solche Super- oder Heiner-Blocks umgewandelt werden. Die Initiator*innen um Maximilian Keiner sind sich allerdings auch im Klaren, dass dies nicht von heute auf morgen geht. Zu groß wären wohl die Umgewöhnungen und der Druck auf die parkplatzsuchenden Anwohner*innen. Neue Möglichkeiten wie Quartiersgaragen müssten in den Vierteln und um sie herum geschaffen werden. Bei rund zehn Prozent der derzeit geparkten Autos ist hingegen wohl damit zu rechnen, dass sie im Zuge der neuen »Parkraumbewirtschaftung«, also der allgemeinen Monetarisierung des aktuellen Parkraums, in die Hinterhöfe und auf die Grundstücke verschwinden werden. Dies hat die Stadt ohnehin bereits für 2023 beschlossen. Weitere zehn bis 20 Prozent, so die Erfahrungen aus anderen Projekten, werden wohl erst gar nicht mehr in diese Viertel einfahren und parken. Aus diesen Gründen will die Stadt erst einmal ausprobieren und auswerten, bevor sie das Projekt ausweitet. Auf jeden Fall scheint es zwischen der Stadt und der Initiative große Schnittmengen zu geben. Quartiersgaragen, Diagonalsperren auf Kreuzungen, die das direkte Kreuzen verhindern, oder Sommerstraßen und -plätze sind ebenfalls Bestandteile des Koalitionsvertrages und werden auch bereits angegangen. Das Lichtenbergviertel oder sogar weitere Teile des Martinsviertels sollen gute Chancen haben, dabei den Start für ein Stück Barcelona in Darmstadt zu geben. Der Zeithorizont eines solchen Pilotprojektes dürfte wohl dann ein Jahr sein. Es wäre zugleich das erste Projekt dieser Art in Hessen und in der Rhein-Main-Region. In Städten wie Frankfurt oder Wiesbaden dürfte man die Ergebnisse mit Interesse verfolgen. Dort sind ähnlich konkrete Pläne bisher noch nicht bekannt geworden. In Frankfurt etwa wurde in diesem Sommer lediglich einmal mehr auf dem Mainkai herumexperimentiert … (vss./sfo.).