Zukunft des Verkehrs

Der Blick von unten

Wie Kids sich Mobilität wünschen

Die Stadt Frankfurt arbeitet derzeit mit ihren Bürger*innen einen »Masterplan Mobilität« aus. Teil der Bürger*innen-Beteiligung waren auch Planspiele und Befragungen an Schulen. Gemeinsam mit dem Verein »Umwelt lernen« wurden an 35 Schulen fast 1.800 Kids einbezogen. Die Vorstellungen der Schüler*innen präsentierten sich in eigenen Schaubildern, umfangreichen Auswertungen sowie einem eigenen Podium beim 3. Frankfurter Mobilitätsforum 2022.  

Gut, ein Wunsch Frankfurter Schülerinnen und Schüler wird sich nicht so leicht erfüllen: dass Autos und E-Roller sich einfach in Bäume verwandeln. Doch sonst haben fast 1.800 Kids, die sich in 35 Schulen an einem Planspiel zur künftigen Mobilität in der Mainmetropole beteiligt haben, nicht nur klare und naheliegende, sondern auch realisierbare Vorschläge. Und das erstaunlich differenziert und begründet. Ganz oben auf allen Listen: günstigere ÖPNV-Tickets, mehr Grün in der Stadt und vor allem mehr Platz und mehr Sicherheit für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer*innen. »Wenn mehr mit dem Bus fahren, ist mehr Platz auf den Straßen«, war ein Argument, warum Tickets günstig oder kostenlos sein müssten. Und zwar nicht nur für Oberstufen-Schüler*innen, die überraschenderweise oft ihre Tickets selbst bezahlen müssen. Genauso wichtig ist ihnen die Sicherheit am Straßenrand, »weil Autos oft zu schnell sind«. Also Brücken statt Zebrastreifen, längere Grünphasen an Ampeln, Schwellen vor Überwegen, mehr Kreisel oder breitere und baulich abgetrennte Radwege. Und: weniger Mülltonnen dort, weil sie – völlig überraschend – die Sicht verdecken.

Da Kids durchaus eine ganz andere Sicht auf den Verkehr haben, bekamen sie auch beim 3. Frankfurter Mobilitätsforum Mitte 2022 im Haus am Dom eine eigene Ausstellung mit »ihren« Ergebnissen (s. Bildergalerie) und eines von drei Podien alleine für sich. Und auf dem Podium zeigten alleine zwölf Schüler*innen aus vier Schulen sehr schnell, was ihnen wichtig ist. Nicht nur der Blick auf den Verkehr stand im Fokus: mehr Bäume, mehr Blumen, »straffreies Urban Gardening«, überhaupt mehr Grün und Plätze zum Spielen und »zum Abhängen« (nicht nur für sich), forderten sie ganz allgemein ein. Aber auch beim Blick auf die Straße(n) gab es Prioritäten: weniger Autos auf der Fahrbahn und am Straßenrand, bis hin zu einer völlig autofreien Berger Straße. Und immer mit einem besonderen Blick für die Schwächeren: Erstaunlich viel Raum bekamen Hilfen für Rolli-Fahrer*innen und Blinde (»Die können ja nichts für ihre Behinderung. Deshalb müssen wir uns für sie einsetzen.«). Zwischendrin auch die Forderung nach weniger Ausgrenzung von Obdachlosen. Null Verständnis gab es für schmale Gehwege und vor allem für herumliegende E-Roller. Doch nicht nur diese Art von »Müll« würden Kids gerne aus dem Stadtbild verbannen. Auch sonst ist es ihnen viel zu viel Unrat auf und neben den Straßen. Und auch Busse und Bahnen bekommen ihr Fett weg. Die Kids, die schon quasi »von Berufs wegen« Busse, Bahnen und Fußwege nutzen, finden es überall zu dreckig, wünschen sich weniger klebrige Kaugummis sowie Busse, Bahnen und Gehwege, bei denen es mehr Spaß mache, sie auch zu benutzen. Denn eines ist auch ihnen erstaunlich klar: Es reicht nicht, nur einfach mehr Menschen in den ÖPNV, auf Rad- und Fußwege zu bringen. Diese müssten auch in der Lage sein, sie aufzunehmen. Ach ja, und an noch jemanden denken die Schüler*innen. Kostenlos müsse nicht alles sein. Denn auch die, die dort im ÖPNV und bei der Straßenreinigung arbeiteten, »müssen ja auch was verdienen …«. Manchmal hatte man das Gefühl, dass auf Podien ein »Blick von unten« auf den Verkehr öfter nicht unbedingt schaden würde … (vss.).


Beispiele aus dem Architekturmuseum, wie man im Bestand Neues schaffen kann ...
Quelle: Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©

Im Fokus: Graue Energien

Bauen mit dem, was da ist

Ein Special und eine Ausstellung

Gebäude verursachen weltweit 40 Prozent des CO₂-Ausstoßes. Er entsteht zu großen Teilen bereits beim Bau, bei Gewinnung, Transport und Verarbeitung der Materialien und deren Entsorgung. In Zeiten des Klimawandels ist der Verlust dieser »Grauen Energie« ein Problem, vor allem durch Abriss und Neubau von Gebäuden. Urban shorts widmet ein Special auf den Seiten URBAN und STADT dem Bauen mit Bestand, das Graue Energie weiternutzt. Anlass ist die Ausstellung »Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand« im Deutschen Architekturmuseum. Wobei Bauen im Bestand eigentlich gar nichts Neues ist … 

Schon in der Antike war es gang und gäbe. Ob Griechen oder Römer – immer wieder wurden Ruinen alter oder eingestürzter Gebäude buchstäblich als Steinbruch für neue Bauten benutzt. Besonders beliebt waren Säulen oder Kapitelle, die als Zitat oder als Baumaterial weiterverwendet wurden. Aber auch schnöde Steinquader wurden oft wiederverwendet. Die alte justinianische Zisterne Konstantinopels nahe der Hagia Sophia ruht auf unzähligen, meist korinthischen Säulen verschiedenster Herkunft. Auch im Mittelalter wurde die Tradition fortgesetzt. Die Baumeister Karls des Großen haben sich bei der Kapelle der Aachener Kaiserpfalz gar in Ravenna bedient. Und bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden in vielen mitteleuropäischen Städten Abrissgenehmigungen nur erteilt, wenn zuvor der Bestand ausgewertet und gegebenenfalls für eine weitere Verwertung gesichert worden war. Erst im Zeitalter der Industrialisierung kam dieses Wiederverwerten aus der Mode.

»Graue Energie« heißt jene Energie, die bei der Entstehung eines Gebäudes gebündelt wird. Jener Energiebedarf also, der in der Herstellung, dem Transport, der Verwertung und Verarbeitung sowie letztlich in der Entsorgung eines solchen Baus steckt. Am Lebenszyklus eines Gebäudes macht sie rund 50 Prozent der Energie aus … (mehr lesen).

Wenn Bestand wenig zählt

Viele vertane Chancen

Buch über das Alte Polizeipräsidium

Es ist fast ein Mahnmal, wie Städte und Gemeinschaften nicht mit ihrem (Bau-) Bestand umgehen sollten. Das Alte Polizeipräsidium – einst ein stattliches Landmark im Stadtbild der Main-Metropole – ist über zwei Jahrzehnte hinweg von Stadt und Land in eine Ruine verwandelt worden. Zwei Jahrzehnte dauerte es, bis ein Käufer und neuer Besitzer gefunden wurde. Bis auf das vordere Hauptgebäude – fast könnte man sagen: bis auf die Fassade –, wird der weitläufige Gebäudekomplex nun abgetragen. In einigen Jahren wird hinter dieser Fassade dann ein neuer Komplex aus sehr viel Büro-, einigen Hotel-, Wohn- sowie ein paar Gemeinschaftsflächen stehen. Neues Landmark des Areals wird ein Hochhaus. »Lost Place / Verlorener Ort« haben denn auch vier Fans des Alten Polizeipräsidiums ihr Buch genannt, in dem sie dem alten Landmark ein publizistisches Denkmal setzten. Zahlreiche Fotos zeigen eindrucksvoll, wie sonst eigentlich nur Bauspekulanten ein Ensemble verfallen lassen können. Texte von Stadtführern, Journalisten und ehemaligen Mitarbeitern der alten Gemäuer (warum auch immer übrigens ausschließlich Männer) fügen den vielfach melancholischen Bildern noch einige gut gesetzte Fußnoten über das einstige Leben in den alten Mauern hinzu. Ein Buch als Hommage auf etwas, was kein Ruhmesblatt für Stadt und Land ist. Nur ein Bruchteil der Gebäude und der »grauen Energie« (des verwertbaren Bestandes) werden bewahrt. Nur ein Bruchteil des Areals kommt Gemeinschaft oder bezahlbarem Wohnraum zu Gute. Gerade beim Streit um den Verkauf zeigte sich auch, wie wenig oft »die Politik« auf ihre Sonntagsreden von Stadt-Entwicklung für Menschen gibt. Das Land, in dessen Besitz das Areal war, wollte einen möglichst hohen Preis erzielen. Die Stadt, die davon wenig hatte, hat ausgerechnet hier am lautesten nach bezahlbarem Wohnraum gerufen. Man darf gespannt sein, wie sehr dieser Ruf bei anderen Großbaustellen auf ihrem Terrain nachhallt. Immerhin: Das Alte Polizeipräsidium hat mit »Lost Place« noch einen würdigen Nachruf erhalten, ein ebensolcher Nachfolger ist bisher nicht wirklich in Sicht … (vss.).

Adrià Goula / Filip Dujardin / Ossip van Duivenbode©
Die Frankfurter Gruneliusschule: Umbauen im Bestand, das Schule machen kann
Quelle: Karsten Ratzke / Public Domain©

Impulse | Frankfurt baut um

Graue Energie weiternutzen

Ein Gastkommentar von Sylvia Weber

Viel zu oft werden in Städten alte Gebäude durch mehr oder minder schicke Neubauten ersetzt. Nicht selten ist dies Unsinn – zuvorderst ökologisch, oftmals sozial und am Ende auch ökonomisch. Frankfurts Bau-Dezernentin Sylvia Weber plädiert für ein Umdenken und nimmt auch die eigene Verwaltung in die Pflicht. 

Bereits seit über einem Jahrhundert gehen im Frankfurter Stadtteil Oberrad Schülerinnen und Schüler in die Gruneliusschule. Mittlerweile aber ist der mehrfach erweiterte Komplex um das turmartige Schulgebäude von 1907 trotz Renovierungen in die Jahre gekommen – und damit auf meinem Schreibtisch als Bau- und Schuldezernentin gelandet. Längst sind Lehrräume nicht mehr zeitgemäß, ist die Sportversorgung bestenfalls noch eine Turnhalle und das Ganze energetisch eine Katastrophe. Deshalb sollte die Schule abgerissen und neu gebaut werden. Doch dann kam der Ortsbeirat mit dem Wunsch, den Turm zu erhalten. Er sei mit der markanten Erscheinung und seiner Geschichte wichtig für die Identifikation der Bürger*innen mit ihrem Ortsteil. Wissend, wie wichtig Identität für Bewohner*innen eines Stadtteils ist, haben wir uns mit Schulgemeinde und Eltern erneut zusammengesetzt und einen neuen Plan erdacht: Wir erhalten den Turm und einen Großteil der alten Schule, werden drinnen um- und drumherum an- und weiterbauen. Alle Beteiligten sind überzeugt, dass wir das zu eng gewordene Erbe der Stifterfamilie Grunelius in ein zeitgemäßes Schulgebäude transformieren können, welches Raum gibt für neue pädagogische Ansätze bei weitgehendem Erhalt des Bestandes. Zumal der Erhalt von viel sogenannter »grauer Energie« auch ökologisch Sinn macht. Untersuchungen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der Energie, die wir in die Herstellung von Gebäuden gesteckt haben, erhalten bleiben kann, wenn wir nicht abreißen. Nimmt man alles zusammen, ist es am Ende sogar ökonomischer, mit Bestand zu bauen … (mehr lesen).

Karsten Ratzke / Public Domain©
Stadt. Land. Nirwana. Das Frankfurter Juridicum
Quelle: Moritz Bernoully / DAM©

Bestand oder nicht Bestand

Grau ist alle Juridicum-Energie

Letzte Züge oder bald Leuchtturmprojekt?

Nicht nur wegen seiner zwölf Stockwerke hätte das bald ehemalige Frankfurter Juridicum das Zeug für ein Leuchtturmprojekt. Interessierte und Fachleute glauben, dass sich der Bau bestens für ein »zweites Leben« mit Kultur- und Wohnraum eignen würde und leicht zu sanieren wäre. Dem steht aber noch ein alter Plan entgegen: der Abriss und ein (ganz) neues Areal für Kultur, Gewerbe, Wohnungen und eine Hochschule. Das Ergebnis: Derzeit häufen sich mal wieder rund ums Gelände vor allem Entwürfe und Diskussionsrunden. Was allerdings auch nicht ganz neu ist …

Überschriften für die folgende Geschichte ließen sich viele finden: »Stadt, Land, Nirwana?«, »Grau ist alle Energie«, »Never Ending Campus«, »Kulturcampus ohne Kultur und Campus«, »Ein Leuchtturmprojekt für Frankfurt«, »Hauptsache, wir haben miteinander geredet«. Seit über einem Jahrzehnt plant und diskutiert Frankfurt – die Stadt und alle irgendwie Interessierten – über einen »Kulturcampus« im Stadtteil Bockenheim. Die Vision: ein urbanes Quartier für Kultur, Wohnen, Gewerbe und Wissenschaften. Die Horrorvision: ein gehobenes »Wohngebiet am Kulturcampus« ohne Kultur (und) Campus. Mittendrin, fast wie ein Kulminationsort: das alte Juridicum, in den 60er Jahren von Architekt und Stadtplaner Ferdinand Kramer zwölf Stockwerke hoch für angehende Jurist*innen erstellt – und nun schon seit Jahren in einem merkwürdigen Dämmerzustand. Der banale Plan am Anfang: ein Abriss und damit ein »Plan blanche«, um auf dem freien Gelände einen Neubau für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK, wohnhaft derzeit noch im Westend) und drumherum viel Wohn-, Gewerbe- und eventuell noch Kulturraum zu schaffen. Beteiligt am Spiel seither: das Land Hessen, das den Hochschulbau forcieren möchte, die Stadt Frankfurt, die Wohnungen braucht und auch noch einige andere Dinge verwirklichen will, einige Architekturbüros, die sich und anderes verwirklichen wollen, und nebenbei noch zahlreiche (Kultur-) Interessierte und Anwohner*innen, die hier künftig in der ein oder anderen Form zu Hause sein wollen oder es bereits sind. Und, ach ja, eine städtische Wohnbaugesellschaft … (mehr lesen)

Moritz Bernoully / DAM©
Die Straße als Begegnungsstätte im Herzen der Stadt
Quelle: Heiner*blocks / Feline Hammer©

Impuls | Zukunft der Stadt

Barcelona in Darmstadt

Heiner*blocks für autoarme Quartiere

In einigen Städten der Region wird derzeit fleißig nachgedacht über »autoarme« Viertel, um die Lebensqualität in diesen urbanen Zentren zu erhöhen. Mit mehr Platz für Spielen und Begegnung, für Kinder, Fußgänger*innen, Radfahrer*innen oder Rollstuhlfahrer*innen. Neue Viertel werden von Anfang an »autoärmer« gedacht. Das Problem sind allerdings die bestehenden und gewachsenen Viertel, in denen Autos das Bild dominieren. In Frankfurt und Wiesbaden hatten dieses Jahr »Sommerstraßentage« eine Anmutung gegeben, wie Viertel, Plätze und Straßen auch aussehen könn(t)en. Darmstadt scheint hier mittlerweile einen Schritt weiter zu sein. Für die aktuelle Legislaturperiode haben sich die Regierenden von Grünen, CDU und Volt ein erstes Modellviertel im Stadtzentrum vorgenommen. Rund um das zentrale Martinsviertel im Herzen der Stadt präsentiert derweilen die junge Initiative »heiner*blocks« bereits seit über einem Jahr Ideen und Pläne für ein solches autoarmes Viertel oder zumindest für den Weg dorthin …

Das Quartier Lichtenbergviertel mit verkehrsberuhigten Ein- und Ausfahrtstraßen sowie Plätzen und zahlreichen Pfosten, die ein direktes Durchqueren verhindern. Quelle: heiner*blocks / Christina Kuhl mit Google Maps ©

Vorbild für Stadt und Initiative ist die Stadt Barcelona. Dort werden bereits seit vielen Jahren ganze Straßenblöcke zu sogenannten »Superblocks« umgebaut, die man mit dem Auto nicht mehr einfach durchfahren, sondern in die man meist nur ein- und umgehend wieder ausfahren kann. Kreuzungen sind darin zu Plätzen gemacht worden, Straßenflächen begrünt, Spiel- und Begegnungsflächen sind entstanden (s. Beitrag »Masterplan mit Superillas«). Diese Idee spiegelt sich auch in Darmstadt im 2021 beschlossenen Koalitionsvertrag für die kommenden fünf Jahre wider. »Innerhalb der aktuellen Legislaturperiode realisieren wir ein autoarmes Bestandsquartier als Pilotprojekt«, heißt es dort. Im September gab es einen offiziellen Beschluss der Stadtverordneten dazu, der die Umsetzung auf die zweite Hälfte 2023 festlegt. Offen ist, ob mit Quartier etwa das gesamte Martinsviertel oder nur ein Straßenblock wie etwa das darin gelegene Lichtenbergquartier gemeint ist. Die Initiative »heiner*blocks« – eine Gruppe anfangs meist junger Menschen aus den zentralen Vierteln, die mittlerweile auch Anhänger*innen in anderen Altersgruppen gefunden hat – hat der Stadt zumindest schon mal eine Art Blaupause für eben jenes Lichtenbergquartier entworfen, das auch Favorit als Startpilot zu sein scheint. Auf den Plänen sieht man ein ausgeklügeltes Netz an Einbahnstraßen, die jeweils nur kurz ins Viertel hinein- und dann abknickend wieder aus dem selben herausführen. Zumindest Anwohner*innen haben so weitgehend Zufahrt zu ihren Anwesen. Außerdem sind abgegrenzte Plätze für Begegnungen eingezeichnet sowie Ampeln an den Stellen, an denen die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen bevorzugt das Viertel verlassen könnten. Der allgemeine Autoverkehr hingegen würde über die roten Hauptverkehrsachsen um das Viertel herum geführt. Das Viertel selbst würde den Anwohner*innen gehören. Ein kleines Dorf in der Stadt sozusagen …

Ein Entwurf für die acht Teilquartiere des Martins- (rechts) und des Johannesviertels (links), die nach und nach in Super- oder Heiner-Blocks verwandelt werden könnten. Quelle: heiner*blocks / Maximilian Keiner©

Die Initiative begrüßt den Plan der Stadt, würde sich allerdings ein schnelleres Vorgehen bereits vor dem Sommer wünschen. Folgt man der Initiative der heiner*blocks, könnten nämlich dann bereits zügig die ganzen Innenstadtquartiere nach und nach in solche Super- oder Heiner-Blocks umgewandelt werden. Die Initiator*innen um Maximilian Keiner sind sich allerdings auch im Klaren, dass dies nicht von heute auf morgen geht. Zu groß wären wohl die Umgewöhnungen und der Druck auf die parkplatzsuchenden Anwohner*innen. Neue Möglichkeiten wie Quartiersgaragen müssten in den Vierteln und um sie herum geschaffen werden. Bei rund zehn Prozent der derzeit geparkten Autos ist hingegen wohl damit zu rechnen, dass sie im Zuge der neuen »Parkraumbewirtschaftung«, also der allgemeinen Monetarisierung des aktuellen Parkraums, in die Hinterhöfe und auf die Grundstücke verschwinden werden. Dies hat die Stadt ohnehin bereits für 2023 beschlossen. Weitere zehn bis 20 Prozent, so die Erfahrungen aus anderen Projekten, werden wohl erst gar nicht mehr in diese Viertel einfahren und parken. Aus diesen Gründen will die Stadt erst einmal ausprobieren und auswerten, bevor sie das Projekt ausweitet. Auf jeden Fall scheint es zwischen der Stadt und der Initiative große Schnittmengen zu geben. Quartiersgaragen, Diagonalsperren auf Kreuzungen, die das direkte Kreuzen verhindern, oder Sommerstraßen und -plätze sind ebenfalls Bestandteile des Koalitionsvertrages und werden auch bereits angegangen. Das Lichtenbergviertel oder sogar weitere Teile des Martinsviertels sollen gute Chancen haben, dabei den Start für ein Stück Barcelona in Darmstadt zu geben. Der Zeithorizont eines solchen Pilotprojektes dürfte wohl dann ein Jahr sein. Es wäre zugleich das erste Projekt dieser Art in Hessen und in der Rhein-Main-Region. In Städten wie Frankfurt oder Wiesbaden dürfte man die Ergebnisse mit Interesse verfolgen. Dort sind ähnlich konkrete Pläne bisher noch nicht bekannt geworden. In Frankfurt etwa wurde in diesem Sommer lediglich einmal mehr auf dem Mainkai herumexperimentiert … (vss./sfo.).

Frankfurt | Stadtentwicklung

Kleine Park-Oasen

Parklets erobern die Innenstädte

Holz, etwas Farbe, Pflanzen und Bücher. Es braucht nicht viel, aus einem klassischen Parkplatz für Autos einen Ruhe- und Begegnungsort für Menschen zu machen. In aller Welt sprießen solche Parklets derzeit an den Straßenrändern. In Frankfurt ist kürzlich das erste Parklet der Stadt entstanden. Und es hat bereits Nachahmer*innen gefunden. 

Bockenheim hat seit einigen Monaten ein Parklet. Ein Parklet? Aus der Ferne betrachtet, sieht der vollgelbe Farbklecks aus wie eine Skulptur inmitten von parkenden Autos am Straßenrand. Aus der Nähe offenbart sich das ungewöhnliche Holzkonstrukt allerdings als kleine Oase mitten im sonst blechernen Großstadtdschungel. Das verbaute Holz bildet verschiedene Stufen, welche rundherum Sitzgelegenheiten bieten. Vier Holzlatten zu einem Rechteck verbaut ergeben zudem eine Art Kübel, in den Blumen gepflanzt worden sind. Eine Art von Regal hin zum Trottoir wiederum bietet den Nachbar*innen Platz zum Abstellen oder Ablegen. Für Bücher oder einen Kaffee. Und das alles auf einem ehemaligen Parkplatz am Straßenrand. Was einst Standfläche für tote Materie war, haben Bürgerinnen und Bürger des Viertels über einige Wochen hinweg flugs in eine lebendige Verweil- und Begegnungsfläche für Menschen umgewandelt …

Das Parklet in Bockenheim ist nur eines von vielen, wie sie derzeit in vielen Städten auf dieser Welt an den Straßenrändern aus dem Boden sprießen. Auf einer Fläche von meist etwa 12 Quadratmetern, die vorher Autos vorbehalten war. Das Parklet in Bockenheim war das erste in Frankfurt. Sein Weg begann dabei in der Bockenheimer Nachbarschaft, nicht in der Politik. Gemeinsam gründeten engagierte Bürger*innen die Initiative »Bockenheim außer Haus«. Frühzeitig hatten sie gemerkt, dass es in der Mainmetropole ein massives Missverhältnis gibt. »Ein massives Missverhältnis in der Flächennutzung«, wie es Sabrina Wirtz von der Nachbargemeinschaft ausdrückt. Frankfurt belege mit einer Bevölkerungsdichte von 3.077 Einwohnern pro Quadratkilometer den fünften Platz im Ranking der am dichtesten besiedelten Städte Deutschlands. Und es ist eine Stadt mit viel zu vielen Autos im öffentlichen Raum. Rasch fanden sich in der Gemeinschaft rund 130 Menschen zusammen, sammelten Geld und begannen die Gespräche über die Planung und das Umsetzen einer Idee. So wie eine grüne Pflanze auf einem kleinen Tischlein eine vormals kahle Wohnung schnell aufmöbeln kann, sieht es auch bei den Parklets aus: Mit Stadtmöbeln, Pflanzen & Co. könne auch eine Stadt belebt werden. Das Grau des Asphaltes wird mit Grün bekämpft, die leeren Gehwege mit Sitzgelegenheiten. Parklets schaffen damit einen einladenden Raum für Begegnungen. Das Bockenheimer Parklet war in der Hinsicht gut gewählt, denn die Bürger*innen entschieden sich für einen Parkplatz direkt vor einem Paketshop in der Jordanstraße. Ein Ort, an dem früher alles schnell vonstatten ging. Mittlerweile habe sich das etwas geändert, erzählt Wirtz. Anstatt Pakete und Post schnell abzuholen, plaudern viele Nachbar*innen jetzt am Shop auch mal ein paar Worte miteinander. Oder genießen die Entspannungsmöglichkeit in dem so dicht besiedelten Viertel. Dieses neue Gefühl von Gemeinschaft sei es auch, auf das es bei dem Parklet und bei der Initiative »Bockenheim außer Haus« ankomme. Nicht von ungefähr organisiert die Gruppe auch seit dem vergangenen Jahr sogenannte »Sommerstraßen«, bei denen jeweils für einen Tag eine der Straßen des Viertels autofrei gemacht und für einige Stunden buchstäblich bewohnt wird. Eine Idee, die es mittlerweile auch in anderen Vierteln der Stadt gibt. Ebenso wie Parklets. Jüngste Beispiele sind seit einigen Wochen bereits in der Innenstadt entlang der Braubachstraße gesichtet worden … (luc.).