Beste Bücher aus aller Welt

Menschen aus der Nachbarschaft

Ausgewählt von Litprom - Weltempfänger

In der Kulturlandschaft ist es nicht so selbstverständlich, dass sich Kulturschaffende für andere Kulturschaffende engagieren. Oft sind die Protagonist*innen in dieser Branche »Einzelkämpfer*innen«. Vor diesem Hintergrund fällt der »Weltempfänger« auf, die Litprom-Bestenliste herausragender Bücher aus anderen Teilen der Welt in deutschen Übersetzungen. Alle drei Monate wählen sieben Juror*innen für Litprom, allesamt selbst profilierte Büchermenschen aus der Szene, je ein Werk aus, das sie dann unter ihrem Namen und mit einer prägnanten Kurzbewertung mit zwei, drei Sätzen empfehlen. In diesem Buchmessen-Herbst sind dies Bücher und Autor*innen aus Nigeria, Ruanda und Kongo, aus Argentinien und Grenada sowie aus Malaysia und aus der Türkei; manche der Autor*innen auch noch mit einem Wohnsitz in Europa. Urban shorts – Das Metropole Magazin präsentiert die subjektive Liste der Auserwählten mit den Zitaten der Juror*innen zum Durchklicken (red.).

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Das Motto der WDC-Bewerbung von FrankfurtRheinMain
Quelle: Design for Democracy©

Kultur in der Debatte

Kultur. Macht. Sinn.

Ein Leitartikel von Volker Stahr

Bei Kultur wird der Rotstift in schwierigen Zeiten oft und gerne zuerst angesetzt, wenn irgendwo gespart werden soll. Die Kultur, sie gilt in solchen Zeiten gerne mal als verzichtbar. Gerade in den vergangenen Wochen jedoch demonstrierte in Frankfurt die Kulturszene eindrucksvoll, dass Kultur gerade in dieser Zeit und für die heutige Gesellschaft mehr ist als bloßes »l’ art pour l’ art«. Eine Woche lang füllten die mehr oder minder »freien Theater« der Stadt ihre Bühnen von Mousonturm bis Offenes Haus der Kulturen mit politischen Themen. Beim Festival »Politik im Freien Theater« ging es um (fast) alle Fragen rund um den Sinn in dieser Zeit und wurde immer wieder deutlich, dass es die Kultur ist, die Halt und Haltung zu vermitteln in der Lage ist. Ein Höhepunkt war sicher das dreitägige Symposium »Kosmopolitismus von unten«, in dem Politiker*innen, Kulturschaffende und sonstige Intellektuelle über Demokratie im 21. Jahrhundert diskutierten. Ein weiterer Höhepunkt war die Rede zum Tag der Deutschen Einheit in der Paulskirche, die diesmal ein Kulturschaffender hielt: Matthias Wagner K, der als Direktor des Museum Angewandte Kunst sein Haus immer wieder an der Schnittstelle des gesellschaftlichen Diskurses positioniert. Und der als Gestalter (neudeutsch: Designer) in seiner Rede die durchaus doppeldeutige Aufforderung »Gestalten wir, wie wir leben wollen!« machte und nach »Atmospheres for a better life« rief ... (mehr lesen).  

Design for Democracy©
Das MUDAM - ein Zentrum für Kultur und Kulturschaffende in Luxemburg.
Quelle: Jean-Noël Lafargue • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Blaupause Kultur | Luxemburg

Großherziges Grundeinkommen

Großherzogtum sichert seine Kulturschaffenden ab

Eigentlich ist es ein ganz normales Künstlerleben, wie das so vieler Künstler*innen an vielen Orten in Europa. Paul Schumacher ist Videokünstler und lebt in Luxemburg. Sein Metier ist die Event-Kunst, als VJ und mit Video Mapping hat er sich einen Namen gemacht. Seine Arbeiten zeigt er vor allem im kleinen Großherzogtum selbst: Projektionen im öffentlichen Raum, Kooperationen mit Bühnen, in Theatern oder beim Tanz. Er bespielt renommierte Orte wie die Philharmonie und das »Mudam«, das Museum für zeitgenössische Kunst. Und er arbeitet mit internationalen DJs wie Sven Väth, Westbam oder Tomcraft. Doch ganz normal werden viele Kolleg*innen das Künstlerleben des Paul Schumacher nicht empfinden – zumindest nicht außerhalb des kleinen Fürstentums. Schumacher kann es nämlich entspannt angehen. Bereits seit zehn Jahren nutzt er eine Luxemburger Besonderheit der Kulturförderung: die Möglichkeit, sein Einkommen mittels einer speziellen Sozialhilfe für Kulturschaffende aufzustocken. Das sichert ihm immer ein Grundeinkommen von rund zweieinhalbtausend Euro. Auch dann, wenn – wie in diesem Metier üblich – die Einnahmen schwankend sind. In manchen Monaten jagt ein Event das andere, in anderen sind nur wenige Tage des Kalenders belegt. Der Künstler aber hat die Sicherheit, immer sein Existenzminimum zu erreichen und zuweilen auch einmal bezahlten Urlaub machen zu können. Und das Ganze ist auch akzeptiert: Er muss dafür nicht angestellt sein. Anders als in Deutschland, wo Jobcenter ausschließlich in sozialversicherungspflichtige Jobs vermitteln, ist es in Luxemburg möglich, als Kreative*r einfach freiberuflich tätig zu sein und eine Aufstockung zu erhalten. Und das auch über lange Zeiträume … (mehr lesen).


Stockholms Kulturhuset - ein vielgestaltiger Kulturpalast im Herzen der Stadt
Quelle: Johan Stigholt • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Blaupause Kultur | Schweden

Mehr als Schweden-Happen

Nordische Langzeitförderung für Künstler*innen

Das »Swedish Arts Grants Commitee« (Schwedisches Komitee für Kunststipendien) vergibt jedes Jahr zahlreiche Stipendien an professionelle, in Schweden lebende und arbeitende Künstler*innen unterschiedlichster Sparten, beispielsweise für bildende Kunst, Fotografie, Design, Kunsthandwerk oder Architektur. Das Besondere: Neben Kurz- gibt es auch Langzeitstipendien für fünf oder zehn Jahre. 

»Als vor fünf Jahren der Bescheid eintraf, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Ich konnte mein Glück kaum fassen«. Der in Stockholm lebende Fotokünstler Carl Johan Erikson hatte eines der begehrten Langzeitstipendien des Swedish Arts Grants Commitee über fünf Jahre erhalten. Zwar konnte er damals bereits auf eine lange Karriere zurückblicken, dennoch war das Langzeitstipendium für ihn etwas besonderes. Anerkennung seiner künstlerischen Leistung der Vergangenheit – und ein Stück künstlerische Unabhängigkeit für die Zukunft. Ein Stipendium über fünf oder gar zehn Jahre ist eine Seltenheit in der internationalen Kunstszene. Die umgerechnet 10.000 Euro pro Jahr nutzt Erikson für die Ateliermiete, für Forschungsreisen, als Unterstützung für seine Ausstellungsprojekte und für die Produktion seiner Fotobücher. Dafür ist es auch gedacht, denn »zum Leben« würde es in Schweden kaum reichen. Der Betrag entspräche gerade einmal rund 15 Prozent eines normalen Jahreseinkommens in dem skandinavischen Land. Alle seine Kolleg*innen arbeiteten denn auch auf Stellen im Kunstbetrieb oder in anderen Branchen. Er selbst hat etwa eine 50%- Stelle als Senior Lecturer am Royal Institute of Art in Stockholm. Der Job ermöglicht ihm sein Auskommen, das Stipendium die künstlerische Arbeit … (mehr lesen)

Johan Stigholt • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
Klaus Schneider zwischen Lebenskunst und Künstlerleben
Quelle: Günther Dächert©

KÜNSTLER. LEBEN. ORTE. [18]

Klaus S. – Der Lebenskulturschaffende

Ein Leben, fast wie aus dem Künstlerbilderbuch

Ein Idyll, eine Oase – zwei Worte würden ausreichen, Klaus (und Cosima) Schneiders kleine Welt in einem Hinterhof in Seckbach zu beschreiben. Von der staubigen Durchgangsstraße kommend, betritt man eine andere Welt: ein kleiner Hof mit Kopfsteinpflaster, ein altes zweistöckiges Hinterhaus, zugewachsen mit Efeu, kleine Sitzecke hinter verträumten Blumenkästen, ein ausladender Feigenbaum. Pittoresk – wie aus einem Fotobuch, irgendwo in Europas Süden aufgenommen. Der Frankfurter Künstler hat hier – man muss es so sagen – seinen »Lebensmittelpunkt«. Seit Jahrzehnten bewohnt er die 70 Quadratmeter im ersten Stock oder das kleine Erdgeschossatelier (neben dem hinter einem alten Garagentor noch das Lager liegt) – oder seit einigen Jahren beides zusammen. Ebenso wie er zeitweise in den zwei ineinandergehenden Atelier-Räumen auch mal wohnte und arbeitete zugleich, kurze Zeit gar zusammen mit seiner Frau. Ateliers »in der Stadt« hatte er immer nur temporär. Ein »Künstlerleben« ließe sich romantisierend sagen. Auch wenn durchschimmert, dass dies alles nicht nur »romantisch« ist. Wenn davon die Rede ist, dass alles am Haus selbst gemacht werden muss, und der Efeu im Winter auch zuweilen die einzige Dämmung ist. Oder wenn Schneider sagt, dass es oft das Einkommen der Buchgestalterin Cosima Schneider ist, das die Grundlage ihres Auskommens bildet – und er von seinen unregelmäßigen Einkünften dazugibt, was er kann. Zuletzt mal wieder etwas mehr, durch einen unverhofften Museumsankauf …

Ein Künstlerleben eben. Dass Schneider als Künstler durchaus einen Namen hat, Werke von ihm im öffentlichen Raum zu sehen sind, er als Hochschul-Dozent arbeitete, ihn sogar Museen angekauft haben – es ist alles kein Widerspruch dazu, eher die Regel. Gerne spricht man bei Kulturschaffenden von »Lebenskünstlern«. Bei Klaus (und wohl auch bei Cosima) Schneider träfe es der Begriff »Lebenskulturschaffende(r)« vielleicht noch besser. Wohnung, Atelier, der Vorplatz atmen Lebenskunst. Von den selbstgebauten Möbeln in der Wohnung über die akkurat drapierten Kunstwerke befreundeter Künstler*innen und aus dem eigenen OEuvre bis zum sorgsam zelebrierten Tee, den man zum Gespräch in farbigen Tassen gereicht bekommt. Dieses Leben spiegelt fast das vielgestaltige und auch ungewöhnliche Künstlerleben. Wort, Bild, Ton, Installation – die Genres verschwimmen nicht nur, sondern verbinden sich oft ungewöhnlich harmonisch. Sprache stand bei ihm einmal am Anfang – bevor er merkte, dass sie alleine nicht ausreichte, Dinge und Emotionen auszudrücken. Die Kunst hat Schneider fortan ungewöhnliche Wege geführt. Die Braille-Schrift, das Sehen und Nichtsehen sowie die hohe Kunst des Berührens (wortwörtlich und übertragen) haben lange einen guten Teil seiner Arbeit ausgemacht. Später haben es ihm Haikus in allerlei Variationen angetan. Ob als Bild, als Text oder als Installation – immer wieder spielt er mit dem harmonischen Verweben von 17 Elementen. In jüngerer Zeit versucht er, dies auch in eine musikalische Ebene auszudehnen. Lange Zeit hat er sein Wissen auch weitergegeben und Studierende das Zeichnen gelehrt, auch mit ungewöhnlichen Zugängen über Comics etwa. Obwohl Schneider sich viele Zugänge zu Kultur und Leben geschaffen und vieles dabei erschaffen hat, hat er wie viele Kulturschaffende keine Reichtümer angehäuft. Eher reiche Orte geschaffen. Orte, die Kunst und Menschen verbinden, Kultur schaffen. Und die ihm auch selbst neue Türen geöffnet haben. Eine zweite Heimat ist Italien geworden. Oft hat er dorthin sein Sommeratelier verlegt. Bis aus den Gastgebern ein befreundetes Ehepaar wurde. Seither können die Schneiders sommers immer wieder einige Wochen, gar Monate dort verbringen. Und längst steht im Süden auch ein dreidimensionales Haiku als Kunstwerk in der Landschaft. Während er offenbar wieder manches von der dortigen Kultur in sein hiesiges Leben und Schaffen mitgenommen hat. Eine Vision hat er noch: ein Konzert- und Veranstaltungsraum, dessen Außen aus 17 einzelnen Flächen besteht. Ein Ort vielfacher Harmonie … (vss.).

Günther Dächert©
Zuhause für zwei Jahre - Anna Neros Atelier in Bockenheim
Quelle: Günther Dächert©

Künstlerinnen. Leben. Orte. [17]

Anna N. – Die Ambivalente

Immer mal in mehreren Welten und Werken

Es ist ruhig im ehemaligen Gebäude der »AdA«, der Europäischen Akademie der Arbeit, auf dem Campus Bockenheim. In der ersten Etage hat Anna Nero ihr Atelier. Seit zwei Jahren arbeitet sie dort, doch längst ist ihr Blick bereits wieder auf einen baldigen Umzug in eine Ateliergemeinschaft im nahen Stadtteil Ginnheim gerichtet. Das Atelier in der AdA ist nur eine Zwischennutzung. Wann genau sie umzieht, stehe aber noch nicht fest, sagt sie. Vermutlich im Herbst. Die AdA wandelt sich gerade in ein Vorzeigeprojekt für gemeinschaftliches Wohnen. Auf dem Weg dahin sind immer mal wieder Räume frei, so auch der ehemalige Unterrichtsraum, den sie über das Atelierhaus Basis vermittelt bekam. Für zwei Jahre war er ihr »Arbeitsmittelpunkt«. Mit reichlich Platz. Für große und kleine Leinwände, angelehnt an den Wänden oder auf dem Boden liegend zum Trocknen. Mal ist es die Ölfarbe, die trocknet, um den nächsten Farbauftrag möglich zu machen, mal eine Grundierung, die sie zur Vorbereitung ihrer Bildgründe nutzt. Mindestens 60 bis 70 Tuben Ölfarbe liegen nach Tönen sortiert am Rande einer großen Glasplatte unweit der Fensterfront. Nero, die in Leipzig Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Ingo Meller und Oliver Kossak studiert hat, nutzt diese als Palette zum Anrühren der Farben. Fast sind es schon eigene abstrakte Kunstwerke. Auch ihre Gemälde sind Abstraktion, lassen aber auch gegenständliche, erotisch konnotierte Interpretationen zu – ganz subtil. Erotische Kunst ist ihr nicht fremd, Begriffe wie Fetischismus oder beseelte Objekte ebenso wenig. Es ist vor allem die Auseinandersetzung mit Farbe, Form und Raum, die auf den zweidimensionalen Flächen sichtbar wird. Die Künstlerin arbeitet dabei immer an mehreren Werken gleichzeitig.

Der Wechsel, Vielseitigkeit und Ambivalenzen scheinen das Leben der Künstlerin Anna Nero zu durchziehen. Kunst scheint ihr dabei in gewisser Weise in die Wiege gelegt worden zu sein. Geboren wurde sie in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau. Aber bereits im Alter von acht Jahren kam sie aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland. Ihre Mutter Julia Ovrutschski und ihre mittlerweile verstorbene Großmutter Tatiana Ovrutschski, die beide noch in Moskau Kunst studiert hatten, wurden Malerinnen. Nero hat manches von ihnen – aber auch wieder nicht. Auch sie malt, formt aber auch skulpturale Objekte aus keramischen Materialien. Früher habe sie sich vorstellen können, sogar einen ganz anderen Beruf zu ergreifen, etwa Jura zu studieren. Und doch sei es am Ende der Weg geworden, den bereits Mutter und Großmutter genommen hatten. Ambivalenz steckt auch in den Orten ihres Lebens. Bockenheim ist längst ihr Zuhause geworden. Sie sieht sich, wie sie sagt, als »Ur-Frankfurterin« – und liebe die Stadt mit ihrer Internationalität und Diversität. Sie lebt in einer Wohnung in einem Hinterhaus in Bockenheim. »Auch meine Eltern leben in dem Haus, in dem es eine gute Gemeinschaft gibt«, sagt sie. Und Moskau? »Kein Ausgang« steht in kyrillischen Buchstaben auf Neros rechtem Unterarm tätowiert, auf der anderen Seite hat sie sich die Hausnummer des Gebäudes, in dem sie einst in Moskau wohnte, stechen lassen. Zusammen mit einer Freundin aus Kindertagen. Es sind ihre ganz persönlichen Erinnerungen an ihre Zeit in der ehemaligen Sowjetunion. Eine Zeit, an die sie auch gerne zurückdenkt, wie immer wieder durchschimmert. Eine klare Linie hingegen zieht sie zu dem »politischen Moskau« von heute. Zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bezieht sie klar Stellung. Klar dagegen. – Privates und Berufliches trennt Nero gerne. In ihrer Wohnung befindet sich zwar Kunst. Aber keine Bilder von ihr, nur Arbeiten anderer Künstler*innen. Auch die Motivation für ihre Kunst ist eine besondere: »Als Künstlerin«, sagt sie, »schafft man Dinge, die für andere Menschen Bedeutung haben«. Und das sei ihr wichtig in diesem Leben … (alf.).

Günther Dächert©
Auf dem Weg durch die Region: Bürger*innen, Politiker*innen und Kulturschaffende im Gespräch miteinander. Links im Bild: Matthias Wagner K, der auch den Claim »Design for Democracy. Atmospheres for a better life« kreiert hat
Quelle: Ben Kuhlmann / Design for Democracy©

Kultur in der Debatte

Gestalten wir, wie wir leben wollen!

Ein Gastbeitrag von Matthias Wagner K

Frankfurt und die Region RheinMain bewerben sich gemeinsam um den Titel »World Design Capital 2026«. Das Motto: »Design for Democracy. Atmospheres for a better life«. Matthias Wagner K, der Leiter der Bewerbung, skizzierte kürzlich in seiner Festrede zum 32. Jahrestag der Deutschen Einheit in der Paulskirche Idee und Geist der Bewerbung und spannte den Bogen von den Herausforderungen unserer Zeit über die im doppelten Wortsinn gestalterische Kraft Frankfurts und der Region bis zur Kraft von Gestaltung für Gesellschaft und Leben heute.  

»Wir leben in einer Zeit tiefer Verunsicherung und vieler Irritationen. Optimismus, auch einer, der die Deutsche Wiedervereinigung am Anfang begleitete, scheint immer mehr einem Pessimismus gewichen zu sein. Da kommt, so könnte man salopp sagen, wenig Freude auf im Angesicht des Nationalfeiertages. Doch ja, es brauchte auch vor dem Ende der SED-Diktatur sehr viel Fantasie, sich deren Ende und damit eine Wiedervereinigung vorzustellen – so wie heute einen Weg Russlands, ohne Putin, in eine freiheitliche Demokratie mit einem friedlichen und gedeihlichen Auskommen mit seinen Nachbarn. Wir stehen, so darf festgestellt werden, vor epochalen Herausforderungen. Sind wir so stark, in diesem unserem vereinten Deutschland uns antidemokratischer Kräfte zu erwehren, in Hanau und Halle, Kassel und München, überall in unserem Land? Sind wir bereit und auch in der Lage, uns jeglicher gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu erwehren, nicht allein der Hetze gegen Jüdinnen und Juden, gegen Ausländer:innen, gegen den Feminismus oder gegen LGBTQ? Sind wir standhaft genug, nicht dem Wunsch nach einem heterogen übersichtlichen vereinten Deutschland zu erliegen, sondern uns weiterhin für eine pluralistische Gesellschaft der Vielen, der Verschiedenen einzusetzen, was ein gemeinsames Verständnis von Zugehörigkeit ja überhaupt nicht ausschließen muss? Eine Zugehörigkeit, und ich darf an dieser Stelle die Journalistin Bascha Mika zitieren, »nicht einfach zur Nation sondern zur Demokratie.«

Wir sollten erkennen, dass es jetzt ein anderes Handeln braucht, weil uns schlichtweg die Zeit davonläuft. Womit wir beim Gestalten wären. Ein Gestalten, das sich als kreativer Schaffensprozess zu erkennen gibt, der bekanntlich als die ästhetische Gestaltung von unmittelbar Wahrnehmbarem, als auch von mittelbar Spürbarem wie etwa Lebens- und Persönlichkeitsgestaltung sowie Politik als Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse zu verstehen ist. Ein Gestalten, welches davon geprägt ist, Zustände, Strukturen, Dinge zu hinterfragen, das nach Fehlern und Irrtümern sucht, um sie korrigieren zu können, und das in die Zukunft gerichtet ist. Hier, in der Frankfurter Paulskirche, fällt es mir leicht, an gewichtige gesellschaftliche Gestaltungsmomente und Umgestaltungen zu erinnern. 1848 versammelten sich hier die Mitglieder des ersten gesamtdeutschen Parlaments, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats zu beraten, über Menschen- und Bürgerrechte, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Aufhebung aller Standesvorrechte, die Gewährleistung persönlicher und politischer Freiheitsrechte sowie die Abschaffung der Todesstrafe. Und auch wenn diese mit großen Hoffnungen angetretene liberale und demokratische Einheits- und Freiheitsbewegung bereits 1849 als gescheitert gilt, war wiederum Frankfurt am Main in der Zeit von 1919 bis 1933 das Zentrum einer modernen Gestaltung und einer neuen Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer neuartigen Großstadtkultur waren unter der Führung des Oberbürgermeisters Ludwig Landmann Gestalter:innen aufgerufen, neue Formen für sämtliche Bereiche des Lebens zu entwickeln, was bekanntlich unter dem Namen »Neues Frankfurt« weit über das bekannte, von Ernst May initiierte Wohnungsbauprogramm hinausging. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg war es Frankfurt am Main, das mit den Auschwitzprozessen – den größten NS-Strafprozessen der Nachkriegszeit in Deutschland – für die Aufarbeitung des Holocaust steht. Hier widmete sich 1969 der Philosoph Theodor W. Adorno in seinem letzten Gespräch einer Erziehung zur Mündigkeit. Hier sind das 1970 gegründete Leibnitz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und der Forschungsverbund »Normative Ordnungen« der Goethe-Universität verortet. Hier wird im kommenden Jahr der ersten deutschen Nationalversammlung gedacht werden und soll das »Haus der Demokratie« entstehen.

Aufgrund jener profunden Basis bewirbt sich die Stadt Frankfurt am Main im Verbund mit zahlreichen Städten und Gemeinden der Region und mit dem Slogan »Design for Democracy. Atmospheres for a better life« um den Titel »World Design Capital 2026«. Eine Unternehmung, die auf das Potenzial von Design, von guter Gestaltung setzt und also auf eine potentielle Gestaltbarkeit einer lebenswerten Zukunft. Eine Bewerbung, die zu einer neuen Bewegung finden will, getragen von Akteur:innen, die bereit sind, glaubhaft neue Möglichkeiten für Prozesse, Strukturen und also Atmosphären zu entwickeln, die ein Aufeinander-Zugehen, ein streitbares Miteinander im Hier und Jetzt ermöglichen. Ein Gestalten zum Erlangen von Mündigkeit sowie der Erleichterung, Erweiterung, Erhaltung und Intensivierung des Lebens und also einer freiheitlichen Demokratie. Und vielleicht hilft es dabei, diese unsere freiheitliche Demokratie, die Einheit zweier einst getrennter Systeme wie eine Bühne zu verstehen, als einen Ort, den Akteur:innen nicht ernsthaft verlassen können, weil sie dann nicht mehr mitspielen würden. Mitspielen aber heißt, teilzuhaben und eben mitzugestalten an guten Lösungen für die zahlreichen Probleme. Und wenn hier wiederum die Rede von Problemen ist, dann sollten uns diese nicht davon abhalten, uns genaue Vorstellungen von der Zukunft zu machen, ist es doch wichtig, ein Ziel vor Augen zu haben, auf das man hinwirken kann. Und deshalb gehört zu dieser Bewegung auch der Aufruf, (wieder) zu beginnen, Visionen, Utopien und entsprechende Narrative als Treiber und Kompass zu entwickeln und auszuarbeiten, die es dann gilt, im kleinen Maßstab zu testen, ihre Umsetzung zu begleiten und Rahmenbedingungen für ihre Verbreitung zu schaffen. Und zwar in allen wichtigen Bereichen des Zusammenlebens wie etwa Wohnen, Mobilität, Gesundheit, Klima, Bildung, Medien, Energie oder Konsum.

»Design for Democracy. Atmospheres for a better life« stellt ein Versprechen in den Raum, das besagt, dass wir ein besseres Leben noch gar nicht erreicht haben. Ein Versprechen, das sich eindeutig an die Demokratie knüpft, die als Regierungsform das Versprechen der eigenen Verbesserungswürdigkeit in ihre Grundlage aufgenommen hat. Das besagte bessere Leben kann dabei nur eines sein, das auch nachfolgenden Generationen ein solches ermöglicht. Das sollte, ja das muss die Leitidee sein, wenn es um ein neues Gestalten geht. Die damit einhergehende Verantwortung ist eine, deren Basis, im Sinne Nietzsches, auf einem Eigen-Willen beruht, weil am eigenen Sein die Probleme erspürt werden können, und weil es bekanntlich glücklicher macht, schöne, gute Dinge zu tun. Es ist eine Verantwortung im erweiterten Sinne und also in Bezug auf eine andere Person, eine Gruppe oder diese unsere Gesellschaft mit dem Willen, ein Gestalten zu unterlassen, das eine existenzielle Gefährdung der Umwelt und unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft nach sich ziehen könnte. Lassen sie uns also diesen heutigen Tag und die Bewerbung der Region Frankfurt RheinMain zur World Design Capital 2026 zum Anlass nehmen, ein Signal in die gesamte Republik zu senden, eine Einladung zur aktiven Beteiligung an der Gestaltung unserer freiheitlichen Demokratie, auch als Vorbild und Hoffnung für all jene Menschen, denen diese genommen wurde, gerade genommen wird oder die nach ihr streben. Gestalten wir, wie wir leben wollen!«