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Quelle: Günther Dächert©

Ausstellung / Porträtreihe

Wohnen im / mit / ohne Atelier

Annäherungen an das Leben von Künstler*innen

Wie wohnen, wie arbeiten, wie leben Kulturschaffende heutzutage? Dieser Frage geht eine Porträtreihe in Form einer Ausstellung und einer Artikelserie über Künstler*innen nach. Die Ausstellung »Lebt und arbeitet in …« und die Reihe »Künstler*innen. Leben. Orte.« sind eine Koproduktion zwischen »Urban shorts – Das Metropole Magazin« und dem Frankfurter »Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt«. Gemeinsam nähern sich die Porträts in Fotos von Günter Dächert (die im Heussenstamm zu sehen sind) und Texten von Urban shorts-Autor*innen (die nach und nach auf dieser Seite erscheinen) dem Leben, dem Wohnen und dem Arbeiten von vorerst zwölf Künstler*innen aus der Region an. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Orten. Auf Städten, in denen die Künstler*innen leben. Auf Wohnungen, in denen sie arbeiten. Auf Ateliers, in denen sie wohnen (müssen). Auf temporären Orten, die sie suchen oder die sie bespielen. Es geht in Altbauwohnungen und Hinterhofateliers, in Remisen und Reihenhäuser, in Atelierhäuser oder auch schlicht in die Denkräume in den Köpfen der Künstler*innen. Die ersten zwölf von ihnen kommen aus Frankfurt, aus Offenbach und aus dem Hochtaunuskreis. Aktuell sind alle zwölf Porträts auf den Seiten ART(S) und ARTISTS zu lesen. Die Ausstellung mit allen Fotos im Heussenstamm pausiert derzeit und ist ab 25. Januar erneut zu sehen (red.).

Günther Dächert©
Hans-Jürgen Herrmann: Wie zu Hause im Atelier
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [1]

Hans-Jürgen H. – der Grenzgängige

Ein Leben zwischen Städten und im Atelier

Frankfurter oder Offenbacher – das ist am Ende die Frage, die unweigerlich kommen muss bei Hans-Jürgen Herrmann. Die Antwort: »Bayreuther«. Nein, kein Ausweichen bei der heikelsten Frage zwischen beiden Städten. Es ist Überzeugung. Herrmann stammt aus Bayreuth, ist dort auch immer mal wieder, um nach dem Tode der Mutter nach dem Elternhaus zu schauen. Doch hierzulande kennt man ihn nur als Frankfurt-Offenbacher Fotografen, seit 40 Jahren. Einst kam er nach Offenbach wegen der »HfG«, wurde Fotograf. Später zog er mit Frau Anita nach Sachsenhausen, bezog aber auch in einem typischen Offenbacher Gewerbe-Hinterhof-Backsteinhaus ein Atelier. So wie es viele dort gibt, wo deren Dichte viel höher scheint als in Frankfurt. Ein Hinterhaus, das er sich im »Projekt Bleichstraße« auch immer mit anderen Kulturschaffenden teilte. Seit zwei Jahren lebt er auch in Offenbach. Im Atelier. Das hat er nach dem Tod seiner Frau umgebaut. Genauer: sich eine Wohnung hineingebaut. Kleinen Wohnraum, Schlafräumchen, Küchenzeile und Bad. Und zwischen den Regalen geht’s von einer Welt in die andere. Gut 70 Quadratmeter – »all inclusive«. Herrmann macht keinen Hehl daraus: Wohnung und Atelier auf dem Frankfurt-Offenbacher Pflaster hätte er sich nicht lange leisten können. Zum Glück kann er im Atelier wohnen, das Hinterhaus hat schon eine wechselvolle Wohn-Gewerbe-Geschichte. Das Glück haben nicht alle Künstler*innen, die Lebensraum im Schatten der Frankfurter Hochhäuser suchen.

Langsam endet für Herrmann die Zeit, in der ihn einmal ein Fotograf für ein Porträt typischerweise auf der Kaiserlei-Brücke zwischen den Welten abbildete. Überhaupt scheint sich mancher Kreis zu schließen. Im Offenbacher Rathaus sind gerade Bilder aus der Geschichte der Stadt zu sehen. Er und zwei Kollegen zeigen Fotos rund ums 50 Jahre alte Rathaus, das dem Brutalismus huldigte. Brutalismus referiert auf das französische »brut« für Sichtbeton, der Baustil jener Epoche. Herrmann fotografierte vor zwei Jahrzehnten einige Bauten. Seine Referenz an diesen seiner zwei Exil-Orte. Langzeit-Betrachtungen sind ohnehin Seins. Auch ein Fotowerk zu 40 Jahre »Großstadt« Offenbach in den 90ern. Für Langzeit-Betrachtungen ist er auch in Frankfurt bekannt. Seine Referenz an den zweiten Ort ist »NeuliXt«. In Frankfurt hat er über Jahre Vernissagen fotografiert. Nicht offensichtlich, eher dezent, fast »aus der Hüfte geschossen«. Seine Motive: die Menschen in der Ausstellung. Genauer: die Menschen, die Kunst und deren Verschmelzen. Der Klassiker:  Bild mit den Querstreifen plus Mann mit Querstreifen-Shirt. Ob Menschen in der Kunst oder Bauten im Stadtbild, denen er Spannendes abfotografierte und sie damit selbst zur Kunst machte. Für Herrmann, der als Fotograf sein Geld verdiente, aber als Künstler stets den Ort seines Geschehens unspektakulär im Blick hatte und in Szene setzte, haben seine Orte offenbar immer eine besondere Rolle gespielt; ohne eine Präferenz. Wobei es übrigens längst auch ein paar Offenbacher NeuliXts gibt, die Melange beider Städten in seiner Kunst also offenbar geschaffen ist. Vielleicht ist der Bayreuther tatsächlich einer der wenigen Frankfurt-Offenbacher Künstler. Auf jeden Fall wird er die beiden Städte von seinem Wohn-Atelier aus wohl noch ein paar Jahre mit der Kamera begleiten. Bevor man ihn in ein paar Jahren wohl dann seltener sehen wird. Warum? Dann ruft so langsam das alte Elternhaus in Bayreuth … (_us).

Günther Dächert©
Monika Linhard: den Raum nutzen
Quelle: Günther Dächert©

Künstlerinnen. Leben. Orte. [10]

Monika L. – die Fabrikbesetzende

Mitten in einem Ort im Umbruch zu Hause

Es ist eine der spannendsten und doch unbekanntesten Ecken Frankfurts. Das hintere Gutleut – da, wo die Post ihr wie 70er Jahre aussehendes 90er-Jahre-Verteilzentrum hat und die Mainova ihr auch schon in die Jahre gekommenes Firmengelände mit dem charakteristischen Kraftwerk. Wo ein paar zeit- und gesichtslose Bettenbauten die Ausfallstraße säumen, aber auch eine charmante Ex-Handwerkersiedlung und der kleine Sommerhoffpark direkt über dem Main. An vielem hat der Zahn der Zeit nicht nur genagt. Auch an der »Farbenfabrik Milchsack«. Vorne, wo die mehrstöckigen Klinker-Mietshäuser stehen, sieht es fast herrschaftlich aus. Doch schon die zweite Reihe zweistöckiger Bürobauten irgendeiner Nachkriegszeit sind steingewordener Sanierungsbedarf. Das schmucklose »Tanzhaus West« und die Hallen des Theaterhauses »Landungsbrücken« schließen sich an. Weiter hinten, wo zu den Bahngleisen hin eine Auto-Werkstatt liegt, wird es langsam trostlos. Allerdings wird hier auch schon geräumt. Die Stadt hat das Gelände übernommen. Irgendwas mit Kultur, Handwerk, Gewerbe, Wohnen soll entstehen – der Frankfurter Mix. Vielleicht mit Glück etwas »Vorzeigbares mit Künstler*innen«, weil drumherum stellt sich die Stadt »neues urbanes Wohnen« vor …

»Wir wissen nicht so wirklich, was kommt«, sagt Monika Linhard. Die Objekt- und Installationskünstlerin hat im oberen Stock eines der Ex-Bürogebäude ihr Wohnatelier. Ein großes Atelier mit vielen Fenstern, langer Flur, kleine Küche, ein Wohnraum. Und ein untervermietetes Zimmer. Vieles mit den Jahren selbst renoviert. Linhard lebt hier seit einem Jahrzehnt. Schon damals war das Gelände im Dauer-Umbruch. Die Farbenfabrik war insolvent, Erbenvertreter Peter Peters träumte von einer Kulturfabrik. Neben Tanzhaus und Landungsbrücken haben sich Fotograf*innen, Künstler*innen und andere mehr oder minder Kreative angesiedelt. Ein irgendwie selbst nicht verwaltetes Kulturbiotop ist entstanden. Kulturschaffende, die sich eingerichtet haben. Auch Linhard hat sich eingerichtet und über die Jahre biotopen Raum erobert. Ihr Freund wohnt im Vorderhaus, sie nutzen die Dachterrasse vor ihrem Küchenfenster ebenso mit wie die kleine Urban-Gardening-Ecke. Und auch Linhard träumt von einer »Kulturfabrik«, die hier entstehen könnte. Die manche der Bewohner*innen auch schon ausgerufen haben, die an manchen Tagen mit Flohmärkten, Theater, Jazz oder offenen Ateliers mal sichtbar ist. Und für die Linhard in »ihrem« Haus, in dem ein Dutzend Künstler*innen mehr oder minder zu Hause sind, ein Atelierhaus entstehen lassen möchte. Für Linhard verschmelzen an dem Ort Wohnen, Leben und Arbeiten. Und sie möchte ihn in diesem Sinne gestalten. So wie sie als Objekt- und Installationskünstlerin Orte und Dinge nach ihren Vorstellungen gestaltet, Objekte und Dinge dabei auch zerlegt und neu definiert. Ein Beispiel für ihre Kunst sind die »Zeitungs-Arbeiten«, die aktuell wie eine kleine Ausstellung im Atelier hängen. Aus ganz Europa hat sie aus Tageszeitungen kleine Objekte in Bilderrahmen geschaffen. Sie sehen aus wie kleine imaginäre Stadtpläne. Stadtpläne? Ein kleines Stadtbiotop könnte auf dem Milchsack-Gelände entstehen. Doch noch ist alles ungewiss. Nur wenige Hundert Meter von hier sieht man beim Spaziergang, was es auch für Pläne gibt in diesem gerade entstehenden Viertel. Direkt am Main ragt ein eingerüstetes villenartiges altes Backstein-Mehrfamilienhaus auf. Alt? Was wie alter Backstein aussieht, scheint nur Verkleidung zu sein. Günstig dürften die Wohnungen dort trotzdem kaum werden. Wie sagte Linhard eingangs: »Wir wissen nicht so wirklich, was kommt«. Ein ganz untypisches Künstler*innen-Schicksal scheint das aber nicht zu sein in der Main-Metropole … (_us.).


Jens Lehmann: Von der Kunst, im öffentlichen Raum zu leben
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [12]

Jens L. – der Ladenhütende

Vom Atelier durch die Küche ins Wohnzimmer

Schon die Gestaltung des Ladens eines in den 50er Jahren erbauten Mehrfamilienhauses ist ein Blickfang: Schwarze Kacheln mit weißen Fugen umranden die großzügig gestalteten Fensterfronten und die Eingangstür. Noch mehr zum Blickfang wird der Laden durch Jens Lehmann, dem Passant*innen in der Lillystraße in Offenbach durchs Schaufenster beim Arbeiten zuschauen können. Der Künstler nutzt die Räume des ehemaligen Ladengeschäftes als Atelier und lässt sich sozusagen beim Künstlersein »über die Schulter« blicken. Umgekehrt fällt durch die großen Scheiben auch viel Tageslicht ins Innere der Räume, und er kann selbst an dem Geschehen vor seiner Tür partizipieren, wenn er dies möchte. Doch meist, so sagt er, nehme er das Treiben draußen gar nicht so bewusst wahr, wenn er arbeite. Dass sein Arbeitsplatz bei manchen Passant*innen Fragen aufwirft, ist ihm dennoch bewusst. Doch nicht jeder traue sich nachzufragen, wie etwa jenes Pärchen, das heute gerade neugierig durch die Schaufenster blickt. Wobei: So viele Menschen sind es denn dann doch auch wieder nicht. Der Laden liegt in einem Wohnviertel und die Zahl der Vorübergehenden ist überschaubar.

Lehmann, der gebürtige Frankfurter, der in den 90er Jahren bei Per Kirkeby und Georg Herold an der Städelschule studierte, habe sich allerdings auch daran gewöhnt, dass er von draußen für alle zu sehen sei. In gewisser Weise zelebriert er es wohl auch. Auf einem Rollwagen aus Holz liegt alles bereit, was er zum Malen seiner Bilder benötigt: eine Vielzahl an Tuben mit Ölfarben, kleinere Kanister und Gläser mit Verdünner sowie Pinsel in schmalen und breiten Formaten. Unweit davon, in der Mitte des langgezogenen Atelierraumes, steht sein Arbeitstisch, an dem seine Kunstwerke entstehen. Kleinere Formate – abstrakte Kompositionen in Öl auf Glas – hängen an den Wänden, größere Werke stehen ordentlich aufgereiht in einem Regal. Die Fläche vor der großzügigen Schaufensterfront nutzt er als Ablage für Kunstbücher oder um Modelle seiner konstruktiv gestalteten Objekte aufzustellen. Der Raum ist auch Ausstellungsfläche. Er nutzt ihn auch, um eigene Werke oder die anderer Künstler*innen zu zeigen. Doch der Ort ist mehr als ein Arbeitsraum. An das Ladengeschäft grenzt eine kleine Wohnung, in der Lehmann und seine Frau leben. Beides haben sie vor ein paar Jahren erworben. Der Weg in die Wohnung führt über das Atelier; wenige Stufen und nur zwei Schiebetüren müssen überwunden werden und schon ist der Blick ins Wohnzimmer frei. Kunst gibt es auch dort. An den Wänden sind mehrere Arbeiten verschiedener Künstler*innen angebracht in einer Art Petersburger Hängung. Die Verbindung zwischen Atelier und Wohnraum ist die schicke Edelstahl-Küche im hinteren Teil des langgezogenen Atelierraumes vor dem Aufgang zur Wohnung. Ein großer Tisch steht davor, direkt darüber eine konstruktiv anmutende Lampe, die den Ort des gemeinsamen Essens in ein warmes Licht taucht. Auch die Küche ist einsehbar. Sie trennt Arbeits- und Wohnbereich – eine Art Pufferzone, die auch Platz für Gespräche mit Besucher*innen bietet, ohne Einblicke in den eigentlichen privaten Bereich der Familie dahinter zu geben. Er ist wirklich privat. Ganz so weit geht Lehmanns Leben im öffentlichen Raum dann doch nicht … (_us.).

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Bernd Thiele: Zu Hause doch am Schönsten?
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [11]

Bernd T. – der nun Sesshafte

Das Künstlerleben des Von-Heute-auf-Morgen

In einem Künstlerleben muss man sich immer wieder auf etwas Neues einstellen. Und manchmal kann es dabei auch ganz schnell gehen. Zum Beispiel vom Beginn eines Porträts bis zum Ende eines Porträts. Zu Beginn dieses Porträts hat der Fotograf Günther Dächert noch Fotos von dem Fotografen Bernd Thiele in seinem Frankfurter Atelier gemacht. Zum Ende des Porträts, während diese Zeilen entstanden, gibt es dieses Atelier schon nicht mehr. Den einst im Gebäude einer ehemaligen Teefabrik in Frankfurt gelegenen Raum hat Thiele aufgegeben. Nicht ganz freiwillig, wie er erzählt. Das Gebäude soll abgerissen werden und einem Bauprojekt weichen – wie viele Ateliers von Künstler*innen in diesen Jahren in der Region. Doch er sei keineswegs auf der Suche nach einem neuen Arbeitsraum. Durch die Corona-Pandemie habe er erkannt, dass er eigentlich kein zusätzliches Atelier benötige. Thiele ist Fotograf und Filmemacher. Um zu arbeiten, benötige er im Prinzip nur ein Laptop, eine Digitalkamera oder ein Handy – und natürlich ein wenig Platz, um Aufgenommenes zu bearbeiten. Der große Tisch im Wohnzimmer sei dafür vollkommen ausreichend …

Thiele ist also ausgezogen aus dem Atelier. Oder genauer: das Atelier ist bei ihm eingezogen. Er habe zwar zunächst überlegt, mit den anderen Künstlern aus dem Haus an einem anderen Ort in Frankfurt zu ziehen, das aber auch schnell wieder verworfen. »Die vergangenen Monate waren für mich so was wie eine Testphase, und ich habe festgestellt, wie angenehm es ist, zu Hause zu arbeiten«, sagt er. Immerhin hatte er Zeit, den Flur seiner Zwei-Zimmer-Altbauwohnung in Offenbach zu renovieren, die Wände überwiegend mit einem gelblichen Farbton zu streichen und eine Wand mit einer Motivtapete in einem intensiven Grün zu tapezieren. Das Ergebnis lässt an einen sommerlichen Tag im Frühling denken. Der Filmemacher und Fotograf hat ein Faible für Dinge, die eine Geschichte erzählen. Das spiegelt sich auch in der Einrichtung seiner Wohnung wider. In dem alten Kino-Gestühl, das dekorativ als Sitzgelegenheit dort steht. Oder den Möbeln aus den 60ern und 70ern, dekoriert mit keramischen Objekten und Porzellanvasen aus jener Zeit und früher. Schallplatten und DVDs füllen die Regalböden rund um das Fenster im Wohnzimmer. Thiele stand früher auch regelmäßig als DJ am Plattenteller. Arbeiten von befreundeten Künstler*innen – Zeichnungen, Grafiken, Fotografien und ein großes Ölgemälde – hängen an den Wänden im Wohnzimmer. Thiele, der aus Lippstadt in Nordrhein-Westfalen kommt und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei Helmut Herbst, Lothar Spree und Rotraut Pape studierte, macht auch selbst Geschichten. Eines seiner Lieblings-Projekte nennt er »Foto der Woche«. Seit Jahren sucht er sich wöchentlich ein Motiv – jedes zeigt seine ganz individuelle Wahrnehmung auf seine unmittelbare Umwelt. »Ich arbeite gerne projektbezogen«, erzählt er. Etwa für das Performance-Kollektiv Red Park. Das gilt auch für seine filmischen Arbeiten, die von animierten Videos über Filme mit realen Darstellern oder Dokumentarischem bis hin zur Aufzeichnungen solcher Performances reichen. Oder wie er es selbst beschreibt: vom Kurzfilm über den Animationsfilm bis zum Musikvideo. Diese setzt er mal als Regisseur in Szene, mal fängt er die Bilder selbst mit der Kamera ein. Dass er Wohnen und Arbeiten nun nicht mehr räumlich trennt, findet Thiele nicht schlimm, eher praktisch. Auch wenn noch längst nicht alle Kisten ausgepackt sind, die durch den Einzug seines Ateliers in die Wohnung zusammengekommen sind und für deren Inhalt er nun einen Platz finden muss. Doch er wird ihn finden. Künstler sind ja bekanntlich kreativ und verstehen es, mit Veränderungen zu leben. In einem Terrain wie FrankfurtRheinMain muss man dies wahrscheinlich sowieso. Und als Künstler ganz besonders … (_us.).


Elena und Nikolai: Ein Leben in Gemeinschaften
Quelle: Günther Dächert©

Künstler*innen. Leben. Orte. [4]

Elena K. – die Verbindende

Mit Kunst und Kultur neue Orte schaffen

»Terz« ist ein Begriff aus der Musik, aber auch ein Synonym für »Krawall«. Eine ungewöhnliche Kombination. Terz heißt auch die Katze von Elena und ihrem Mann, dem Musiker Nikolai, die es sich im Körbchen auf dem Arbeitstisch der Künstlerin gemütlich macht. Das Künstlerpaar hat die Samtpfote vor fünf Jahren adoptiert und vor vier Jahren mitgebracht nach Praunheim, wo die drei in einer von zwei geförderten Atelierwohnungen auf dem früheren Gelände der Praunheimer Werkstätten direkt an der Nidda leben. Und auch das ist eine ungewöhnliche Konstellation. Ein Großteil des Gebäudes ist seit Jahren ein Übergangswohnheim für geflüchtete Menschen. Elena und Nikolai organisieren gemeinsam mit dem Ehepaar der zweiten Atelierwohnung, Sängerin Pariya Dharmajiva und Musiker Leon Lissner, kreative Aktionen, die sie dann mit den Bewohner*innen des Übergangswohnheims umsetzen. Kunst, Musik und Kreativität sowie soziales Engagement sollen einen Beitrag dazu leisten, dass die dort lebenden Menschen ankommen können. So wie die beiden und ihre Katze.

Dahinter steht ein Konzept, das durch die Vereine basis Frankfurt und KunstWerk Praunheim entwickelt wurde. Hiermit sollen Künstler*innen gefördert werden, die sich dafür entscheiden, mit geflüchteten Menschen zusammen zu leben und zu arbeiten. Elena Kotikova-Muck, die nach ihrem Master für Kulturwissenschaften in Russland 2011 nach Frankfurt kam und am Main Kunstpädagogik studierte, beschreibt ihr Zuhause in Praunheim mit den Worten »mitten im Leben«. Schon mit den ersten Veranstaltungen, welche die Künstler*innen im Übergangswohnheim umsetzten, habe es so viele Impulse gegeben von den Menschen, die dort leb(t)en. Kunst und Musik, sagt sie, ermögliche sich auszudrücken und Sprachbarrieren zu überwinden. Und sie spannt dabei einen Bogen. »Meine eigene Arbeit bezieht sich auf Orte und auf meine Migration«, sagt die Künstlerin, die in Russland im Grenzgebiet zur Ukraine geboren wurde. Dieses Grenzgebiet ist geprägt durch Tschernobyl, viele Orte dort seien seit der Reaktor-Katastrophe verlassen. Was von ihnen übriggeblieben ist, hat sich Elena Kotikova-Muck auf einer Reise dorthin angesehen und ein Stück davon mitgenommen nach Frankfurt – in Form von Frottagen der Außenwände von Häusern und in eigenen Zeichnungen und Monotypien. Auch das fließt in ihre Arbeit hier. Das Atelier von Elena Kotikova-Muck ist Teil der Wohnung, auch ihr Mann hat ein eigenes Musikzimmer. Die neueste Errungenschaft der Künstlerin ist eine Radierpresse, die sie für ihre eigene Kunst, aber auch für Workshops, vor allem mit Kindern und Jugendlichen aus dem Übergangswohnheim nutzen möchte. Kunstbücher stehen aufgereiht im Regal, der Raum ist lichtdurchflutet, einige ihrer grafischen Arbeiten hängen an der Wand. Aktuell bereitet sie sich auf ihren zweiten Studienabschluss in Deutschland, auf den Bachelor in Kunstgeschichte, vor. Elena und Nikolai sind angekommen hier »mitten im Leben«. Einen Ort zu finden, an dem man zu Hause ist, ist auch das, was die Menschen im Wohnheim suchen. Mit ihren Kunst- und Musikprojekten trägt das Paar dazu bei und schlägt auch eine Brücke für diese Menschen zum Stadtteil und seinen Bewohner*innen. Und sie fühlen, was ihre Künste aus dem Ort machen (_us.).


Sandip Shah gibt Einblicke ins Künstlerleben
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [9]

Sandip S. – der Darstellende

Von der Kunst als Künstler zu wohnen

Nicht wenige Frankfurter*innen machen sich Gedanken um ihre Wohnsituation. Vor allem Künstler*innen, mit denen sich die Stadt gerne schmückt, die aber immer öfter woanders wohnen (müssen). Sandip Shah, stadtbekanntes Exemplar, hat im wahrsten Wortsinn offensichtlich seine Lösung gefunden. Zumindest für sich, denn beliebig reproduzierbar ist die Idee nicht. Shah lebt – zumindest zeitweise – in einer »Bewohnten Kunstinstallation« (kurz: b.k.i.). Oder er arbeitet in einer öffentlichen Wohninstallation. Wie man es nimmt. Während andere bereits in ihren Ateliers wohnen, hat er dies zum künstlerischen Prinzip erhoben. Shah hat in Sachsenhausen eine Laden-Wohnung zu einer Mischung aus Galerie- und Wohnraum gestaltet und stellt sich sowie andere Künstler*innen aus. Im vorderen Teil zur Straße hin sieht alles aus wie eine Galerie mit Schaufenster, im hinteren lebt und arbeitet er. Seit Corona sind die »Grenzen« noch strikter. Beide Bereiche sind fast hermetisch voneinander abgeriegelt. Shah selbst – künstlerisch kokettierender Hypochonder – bleibt hinter einer Glaswand und kommuniziert über Mikrophone vor und hinter der Scheibe.

Die Bewohnte Kunstinstallation ist vieles: Wohnung, Atelier, Ausstellungsraum, Spiel mit dem Raum – und ohne Zweifel auch Inszenierung. In ihr verschwimmen wie bei vielen Künstler*innen die Lebenswelten. An ihr kann man sich trefflich Gedanken über Künstler*innenleben machen. Manchmal auch ganz direkt. Etwa, wenn Shah seiner bisherigen Hauptbeschäftigung in der b.k.i. nachging, dem Ausstellen anderer Künstler*innen. In dieser Hinsicht hat er in den Jahren seit der Gründung 2016 ein echtes Kunststück geschafft. Er hat den Ort fast als kleinen alternativen Frankfurter Kunstverein etabliert, der immer wieder eine Handvoll mehr oder minder echter – zumindest langjähriger – Frankfurter Künstler*innen wie Bea Emsbach, Deniz Alt, Edwin Schäfer, Corinna Mayer oder Annette Gloser zeigt(e) und zuweilen auch verkauft(e). Und der es schafft(e), bei Eröffnungen der zweite kunst-familiäre Off Space in Sachsenhausen neben Mica Prentovics Perpétuel zu sein. Ein Ort, wo sich Off-Künstler*innen mit ihren Freund*innen treffen, nicht selten bis weit in die Nacht. Auch aktuell hängt eine Schau Frankfurter Künstler*innen an den Wänden – auch wenn es noch immer die »Reste« der einzigen Ausstellung während Corona sind. Statt einer Vernissage hatte Shah die Künstlerschar diesmal einzeln zu Interviews gebeten – zum Zwiegespräch durch die Scheibe. Shah kann sich die künstlerischen Inszenierungen leisten. Ein kleines Erbe machte ihn finanziell etwas unabhängig. So wie Shah in dieser b.k.i. arbeitet und lebt, lebt und arbeitet er auch noch in Mülheim bei Offenbach, wo er ein »Atelier« hat. Selbstverständlich eines, in dem er auch lebt (vielleicht sogar mehr lebt als hier). Für den Deutsch-Inder, selbst mit Malerei, Zeichnungen und Installationen bekannt geworden, ist die Idee »b.k.i.« nicht neu. Er hatte sie – und sich – bereits in Darmstadt »ausgestellt«. Unwohl fühle er sich nicht dabei, sei er doch gewohnt, als Künstler »auf dem Präsentierteller zu leben«. Durchs Fenster konnten ihm Passanten vor Corona schon auch beim Leben zuschauen. Zumindest bei einem Teil davon. Denn eines ist gewiss: Je öffentlicher ein Künstler wie Shah sich ausstellt, umso weniger wissen eigentlich die Betrachter*innen wirklich, wer der Künstler vor ihren Augen eigentlich ist und was nur eine Inszenierung – und vor allem welche? Aber noch eins ist ebenfalls gewiss: In Shahs b.k.i.s sind mehr Wahrheiten über Kunstbetrieb und Künstler*innenleben anzutreffen (gewesen), als in vielen Abhandlungen darüber geschrieben wurde. Als nächstes will Shah übrigens wieder sich ausstellen, also seine Kunst, sagt er (_us.).