Zum Kino-Schauen über den Rhein? Das Caligari in Wiesbaden ...
Quelle: Barbara Staubach / Caligari©

Brief aus Mainz (ucm.)

Wohnen im Programmkino?

Letzte Mainzer Programmkinos auf der Kippe

Kinos haben es schwer in diesen Zeiten. In Frankfurt musste das Berger Kino schließen. Zukunft ungewiss. Das Eldorado konnte gerade noch gerettet werden. Noch dramatischer in Mainz: Dort könnte sich die Zahl der Kinos in Kürze halbieren – von vier auf zwei. Besonders pikant: Immer öfter müssen in der Medienstadt Kinos Wohnungen weichen. Aber es regt sich Widerstand … 

Zwei Kinos, fünf Säle, 607 Sitzplätze und über 13.000 Cineast*innen, die für deren Erhalt kämpfen. So könnte man die Situation des »Capitol & Palatin« runterbrechen. Die Zukunft der letzten beiden und gemeinsam geführten Mainzer Programmkinos liegt aktuell in den Händen einer Baufirma. Sie ist neuer Eigentümer jenes Gebäudes im Bleichenviertel, in dem sich das Palatin und der Club »Alexander The Great« befinden. Doch der Bauträger ist nicht gerade als Kinoliebhaber bekannt. »Wir realisieren Ihre Wohnträume«, heißt es auf dessen Website – und genau das ist die Befürchtung vieler Filmbegeisterter. Noch hat sich die Firma nicht klar positioniert, will erst einmal ein Gutachten über den Zustand des Gebäudes erstellen lassen. Doch bereits 2017 musste in Mainz das »Residenz- und Prinzess-Kino« nach 60 Jahren weichen – für 31 Wohnungen eben jenes Bauträgers. Und ohne das Palatin wäre auch das Capitol kaum überlebensfähig …

Das wäre dann so ziemlich das Aus für die Mainzer Kinokultur. Schon 2017 waren es nur noch drei Programmkino-Betreiber – dabei hat die Landeshauptstadt eine große Lichtspielhaus-Geschichte. An Pfingsten 1906 wurde in der Flachsmarktstraße das erste Kino eröffnet. »Etablissement ersten Ranges« hieß es, und nur drei Monate später folgte »Webers Kinematograph«. 1909 eröffnete das »Union Theater« am Neubrunnenplatz, dessen Filmauswahl die lokale Presse als »Weltstadt Wunderprogramm« pries. 20 Jahre später ging der Vorhang im »UFA-Filmpalast« hoch: 1.200 Plätze hatte dieser zu bieten – wurde jedoch schon bald zum Propaganda-Instrument für die NSDAP. 1933 entstand schließlich das Capitol. Dafür wurde eigens eine alte Reithalle umgebaut. Seinen damals bereits feuerfesten Türen war es zu verdanken, dass es den Zweiten Weltkrieg überlebte – als einziges Kino in Mainz. Eine solche Brandmauer im übertragenen Sinne könnten Capitol & Palatin auch jetzt gut gebrauchen. Seit 2009 betreiben Jochen Seehuber und Eduard Zeiler beide Kinos. Immerhin gibt es eine Initiative »Capitol & Palatin erhalten!«, deren Petition über 13.000 Cineasten unterschrieben haben. Ein offener Brief wurde ebenfalls veröffentlicht und dem Bauträger und der Stadtspitze zugestellt. Kurzer Auszug: »eine Landeshauptstadt ohne Programmkino ist eine kulturelle Bankrotterklärung, erst recht für die selbsternannte ‚Medienstadt‘ Mainz!«. Zu den Unterzeichnenden gehören Vertreter*innen aus Kultur und Politik …

Capitol ohne Palatin – das war bereits in der Vergangenheit aus wirtschaftlichen Gründen kaum machbar. Ein einziger großer Kinosaal lässt sich in Mainz nicht betreiben. Wird das Gebäude des Palatin abgerissen, muss auch das Capitol schließen. Dabei laufen beide Kinos laut den Betreibern gut, auch die Corona-Krise habe man ohne gravierende Einschnitte überstanden. 2019 sei mit 90.000 Besucher*innen sogar das stärkste Jahr gewesen. Es müsste also ein gut laufendes Unternehmen schließen. Dutzende Kinobesucher*innen würden täglich wegfallen – ebenso der Restaurant-Besuch davor und die Drinks danach. Für Mainz ein Einschnitt: 1957 hatte die Stadt noch 14 Kinos, die Lichtspielhäuser in den Stadtteilen sind schon lange Vergangenheit. Was bliebe, wäre das kommunale Kino »CinéMayence«, in dem auch Filme abseits des Mainstreams gezeigt werden, und das Blockbuster-Kino »CineStar«. Zur Eröffnung des Capitol schrieb die lokale Presse einst von einem »Theater, das […] der Würde und der Bedeutung der Stadt Mainz weiteste Rechnung trägt. […] Mainz ist durch diesen Licht-Palast – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Sehenswürdigkeit reicher geworden.« In der Firmenbroschüre des Bauträgers heißt es: »Würde ich hier selbst einziehen, gilt seit jeher als Maßstab all unserer Projekte«. Genau das ist die Frage, die sich die Stadt und ihre Bürger*innen nun stellen müssen: Möchte man in einer Stadt sein, in der man zwar wohnen, aber nicht wirklich leben kann? (ucm.).

Barbara Staubach / Caligari©
Ein neues Laissez-faire in der Stadt und auf ihren Plätzen?
Quelle: Sibylle Lienhard©

Impulse | Luise Gerlach

Auf die Plätze, fertig, … anders

Bürger*innen haben Plätze in Corona neu definiert

Von der Salsa-Party am Main bis zum Glühwein am Luisenplatz – In Zeiten von Corona sind viele Parks, Plätze und Promenaden neu definiert worden. Veränderungen, die fluide sind, die wieder verschwinden, aber auch in der einen oder anderen Form bleiben könn(t)en. Luise Gerlach, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Theater im öffentlichen Raum und Referentin der Geschäftsführung am Mousonturm, hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht … 

Öffentliche Orte in deutschen Städten werden meistens auf eine Weise genutzt, die durch Gewohnheit, Hausrecht, behördliche oder behauptete Ver- und Gebote vorgegeben ist. An ihnen wird gegessen oder auch gegangen. An manchen kann man sich für die Dauer eines dort erworbenen Getränkes aufhalten. Anderswo darf man sitzen oder liegen – aber nur wenn man so aussieht, als hätte man ein Zuhause. Es darf gespielt werden, aber nur leise und auf keinen Fall Fußball. So weit, so gut. Öffentliche Orte – sie waren in Deutschland lange Zeit sorgsam definiert …

Corona hat diese Grenzen durchlässiger gemacht. Die Maßnahmen, die das soziale Leben im Laufe der Pandemie einschränkten, führten dazu, dass jene öffentlichen Orte freier genutzt wurden – tatsächlich auch hierzulande öffentlicher wurden. Einerseits waren die gewohnten Möglichkeiten von sozialer Praxis beschränkt, andererseits entstanden gerade freie Stellen im urbanen Raum dort, wo eingeübte Nutzungen vorübergehend nicht möglich waren. Da die vordefinierten Orte für Speisen, Feiern oder Aufenthalt wegfielen, wurden Menschen zurückgeworfen auf sich selbst und ihre Bereitschaft und Kreativität, ebensolche Räume herzustellen. Aus Angst vor dem Virus wurde sich eher draußen getroffen, und so wurden öffentliche Orte zu beliebten Stätten der selbst organisierten Alternativen. Geburtstage und Hochzeiten wurden kurzerhand in Parks verlegt, Kinder ohne Kita spielten auf Plätzen und in Höfen, Leute schwitzten alleine oder gemeinsam sportlich in aller Öffentlichkeit, Menschen, die man sonst höchstens im Rahmen eines Wein- oder Straßenfestes außerhalb von gastronomischen Einrichtungen mit Getränken in der Hand sah, flanierten plötzlich mit Flaschenbieren durch Grünanlagen. Und nicht nur dort …

Anfangs führte das auch zu einer neuen, für Deutschland erstaunlich ungewohnten Gelassenheit. Bemerkenswerte Duldsamkeit wiesen tatsächlich Anwohner*innen und Behörden auf, trotz gesteigerter Geräuschkulissen nach 22 Uhr und des zunehmend ausdehnten Aufenthalts auf Plätzen und Gehwegen. Auch die Außenflächen der Gastronomie wuchsen mit deren Wiederöffnung, da die Innenräume in der Gunst der Gäste hintanstanden und nach wie vor immer noch -stehen. An milden Abenden stellte sich auf den belebten Straßen sogar ein geradezu mediterranes Feeling ein. Und auch im letzten Winter trotzten viele Festentschlossene dem unwirtlichen Wetter und trafen sich draußen, mit Thermobechern voll Kaffee oder Glühwein und der stolzen Freude, der Kälte und dem Virus zu trotzen.

Es änderte sich also die soziale Praxis, die den öffentlichen Raum neben den jeweiligen architektonischen Gegebenheiten immer gestaltete, zumindest vorübergehend. Die Frage ist, ob diese Selfmade-Kultur auch das Ende der Pandemiemaßnahmen überdauert. Und wenn, wie sieht sie dann aus? Und müssen sich dafür neben dem Bewusstsein nicht auch Strukturen ändern? Es braucht manchmal etwas Organisation und zuweilen auch Abenteuerlust, um sich Raum zu nehmen und zu gestalten. Allerdings kommt dazu noch eine Aushandlung mit anderen Nutzer*innen. Die Überlagerung von Interessen ist bekanntlich inhärentes Merkmal des öffentlichen Raumes. Wie diese Aushandlung ein vielstimmiges Miteinander werden kann und nicht bloß gegenseitigen Verdrängungsmechanismen folgt, ist beides – eine Frage von stadtplanerischen Impulsen sowie Verantwortung der privaten und zivilgesellschaftlichen Nutzung. Ganz nebenbei ist diese Aushandlung selbst Grundlage für Austausch und Begegnung, somit der Urkräfte demokratischen Handelns auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Öffentlichen …


Jakob Sturm: Ein Leben für die Stadtkultur
Quelle: Katrin Binner / www.katrinbinner.de©

Kultur | Möglich-Macher*innen I

Jakob Sturm … denkt Räume

Eine Basis auf dem Radar möglichen Wohnens

Ein Atelierhaus für Künstler*innen, eine Agentur zur Vermittlung von Räumen an Kreative, Bücher über Orte möglichen Wohnens (und Arbeitens), Beratung für Städte und Stadtobere, eigene Aktionen und Ausstellungen  – Jakob Sturm denkt und schafft seit vielen Jahren Räume für eine urbane Kultur der Stadt. »Frei-« und »Denkräume« inklusive. Er schafft Möglichkeiten en gros und verändert subtil und weniger subtil … 

»Ich mach’ das, damit etwas passiert«. Der Satz klingt banal. Und doch steckt darin das gesamte Credo Jakob Sturms. »Machen« ist das, was er seit zwei Jahrzehnten in dieser Stadt macht. Oder mit dieser Stadt. Und »Denken« – ebenfalls in, über und sogar mit ebenjener Stadt. Herausgekommen ist bereits vieles: das Atelierhaus Basis mit über 100 Räumen für Künstler*innen und Kreative oder die Leerstandsagentur Radar mit Dutzenden neuen Kreativ-Räumen und Fördergelder für Umbau und Gestaltung obendrein. Doch damit hört er nicht auf zu denken und zu machen. Basis und Radar waren gestern, heute denkt er weiter: über Wohn- und Atelierhäuser – über neue Formen von Wohnen und Leben und Arbeiten eben. Und fast ist auch das wieder gestern, ist doch das erste davon in Praunheim schon entstanden. Und nein, auch das reicht nicht. Er denkt – und macht – auch Stadt anders, mischt vielfach mit, berät und stößt an, mit Ausstellungen, Fotoserien, vor allem aber eigenen Installationen, die selbst oft Räume beschreiben wie andere Jugendherbergen, neue Wohnformen in Büroetagen oder das einst gegründete Kunstbüro, in dem erst recht drinnen steckt, dass Kunst etwas Vermittelndes hat …

Wobei im Wort »vermitteln« auch »die Mitte« steckt. Künstler*innen verortet er mitten im Leben, nicht im Elfenbeinturm, sondern im Bahnhofsviertel der Stadt. Trotzdem – oder gerade deshalb – sieht er Kunst und Künstler*innen auch als Avantgarde, Stadt und Gesellschaft neu und weiter zu denken. Räume zu öffnen für Menschen (die keine Künstler*innen sind), über ihre Stadt und ihre Gesellschaft nachzudenken. Und Stadt und Gesellschaft dabei auch zu verändern – sofort oder schleichend oder stetig. Gleichsam Humus und Avantgarde, mit ihrer eigenen Nähe des Mittendrinseins und der Distanz des Andersseins der Künstler*innen (weswegen er auch dafür kämpft, Künstler*innen Raum in der (Innen-) Stadt zu geben). »Ich möchte, dass ein Raum entsteht, dass etwas geschieht, dass etwas geschehen kann, möglich wird«. So könnte er es über »Making Frankfurt« schreiben, einen seiner jüngsten Mitmachorte. Und so steht es in seinem Buch »Orte möglichen Wohnens«. Klingt intellektuell, ist aber auch wieder ganz banal. Für einen Menschen, der Räume schafft, reale und Denkräume – und reale Räume zum freien Denken. Seit Jahrzehnten und immer fort und immer weiter. Damit ist Sturm zugleich ein Beispiel dafür, einfach zu machen – weil eben sonst nichts passiert. Und so macht er weiter: Stadt und Kunst und Kultur und Denken. Längst nicht mehr nur in Frankfurt. Am einen Tag ist er in Kassel, am anderen in Gießen, dann wieder in Wiesbaden. Für das Land berät er die Städte, Räume für Kreative zu schaffen. Und im Idealfall auch neue Denkräume, um Neues in den Städten zu schaffen. Dazwischen trifft er im eigenen Hause (egal, welches von denen es in dem Moment gerade ist), Kulturförderer von Staat, Stadt oder Stiftungen, um neue Räume in den vorhandenen Räumen zu schaffen, etwa mit neuen Atelierprogrammen aus neuen Fördertöpfen. Ist das alles noch Kunst? Ja, sagt er, denn Kunst ist ja Denken, Machen, Verändern. Gutes zieht Gutes nach sich, sagt ein altes Sprichwort. Bei Sturm scheint Machen Machen nach sich zu ziehen. Oder genauer: Machen scheint Passieren nach sich zu ziehen. Ach ja: Sturm weiß seit vier Jahren, dass er Parkinson hat. Für ihn ein Grund, erst recht weiter zu denken und weiter zu machen … (sfo. / vss.).

Katrin Binner / www.katrinbinner.de©
Florian & Marika: In Bewegung sein, in Bewegung bringen, Bewegungen schaffen
Quelle: Florian Geiger©

Kultur | Möglich-Macher*innen III

Marika & Florian … legen Grundlagen

AMP will mit gelben Quadraten Welten verändern

Vier mal vier Meter: eine Fläche für eine Compagnie zum Tanzen – und für Menschen zum Spielen, zum Reden, zum Handeln. Florian Geiger und seine Partnerin Marika Ostrowska-Geiger hatten die Idee eines gelben Quadrates als eines Möglichkeitsraums, lösten darin in der Pandemie klassische Bühnen auf und schufen neue. Neben den anderen Dingen, die sie sonst noch so tun mit ihrer AMP Dance Company.   

Die Idee entstand mitten im Lockdown 2020, mitten im Verlust von Auftrittsmöglichkeiten, als traditionelle Orte der Kunst einfach weggefallen sind. Eine gelbe Fläche von vier mal vier Metern, auf der das AMP-Ensemble von Florian und Marika einfach tanzen und performen konnte. Eine Fläche aber auch, auf der Künstler*innen aller Genres, aber auch Redner*innen und Aktivist*innen oder einfach nur Menschen mit irgendeiner Idee auftreten konnten und können. Ein Hingucker, der schon 2020 beim ersten »Making Frankfurt«-Tag am Mainkai für Aufsehen sorgte. Und eine Idee, die in diesem Jahr buchstäblich die vielfache Grundlage des zweiten Aktionstages in der Innenstadt sein wird. Rund um Hauptwache, Rathenau- und Goetheplatz wird es sechs dieser Flächen geben, welche die beiden selbst als »4 x 4 – Raum für Neues« bezeichnen und die mit (fast) allem bespielt werden können, was Gruppen und Menschen so einfällt. Der buchstäblich grundlegende Gedanke des gelben Quadrates: dass jeder, der möchte, es als Bühne für kulturelle Aktionen nutzen kann. Über einen QR-Code soll es zudem möglich sein, die Flächen für einen bestimmten Zeitraum zu buchen.

Florian Geiger und Marika Ostrowska-Geiger verstehen sich schon immer als »Möglich-Macher*innen«. Das Paar gründete 2018 die AMP Dance Company für zeitgenössischen Tanz und gehörte schon früh zu den Protagonist*innen von »Making Frankfurt«. AMP leitet sich vom englischsprachigen Wort  »Amplification« ab, was so viel bedeutet wie »Verstärkung«. Einmal im Jahr bringen sie eine große Produktion auf die Bühne, zuletzt »don’t die dead« im vergangenen Jahr, das trotz Corona-Pandemie unter strengen Auflagen an vier Abenden erfolgreich präsentiert werden konnte. In den Inszenierungen legt AMP den Fokus auf gesellschaftliche Themen, greift Impulse auf aus der Gesellschaft, aus dem Leben, aus dem Miteinander der Menschen. Derzeit wird für die neue Produktion »Der Himmel über meinem Kopf« in Offenbach geprobt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie es ist, etwas zu verlieren, von dem man bisher gar nicht ahnte, wie sehr es das tägliche Leben und Handeln bestimmt. Die Inszenierung spiegelt die aktuellen Zeiten. Es geht um das nachhaltige Erleben des Verlusts. Premiere ist am 30. September im Gallus Theater Frankfurt. Trotz der widrigen Bedingungen für Tänzer*innen, Künstler*innen und Kreative im Lockdown hat AMP versucht, Impulse aufzunehmen und selbst zu setzen – etwa das gelbe Quadrat. Eine Idee, die auch weit über den Tag hinaus wirken soll. Ein Quadrat, das etwa über die Innenstadt hinaus vielfach dupliziert auch in die Stadtteile getragen werden oder angeboten werden könnte. Auch überregional sei es vorstellbar – weitergedacht für andere Städte und kleinere Orte. In jeder Stadt und in jedem Ort, so Geiger, gäbe es Areale, die nicht genutzt werden und ideal für die Umsetzung dieser einfachen Idee wären. Gelbe Quadrate als Fläche(n) für Neues, an dem die Gesellschaft partizipieren und das kulturelle Leben aktiv mitgestalten kann. Vor allem aber, dass es nichts Statisches ist, dass daraus vielmehr buchstäblich eine Bewegung entsteht. Und: »Wir glauben fest daran«, so die beiden, »dass unsere Idee die Welt jeden Tag ein Stück besser machen kann« (alf.).

Florian Geiger©
Nicola Vock: Musik unter erschwerten Bedingungen
Quelle: Johannes Berger / Kammerphilharmonie©

Kultur | Möglich-Macher*innen II

Nicola Vock … liefert Kultur

Musiker*innen müssen nicht nur musikalisch improvisieren

Konzerte im Treppenhaus, im Hinterhof, auf öffentlichen Plätzen – Wenn Menschen nicht zur Kultur kommen, bringen Nicola Vock und die Kammerphilharmonie die Kultur zu den Menschen. Musiklieferdienst ist eine ihrer Ideen, mit der sie zugleich aber auch auf die schwierige Situation der freien Szene aufmerksam machen. Eine andere: Das Bespielen eines prominenten Leerstandes beim Aktionstag von Making Frankfurt. Zwischen Möglich-Machen und Nach-Möglichkeiten-zum-Machen-Suchen … 

Es ist einer der prominentesten Leerstände, welche Frankfurt im Moment zu bieten hat. Mitten in der Corona-Pandemie, in der alle vom Veröden der Innenstädte sprechen, dümpelt neben der Hauptwache bis auf ein paar gelegentliche Events ein ganzes ehemaliges Sport-Kaufhaus vor sich hin. Am Samstag wird das triste Basement zur improvisierten Konzerthalle. Béla Bartók, Emilie Mayer, Carlos Gardel – Am Nachmittag füllt ein Quintett der Kammerphilharmonie Frankfurt, einem kleinen wie feinen, aber vor allem freien Ensemble mit Musiker*innen von Deutschland über Russland und Spanien bis Argentinien, mit den konzertanten Klängen der drei Komponist*innen jene weitläufige Halle, in der bis vor kurzem noch Trikots und Skischuhe verkauft wurden. Zum Aktionstag der Initiative »Making Frankfurt« bespielen sie buchstäblich jenen Ort mit ihrer Klassik – pars pro toto gleichsam für die vielen Leerstände in der Innenstadt und für die vielen freien Ensembles, die Stätten zum Spielen und vor allem auch zum Proben suchen. »Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass es Räume für Musik geben muss, vor allem auch für die freie Szene«, beschreibt Geschäftsführerin Nicola Pacha Vock das große Anliegen hinter den kleinen Konzerten. Sie verweist auf die zahlreichen Leerstände im innerstädtischen Raum von Frankfurt, die durch Ensembles wie die Kammerphilharmonie genutzt und wiederbelebt werden könnten. Die Kammerphilharmonie teilt sich an diesem Tag den improvisierten Konzertraum noch mit drei anderen Ensembles.

Die Kammerphilharmonie hat – neben den Auftritten auf normalen Bühnen – in der Vergangenheit immer wieder auch solche Räume in der Stadt förmlich erschaffen, auf Plätzen, in Hinterhöfen, in Treppenhäusern oder eben in Leerständen. Im Sommer etwa gab es ein Kooperationsprojekt mit dem multinationalen Ensemble »Bridges – Musik verbindet«. Musiker*innen beider Orchester gaben unter dem Titel »Nachbarschaftsmusik« dezentrale Konzerte im Freien. Nur eine von vielen findigen Ideen, mit denen die Kammerphilharmoniker*innen sich zum Publikum brachten – in einer Zeit, in der das Publikum nicht zu ihnen kommen konnte. Dass Bühnenauftritte vor Publikum wegen der Corona-Pandemie nicht mehr möglich sein sollten, das ließen die Musiker*innen in den vergangenen Monaten nicht so stehen. Statt den Kopf sprichwörtlich in den Sand zu stecken und der Dinge zu harren, entwickelten sie Formate, mit denen Live-Auftritte für sie möglich blieben. Zum Beispiel den »Musiklieferdienst«, mit dem sie Klassik buchstäblich nach Hause zu den Menschen brachten. Gespielt wurde als Duett vor der Wohnungstür im Treppenhaus; jeweils bis zu zehn Minuten. Eine Idee, die so gut ankam, dass schon bald »MusiklieferdienstZwei« folgte: Mini-Konzerte in den Hinterhöfen von Wohngebäuden, deren Bewohner*innen die Gastgeber*innen der musikalischen Ereignisse wurden. Ob in kleinen Gruppen umstehend oder von den Fenstern herab applaudierend. Improvisation – das gehört nicht nur im musikalischen Sinne zur DNA der Kammerphilharmoniker*innen. Das Orchester ist ein freies Ensemble, versteht sich als ein »flexibler und zukunftsorientierter Klangkörper«erarbeitet unter diesen Gesichtspunkten seine Formate – und das nicht erst seit Corona. »Möglich machen« gehört für diese Musiker*innen einfach selbstverständlich dazu. Auch in anderer Hinsicht: Das Besondere am Ensemble ist, dass dessen Mitglieder*innen nicht nur als Cellist*innen oder Bratschist*innen auf der Bühne agieren, sondern auch die organisatorischen und geschäftlichen Aufgaben selbst übernehmen. Vock ist etwa nicht nur Geschäftsführerin, sondern spielt zugleich den Kontrabass. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt, außerdem Betriebswirtschaft an der Fernuniversität Hagen. Nach Engagements unter anderen beim Opern- und Museumsorchester Frankfurt, an den Staatstheatern Darmstadt und Wiesbaden sowie bei der Jungen Deutschen Philharmonie kam sie zur Kammerphilharmonie. Als eines ihrer Hobbys nennt sie auf der Website »bewegen«. Vock lebt für die klassische Musik. »Klassische Musik«, so die Kontrabassistin-Geschäftsführerin, »kann auch heute viel geben, selbst wenn der Kontext sich geändert hat«. Es sei wichtig, über neue Formate nachzudenken und zu überlegen, wie der Kontakt zu den Menschen hergestellt werden kann. Und es lohne sich, dafür immer wieder neue Wege zu gehen … (alf.)


Felix Große-Lohmann: Kultur-Förderer und Material-Recycler in seinem Ausstellungsraum
Quelle: Alexander Paul Englert©

Kultur | Möglich-Macher*innen IV

Felix Große-Lohmann … lässt kreativ sein

Ein Kulturschaffender, der für andere Materialien sammelt

Künstler*innen brauchen Materialien, mit denen sie arbeiten können. Veranstalter*innen brauchen Bühnen, Podien und anderes. Museen, Unternehmen und andere haben Bühnen oder Materialien, die sie oftmals nicht mehr brauchen. Felix Große-Lohmann sammelt, lagert zwischen, bringt beide und beides zusammen und lässt Kreative und Künstler*innen damit arbeiten. Er hilft Kolleg*innen, der Umwelt, sich selbst und, ach ja, eigentlich auch Institutionen und manchem Unternehmen …

Felix Große-Lohmann hat die Türen zu seinem freien Ausstellungsraum »Husselhof« in einem Hinterhaus an der Koblenzer Straße im Gallus weit geöffnet. Der Blick fällt auf die keramischen Skulpturen der in Frankfurt lebenden Künstlerin Filippa Pettersson, die auf dem Boden installativ angeordnet sind. »Creatures« nennt sie die Objekte, die sie organisch anmutend ausgeformt hat. Den nicht-kommerziellen Ausstellungsraum hat Große-Lohmann 2013 eröffnet, um zeitgenössischen Kunstproduktionen einen Raum zu geben. Den Hintergrund als Ausstellungsmacher – also jemand, der die Sorgen und Nöte des Kunstbetriebes selbst gut kennt – muss man wissen, ist er doch auch der Hintergrund einer weiteren Idee, die Große-Lohmann seit gut drei Jahren verfolgt …

»MFA« heißt das Projekt ganz kurz – und ist längst mehr als ein Projekt. Die Abkürzung steht für »Material für Alle«. Dahinter steht der Gedanke, erst einmal Materialkreisläufe nachhaltig zu gestalten; vor allem mit Fokus auf Kunst und auf Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet. Große-Lohmann sammelt Materialien, die zum Beispiel bereits für Ausstellungen in Museen oder für Veranstaltungen genutzt wurden: MDF-Platten, Teppiche, Sockel oder Rahmen. Und er stellt sie Künstler*innen, Kreativen oder sozialen Projekten kostengünstig zu fairen Preisen wieder zur Verfügung. Zuletzt etwa war er für das Setting des urbanen Festivals Cityvista zuständig, sorgte mit drei portablen Veranden für Sichtbarkeit, Regen- und auch noch Sonnenschutz. »Material für Alle« ist eine Idee, von der nicht nur alle Beteiligten profitieren, sondern die eben auch besonders nachhaltig ist, indem dadurch die Materialien vor der Entsorgung gerettet werden und Müll vermieden wird. Ausstellungshäuser etwa haben meist keine Kapazitäten, um Materialien zu lagern und müssten diese sonst kostenpflichtig entsorgen, erklärt Große-Lohmann, der zum diesjährigen Aktionstag der Initiative »Making Frankfurt« im Rahmen eines Talks auch über sein Konzept sprechen wird.

Kennengelernt habe er die Idee selbst einige Jahre zuvor bei einem Besuch eines befreundeten Künstlers in New York. »Material for the Arts« heißt das städtische Programm, das Ende der 70er Jahre in der US-amerikanischen Metropole ins Leben gerufen wurde. »Ich war begeistert, dass es in New York so ein Angebot gibt, und habe mich auf dem Rückflug gefragt, warum so etwas bisher noch nicht in Frankfurt realisiert wurde«, erzählt er. Ende 2018 sei der Startschuss seines MFA-Projekts gefallen. Um es langfristig auf die Beine zu stellen, habe er von Beginn an den Gedanken verfolgt, es auch wirtschaftlich aufzubauen. Dafür hat er ein rund 90 Quadratmeter großes Lager im Gewerbegebiet von Frankfurt-Seckbach gemietet, das er mit den gesammelten Materialien füllen kann. »Und es funktioniert«, sagt er. Um die Idee zu etablieren und zu verstetigen, sei aber langfristig ein größeres Lager unumgänglich. Doch das müsse eben auch erst einmal finanziert werden. Auch die Möglichkeiten der Digitalisierung möchte er nutzen. Eine MFA-App gibt es bereits, über die im Lager zur Verfügung stehende Materialen abgefragt werden können. Auf seinem Handy zeigt er, wie die App noch eingesetzt werden kann. Zum Beispiel bei einem Holzbalken, den er virtuell in 3D vor seiner Galerie ablegen kann. So könne jeder selbst prüfen, ob das Material für ein geplantes Projekt geeignet sei, ohne selbst vor Ort vorbeischauen zu müssen. »Die Digitalisierung löse viele Probleme des analogen Recyclings«, schaut er auch bereits über den Tellerrand hinaus. Über Schnittstellen zu grafischen Gestaltungsprogrammen etwa möchte er den Künstler*innen künftig die Möglichkeit geben, Modelle direkt mit den ausgewählten Materialien aus dem Lager am PC zu entwickeln. So könne die Liste der für die Umsetzung notwendigen Materialien bereits mitgeplant werden. Außerdem möchte er Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung der Akteure untereinander schaffen. Überhaupt ist Große-Lohmann sehr interessiert an neuen, zukunftsorientierten Konzepten. Er hat an der Frankfurter Goethe-Universität Kunst­päd­ago­gik und Englisch auf Lehr­amt studiert und entwickelte in dieser Zeit eine große Affinität zur Gegenwartskunst, sammelte praktische Erfahrungen im Galeriebetrieb, knüpfte Kontakte zu Künstlern und entschied sich schließlich, trotz der erfolgreich abgeschlossenen beiden Staatsexamina, einen ganz anderen Weg in die Selbständigkeit zu gehen (alf.).

Nachgeschaut | she*

Selbstverständlich weiblich

16 Fotografinnen zeigen ihre (An-) Sichten

Ist es weiblich, wenn Frauen ihren Körper durch Bodybuilding stählen? Wer bestimmt, was Schönheit ist? Ist das Frausein bloß reduziert auf das angeborene Geschlecht? Der gesellschaftliche Diskurs zum Bild der Frau und ihrer Rolle ist komplex, die Sichtweisen hierauf meist klischeebehaftet. Doch was macht das Weibliche eigentlich aus? Dieser Frage sind 16 Fotografinnen aus Frankfurt und der Region nachgegangen. In der Ausstellung »She*« haben sie mit ganz unterschiedlichen Ansätzen ihre ganz individuelle(n) Perspektive(n) auf das Thema sichtbar gemacht. Urban shorts wirft einen kurzen Blick auf sechs dieser Positionen. Außerdem sind in der Gruppenausstellung des Female Photoclub Frankfurt Rhein-Main noch Lena Bils, Farideh Diehl, Linda Deutsch, Jasmin Dories, Alexandra Lechner, Anna Logue, Ricarda Piotrowski, Sonja So Yung Schwarz, Alexandra Vosding und Angelika Zinzow zu sehen.

Frauen sehen sich oft der Kritik an ihrem Körper ausgesetzt, wenn dieser nicht den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen entspricht: schlank mit idealen Maßen, die vor allem bestimmt werden durch äußere Einflüsse wie in Hochglanzmagazinen und sozialen Medien. Nathalie Zimmermann fragt in ihrem Projekt, wann der perfekt geformte Körper eigentlich zum Schönheitsideal geworden sei, stellt in ihrem Beitrag starke Frauen mit ihren Rundungen in den Mittelpunkt und plädiert für eine vielfältige Wahrnehmung von weiblicher Schönheit. Katrin Binner porträtiert Frauen, die Bodybuilding betreiben, einen durchtrainierten Körper haben und dennoch damit anecken, weil sie ihre Muskeln zur Schau stellen. Muskeln, die für viele nicht mit dem Körper einer Frau in Verbindung gebracht werden. Binner wählt unterschiedliche Perspektiven, porträtiert die Frauen, setzt mit ihrer Kamera aber auch einzelne Körperteile in Szene. »Wer wir sind«, so die Fotografin, »das bestimmt auch unser Körper und somit die physische Manifestation unseres Selbst«.

Yvonne Jung hingegen sieht bereits eine Veränderung in der Vorstellung von Weiblichkeit und festgelegten Schönheitsidealen hin zu einer individuellen Wahrnehmung. Sie fokussiert in ihrer Fotoreihe Weiblichkeit und Schönheit, die ihren Ursprung nicht im Perfekten, sondern gerade im Unperfekten haben. Szenenwechsel: Eine junge Frau in einem sommerlichen Kleid, eingerahmt von einem alten mächtigen Baum, blickt verträumt in die Ferne. Diese Fotografie von Sinah Osner mutet romantisch an. »und sie sagt« heißt ihre Serie, in der sie dieses Figurative aber mit abstrakten Motiven in eine Reihe stellt. Es sei die Geschichte einer Frau als Porträt und die vieler Frauen als Abstraktion. Beides tritt bei ihr in einen Dialog miteinander. Wer sind wir jenseits unserer Erscheinungsform, fragt Stefanie Kösling. Der Fokus ihrer Serie »Gesichter – Porträts in Schwarz-Weiß« liegt auf dem Versuch, das Übergreifende sichtbar zu machen. Das, was losgelöst vom individuellen Erscheinungsbild in jedem Menschen ruht: das Gefühl. Für die Umsetzung verzichtete sie auf Details, Gesichter treten aus einem schwarzen Hintergrund heraus und gehen teils ineinander über, Grenzen verwischen. Fröhlich und befreit schauen dagegen die von Salome Roessler porträtierten Frauen den Betrachter an, die Hände selbstbewusst an die Hüften gelegt oder vor dem Körper verschränkt, immer aber offen in die Kamera blickend. »Schattentanz« ist der Titel der Fotografie, auf der Roessler die Porträtierten im Stil der Pop-Art auf monochromen, farblich unterschiedlich gestalteten Hintergründen wiedergibt. Frauen würden häufig hinter ihre eigenen Ambitionen zurücktreten und schätzten ihre eigene Leistung zu gering ein, beschreibt Roessler ihre Eindrücke. Und fügt hinzu: »Um dann doch dem Tanz der Macht nach dem Takt des Mannes aus der zweiten Reihe zuzusehen« (red.).