Zur Wahl | Kultur-Politik

Liebe(r) Herr/Frau Partei …

Jan Deck zu Partei-Kultur-Stilblüten

 

Eigentlich sollte an dieser Stelle eine fundierte Analyse der Partei-Plakate zur Zukunft der Kultur in Frankfurt stehen. Eigentlich. Aber nach einer Woche vergeblicher Suche oder dem nur gelegentlichen Stolpern über Plattitüden wie »Kulturelle Vielfalt«, »Kultur für alle« oder »Kultur braucht Perspektiven« (für letztere Erkenntnis fragt man sich ernsthaft, warum dafür eigentlich ein Baum sterben musste), haben wir uns entschlossen, mal in den Wahl-Programmen nachzulesen. Genauer gesagt: Unser Kultur-Kolumnist Jan Deck hat sich die Mühe (durchaus wörtlich zu nehmen) gemacht. Immerhin: Er hat eine Menge Stilblüten und Wahlkampf-Prosa entdeckt gefunden. Acht Zitate hat er herausgepickt: Sorgsam zusammengestellt auf Seite 2 der obigen Galerie. Wer mag, kann raten, wer sich welches hehre Ziel gesetzt hat. Wer die Antworten wissen will, muss nur weiter durch unsere Galerie blättern. Dort finden sich auch acht kurze offene Briefe an die Parteien, in denen Jan Deck deren »Ideen« mal kurz auf ihren Gehalt hinterfragt hat. Immerhin hat er an mancher Partei dabei ganz neue Seiten entdeckt … (red.).

Opern- und Bühnenbauten in Europa

Landmarken und Millionengräber

Ein Blick auf Neubauten und Sanierungsfälle

Frankfurt hat derzeit mit den Städtischen Bühnen und dem Kulturcampus im wahrsten Wortsinn zwei große »Kulturbaustellen«. Oder hätte sie zumindest gerne – wenn man denn schon so weit wäre. Während man beim Kulturcampus derzeit vor allem »War da was?« fragt, wird bei der Zukunft der Bühnen zumindest mal viel darüber geredet. Vor diesem Hintergrund hat das Deutsche Architekturmuseum (DAM) vor einiger Zeit eine Wanderausstellung entworfen, die allerdings mangels Kultur an sich derzeit nirgends zu sehen ist. Unter dem (zur Zeit fast euphorischen Titel) »Große Oper – viel Theater?« warfen die Macher*innen gleich mehrere sehr informative Blicke auf andere derartige Projekte in Europa. Sie blickten auf spektakuläre und die Silhouette ihrer jeweiligen Städte oder einzelner Viertel prägende Neubauten wie die Elbphilharmonie in Hamburg, die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie in Stettin oder die Opèra de Lyon. Sie schauten auf interessante Konversionsprojekte, etwa das Theater im namensgebenden und ehemaligen Kraftwerk Mitte (Dresden) oder die neuen Theater und Oper Kopenhagens im Hafen auf einem ehemaligen Militärgelände. Und sie zeigten viel beachtete Sanierungen wie die Berliner Staatsoper unter den Linden und (scheinbar) »Never-Ending-Stories« wie die Bühnen Köln, deren geplante Wiedereröffnung mal kurz von 2015 auf 2022 verschoben wurde. Und dabei zeigte sich nicht nur bei diesem Projekt, wie sich Baukosten zuweilen »entwickeln«. In Köln etwa von ursprünglich 253 auf nunmehr (wohl mindestens) 545 bis 570 Millionen Euro. Apropos Baukosten: Als Herzstück der Ausstellung hatten die DAM-Experten auch schon mal mehrere Szenarien für die Städtischen Bühnen durchgerechnet – inklusive »zu erwartender Preissteigerungen« … (loe.).

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Kunsthalle Darmstadt - viel Platz in den lichten Räumen
Quelle: Kunsthalle©

Kultur | Ausstellungsräume

Wieder was zu sehen

Museen proben die Kunst zu öffnen

Museen und Ausstellungsräume hatten im Corona-Jahr 2020 einen schweren Stand. Hörte man sich um, lag der Besuch die meiste Zeit bei etwa 20 bis 30 Prozent gegenüber »normal«. Wenn man mal geöffnet haben durfte. Etwas paradox war die Situation schon. Bei aller Vorsicht einer solchen Aussage: Aber gerade Museen und Ausstellungsräume gehörten wohl zu den eher sicheren (Kultur-) Orten in der Region. Zum einen bieten gerade Häuser wie die Museen Angewandte und Moderne Kunst in Frankfurt, das Museum Wiesbaden oder die Kunsthalle Darmstadt per se viel Platz durch ihre weiten, großzügigen Räume. Zum anderen sorgte das zusätzlich ausgedünnte Publikum in den auch sonst selten überlaufenen Kunsttempeln für viel Freiraum. Vor allem aber hatten die Häuser im Laufe der Zeit ausgefeilte Hygiene-Konzepte entwickelt, die sicher mehr Sicherheit verhießen, als dies über viele Wochen des vergangenen Jahres auf Opern- oder Friedberger Plätzen in Frankfurt der Fall war. Einzig Lüften ist zuweilen ein Problem.

Nun also scheint das auch bei der Politik angekommen zu sein. Wenn auch in einer ziemlichen »Nacht-und-Nebel-Aktion«. Die Häuser dürfen – mit Einschränkungen – wieder öffnen. Das trifft sich ganz gut, können manche von ihnen doch nicht nur mit viel Freiraum, sondern auch mit guten Ausstellungen punkten. Neben den Angeboten der genannten Museen – die Darmstädter Kunsthalle eröffnet »Genaro Strobel« sogar punktgenau am Wochenende – gehören dazu sicher auch sehr unterschiedliche Highlights wie »Einfach Grün« (Architekturmuseum Frankfurt)»Tomàs Saraceno« (Landesmuseum Darmstadt), »Die weibliche Seite Gottes« (Jüdisches Museum Frankfurt) oder »Was ist Natur?« (Sinclair Haus, Bad Homburg), wobei im Sinclair Haus tatsächlich der Platz recht eng ist. Mit Platz und gutem Programm können aber auch kleinere Häuser wie die diesmal Frankfurter Ausstellungshalle sowie die ebenfalls in der Main-Metropole angesiedelten Kunstverein Montez, Heussenstamm oder Galerie Peter Sillem aufwarten. Denn was für viele Museen gilt, stimmt häufig auch für diese Orte. Zwar haben sie per se weniger Platz, dafür aber schon immer auch deutlich weniger Besucher*innen. Das Heussenstamm etwa begrüßte zuletzt in seinen Ausstellungen einige Dutzend Gäste pro Tag unter der Woche. Kleine Galerien etwa rund um die Frankfurter Fahrgasse, in die eigentlich noch weniger Menschen passen, begrüßen ihre Gäste ohnehin meist nur »per Handschlag« (was in diesem Falle natürlich als Redewendung gemeint ist); und zwar völlig unabhängig von Corona. Zudem gelten auch dort Hygienekonzepte, sind etwa Maskentragen und Desinfektionsmittel Standard. Gerade »die Fahrgasse«, wo auch Ende 2020 manche Galerien als Einzelhändler offen blieben, hat übrigens ganz gute Voraussetzungen: viele Räume nebeneinander und viel Platz in der Straße dazwischen. Sie alle können sich nun also als Avantgarde für die restliche Kultur fühlen und dürfen ab nächster Woche vorerst mal wieder geöffnet haben. Ob es allerdings auch alle schaffen, zu öffnen, ist die andere Frage. Vor allem kleinere Ausstellungshallen hätten sich gerne ein wenig mehr Vorlauf gewünscht. Ihnen fehlt jetzt oft gleich in mehrfacher Hinsicht Personal: das eine zur Aufsicht und das andere zur Anmeldung. Denn das eine hatten sie in den letzten Monaten nicht im Keller gelagert, und das andere nie gehabt. Die Formulierung »die Kunst zu öffnen« könnte bei ihnen durchaus eine doppelte Bedeutung haben … (sfo.).

Kunsthalle©
Mehr Grün? Mehr Endgeräte? Dauert die Pandemie doch länger?
Quelle: juk©

Zur Wahl | Plakative Pandemie

Schöne bunte Einfaltsstraßen

Ein Gang durch Frankfurts Wahlplakate-Parcours

Man kommt derzeit in Frankfurt buchstäblich nicht an ihnen vorbei. Wenn sie einem nicht gleich und nochmals buchstäblich an vielen Geh- und Radwegen ins Auge stechen. Wahlplakate türmen sich dieser Tage haushoch an den begehrtesten Laternenmasten der großen Einfallstraßen oder thronen entlang der Alleen großformatig im Begleitgrün, die Sicht auf Straßen und Übergänge großzügig versperrend. Immerhin: 93 Stimmen gibt es in Frankfurt zu gewinnen. Die meisten Parteien tun alles dafür, keine einzige zu erhalten … 

Das Motto für alle hat eine dynamisch-grellbunt daherkommende Kleinpartei. Die mit den drei Punkten. »Was wirklich zählt« steht auf deren meist großformatigen Kunstwerken. Und das ist gleich ziemlich viel, muss man an deren mit feinster 20-Punkt-Schrift vollgepackten Plakaten doch schon länger stehenbleiben, um sich das zu Gemüte zu führen. Und über manche könnte man gleich stundenlang philosophieren. »Unsere Luft vor Staus schützen«, steht da etwa. Bitte was? Worum geht es? Nicht eher darum, Menschen Schadstoffe, Lärm und Autoverkehr zu ersparen? Und wie schützt man überhaupt Luft vor Staus? Und warum? Fragen über Fragen. Hat wohl seinen Grund, warum die F.D.P. schon länger in der Opposition sitzt …

Wo die einen mit vielen Worten nichts sagen, schaffen das andere mit wenigen Worten. Dabei hat uns die CDU auf den ersten Blick sogar Hoffnung gemacht. Mit einer autofreien Mainbrücke und einer Straßenbahn in der Innenstadt. Wenn da nicht der Zusatz »Verkehrspolitik mit Plan« stünde. Klingt sehr nach: erst mal ein Gesamtkonzept finden, erst mal zehn Jahre planen und untersuchen, und derweilen erst mal alles so lassen, wie es ist. Zumal uns auch der dritte plakative »Plan« der Union etwas verstört: das Bild der wie üblich mit viel Blech verstopften Frankfurter Innenstadt. Oder hatten da einfach nur die Plakatdesigner der Partei keinen Plan … ? Kurz zur Beruhigung der CDU: Nein, wir nehmen Euch Eure Stadt nicht weg. Ja, wir lassen Euch so sogar im Magistrat. Und nein, wir ändern nichts. Na ja, mal sehen. Apropos Worte. »Uns interessiert nicht, wo Du herkommst, sondern, wo Du hinwillst«. So charmant sind Migranten selten aus dem Land komplimentiert worden. Peinlich nur, dass dieser missverständliche Satz nicht von einer Rechts-Partei kommt, sondern von der SPD …

Verlassen wir mal die nicht vorhandenen Inhalte. An den Farben hätten Psychologen ihre helle Freude. Es hängt sehr viel orange an den Straßen. Kein Wunder, diese Farbe gilt als aktiv, jugendlich, stimulierend, man verbindet mit ihr Kreativität, Vitalität, Lebensfreude und Optimismus. Und die Parteien dahinter. Tja. Neben den ja traditionell orangen Piraten kommt neuerdings die CDU orange daher, außerdem die Freien Wähler und die BFF. Ansonsten dominiert Pastell: grün-pastell, pink-pastell, und ist orange nicht eigentlich auch irgendwie pastell? Überraschend: Auf vielen Plakaten der SPD sind Menschen, die man eigentlich gar nicht wählen kann, da sie im Magistrat sitzen und dort auch bleiben wollen. Oder ahnen die schon mehr? Bei der Union sind’s eher auffällig viele, die man gar nicht wählen mag – oder liegt das daran, dass die Partei offenbar nicht nur an Plakatdesignern, sondern auch bei den Fotografen gespart hat? Wobei überhaupt die wenigsten Plakatgesichter dazu führen, dass man zuhause gleich den tischtuchgroßen Musterwahlzettel auffaltet, um sie für die Wahl vorzumerken …

Also doch noch mal zu den Inhalten. Auch wenn die bei manchen eher nach Neu-Jahrs-Vorsätzen klingen. »Die Stadt neu denken« heißt es etwa bei den  Grünen. Die Grünen? Wie lange regieren sie jetzt schon in Frankfurt mit? Und wann wollen sie mit dem Denken anfangen? Das Gleiche in schwarz von der anderen Magistrats-Partei CDU: »Schwierige Zeiten. Richtige Antworten«. Das Bild dazu: eine triste, schlecht asphaltierte Straßengabelung, deren beide Zweige in nebliges Niemandsland führen – flankiert von zwei leeren Wegweisern. Dazu passt das Motto der dritten Pastell-, pardon: Magistrats-Partei: »Garantiert nur mit uns«. So offen können wenige mit ihrer Verlust-Angst umgehen. Kann ja heiter werden, falls es zur Neuauflage der Therapie-Gruppe kommt. Immerhin haben die drei neben der gemeinsamen Selbstbeschäftigung auch ein Thema: Mieten – wahlweise übrigens runter, gedeckelt, gestoppt oder stabilisiert. Oder mit den Worten einer anderen Partei: Auf zur »Wohnraumoffensive«. Wohnraumoffensive? Richtig: das war die, die auch die Luft vor den Staus retten will …  (juk./vss.).

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Kreativ Räume für die Kultur finden
Quelle: Moritz Bernoully©

Eigenes Konzept für Kultur

Vom Kopf her denken

Kommentar von Volker Stahr

Bayerns Wirtschaftsminister hat dieser Tage einen bemerkenswerten Satz gesagt: »Wir dürfen die Menschen nicht mehr länger in den Keller sperren«. Nun, unseres Wissens nach ist das selbst im Freistaat in Pandemie-Zeiten nicht geschehen. Aber sei’s drum: Es vergeht in Deutschland kein Tag ohne Öffnungsszenarium. Beste Karten scheint diesmal die Kultur zu haben. Nein, nicht alle Kulturschaffenden, aber einige. Das Staatstheater Kassel zum Beispiel. Da Kassel die einzige Stadt Hessens ist, die nach allen Zahlenplanspielen der Politiker*innen ihr Theater bald öffnen könnte, wird man dort wohl demnächst auf Subventionen und Fördergelder verzichten (können). Zumindest, wenn man den Schwarzmarkt für die 60 Karten pro Abend selbst in die Hand nimmt und sie unter Hessens ausgehungerten Theaterfans versteigert. Einziger Haken: In drei Wochen läge Kassels Inzidenz bei 199 – zumal dann in der Stadt wohl noch mehr Theater wäre …

Nun zeigt das Beispiel leider nicht, wie Theater künftig zu finanzieren wären. Sondern nur, welchen Stellenwert Kultur in den Plänen zur Öffnung hat – den letzten nämlich. Sie kommen meist im Paket irgendwo mit Sport oder Gastronomie daher. Was allerdings für Wirtshäuser und Sportanlagen funktioniert, muss für die Kultur noch lange nicht funktionieren. Wenige Darmstädter*innen werden etwa für ein Bier oder eine Joggingrunde nach Kassel fahren. Womit sich die Frage aufdrängt: Könnte man im Land der Dichter und Denker und der Region der Goethes und Adornos das Ganze nicht mal vom Kopf her denken und die Kultur als sogar gerade in der Pandemie wertvolles Gut für sich denken? Funktioniert »click & meet« mit Einzeltermin nur für die Wirtschaft? Oder ist sie der einzige Zweig, dem die Politik zuhört? Sicher: Man bräuchte für Kultur ein etwas differenzierteres Konzept, da Einzelkonzerte und Face-to-face-Theater nicht der Bringer sind. Aber 90 Prozent der Theaterleute und Musiker*innen könnte man ab Ostern locker mit Konzept und gutem Willen (und Wetter) nach draußen bringen. Da das mit Kunstwerken zu 90 Prozent nicht geht, wäre mit etwas differenzierendem Denken der Umkehrschluss möglich: Museen und Ausstellungsräume mit deren vielem, auch physischem Freiraum öffnen. Käme man dann noch auf die Idee, das Draußen als Festival zu gestalten, zu dem die Menschen nicht alle gleichzeitig kommen und gehen (und sich den Virus dann in der U-Bahn einhandeln), könnte man sogar von einem durchdachten Konzept sprechen – auf das man kommen könnte, wenn man vorher mit Kulturschaffenden spricht. Wobei die originellsten Abstands-Konzepte mit Pool Noodle und Hula-Hoop-Reifen ohnehin aus der Kultur kamen. Der Effekt: Statt einem Theater und einem Museum hätte man dann nämlich ganz viele offen. Das könnte auch die Menschen wieder inspirieren – und zwar ebenfalls viele auf einmal. Und am Ende womöglich sogar jenen Minister aus Bayern. Das richtige Museum vorausgesetzt, könnte er da sogar lernen, dass das mit jenen Menschen im Keller (egal, ob geflüchtet oder tatsächlich eingesperrt) in Deutschland nicht die Zeit der Pandemie war – zumindest nicht die der Virus-Pandemie …

DER HFG-LOCKDOWN

Corona so gesehen

Fotos aus dem Off(enbach)

An vielen Unis und Hochschulen fand das Sommersemester weitgehend digital statt. So auch an der HfG Offenbach, deren Studierende im Frühjahr ebenfalls in den allgemeinen Lockdown gegangen sind. Doch was hätte an einer Kunsthochschule dann näher gelegen, als sich künstlerisch mit diesem Jahr und diesem plötzlichen Auf-sich-Selbst-gestellt-Dasein auseinanderzusetzen? Zumal bei jungen Menschen, für die dieses Auf-sich-Selbst bisher kaum zum allgemeinen Lebensgefühl gehörte. Fotografie-Studierende der HfG haben sich fotografisch mit der Zeit, mit ihrer Umwelt und mit sich selbst beschäftigt. Fotografisch hieß in diesem Falle: mit ihrem Smartphone. Mindestens 60 Fotos sind jeweils entstanden: Fotos, die Leben, Gefühle, Gedanken, Momente festhalten – eine Mischung sozusagen aus Lebenslagen und Lebensgefühlen, teils dokumentarisch, teils künstlerisch, teils beides, zuweilen allerdings auch abseits davon einfach die Fortsetzung künstlerischen Tuns mit anderen Mitteln. Entstanden sind gut zwei Dutzend Foto-Bücher, die als große Collage bildlich zeigen, wie es Studierenden in und mit diesem Corona-Jahr so ging.  Urban shorts zeigt eine kleine Auswahl dieses etwas anderen HfG-Sommersemesters 2020 … (red.).

Moritz Bernoully©
Die Naxoshalle - immer wieder ein Ort für die Zukunft
Quelle: Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©

Krise (in den Griff) kriegen [10]

Freie. Bühnen. Fördern.

Gast-Kommentar von Jan Philipp Stange

Krise kriegen und in den Griff kriegen – Auf Urban shorts haben dieses Jahr viele Kulturschaffende über ihr Jahr mit Corona geschrieben. Oft waren es Texte aus dem Moment heraus. Zum Abschluss der Reihe für dieses Jahr schreibt mit Jan Philipp Stange ein junger Theatermacher über ein Projekt, das für die freie Theater- und Performance-Szene weit über den Tag hinaus greift, dessen Notwendigkeit sich aber gerade in diesem Jahr besonders gezeigt hat: ein gemeinsames Haus als feste Bühne und als Fürsprecher – mitten in Frankfurt in der alten Naxoshalle. 

Zugegeben: Ich hatte noch Glück in diesem Jahr. Viele Premieren und Aufführungen ließen sich in den Spätsommer und Herbst verlegen, als Theater eine kurze Zeit geöffnet waren. Das hat mir geholfen, Ausfälle und Absagen zu verschmerzen, auch wenn viele Gastspiele erstmal auf unbestimmte Zeit auf Eis liegen – in der ganzen Republik stauen sich ja gegenwärtig Produktionen zu einem riesigen Berg ungesehener Stücke. Doch vielen Kolleg*innen ist es weniger gut ergangen. Das Jahr hat die »freie Szene« hart getroffen, trotz einiger Lichtblicke und kurzfristiger Hilfsgelder. Viele Theatermacher*innen sind verunsichert, auch hinsichtlich dessen, was noch an Kürzungen im Kulturbereich kommen mag. 2020 hat uns schmerzhaft gezeigt, wie vulnerabel die freien Theatermacher*innen sind, wie ungeschützt und wie prekär die Strukturen, in denen wir arbeiten.

Deswegen haben wir rund um Naxos die Pandemie-Pause genutzt, darüber nachzudenken, wie man freie Theater auf neue, sicherere Füße stellen kann. Ausgehend von jener Naxoshalle, die schon immer eine Avantgarde für freie Szene war. Unsere Antwort: Frankfurt braucht ein oder mehrere starke Zentren für die freie Szene. Und wir haben der Stadt und ihren Menschen eine Idee vorgelegt, wie man rund um das Theater Willy Praml und studioNaxos für jährlich ca. 500.000 Euro eine neue Struktur, eine gemeinsame Bühne und einen starken Fürsprecher bauen kann. Denn was uns wirklich hilft, sind vor allem langfristige Investitionen. Das sieht man schon an Naxos selbst. Während die Anforderungen mit den Jahren stiegen, sind Förderstrukturen nicht mitgewachsen. Unsere Aufgaben überfordern jetzt bereits die Infrastruktur. Für 180 Veranstaltungen im Jahr haben wir nur anderthalb Techniker*innen-Stellen. Vieles wird ehrenamtlich gestemmt. Das kann man ein paar Jahre machen, aber irgendwann braucht es Investitionen, um den Betrieb zu professionalisieren und langfristig abzusichern.

Und das ist überall so. Deshalb geht unser Ansatz auch über ein, über unser Haus hinaus. Meine Kolleg*innen und mich hat die Frage beschäftigt, wie man freies Theater und das Modell Naxos krisenfest weiterentwickeln kann. Die Frage nach Ressourcen und Spielorten ist eine dringliche, gerade in Frankfurt, wo ein großer Druck auf innerstädtischen Immobilien und auf der freien Kunst- und Kulturszene liegt. Dazu kommt, dass in prekarisierten Strukturen die Verteilungskämpfe steigen. Dabei steht jedoch gerade das freie Theater für Emanzipation, Kritik und zuversichtliche Visionen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man Räume abseits von Effizienz und Verwertung behaupten kann, wenn man gleichzeitig gezwungen ist, nach neoliberalen Kalkülen zu agieren. Oder anders: Wie kann man Strukturen schaffen, die Konkurrenz nicht auflösen, aber soweit abschwächen, dass den gesellschaftskritischen Impulsen der Szene ein selbstbewusster, aber vor allem solidarischer öffentlicher Raum gegeben wird? Und dies nicht auf der Vorder-, sondern auch auf der Hinterbühne. Denn wenn wir eines für die nächsten Jahre brauchen, dann einen belastbaren Begriff von gesellschaftlicher Solidarität – und zwar nicht nur für die Szene.

Deshalb müssen für diese Szene Kräfte auch gebündelt werden. Wenn ich an das Theater der Zukunft denke, denke ich gerne an die Idee der Kooperative. Produktionsstrukturen sind für mich »Commons«, also Ressourcen, die allen gehören und im Interesse der Allgemeinheit verwendet werden. Es gibt etwa in der Schweiz Lebensmittelkooperativen, in denen – verkürzt gesagt – den Bäuer*innen der Laden gehört, in dem sie ihre Lebensmittel verkaufen. So stelle ich mir das Theater der Zukunft vor. Deshalb sprechen wir von gemeinsamen Bühnen. Und die Idee von Naxos ist noch mehr: es will zugleich Theater und Produktionsverbund sein. So wollen wir erreichen, dass in unserem freien Theaterhaus der Zugriff auf Ressourcen solidarisch organisiert wird und viele Stimmen zu Wort kommen. Das freie Theater der Zukunft gehört für mich einerseits den Künstler*innen, die darin selbstbestimmt arbeiten und sich demokratische​ Entscheidungsstrukturen geben, sowie andererseits der Stadtgesellschaft, die darin ihr Forum findet. Seit einigen Jahren arbeiten wir bereits mit mehreren freien Gruppen und Künstler*innen an diesem Modell eines freien Theaterhauses für die Stadt. Wir haben dafür »auf Naxos« ein Produktionshaus geschaffen, das zeitgenössischer Theaterproduktion gerecht wird: nämlich partikularisierende Ästhetiken, Arbeitsweisen und Zuschauer*innen unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommt: Freies Theater hat sich zu lange im Zwist mit Stadttheatern heroisiert und mitunter eigene zweifelhafte Strukturen hervorgebracht. Dabei verlaufen die Trennlinien heute anders; Fragen von Teilhabe, Mitbestimmung, Offenheit und Leitungskultur sind einer neuen Generation von Theaterschaffenden wichtiger als Kämpfe gegen Institutionen. Davon ausgehend lassen sich aus einer starken Szene heraus starke Bündnisse  schaffen. In Frankfurt etwa entstehen dafür gerade Ansätze, sichtbar in zwei großen Festivals der nächsten Jahre, in denen Städtische Bühnen, Künstlerhäuser und die Szene zusammenarbeiten. Auch dafür braucht aber diese Szene ihre starken Fundamente und Fürsprecher.