Rund um die Ukraine

Ein gutes Dutzend Bücher

Ausgewählt von Litprom - Weltempfänger

Der Frankfurter Verein Litprom versteht viel von guten Büchern. Vor allem von solchen aus dem »Globalen Süden«, die hierzulande bekanntzumachen er sich auf die Fahnen geschrieben hat. Davon zeugt vier Mal im Jahr die Bestenliste »Weltempfänger« mit ausgewählten Übersetzungen aus (fast) aller Welt. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sich die kundigen Juror*innen, selbst ausgewählte Literat*innen und sonstige Büchermenschen, auch der Ukraine und dem russischen Angriffskrieg lesend nähern. Resultat dessen ist eine Sonderausgabe des »Weltempfängers« mit ausgewählten Büchern rund um die Ukraine. Urban Shorts – Das Metropole Magazin präsentiert die belletristischen Fundstücke aus dieser Liste zum Durchklicken. Ein im wahrsten Wortsinn gutes Dutzend guter Bücher. Genau genommen: 13 Bücher von zwölf Autor*innen; ein Autor schaffte gleich doppelt die Aufnahme in diese erlesene Liste … (red.).

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Vier Mal starke politische Kultur: GoEast, Walid Raad, Ferhat Bouda, UND Offenbach
Quelle: GoEast, Walid Raad, Ferhat Bouda, UND©

GESELLSCHAFT BRAUCHT KULTUR

Rückgrat einer Demokratie

KULTUR BRAUCHT GESELLSCHAFT

Kulturschaffende und Künstler*innen mischen sich mittlerweile immer mehr politisch ein. Sie nutzen ihre Häuser, Bühnen und Stimmen oder gehen raus in die Stadt und auf die Straße(n). Mit Festivals und Ausstellungen, Demonstrationen, Aufrufen und Kunstaktionen. Kaum eine Institution, kaum eine Künstler*innengruppe ist noch unpolitisch. In diesen Tagen zeigt sich einmal mehr, wie wichtig eine starke Kultur für eine freie Gesellschaft ist. Als Bühne des Diskurses, als Stimme der Freiheit und der Nachdenklichkeit. Dies dokumentieren ganz besonders die vielen politischen Festivals und Ausstellungen dieser Tage (mehr dazu auf den AGENDA-Seiten). Doch nicht nur eine starke Gesellschaft braucht eine virulente Kulturszene und sich einmischende Kulturschaffende. Auch eine starke Kultur braucht Gesellschaft – als Publikum, aber auch als Backbone, um ihre Aufgaben wahrnehmen zu können. Gesellschaft kann sich aus sich selbst heraus organisieren: zum Beispiel in soziokulturellen Zentren, von denen Urban shorts – Das Metropole Magazin in dieser Ausgabe einige solcher Zentren und ihre Arbeiten vorstellt (s. Seite URBAN). Die Gesellschaft kann und muss aber auch Kulturschaffende und Künstler*innen selbst unterstützen. Ihnen Räume – reale und ideelle – und Mittel geben. Der Applaus gilt zwar gerne als Brot der Kulturschaffenden. Doch nur vom Applaus können sie nicht leben, nicht ihre Mieten, nicht ihre Materialien, nicht ihre Lebensmittel bezahlen. Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt deshalb nicht nur Orte für Kultur und Menschen vor, sondern startet auch die Seite »FOR ARTISTS« mit der Reihe »Starke stille Partner«, die Kulturschaffenden ihr Wirken erleichtern und vielfach sogar erst ermöglichen sollen … (red.).

GoEast, Walid Raad, Ferhat Bouda, UND©
Gefördert: Tanzfestival, Museen, Ausstellungen, Filmfestivals
Quelle: Emanuel Gat / Tanzfestival RheinMain, Anja Jahn / Museum Angewandte Kunst, Hans-Jürgen Herrmann, Go East©

SERIE • STARKE PARTNER

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder vor einigen Jahren die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt auf dieser Seite solche starken und meist stillen Partner in der Region vor. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Gerade in (Post-) Corona- und Krisen-Zeiten sind und werden diese Institutionen wichtiger denn je für das Leben und Überleben der Kulturschaffenden in FrankfurtRheinMain. In den einzelnen Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen (Ansprech-) Partner zu finden. Die einzelnen Folgen erscheinen etwa in monatlichem Abstand. Auf der Seite FOR.ARTISTS finden sich zudem ergänzend zu dieser Reihe weitere Beiträge von, für und über Kulturschaffende(n), über ihr Leben, ihr Arbeiten und über ihre Möglichkeiten zur Förderung  (red.).


Im Spielkartenformat: Was die Leerstandsagentur im Augenblick so auf dem Radar hat
Quelle: Radar / Aoki Matsumoto / Profi Aesthetics / us©

Serie • Starke Partner

Kreativ(en) Räume schaffen

Radar - Kreativräume für Frankfurt

Bei Kultur und Frankfurt ist normalerweise gerne von »Leuchttürmen« die Rede. Von »Leuchttürmen der Kultur« wie das MMK, das Städel oder die Oper, wahlweise Alte oder neue. Irgendwo dazwischen leuchten allerdings noch unzählige Teelichter, welche in der Summe diese Stadt durchaus erhellen können – und ohne die besagte Leuchttürme oft ziemlich im Dunkeln stehen würden. Da sind zum Beispiel die West Ateliers, zehn Künstler*innenbleiben in alten Ladenlokalen im Ernst-May-Ambiente im tiefsten Gallus. Anders als die Leuchttürme konnte man sie sogar in dunkelsten Corona-Stunden besuchen – und durch die großen Ladenfenster Kunst buchstäblich schauen. Da ist das Orbit 24, draußen in Fechenheim, oben auf der obersten achten Etage eines alten Industriegebäudes: mit weit über 100 Quadratmetern und Terrasse für zwei Künstler*innen – und immer wieder viele Gäste, die sie sich salonartig dorthin einladen. Da ist die Halle 406, gar nicht so weit davon entfernt in der Gwinnerstraße in Seckbach. Der Ort: eine alte umgebaute Fabrik- und Lagerhalle, in der auch wahrhaft Großes entstehen kann, zum Beispiel die raumhohen Skulpturen einer weiteren Frankfurter Künstlers. Und da ist ein rund 15, vielleicht 20 Quadratmeter kleines Zimmerchen im örtlichen Atelierhaus Basis. Alter Holzschreibtisch, zwei Stühle, ein wenig Grün, im Idealfall zwei Menschen, Felix Hevelke und Paola Wechs. Und ein Etat von rund einer halben Million Euro pro Jahr, inklusive ihrer beiden halben Stellen …

Was das Ganze miteinander zu tun hat? Nun, die drei erstgenannten und rund 200 andere kreative Teelichter in der Kultur-Stadt Frankfurt gäbe es nicht ohne diesen kleinen Raum im zweiten Stock der Basis im Bahnhofsviertel. Oder zumindest nicht in ihrer heutigen Form. Und nicht ohne ein paar kreative Köpfe rund um Basis-Mitgründer Jakob Sturm, der vor rund zehn Jahren die Leerstandsagentur »Radar – Kreativräume für Frankfurt« auf den Weg gebracht hatte. Und wie bei vielen guten Ideen, die Kreative in der Stadt so entwickelt haben, hat die Stadt mittlerweile sogar erkannt, dass auch ihr dieses Projekt gut zu Gesichte stehen würde. Von ihr kommt jedes Jahr die halbe Million. Und aus dieser organisieren und finanzieren meist zwei Leute (auf eben zwei halben Stellen) den Umbau von Räumen für Kreative und Künstler*innen, vermitteln freie oder freigewordene Atelier-, Büro- oder Ausstellungsräume, entwickeln zuweilen auch selbst Projekte wie etwa den Höchster Designparcour mit. Die Bilanz aus zehn Jahren: rund vier Millionen Euro Fördermittel in 216 Räume mit insgesamt 24.000 Quadratmetern gesteckt, um 319 Kreativen und Künstler*innen kreativ ebenso kreativen Freiraum zu ermöglichen. Die beiden Orbit-Künstlerinnen Dede Handon und Eva Weingärtner erhielten etwa 22.000 Euro für ihr neues Dachstudio zugeschossen. »Zuschuss« ist in diesem Falle schon das richtige Wort. Denn vor Ort sieht man schnell, dass da deutlich mehr drin steckt – zumindest unzählige monatelange Arbeitsstunden der beiden Künstlerinnen und kreativer Freunde. Nicht anders bei der »Halle 406«. In einer Radar-Publikation zum Zehnjährigen kann man an deren Beispiel etwa nachlesen, wofür eine solche Förderung so alles gut ist: Trennwände, Türen, Elektro- und Wasserleitungen, Installation von Toiletten und Heizung. Meist täuscht der Name »Leerstandsagentur« etwas über das Tun der meist zwei Leute aus dem zweiten Stock (vor Hevelke und Wechs saßen schon ein paar andere an diesem Schreibtisch). Zwar vermitteln sie in der Tat von der Kreativetage bis zum Souterrain-Atelier alles, was ihnen von Atelierhäusern und freien Vermieter*innen mitgeteilt wird und haben dafür auch bereits ein ziemlich kreatives Spielkarten-Tool entwickeln lassen. Doch ihr Hauptjob, der das meiste Geld kostet, ist der Anschub für den Umbau und die Instandsetzung von Räumen. Dabei ist es egal, ob sie selbst die Räume entdecken oder ob sich Vermieter*innen und/oder Künstler*innen an sie gewandt haben. Jede/r Kreative, auch wer schon einen Raum besitzt, kann anfragen, wenn teure Umbauten anstehen oder aus einem feuchten Lagerraum erstmal überhaupt ein Atelier entstehen soll. Allerdings – das lässt ein grober Überschlag über die oben genannten Zahlen erahnen – sind die Finanzierungszuschüsse halbwegs gedeckelt: rund 20.000 Euro pro Objekt sind das Maximum. Wiewohl sich in Einzelfällen auch durchaus »kreative Lösungen« finden lassen, wie man von ehemaligen Radar-Leuten hört. Hinzu kommt: der Raum muss für mindestens fünf Jahre zur Miete für Kreative zur Verfügung stehen; beispielsweise über einen Mietvertrag. Beratung und Formularvorlagen gibt es außerdem für die Interessierten. Bleibt eine Frage: Könnte Frankfurt mit etwas mehr Geld für das Personal noch mehr Kreativen und Künstler*innen in der Stadt neue Freiräume geben? Oder ist der Zwei-Personen-Etat deshalb so sparsam, weil mehr Personal angesichts der raren Leerstände und der immer weiter anziehenden Mietpreise in dieser Stadt eh nicht mehr Arbeit hätte … (vss.)?

Radar / Aoki Matsumoto / Profi Aesthetics / us©
Kultur in der Region FrankfurtRheinMain
Quelle: Barbara Walzer / RAY / Blickachsen / Nippon C. / Kulturfonds / Mousonturm / us©

Serie • Starke Partner

Aus der Tiefe der Region

Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain

»Im Mousonturm müssen wir Projekte, Produktionen und Programme immer aus verschiedenen Quellen finanzieren. Nicht selten gibt es da freundliche Absagen, wird man von einer Stiftung zur anderen, von einem Geldgeber zum nächsten verwiesen. Die öffentliche Hand, die eigentlich langfristig Mittel für Kultureinrichtungen zur Verfügung stellen müsste, hofft oft, dass Projektförderungen von Stiftungen die Löcher stopfen. Da hat der Kulturfonds stets aktiv Zeichen gesetzt für eine strukturell verantwortliche Kulturförderung. Ohne ihn wären etwa eine Tanzplattform RheinMain und ein jährliches Festival in bis zu vier Städten der Region nicht denkbar. Auch weil der Fonds wie in diesem Fall Dauerhaftes angeschoben, immer wieder selbst andere Partner mit ins Boot geholt und damit Verantwortung übernommen hat«. 

Matthias Pees, noch Intendant des Frankfurter Mousonturm, weiß, warum er den Kulturfonds derart lobt. Die Tanzplattform RheinMain und das jährliche Festival in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Offenbach ist mittlerweile das größte Projekt des Fonds und trägt damit maßgeblich auch zum Bestand des freien Künstlerhauses im doppelten Schatten der Frankfurter Bühnen und der Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden bei. Wie stark sich der Fonds mittlerweile engagiert, sah man 2020/21, als er auch mit finanziellen Hilfen und Flexibilität zahlreiche Umplanungen des Festivals mittrug (Auch wenn eine der beiden Ausgaben trotzdem nach drei Tagen in den Lockdown gehen musste). Zugleich ist es ein Paradebeispiel, wie der Kulturfonds funktioniert und arbeitet. Einst zur Sichtbarmachung der »Leuchttürme« der Region gegründet und lange Zeit vor allem mit Projekten wie Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« identifiziert, wirkt der Fonds mittlerweile breiter und tiefer in der Region und auch in die Region hinein. Die Tanzplattform verbindet nicht nur staatliche und freie Häuser in mehreren Städten (neben Mousonturm noch das Staatsballett an den beiden Staatstheatern). Sie schickt sich auch an, Rhein-Main in der ersten Reihe der Tanzregionen in Deutschland zu platzieren – und zwar mit Ressourcen, die in der Region selbst zu Hause sind, in Verbindung mit internationalen Akteuren. Hinzu kommt eine Tiefenwirkung mit einem Ensemble Mobile in die Region hinein sowie mit Ankern weit in die freie Szene und in den populären Tanz. Somit profitieren auch viele freie Gruppen und Akteure in der Region.

Zumindest ist dies so, wenn es keine »Corona-Jahre« sind. Doch gerade 2020/21 hat auch aufgezeigt, dass der Fonds selbst mittlerweile einer der wichtigsten Kulturakteure und einer der größten »Geldtöpfe« für Kulturförderung in der Region ist. Neben den traditionellen Leuchttürmen wie Städel, Mathildenhöhe, Museum Wiesbaden & Co. entstehen durch den Fonds immer mehr neue Leuchtturmprojekte. Neben der Tanzplattform etwa die neue »dreifache Fototriennale«, die im Wechsel dreier etablierter Festivals in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt stattfindet. Überhaupt ist dies auch ein Schlüssel zu Fördermitteln des Fonds. Chancen hat, wer regionale Partner zusammenbringt oder seine Idee in die Region erweitert. Exemplarisch das »Meidner-Projekt«, das an drei Orten dem »regionalen« Künstler Ludwig Meidner gewidmet war, die »Shorts of Moonlight«, die neben Höchst auch eine Dependance im Rheingau entwickelt haben, sowie die Ausstellungsreihe »Arten-Vielfalt«, die neben dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden und dem Ledermuseum Offenbach mit der Idee einer Ausstellung entlang der S-Bahnlinie S8 auch noch die Opelvillen in Rüsselsheim einband. Womit die Region zugleich sichtbar und vernetzt wird, und Projekte möglich werden, die kleinere Kommunen nicht stemmen könn(t)en. Durch die Tiefe in Projekten und in die Region hinein kommt ein Teil der jährlich rund acht Millionen Euro Fördergelder (je zur Hälfte aus Kommunen und vom Land Hessen) auch vielen Künstler*innen und Kreativen direkt zu Gute. Zwar fördert der Fonds weder Institutionen dauerhaft noch Künstler*innen einzeln, wohl aber viele Festivals, die ihrerseits oftmals mit regionalen Akteur*innen arbeiten. Dazu gehören etwa Implantieren (Frankfurt und Offenbach), Poesie im Park (Wiesbaden) oder das Sprungturm-Festival (Darmstadt). Auch viele regionale Filmfestivals erhalten Geld. Und in den heiklen Corona-Jahren nicht selten noch zusätzliches Geld für Online-Festivals on demand. Wichtige Kriterien sind allerdings öffentliche oder gemeinnützige Partner und im besten Falle weitere Förderer, da der Fonds selten als alleinige Geldgeber auftritt. In der Regel übernimmt er etwa ein Drittel der Budgets. Etwas im Argen liegt vielleicht im Moment am ehesten die Förderung kleinerer (Einzel-) Ausstellungen, da sie oft schwer ins Raster des Fonds passen; manchmal sogar schlicht »zu klein« sind für einen Antrag. Allerdings profitieren auch diese von Projektgeldern, wie sie etwa der Kunstraum Eulengasse für ein Austauschprogramm mit einem Kunstverein in Münster-Altheim erhielt. Einzig die (noch) nicht flächendeckende Ausbreitung des Fonds setzt hier oft Grenzen. So fehlen etwa Mainz oder Rüsselsheim auf der Kulturfonds-Landkarte und kommen bestenfalls über Partner mit ins Boot. Daneben unterstützt der Fonds selbst Initiativen wie die Crowdfunding-Plattform »Kulturmut« oder die Aktion »Kunstvoll« gemeinsam mit Schulen, von denen auch wiederum Künstler*innen profitieren (können). Und auch auf ungewohntes Terrain wagt sich der Fonds zuweilen vor. Im Jahr 2019 förderte er erstmals mit einer fünfstelligen Summe ein Theaterzelt auf der Sommerwerft, dem beliebten alternativen Frankfurter Straßentheaterfestival am Main. In den Corona-Jahren folgte weiteres Geld für ein mobiles Straßentheater für die Region. Das allerdings war wohl bisher auch der größtmögliche Kontrast zu den einstigen Leuchttürmen Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« … (vss.).


Die Brotfabrik - dem Verwertungsdruck vorerst entzogen
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©

Impulse | Industriebauten

Kultur und Kulturerbe bewahren

Gastbeitrag von Sabine von Bebenburg

Alte Industriebauten sind oft ideale Biotope für Kultur und Kulturschaffende. Aber leider sind deren Areale auch beliebt bei Projekt- und Immobilienentwicklern. Sabine von Bebenburg, Geschäftsführerin der KulturRegion, plädiert für einen Erhalt und für ein Bündeln von Kräften – für die Kultur, aber auch für eine lebendige Stadtteilkultur. 

Nur selten sind sie in den Schlagzeilen: Ehemalige Industriebauten und -Ensembles, die nach einem Leerstand zunächst von Pionier*innen – etwa mit Künstler*innenateliers – genutzt wurden. So wie die Brotfabrik in Frankfurt-Hausen mit ihrem Mix aus Kultur, Gastronomie und Praxen. Sie belebt diesen Stadtteil und hat sich über Jahrzehnte als Kulturzentrum mit Tanz-Schwerpunkt für Frankfurt und die Region etabliert. In die Schlagzeilen geriet sie durch Verkaufspläne, die Abriss und Wohnungsneubau nach sich ziehen sollten. In diesem Fall reagierten Stadt und Land schnell und stellten das Ensemble unter Denkmalschutz. Fürs Erste scheint damit auch die Kultur hier gerettet.

Sowohl für eine lebendige Stadt wie für eine lebendige Kulturlandschaft ist es wichtig, Soziotope wie dieses zu schützen. Ist die Lage eines solchen Ensembles nämlich begehrt, wird es im weiteren Verlauf dann gerne von der Kreativwirtschaft, von Fotograf*innen, Design*innen oder Werbeagenturen, nachgefragt – sowie später in der Verwertungskette von etablierten Firmen als Showroom oder als Lofts zum Wohnen für Kosmopolit*innen. »Aufwertung« nennt man das – und es wird dabei Geld zur fachgerechten Erhaltung in die Hand genommen. Beispiele zur »upgrading«-Transformation von qualitativ hochwertigen Ensembles aus der Industriezeit sind etwa in Offenbach die Heyne- und Hassia-Fabrik, in Frankfurt die ehemalige Union-Brauerei an der Hanauer Landstraße, die Klassikstadt in Fechenheim oder das Druckwasserwerk im Westhafen, heute ein angesagtes Restaurant. Zuweilen werden Industriekultur-Hallen entkernt und erleben ihre Auferstehung als Supermärkte wie etwa die ehemaligen Bornheimer und Sachsenhäuser Straßenbahn-Depots. Auch die ehemaligen Lungenheilstätten in Königstein-Falkenstein (heute ein Kempinski-Hotel mit Wohnen sowie Fitnessstudio) und in Kelkheim-Ruppertshain (heute ein »Zauberberg« mit Wohnungen, Praxen, Ateliers und Gastronomie) haben eine solche Entwicklung durchlaufen, wodurch die aufgewerteten Ensembles dauerhaft erhalten werden können.

Die Schönheit und Potenziale solcher industriekultureller Ensembles zu erkennen, ist allerdings eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: als identitätsstiftende Orte – neben ihrer soziokulturellen Rolle auch durch ihre typischen Landmarken wie die alten Schornsteine – und in ihrer gestalterischen Offenheit als ideale Orte der künstlerischen und kreativen Begegnung. Nur selten können solche Orte dauerhaft für eine rein kulturelle Nutzung erhalten werden, so in Frankfurt ein weiteres ehemaliges Straßenbahn-Depot, das als »Bockenheimer Depot« Spielstätte städtischer Bühnen und des Balletts wurde. In nachgefragten Lagen kann die Kultur meist nur so lange bleiben, wie es (noch) bröckelt. An anderen brachgefallenen Orten etwa, wo der Verwertungsdruck nicht so groß ist, werkeln häufig eher betagte Vereinsmitglieder mit viel Leidenschaft und Kompetenz, um »ihre« Orte zu nutzen und zu erhalten: So gibt es etwa engagierte Eisenbahnvereine in Frankfurt, Darmstadt oder Hanau, die über historische Rundlokschuppen samt Schienenfahrzeugen verfügen. Doch hier fehlt es oft an Geld für notwendige Reparaturen zur Instandhaltung der Gebäude, und die Kosten notwendiger TÜV-Abnahmen von Dampfmaschinen oder Loks können einen Verein in den Ruin stürzen. An anderer Stelle braucht es Ressourcen, um ein Management so weit zu professionalisieren, dass ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept möglich wird für die Betreiber. Aktuelles Beispiel: die Transformation der Seilerbahn, der ehemaligen Seilerei Reutlinger, in Frankfurt-Sachsenhausen. Dass städtische oder staatliche Unterstützung seitens der Kreativwirtschaft im Schulterschluss mit Kultur- und Planungsdezernaten Gutes bewirken können, zeigen Beispiele wie das Produktions- und Ausstellungshaus Basis im Frankfurter Bahnhofsviertel oder die ebenfalls dort angesiedelte Leerstandagentur Radar, die im Bestand Räume für Kulturschaffende vermittelt und unterstützt. Wo findige und kundige Pioniere wie etwa der Gastronom Simon Horn und Projektentwickler Sven Seipp unterwegs sind, kann es auch aus eigener Kraft gelingen, inspirierende Orte für Kreative in Industriekultur zu schaffen, zumindest temporär. Das zeigen aktuell etwa das »Danzig am Platz« (am Frankfurter Ostbahnhof) und das »Massif Central« in einer ehemaligen Druckerei an der Eschersheimer Landstraße. Was es braucht: Kreative Köpfe, eine offene Gesprächskultur, ein konstruktives Miteinander von öffentlichen und privaten Akteur*innen, Ressourcen und finanzielle Unterstützung, Allianzen zwischen engagierten Kulturschaffenden und Bürger*innen. All das hat in Frankfurt, der Stadt der Bürger*innenstiftungen, Tradition …

Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©
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Quelle: Günther Dächert©

Ausstellung / Porträtreihe

Wohnen im / mit / ohne Atelier

Annäherungen an das Leben von Künstler*innen

Wie wohnen, wie arbeiten, wie leben Kulturschaffende heutzutage? Dieser Frage geht eine Porträtreihe in Form von Ausstellungen und Artikelserien über Künstler*innen nach. Die Ausstellung »Lebt und arbeitet in …« und die Reihe »Künstler*innen. Leben. Orte.« sind eine Koproduktion zwischen »Urban shorts – Das Metropole Magazin« und dem Frankfurter »Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt«. Gemeinsam nähern sich die Porträts in Fotos von Günter Dächert (die im Herbst 2021 und im Sommer 2022 im Heussenstamm zu sehen sind) und Texten von Urban shorts-Autor*innen (die nach und nach auf dieser Seite erscheinen) dem Leben, dem Wohnen und dem Arbeiten von vorerst zwei Dutzend Künstler*innen aus der Region an. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Orten. Auf Städten, in denen die Künstler*innen leben. Auf Wohnungen, in denen sie arbeiten. Auf Ateliers, in denen sie wohnen (müssen). Auf temporären Orten, die sie suchen oder die sie bespielen. Es geht in Altbauwohnungen und Hinterhofateliers, in Remisen und Reihenhäuser, in Atelierhäuser oder auch schlicht in die Denkräume in den Köpfen der Künstler*innen. Die ersten zwölf von ihnen kommen aus Frankfurt, aus Offenbach und aus dem Hochtaunuskreis. Aktuell sind alle zwölf Porträts auf den Seiten ART(S) und FOR.ARTISTS zu lesen (red.).