Projekt | Instant Karma

Künstler*innen-Landschaften

Mit Klaus Weddig zu Gast im Atelier Frankfurt

Eigentlich wollte Fotograf Klaus Weddig nur mal ein Viertelstündchen bei dem einen oder der anderen Nachbar*in im Atelier Frankfurt vorbeischauen. In Corona-Tagen, um gerade in diesen Zeiten mit der Kamera mal die Stimmung(en) einzufangen, in denen sich die Kolleg*innen gerade zu befanden. Was sie so machten, wie sie mit diesen Zeiten so umgingen. Doch bald merkte er, dass er mehr aus diesen Besuchen machen sollte. Er wollte die Momente nutzen, in dieser fast still stehenden »Zeit des Dornröschenschlafes« nicht nur Stimmungen, sondern auch das künstlerische Schaffen der Kolleg*innen einzufangen. »Landschaften mit Künstler*innen« nennt er das, was dabei herausgekommen ist. Panoramen des Kreativseins – im Schaffen wie zuweilen auch im Nicht-Schaffen – sind entstanden; zusammengesetzt jeweils aus vier oder fünf Fotos als Panorama-Aufnahmen. »Künstler*innen unter sich« sozusagen. 24 Landschaftspanoramen mit Künstler*innen sind bisher entstanden. 24 Künstler*innenporträts und gleichsam ein kleiner virtueller Gang durch das Atelierhaus. »Instant Karma« ist der Titel einer kleinen Ausstellung, zu der die einzelnen Künstler*innen auch noch kurze Texte beigesteuert haben. Als Ganzes ist sie derzeit auf den Webseiten des Ateliers und des Fotografen zu sehen. Einen Auszug daraus zeigt Urban shorts – Das Metropole Magazin. Weddig wird die Arbeit außerdem fortsetzen. Motive gibt es genug: Im Haus sind immerhin über 200 Künstler*innen zu Hause … (vss.).

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Die Werkstatt für Bildhauer*innen
Quelle: Jan Maruhn • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Blaupause Kultur | Berlin II

Ohne Moos was los machen

Sharing im Kulturwerk des Berliner bbk

Es ist das klassische Problem vieler junger Künstler*innen: Den Abschluss der Kunstakademie in der Tasche, den Kopf voller Pläne und Ideen – aber eben noch kein Geld für Werkzeuge, Maschinen oder gar einen eigenen Raum. Druckgrafiker*innen etwa fehlen die Druckpressen, Bildhauer*innen die Maschinen zur Holz- oder Metallverarbeitung, Keramiker*innen die Brennöfen. Nicht anders bei Medienkünstler*innen. Auch die Spezialsoftware für die Postproduktion von Videos kann ziemlich teuer sein … Doch warum kaufen, wenn man auch teilen kann? Bereits seit Jahrzehnten betreibt das Kulturwerk des bbk berlin sein Modell der Shared Resources. Der bbk, der Berufsverband Bildender Künstler*innen, ist in erster Linie eine der prominentesten politischen Interessenvertretungen für Bildende Künstler*innen in Deutschland. Doch nicht nur auf dem politischen Parkett beweist der Verband Geschick, sondern in Berlin auch in der direkten Schaffung von Arbeitsbedingungen für Künstler*innen. Das Kulturwerk des Berliner bbk umfasst neben Atelierförderung und dem Büro für Kunst im öffentlichen Raum auch eigene öffentlich geförderte Werkstätten.

Die 1975 gegründete Druckwerkstatt liegt am Mariannenplatz in Kreuzberg in unmittelbarer Nachbarschaft zum Künstlerhaus Bethanien, an dem internationale Gastkünstler*innen residieren und regelmäßig neue »Shooting Stars« der Szene ihre Werke zeigen. Die Druckwerkstatt ist für alle Sparten der grafischen Künste ausgestattet: klassische Techniken wie Radierung, Lithografie oder Siebdruck werden erweitert durch den digitalen Offset. Auch Papierschöpfen und Buchbinden sind in der Werkstatt möglich. Die Tagespauschale zur Nutzung der Werkstatt beträgt je nach Technik circa 10 Euro, jeder Druckgang kostet zwischen 30 Cent und einem Euro. Nicht weit entfernt liegt im Bezirk Wedding die Bildhauerwerkstatt mit ihren 3.600 Quadratmetern. Deren Halle hat eine Höhe von 12 Metern und bietet alles, um in Metall, Holz, Stein, Gips, Kunststoff und Keramik zu arbeiten. Auch ein 3D-Laser-Scanner-System existiert. Die Preise zur Nutzung sind ähnlich wie in der Druckwerkstatt. Die Medienwerkstatt schließlich liegt wiederum im Kunstquartier Bethanien und bietet Infrastruktur und Sachkenntnis zur Realisation von Kunstvideos, Medieninstallationen und interaktiver Kunst. Für die Postproduktion stehen verschiedene Rechner und die Software zur Verfügung. Die Werkstatt umfasst auch noch einen 100 Quadratmeter großen Multifunktionsraum für die Realisierung von Medieninstallationen, Performances und apparativen Werken. Die Tagespauschale inklusive Versicherung beträgt hier zwischen 20 und 35 Euro – sogar eine vergünstigte Wochenpauschale wird angeboten.

Die niedrigen Nutzungskosten bieten Raum zur künstlerischen Entwicklung. Doch die Künstler*innen profitieren doppelt, denn niedrige Produktionskosten bedeuten auch, dass die Gewinnmarge, die Künstler*innen beim Verkauf der Werke erzielen, höher ausfällt. Die Werkstätten sind zudem mit künstlerisch qualifiziertem Personal ausgestattet, das den Künstler*innen mit Rat und Tat zur Seite steht. So können Werke von hoher künstlerischer Qualität entstehen. Gearbeitet wird mit dem »First come, first served-Modell«, und dies auch ganz bewusst. Man weigere sich, Nutzer*innen zu »kuratieren« und ihre Projekte nach ​irgendwelchen Qualitätskriterien zu bewerten. Bernhard Kotowski, der das Kulturwerks seit 1999 leitet, weiß, dass es kaum einen Beruf gibt, in dem von Expert*innenjuries und Gremien soviel über den Kopf der Profis hinweg entschieden wird. Auf die Arbeit der Kulturwerkstatt ist er stolz: »Wir versuchen Bedingungen herzustellen, in denen es jeder/m Künstler*in möglich ist, Kunst zu produzieren – auch denen, die eben nicht über besonders viel Geld verfügen«. Und das sind bekanntlich nicht nur die Jüngeren in der Branche … (lkr.).

Jan Maruhn • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
Druck- und Medienwerkstatt des bbk befinden sich im Kunstquartier Bethanien
Quelle: Jörg Zägel • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Blaupause Kultur | Berlin I

Selbst ist die Kultur

Das Kulturwerk des Berliner bbk

Ein Atelierbüro, Ansprechpartner*innen für Kunst im öffentlichen Raum, Werkstätten für Drucker*innen, Bildhauer*innen und Medienschaffende – Im bbk berlin, dem Berufsverband Bildender Künstler*innen der Bundeshauptstadt, haben Künstler*innen die Förderung ihrer Infrastruktur selbst in die Hand genommen. Zumindest zu großen Teilen. Das Herzstück ihres »Kulturwerks« – ein Atelierbüro, das zu sehr günstigen Konditionen Ateliers vermittelt – kennt man auch aus anderen Ländern und Städten. Ungewöhnlich sind allerdings eine Reihe von eigenen Werkstätten sowie ein »Büro für Kunst im öffentlichen Raum«. Die Werkstätten stellen Künstler*innen für wenig Geld teure Maschinen und Hilfsmittel sowie große Werkhallen zur Verfügung (s. eigenen Beitrag). Das »Büro für Kunst im öffentlichen Raum« vermittelt und begleitet Aufträge für Kunst am Bau und in der Öffentlichkeit. Diese gehören zu den wenigen Einkommensmöglichkeiten für Bildende Künstler*innen, die verhältnismäßig lukrativ vergütet werden. Leider jedoch sind in vielen Bundesländern und Kommunen die Vergabeverfahren oft recht intransparent. Das eigene Büro trägt nun dazu bei, dass Ausschreibungen transparenter stattfinden und auch besser bei den Kulturschaffenden ankommen können. Neben der öffentlichen Verwaltung und diversen Bauherr*innen berät das Büro auch Künstler*innen und Architekt*innen bei der Vorbereitung und Durchführung von Kunstwettbewerben.

Diese einzigartige Bündelung von Akquise, Räumen und Arbeitsmitteln macht den bbk und sein Kulturwerk geradezu zu einer Blaupause für Künstler*innen-Förderung in der Bundesrepublik. Sie tragen mit dazu bei, dass Berlin heute als Kunststadt durchaus ein Global Player ist. Allerdings lässt sich Berlin diese indirekte Künstler*innenförderung auch etwas kosten. Das Kulturwerk wird vom Land Berlin mit 2,3 Mio. Euro im Jahr bezuschusst. Die Gesamtkosten des Projektes belaufen sich auf rund 2,6 Mio. Euro. Rund 460.000 Euro erwirtschaften die Werkstätten selbst pro Jahr. Die Zuschüsse durch das Land stellen sicher, dass das Kulturwerk Flächen, technische Einrichtungen und qualifiziertes Personal bereitstellen und dass das Equipment regelmäßig modernisiert werden kann. Aktuell gibt es rund 35 Mitarbeiter*innen. Der größte Teil arbeitet in den Werkstätten. Dort sind sie nicht nur für die Betreuung der Technik zuständig, sondern beraten auch Künstler*innen in der Umsetzung ihrer Ideen. Ein Wermutstropfen: Regelmäßig drängt die Senatsverwaltung, dass das Kulturwerk selbst mehr Geld einspielen solle. Etwa durch mehr Gebühren für die Nutzung der Werkstätten. Das Kulturwerk um Geschäftsführer Bernhard Kotowski aber hält gegen, dass die Einkommenssituation der Künstler*innen sich in den letzten Jahren nicht verbessert hat. Die Werkstätten sollen allerdings allen Künstler*innen offen stehen, nicht nur denen, die es sich leisten könnten. Auch die Atelierförderung könnte aus Sicht der Senatsverwaltung »rentabler« werden. Arbeitsräume stellen aber aus Sicht des Kulturwerks ein wichtiges Element der künstlerischen Produktion dar, um die Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Künstler*innen zu erhöhen. Eine systematische Atelierförderung existiert in Berlin seit 1991 durch die Gründung des Atelierbüros. Das dazugehörige Atelier-Sofort-Programm wird vom Land finanziert und ermöglicht Ateliermieten von derzeit höchstens 4,09 Euro pro Quadratmeter. In einem offenen Bewerbungsverfahren für alle Künstlerinnen und Künstler, die in Berlin leben, werden sie durch einen Beirat vergeben. Die Senatsverwaltung möchte dieses Programm gerne verstaatlichen. Ein großes Risiko aus Sicht des bbk, denn man sieht die Transparenz und klare Wettbewerbsbedingungen bedroht. Außerdem verweist der bbk darauf, dass sein gesamtes Programm gerade in der Summe stark sei und sehr davon profitiere, dass es von Künstler*innen selbst organisiert und verwaltet werde. Das nämlich ist die große Stärke dieses Angebots: Die einzelnen Arbeitsschwerpunkte des Kulturwerks, das in Form einer gemeinnützigen GmbH betrieben wird, wurden kontinuierlich aus den Bedürfnissen künstlerischer Produktion heraus entwickelt und stehen heute allen in Berlin lebenden und arbeitenden Künstler*innen offen … (lkr.).


Raul Gschrey zu Hause im Atelier
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [16]

Raul G. – Stadt-Land-Mensch

Urbane Kunst mit der Inspiration der Suburbs

Wer den Künstler Raul Gschrey besuchen möchte, muss sich schon ein wenig aufmachen und sich Zeit nehmen. Die Reise beginnt mitten in Frankfurt an der Konstablerwache mit der S-Bahn. Schnell geht es raus nach Offenbach – dorthin, wohin es viele Künstler*innen verschlägt, wenn ihnen die Metropole unbezahlbar wird. Doch die Bahn fährt weiter, ins »Hinterland«. Über Obertshausen in den beschaulichen Rodgau. Ein Bahnsteig mitten in Feldern, auf der anderen Seite etwas Vorstadtidylle. Der Künstler wartet mit dem Rad. Weiter geht’s an ein paar alten Villen vorbei, an Einfamilienhäusern, einem Handwerksbetrieb, wieder am Feldrand und am Ortsrand, am nahen Friedhof. Am Wegrand wohl einige Archäolog*innen, die nach weiteren Jahrhunderten Ortsgeschichte graben. An einer neuen Kita, noch eine Straße mit Einfamilienhäusern, die ersten wohl aus den 50ern. Ein solches erwartet uns: Giebeldach, Blumen und Gemüse im Vorgarten, die flache Garage hinter der Einfahrt, ein Stück Garten mit Sonnenliegen, Rutsche, Trampolin, Terrasse … Vorbei an der offenen Küche ins Arbeitszimmer. Fürs kreative Chaos sorgt erstmal das verstreute Spielzeug der Tochter und der Freundinnen, in der Ecke ein Schreibtisch mit Monitor, daneben unübersehbar Kunst: ein pittoreskes Ölgemälde ländlicher Dorfidylle mit kleiner Burg auf einem Hügel …

Wie Eindrücke täuschen. Das Ölgemälde ist ein Erbstück. Verweist auf die Herkunft von der Bergstraße. Eher zufällig dort. Der Monitor, genauer: der Rechner dahinter, und ein kluger Kopf – darin und dahinter verbirgt sich die Kunst, derentwegen wir hier sind. Und der Kontrast könnte kaum größer sein. Videos, Fotos, Performances, Barcamps sind Gschreys Mittel, urbane, politische, soziale Kunst, »cultural studies« (im angelsächsischen Wortsinn) seine Genres. Der Ort ist scheinbar fern von der Kunst, die Gschrey macht oder kuratiert. Und doch nicht, 20 Minuten von der Metropole, mitten im urbanen Rhein-Main. Gschreys Palette ist breit, etwas pädagogisch zuweilen, wie er selbstironisch sagt. Mit Studierenden der »FH« – neudeutsch »University of Applied Sciences« – kuratiert er »Urban Commons«-Barcamps mit Partnerhochschulen von Finnland bis Portugal über alt-neue Dinge wie Allmenden und eine gemeinschaftliche Gesellschaft. Oder »Wasteland«, ein partizipatives Projekt um Ökologie und Miteinander, das Studierende der Architektur und sozialer Arbeiten auf die Beine stellen. Oder er initiiert Performances über Aneignung von Raum, lässt hochoffizielle Fahnenmasten vom Römer ab- und zum Kunstverein Montez ummontieren und staatstragend mit Hymne eine White-Cube-Fahne hissen. Oder er erzählt von der gerade beendeten Dissertation, in welcher es – vereinfacht gesprochen – um Gesichtserkennung geht – neudeutsches »Profiling«, womit man früher glaubte, »Krankheiten« wie Homosexualität erkennen und kategorisieren zu können, oder eben heute Straftäter in Menschenmassen. Bei Gschrey verschwimmen Welten. Urbanes mit Suburbanem, Altes mit Neuem. Welten werden neu gedacht oder definiert. Ein Künstler? Ein Wissenschaftler? Ein Forschender? Ein Hinterfragender? Ein Gestaltender? Nein, Gschrey ist nicht das, was man sich unter dem Bild des Künstlers vorstellt. Nicht nur wegen der Landidylle (das Haus ist ein Erbe seiner Frau). Nicht nur, weil ihm Arbeit und Einkommen an der Hochschule freies Arbeiten an der Gesellschaft und in der Kunst ermöglicht. Im Fokus die Frage »Wie wollen wir leben?« und das Miteinander – als Thema und Mittel. Wer jetzt einen Nerd mit Rollkragenpulli oder einen angehenden Professor mit Anzugsjacke vermutet, ist wieder auf der falschen Fährte. Statt dessen Rastalocken und Wohnmobil. Und die Garage? Lager für allerlei Utensilien wie alte Bildschirme von früheren Arbeiten – und für künftige natürlich auch. Ein Künstlerleben in Freiheit(en) … (vss.).

Günther Dächert©
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Quelle: Günther Dächert©

Künstlerinnen. Leben. Orte. [14]

Maha Z. – Die Wesentliche

Die Kunst, das Wesentliche zu sehen

Was einem in Maha Zarkouts Wohnung zuerst auffällt, sind die Farben. Die Frankfurter Künstlerin lebt im Stadtteil Eschersheim in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, deren Wände in Zitronengelb gestrichen sind. »Ich liebe diese Farbe«, sagt sie. Nur die Küche weicht davon ab, dort hat sie ein Mintgrün ausgesucht, das mit dem Blau der Küchenzeile harmoniert. Das Ambiente lässt die Künstlerin nicht nur vermuten. Einzig ihre eigene Arbeit ist hier nicht zu Hause. Mit einer kleinen Ausnahme. Ein großes Foto ihres Sohnes, wie er in einem Swimmingpool in die Kamera winkt, hängt im Wohnzimmer. Es war in Spanien. Sie machte das Foto mit dem Handy und vergrößerte es später. Gleich daneben die Radierung eines Künstlers, der sich mit Zeit auseinandersetzt. »Ich weiß gar nicht, wie er heißt, weil ich seine Signatur nicht lesen kann. Aber es hat mir einfach gefallen«, sagt Zarkout. »Ich habe mich entschieden«, so Zarkout, »meine Kunst nicht in meiner Wohnung zu zeigen«. Jedes Werk dort habe sie aber trotzdem bewusst ausgewählt, wie die Fotografie eines Schmetterlings auf einer Pflanze. Es stammt aus einer Ausstellung in der evangelischen Kirche in Höchst. Trotz der klaren Formensprache ihrer Einrichtung, sind es gerade Details wie dieses oder die Lampe im Wohnzimmer mit den Perlmuttplättchen, die das Formale unterbrechen und etwas Verspieltes in ihre Wohnräume bringen.

Arbeit ist bei ihr woanders zu sehen. Im Atelier in der ehemaligen Munitionsfabrik Hausen, heute als »Medienfabrik« bekannt. Wegen der Hausnummer nennt sich die dortige Ateliergemeinschaft »Atelier 19«. Neben Zarkout gehören dazu Frank Kambor, Stepha Schede und Eric Mayer. Zu ihnen stößt zuweilen der Fotograf Piotr Banczerowski aus der Nachbarschaft. Zentraler Treffpunkt ist die Küche, in der bei frischem Kaffee über all das gesprochen wird, was Kreative beschäftigt, seit 2020 natürlich vor allem die Corona-Situation. Zarkouts 16-Quadratmeter-Atelier dient manchmal auch als Ausstellungsraum, wenn die Künstler zum Tag der offenen Ateliers laden. Hier entwickelt sie ihre Ideen, spiegelt sich auch jene eine reduzierte Bildsprache, die stilprägend für ihre Werke ist und die man in der Wohnung bereits erahnen konnte. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit dem Zusammenspiel zwischen einer abstrakten, gestisch geprägten Formensprache und einer reduzierten Farbpalette. Gerne arbeitet sie mit den Nicht – Farben Schwarz, Weiß, Grau und setzt hiermit ihre abstrakten Kompositionen um. Auch die Einrichtung im Atelier greift dies auf – auf das Wesentliche reduziert, ist es vor allem ein weißes Ledersofa, das für die wohnliche Atmosphäre sorgt. Seit letztem Jahr gibt es übrigens noch einen Ort für ihre Arbeit: das Eastside im Ostend beim Verein Integrative Drogenhilfe. Dort arbeitet sie künstlerisch mit suchterkrankten Menschen zusammen. Eine Arbeit, die sie beeindrucke und die ihr viel gebe – trotz der menschlichen Schicksale. Ein gutes Beispiel, dass Kreativität nicht einen Ort hat, quasi überall entstehen und sehr unterschiedlich sein kann … (alf.).


Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [15]

Levent K. – Der Raumgreifende

Die Kunst, einen Ort zu verstehen

Levent Kunt sitzt an seinem Laptop im Atelier und arbeitet. Hochkonzentriert sitzt er da an einer Idee für einen Wettbewerb: ein Projekt für Kunst im öffentlichen Raum. Er erarbeitet und erforscht spezifisch für einen ganz konkreten Ort, er recherchiert, entwickelt und verwirft auch wieder. Ein ständiger Prozess, einer, bei dem er beständig sich zwischen Atelier und dem jeweiligen Ort hin und her bewegt – physisch und in Gedanken. Kunst im öffentlichen Raum – das ist es, womit sich Kunt seit vielen Jahren beschäftigt, teils temporär, teils installativ, mal mit Licht, mal im Film oder auch mit Farbe. Ein Beispiel ist »Zyklus«, ein auf vier Jahre angelegtes Projekt, für das Kunt ein Trafohäuschen im Frankfurter Bahnhofsviertel monatlich und immer wieder neu zu den Jahreszeiten in eine andere Farbe taucht und damit die Wahrnehmung auf das Gebäude und seine Umgebung immer wieder verändert. Der Ort – er spielt immer die Hauptrolle. Mit ihm arbeite er. Ihn versuche er zu verstehen, zu ergründen. Daher lege er sich auch nie auf ein Medium fest. »Der Ort entscheidet. Er allein gibt mir vor, wie und womit ich arbeite.«

Verschiedene Farbausdrucke an der Wand im Arbeitsraum dokumentieren die Entwicklung des Ideen- und Rechercheprozesses. Sein Atelier ist seit Ende der 2000er Jahre ein Raum in der zweiten Etage des Künstlerhauses Basis im Frankfurter Bahnhofsviertel. Es ist ruhig an diesem Nachmittag, eine Ruhe, die er in Momenten konzentrierten Arbeitens sehr schätzt. In anderen Zeiten schätze er aber genauso den Austausch mit Künstler*innen. Nach seinem Studium in Wien an der Akademie der Bildenden Künste, sei es genau dieser Gedanke des künstlerischen Austausches gewesen, der ihn in Frankfurt an diesen Ort in die Basis gebracht habe. Wer sein Atelier betritt, spürt sofort, dass dort gearbeitet wird. Neben Spuren des Brainstormings stehen verschiedene Materialien wie Acrylscheiben im Raum oder liegen auf einer Ablagefläche direkt über der Tür. Im Atelier, erzählt er, baue er auch Modelle für seine Projekte. Dazwischen finden sich kleinformatige Bilder auf Papier mit geometrisch abstrakten Darstellungen. Kompositionen, die intuitiv entstünden, die für ihn auch ein Zusammenspiel der Farben, eine Art Farbenlehre, darstellen. »Ich verstehe mich aber nicht als Maler«, sagt er. Fast 40 der kleinen Papierarbeiten hat er an den Wänden befestigt, Assoziationen zu Architektur und Landschaften. Wie bei vielen Künstler*innen verschwimmt auch bei Kunt so manches – trotz der Versuche des Ordnens und der Ordnung. Kunt lebt mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in Sachsenhausen. Eine helle Wohnung. modern eingerichtet, fast minimalistisch. Er und seine Frau mögen Bücher, ordentlich sortiert im großen Regal im Wohnzimmer. Und auch DVDs. Äußerlich trenne er Arbeit und Privates, innerlich sei dies jedoch oft schwierig für Künstler*innen. Wie auch in manchen anderen Berufen, nehme man die Gedanken doch schon mal mit nach Hause. Wohl vor allem dann, wenn man mal wieder ganz in einem Projekt aufgeht. Dann bleibt die Konzentration kaum auf den einen Raum beschränkt … (alf.).

Günther Dächert©
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Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [13]

Samuel B. K. – der Großdenkende

Warum weniger als eine Stadt als Atelier und Lager?

Ein Ein-Zimmer-Appartement mit Dachschräge, zwei Fenstern, Küchenzeile, Bad. Nicht schön, aber zweckmäßig. Der Blick aus dem Fenster: eine geflickte Pflasterstraße, Betonkuben, Industrieschornsteine, Kräne, eine Spielhalle, ein FKK-Club. Keine Cafés, keine Geschäfte. Viel soziales Leben oder gar deutschen Alltag gibt es in der Gegend nicht. Am Abend parken Luxuskarossen mit auswärtigen Nummern vor dem Haus. Tagsüber gehört die Straße den Lastwagen. Letzten Sommer heizte sich das Appartement fast unerträglich auf. Aber wer hätte in Deutschland mit Sommern um 40 Grad gerechnet, als das Haus gebaut wurde. Immerhin gibt es ÖPNV. Und wenn man es großzügig betrachtet, ist die Nebenstraße der Hanauer Landstraße fast noch Innenstadt. Das ist das Deutschland, das sich Samuel Baah Kortey immer wieder auftut, seit er vor einem Jahr aus Ghana als Stipendiat an die Städelschule kam. Dort arbeitet er auch in einem Gemeinschaftsatelier.

Welch’ andere Welt. Zuhause in Kumasi hat er die ganze Stadt als Atelier. Überall Orte und Menschen, die etwas für ihn lagern oder auftreiben. Diese Kontakte und die enge Vernetzung mit seiner Umgebung fehlten ihm in Frankfurt. Nicht nur, weil er nur Englisch spricht. Sein Künstlerdasein sei hier weniger frei, beschränkter. Es war schon ein Lernprozess, in Deutschland anzukommen. Er fühlte sich anfangs wie in einem Buch oder in einem Kinofilm. Deutschland sei da für ihn gewesen wie das Einstimmen in einen Chor. Einen Chor aber, der bereits singt. Zuerst der Papierkram. Nach dem Studium 2017 und mit der Einladung der Städelschule begann sein Kampf ums Visum. Hier angekommen, hieß ihn das Land mit der Steueridentifikationsnummer willkommen, gefolgt vom Schreiben der GEZ. »Germany, Germany«, seufzt er gespielt verzweifelt. Und seine Wohnung sei einfach zu klein. Zu klein zum Leben. Zu klein zum Arbeiten, zum Lagern, zum Archivieren. Denn er sammelt. Alles, Tickets genauso wie reichsdeutsches Inflationsgeld aus den 30er Jahren. Sammeln ist Teil seiner Arbeit. Und er arbeitet eigentlich immer …

Immerhin: Seine Kunst, so Baah Kortey, funktioniere überall. In jeder Kultur, jedem Raum. Denn es gehe immer um dasselbe: um Einflüsse und wie diese Teil des Menschen, des großen Ganzen, dessen Kultur werden. In Ghana sähe er Autos oder kleine Transporter mit deutschen Aufklebern. Die Menschen würden dies unbewusst konsumieren, nicht in Frage stellen. Aber es mache etwas mit ihnen. Wenn er hierzulande durch Tiefgaragen oder Parkhäuser läuft, checkt er Autos auf ihre »Zukunft«, also darauf, wann sie als »neuwertig« in Ghana landen. Sein hiesiger Kunstprofessor hatte in Ghana gar seinen alten Schulbus aus Gymnasialzeiten entdeckt. Für solche Zusammenhänge will Baah Kortey Bewusstsein schaffen. Wie wir die Welt anschauen, wie wir auf uns schauen, aber auch, wie wir die Dinge für alle gangbar machen können. Seit einem Jahr ist er nun hier. Eineinhalb Jahre werden es werden. Dazwischen mal wieder Kumasi. Ein Stipendienleben. In Ghana fühle er sich freier (auch wenn Künstler es nicht einfach hätten). In Deutschland zähle Wettbewerb und der Wettbewerb um Förderung. Er liebe es, zu arbeiten, zu organisieren und auch Nichtkünstler in sein Schaffen zu integrieren. Und er liebe es, mit Originalen zu arbeiten: mit Schlachtbänken oder mit Menschen, die in Schlachthöfen arbeiten. Doch alles benötigt Genehmigungen oder wird reglementiert. Seine Installationen brauchen Raum, den er hier nicht findet. Das führt mittlerweile dazu, dass er in immer kleineren Dimensionen arbeitet. Wenn seine wandgreifende Installation, die Assoziationen an die Beninbronzen im Britischen Museum weckte, auch eine der flächenmäßig größten Werke des Städelrundgangs 2022 war, so war sie doch wesentlich kleiner als das, was er normalerweise zeigt. Beschränkung ist das, was er sich auferlegen muss. Da, wo vielleicht hierzulande mancher meinen würde, dass es doch umgekehrt sein müsste. Egal was er sieht, ständig versucht er, Schichten aufzudecken und Überlagerungen und Zusammenhänge zu schaffen. In Ghana finanziert er sich größtenteils selbst. Nur so sei es ihm möglich, Kontrolle über sein Werk zu behalten. Denn was er ausstellt, werde dort immer kontrovers diskutiert. Kompromisse sind nicht sein Ding. Eher gar nicht als anders, als er es möchte. Einen Kompromiss ist er aber doch eingegangen. Eine Ausstellung nämlich hatte er auch hier in Frankfurt: in der 1822-Galerie – auf rund 40 Quadratmetern. Vielleicht wird Samuel Baah Kortey sich denn auch nicht nur grämen, wenn sein Stipendium vorbei ist – und er zu Hause wieder mehr Platz zum Arbeiten hat … (sfl.).