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Quelle: Günther Dächert©

Ausstellung / Porträtreihe

Wohnen im / mit / ohne Atelier

Annäherungen an das Leben von Künstler*innen

Wie wohnen, wie arbeiten, wie leben Kulturschaffende heutzutage? Dieser Frage geht eine Porträtreihe in Form von Ausstellungen und Artikelserien über Künstler*innen nach. Die Ausstellung »Lebt und arbeitet in …« und die Reihe »Künstler*innen. Leben. Orte.« sind eine Koproduktion zwischen »Urban shorts – Das Metropole Magazin« und dem Frankfurter »Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt«. Gemeinsam nähern sich die Porträts in Fotos von Günter Dächert (die im Herbst 2021 und im Sommer 2022 im Heussenstamm zu sehen waren / sind) und Texten von Urban shorts-Autor*innen (die nach und nach auf dieser Seite erscheinen) dem Leben, dem Wohnen und dem Arbeiten von vorerst zwei Dutzend Künstler*innen aus der Region an. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Orten. Auf Städten, in denen die Künstler*innen leben. Auf Wohnungen, in denen sie arbeiten. Auf Ateliers, in denen sie wohnen (müssen). Auf temporären Orten, die sie suchen oder die sie bespielen. Es geht in Altbauwohnungen und Hinterhofateliers, in Remisen und Reihenhäuser, in Atelierhäuser oder auch schlicht in die Denkräume in den Köpfen der Künstler*innen. Aktuell sind alle erschienenen Porträts auf den Seiten ART(S) und FOR.ARTISTS zu lesen (red.).


Raul Gschrey zu Hause im Atelier
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [16]

Raul G. – Stadt-Land-Mensch

Urbane Kunst mit der Inspiration der Suburbs

Wer den Künstler Raul Gschrey besuchen möchte, muss sich schon ein wenig aufmachen und sich Zeit nehmen. Die Reise beginnt mitten in Frankfurt an der Konstablerwache mit der S-Bahn. Schnell geht es raus nach Offenbach – dorthin, wohin es viele Künstler*innen verschlägt, wenn ihnen die Metropole unbezahlbar wird. Doch die Bahn fährt weiter, ins »Hinterland«. Über Obertshausen in den beschaulichen Rodgau. Ein Bahnsteig mitten in Feldern, auf der anderen Seite etwas Vorstadtidylle. Der Künstler wartet mit dem Rad. Weiter geht’s an ein paar alten Villen vorbei, an Einfamilienhäusern, einem Handwerksbetrieb, wieder am Feldrand und am Ortsrand, am nahen Friedhof. Am Wegrand wohl einige Archäolog*innen, die nach weiteren Jahrhunderten Ortsgeschichte graben. An einer neuen Kita, noch eine Straße mit Einfamilienhäusern, die ersten wohl aus den 50ern. Ein solches erwartet uns: Giebeldach, Blumen und Gemüse im Vorgarten, die flache Garage hinter der Einfahrt, ein Stück Garten mit Sonnenliegen, Rutsche, Trampolin, Terrasse … Vorbei an der offenen Küche ins Arbeitszimmer. Fürs kreative Chaos sorgt erstmal das verstreute Spielzeug der Tochter und der Freundinnen, in der Ecke ein Schreibtisch mit Monitor, daneben unübersehbar Kunst: ein pittoreskes Ölgemälde ländlicher Dorfidylle mit kleiner Burg auf einem Hügel …

Wie Eindrücke täuschen. Das Ölgemälde ist ein Erbstück. Verweist auf die Herkunft von der Bergstraße. Eher zufällig dort. Der Monitor, genauer: der Rechner dahinter, und ein kluger Kopf – darin und dahinter verbirgt sich die Kunst, derentwegen wir hier sind. Und der Kontrast könnte kaum größer sein. Videos, Fotos, Performances, Barcamps sind Gschreys Mittel, urbane, politische, soziale Kunst, »cultural studies« (im angelsächsischen Wortsinn) seine Genres. Der Ort ist scheinbar fern von der Kunst, die Gschrey macht oder kuratiert. Und doch nicht, 20 Minuten von der Metropole, mitten im urbanen Rhein-Main. Gschreys Palette ist breit, etwas pädagogisch zuweilen, wie er selbstironisch sagt. Mit Studierenden der »FH« – neudeutsch »University of Applied Sciences« – kuratiert er »Urban Commons«-Barcamps mit Partnerhochschulen von Finnland bis Portugal über alt-neue Dinge wie Allmenden und eine gemeinschaftliche Gesellschaft. Oder »Wasteland«, ein partizipatives Projekt um Ökologie und Miteinander, das Studierende der Architektur und sozialer Arbeiten auf die Beine stellen. Oder er initiiert Performances über Aneignung von Raum, lässt hochoffizielle Fahnenmasten vom Römer ab- und zum Kunstverein Montez ummontieren und staatstragend mit Hymne eine White-Cube-Fahne hissen. Oder er erzählt von der gerade beendeten Dissertation, in welcher es – vereinfacht gesprochen – um Gesichtserkennung geht – neudeutsches »Profiling«, womit man früher glaubte, »Krankheiten« wie Homosexualität erkennen und kategorisieren zu können, oder eben heute Straftäter in Menschenmassen. Bei Gschrey verschwimmen Welten. Urbanes mit Suburbanem, Altes mit Neuem. Welten werden neu gedacht oder definiert. Ein Künstler? Ein Wissenschaftler? Ein Forschender? Ein Hinterfragender? Ein Gestaltender? Nein, Gschrey ist nicht das, was man sich unter dem Bild des Künstlers vorstellt. Nicht nur wegen der Landidylle (das Haus ist ein Erbe seiner Frau). Nicht nur, weil ihm Arbeit und Einkommen an der Hochschule freies Arbeiten an der Gesellschaft und in der Kunst ermöglicht. Im Fokus die Frage »Wie wollen wir leben?« und das Miteinander – als Thema und Mittel. Wer jetzt einen Nerd mit Rollkragenpulli oder einen angehenden Professor mit Anzugsjacke vermutet, ist wieder auf der falschen Fährte. Statt dessen Rastalocken und Wohnmobil. Und die Garage? Lager für allerlei Utensilien wie alte Bildschirme von früheren Arbeiten – und für künftige natürlich auch. Ein Künstlerleben in Freiheit(en) … (vss.).


Jakob Sturm: Ein Leben für die Stadtkultur
Quelle: Katrin Binner / www.katrinbinner.de©

Serie • Möglich-Macher*innen

Jakob Sturm … denkt Räume

Eine Basis auf dem Radar möglichen Wohnens

Ein Atelierhaus für Künstler*innen, eine Agentur zur Vermittlung von Räumen an Kreative, Bücher über Orte möglichen Wohnens (und Arbeitens), Beratung für Städte und Stadtobere, eigene Aktionen und Ausstellungen – Jakob Sturm denkt und schafft seit vielen Jahren Räume für eine urbane Kultur der Stadt. »Frei-« und »Denkräume« inklusive. Er schafft Möglichkeiten en gros und verändert subtil und weniger subtil … 

»Ich mach’ das, damit etwas passiert«. Der Satz klingt banal. Und doch steckt darin das gesamte Credo Jakob Sturms. »Machen« ist das, was er seit zwei Jahrzehnten in dieser Stadt macht. Oder mit dieser Stadt. Und »Denken« – ebenfalls in, über und sogar mit ebenjener Stadt. Herausgekommen ist bereits vieles: das Atelierhaus Basis mit über 100 Räumen für Künstler*innen und Kreative oder die Leerstandsagentur Radar mit Dutzenden neuen Kreativ-Räumen und Fördergelder für Umbau und Gestaltung obendrein. Doch damit hört er nicht auf zu denken und zu machen. Basis und Radar waren gestern, heute denkt er weiter: über Wohn- und Atelierhäuser – über neue Formen von Wohnen und Leben und Arbeiten eben. Und fast ist auch das wieder gestern, ist doch das erste davon in Praunheim schon entstanden. Und nein, auch das reicht nicht. Er denkt – und macht – auch Stadt anders, mischt vielfach mit, berät und stößt an, mit Ausstellungen, Fotoserien, vor allem aber eigenen Installationen, die selbst oft Räume beschreiben wie andere Jugendherbergen, neue Wohnformen in Büroetagen oder das einst gegründete Kunstbüro, in dem erst recht drinnen steckt, dass Kunst etwas Vermittelndes hat …

Wobei im Wort »vermitteln« auch »die Mitte« steckt. Künstler*innen verortet er mitten im Leben, nicht im Elfenbeinturm, sondern im Bahnhofsviertel der Stadt. Trotzdem – oder gerade deshalb – sieht er Kunst und Künstler*innen auch als Avantgarde, Stadt und Gesellschaft neu und weiter zu denken. Räume zu öffnen für Menschen (die keine Künstler*innen sind), über ihre Stadt und ihre Gesellschaft nachzudenken. Und Stadt und Gesellschaft dabei auch zu verändern – sofort oder schleichend oder stetig. Gleichsam Humus und Avantgarde, mit ihrer eigenen Nähe des Mittendrinseins und der Distanz des Andersseins der Künstler*innen (weswegen er auch dafür kämpft, Künstler*innen Raum in der (Innen-) Stadt zu geben). »Ich möchte, dass ein Raum entsteht, dass etwas geschieht, dass etwas geschehen kann, möglich wird«. So könnte er es über »Making Frankfurt« schreiben, einen seiner jüngsten Mitmachorte. Und so steht es in seinem Buch »Orte möglichen Wohnens«. Klingt intellektuell, ist aber auch wieder ganz banal. Für einen Menschen, der Räume schafft, reale und Denkräume – und reale Räume zum freien Denken. Seit Jahrzehnten und immer fort und immer weiter. Damit ist Sturm zugleich ein Beispiel dafür, einfach zu machen – weil eben sonst nichts passiert. Und so macht er weiter: Stadt und Kunst und Kultur und Denken. Längst nicht mehr nur in Frankfurt. Am einen Tag ist er in Kassel, am anderen in Gießen, dann wieder in Wiesbaden. Für das Land berät er die Städte, Räume für Kreative zu schaffen. Und im Idealfall auch neue Denkräume, um Neues in den Städten zu schaffen. Dazwischen trifft er im eigenen Hause (egal, welches von denen es in dem Moment gerade ist), Kulturförderer von Staat, Stadt oder Stiftungen, um neue Räume in den vorhandenen Räumen zu schaffen, etwa mit neuen Atelierprogrammen aus neuen Fördertöpfen. Ist das alles noch Kunst? Ja, sagt er, denn Kunst ist ja Denken, Machen, Verändern. Gutes zieht Gutes nach sich, sagt ein altes Sprichwort. Bei Sturm scheint Machen Machen nach sich zu ziehen. Oder genauer: Machen scheint Passieren nach sich zu ziehen. Ach ja: Sturm weiß seit vier Jahren, dass er Parkinson hat. Für ihn ein Grund, erst recht weiter zu denken und weiter zu machen … (sfo. / vss.).

Katrin Binner / www.katrinbinner.de©
Felix Große-Lohmann: Kultur-Förderer und Material-Recycler in seinem Ausstellungsraum
Quelle: Alexander Paul Englert©

Serie • Möglich-Macher*innen

Felix Große-Lohmann … lässt kreativ sein

Ein Kulturschaffender, der für andere Materialien sammelt

Künstler*innen brauchen Materialien, mit denen sie arbeiten können. Veranstalter*innen brauchen Bühnen, Podien und anderes. Museen, Unternehmen und andere haben Bühnen oder Materialien, die sie oftmals nicht mehr brauchen. Felix Große-Lohmann sammelt, lagert zwischen, bringt beide und beides zusammen und lässt Kreative und Künstler*innen damit arbeiten. Er hilft Kolleg*innen, der Umwelt, sich selbst und, ach ja, eigentlich auch Institutionen und manchem Unternehmen …

Felix Große-Lohmann hat die Türen zu seinem freien Ausstellungsraum »Husselhof« in einem Hinterhaus an der Koblenzer Straße im Gallus weit geöffnet. Der Blick fällt auf die keramischen Skulpturen der in Frankfurt lebenden Künstlerin Filippa Pettersson, die auf dem Boden installativ angeordnet sind. »Creatures« nennt sie die Objekte, die sie organisch anmutend ausgeformt hat. Den nicht-kommerziellen Ausstellungsraum hat Große-Lohmann 2013 eröffnet, um zeitgenössischen Kunstproduktionen einen Raum zu geben. Den Hintergrund als Ausstellungsmacher – also jemand, der die Sorgen und Nöte des Kunstbetriebes selbst gut kennt – muss man wissen, ist er doch auch der Hintergrund einer weiteren Idee, die Große-Lohmann seit gut drei Jahren verfolgt …

»MFA« heißt das Projekt ganz kurz – und ist längst mehr als ein Projekt. Die Abkürzung steht für »Material für Alle«. Dahinter steht der Gedanke, erst einmal Materialkreisläufe nachhaltig zu gestalten; vor allem mit Fokus auf Kunst und auf Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet. Große-Lohmann sammelt Materialien, die zum Beispiel bereits für Ausstellungen in Museen oder für Veranstaltungen genutzt wurden: MDF-Platten, Teppiche, Sockel oder Rahmen. Und er stellt sie Künstler*innen, Kreativen oder sozialen Projekten kostengünstig zu fairen Preisen wieder zur Verfügung. Zuletzt etwa war er für das Setting des urbanen Festivals Cityvista zuständig, sorgte mit drei portablen Veranden für Sichtbarkeit, Regen- und auch noch Sonnenschutz. »Material für Alle« ist eine Idee, von der nicht nur alle Beteiligten profitieren, sondern die eben auch besonders nachhaltig ist, indem dadurch die Materialien vor der Entsorgung gerettet werden und Müll vermieden wird. Ausstellungshäuser etwa haben meist keine Kapazitäten, um Materialien zu lagern und müssten diese sonst kostenpflichtig entsorgen, erklärt Große-Lohmann.

Kennengelernt habe er die Idee selbst einige Jahre zuvor bei einem Besuch eines befreundeten Künstlers in New York. »Material for the Arts« heißt das städtische Programm, das Ende der 70er Jahre in der US-amerikanischen Metropole ins Leben gerufen wurde. »Ich war begeistert, dass es in New York so ein Angebot gibt, und habe mich auf dem Rückflug gefragt, warum so etwas bisher noch nicht in Frankfurt realisiert wurde«, erzählt er. Ende 2018 sei der Startschuss seines MFA-Projekts gefallen. Um es langfristig auf die Beine zu stellen, habe er von Beginn an den Gedanken verfolgt, es auch wirtschaftlich aufzubauen. Dafür hat er ein rund 90 Quadratmeter großes Lager im Gewerbegebiet von Frankfurt-Seckbach gemietet, das er mit den gesammelten Materialien füllen kann. »Und es funktioniert«, sagt er. Um die Idee zu etablieren und zu verstetigen, sei aber langfristig ein größeres Lager unumgänglich. Doch das müsse eben auch erst einmal finanziert werden. Auch die Möglichkeiten der Digitalisierung möchte er nutzen. Eine MFA-App gibt es bereits, über die im Lager zur Verfügung stehende Materialen abgefragt werden können. Auf seinem Handy zeigt er, wie die App noch eingesetzt werden kann. Zum Beispiel bei einem Holzbalken, den er virtuell in 3D vor seiner Galerie ablegen kann. So könne jeder selbst prüfen, ob das Material für ein geplantes Projekt geeignet sei, ohne selbst vor Ort vorbeischauen zu müssen. »Die Digitalisierung löse viele Probleme des analogen Recyclings«, schaut er auch bereits über den Tellerrand hinaus. Über Schnittstellen zu grafischen Gestaltungsprogrammen etwa möchte er den Künstler*innen künftig die Möglichkeit geben, Modelle direkt mit den ausgewählten Materialien aus dem Lager am PC zu entwickeln. So könne die Liste der für die Umsetzung notwendigen Materialien bereits mitgeplant werden. Außerdem möchte er Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung der Akteure untereinander schaffen. Überhaupt ist Große-Lohmann sehr interessiert an neuen, zukunftsorientierten Konzepten. Er hat an der Frankfurter Goethe-Universität Kunst­päd­ago­gik und Englisch auf Lehr­amt studiert und entwickelte in dieser Zeit eine große Affinität zur Gegenwartskunst, sammelte praktische Erfahrungen im Galeriebetrieb, knüpfte Kontakte zu Künstlern und entschied sich schließlich, trotz der erfolgreich abgeschlossenen beiden Staatsexamina, einen ganz anderen Weg in die Selbständigkeit zu gehen (alf.).

Alexander Paul Englert©
Gefördert: Tanzfestival, Museen, Ausstellungen, Filmfestivals
Quelle: Emanuel Gat / Tanzfestival RheinMain, Anja Jahn / Museum Angewandte Kunst, Hans-Jürgen Herrmann, Go East©

SERIE • STARKE PARTNER

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder vor einigen Jahren die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt auf dieser Seite solche starken und meist stillen Partner in der Region vor. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Gerade in (Post-) Corona- und Krisen-Zeiten sind und werden diese Institutionen wichtiger denn je für das Leben und Überleben der Kulturschaffenden in FrankfurtRheinMain. In den einzelnen Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen (Ansprech-) Partner zu finden. Die einzelnen Folgen erscheinen etwa in monatlichem Abstand. Auf der Seite FOR.ARTISTS finden sich zudem ergänzend zu dieser Reihe weitere Beiträge von, für und über Kulturschaffende(n), über ihr Leben, ihr Arbeiten und über ihre Möglichkeiten zur Förderung  (red.).


Im Spielkartenformat: Was die Leerstandsagentur im Augenblick so auf dem Radar hat
Quelle: Radar / Aoki Matsumoto / Profi Aesthetics / us©

Serie • Starke Partner

Kreativ(en) Räume schaffen

Radar - Kreativräume für Frankfurt

Bei Kultur und Frankfurt ist normalerweise gerne von »Leuchttürmen« die Rede. Von »Leuchttürmen der Kultur« wie das MMK, das Städel oder die Oper, wahlweise Alte oder neue. Irgendwo dazwischen leuchten allerdings noch unzählige Teelichter, welche in der Summe diese Stadt durchaus erhellen können – und ohne die besagte Leuchttürme oft ziemlich im Dunkeln stehen würden. Da sind zum Beispiel die West Ateliers, zehn Künstler*innenbleiben in alten Ladenlokalen im Ernst-May-Ambiente im tiefsten Gallus. Anders als die Leuchttürme konnte man sie sogar in dunkelsten Corona-Stunden besuchen – und durch die großen Ladenfenster Kunst buchstäblich schauen. Da ist das Orbit 24, draußen in Fechenheim, oben auf der obersten achten Etage eines alten Industriegebäudes: mit weit über 100 Quadratmetern und Terrasse für zwei Künstler*innen – und immer wieder viele Gäste, die sie sich salonartig dorthin einladen. Da ist die Halle 406, gar nicht so weit davon entfernt in der Gwinnerstraße in Seckbach. Der Ort: eine alte umgebaute Fabrik- und Lagerhalle, in der auch wahrhaft Großes entstehen kann, zum Beispiel die raumhohen Skulpturen einer weiteren Frankfurter Künstlers. Und da ist ein rund 15, vielleicht 20 Quadratmeter kleines Zimmerchen im örtlichen Atelierhaus Basis. Alter Holzschreibtisch, zwei Stühle, ein wenig Grün, im Idealfall zwei Menschen, Felix Hevelke und Paola Wechs. Und ein Etat von rund einer halben Million Euro pro Jahr, inklusive ihrer beiden halben Stellen …

Was das Ganze miteinander zu tun hat? Nun, die drei erstgenannten und rund 200 andere kreative Teelichter in der Kultur-Stadt Frankfurt gäbe es nicht ohne diesen kleinen Raum im zweiten Stock der Basis im Bahnhofsviertel. Oder zumindest nicht in ihrer heutigen Form. Und nicht ohne ein paar kreative Köpfe rund um Basis-Mitgründer Jakob Sturm, der vor rund zehn Jahren die Leerstandsagentur »Radar – Kreativräume für Frankfurt« auf den Weg gebracht hatte. Und wie bei vielen guten Ideen, die Kreative in der Stadt so entwickelt haben, hat die Stadt mittlerweile sogar erkannt, dass auch ihr dieses Projekt gut zu Gesichte stehen würde. Von ihr kommt jedes Jahr die halbe Million. Und aus dieser organisieren und finanzieren meist zwei Leute (auf eben zwei halben Stellen) den Umbau von Räumen für Kreative und Künstler*innen, vermitteln freie oder freigewordene Atelier-, Büro- oder Ausstellungsräume, entwickeln zuweilen auch selbst Projekte wie etwa den Höchster Designparcour mit. Die Bilanz aus zehn Jahren: rund vier Millionen Euro Fördermittel in 216 Räume mit insgesamt 24.000 Quadratmetern gesteckt, um 319 Kreativen und Künstler*innen kreativ ebenso kreativen Freiraum zu ermöglichen. Die beiden Orbit-Künstlerinnen Dede Handon und Eva Weingärtner erhielten etwa 22.000 Euro für ihr neues Dachstudio zugeschossen. »Zuschuss« ist in diesem Falle schon das richtige Wort. Denn vor Ort sieht man schnell, dass da deutlich mehr drin steckt – zumindest unzählige monatelange Arbeitsstunden der beiden Künstlerinnen und kreativer Freunde. Nicht anders bei der »Halle 406«. In einer Radar-Publikation zum Zehnjährigen kann man an deren Beispiel etwa nachlesen, wofür eine solche Förderung so alles gut ist: Trennwände, Türen, Elektro- und Wasserleitungen, Installation von Toiletten und Heizung. Meist täuscht der Name »Leerstandsagentur« etwas über das Tun der meist zwei Leute aus dem zweiten Stock (vor Hevelke und Wechs saßen schon ein paar andere an diesem Schreibtisch). Zwar vermitteln sie in der Tat von der Kreativetage bis zum Souterrain-Atelier alles, was ihnen von Atelierhäusern und freien Vermieter*innen mitgeteilt wird und haben dafür auch bereits ein ziemlich kreatives Spielkarten-Tool entwickeln lassen. Doch ihr Hauptjob, der das meiste Geld kostet, ist der Anschub für den Umbau und die Instandsetzung von Räumen. Dabei ist es egal, ob sie selbst die Räume entdecken oder ob sich Vermieter*innen und/oder Künstler*innen an sie gewandt haben. Jede/r Kreative, auch wer schon einen Raum besitzt, kann anfragen, wenn teure Umbauten anstehen oder aus einem feuchten Lagerraum erstmal überhaupt ein Atelier entstehen soll. Allerdings – das lässt ein grober Überschlag über die oben genannten Zahlen erahnen – sind die Finanzierungszuschüsse halbwegs gedeckelt: rund 20.000 Euro pro Objekt sind das Maximum. Wiewohl sich in Einzelfällen auch durchaus »kreative Lösungen« finden lassen, wie man von ehemaligen Radar-Leuten hört. Hinzu kommt: der Raum muss für mindestens fünf Jahre zur Miete für Kreative zur Verfügung stehen; beispielsweise über einen Mietvertrag. Beratung und Formularvorlagen gibt es außerdem für die Interessierten. Bleibt eine Frage: Könnte Frankfurt mit etwas mehr Geld für das Personal noch mehr Kreativen und Künstler*innen in der Stadt neue Freiräume geben? Oder ist der Zwei-Personen-Etat deshalb so sparsam, weil mehr Personal angesichts der raren Leerstände und der immer weiter anziehenden Mietpreise in dieser Stadt eh nicht mehr Arbeit hätte … (vss.)?

Radar / Aoki Matsumoto / Profi Aesthetics / us©
Kultur in der Region FrankfurtRheinMain
Quelle: Barbara Walzer / RAY / Blickachsen / Nippon C. / Kulturfonds / Mousonturm / us©

Serie • Starke Partner

Aus der Tiefe der Region

Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain

»Im Mousonturm müssen wir Projekte, Produktionen und Programme immer aus verschiedenen Quellen finanzieren. Nicht selten gibt es da freundliche Absagen, wird man von einer Stiftung zur anderen, von einem Geldgeber zum nächsten verwiesen. Die öffentliche Hand, die eigentlich langfristig Mittel für Kultureinrichtungen zur Verfügung stellen müsste, hofft oft, dass Projektförderungen von Stiftungen die Löcher stopfen. Da hat der Kulturfonds stets aktiv Zeichen gesetzt für eine strukturell verantwortliche Kulturförderung. Ohne ihn wären etwa eine Tanzplattform RheinMain und ein jährliches Festival in bis zu vier Städten der Region nicht denkbar. Auch weil der Fonds wie in diesem Fall Dauerhaftes angeschoben, immer wieder selbst andere Partner mit ins Boot geholt und damit Verantwortung übernommen hat«. 

Matthias Pees, noch Intendant des Frankfurter Mousonturm, weiß, warum er den Kulturfonds derart lobt. Die Tanzplattform RheinMain und das jährliche Festival in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Offenbach ist mittlerweile das größte Projekt des Fonds und trägt damit maßgeblich auch zum Bestand des freien Künstlerhauses im doppelten Schatten der Frankfurter Bühnen und der Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden bei. Wie stark sich der Fonds mittlerweile engagiert, sah man 2020/21, als er auch mit finanziellen Hilfen und Flexibilität zahlreiche Umplanungen des Festivals mittrug (Auch wenn eine der beiden Ausgaben trotzdem nach drei Tagen in den Lockdown gehen musste). Zugleich ist es ein Paradebeispiel, wie der Kulturfonds funktioniert und arbeitet. Einst zur Sichtbarmachung der »Leuchttürme« der Region gegründet und lange Zeit vor allem mit Projekten wie Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« identifiziert, wirkt der Fonds mittlerweile breiter und tiefer in der Region und auch in die Region hinein. Die Tanzplattform verbindet nicht nur staatliche und freie Häuser in mehreren Städten (neben Mousonturm noch das Staatsballett an den beiden Staatstheatern). Sie schickt sich auch an, Rhein-Main in der ersten Reihe der Tanzregionen in Deutschland zu platzieren – und zwar mit Ressourcen, die in der Region selbst zu Hause sind, in Verbindung mit internationalen Akteuren. Hinzu kommt eine Tiefenwirkung mit einem Ensemble Mobile in die Region hinein sowie mit Ankern weit in die freie Szene und in den populären Tanz. Somit profitieren auch viele freie Gruppen und Akteure in der Region.

Zumindest ist dies so, wenn es keine »Corona-Jahre« sind. Doch gerade 2020/21 hat auch aufgezeigt, dass der Fonds selbst mittlerweile einer der wichtigsten Kulturakteure und einer der größten »Geldtöpfe« für Kulturförderung in der Region ist. Neben den traditionellen Leuchttürmen wie Städel, Mathildenhöhe, Museum Wiesbaden & Co. entstehen durch den Fonds immer mehr neue Leuchtturmprojekte. Neben der Tanzplattform etwa die neue »dreifache Fototriennale«, die im Wechsel dreier etablierter Festivals in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt stattfindet. Überhaupt ist dies auch ein Schlüssel zu Fördermitteln des Fonds. Chancen hat, wer regionale Partner zusammenbringt oder seine Idee in die Region erweitert. Exemplarisch das »Meidner-Projekt«, das an drei Orten dem »regionalen« Künstler Ludwig Meidner gewidmet war, die »Shorts of Moonlight«, die neben Höchst auch eine Dependance im Rheingau entwickelt haben, sowie die Ausstellungsreihe »Arten-Vielfalt«, die neben dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden und dem Ledermuseum Offenbach mit der Idee einer Ausstellung entlang der S-Bahnlinie S8 auch noch die Opelvillen in Rüsselsheim einband. Womit die Region zugleich sichtbar und vernetzt wird, und Projekte möglich werden, die kleinere Kommunen nicht stemmen könn(t)en. Durch die Tiefe in Projekten und in die Region hinein kommt ein Teil der jährlich rund acht Millionen Euro Fördergelder (je zur Hälfte aus Kommunen und vom Land Hessen) auch vielen Künstler*innen und Kreativen direkt zu Gute. Zwar fördert der Fonds weder Institutionen dauerhaft noch Künstler*innen einzeln, wohl aber viele Festivals, die ihrerseits oftmals mit regionalen Akteur*innen arbeiten. Dazu gehören etwa Implantieren (Frankfurt und Offenbach), Poesie im Park (Wiesbaden) oder das Sprungturm-Festival (Darmstadt). Auch viele regionale Filmfestivals erhalten Geld. Und in den heiklen Corona-Jahren nicht selten noch zusätzliches Geld für Online-Festivals on demand. Wichtige Kriterien sind allerdings öffentliche oder gemeinnützige Partner und im besten Falle weitere Förderer, da der Fonds selten als alleinige Geldgeber auftritt. In der Regel übernimmt er etwa ein Drittel der Budgets. Etwas im Argen liegt vielleicht im Moment am ehesten die Förderung kleinerer (Einzel-) Ausstellungen, da sie oft schwer ins Raster des Fonds passen; manchmal sogar schlicht »zu klein« sind für einen Antrag. Allerdings profitieren auch diese von Projektgeldern, wie sie etwa der Kunstraum Eulengasse für ein Austauschprogramm mit einem Kunstverein in Münster-Altheim erhielt. Einzig die (noch) nicht flächendeckende Ausbreitung des Fonds setzt hier oft Grenzen. So fehlen etwa Mainz oder Rüsselsheim auf der Kulturfonds-Landkarte und kommen bestenfalls über Partner mit ins Boot. Daneben unterstützt der Fonds selbst Initiativen wie die Crowdfunding-Plattform »Kulturmut« oder die Aktion »Kunstvoll« gemeinsam mit Schulen, von denen auch wiederum Künstler*innen profitieren (können). Und auch auf ungewohntes Terrain wagt sich der Fonds zuweilen vor. Im Jahr 2019 förderte er erstmals mit einer fünfstelligen Summe ein Theaterzelt auf der Sommerwerft, dem beliebten alternativen Frankfurter Straßentheaterfestival am Main. In den Corona-Jahren folgte weiteres Geld für ein mobiles Straßentheater für die Region. Das allerdings war wohl bisher auch der größtmögliche Kontrast zu den einstigen Leuchttürmen Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« … (vss.).