Hoffnung auf den Sommer mit großen und kleinen Bühnen - nicht nur für einen Tag
Quelle: Moritz Bernoully©

IMPULSE FÜR KULTUR [1]

Gemeinsam draußen!

Gastkommentar von Angela Dorn

Wenn es in diesem Jahr einen halbwegs sicheren Ort für Kultur gibt, dann draußen. Das hat auch Hessens Kulturministerin Angela Dorn erkannt – und mit dem Programm »Ins Freie!« zehn Millionen Euro ausgelobt. Der Clou: Extra-Geld gibt es für Macher*innen, die ihre Festival- oder Konzertbühnen auch anderen Kulturschaffenden öffnen. Gelder können bereits jetzt beantragt werden. Mit Dorns Kommentar »Gemeinsam draußen!« startet Urban shorts die Reihe »Impulse für Kultur« über Ideen, Projekte und Konzepte im zweiten Corona-Jahr. 

Auch wenn es noch nicht ganz so aussieht: Es gibt sie, die ersten Lichtblicke in der corona-bedingten Düsternis. Impffortschritte und erste Teststrategien lassen immerhin leise auf einen Sommer hoffen, in dem wir nicht mehr nur vor dem Bildschirm Kunst und Kultur genießen, sondern auch »in echt«. Es wäre so nötig. Aber noch ist die Hoffnung zerbrechlich, denn zugleich bereiten ansteckende Virusvarianten Sorgen. Wir wissen einfach nicht, wie viel Konzert, Tanz und Theater auf den Bühnen, wie viel Kino auf den Leinwänden Hessens im Rahmen eines verantwortlichen Umgangs mit der Pandemie möglich sein werden – so sehr wir alle uns das wünschen, und so sehr gerade die Veranstalterinnen und Veranstalter, die Künstlerinnen und Künstler eine klare Perspektive bräuchten.

Weil es die aber nicht geben kann, setzen wir mehr als je zuvor auf einen Dreiklang. Je nach Lage …  (weiter lesen)


Sommerwerft, Jil Sander, Ausstellungen von und Ateliers für regionale Künstler*innen
Quelle: Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©

Vorschau | Starke Partner [0]

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter hingegen sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon einmal in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder vor einigen Jahren die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts wird künftig auf dieser Seite solche starken und meist stillen Partner in der Region vorstellen. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Gerade in diesen Corona-Zeiten sind und werden diese Institutionen wichtiger denn je für das Leben und Überleben der Kulturschaffenden in FrankfurtRheinMain. Zum Auftakt der Reihe, die auch explizit Förderer von bürgerschaftlichem Engagement einschließen soll, wird es hier in Kürze um den Kulturfonds Frankfurt RheinMain gehen. Der Fonds mit einem Fördervolumen von jährlich über sieben Millionen Euro ist mittlerweile selbst einer der wichtigsten Kulturakteure und auch einer der größten »Geldtöpfe« in der Region. Einst zur Sichtbarmachung von deren »Leuchttürmen« gegründet, hat er in den letzten Jahren immer mehr auch kleinere Projekte gefördert und damit maßgeblich zum Kulturleben der Region beigetragen. In dieser wie in den weiteren Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen (Ansprech-) Partner zu finden. Die einzelnen Folgen werden etwa in monatlichem Abstand erscheinen (red.).

Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©
Die Naxoshalle - immer wieder ein Ort für die Zukunft
Quelle: Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©

Krise (in den Griff) kriegen [10]

Freie. Bühnen. Fördern.

Gast-Kommentar von Jan Philipp Stange

Krise kriegen und in den Griff kriegen – Auf Urban shorts haben dieses Jahr viele Kulturschaffende über ihr Jahr mit Corona geschrieben. Oft waren es Texte aus dem Moment heraus. Zum Abschluss der Reihe für dieses Jahr schreibt mit Jan Philipp Stange ein junger Theatermacher über ein Projekt, das für die freie Theater- und Performance-Szene weit über den Tag hinaus greift, dessen Notwendigkeit sich aber gerade in diesem Jahr besonders gezeigt hat: ein gemeinsames Haus als feste Bühne und als Fürsprecher – mitten in Frankfurt in der alten Naxoshalle. 

Zugegeben: Ich hatte noch Glück in diesem Jahr. Viele Premieren und Aufführungen ließen sich in den Spätsommer und Herbst verlegen, als Theater eine kurze Zeit geöffnet waren. Das hat mir geholfen, Ausfälle und Absagen zu verschmerzen, auch wenn viele Gastspiele erstmal auf unbestimmte Zeit auf Eis liegen – in der ganzen Republik stauen sich ja gegenwärtig Produktionen zu einem riesigen Berg ungesehener Stücke. Doch vielen Kolleg*innen ist es weniger gut ergangen. Das Jahr hat die »freie Szene« hart getroffen, trotz einiger Lichtblicke und kurzfristiger Hilfsgelder. Viele Theatermacher*innen sind verunsichert, auch hinsichtlich dessen, was noch an Kürzungen im Kulturbereich kommen mag. 2020 hat uns schmerzhaft gezeigt, wie vulnerabel die freien Theatermacher*innen sind, wie ungeschützt und wie prekär die Strukturen, in denen wir arbeiten.

Deswegen haben wir rund um Naxos die Pandemie-Pause genutzt, darüber nachzudenken, wie man freie Theater auf neue, sicherere Füße stellen kann. Ausgehend von jener Naxoshalle, die schon immer eine Avantgarde für freie Szene war. Unsere Antwort: Frankfurt braucht ein oder mehrere starke Zentren für die freie Szene. Und wir haben der Stadt und ihren Menschen eine Idee vorgelegt, wie man rund um das Theater Willy Praml und studioNaxos für jährlich ca. 500.000 Euro eine neue Struktur, eine gemeinsame Bühne und einen starken Fürsprecher bauen kann. Denn was uns wirklich hilft, sind vor allem langfristige Investitionen. Das sieht man schon an Naxos selbst. Während die Anforderungen mit den Jahren stiegen, sind Förderstrukturen nicht mitgewachsen. Unsere Aufgaben überfordern jetzt bereits die Infrastruktur. Für 180 Veranstaltungen im Jahr haben wir nur anderthalb Techniker*innen-Stellen. Vieles wird ehrenamtlich gestemmt. Das kann man ein paar Jahre machen, aber irgendwann braucht es Investitionen, um den Betrieb zu professionalisieren und langfristig abzusichern.

Und das ist überall so. Deshalb geht unser Ansatz auch über ein, über unser Haus hinaus. Meine Kolleg*innen und mich hat die Frage beschäftigt, wie man freies Theater und das Modell Naxos krisenfest weiterentwickeln kann. Die Frage nach Ressourcen und Spielorten ist eine dringliche, gerade in Frankfurt, wo ein großer Druck auf innerstädtischen Immobilien und auf der freien Kunst- und Kulturszene liegt. Dazu kommt, dass in prekarisierten Strukturen die Verteilungskämpfe steigen. Dabei steht jedoch gerade das freie Theater für Emanzipation, Kritik und zuversichtliche Visionen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man Räume abseits von Effizienz und Verwertung behaupten kann, wenn man gleichzeitig gezwungen ist, nach neoliberalen Kalkülen zu agieren. Oder anders: Wie kann man Strukturen schaffen, die Konkurrenz nicht auflösen, aber soweit abschwächen, dass den gesellschaftskritischen Impulsen der Szene ein selbstbewusster, aber vor allem solidarischer öffentlicher Raum gegeben wird? Und dies nicht auf der Vorder-, sondern auch auf der Hinterbühne. Denn wenn wir eines für die nächsten Jahre brauchen, dann einen belastbaren Begriff von gesellschaftlicher Solidarität – und zwar nicht nur für die Szene.

Deshalb müssen für diese Szene Kräfte auch gebündelt werden. Wenn ich an das Theater der Zukunft denke, denke ich gerne an die Idee der Kooperative. Produktionsstrukturen sind für mich »Commons«, also Ressourcen, die allen gehören und im Interesse der Allgemeinheit verwendet werden. Es gibt etwa in der Schweiz Lebensmittelkooperativen, in denen – verkürzt gesagt – den Bäuer*innen der Laden gehört, in dem sie ihre Lebensmittel verkaufen. So stelle ich mir das Theater der Zukunft vor. Deshalb sprechen wir von gemeinsamen Bühnen. Und die Idee von Naxos ist noch mehr: es will zugleich Theater und Produktionsverbund sein. So wollen wir erreichen, dass in unserem freien Theaterhaus der Zugriff auf Ressourcen solidarisch organisiert wird und viele Stimmen zu Wort kommen. Das freie Theater der Zukunft gehört für mich einerseits den Künstler*innen, die darin selbstbestimmt arbeiten und sich demokratische​ Entscheidungsstrukturen geben, sowie andererseits der Stadtgesellschaft, die darin ihr Forum findet. Seit einigen Jahren arbeiten wir bereits mit mehreren freien Gruppen und Künstler*innen an diesem Modell eines freien Theaterhauses für die Stadt. Wir haben dafür »auf Naxos« ein Produktionshaus geschaffen, das zeitgenössischer Theaterproduktion gerecht wird: nämlich partikularisierende Ästhetiken, Arbeitsweisen und Zuschauer*innen unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommt: Freies Theater hat sich zu lange im Zwist mit Stadttheatern heroisiert und mitunter eigene zweifelhafte Strukturen hervorgebracht. Dabei verlaufen die Trennlinien heute anders; Fragen von Teilhabe, Mitbestimmung, Offenheit und Leitungskultur sind einer neuen Generation von Theaterschaffenden wichtiger als Kämpfe gegen Institutionen. Davon ausgehend lassen sich aus einer starken Szene heraus starke Bündnisse  schaffen. In Frankfurt etwa entstehen dafür gerade Ansätze, sichtbar in zwei großen Festivals der nächsten Jahre, in denen Städtische Bühnen, Künstlerhäuser und die Szene zusammenarbeiten. Auch dafür braucht aber diese Szene ihre starken Fundamente und Fürsprecher.

Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©
Jahr im Wartestand - Orchestermitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie
Quelle: Achim Reissner©

Krise (in den Griff) kriegen [8]

Mehr als ein verlorenes Jahr?

Karolin Spegg und das Dilemma junger Musiker*innen

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. Doch keine Geschichte hat uns so sehr berührt wie die von Karolin Spegg, Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie und (eigentlich) Praktikantin am SWR Orchester in Stuttgart. Ihr Jahr fiel weitgehend aus, sieht man von einem Projekt und Mini-Konzerten »vor den Fenstern sozialer Einrichtungen« ab. Für junge Musiker*innen wie sie ist dies aber mehr als ein verlorenes Jahr. In ihrem Metier kann ein solches Jahr eine ganze Karriere zur Disposition stellen … 

Das Jahr 2020 hätte ein ganz besonderes werden sollen. Sowohl für uns als Junge Deutsche Philharmonie als auch für mich als eine Musikerin in den Startlöchern ihrer Laufbahn. Nach einem Neujahrskonzert in der Alten Oper standen für uns im Frühjahr eine große Konzerttournee mit dem Ensemble Modern, im Sommer das selbst entworfene interdisziplinäre Beethoven-Projekt »Alle Sinne für die Siebte« und im Herbst Händels »Alessandro« im ETA Hoffmann Theater Bamberg an. Und ich selbst war gerade eingetaucht in mein einjähriges Praktikum der Cellogruppe im SWR Symphonieorchester Stuttgart – ein fast unverzichtbarer Grundstein für eine Orchesterkarriere.

Doch im März und April wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. Erst dachten wir, es würde »nur« unsere Frühjahrstournee ausfallen. Doch schon im April schloss auch das ETA Hoffmann Theater bis Oktober seine Türen. Von Freund*innen und Kommiliton*innen hörte ich, dass nicht nur ich in dieser Zeit kaum Motivation hatte, mein Instrument in die Hand zu nehmen. Eine Online-Krisensitzung im Orchestervorstand rüttelte mich etwas auf. »Wir erlauben das nicht, ein Leben ohne Musik!« war ein Satz, den unser Erster Dirigent Jonathan Nott sagte. Er forderte uns auf, unter allen Umständen unser noch nicht eingestampftes Beethoven-Projekt zu realisieren – und außerdem als junges Orchester öffentlich Stellung zu beziehen.

Es folgten Videositzungen, Zoom-Workouts, Online-Stammtische, eine Mitglieder-Umfrage – und schließlich ein offener Brief an alle deutschen Orchester. Denn für uns junge Musiker*innen geht es nicht nur um ein verlorenes Jahr. Es geht um unsere Zukunft. Für Musikstudierende sind ein Praktikum oder eine Akademieausbildung in einem professionellen Orchester fast unumgänglich, um sich überhaupt auf feste Stellen bewerben zu können. Andernfalls erhält man oft nicht einmal eine Einladung zum Vorspiel, dem sogenannten Probespiel. Die Altersgrenze für die begehrten Praktika und Akademiestellen liegt oft bei 26 Jahren, und viele müssen mehrere Jahre Probespiel-Erfahrung sammeln, um in dieser strapaziösen Situation ihre Fähigkeiten überhaupt zeigen zu können.

Im Sommer 2019 war ich noch sehr glücklich, das einjährige Praktikum in Stuttgart gewonnen zu haben. Doch das unvergesslichste Erlebnis meiner Zeit mit den SWR-Symphoniker*innen war im Nachhinein wohl leider der 8. März dieses Jahres in Paris, an dem wir nach dem Check-In im Hotel erfuhren, dass soeben in Frankreich mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen ab 1.000 Leuten untersagt worden waren. Eine große Gruppe von Musiker*innen saß an dem Abend in der Hotelbar und diskutierte, ob nun wirklich das Konzert am nächsten Tag ausfallen würde. Gegen Mitternacht kam die Mail – das ganze Orchester war umsonst nach Paris gereist.

Anstatt wie vorgesehen ein ganzes Jahr Erfahrung in einem professionellen Rundfunkorchester zu sammeln, spielte ich von April bis Juli Duo-Auftritte vor den Fenstern sozialer Einrichtungen und Eins-zu-Eins-Konzerte für je eine*n Zuhörer*in. Als endlich wieder kleinere Orchester möglich wurden, durfte ich in einer reinen Streicherbesetzung noch eine Audioproduktion mitspielen. Praktika für die neue Saison wurden von vielen Orchestern vorerst nicht ausgeschrieben. Und selbst wenn, dann droht die Altersgrenze und drängen jüngere Musiker*innen nach. Auch mit festen Stellen sieht es wegen Einsparungen momentan schwierig aus – der Ansturm von Bewerber*innen scheint dagegen größer denn je. Ich bin irgendwie dankbar, dass ich erst noch ein Jahr Masterstudium vor mir habe!

Einen Lichtblick gab es aber. Im September haben wir als Junge Deutsche Philharmonie mit sechs Künstler*innen, einem Dramaturgen, einem Dirigenten, einem Organisationsteam und 32 Musiker*innen unsere Beethoven-Performance in fünf deutschen Städten auf die Bühne gebracht. 32 von 260 allerdings. Von unseren 260 Mitgliedern hat in der letzten Zeit nämlich nur ein Bruchteil gespielt, und es gibt Neulinge im Orchester, die schon vor einem Jahr ein erfolgreiches Probespiel hatten – und trotzdem noch nie mit uns spielen konnten. Wir haben im Sommer Probespiele unter strengen Hygienemaßnahmen veranstaltet, um jungen Leuten zumindest diese Erfahrung möglich zu machen und sie hoffentlich bald einbinden zu können. Denn eine ganze Generation bangt gerade um ihre Zukunft …

Achim Reissner©
Die Große Welle – das ewige Ringen zwischen Hokusai und Hausarbeit im Corona-Jahr 
Quelle: Katsushika Hokusai (1760-1849)©

KRISE (in den Griff) KRIEGEN [9]

Hungerkünstler und Mandarinente

Stephanie Nebenführ und ihr HfG-Corona-Jahr

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. In Folge 9 schreibt die Offenbacher HfG-Studentin Stephanie Nebenführ, wie es ist, wenn das Studium erstmals komplett virtuell abläuft, Kontakte mit Kommiliton*innen rarer werden, Studentenjobs entfallen – und dann auch noch die Mandarinente am Buchrainweiher plötzlich weg ist … 

Frankfurt, Anfang März. Der letzte Abend, an dem gefühlt nochmal alle zusammen kommen. Im 1822 Forum feiern wir die Eröffnung der Ausstellung »A Sitting and A Slurping and A Spitting and A Thinking« von Dominika Bednarsky, Studentin der HfG Offenbach. Es gibt erste Ellenbogen-Grüße, aber noch stehen Besucher*innen dicht gedrängt in der Galerie, draußen werden Zigaretten geteilt. – Frankfurt, ein halbes Jahr später im Oktober. Die von Arthur Löwen und Béla Feldberg kuratierte Gruppenausstellung »Orbit« wird im Messeturm eröffnet. Die Arbeiten der Künstler*innen, teilweise Studierende der HfG, sind über das gesamte Stockwerk verteilt, die Besucher*innen kommen in 45-Minuten-Slots, tragen Maske und halten Abstand. Zigaretten teilt sich hier keiner mehr.

Zwischen den beiden Ausstellungen liegt das digitale Sommersemester an der HfG. Anstelle von Zoom, das in vielen anderen Universitäten genutzt wird, werden Lehrende und Studierende an die Videochatplattform BBB (Big Blue Button) und an Mattermost (vorstellbar als digitales Schwarzes Brett) herangeführt. Die Technik-Abteilung der HfG hat in diesen Tagen viel zu tun. Lehrende und Studierende erhalten eigene Passwörter, Online-Veranstaltungen müssen koordiniert und Server gewartet werden, es herrscht ein stetiger Mail-Verkehr. Es braucht eine Weile, bis sich alle an die Programme gewöhnt haben, doch mit kleinen Ausnahmen klappt alles überraschend gut. Obwohl die digitalen Mittel die gleichen sind, unterscheiden sich die Kurse aber stark voneinander. Da gibt es die Vorlesung von Christian Janecke, Professor für Kunstgeschichte, die auch Teilnehmer*innen außerhalb der HfG offensteht. An einigen Tagen sind es dann auch mehr als 120 Zuhörende, die sich fröhlich im Chat begrüßen. Andere Kurse sind kleiner und familiärer. Im Kurs »Experimentelle Raumkonzepte« von Heiner Blum zeigen die Studierenden ihre Projekte nun von zu Hause aus. Wie bei PowerPoint kann man Fotos, Skizzen und ähnliches hochladen und den anderen präsentieren.

Business as usual, nur eben jetzt etwas anders – könnte man meinen. Ja, aber eben doch nicht ganz. Gerade der zweite Kurs zeigt den Unterschied. In diesem Rahmen wird nicht nur über Projekte gesprochen, sondern auch über die Probleme der Studierenden. Viele haben in den letzten Wochen ihre Nebenjobs verloren und sind in finanzielle Notlagen geraten. Von Hartz IV sind Studierende ausgeschlossen, die Überbrückungshilfen für Künstler*innen stehen zu Anfang nur denjenigen zu, die Mitglied in der Künstlersozialkasse sind, das ist der Großteil der Studierenden aber nicht. Erst im Juni gibt es die Überbrückungshilfe des Bundes speziell für Student*innen, die aber wiederum nur unter strengen Bedingungen bewilligt wird. Zynisch kann man einwerfen: durch die wegfallenden Jobs habe man zwar kein Geld, aber dafür endlich Zeit, die Projekte, die sonst aus Zeitmangel nicht zu realisieren sind, anzugehen. Allerdings arbeitet es sich, entgegen des Klischees des Hungerkünstlers, nur schwer mit Existenzsorgen. Da wird statt an der Hausarbeit zu schreiben, die »Große Welle vor Kanagawa« von Hokusai gepuzzelt, das unfertige Projekt gegen die Dokumentation »Der Penny auf der Reeperbahn« eingetauscht, und statt sich um die Diplomarbeit zu kümmern, steht man dann plötzlich mitten im Wald am
Buchrainweiher und fängt beinahe an zu weinen, weil die Mandarinente, die man eine Woche vorher dort entdeckt hat, heute nicht da ist. Aber vielleicht unterscheiden sich da die Erfahrungen.

Wenn man Glück hat, trifft man dann auf dem Heimweg eine Kommilitonin und merkt im Gespräch über durchkreuzte Pläne und Verdienstausfälle, dass man nicht alleine ist. Und das hilft viel, denn bei all den Problemen geht ja doch alles immer weiter. Und so wird auch der Rundgang der HfG, der jeden Juli ein großes Publikum anzieht, nicht abgesagt, sondern nur so verändert, dass er unter dem Titel Interventionen – unter Berücksichtigung aller Maßnahmen  doch stattfinden kann. Ob in den Schaufenstern der Fußgängerzone, an Plakatwänden, oder über instagram; die Studierenden tragen dafür Sorge, dass ihre Arbeiten auch in Zeiten der Pandemie sichtbar bleiben. Bleibt zu hoffen, dass auch die in Not geratenen Studierenden nicht übersehen werden. Und dass auch wir uns wieder mehr sehen können. Denn auch das Miteinander macht Studium aus …

Katsushika Hokusai (1760-1849)©
Die Köche von Stalburg und Stoffel - Etwas allein(,) gelassen und auf der Suche nach den richtigen Rezepten
Quelle: Stalburg©

Krise (in den Griff) kriegen [5]

Publikumskontakt per Spendenquittung

Michi Herl: Alles schlimm - solange man nicht aufschaut

Kulturlandschaft und Kulturschaffende sind von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Auf urban shorts beschreiben Kulturschaffende, wie sie in diesen Wochen die Krise krieg(t)en – und wie sie diese in den Griff kriegen. In Folge 5 schreibt Michael »Michi« Herl vom Frankfurter Stalburg-Theater über vergebliche Antrags-Marathons, einen amtlich ins Netz gegangenen »Stoffel« und darüber, wie schlimm alles ist – solange man nicht in die Welt hinausschaut … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war »Freitag, der 13.«. Wir spielten zum 658. Mal seit 18 Jahren unser Erfolgsstück »Wer kocht, schießt nicht«, wie fast immer ausverkauft. »Es fühlte sich nicht gut an«, meinte danach unser Barchef, »eigentlich fühlt es sich seit Tagen nicht mehr gut an.« Etwa zehn Prozent der Gäste waren trotz bereits erworbener Tickets nicht gekommen, bei den anderen verspürte der Kollege eine »unterschwellige Beklommenheit«. Die Vorstellung am Folgetag, dem 14. März, sagten wir dann ab. Dass wir von da an geschlossen haben sollten, ahnten wir natürlich nicht. Bis heute weiß ja niemand, was morgen sein wird …

Ja, es ist schlimm, was dann kam. Wie sollte es auch anders sein, wenn man von jetzt auf gleich dazu gezwungen wird, sein Leben komplett zu ändern? Pläne über den Haufen zu werfen, Termine abzusagen, Zusagen nicht einzuhalten, Erwartungen zu enttäuschen? Wenn man nicht wie seit 22 Jahren täglich Stücke liest, Stücke schreibt, Proben organisiert, Proben begleitet, sich mit Kolleg*innen austauscht und zu anderen Theatern reist? Sondern wenn man unaufhörlich Subventions-Anträge ausfüllt, um Almosen bettelt, Sponsoren umgarnt und auf Pressekonferenzen statt Heldentaten Überlebensstrategien verkündet? Wenn der Kontakt zum Publikum nur mehr aus dem Unterschreiben von Spendenquittungen besteht? Was soll daran nicht schlimm sein?

Seit diesem Freitag taten wir, was alle taten, also Kurzarbeit anmelden für zehn Festangestellte – und hoffen, dass eines der vielen Unterstützungsprogramme greift. Um es kurz zu sagen: Bis heute griff keins. Übernommen wurden nur laufende Kosten, nicht jedoch Umsatzeinbußen. Das genau aber ist unser Problem. Wir hatten uns für die dreiteilige Bühnenfassung von »Das Leben des Vernon Subutex« mächtig aus dem Fenster gelehnt, ideell und finanziell. Die Premiere war ein Riesenerfolg – dann kam das Virus. Und das noch in einer Zeit, in der wir uns eigentlich ein Polster hätten zulegen müssen. Der nächste Schlag folgte im Mai. Eine Entschädigung für unser Open-Air »Stoffel« (kurz für: Stalburg Theater offen Luft) wurde uns verwehrt – weil wir »nur« ein freiwilliges Eintrittsgeld verlangen. Es fehle eine »Bemessungsgrundlage«, hieß es aus Wiesbaden, der belegbare Verlust im sechsstelligen Bereich spiele da keine Rolle. Etwas gemacht haben wir natürlich dennoch. Sogar etwas Großartiges. Finanziert durch eine Stoffel-Subvention der Stadt Frankfurt drehten wir zehn Tage lang im Theater Auftritte von 29 Bands und Solokünstler*innen und stellen sie nun vier Wochen lang ins Netz. Amtliche Werke sind das, von Profis gefilmt und gemischt. Sie brachten der Menschheit Kurzweil und den Künstler*innen Gagen. Toll – aber halt kein richtiger Stoffel.

Es ist also schlimm. Aber wirklich? Unser Claim »Wir wissen nicht, wie es weitergeht, aber wir wissen, dass es weitergeht« spricht uns aus dem Herzen. Warum? Wir haben ein wundervolles Publikum und großzügige Gönner, die uns unterstützen. Es laufen noch einige Anträge, und auch sonst haben wir eine Menge Ideen. Und: Wir erlebten und erleben Eigenartiges. Etwas, was wir in unserer Wohlstandsgeneration in einem Wohlstandsland nur von Erzählungen kennen. Man handelt und hält gelegentlich inne, um sich darüber zu wundern, dass man handelt. Es ist wohl ein Hauch dessen, was Menschen in Krisen überleben lässt. Aber eben nur ein Hauch. Ein Hauch auch dessen, was Milliarden täglich in fürchterlicher Geballtheit erleben müssen. Auch ohne Corona – sondern aufgrund des ganz normalen Wahnsinns, der auf die Namen Krieg, Hunger, Unterdrückung und Vertreibung hört. Menschen, für die das neue Virus nichts weiter bedeutet als ein weiteres Puzzleteilchen ihres Elends. Denen es vollkommen schnuppe ist, ob sie morgen an Hunger oder an Covid-19 verrecken. Wir hingegen leben in einem der reichsten Länder der Erde. Daran sollten wir täglich voller Demut denken (zumal wir große Teile unseres Wohlstands der Ausbeutung der Ärmsten zu verdanken haben). Und uns darüber freuen, dass unsere Gesellschaft immer noch die Mittel hat, künstlerisch Arbeitende zu unterstützen. Schlimm? Es gibt Schlimmeres …