Sommerwerft, Jil Sander, Ausstellungen von und Ateliers für regionale Künstler*innen
Quelle: Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©

Vorschau | Starke Partner [0]

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter hingegen sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon einmal in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder vor einigen Jahren die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts wird künftig auf dieser Seite solche starken und meist stillen Partner in der Region vorstellen. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Gerade in diesen Corona-Zeiten sind und werden diese Institutionen wichtiger denn je für das Leben und Überleben der Kulturschaffenden in FrankfurtRheinMain. Zum Auftakt der Reihe, die auch explizit Förderer von bürgerschaftlichem Engagement einschließen soll, wird es hier in Kürze um den Kulturfonds Frankfurt RheinMain gehen. Der Fonds mit einem Fördervolumen von jährlich über sieben Millionen Euro ist mittlerweile selbst einer der wichtigsten Kulturakteure und auch einer der größten »Geldtöpfe« in der Region. Einst zur Sichtbarmachung von deren »Leuchttürmen« gegründet, hat er in den letzten Jahren immer mehr auch kleinere Projekte gefördert und damit maßgeblich zum Kulturleben der Region beigetragen. In dieser wie in den weiteren Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen (Ansprech-) Partner zu finden. Die einzelnen Folgen werden etwa in monatlichem Abstand erscheinen (red.).

Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©
Jakob Sturm: Ein Leben für die Stadtkultur
Quelle: Katrin Binner / www.katrinbinner.de©

Kultur | Möglich-Macher*innen I

Jakob Sturm … denkt Räume

Eine Basis auf dem Radar möglichen Wohnens

Ein Atelierhaus für Künstler*innen, eine Agentur zur Vermittlung von Räumen an Kreative, Bücher über Orte möglichen Wohnens (und Arbeitens), Beratung für Städte und Stadtobere, eigene Aktionen und Ausstellungen  – Jakob Sturm denkt und schafft seit vielen Jahren Räume für eine urbane Kultur der Stadt. »Frei-« und »Denkräume« inklusive. Er schafft Möglichkeiten en gros und verändert subtil und weniger subtil … 

»Ich mach’ das, damit etwas passiert«. Der Satz klingt banal. Und doch steckt darin das gesamte Credo Jakob Sturms. »Machen« ist das, was er seit zwei Jahrzehnten in dieser Stadt macht. Oder mit dieser Stadt. Und »Denken« – ebenfalls in, über und sogar mit ebenjener Stadt. Herausgekommen ist bereits vieles: das Atelierhaus Basis mit über 100 Räumen für Künstler*innen und Kreative oder die Leerstandsagentur Radar mit Dutzenden neuen Kreativ-Räumen und Fördergelder für Umbau und Gestaltung obendrein. Doch damit hört er nicht auf zu denken und zu machen. Basis und Radar waren gestern, heute denkt er weiter: über Wohn- und Atelierhäuser – über neue Formen von Wohnen und Leben und Arbeiten eben. Und fast ist auch das wieder gestern, ist doch das erste davon in Praunheim schon entstanden. Und nein, auch das reicht nicht. Er denkt – und macht – auch Stadt anders, mischt vielfach mit, berät und stößt an, mit Ausstellungen, Fotoserien, vor allem aber eigenen Installationen, die selbst oft Räume beschreiben wie andere Jugendherbergen, neue Wohnformen in Büroetagen oder das einst gegründete Kunstbüro, in dem erst recht drinnen steckt, dass Kunst etwas Vermittelndes hat …

Wobei im Wort »vermitteln« auch »die Mitte« steckt. Künstler*innen verortet er mitten im Leben, nicht im Elfenbeinturm, sondern im Bahnhofsviertel der Stadt. Trotzdem – oder gerade deshalb – sieht er Kunst und Künstler*innen auch als Avantgarde, Stadt und Gesellschaft neu und weiter zu denken. Räume zu öffnen für Menschen (die keine Künstler*innen sind), über ihre Stadt und ihre Gesellschaft nachzudenken. Und Stadt und Gesellschaft dabei auch zu verändern – sofort oder schleichend oder stetig. Gleichsam Humus und Avantgarde, mit ihrer eigenen Nähe des Mittendrinseins und der Distanz des Andersseins der Künstler*innen (weswegen er auch dafür kämpft, Künstler*innen Raum in der (Innen-) Stadt zu geben). »Ich möchte, dass ein Raum entsteht, dass etwas geschieht, dass etwas geschehen kann, möglich wird«. So könnte er es über »Making Frankfurt« schreiben, einen seiner jüngsten Mitmachorte. Und so steht es in seinem Buch »Orte möglichen Wohnens«. Klingt intellektuell, ist aber auch wieder ganz banal. Für einen Menschen, der Räume schafft, reale und Denkräume – und reale Räume zum freien Denken. Seit Jahrzehnten und immer fort und immer weiter. Damit ist Sturm zugleich ein Beispiel dafür, einfach zu machen – weil eben sonst nichts passiert. Und so macht er weiter: Stadt und Kunst und Kultur und Denken. Längst nicht mehr nur in Frankfurt. Am einen Tag ist er in Kassel, am anderen in Gießen, dann wieder in Wiesbaden. Für das Land berät er die Städte, Räume für Kreative zu schaffen. Und im Idealfall auch neue Denkräume, um Neues in den Städten zu schaffen. Dazwischen trifft er im eigenen Hause (egal, welches von denen es in dem Moment gerade ist), Kulturförderer von Staat, Stadt oder Stiftungen, um neue Räume in den vorhandenen Räumen zu schaffen, etwa mit neuen Atelierprogrammen aus neuen Fördertöpfen. Ist das alles noch Kunst? Ja, sagt er, denn Kunst ist ja Denken, Machen, Verändern. Gutes zieht Gutes nach sich, sagt ein altes Sprichwort. Bei Sturm scheint Machen Machen nach sich zu ziehen. Oder genauer: Machen scheint Passieren nach sich zu ziehen. Ach ja: Sturm weiß seit vier Jahren, dass er Parkinson hat. Für ihn ein Grund, erst recht weiter zu denken und weiter zu machen … (sfo. / vss.).

Katrin Binner / www.katrinbinner.de©
Felix Große-Lohmann: Kultur-Förderer und Material-Recycler in seinem Ausstellungsraum
Quelle: Alexander Paul Englert©

Kultur | Möglich-Macher*innen IV

Felix Große-Lohmann … lässt kreativ sein

Ein Kulturschaffender, der für andere Materialien sammelt

Künstler*innen brauchen Materialien, mit denen sie arbeiten können. Veranstalter*innen brauchen Bühnen, Podien und anderes. Museen, Unternehmen und andere haben Bühnen oder Materialien, die sie oftmals nicht mehr brauchen. Felix Große-Lohmann sammelt, lagert zwischen, bringt beide und beides zusammen und lässt Kreative und Künstler*innen damit arbeiten. Er hilft Kolleg*innen, der Umwelt, sich selbst und, ach ja, eigentlich auch Institutionen und manchem Unternehmen …

Felix Große-Lohmann hat die Türen zu seinem freien Ausstellungsraum »Husselhof« in einem Hinterhaus an der Koblenzer Straße im Gallus weit geöffnet. Der Blick fällt auf die keramischen Skulpturen der in Frankfurt lebenden Künstlerin Filippa Pettersson, die auf dem Boden installativ angeordnet sind. »Creatures« nennt sie die Objekte, die sie organisch anmutend ausgeformt hat. Den nicht-kommerziellen Ausstellungsraum hat Große-Lohmann 2013 eröffnet, um zeitgenössischen Kunstproduktionen einen Raum zu geben. Den Hintergrund als Ausstellungsmacher – also jemand, der die Sorgen und Nöte des Kunstbetriebes selbst gut kennt – muss man wissen, ist er doch auch der Hintergrund einer weiteren Idee, die Große-Lohmann seit gut drei Jahren verfolgt …

»MFA« heißt das Projekt ganz kurz – und ist längst mehr als ein Projekt. Die Abkürzung steht für »Material für Alle«. Dahinter steht der Gedanke, erst einmal Materialkreisläufe nachhaltig zu gestalten; vor allem mit Fokus auf Kunst und auf Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet. Große-Lohmann sammelt Materialien, die zum Beispiel bereits für Ausstellungen in Museen oder für Veranstaltungen genutzt wurden: MDF-Platten, Teppiche, Sockel oder Rahmen. Und er stellt sie Künstler*innen, Kreativen oder sozialen Projekten kostengünstig zu fairen Preisen wieder zur Verfügung. Zuletzt etwa war er für das Setting des urbanen Festivals Cityvista zuständig, sorgte mit drei portablen Veranden für Sichtbarkeit, Regen- und auch noch Sonnenschutz. »Material für Alle« ist eine Idee, von der nicht nur alle Beteiligten profitieren, sondern die eben auch besonders nachhaltig ist, indem dadurch die Materialien vor der Entsorgung gerettet werden und Müll vermieden wird. Ausstellungshäuser etwa haben meist keine Kapazitäten, um Materialien zu lagern und müssten diese sonst kostenpflichtig entsorgen, erklärt Große-Lohmann, der zum diesjährigen Aktionstag der Initiative »Making Frankfurt« im Rahmen eines Talks auch über sein Konzept sprechen wird.

Kennengelernt habe er die Idee selbst einige Jahre zuvor bei einem Besuch eines befreundeten Künstlers in New York. »Material for the Arts« heißt das städtische Programm, das Ende der 70er Jahre in der US-amerikanischen Metropole ins Leben gerufen wurde. »Ich war begeistert, dass es in New York so ein Angebot gibt, und habe mich auf dem Rückflug gefragt, warum so etwas bisher noch nicht in Frankfurt realisiert wurde«, erzählt er. Ende 2018 sei der Startschuss seines MFA-Projekts gefallen. Um es langfristig auf die Beine zu stellen, habe er von Beginn an den Gedanken verfolgt, es auch wirtschaftlich aufzubauen. Dafür hat er ein rund 90 Quadratmeter großes Lager im Gewerbegebiet von Frankfurt-Seckbach gemietet, das er mit den gesammelten Materialien füllen kann. »Und es funktioniert«, sagt er. Um die Idee zu etablieren und zu verstetigen, sei aber langfristig ein größeres Lager unumgänglich. Doch das müsse eben auch erst einmal finanziert werden. Auch die Möglichkeiten der Digitalisierung möchte er nutzen. Eine MFA-App gibt es bereits, über die im Lager zur Verfügung stehende Materialen abgefragt werden können. Auf seinem Handy zeigt er, wie die App noch eingesetzt werden kann. Zum Beispiel bei einem Holzbalken, den er virtuell in 3D vor seiner Galerie ablegen kann. So könne jeder selbst prüfen, ob das Material für ein geplantes Projekt geeignet sei, ohne selbst vor Ort vorbeischauen zu müssen. »Die Digitalisierung löse viele Probleme des analogen Recyclings«, schaut er auch bereits über den Tellerrand hinaus. Über Schnittstellen zu grafischen Gestaltungsprogrammen etwa möchte er den Künstler*innen künftig die Möglichkeit geben, Modelle direkt mit den ausgewählten Materialien aus dem Lager am PC zu entwickeln. So könne die Liste der für die Umsetzung notwendigen Materialien bereits mitgeplant werden. Außerdem möchte er Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung der Akteure untereinander schaffen. Überhaupt ist Große-Lohmann sehr interessiert an neuen, zukunftsorientierten Konzepten. Er hat an der Frankfurter Goethe-Universität Kunst­päd­ago­gik und Englisch auf Lehr­amt studiert und entwickelte in dieser Zeit eine große Affinität zur Gegenwartskunst, sammelte praktische Erfahrungen im Galeriebetrieb, knüpfte Kontakte zu Künstlern und entschied sich schließlich, trotz der erfolgreich abgeschlossenen beiden Staatsexamina, einen ganz anderen Weg in die Selbständigkeit zu gehen (alf.).

Alexander Paul Englert©
Die Naxoshalle - immer wieder ein Ort für die Zukunft
Quelle: Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©

Krise (in den Griff) kriegen [10]

Freie. Bühnen. Fördern.

Gast-Kommentar von Jan Philipp Stange

Krise kriegen und in den Griff kriegen – Auf Urban shorts haben dieses Jahr viele Kulturschaffende über ihr Jahr mit Corona geschrieben. Oft waren es Texte aus dem Moment heraus. Zum Abschluss der Reihe für dieses Jahr schreibt mit Jan Philipp Stange ein junger Theatermacher über ein Projekt, das für die freie Theater- und Performance-Szene weit über den Tag hinaus greift, dessen Notwendigkeit sich aber gerade in diesem Jahr besonders gezeigt hat: ein gemeinsames Haus als feste Bühne und als Fürsprecher – mitten in Frankfurt in der alten Naxoshalle. 

Zugegeben: Ich hatte noch Glück in diesem Jahr. Viele Premieren und Aufführungen ließen sich in den Spätsommer und Herbst verlegen, als Theater eine kurze Zeit geöffnet waren. Das hat mir geholfen, Ausfälle und Absagen zu verschmerzen, auch wenn viele Gastspiele erstmal auf unbestimmte Zeit auf Eis liegen – in der ganzen Republik stauen sich ja gegenwärtig Produktionen zu einem riesigen Berg ungesehener Stücke. Doch vielen Kolleg*innen ist es weniger gut ergangen. Das Jahr hat die »freie Szene« hart getroffen, trotz einiger Lichtblicke und kurzfristiger Hilfsgelder. Viele Theatermacher*innen sind verunsichert, auch hinsichtlich dessen, was noch an Kürzungen im Kulturbereich kommen mag. 2020 hat uns schmerzhaft gezeigt, wie vulnerabel die freien Theatermacher*innen sind, wie ungeschützt und wie prekär die Strukturen, in denen wir arbeiten.

Deswegen haben wir rund um Naxos die Pandemie-Pause genutzt, darüber nachzudenken, wie man freie Theater auf neue, sicherere Füße stellen kann. Ausgehend von jener Naxoshalle, die schon immer eine Avantgarde für freie Szene war. Unsere Antwort: Frankfurt braucht ein oder mehrere starke Zentren für die freie Szene. Und wir haben der Stadt und ihren Menschen eine Idee vorgelegt, wie man rund um das Theater Willy Praml und studioNaxos für jährlich ca. 500.000 Euro eine neue Struktur, eine gemeinsame Bühne und einen starken Fürsprecher bauen kann. Denn was uns wirklich hilft, sind vor allem langfristige Investitionen. Das sieht man schon an Naxos selbst. Während die Anforderungen mit den Jahren stiegen, sind Förderstrukturen nicht mitgewachsen. Unsere Aufgaben überfordern jetzt bereits die Infrastruktur. Für 180 Veranstaltungen im Jahr haben wir nur anderthalb Techniker*innen-Stellen. Vieles wird ehrenamtlich gestemmt. Das kann man ein paar Jahre machen, aber irgendwann braucht es Investitionen, um den Betrieb zu professionalisieren und langfristig abzusichern.

Und das ist überall so. Deshalb geht unser Ansatz auch über ein, über unser Haus hinaus. Meine Kolleg*innen und mich hat die Frage beschäftigt, wie man freies Theater und das Modell Naxos krisenfest weiterentwickeln kann. Die Frage nach Ressourcen und Spielorten ist eine dringliche, gerade in Frankfurt, wo ein großer Druck auf innerstädtischen Immobilien und auf der freien Kunst- und Kulturszene liegt. Dazu kommt, dass in prekarisierten Strukturen die Verteilungskämpfe steigen. Dabei steht jedoch gerade das freie Theater für Emanzipation, Kritik und zuversichtliche Visionen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man Räume abseits von Effizienz und Verwertung behaupten kann, wenn man gleichzeitig gezwungen ist, nach neoliberalen Kalkülen zu agieren. Oder anders: Wie kann man Strukturen schaffen, die Konkurrenz nicht auflösen, aber soweit abschwächen, dass den gesellschaftskritischen Impulsen der Szene ein selbstbewusster, aber vor allem solidarischer öffentlicher Raum gegeben wird? Und dies nicht auf der Vorder-, sondern auch auf der Hinterbühne. Denn wenn wir eines für die nächsten Jahre brauchen, dann einen belastbaren Begriff von gesellschaftlicher Solidarität – und zwar nicht nur für die Szene.

Deshalb müssen für diese Szene Kräfte auch gebündelt werden. Wenn ich an das Theater der Zukunft denke, denke ich gerne an die Idee der Kooperative. Produktionsstrukturen sind für mich »Commons«, also Ressourcen, die allen gehören und im Interesse der Allgemeinheit verwendet werden. Es gibt etwa in der Schweiz Lebensmittelkooperativen, in denen – verkürzt gesagt – den Bäuer*innen der Laden gehört, in dem sie ihre Lebensmittel verkaufen. So stelle ich mir das Theater der Zukunft vor. Deshalb sprechen wir von gemeinsamen Bühnen. Und die Idee von Naxos ist noch mehr: es will zugleich Theater und Produktionsverbund sein. So wollen wir erreichen, dass in unserem freien Theaterhaus der Zugriff auf Ressourcen solidarisch organisiert wird und viele Stimmen zu Wort kommen. Das freie Theater der Zukunft gehört für mich einerseits den Künstler*innen, die darin selbstbestimmt arbeiten und sich demokratische​ Entscheidungsstrukturen geben, sowie andererseits der Stadtgesellschaft, die darin ihr Forum findet. Seit einigen Jahren arbeiten wir bereits mit mehreren freien Gruppen und Künstler*innen an diesem Modell eines freien Theaterhauses für die Stadt. Wir haben dafür »auf Naxos« ein Produktionshaus geschaffen, das zeitgenössischer Theaterproduktion gerecht wird: nämlich partikularisierende Ästhetiken, Arbeitsweisen und Zuschauer*innen unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommt: Freies Theater hat sich zu lange im Zwist mit Stadttheatern heroisiert und mitunter eigene zweifelhafte Strukturen hervorgebracht. Dabei verlaufen die Trennlinien heute anders; Fragen von Teilhabe, Mitbestimmung, Offenheit und Leitungskultur sind einer neuen Generation von Theaterschaffenden wichtiger als Kämpfe gegen Institutionen. Davon ausgehend lassen sich aus einer starken Szene heraus starke Bündnisse  schaffen. In Frankfurt etwa entstehen dafür gerade Ansätze, sichtbar in zwei großen Festivals der nächsten Jahre, in denen Städtische Bühnen, Künstlerhäuser und die Szene zusammenarbeiten. Auch dafür braucht aber diese Szene ihre starken Fundamente und Fürsprecher.

Gloria Schulz / Naturtheater Naxos©
Die Große Welle – das ewige Ringen zwischen Hokusai und Hausarbeit im Corona-Jahr 
Quelle: Katsushika Hokusai (1760-1849)©

KRISE (in den Griff) KRIEGEN [9]

Hungerkünstler und Mandarinente

Stephanie Nebenführ und ihr HfG-Corona-Jahr

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. In Folge 9 schreibt die Offenbacher HfG-Studentin Stephanie Nebenführ, wie es ist, wenn das Studium erstmals komplett virtuell abläuft, Kontakte mit Kommiliton*innen rarer werden, Studentenjobs entfallen – und dann auch noch die Mandarinente am Buchrainweiher plötzlich weg ist … 

Frankfurt, Anfang März. Der letzte Abend, an dem gefühlt nochmal alle zusammen kommen. Im 1822 Forum feiern wir die Eröffnung der Ausstellung »A Sitting and A Slurping and A Spitting and A Thinking« von Dominika Bednarsky, Studentin der HfG Offenbach. Es gibt erste Ellenbogen-Grüße, aber noch stehen Besucher*innen dicht gedrängt in der Galerie, draußen werden Zigaretten geteilt. – Frankfurt, ein halbes Jahr später im Oktober. Die von Arthur Löwen und Béla Feldberg kuratierte Gruppenausstellung »Orbit« wird im Messeturm eröffnet. Die Arbeiten der Künstler*innen, teilweise Studierende der HfG, sind über das gesamte Stockwerk verteilt, die Besucher*innen kommen in 45-Minuten-Slots, tragen Maske und halten Abstand. Zigaretten teilt sich hier keiner mehr.

Zwischen den beiden Ausstellungen liegt das digitale Sommersemester an der HfG. Anstelle von Zoom, das in vielen anderen Universitäten genutzt wird, werden Lehrende und Studierende an die Videochatplattform BBB (Big Blue Button) und an Mattermost (vorstellbar als digitales Schwarzes Brett) herangeführt. Die Technik-Abteilung der HfG hat in diesen Tagen viel zu tun. Lehrende und Studierende erhalten eigene Passwörter, Online-Veranstaltungen müssen koordiniert und Server gewartet werden, es herrscht ein stetiger Mail-Verkehr. Es braucht eine Weile, bis sich alle an die Programme gewöhnt haben, doch mit kleinen Ausnahmen klappt alles überraschend gut. Obwohl die digitalen Mittel die gleichen sind, unterscheiden sich die Kurse aber stark voneinander. Da gibt es die Vorlesung von Christian Janecke, Professor für Kunstgeschichte, die auch Teilnehmer*innen außerhalb der HfG offensteht. An einigen Tagen sind es dann auch mehr als 120 Zuhörende, die sich fröhlich im Chat begrüßen. Andere Kurse sind kleiner und familiärer. Im Kurs »Experimentelle Raumkonzepte« von Heiner Blum zeigen die Studierenden ihre Projekte nun von zu Hause aus. Wie bei PowerPoint kann man Fotos, Skizzen und ähnliches hochladen und den anderen präsentieren.

Business as usual, nur eben jetzt etwas anders – könnte man meinen. Ja, aber eben doch nicht ganz. Gerade der zweite Kurs zeigt den Unterschied. In diesem Rahmen wird nicht nur über Projekte gesprochen, sondern auch über die Probleme der Studierenden. Viele haben in den letzten Wochen ihre Nebenjobs verloren und sind in finanzielle Notlagen geraten. Von Hartz IV sind Studierende ausgeschlossen, die Überbrückungshilfen für Künstler*innen stehen zu Anfang nur denjenigen zu, die Mitglied in der Künstlersozialkasse sind, das ist der Großteil der Studierenden aber nicht. Erst im Juni gibt es die Überbrückungshilfe des Bundes speziell für Student*innen, die aber wiederum nur unter strengen Bedingungen bewilligt wird. Zynisch kann man einwerfen: durch die wegfallenden Jobs habe man zwar kein Geld, aber dafür endlich Zeit, die Projekte, die sonst aus Zeitmangel nicht zu realisieren sind, anzugehen. Allerdings arbeitet es sich, entgegen des Klischees des Hungerkünstlers, nur schwer mit Existenzsorgen. Da wird statt an der Hausarbeit zu schreiben, die »Große Welle vor Kanagawa« von Hokusai gepuzzelt, das unfertige Projekt gegen die Dokumentation »Der Penny auf der Reeperbahn« eingetauscht, und statt sich um die Diplomarbeit zu kümmern, steht man dann plötzlich mitten im Wald am
Buchrainweiher und fängt beinahe an zu weinen, weil die Mandarinente, die man eine Woche vorher dort entdeckt hat, heute nicht da ist. Aber vielleicht unterscheiden sich da die Erfahrungen.

Wenn man Glück hat, trifft man dann auf dem Heimweg eine Kommilitonin und merkt im Gespräch über durchkreuzte Pläne und Verdienstausfälle, dass man nicht alleine ist. Und das hilft viel, denn bei all den Problemen geht ja doch alles immer weiter. Und so wird auch der Rundgang der HfG, der jeden Juli ein großes Publikum anzieht, nicht abgesagt, sondern nur so verändert, dass er unter dem Titel Interventionen – unter Berücksichtigung aller Maßnahmen  doch stattfinden kann. Ob in den Schaufenstern der Fußgängerzone, an Plakatwänden, oder über instagram; die Studierenden tragen dafür Sorge, dass ihre Arbeiten auch in Zeiten der Pandemie sichtbar bleiben. Bleibt zu hoffen, dass auch die in Not geratenen Studierenden nicht übersehen werden. Und dass auch wir uns wieder mehr sehen können. Denn auch das Miteinander macht Studium aus …

Katsushika Hokusai (1760-1849)©
Jahr im Wartestand - Orchestermitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie
Quelle: Achim Reissner©

Krise (in den Griff) kriegen [8]

Mehr als ein verlorenes Jahr?

Karolin Spegg und das Dilemma junger Musiker*innen

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. Doch keine Geschichte hat uns so sehr berührt wie die von Karolin Spegg, Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie und (eigentlich) Praktikantin am SWR Orchester in Stuttgart. Ihr Jahr fiel weitgehend aus, sieht man von einem Projekt und Mini-Konzerten »vor den Fenstern sozialer Einrichtungen« ab. Für junge Musiker*innen wie sie ist dies aber mehr als ein verlorenes Jahr. In ihrem Metier kann ein solches Jahr eine ganze Karriere zur Disposition stellen … 

Das Jahr 2020 hätte ein ganz besonderes werden sollen. Sowohl für uns als Junge Deutsche Philharmonie als auch für mich als eine Musikerin in den Startlöchern ihrer Laufbahn. Nach einem Neujahrskonzert in der Alten Oper standen für uns im Frühjahr eine große Konzerttournee mit dem Ensemble Modern, im Sommer das selbst entworfene interdisziplinäre Beethoven-Projekt »Alle Sinne für die Siebte« und im Herbst Händels »Alessandro« im ETA Hoffmann Theater Bamberg an. Und ich selbst war gerade eingetaucht in mein einjähriges Praktikum der Cellogruppe im SWR Symphonieorchester Stuttgart – ein fast unverzichtbarer Grundstein für eine Orchesterkarriere.

Doch im März und April wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. Erst dachten wir, es würde »nur« unsere Frühjahrstournee ausfallen. Doch schon im April schloss auch das ETA Hoffmann Theater bis Oktober seine Türen. Von Freund*innen und Kommiliton*innen hörte ich, dass nicht nur ich in dieser Zeit kaum Motivation hatte, mein Instrument in die Hand zu nehmen. Eine Online-Krisensitzung im Orchestervorstand rüttelte mich etwas auf. »Wir erlauben das nicht, ein Leben ohne Musik!« war ein Satz, den unser Erster Dirigent Jonathan Nott sagte. Er forderte uns auf, unter allen Umständen unser noch nicht eingestampftes Beethoven-Projekt zu realisieren – und außerdem als junges Orchester öffentlich Stellung zu beziehen.

Es folgten Videositzungen, Zoom-Workouts, Online-Stammtische, eine Mitglieder-Umfrage – und schließlich ein offener Brief an alle deutschen Orchester. Denn für uns junge Musiker*innen geht es nicht nur um ein verlorenes Jahr. Es geht um unsere Zukunft. Für Musikstudierende sind ein Praktikum oder eine Akademieausbildung in einem professionellen Orchester fast unumgänglich, um sich überhaupt auf feste Stellen bewerben zu können. Andernfalls erhält man oft nicht einmal eine Einladung zum Vorspiel, dem sogenannten Probespiel. Die Altersgrenze für die begehrten Praktika und Akademiestellen liegt oft bei 26 Jahren, und viele müssen mehrere Jahre Probespiel-Erfahrung sammeln, um in dieser strapaziösen Situation ihre Fähigkeiten überhaupt zeigen zu können.

Im Sommer 2019 war ich noch sehr glücklich, das einjährige Praktikum in Stuttgart gewonnen zu haben. Doch das unvergesslichste Erlebnis meiner Zeit mit den SWR-Symphoniker*innen war im Nachhinein wohl leider der 8. März dieses Jahres in Paris, an dem wir nach dem Check-In im Hotel erfuhren, dass soeben in Frankreich mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen ab 1.000 Leuten untersagt worden waren. Eine große Gruppe von Musiker*innen saß an dem Abend in der Hotelbar und diskutierte, ob nun wirklich das Konzert am nächsten Tag ausfallen würde. Gegen Mitternacht kam die Mail – das ganze Orchester war umsonst nach Paris gereist.

Anstatt wie vorgesehen ein ganzes Jahr Erfahrung in einem professionellen Rundfunkorchester zu sammeln, spielte ich von April bis Juli Duo-Auftritte vor den Fenstern sozialer Einrichtungen und Eins-zu-Eins-Konzerte für je eine*n Zuhörer*in. Als endlich wieder kleinere Orchester möglich wurden, durfte ich in einer reinen Streicherbesetzung noch eine Audioproduktion mitspielen. Praktika für die neue Saison wurden von vielen Orchestern vorerst nicht ausgeschrieben. Und selbst wenn, dann droht die Altersgrenze und drängen jüngere Musiker*innen nach. Auch mit festen Stellen sieht es wegen Einsparungen momentan schwierig aus – der Ansturm von Bewerber*innen scheint dagegen größer denn je. Ich bin irgendwie dankbar, dass ich erst noch ein Jahr Masterstudium vor mir habe!

Einen Lichtblick gab es aber. Im September haben wir als Junge Deutsche Philharmonie mit sechs Künstler*innen, einem Dramaturgen, einem Dirigenten, einem Organisationsteam und 32 Musiker*innen unsere Beethoven-Performance in fünf deutschen Städten auf die Bühne gebracht. 32 von 260 allerdings. Von unseren 260 Mitgliedern hat in der letzten Zeit nämlich nur ein Bruchteil gespielt, und es gibt Neulinge im Orchester, die schon vor einem Jahr ein erfolgreiches Probespiel hatten – und trotzdem noch nie mit uns spielen konnten. Wir haben im Sommer Probespiele unter strengen Hygienemaßnahmen veranstaltet, um jungen Leuten zumindest diese Erfahrung möglich zu machen und sie hoffentlich bald einbinden zu können. Denn eine ganze Generation bangt gerade um ihre Zukunft …