Blicke auf Körper
Quelle: RAY©

Fotografie | Ausstellungen

Fotografische Identitätssuchen

Die RAY Fototriennale in FrankfurtRheinMain

Es klingt fast abgegriffen, von der Macht der Bilder zu sprechen. Doch Bilder beherrschen unseren Alltag. Bilder, die wir wahrnehmen – und Bilder, die wir wahrnehmen sollen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die vierte Fototriennale RAY mit ihrem diesjährigen Thema »Ideologien«. Auch wenn der Begriff nicht wirklich gut gewählt scheint. »Identitäten« würde es besser treffen. So geht es gleich mehrfach um schwarze Identitäten, wenn etwa Ja’Tovia Gary in ihren Bewegtbildarbeiten »The Giverny Suite« schwarze Frauen und Mädchen (und sich selbst) in andere Kontexte platziert, hinterfragt und mit klassischen Stereotypen wie Josephine Baker im Vogelkäfig konterkariert. Oder wenn Akinbode Akinbiyi in Berlin afrikanischen Spuren folgt oder den urbanen Veränderungen in Lagos nachspürt. Der Bogen der Triennale aber ist weit gefasst: von der Globalisierung, die Peter Bialobrzeski in Mumbai ausleuchtet, bis zum Blick vor die eigene Haustür, wenn Hilde Roth durch die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts in Darmstadt spaziert. Doch immer wieder geht es dabei vor allem um die Bilder im Kopf der Betrachter*innen, die durch – zugegeben auch – ideologische, aber vor allem einfache gesellschaftliche Stereotypen und Sozialisierungen geprägt sind. Die Ausstellungen sind in diversen Häusern über die Region verteilt zu sehen. Überraschenderweise fast ausschließlich in den Häusern. Nur in Darmstadt kam man auf die Idee, die Fotografien direkt in den urban-gesellschaftlichen Raum der Stadt zu stellen – und die Betrachter*innen ohne den Schutzraum des Museums mit ihren Bildern in ihren Köpfen zu konfrontieren … (sfo.).

Fotografie | Galerie Sillem

No Buddha in Suburbia

Peter Bialobrzeskis Blicke auf Mumbai

Im Jahr 1990 erschien Hanif Kureishis »Buddha of Suburbia«, ein vielschichtiger Roman über das London der 1970er Jahre, welcher vor allem indischstämmigen Asiat*innen, ihren Verwurzelungen und ihren Anfeindungen in der britischen Hauptstadt der damaligen Vor-Thatcher-Zeit nachspürte. So wie Kureishi London damals die asiatische Seele Londons suchte und der Stadt den Spiegel einer selbst geschaffenen Globalisierung vorhielt, streifte gut zweieinhalb Jahrzehnte später der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski durch das indische Mumbai und schaute auf die Schattenseiten der Globalisierung am anderen Ende des vielleicht sogar selben Spektrums. Mumbai, einst maßgeblich von den Briten mit geschaffen und mittlerweile eine der größten Megastädte der Welt und Wirtschaftszentrum Indiens, erscheint in den Bildern Bialobrzeskis fast so etwa wie ein Labor der Globalisierung und ihrer von Kommerz und Konsum bestimmten und getriebenen Auswüchse; passend dazu konsequent in eine regnerisch-unwirkliche Stimmung getaucht. Bialobrzeski, einer der international renommiertesten deutschen Fotografen, zeichnet dabei ungeschminkt das Bild der »Fratze dieser Globalisierung« – denkbar hart am Rande aller Klischees und Vorurteile. Bilder, bei denen die Betrachter*innen wahrlich nicht nur Grund haben, über das Abgebildete nachzudenken, sondern wohl auch über die eigenen Bilder zu diesen Bildern in ihren Köpfen. Urban shorts dokumentiert in einer Bildergalerie zehn der Aufnahmen, die derzeit in der Frankfurter Galerie Peter Sillem im Original zu sehen sind (vss.).

RAY©
Viel Platz im Hafen 2
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte mit Auslauf | Hafen 2

Sheep and Screens

Subkulturelles Biotop - auch in Corona-Zeiten

Sie gehörten zu jenen Kultur- und Gastro-Orten, die im vergangenen Jahr in Corona-Tagen eine Chance hatten, zu öffnen. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen (die jetzt auch in diesem Jahr seit 10. Juni wieder im Programm sind) bis zu den coolen Singern und Songwritern (die ebenfalls seit Mitte Juni wieder vereinzelt auftreten dürfen). Und es gilt für das Ambiente. Nicht von ungefähr tummeln sich hier im Sommer Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open-Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen kann so gerade in Corona-Sommern punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtlinge. Apropos Engagement: Im vergangenen Jahr profitierte »der Hafen« auch vom besonderen Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme fanden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam die Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst später spülten erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett verschoben und fanden erst vereinzelt wieder statt. So startete der Hafen einen Spenden-Aufruf, um auch mit diesen und einigen öffentlichen Geldern über die Runden zu kommen und das alternative Idyll im bau boomenden Hafen zu erhalten. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place-to-be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Mittlerweile lebt auch einen andere Hafen-Tradition wieder auf: die üblichen Fußball-Live-Übertragungen. Wie es dieses Jahr genau aussieht, entscheiden immer wieder die aktuellen Reglements. Was wann in diesen Tagen wieder zu erleben ist, muss man den aktuellen Ankündigungen entnehmen … (vss.).


Lido & Luisenplatz – wohnzimmern wider Viren und andere Eindringlinge
Quelle: Sibylle Lienhard©

Places to be | Eine Neudefinition

In Wohnzimmer-Atmosphären

Stadt braucht mehr Places (einfach) to be

Place to be – ein Begriff, der längst viel zu inflationär genutzt wird. Und bei dem man sich außerdem fragt, ob das, was dahinter steht, eigentlich erstrebens- und anstrebenswert ist. Vielleicht wäre es sinnvoller, ihn auch einmal neu zu definieren – um ihn dann wenigstens mit Sinn inflationär und sehr viel individueller zu nutzen. Nicht als der Platz, wo man/frau sein sollte. Sondern vielleicht mehr als der Platz oder die Plätze, um schlicht und einfach »zu sein«. Place to be in diesem besten Wortsinn ist sicher der Frankfurter Luisenplatz. Überhaupt einer der faszinierendsten Plätze dieser Stadt, ist er im Herzen des Frankfurter Nordends fast so etwas wie das Wohnzimmer des Viertels. Mehr zumindest als der unweit entfernte Friedberger Platz, den viele – nicht Nordendler – dafür halten.

Jener kreisrunde leicht erhöhte Luisenplatz also, auf und an dem die Menschen in diesen Tagen oft in Kleinstgrüppchen beieinander stehen oder auf Bänken, Stufen oder schlicht auf dem Boden sitzen. An dem manchmal abends völlig unspektakulär ein Stand up-Konzert stattfindet, dem diese Menschen dann spontan auf dem Platz verstreut in der Sonne lauschen. An dem in guten Tagen sich auch abends am Wochenende mal die Jugendlichen sammeln, in den wenigen Momenten, die ihnen bleiben in dieser Jugend; und doch mit sehr wenigen Ausnahmen oft verantwortlicher als unweit an besagtem Friedberger Platz. Der Platz, zugleich der Platz vor dem Lido, dem wohl wohnzimmermäßigsten Café dieses Viertels, vielleicht dieser Stadt. Dort, wo durch das Rund des Platzes die Sonne abends am längsten weilt. Das erstaunlicherweise noch nicht von »neuen Nordendlern« okkupiert wurde, das irgendwie fast so etwas wie eine unsichtbare Hülle umgibt; als letztes Refugium, obwohl so offen und mitten auf dem Präsentierteller. Nicht, dass man dort – in (sehr) maßvoller Zahl – nicht aufgenommen würde. Aber irgendwie so, dass keiner sich traut, die magische Hülle zu durchbrechen und es einfach zu gentrifizieren. Ein kleines gallisches Café, wenn man so will. Das Wohnzimmer im Wohnzimmer. Dort, wo man bis vor Corona an der Toilette noch den Hinweis fand, dass hier jeder hineindürfe – und das Sparschwein nur dezent danebenstand. Und wo in Corona-Zeiten tatsächlich Listen geführt wurden – nicht anonyme Mickey-Mouse-Zettel; Kunststück, im Wohnzimmer kennt man seine Pappenheimer*innen. Dies alles also ein Platz, der buchstäblich rund ist. Ein Platz, der selbst auf magische Art ungewöhnliches anzieht, etwa eine der besten Eisdielen der Stadt, die erst kurz vor Corona am Rande eröffnete. Ein Platz wie eine Blaupause, wie Leben in dieser Stadt auch in Corona-Zeiten funktionieren kann – und funktionieren sollte. Und eigentlich auch ganz sicher nicht nur in Corona-Zeiten, hier und überhaupt in einer Stadt. Solche wahren places to be braucht man/frau immer; wenn auch besonders in diesem kommenden Sommer …

So gesehen ist dieser Luisenplatz ganz bestimmt ein besonderer Platz dieser Art in dieser Stadt. Doch eigentlich gibt es gar nicht so wenige solcher Plätze. Unweit etwa der Platz vor der Lutherkirche. In den Wallanlagen nahe dem Eschenheimer Turm der Bürgergarten. Oder ein ganz beliebiges Stück Rasen an der Weseler Werft am Mainufer. Orte der Begegnung, des Miteinander. Aber nicht der Massen. Sondern oft selbst gewählt. Die ganze Stadt könnte aus solchen Orten bestehen – und sie wären sicherer als jedes Opern- und Friedberger Pendant. Weil sie eben die ganz anderen, die ungenannten places to be sind. Einfach nur zum Sein und verteilt über die Stadt … (vss.).

Sibylle Lienhard©
Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte mit Auslauf | Trinkhallen

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Wasserhäuschen sind Kult. Und in Corona-Zeiten fast schon »systemrelevant«. 

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Monaten jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 1,50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte (auch wenn mit zunehmender Lockerung nicht wenige es auch lockerer mit Müll und Lautstärke sahen). Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die 2017 sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach rund acht Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).