Alles dabei: Hof, Dach, Wald und Wiese
Quelle: Freiluftkinofrankfurt, Haus am Dom, Filmfest Weiterstadt, Bilderwerfer©

Viele Open-Air-Kinos

Auf Dächern, in Höfen, im Wald

Freiluftkinofrankfurt, Filmfest Weiterstadt & Co.

»Bilderwerfer« – der Name ist Programm. Nein, nicht dass das Publikum dabei mit Bildern beworfen wird. Diese werden, wie es sich für ein gutes Filmprogramm gehört, an die Leinwand geworfen. Diese steht auf der großen grünen Wiese vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof, welche zugleich der Tummelplatz für unzählige corona-gerechte Picknickdecken ist, auf denen sich ein buntes Publikum für eines der charmantesten Filmfestivals der Region niederlässt. Manche bringen auch Stühlchen mit (die man/frau dann aber eher am Rande aufbauen sollte), andere Weinflaschen und ein komplettes Picknick. Die »Bilderwerfer« sind eine der vielen großen und kleinen Filmhappenings, die in diesen Wochen als Reihen oder als mehr oder minder kohärente Festivals daherkommen. Und ob auf Dächern, in Hinterhöfen, auf Wiesen oder sogar (fast) mitten im Wald – FrankfurtRheinMain hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Zu den Klassikern zählen neben den Bilderwerfern – übrigens als eines der wenigen mit freiem Eintritt – auch das »Freiluftkinofrankfurt« im Alten Polizeipräsidium und das »Kino auf dem Dach« im oder genauer auf dem Haus am Dom, beide in Frankfurt. Doch es gibt auch Newcomer wie das ebenfalls auf Dächern spielende »High Rise Cinema« auf wechselnden Dachterrassen der Mainmetropole. Nicht ganz neu, aber immer wieder gerne gesehen, ist der »Filmsommer Mainz«, der traditionell hoch oben über der Stadt an der Zitadelle startet. Ebenfalls nicht ganz neu, aber auch noch nicht so bekannt, ist »Kino e Vino«, das ab Anfang August immer mal wieder den Hof der Parkside Studios in Offenbach bespielt. Nomen est omen: Es gibt Filme und Wein. Für den Geheimtipp unter den Freiluftkinos der Region allerdings muss man sich schon ein wenig aufmachen. Mitte August lädt das Filmfest Weiterstadt zum mittlerweile 46. Mal auf seine Lichtung am Waldrand von Weiterstadt bei Darmstadt. An fünf Tagen gibt es dort dafür dann allerdings wie jedes Jahr Kurzfilme satt – und das zuweilen auch noch bis tief in die Nacht. Immerhin: Zum Programmende steht jeweils ein kostenloser Shuttlebus aus der Wildnis zurück nach Darmstadt bereit … (vss.).

Freiluftkinofrankfurt, Haus am Dom, Filmfest Weiterstadt, Bilderwerfer©
Vom 21.07. bis 20.08.: Holidays am Montez - große Bühne und Experimentierfeld
Quelle: Norbert Krampf©

Orte & Menschen | Das Montez

Kunstverein mit Concert Hall

Das Montez und die Holidays-Sommerkonzerte

Kaum ein anderer Stadtteil Frankfurts hat sich in den letzten Jahren mehr gewandelt als das Ostend. Als mit Einzug der EZB dann die Osthafenbrücke gebaut wurde, musste auch die alte Honsellbrücke auf dem Weg dorthin runderneuert werden. So wurde der Raum unter den Rundbögen zur neuen Heimat des Kunstvereins Familie Montez. Und drumherum entstand der Hafenpark mit seinen Skateanlagen und Sportmöglichkeiten. Kunst, Kultur und junge Leute wurden Nachbarn. ​Das Montez mittendrin wurde für die Frankfurter*innen fortan zu einem Ort, zu dem man am Main entlang spazieren, mit Fahrrad oder auf Skates unterwegs sein kann, an dem man eine Pause bei Kaffee und Kuchen einlegen kann – und ganz nebenbei ohne Schwellenangst aktuelle Kunstausstellungen von Frankfurter und internationalen Künstler*innen anschauen kann …

Und seit letztem Jahr ist »das Montez« um eine Attraktion reicher. Schon letzten Sommer verwandelte sich die gepflasterte Terrasse vor den Rundbögen zur Konzertbühne. Die Treppenstufen hoch zur Brücke dienten als Sitzreihen, meist gab es noch aus gestapelten Bierkisten gebastelte Hocker, dazu noch Sitzkissen mit Montezdesign. Die Idee findet dieses Jahr ihre Fortsetzung. Fünf Wochenenden lang laden bei freiem Eintritt die »Holiday«-Konzerte mit deutschen und internationalen Musikern und DJs. In hoher Qualität, wofür schon die Tatsache sorgt, dass es sich bei den gut vernetzten Initiatoren teils selbst um ausgezeichnete Musiker handelt. Die Idee stammt nämlich von »Jazz Montez«, einer Gruppe Musiker und Jazzfans um Lorenzo Dolce und John Steinmark, sowie Mirek Macke, dem Betreiber des Kunstvereins, die frischer Musik mit Bezügen zum Jazz eine Plattform bieten wollten – und seither junges Publikum und altgediente Jazzer zusammenbringen. Die Konzerte sind keinesfalls gefällig, zuweilen überraschend und oft mit dem Potential, von einzelnen Akteur*innen in den nächsten Jahren öfter mal zu hören. Wem es auf der Treppe allerdings bereits zu eng ist, der begebe sich zu den Zaungästen nach oben auf die Brücke. Von dort schweift der Blick obendrein nicht nur über die Bühne, sondern gleichsam weiter über den Hafenpark und die EZB, im Hintergrund stets die Skyline mit ihren Brücken und Türmen, hinter denen vielleicht sogar gerade noch die Sonne über Frankfurt untergeht. Derweil der steinerne Panther am Rande des Brückengeländers gelassen in Richtung Bühne, auf das muntere Treiben und auf den Main schaut … (sfl.).

Norbert Krampf©
Viel Platz im Hafen 2
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Hafen 2

Sheep and Screens

Subkulturelles Biotop par excellence

»Soziokulturelle Zentren«, in denen meist mehr oder weniger alternativ angehaucht Kultur und Gesellschaft zusammenkommen, werden für eine offene und demokratische Kultur im Lande immer wichtiger. Ein solches Zentrum par excellence ist der Hafen 2 in Offenbach.  

Sie gehörten zu jenen Kultur- und Gastro-Orten, die selbst in heftigeren Corona-Tagen eine Chance hatten, zu öffnen. Zumindest, wenn nicht alles geschlossen war. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen bis zu coolen Singern und Songwritern. Und es gilt für das Drumherum. Nicht von ungefähr tummeln sich hier im Sommer Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Nicht von ungefähr hatte sich Hessen Kulturministerin Angela Dorn kürzlich eben diesen Hafen 2 ausgesucht, um die Verdoppelung der Fördermittel für soziokulturelle Zentren im Lande auf rund zwei Millionen Euro zu verkünden. Nun hat man zwar zuweilen den Eindruck, dass ganz Offenbach mit seinem gerade eröffneten »UND«, den »Kunstansichten« sowie anderer Events ein einziges soziokulturelles Zentrum ist. Doch für »den Hafen« gilt dies besonders. Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen konnte so gerade in Corona-Sommern punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtende. Apropos Engagement: Im Jahr 2020 profitierte der Hafen auch vom besonderen Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme fanden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam die Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst später spülten erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett verschoben und fanden erst vereinzelt wieder statt. So startete der Hafen einen Spenden-Aufruf. Der brachte mehrere Zehntausend Euro ein – und den Hafen 2 schließlich zusammen mit einigen öffentlichen Geldern in den letzten beiden Jahren doch über die Runden. Wobei es zwischenzeitlich allerdings auch schon mal sehr knapp wurde …

Seit Anfang März hat »der Hafen« nun auch in diesem Jahr wieder geöffnet, unterstützt auch aus dem aufgestockten Etat des Landes und getragen von seinen vielen Fans. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place to be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Vor allem Konzerte und kleine Ausstellungen können dort immer wieder stattfinden. Zwischenzeitlich lebt immer auch mal wieder eine andere Hafen-Tradition auf: die üblichen Fußball-Live-Übertragungen, meist zu EM oder WM gibt es dann im Schuppen ein Public Viewing. Ein Stück weit ist Hafen 2 aber immer auch Impro-Theater: Was wann so zu erleben ist, muss man stets den aktuellen Ankündigungen entnehmen – egal ob die für das Virus oder die für das Wetter … (vss.).

Catalina Somolinos©
The Cube von Jens J. Meyer
Quelle: Internationaler Waldkunstpfad©

Orte & Menschen | Darmstadt

Zur Kunst in den Wald

Der Internationale Waldkunstpfad

In Europa lebten die Menschen ja bekanntlich vornehmlich im Wald. In manchen Ländern wie Österreich gäbe es sogar ganze »Waldstädte«. Zugegeben: Das war ein Gerücht, in die Welt gesetzt von einem einst im Weißen Haus residierenden einschlägigen Europa-Experten, der noch dazu Fachmann für Gerüchte und Fake News war. Doch so ganz Fake war diese News dann ausnahmsweise mal doch nicht. Zwar scheint an den Waldstädten wenig dran zu sein. Aber ein Internationales Waldkunstzentrum gibt es sehr wohl in Europa. Und das liegt im Wald bei Darmstadt. Und das ist durchaus renommiert, war es doch das erste seiner Art, das auch bereits Nachahmer in China, den USA und sogar in Österreich gefunden haben soll (was vielleicht auch das Gerücht wiederum erklärt).

Nun, mit Venedig oder der Documenta kann das seit nunmehr bereits zwei Jahrzehnten bestehende Zentrum mit dem zugleich ersten Internationalen Waldkunstpfad noch nicht mithalten. Doch eine Biennale gibt es auch im Wald bei Darmstadt. Zuletzt trafen sich im Corona-Jahr 2020 internationale Künstler*innen. Die damalige Artist-in-Residence, die US-Amerikanerin Regina Walter, und weitere 15 Künstler*innen aus sieben Ländern füllten das Biennale-Motto »Kunst/Natur/Identität« mit Leben und mit zahlreichen Installationen, Performances und BankART. Da man im Waldmuseum nicht dazu neigt, nach einer Biennale alles wieder wegzuräumen, kann man seit Frühjahr die Werke von damals auf eigenen Führungen oder auch einfach so derzeit wieder besichtigen. Zugleich kündigen sich die Vorboten der nächsten, der Jubiläumsbiennale unter dem Motto »Kunst/Natur/Wandel« an. Dabei soll es nicht nur um Klima-, sondern auch um sozialen und digitalen Wandel gehen. Letzterer ist auch im Waldkunstzentrum und auf dem zugehörigen Pfad eingekehrt. Gemeinsam mit dem Verein »Kultur einer Digitalstadt« wird das Ganze nun erstmals auch digital vermessen und digitalisiert. Zum einen, um den Waldkunstpfad auch im Netz zugänglich zu machen. Zum anderen, um eingeladenen Künstler*innen auch ein Vorbereiten oder sogar Gestalten ihrer Werke aus der Ferne zu ermöglichen. Der Fokus soll allerdings weiterhin darauf liegen, ein realer Ort der Begegnung zu sein, Natur, Kunst und Menschen zueinander zu bringen; in diesem Jahr sogar erstmals mit einem »Jungen (Kunst-) Wald«, den Schulklassen gestaltet haben. Ach ja, schlecht besucht ist das »Waldmuseum« auch nicht gerade. Bis zu 200.000 Menschen sollen sich dort pro Jahr einfinden. Deutlich weniger zwar als im Städel, der Schirn oder dem Senckenberg-Museum in Frankfurt, aber ebenso deutlich vor dem Historischen Museum, dem für Angewandte und erst recht dem für Moderne Kunst. Und das sind denn in der Tat keine Gerüchte … (sfo.).

Internationaler Waldkunstpfad©
Von Allem etwas: Populäres, Politik, Poesie und Pop
Quelle: Stoffel / Riviera / Poesie im Park / vs.©

Viele regionale Festivals

Alles muss und soll auch raus

Stoffel & Sommerwerft, Parkpoesie & Riviera

Sommer ist Festivalzeit. Nicht erst seit Corona heißt es in diesen Wochen: Alles muss und alles soll raus an die frische Luft. In Frankfurt manifestiert sich dies in diesen Tagen vor allem an zwei Orten: am Main und im Günthersburgpark. Dort liefern sich die beiden Festival-Klassiker der Stadt quasi ein Fernduell. Am Main hat einmal mehr die Sommerwerft ihre Zelte aufgeschlagen (auch wenn diese seit Corona vor allem Bühnen geworden sind und ansonsten nur noch ein luftiges Beduinenzelt übriggeblieben ist). Zwei Wochen lang beleben wieder Straßentheater und Konzerte das Mainufer, engagiert, alternativ, spektakulär und zuweilen schräg. Das diesjährige Motto lautet: Human Rights – Geschichten über das Mögliche. Das Konkurrenzprogramm ist das eher traditionelle Stoffel – kurz für Stalburg Theater Offen Luft – auf den Wiesen des Günthersburgparks, das nach einer Corona-Pause in diesem Jahr wieder mit Kabarett und Konzerten lockt. Eines haben beide gemeinsam: Sie ziehen an guten Tagen Tausende Menschen auf ihre Plätze. Und seit diesem Jahr gibt es noch eine Gemeinsamkeit: Während zur Sommerwerft schon immer der kultige Sonntags-»Flowmarkt« (an allen drei Sonntagen) gehörte, startete der Stoffel erstmals mit einem Nachtflohmarkt. Na ja, genau genommen einem Abend-Flohmarkt, von 18 bis 22 Uhr am zweiten Montag …

Neben den beiden Klassikern gibt es auch in diesem Jahr wieder viele andere kleinere Freiluftfestivals sowohl in Frankfurt als auch in der gesamten Region. Wenn Corona bisher etwas Gutes mit sich brachte, dann zumindest die großzügigen finanziellen Förderungen solcher Open-Air-Festivals. In Frankfurt bespielt etwa als weiterer Klassiker erneut die Dramatische Bühne den Grüneburgpark. In Wiesbaden hat sich in den letzten Jahren das »Poesie im Park« als vielseitiges Festival für die ganze Familie etabliert. In Oberursel geht der ebenfalls längst fest im Kalender verankerte »Orscheler Sommer« in eine erneute Saison. In Rüsselsheim dient einmal mehr der Adamshof in den alten Opelwerken als Kulisse für einen »Kultursommer«. Hanau feiert seinen schon etablierten (35.) »Kultoursommer«. »Kultursommergärten« sind hingegen das seit dem vergangenen Jahr etablierte Format der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Und last but not least hat auch Offenbach Anfang September noch sein passendes Festival. Analog zum selbstgewählten und -ironischen Stadt-Claim »Offenbach am Meer« gibt es entlang des Mainufers an verschiedenen Locations noch das »Riviera-Festival« für die Club- und Popkultur. Viele gute Gründe also, zumindest nach Stoffel und Sommerwerft auch noch mal die Region zu erkunden. Zumal die Liste damit noch lange nicht beendet ist … (ver.).

Stoffel / Riviera / Poesie im Park / vs.©
Das und der Orange Beach
Quelle: Olaf Gries©

Orte & Menschen | Orange Beach

Strand-Oase zum Guten Zweck

Olaf Gries und sein kleines Strand-Kiosk am Main

Es liegt ein wenig abgelegen vom Trubel der Stadt, eingerahmt von einem Industriekomplex und zwei Eisenbahnbrücken, draußen am Griesheimer Mainufer. Ein ausgebautes Kiosk mit Bierbänken, einer Bühne und einem Mini-Beach, inklusive Strandkorb und Liegestühlen. Und über der Eingangstür befindet sich ein Schild mit einem selbstironischen und vielsagenden Graffito: »Hot Beer / Lousy Food / Bad Service / Welcome / Have a nice Day«. Das liest sich wie das Gegenkonzept zum unweit entfernten Frankfurter Westhafen, der mit feingeschliffenem Design und Lounge-Optik ein geldkräftiges Publikum anspricht. Und es ist auch genau so gemeint …

Das »Orange Beach« ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Trinkhallen Frankfurts. So ungewöhnlich, wie die Geschichte des Schildes über der Tür und der des Inhabers dieses Beach-Kiosks. Olaf Gries, der den Ort seit 2006 betreibt, hat es einst in Gambia machen lassen. Dorthin verschlägt es ihn regelmäßig, weil er dort eine Schule unterstützt. Angefangen hat das um 2010/2011 herum, sagt er. Damals ist er mit einem Sack voll Trinkgeld in das westafrikanische Land gereist, auf der Suche nach einem Projekt, das er unterstützen konnte. Am liebsten etwas mit Kindern. So ist er bei der Jalangban Nursey School ein paar Kilometer hinter Brikama gelandet und hat seitdem eine Mauer um das Schulgelände sowie ein neues Dach mitfinanziert, und hat dabei geholfen, die Einrichtung zu einer Ganztagsschule zu machen. Nur vor Ort könne man wirklich helfen, indem man sich auf Land und Leute einlässt, sagt Gries. Für ihn sei das die einzige Alternative für die fehlgeleitete Entwicklungshilfe mit öffentlichen Geldern.

Genauso einfach wie sein Konzept für die private Entwicklungshilfe ist sein Konzept für den Orange Beach. Es ist ein einfacher Ort für die einfachen Leute. Ein Ort, wohin »der Frankfurter« und »die Frankfurterin« gerne rausfahren und einfach sein können. Sich auf die Leute einlassen. Geld nimmt Gries vor allem mit Konzerten ein, die hier immer wieder mal sonntags oder abends stattfinden, und mit privaten Buchungen für Betriebsfeiern, Hochzeiten und was es sonst für Anlässe zum Feiern gibt. Was er an Equipment da hat, kann genutzt werden. Außerdem sind die Gruppen frei, die Fläche zu nutzen, wie sie möchten – ob mit feinen weißen Tischdecken oder einem Parcours für Trinkspiele. Nur corona-konform sollte es natürlich sein. »Beim Olaf« ist beinahe alles möglich. Ihm geht es um die Menschen – hier ebenso wie in Gambia. Oder, wie es ein Stammgast einmal einem Fernsehsender gesagt hat: »Egal wer hier reinkommt. Der Olaf behandelt jeden gleich …«. Hier, in seiner kleinen Strand-Oase am Griesheimer Mainufer. Da, wo Frankfurt noch ein Stück weit zu Hause ist … (ojs.).

Olaf Gries©
Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Trinkhallen

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Monaten jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 1,50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte (auch wenn mit zunehmender Lockerung nicht wenige es auch lockerer mit Müll und Lautstärke sahen). Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die einmal im Jahr sogar den »Frankfurter Wasserhäuschentag« feiert. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute mittlerweile ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die normalerweise einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).