Ausschnitt aus dem Film »Clara Sola«, der in Costa Rica spielt
Quelle: DFF / Verleih©

Filmreihen

2 x über Filme nachdenken

Filme zu Umwelt (DA) & Globalem Süden (F)

Neben »Atlantis Update« in Wiesbaden (Link) gibt es in der Region aktuell noch zwei weitere Filmreihen, die einen etwas anderen Blick auf die Welt und die Umwelt vermitteln. In »Southern Lights« im Kino des Frankfurter Filmmuseums geht es um die Welt außerhalb unseres Landes. »Kino des Globalen Südens« lautet der Untertitel der kleinen kompakten Reihe an vier Tagen Ende Oktober. Es geht dort zum Beispiel um ein Orchester in Kongo, um ein Flüchtlingslager in Jordanien, um einen Polizisten in Brasilien und eine Medizinerin in Bangladesh oder um einen Roadtrip durch den Iran. Vor allem aber geht es um Beziehungen, in denen sich diese Menschen befinden, die sie sich wünschen oder die sie bekämpfen. Umweltthemen sind hingegen der Schwerpunkt einer Filmreihe von Transition Town Darmstadt, die einmal im Monat im dortigen Programmkino Rex zu sehen ist. In den einzelnen Filmen geht es um Green Washing, das »geheime Leben« der Bäume oder um Selbstversuche mit ökologischer Landwirtschaft. Filme, die oft spielerisch von einer etwas anderen Welt erzählen, allerdings auch keineswegs nur in Deutschland spielen. Bei dieser Reihe ist der Eintritt frei (sfo.).

DFF / Verleih©
Eine künstlerische Aufarbeitung vor und von Micas Kultgalerie Perpétuel
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Orte & Menschen | Perpétuel

Die kleine Städel-Schule

»Micas« kleines Zuhause Frankfurter Künstler

2017 feierte die altehrwürdige Frankfurter Städel-Schule ihr 200-jähriges Bestehen – und sah dabei schon etwas alt aus. Die Auswahl geladener Ehemaliger wirkte sehr selektiert, und auffällig wenige Studierende und nicht-professorale Mitarbeiter*innen waren zu sehen. Wobei die Städel-Rundgänge und Absolventen-Arbeiten jener Zeit allerdings auch nahelegten, dass es offenbar wenig zu feiern gab und gibt. Am meisten verblüffte aber, dass in der Schule niemand auf die naheliegende Idee kam, eine Ausstellung mit Ehemaligen und ihren Arbeiten zu machen. Das ermöglichte dem Frankfurter Fast-Nebenbei-Galeristen Milorad Prentovic einen Coup: die kleine, aber feine Ausstellung »200 Jahre. 200 Künstler«. Am Ende waren tatsächlich fast 200 Künstler*innen zu sehen. Wenn auch nicht aus 200 Jahren. Doch die Schau vereinte in den zwei kleinen Räumen einen Steinwurf von der Schule entfernt annähernd 200 Ehemalige aus den letzten Jahrzehnten und war mit Werken von Anny Öztürk und Bea Emsbach bis Yasuaki Kitagawa und Günter Zehetner geradezu ein Who is who aus guten Tagen der Schule. Und zeigte eindrucksvoll, welche Qualität in den letzten Jahrzehnten in der Frankfurter Vorzeige-Institution produziert wurde …

Dass ausgerechnet Milorad – kurz »Mica« – Prentovic in seiner kleinen Galerie Perpétuel diese große Ausstellung zeigte, kommt aber nicht von ungefähr. Mica ist – wenn es so etwas gibt – eine Art »Artoholic« mit einem besonderen Draht zu Ex-Städelschülern. Seit rund zwei Jahrzehnten betreibt er nach zwei kleinen Galerien in Belgrad und Dubrovnik nun die beiden Ausstellungsräume direkt neben seinem nicht minder kleinen Studio als Bilderrahmenbauer. Weit über 100 Ausstellungen waren dort bereits zu sehen, stets nach persönlichem Gusto Micas (Lieblingssatz: »Ein toller Künst­ler, mag ich sehr!«) ausgewählt und scheinbar einfach ausgestellt. Etwas Kunst, etwas Wein, viele Menschen – So lautet zumindest vor Corona die oft simple Devise. Nun mochte man in frühen Jahren manchmal noch über die Qualität der Kunst streiten. Doch das Besondere war immer, dass er es schaffte, den kleinen Off Space zu einem Zuhause Frankfurter Künstler*innen und ihrer Freunde zu machen. Und zwar nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als Ort, an dem viele von ihnen wie in einer Familie zusammenkommen und sich an Vernissage-Abenden in und vor den Räumen beim Rotwein treffen. Nicht von ungefähr musste Mica für die 200-Jahr-Ausstellung »nur« aus seinem Fundus schöpfen. Oder seine Freunde fragen – wie auch immer man es nimmt. Steter Tropfen höhlte und höhlt offenbar noch immer den Stein. In diesem Falle übrigens doppelt: Früher gab es einmal das teils böse, teils liebevolle Bonmot, dass es bei Mica (fast) die schlechteste Kunst und (fast) den besten Rotwein gäbe. Die erste Hälfte stimmt schon lange nicht mehr, doch der Rotwein ist trotzdem nicht schlechter geworden. Apropos: Es passte übrigens zu Mica und der ungewöhnlichen Galerie, dass die 200er-Ausstellung mehrfach verlängert wurde – am Ende sogar noch weit über die Finissage hinaus … (vss.).

Hans-Jürgen Herrmann©
Viel Platz im Hafen 2
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Hafen 2

Sheep and Screens

Subkulturelles Biotop par excellence

»Soziokulturelle Zentren«, in denen meist mehr oder weniger alternativ angehaucht Kultur und Gesellschaft zusammenkommen, werden für eine offene und demokratische Kultur im Lande immer wichtiger. Ein solches Zentrum par excellence ist der Hafen 2 in Offenbach.  

Sie gehörten zu jenen Kultur- und Gastro-Orten, die selbst in heftigeren Corona-Tagen eine Chance hatten, zu öffnen. Zumindest, wenn nicht alles geschlossen war. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen bis zu coolen Singern und Songwritern. Und es gilt für das Drumherum. Nicht von ungefähr tummeln sich hier im Sommer Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Nicht von ungefähr hatte sich Hessen Kulturministerin Angela Dorn im Frühjahr eben diesen Hafen 2 ausgesucht, um die Verdoppelung der Fördermittel für soziokulturelle Zentren im Lande auf rund zwei Millionen Euro zu verkünden. Nun hat man zwar zuweilen den Eindruck, dass ganz Offenbach mit seinem Stadtprojekt »UND«, den »Kunstansichten« sowie anderer Events ein einziges soziokulturelles Zentrum ist. Doch für »den Hafen« gilt dies besonders. Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen konnte so gerade in Corona-Sommern punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtende. Apropos Engagement: Im Jahr 2020 profitierte der Hafen auch vom besonderen Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme fanden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam die Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst später spülten erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett verschoben und fanden erst vereinzelt wieder statt. So startete der Hafen einen Spenden-Aufruf. Der brachte mehrere Zehntausend Euro ein – und den Hafen 2 schließlich zusammen mit einigen öffentlichen Geldern in den letzten beiden Jahren doch über die Runden. Wobei es zwischenzeitlich allerdings auch schon mal sehr knapp gewesen sein soll …

Seit Anfang März hat »der Hafen« nun auch in diesem Jahr wieder geöffnet, unterstützt auch aus dem aufgestockten Etat des Landes und getragen von seinen vielen Fans. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place to be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Vor allem Konzerte und kleine Ausstellungen können dort immer wieder stattfinden. Zwischenzeitlich lebt immer auch mal wieder eine andere Hafen-Tradition auf: die üblichen Fußball-Live-Übertragungen, meist zu EM oder WM gibt es dann im Schuppen ein Public Viewing. Ein Stück weit ist Hafen 2 aber immer auch Impro-Theater: Was wann so zu erleben ist, muss man stets den aktuellen Ankündigungen entnehmen – egal ob die für das Virus oder die für das Wetter … (vss.).

Catalina Somolinos©
Nukleus für ein Stück gemeinsamer Stadtkultur
Quelle: Wüstenrot Stiftung.©

Orte & Menschen | OHDK

Der kleine Kulturcampus

Frankfurts Offenes Haus der Kulturen

Während die Stadt Frankfurt seit einem Jahrzehnt die Vision vom »Kulturcampus« hegt und pflegt, haben sich die Initiator*innen des »Offenen Hauses der Kulturen« (OHdK) schon einmal auf den Weg gemacht. Im und um das noch nicht ganz ehemalige Studierendenhaus entsteht derzeit zumindest ein »Kulturcampus en miniature«. Diverse Initiativen versuchen, Stadtentwicklung von unten voranzutreiben: mit selbst verwaltetem Platz für Kultur und Soziokultur, gemeinschaftlichem Wohnen, Urban Gardening- und anderen Pioniernutzungen.

Das große Transparent, das am ehemaligen Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim befestigt ist, flattert im Wind. »Fighting for a future for all« steht darauf geschrieben. Sowie die Worte »Offenes Haus«. Zumindest ein Versprechen. Denn ansonsten ist es ruhig auf dem Gelände unweit der Bockenheimer Warte, das an diesem Vormittag wirkt als sei es im Dornröschenschlaf. Das aber ist nicht jeden Tag so. Vor ein paar Wochen war hier alles ziemlich belebt. Hunderte Menschen, viele Jugendliche, die »Fridays for Future« nach ihrer Klima-Demonstration genau hierhin zusammenbrachte. Die hier fröhlich campierten, diskutierten, tanzten, aus der Suppenküche mit geretteten Lebensmitteln versorgt wurden. Oder ein paar Tage später drinnen in der alten Aula, die zuweilen auch dem Studi-Kino Pupille als Vorführraum dient. Da waren es einige Dutzend Menschen, die auf einer Stadtteilversammlung die Zukunft diskutierten. Auch lädt an diesen Ort mal das Frauenfilmfestival Remake oder die eine oder andere Initiative für LGBT-Rechte oder Geflüchtete ebenso wie ein Kongress zu Urban Commons oder eine Soli-Party für Mietentscheide …

Wenn der Platz also so ruhig in der Sonne liegt, täuscht dies schon etwas. Auch wenn hier beileibe noch nicht so viel los ist, wie sich die Betreiber*innen vom Offenen Haus das wünschen würden. Das »Offene Haus der Kulturen« ist so etwas wie die Vorhut des Kulturcampus, vielleicht sogar die Avantgarde (wenn das nicht für die Betreiber*innen wohl viel zu elitär klänge). Auf jeden Fall ein soziokulturelles Zentrum, wie das heutzutage so heißt. Oder der Versuch, eines zu werden rund um das Anfang der 1950er Jahre als Studierendenhaus der Goethe-Universität eröffnete Gebäude, das von dem Architekten Otto Apel entworfen wurde. »Am Anfang – also vor rund zehn Jahren – stand die Vision, diesen besonderen Ort zu erhalten«, erzählt Tim Schuster, einer der Initiatoren. Neben dieser Idee entstand aber rasch der Gedanke, dass die Stadt zentrale Orte benötigt, an denen Partizipation möglich ist. »Wir als Gesellschaft«, so Schuster, »brauchen solche Orte, an denen Leute zusammenkommen und gemeinsam etwas entwickeln können. Menschen haben das Bedürfnis, ihre eigenen Orte zu gestalten und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen«. Wobei auch eine Rolle spielt(e), dass der seit Jahren durch die Stadtpolitik und durch Bockenheim wabernde »Kulturcampus« wohl ohne nachdrückliche Initiativen vor Ort auch kaum von der Stelle käme …

Dass hier nun wenigstens ein »Kulturcampus en miniature« auf den Weg kommt, wurde möglich durch den Wegzug der Universität ins Westend sowie durch die Idee, das Gelände des Campus Bockenheim zu einem Kulturcampus zu entwickeln. Konkret bedeutet(e) dies, einen Ort zu gestalten, an dem Kultureinrichtungen und bezahlbare Wohnungen einen Platz finden sollten. Ein lebendiges kulturelles Herz für den Stadtteil sozusagen. Doch so richtig von der Stelle kommt das Ganze nicht, was nicht nur daran liegt, dass noch keineswegs alle Bereiche der Universität schon ins Westend gezogen sind. Dennoch stehen viele Räume auf dem Gelände leer, auf dem sich früher tausende Studenten tummelten, gemeinsam Kaffee getrunken und sich ausgetauscht haben. Die Wiederbelebung der Flächen für die Stadtgesellschaft ist nun Ziel des Offenen Haus. Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt nebenan ist bereits auf dem Weg, eine Reihe unterschiedlicher Initiativen haben bereits im ehemaligen Studierendenhauses Obdach gefunden. Ein Café gibt es, Filme und Konzerte, Raum für Diskurs, Kultur und Rückzug. Nun soll das Drumherum ausgebaut werden. »Pioniernutzung« nennen sie das; implizierend, dass nach Pionier*innen eben mehr kommt. So soll es schon Ende April auf dem Platz mit Urban Gardening losgehen. Auch ein Skater-Park soll umgesetzt werden. Das Hochhaus nebenan hat man ebenfalls im Blick. Leere Büroräume könnten erst einmal Geflüchteten aus der Ukraine neue Heimat geben. Später könnten dort Wohnen, Kultur und Soziales heimisch werden und sich miteinander verweben. Überhaupt lebt das OHdK von der Beteiligung vieler Akteur*innen und Initiativen, die gemeinsam daran arbeiten, welche Möglichkeiten sich auf dem Gelände für die Stadtgesellschaft umsetzen lassen. Als das Studierendenhaus 1953 seine Türen öffnete, entstand ein Ort des demokratischen Aufbruchs – in einer Zeit des Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland. Diesen Geist zu erhalten, wo in den vergangenen Jahrzehnten politisch wie kulturell viel passiert ist, und ihn in die Zukunft zu führen, ist das Anliegen des Offenen Hauses. Es soll ein Ort des Aufbruchs und der Vielfalt bleiben, an dem Themen der Gegenwart mit Blick auf die Zukunft reflektiert sowie Ideen erarbeitet und umgesetzt werden. Und »offen« meint dabei auch offen. Jede/r sei eingeladen, so Schuster, sich zu beteiligen – ganz gleich, wer die Person sei oder woher sie komme. Das OHdK scheint zumindest auf dem Weg. Ob’s am Ende der Nukleus für den Kulturcampus wird oder nur das schräg-schmückende Beiwerk für ein schickes »Wohnquartier am Kulturcampus« steht noch nicht auf den Wegweisern. Zumindest ist es ein Ort für Stadtkultur und -Gesellschaft … (alf./vss.)

Wüstenrot Stiftung.©
Es bleibt. Und bleibt. Und bleibt.
Quelle: Ute Petermann©

Orte & Menschen | Mainz

Die geduldete Duldung

Alternatives Zentrum Haus Mainusch

Viele, vor allem linke, soziokulturelle Zentren haben oft vor allem ein Problem: die ungewisse Zukunft. Paradebeispiel: das Haus Mainusch in Mainz. Ungewisse Zukunft seit 35 Jahren. Programm machen sie auch – zumindest, wenn nicht gerade Corona ist … 

Auf dem Mainzer Uni-Campus wird es derzeit licht. Nach sechs Jahren Leerstand ist das Wohnheim »Inter I« abgerissen worden. Unweit davon entfernt erging es dem »Sonderbau I« nicht anders. Damit wird der Blick frei auf ein von der Uni selten gesehenes Gebäude: das Haus Mainusch. Verwunschen wirkt es auf die einen, verwahrlost auf die anderen. »Alternativ« ist es auf jeden Fall. Was die einen wiederum positiv meinen, die anderen etwas weniger. Begonnen hat auch hier alles mit einem Leerstand. Das ehemalige Professorenhaus liegt am Rand des Campus und hat eine bewegte Geschichte. Am 8. Juni 1988 verkündete ein Flugblatt: »Seit heute Nacht halten wir, Studenten der Jogu-Mainz das Haus Mainusch besetzt!«. 16 Ausrufezeichen folgten …

Man wolle das Haus als »unabhängiges, offenes Kommunikationszentrum für alle Studenten nutzen«, alternativ zum »Schicki-micki Restaurant Campus«. Das Mainusch war also zunächst Streik-Café – Kultur und Kommunikation statt Kapitalismus. Doch es war auch mehr: Ort für Konzerte, Lesungen, Vorträge, Küche für alle, Frauen- oder Antifa-Café. Wer eine Idee hatte, konnte sie hier umsetzen. Doch die Umdeutung des Hauses fand wenig Anklang bei der Uni-Leitung. Die Besetzer*innen waren jedoch kompromisslos: Keine Einmischung – und das unbefristet. Tatsächlich wurde ein Untermietervertrag mit dem AStA unterschrieben, ein Verein gegründet. 1998 wurde dem Haus das erste Mal gekündigt: ein »Gästehaus« inklusive »Konsumzeile« und Fitnesscenter sollte entstehen. Protest, das Projekt wurde auf Eis gelegt, der Vertrag verlängert. 2000 war es dann ein Straßenbau, der zur Kündigung führte. Richtig durchgeplant war dieser offenbar nicht – wieder wurde die Kündigung zurückgenommen. Zwölf Jahre später der nächste Anlauf. Die nächste Verlängerung kam allerdings mit einer 300%igen Mieterhöhung. 2017 sollte es  schließlich ein Medienhaus werden. Konkrete Pläne – wieder Fehlanzeige. Seine längste Zeit war das Mainusch vor allem »geduldet« – teils halbjahresweise. Aktuell aber zumindest mal bis Mitte 2025. Duldung scheint Programm, das Ganze eine Never-ending-story – positiv wie negativ. Das Schicksal vieler soziokultureller Zentren …

Ach ja, ein Konzept gibt es auch im Mainusch: »Wir versuchen mit dem Haus Mainusch einen diskriminierungs- und hierarchiefreien Ort zu schaffen, einen Freiraum. Das Mainusch ist, was im Mainusch passiert«, so die Mitglieder. Und es lebt davon, dass es belebt wird – auch durch die Bewohner*innen des angrenzenden Bauwagenplatzes. Für viele ist das Mainusch ein Anker auf dem Campus, Schutz- und Freiraum. Frei und geschützt wollen sie es halten. Auch wenn sie gerne in die »Extremisten- und Schmuddel-Ecke« geschoben oder als »Schandfleck« gebrandmarkt werden. Wiewohl sie eigentlich nur ein  linkes, kulturelles Kommunikationszentrum sein wollen. Der Weg des Hauses bleibt aber ein ständiges Auf und Ab. Die Mitglieder beklagen intransparente Kommunikation der Universität. Sei es Einsicht in Baupläne, Mitteilung von Zahlungsbeträgen und Fristen oder schlicht das Fehlen einer festen Ansprechperson. Von Seiten der Universität heißt es, es könne weder von »intransparenter Kommunikation« noch von einer »Problematik« die Rede sein. Das Mainusch stehe auf einer »Vorratsfläche« für eine »eventuell erforderliche bauliche Erweiterung«. Aber auch die Pandemie setzte den Mitgliedern zu. Das letzte Konzert war im März 2020. Ein tiefer finanzieller Einschnitt, denn das Haus wird vorrangig über Getränke bei Veranstaltungen finanziert. Veranstaltungen waren kein Thema mehr, Miete schon. Ob komplett oder teilweise gestundet, erlassen, mit oder ohne oder nur Nebenkosten? Wie viel zu zahlen ist und wann, hat die Universität laut der Mitglieder nicht mitgeteilt. Rücklagen gibt es kaum. Das Haus hangelt sich von Monat zu Monat, Instandhaltungen drängen. Und so bleibt die Sorge, bald nicht über die Mittel zu verfügen, den Betrieb wiederaufzunehmen. Hoffnung für die Zukunft macht den Betreiber*innen vor allem der Blick in die Vergangenheit: Immerhin wird das Haus schon seit 35 Jahren konstant geduldet. Baupläne kommen, das Haus bleibt … (upm.).

Ute Petermann©
Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte & Menschen | Trinkhallen

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Monaten jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 1,50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte (auch wenn mit zunehmender Lockerung nicht wenige es auch lockerer mit Müll und Lautstärke sahen). Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die einmal im Jahr sogar den »Frankfurter Wasserhäuschentag« feiert. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute mittlerweile ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die normalerweise einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).