Urban Artists | Christa Fajen

100 Häuser Frankfurts

Eine Zeichnerin auf der Spur der Stadt

Charakter? Kann ein Haus so etwas wie einen Charakter haben? Dick, dünn, groß, klein, gemütlich, bedrohlich? Christa Fajen hat sich auf die Suche nach den Charakteren der Häuser ihrer Stadt Frankfurt gemacht. Die Zeichnerin und Illustratorin hat sich 100 Häuser der Stadt zum Ziel gesetzt. Häuser, die diese Stadt ausmachen. Häuser, die viele kennen. Häuser, die kaum jemand kennt. Häuser, bei denen manche schon gedacht haben, dass sie doch etwas »Menschliches« an sich haben (auch wenn das sicher eher eine typisch menschliche Projektion ist … eine angenehme oft allerdings …). Und Häuser, die man vielleicht erst mit diesen Zeichnungen entdeckt – real und charakterlich. Angefangen hat alles mit einer Radtour durch die Stadt. Ein Haus an der Seckbacher Landstraße war dem Vernehmen nach das erste, das sie für diese Serie ansprach (wobei sich jede/r in diesem Nebensatz Subjekt und Objekt selbst aussuchen möge). Dann machte sie sich weiter auf die Suche und forderte über eine eigene Website Menschen auf, eigene Vorschläge zu machen. Längst kommen auch Geschichten hinzu. Geschichten der Häuser, wie eines Hauses am Paulsplatz, das im Krieg einer der wichtigsten Zugänge zu den Schutzkellern war. Oder eigene, erlebte Geschichten. Und nach und nach entsteht ein ganz anderes Bild dieser Stadt aus einer ganz eigenen Perspektive. Ob es nun diejenige von Christa Fajen ist oder diejenige der vielen Gebäude, sei den Betrachter*innen selbst überlassen … (vss.).

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Das 1822-Forum: ein Klassiker der Fahrgasse
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Orte & Menschen | Fahrgasse

Kunst im Schaufenster

Frankfurts bescheidene Galerien-Szene

Die Fahrgasse ist so etwas wie das Herz der Frankfurter Galerien-Szene. Und sie war auch im tiefsten Lockdown einer der wenigen Orte in der Stadt, um Kunst nicht nur digital zu sehen. Leider muss man sagen, dass »die Szene« daraus manchmal wenig macht. Immerhin: Drei, vier Orte geben immer wieder Anlass, einmal vorbeizuschauen. Allen voran – nicht nur geographisch, wenn man vom Main her kommt – die Galerie Brigitte Maurer. Die Doyenne dieser Kunst-Straße belegt ein ums andere Mal, dass man auch mit konservativer Kunst innovativ-anspruchsvolle Akzente setzen kann. In vergangenen Jahren ließ sich dies oft an fein-kunstvollen Papierarbeiten sehen, für die sie ein besonderes Händchen zu haben scheint. Eine ähnlich haptisch-sinnliche Note strahlten auch jene Holzarbeiten von Aja von Loeper, Joseph Stephan Wurmer und Paul Diestel aus, die als »Konturen der Natur« Anfang des Jahres bei Maurer zu sehen waren. Ab September präsentiert sie Arbeiten der Frankfurter Künstlerin Friederike Walter.

Den Gegenpol im wahrsten Wortsinn bildet künstlerisch und am anderen Ende der Straße wie so oft Andreas Greulich. Man muss das, was er zeigt, nicht mögen. Aber man muss ihm Respekt zollen, immer wieder eigenwillige Künstler*innen zu präsentieren, die offenbar auch ihre Kundschaft finden. Anfang des Jahres etwa waren es die grell-extravaganten Arbeiten von Tessa Wolkersdorfer. Im Sommer eröffnete Isabel Friedrichs »Bumerang oder das Gedächtnis für Gerüche«. Seither geht es gerade hier im raschen Tempo weiter. Ab September präsentiert Greulich Orakelhaftes von Sebastian Meschenmoser. Doch damit ist man fast schon durch mit dem, was man für eine geballte Galerien-Szene unweit des Museumsufers erwarten würde. Während neben Maurer und Greulich sonst sehr viel einfallslose Gebrauchs-Kunst die Straße füllt, gibt es wenigstens noch drei, vier »Outsider«, welche den Ort immer wieder zumindest beleben und so etwas wie »Szene« ausstrahlen. Zwei davon sind das 1822-Forum und der »Mixer«. Beide hatten in Lockdown-Zeiten auch mal mit Schaufensterausstellungen experimentiert oder die Räume – wenn auch nicht immer originell – halb künstlerisch untervermietet. Auch bei ihnen lohnt es, immer wieder mal einen Blick reinzuwerfen – in die Räume oder in die Schaufenster. Im Mixer etwa läuft in diesem Jahr ein Projekt zur Frage von Kunst und Markt mit Ausstellungen und Symposium, das Forum zeigt derzeit Arbeiten von Isabell Hofmann und Un-Zu Ha-Nul Lee.

Und auch dort, wo die Kunst selbst nur Untermieter ist, gibt es immer wieder etwas zu sehen. Das »Maria«, deren Besitzerin eigentlich Mode verkauft, hält sich immer wieder einmal eine Wand für originelle Zeichnungen frei. Und das »YokYok«, das kleine Kunst-Kiosk, schwankte in Corona-Wochen zwischen Kiosk mit Kunst und Schaufenster-Galerie mit Getränke-Verkauf. Seit Ende des Lockdowns sind Kunst und Getränke wieder gleichberechtigt. Immerhin: Zumindest das Sextett aus Maurer, Greulich, 1822, Maria, Mixer und YokYok lohnt oft einen Abstecher. Egal, ob man im Kunst-Winter durch die großen Schaufenster noch einiges an Kunst auf engem Raum erhaschen konnte – oder wenn sie seit dem Sommer nach und nach auch ihre Pforten wieder an manchen Wochenenden für die Galerien-Rundgänge oder ansonsten für einzelne kleine Kunst-Dates öffneten. Und manchmal findet sich ja auch dazwischen dann doch noch das eine oder andere Kunstwerk … (vss.).

Nachgeschaut | Stadtgalerie

Zu Hause im Grünen

Einblicke in Frankfurter Kleingärten

Die Wartelisten der Kleingartenvereine sind mittlerweile lang. Immer mehr Menschen suchten schon vor Corona und erst recht seit Ausbruch der Pandemie das kleine Refugium im Grünen: zum Rückzug, zum Schaffen, zum Ernten, zum Entspannen. Die Stadtgalerie im Frankfurter Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt warf in diesem Sommer zwei sehr unterschiedliche Blicke auf das Sein dieser kleinen privaten Grünräume. Reinhard Kahn, Frankfurter Fotograf, hat einige Gärten von außen fotografiert. Von dort, wo sie ihren Schutz zur (Um-) Welt haben: meist durch die typischen Zäune mit ihrem Rautenmuster und mehr oder minder dichten Hecken. Er schuf damit kleine Symphonien aus Grün und Licht, hinter denen man das Leben oft nur erahnen kann. Einblicke in dieses Leben gab derweil Stefanie Kösling. Die ebenfalls Frankfurter Fotografin hat die andere Seite der Zäune und Hecken besucht und »die Menschen dahinter« in den Fokus ihrer Kamera genommen. Oder genauer gesagt: das, was die dort tun – oder auch eben nicht tun. Besonders eindrucksvoll sind dabei oft jene Bilder von Stefanie Kösling, die ohne die Menschen auskommen. Die allerdings das Tun und Nichttun dieser Menschen förmlich atmen; in Momenten, in denen diese Menschen gerade einmal für einen Moment den Ort des Geschehens verlassen zu haben scheinen. Unsere Galerie zeigt eine kleine Collage der Bilder von Kahn und Kösling zum Durchklicken. Die Ausstellung war in diesem Sommer nicht nur im Heussenstamm zu sehen. Einige der Bilder der Fotograf*innen waren darüber hinaus auch in den Ausstellungen »Die Stadt und das Grün« im Historischen Museum Frankfurt zu sehen (red.).

Hans-Jürgen Herrmann©
Abendlicher Gang durch die Ausstellungs-Galerie
Quelle: Ruth Luxenhofer©

Orte & Menschen | West Ateliers

Künstler-Schauen im May-Ensemble

West Ateliers und Hellerhofsiedlung in Frankfurt

Das Atelier ist lichtdurchflutet, gelegen in einem früheren Ladengeschäft in der neueren Hellerhofsiedlung im Frankfurter Gallus. Der Laden liegt zur Idsteiner Straße hin und besticht durch die großen Fensterfronten. Wenn die Frankfurter Künstlerin Maike Häusling sich den Blicken vorbeilaufender Passanten entziehen und in Ruhe arbeiten möchte, bestreicht sie das untere Drittel dieser Glasfront allerdings einfach mit Buttermilch. Diese, so erzählt sie, bietet effektiven Sichtschutz – und sei dennoch leicht und ohne Rückstände wieder abzuwaschen.

Maike Häusling ist eine von zehn Künstler*innen, die hier in diesen Ladenlokalen der alten Siedlung ihre Ateliers haben. Die Ladengeschäfte in der zwischen 1929 und 1932 nach den Plänen des niederländischen Architekten Mart Stam (1899 – 1986) gebauten neueren Hellerhofsiedlung im Frankfurter Gallus waren ursprünglich einmal für die Nahversorgung ihrer Bewohner gedacht. Stam gehörte zum Team, das der frühere Stadtplaner, Architekt und Siedlungsdezernent Ernst May (1886 – 1970) für die Umsetzung seines im Jahr 1925 initiierten Wohnungsbauprogramms »Das Neue Frankfurt« zusammenstellte. Hiermit wollte er der Wohnungsnot seiner Zeit entgegentreten sowie Moderne und Funktionalität miteinander verbinden. Bis zum Ende seiner Amtszeit 1930 entstanden durch das Projekt rund 12.000 neue Wohnungen in der gesamten Stadt. Bevor dieser Abschnitt der heute zu den May-Siedlungen zählenden Gebäude der Hellerhofsiedlung errichtet wurde, gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in westlicher Richtung und unweit der Bahngleise gelegen ein großes Bauprojekt: Dort stehen Häuser aus traditionell roten Backsteinen gebaut, in denen einst die Arbeiter der früheren Philipp Holzmann & Cie GmbH lebten. Dieser Teil wird als alte Hellerhofsiedlung bezeichnet.

Wer jetzt durch die neuere Hellerhofsiedlung flaniert, zwischen Frankenallee und Idsteiner Straße, der spürt noch den Geist der Moderne, den Geist von May und seinem Team – diese kubischen Grundformen, die schlicht und seriell aneinandergereiht wirken, sind von einer zeitlosen Ästhetik geprägt. Während die von Mart Stam nach den Prinzipen der kurzen Wege für die Nahversorgung mitgeplanten Geschäfte durch die Konkurrenz der Supermarktketten aus dem Straßenbild verschwanden, werden die Flächen selbst seit 2013 durch Künstler*innen wie Maike Häusling belebt, die dort ihre Ateliers und praktischerweise auch gleich die passenden Ausstellungsräume haben. Schlicht »West Ateliers« nennen sie diesen besonderen Ort der Kreativität, der dazu einlädt, entdeckt zu werden – architektonisch und künstlerisch. Was sich in den Atelierräumen abspielt, kann immer wieder auch von außen betrachtet werden. Die großen Fensterfronten ermöglichen den Künstler*innen Ausstellungen zu realisieren, die coronakonform umgesetzt werden können. Im Frühjahr etwa haben fünf Künstler*innen der Ateliers mit jeweils fünf Gästen unter dem Titel »Es gibt nichts Schöneres als hier zu sein!« zu ihrer dritten Schaufenster-Ausstellung eingeladen, die jeweils rund um die Uhr »geöffnet« sind. Im Herbst lief die vierte »Schau dieser Art« mit dem Titel »Trottoir-wunderbar!«, bei der auch die nahe Litfaßsäule und das Trottoir wie die Arkadengänge vor den Ateliers selbst mit einbezogen wurden (Vernissage am Wahlsonntag). Die Buttermilch als Sichtschutz hatte Maike Häusling dann natürlich entfernt, denn, so sagt sie, wer möchte, kann uns zu diesem Anlass ja erst recht bei der Arbeit über die Schulter schauen. Doch auch an anderen Tagen ist dies immer mal wieder möglich (alf.).

Ruth Luxenhofer©
Eine künstlerische Aufarbeitung vor und von Micas Kultgalerie Perpétuel
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Orte + Menschen | Perpétuel

Die kleine Städel-Schule

»Micas« kleines Zuhause Frankfurter Künstler

2017 feierte die altehrwürdige Frankfurter Städel-Schule ihr 200-jähriges Bestehen – und sah dabei schon etwas alt aus. Die Auswahl geladener Ehemaliger wirkte sehr selektiert, und auffällig wenige Studenten und nicht-professorale Mitarbeiter waren zu sehen. Wobei die jüngsten Städel-Rundgänge und Absolventen-Arbeiten allerdings auch nahelegten, dass es aktuell offenbar wenig zu feiern gibt. Am meisten verblüffte aber, dass in der Schule niemand auf die naheliegende Idee kam, eine Ausstellung mit Ehemaligen und ihren Arbeiten zu machen. Das ermöglichte dem Frankfurter Fast-Nebenbei-Galeristen Milorad Prentovic einen Coup: die kleine, aber feine Ausstellung »200 Jahre. 200 Künstler«. Am Ende waren tatsächlich fast 200 Künstler zu sehen. Wenn auch nicht aus 200 Jahren. Doch die Schau vereinte in den zwei kleinen Räumen einen Steinwurf von der Schule entfernt annähernd 200 Ehemalige aus den letzten Jahrzehnten und war mit Werken von Anny Öztürk und Bea Emsbach bis Yasuaki Kitagawa und Günter Zehetner geradezu ein Who is who aus guten Tagen der Schule. Und zeigte eindrucksvoll, welche Qualität in den letzten Jahrzehnten in der Frankfurter Vorzeige-Institution produziert wurde …

Dass ausgerechnet Milorad – kurz »Mica« – Prentovic in seiner kleinen Galerie Perpétuel diese große Ausstellung zeigte, kommt aber nicht von ungefähr. Mica ist – wenn es so etwas gibt – eine Art »Artoholic« mit einem besonderen Draht zu Ex-Städelschülern. Seit 15 Jahren betreibt er nach zwei kleinen Galerien in Belgrad und Dubrovnik nun die beiden Ausstellungsräume direkt neben seinem nicht minder kleinen Studio als Bilderrahmenbauer. Über 100 Ausstellungen waren dort bereits zu sehen, stets nach persönlichem Gusto Micas (Lieblingssatz: »Ein toller Künst­ler, mag ich sehr!«) ausgewählt und scheinbar einfach ausgestellt. Etwas Kunst, etwas Wein, viele Menschen – So lautet die oft simple Devise. Nun mochte man in frühen Jahren manchmal noch über die Qualität der Kunst streiten. Doch das Besondere war immer, dass er es schaffte, den kleinen Off Space zu einem Zuhause Frankfurter Künstler und ihrer Freunde zu machen. Und zwar nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als Ort, an dem viele von ihnen wie in einer Familie zusammenkommen und sich an Vernissage-Abenden in und vor den Räumen beim Rotwein treffen. Nicht von ungefähr musste Mica für die 200-Jahr-Ausstellung »nur« aus seinem Fundus schöpfen. Oder seine Freunde fragen – wie auch immer man es nimmt. Steter Tropfen höhlte und höhlt offenbar noch immer den Stein. In diesem Falle übrigens doppelt: Früher gab es einmal das teils böse, teils liebevolle Bonmot, dass es bei Mica (fast) die schlechteste Kunst und (fast) den besten Rotwein gäbe. Die erste Hälfte stimmt schon lange nicht mehr, doch der Rotwein ist trotzdem nicht schlechter geworden. Apropos: Es passte übrigens zu Mica und der ungewöhnlichen Galerie, dass die 200er-Ausstellung mehrfach verlängert wurde – am Ende sogar noch weit über die Finissage hinaus … (vss.).

Hans-Jürgen Herrmann©
Einblicke in die Galerie Sight
Quelle: Galerie Sight©

Orte & Menschen | Becker & Sight

Kunst unter Dächern

Zwei ungewöhnliche Galerien im Dach

Es gibt sie noch, die etwas anderen Orte der Kunst, die entdeckt werden können – außerhalb jener Ausstellungsflächen wie Museen oder klassischen Galerien, an denen Passanten vorbeiflanieren und oftmals nur von der Straße aus einen Blick ins Innere wagen. Zwei der vielleicht ungewöhnlichsten Galerien befinden sich am Rande von Frankfurt: im Ausstellungsraum Becker und in der Galerie Sight. Eine liegt im Frankfurter Stadtteil Oberrad, die andere im Westend von Offenbach. Gemein haben sie eines: Sie liegen beide in privater Atmosphäre oben gleichsam unter und auch über den Dächern. Kunst, die Kultur von Wohnzimmer und Wohlfühlen sowie die ganz eigene Leidenschaft ihrer Initiator*innen gehen hier eine Symbiose ein und vermitteln den Betrachter*innen und vielleicht späteren Käufer*innen bereits einen Eindruck davon, wie Gemälde, Skulpturen, Fotografien oder Installationen in den eigenen vier Wänden aussehen könnten. Ein Stück weit entrückt, wenn auch keineswegs abgehoben, beherbergen sie ihre Gäste dabei stets sehr privat.

Ein Besuch im Offenbacher Westend alleine lohnt bereits. Das Viertel ist eines, dessen Gebäude mit ihrer besonderen Architektur seine eigenen Geschichten erzählt. So wie die Jugendstilvilla in der Schillstraße 2. Die unteren Räume ganz klassisch Sitz einer Kanzlei, fast unter dem Dach dann die noch recht junge Galerie Sight. Erbaut 1911 für den Fabrikaten Fr. Julius Heyne, zählt das Gebäude heute selbst zu den Kulturdenkmälern Offenbachs. Kunst ein Umfeld zu geben, und zu zeigen, wie wichtig sie im Leben sein kann, ist das Credo der Inhaberin Sabine Krempel. Die Kunsthistorikerin, Ausstellungsmacherin und Kunstberaterin entschied sich damit bewusst gegen Schaufenster oder White Cubes, also anonyme Orte mit weißen Wänden und Böden. Eine großzügige Wohnzimmer-Atmosphäre mit Parkett und farblich abgesetzten Wänden empfängt die Gäste dort seit dreieinhalb Jahren. Zuletzt sah man darin »Farbe absolut«: Werke von Manfred Binzer, Jan-Ulrich Schmidt, Rupert Eder und Ina Holitzka. Aktuell zeigt Sight Skulpturen von Christian Rudolph sowie weitere Werke von Künstler*innen der Galerie. Auch wenn sich wegen Corona vor allem kleinere Grüppchen einfinden (können), soll die Galerie Ort der Kommunikation, des Austausches und der Auseinandersetzung mit der Kunst sein. Hocker, die eigens dafür vorgesehen sind, ermöglichen den Besucher*innen in Zukunft wieder, sich spontan zusammenzusetzen und miteinander zu reden. Und dabei kommen beileibe nicht nur Menschen zusammen, für die solche Räume ihr normales Wohnambiente sind.

Dass solche »Wohnzimmergalerien« auch überhaupt nicht eine Frage von Status und Geld sein müssen, zeigt sich ein, zwei Kilometer weiter im Frankfurter Stadtteil Oberrad. Sehr familiär präsentiert sich dort der Ausstellungsraum Becker. Eigentlich handelt es sich dabei um die Wohnräume des Initiators Ralf Becker, der weit oben im dritten Stock eines alten Mehrfamilienhauses in der Balduinstraße 35 lebt. Becker ist kein Galerist, er ist Schreiner. Kunst ist für ihn eine Leidenschaft. Er wohnt mit der Kunst – Zeichnungen der Künstlerin Bea Emsbach, Objekte von Wolfgang Klee (Mitgründer der Klosterpresse in Sachsenhausen) oder Gemälde von Jan-Ulrich Schmidt (jener aus der Galerie Sight) sind Teil seiner eigenen Sammlung und füllen Wände und Flächen nicht nur des Wohnzimmers. Seit 2013 organisiert er in seiner großzügigen, aber einfachen Vier-Zimmer-Wohnung zweimal jährlich Ausstellungen – zuletzt bis Anfang August Fotografien und Gemälde von Johannes Kersting. Zu Beginn seiner Idee hatte Becker in der Wohnung zunächst einen kleinen, rund eineinhalb Quadratmeter großen Raum mit hohen Wänden umgestaltet, eine Art Kammer oder Koje mit Fensterfront, um die Kunstwerke seiner Sammlung in Szene zu setzen. Auf die Idee zum eigenen Ausstellungsraum kam er letztlich durch die vielen Künstler*innen im Bekanntenkreis. Seither gibt es zusätzlich einen zweiten »echten« Ausstellungsraum in einem der Zimmer gegenüber der Koje. Dass dazwischen die kleine Küche mit dem angrenzenden Balkon liegt, ist ein charmanter Nebeneffekt. Berühmt die Pre-Corona-Eröffnungen, die oft eher an Silvesterpartys mit gemeinsamem Küche-Stehen bei Wein und Brezeln erinnerten. Wobei auch die anderen Räume meist offenstehen – und etwa neben viel Kunst auch einen fantastischen Blick über die Oberräder Felder auf die Skyline von Frankfurt freigeben. Becker lebt seine Leidenschaft für Kunst und Künstler*innen. Er freut sich daran, sie und andere Menschen zusammenzubringen. Und wenn Künstler*innen etwas verkaufen, geht der Erlös 100 Prozent an sie … (alf.)

Nachgeschaut | Galerien von neuliXt

Der Mensch in der Kunst

Fotografische Beobachtungen auf Vernissagen

Galerien gehören zu den wenigen Kunst-Orten, an denen Kunst und Menschen selbst in tiefsten Corona-Zeiten zueinander finden konnten – wenn auch dann in der Regel nur durch die meist großen Schaufenster. Dies nimmt Urban shorts zum Anlass, einmal rein zu schauen in die Frankfurter Galerien – oder genauer: auf die ganz eigenen »Mensch und Kunst«-Betrachtungen des Offenbach-Frankfurter Fotografen Hans-Jürgen Herrmann zu schauen. Seit sechs Jahren hält der passionierte Vernissagen-Gänger das Aufeinandertreffen von Kunst und Kunstbetrachtern vornehmlich in den Galerien und Off spaces von Frankfurt und Offenbach fotografisch fest. Für sein Facebook-Blog »neuliXt« sind auf diese Art und Weise mittlerweile rund 200 Fotoserien mit rund 2000 Aufnahmen entstanden. Es sind Bilder, die im wahrsten Wortsinn die Menschen in der Kunst zeigen. Aber auch die Menschen mit der Kunst. Und die damit etwas zeigen, was (fast) keine Ausstellungsbesprechung aufzeigt und aufzuzeigen vermag: die Wirkung der Kunst auf die(se) Menschen. Wobei nicht selten Kunst und Kunstbetrachter bei diesen zufälligen Aufeinandertreffen eins werden – für sich, aber oft auch für den Betrachter des Betrachters und des Betrachteten. Nicht selten der Moment zweier erstaunlicher, zuweilen tiefer, zuweilen auch skurriler Symbiosen – und allein für diesen Moment festgehalten. Urbans shorts präsentiert einige dieser Momente in der Galerie zum Durchklicken. Weitere Ausschnitte des Œuvres waren und sind immer wieder auch in Frankfurter Galerien zu sehen (vss.).