Heba, Wend-Giida, Ayan, Maryam, Helen
Quelle: Sandra Mann©

Fünf Frankfurterinnen

Frauen aus dieser Welt

Geschichten von Flucht und Ankommen

Über fünf Millionen Menschen hat Putins Krieg in der Ukraine mittlerweile außer Landes getrieben. Europa erlebt die größte Flüchtlingswelle seit 2015. Doch Krieg ist nicht der einzige Grund, Menschen in die Flucht zu treiben. Weltweit sind gerade weit über 80 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Manche, weil das Klima sie vor Ort nicht mehr leben lässt. Manche, weil Hunger ihnen ein Überleben unmöglich macht. Manche, weil sie Frauen sind. Seit 2015 haben viele dieser Menschen in Deutschland eine neue, eine zweite Heimat gefunden. Die Frankfurter Fotografin Sandra Mann hat fünf Frauen porträtiert, die seit damals aus fünf Ländern dieser Welt nach Frankfurt gekommen sind. Fünf Frauen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Burkina-Faso, aus Eritrea, aus Somalia. Fünf Menschen zwischen den Kulturen, die aus unterschiedlichen Gründen geflohen sind und die in Frankfurt Sicherheit und ein neues Zuhause gefunden haben. Fünf Frauen, mit Kindern, die Fuß fass(t)en. Im schwierigen Umfeld, in Containern, in kleinen Hotelzimmern, in Hochhäusern. Die Theater spielen, Menschen pflegen, Ausbildungen machen (gerne hätte Mann auch mehr Künstlerinnen oder Medienschaffende mit aufgenommen, die sie aber zu Anfang nicht fand für ihr Projekt). Unspektakulär und doch empathisch hat Sandra Mann diese Alltage fotografiert und in ihrem White Room die Frauen sich auch selbst inszenieren lassen. Den Frauen auch in ihrer jeweils eigenen Fotografie Raum zu geben, war der Fotografin dabei besonders wichtig. Ergänzt werden die fünf Fotostrecken dezent durch private Bilder der Protagonistinnen von ihrer Flucht oder aus ihren früheren Leben sowie durch kurze Texte, welche die Frauen selbst geschrieben haben – über sich, über ihre Geschichte, über ihr(e) Leben. Fünf Geschichten, denen die Frauen selbst den Titel »Extreme Veränderung« gegeben haben. Fünf Geschichten, die vom Leben in dieser Welt erzählen. Fünf Geschichten von fünf Frauen, die dabei sind, Frankfurterinnen zu werden und dabei – teils zum ersten Mal – ihr eigenes Leben leben können. Fünf Geschichten, die Urban shorts – Das Metropole Magazin an dieser Stelle eins zu eins so stehen lassen und präsentieren möchte: als kurzen Ausschnitt aus den Leben dieser Frauen und als kurzen Ausschnitt aus einer Porträtreihe, welche die Fotografin als Buch herausgegeben hat und die derzeit als Ausstellung im Frankfurter Haus am Dom zu sehen ist … (vss.).

Sandra Mann©
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Quelle: Ernst Nay (Peter Hinschläger), Walid Raad, Ferhat Bouda, Anna Meuer©

Region | Ausstellungen

Kultur mitten im Leben

Vier sehr politische Ausstellungen

Kultur ist immer auch politisch, Kultur muss immer auch politisch sein. Dies zeigt sich dieser Tage nicht nur an Benefiz-Konzerten und -Auktionen. Von denen kein einziges, keine einzige (wie zuweilen zu hören war) überflüssig ist. Es zeigt sich nicht nur an Festivals wie GoEast, dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das in diesen Tagen das Forum schlechthin sein wird. Es zeigt sich auch an Ausstellungen wie jenen, die derzeit in der Kunsthalle Mainz, in der Schirn, dem Fotografieforum und der Villa Gründergeist in Frankfurt zu sehen sind. Ausstellungen, die vor Putins Krieg geplant wurden. Da sind Walid Raads faszinierende Mainzer Neuinszenierungen von Geschichte, etwa von jenen Wasserfällen im Libanon, die nach jenen Machthabern benannt sind, welche die verschiedenen Seiten im »Bürgerkrieg« unterstützten. Man könnte es belächeln, wenn nicht gerade Putin mit Geschichts-Inszenierungen seinen Krieg begründen würde und Raads Ausstellung beklemmende Aktualität gibt. Der Unterschied: Raad inszeniert mit subtiler Ironie, etwa mit einem unterirdischen Museum des Libanon, das durch geheime Gänge mit der »Biennale für eine abwechslungsreiche Perspektive« verbunden ist. Bittere Ironie: In Beirut besteht derzeit eine Baugrube, geschaffen wie für dieses Museum – nur leider von einem anderen Museum, für das das Geld ausging. Ebenso – wenn auch immer etwas anders – politisch sind die drei Ausstellungen in Frankfurt. Die Schirn arbeitet Künstler*innen-Schicksale aus dem Nationalsozialismus auf. Nicht minder beklemmend vor dem Hintergrund der Unterdrückung von Opposition im heutigen Russland. Dass es auch noch eine Welt abseits von Putins Krieg gibt, ist im Fotografieforum und noch für wenige Tage in der Villa Gründergeist zu sehen. Bei Ferhat Bouda, einem ursprünglich aus der nomadischen Kultur Nordafrikas stammenden Frankfurter Fotografen, geht es um die Schicksale von Menschen in derzeit scheinbar ferneren Teilen dieser Welt. Anna Meuer hat hingegen direkt vor der Frankfurter Haustür Künstler*innen gefilmt, fotografiert und befragt zu ihren Erfahrungen aus der Pandemie-Zeit. Vier Ausstellungen pars pro toto für die Bedeutung von Kultur in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft. Vier Ausstellungen, die gerade jetzt um so mehr deutlich machen, wie wichtig Kultur ist. Als Ort, als Medium des Nachdenkens, des Bewusstmachens, des Erinnerns, des Einordnens – oder eben des Helfens bei all dessen. Und: Wie sehr Kultur mitten im Leben steht. Vier – jede auf ihre Art – höchst politische Ausstellungen. Ach ja, und vier exzellente Ausstellungen obendrein. Vier Ausstellungen, bei denen man erleben kann, warum öffentliche Gelder in Kultur fließen. Fließen müssen … (vss.).

Ernst Nay (Peter Hinschläger), Walid Raad, Ferhat Bouda, Anna Meuer©
The Cube von Jens J. Meyer
Quelle: Internationaler Waldkunstpfad©

Orte & Menschen | Darmstadt

Zur Kunst in den Wald

Der Internationale Waldkunstpfad

In Europa lebten die Menschen ja bekanntlich vornehmlich im Wald. In manchen Ländern wie Österreich gäbe es sogar ganze »Waldstädte«. Zugegeben: Das war ein Gerücht, in die Welt gesetzt von einem einst im Weißen Haus residierenden einschlägigen Europa-Experten, der noch dazu Fachmann für Gerüchte und Fake News war. Doch so ganz Fake war diese News dann ausnahmsweise mal doch nicht. Zwar scheint an den Waldstädten wenig dran zu sein. Aber ein Internationales Waldkunstzentrum gibt es sehr wohl in Europa. Und das liegt im Wald bei Darmstadt. Und das ist durchaus renommiert, war es doch das erste seiner Art, das auch bereits Nachahmer in China, den USA und sogar in Österreich gefunden haben soll (was vielleicht auch das Gerücht wiederum erklärt).

Nun, mit Venedig oder der Documenta kann das seit nunmehr bereits zwei Jahrzehnten bestehende Zentrum mit dem zugleich ersten Internationalen Waldkunstpfad noch nicht mithalten. Doch eine Biennale gibt es auch im Wald bei Darmstadt. Zuletzt trafen sich im Corona-Jahr 2020 internationale Künstler*innen. Die damalige Artist-in-Residence, die US-Amerikanerin Regina Walter, und weitere 15 Künstler*innen aus sieben Ländern füllten das Biennale-Motto »Kunst/Natur/Identität« mit Leben und mit zahlreichen Installationen, Performances und BankART. Da man im Waldmuseum nicht dazu neigt, nach einer Biennale alles wieder wegzuräumen, kann man seit Frühjahr die Werke von damals auf eigenen Führungen oder auch einfach so derzeit wieder besichtigen. Zugleich kündigen sich die Vorboten der nächsten, der Jubiläumsbiennale unter dem Motto »Kunst/Natur/Wandel« an. Dabei soll es nicht nur um Klima-, sondern auch um sozialen und digitalen Wandel gehen. Letzterer ist auch im Waldkunstzentrum und auf dem zugehörigen Pfad eingekehrt. Gemeinsam mit dem Verein »Kultur einer Digitalstadt« wird das Ganze nun erstmals auch digital vermessen und digitalisiert. Zum einen, um den Waldkunstpfad auch im Netz zugänglich zu machen. Zum anderen, um eingeladenen Künstler*innen auch ein Vorbereiten oder sogar Gestalten ihrer Werke aus der Ferne zu ermöglichen. Der Fokus soll allerdings weiterhin darauf liegen, ein realer Ort der Begegnung zu sein, Natur, Kunst und Menschen zueinander zu bringen; in diesem Jahr sogar erstmals mit einem »Jungen (Kunst-) Wald«, den Schulklassen gestalten sollen. Ach ja, schlecht besucht ist das »Waldmuseum« auch nicht gerade. Bis zu 200.000 Menschen sollen sich dort pro Jahr einfinden. Deutlich weniger zwar als im Städel, der Schirn oder dem Senckenberg-Museum in Frankfurt, aber ebenso deutlich vor dem Historischen Museum, dem für Angewandte und erst recht dem für Moderne Kunst. Und das sind denn in der Tat keine Gerüchte … (sfo.).

Internationaler Waldkunstpfad©
Der Mixer: fast unscheinbar am Rande
Quelle: Mixer ©

Orte & Menschen | Fahrgasse

Kunst im Schaufenster

Frankfurts bescheidene Galerien-Szene

Die Fahrgasse ist so etwas wie das Herz der Frankfurter Galerien-Szene. Und sie war selbst im tiefsten Lockdown einer der wenigen Orte, um Kunst nicht nur digital zu sehen. Leider muss man sagen, dass »die Szene« daraus manchmal wenig macht. Immerhin: Drei, vier Orte geben immer wieder Anlass, einmal vorbeizuschauen. Allen voran – nicht nur geographisch, wenn man vom Main her kommt – die Galerie Brigitte Maurer. Die Doyenne dieser Kunst-Straße belegt ein ums andere Mal, dass man auch mit konservativer Kunst innovativ-anspruchsvolle Akzente setzen kann. In vergangenen Jahren ließ sich dies oft an fein-kunstvollen Papierarbeiten sehen, für die sie ein besonderes Händchen zu haben scheint. Aktuell zu sehen etwa mit Werken von Dorthe Goeden und Verena Freyschmidt. Eine ähnlich haptisch-sinnliche Note strahlen aber auch immer wieder Skulpturen oder feine Holzarbeiten aus, wie etwa jene von Aja von Loeper, Joseph Stephan Wurmer und Paul Diestel, die als »Konturen der Natur« Anfang vergangenen Jahres bei Maurer zu sehen waren. Malerei gehört allerdings auch zu den Schwerpunkten.

Den Gegenpol im wahrsten Wortsinn bildet künstlerisch und am anderen Ende der Straße wie so oft Andreas Greulich. Man muss das, was er zeigt, nicht mögen. Aber man muss ihm Respekt zollen, immer wieder eigenwillige Künstler*innen zu präsentieren, die offenbar auch ihre Kundschaft finden. Im vergangenen Jahr etwa waren es die grell-extravaganten Arbeiten von Tessa Wolkersdorfer, Isabel Friedrichs »Bumerang oder das Gedächtnis für Gerüche« oder auch Orakelhaftes von Sebastian Meschenmoser. Anfang des Jahres experimentierte Greulich mit »Pixposure – A Generative NFT-Art Show«. Und manchmal gar konterkariert er das Außergewöhnliche mit Außergewöhnlichem: Derzeit ist eine kleine Foto-Ausstellung von Anna Lehmann-Brauns zu sehen, welche ungewöhnliche und zugleich ungewöhnlich gute Aufnahmen Istanbuls jenseits vieler Klischees zeigt. Doch damit ist man fast schon durch mit dem, was man für eine geballte Galerien-Szene unweit des Museumsufers erwarten würde. Während neben Maurer und Greulich sonst sehr viel einfallslose Gebrauchs-Kunst die Straße füllt, gibt es wenigstens noch drei, vier »Outsider«, welche den Ort immer wieder zumindest beleben und so etwas wie »Szene« ausstrahlen. Zwei davon sind das 1822-Forum und der »Mixer«. Beide hatten in Lockdown-Zeiten auch mal mit Schaufensterausstellungen experimentiert oder die Räume untervermietet. Auch bei ihnen lohnt es, immer wieder mal einen Blick reinzuwerfen – in die Räume oder in die Schaufenster. Das Forum zeigt oft neue Künstler*innen in ihren ersten Einzelausstellungen. Der Mixer setzt gerne originelle Akzente. Dort lief 2021 ein Projekt zur Frage von Kunst und Markt mit Symposium und Ausstellungen. In diesem Jahr stellte der Mixer einen Berliner Späti aus.

Und auch dort, wo die Kunst selbst nur Untermieter ist, gibt es immer wieder etwas zu sehen. Das »Maria«, deren Besitzerin eigentlich Mode verkauft, hält sich immer wieder einmal eine Wand für originelle Zeichnungen frei. Und das »YokYok«, das kleine Kunst-Kiosk, schwankte in Corona-Wochen zwischen Kiosk mit Kunst sowie Schaufenster-Galerie mit Getränke-Verkauf. Seit Ende des Lockdowns sind Kunst und Getränke wieder gleichberechtigt. Immerhin: Zumindest das Sextett aus Maurer, Greulich, 1822, Maria, Mixer und YokYok lohnt oft einen Abstecher. Egal, ob man im ersten Lockdown-Winter durch die großen Schaufenster noch einiges an Kunst auf engem Raum erhaschen konnte – oder wenn sie seit dem vergangenen Sommer auch ihre Pforten wieder an manchen Wochenenden für die Galerien-Rundgänge oder ansonsten für einzelne kleine Kunst-Dates öffneten; vor kurzem etwa für einige Ukraine-Benifiz-Konzerte in den Galerieräumen. Auch in diesen Tagen ist gerade diese Straße wieder der Hybrid-Kunst-Ort schlechthin: Kunst zum (Fast-) Anfassen und Kunst durchs Schaufenster gleichermaßen. Und manchmal findet sich ja auch zwischen besagtem Sextett dann doch noch das eine oder andere Kunstwerk … (vss.).


Grüngürteltier(e) - und was man sonst so findet im Frankfurter Grüngürtel
Quelle: Stefan Cop (Stadt) / Frank Behnsen • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Orte & Menschen | Im Grüngürtel

Getier & Co. im Grünen

Die Komische Kunst am Wegrand

Kunst und Natur ist rund um Frankfurt gut miteinander zu verbinden. Im Frankfurter »GrünGürtel« kann man immer wieder über Exponate der »Komischen Kunst« von Künstler*innen aus der berühmten »Neuen Frankfurter Schule« stolpern. Oder auch gezielt nach ihr und dem ein oder anderen sonstigen Kunstwerk suchen. 

Sie trägt einen weiß-gemusterten Pullover und sitzt auf einem Ast im Frankfurter Stadtwald: Die Rede ist von der »Eule im Norwegerpulli«, so der Name einer Skulptur, die nach einer Figur des 2005 verstorbenen Karikaturisten F. K. Waechter geschaffen wurde. Die Eule blickt hier an der Südseite des Jacobiweihers auf die vorbeiziehenden Spaziergänger*innen hinab und sorgt bei diesen nicht selten für Erstaunen. Wer würde überhaupt schon ein solches Wesen erwarten – und dann auch noch hier, mitten in der Natur?

Die Skulptur ist eines der Objekte einer kleinen Reihe von insgesamt 14 Werken und Orten der Komischen Kunst, die entlang des Frankfurter GrünGürtel-Rundwanderweges entdeckt werden können und eine Symbiose aus Natur und Kunst darstellen. F. K. Waechter gehört zu den Vertretern der Neuen Frankfurter Schule (NFS), also jener Gruppe, deren Mitglieder in den 1960er Jahren die Satirezeitschrift pardon gründeten und deren Werke heute im Caricatura Museum für Komische Kunst ausgestellt werden. Zu seinen Lebzeiten fertigte er Zeichnungen von Objekten in der Natur an, die er der Stadt schenkte. Die darauf dargestellten Ideen wurden nach und nach realisiert – den Anfang machte die Eule mit ihrem Strickpulli. Sie hat ihren Platz auf dem Ast bereits 2005 eingenommen. In unmittelbarer Nähe dazu sorgt am Jacobiweiher allerdings auch ein ganzer Baum für Verwunderung. Dieser pinkelt Wasser, wenn man ihm zu nahe kommt. Aber nur in den wärmeren Monaten des Jahres. »Pinkelbaum« heißt dementsprechend dieses Werk von Waechter, der damit zum Ausdruck brachte, das auch natürliche Gebilde der Natur das Zeug zu einem Werk der Komischen Kunst haben. Noch deutlicher tritt dies beim »Struwwelpeterbaum« zutage, einer Kopfweide, die auf den Schwanheimer Wiesen steht und in den wärmeren Monaten ganz wie sein literarisches Vorbild durch seine besondere Haarpracht auffällt. Mit seinen kugelrunden Augen, die in der Dunkelheit leuchten, verkörpert der Baum die humoristische Version der einst im 19. Jahrhundert vom Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann erfundenen Kinderbuchfigur.

Auch der GrünGürtel selbst hat sein eigenes Maskottchen der Komischen Kunst: das »GrünGürtel-Tier« – ein Wesen, das divers ist, keinem bestimmten Getier aus der Natur zugeordnet werden kann und dennoch die Artenvielfalt spiegelt. Gestaltet hat es der 2006 verstorbene Karikaturist Robert Gernhardt. Wer die Brücke über die Nidda zum Alten Flugplatz Bonames überquert, passiert das GrünGürtel-Tier, eine Plastik aus Bronze, das dort wie ein Wächter thront. Als bisher letztes Werk, das Teil der Komischen Kunst im Frankfurter GrünGürtel wurde, gilt der »Barfüßer« in Rödelheim unweit der Nidda, der nach einer Zeichnung des Karikaturisten Kurt Halbritter in Bronze gestaltet und 2017 an seinem Platz aufgestellt wurde. Ein wirklich komisches Kriechtier, eine Art Tausendfüßer mit menschlichen Füßen und Fühlern in Form von Händen. Es zählt, wie auch die anderen Werke der Komischen Kunst mitten in Frankfurts Natur, mittlerweile zu einem beliebten Ausflugsziel innerhalb der Stadt (alf.).

Stefan Cop (Stadt) / Frank Behnsen • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©
Abendlicher Gang durch die Ausstellungs-Galerie
Quelle: Ruth Luxenhofer©

Orte & Menschen | West Ateliers

Künstler-Schauen im May-Ensemble

West Ateliers und Hellerhofsiedlung in Frankfurt

Kunst lässt sich – noch immer corona-konform – an vielen Stellen der Region oft auch im Vorbeigehen bzw. mit etwas Distanz genießen. Ein Beispiel dafür sind die West Ateliers und die Hellerhofsiedlung im Frankfurter Gallus. Und bei näherem Interesse lässt sich oft auch vorsichtig nähertreten.  

Das Atelier ist lichtdurchflutet, gelegen in einem früheren Ladengeschäft in der neueren Hellerhofsiedlung im Frankfurter Gallus. Der Laden liegt zur Idsteiner Straße hin und besticht durch die großen Fensterfronten. Wenn die Frankfurter Künstlerin Maike Häusling sich den Blicken vorbeilaufender Passanten entziehen und in Ruhe arbeiten möchte, bestreicht sie das untere Drittel dieser Glasfront allerdings einfach mit Buttermilch. Diese, so erzählt sie, bietet effektiven Sichtschutz – und sei dennoch leicht und ohne Rückstände wieder abzuwaschen.

Maike Häusling ist eine von zehn Künstler*innen, die hier in diesen Ladenlokalen der alten Siedlung ihre Ateliers haben. Die Ladengeschäfte in der zwischen 1929 und 1932 nach den Plänen des niederländischen Architekten Mart Stam (1899 – 1986) gebauten neueren Hellerhofsiedlung im Frankfurter Gallus waren ursprünglich einmal für die Nahversorgung ihrer Bewohner gedacht. Stam gehörte zum Team, das der frühere Stadtplaner, Architekt und Siedlungsdezernent Ernst May (1886 – 1970) für die Umsetzung seines im Jahr 1925 initiierten Wohnungsbauprogramms »Das Neue Frankfurt« zusammenstellte. Hiermit wollte er der Wohnungsnot seiner Zeit entgegentreten sowie Moderne und Funktionalität miteinander verbinden. Bis zum Ende seiner Amtszeit 1930 entstanden durch das Projekt rund 12.000 neue Wohnungen in der gesamten Stadt. Bevor dieser Abschnitt der heute zu den May-Siedlungen zählenden Gebäude der Hellerhofsiedlung errichtet wurde, gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in westlicher Richtung und unweit der Bahngleise gelegen ein großes Bauprojekt: Dort stehen Häuser aus traditionell roten Backsteinen gebaut, in denen einst die Arbeiter der früheren Philipp Holzmann & Cie GmbH lebten. Dieser Teil wird als alte Hellerhofsiedlung bezeichnet.

Wer jetzt durch die neuere Hellerhofsiedlung flaniert, zwischen Frankenallee und Idsteiner Straße, der spürt noch den Geist der Moderne, den Geist von May und seinem Team – diese kubischen Grundformen, die schlicht und seriell aneinandergereiht wirken, sind von einer zeitlosen Ästhetik geprägt. Während die von Mart Stam nach den Prinzipen der kurzen Wege für die Nahversorgung mitgeplanten Geschäfte durch die Konkurrenz der Supermarktketten aus dem Straßenbild verschwanden, werden die Flächen selbst seit 2013 durch Künstler*innen wie Maike Häusling, Ruth Luxenhofer oder Michael Bloeck belebt, die dort ihre Ateliers und praktischerweise auch gleich die passenden Ausstellungsräume haben. Schlicht »West Ateliers« nennen sie diesen besonderen Ort der Kreativität, der dazu einlädt, entdeckt zu werden – architektonisch und künstlerisch. Was sich in den Atelierräumen abspielt, kann immer wieder auch von außen betrachtet werden. Die großen Fensterfronten ermöglichen den Künstler*innen Ausstellungen zu realisieren, die auch coronakonform umgesetzt werden können. Im Frühjahr 2021 etwa hatten fünf Künstler*innen der Ateliers mit jeweils fünf Gästen unter dem Titel »Es gibt nichts Schöneres als hier zu sein!« zu ihrer dritten Schaufenster-Ausstellung eingeladen, die jeweils rund um die Uhr »geöffnet« sind. Im Herbst lief die vierte Schau dieser Art mit dem Titel »Trottoir-wunderbar!«, bei der auch die nahe Litfaßsäule und das Trottoir wie die Arkadengänge vor den Ateliers selbst mit einbezogen wurden. In diesem Jahr beteiligten sich einige der Künstler*innen im beginnenden Frühjahr an den »Tagen der Druckkunst«, bespielten mit ebensolcher zwei Wochen lang ihre Schaufenster und öffneten zwischendrin an zwei Sonntagen auch ihre Arbeitsräume als »Offene Ateliers«. Die Buttermilch als Sichtschutz hatte Maike Häusling dann natürlich entfernt, denn, so sagt sie, wer möchte, kann uns zu diesem Anlass ja erst recht auch von außen bei der Arbeit über die Schulter schauen (alf.).

Ruth Luxenhofer©
Eine künstlerische Aufarbeitung vor und von Micas Kultgalerie Perpétuel
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Orte & Menschen | Perpétuel

Die kleine Städel-Schule

»Micas« kleines Zuhause Frankfurter Künstler

2017 feierte die altehrwürdige Frankfurter Städel-Schule ihr 200-jähriges Bestehen – und sah dabei schon etwas alt aus. Die Auswahl geladener Ehemaliger wirkte sehr selektiert, und auffällig wenige Studierende und nicht-professorale Mitarbeiter*innen waren zu sehen. Wobei die Städel-Rundgänge und Absolventen-Arbeiten jener Zeit allerdings auch nahelegten, dass es offenbar wenig zu feiern gab und gibt. Am meisten verblüffte aber, dass in der Schule niemand auf die naheliegende Idee kam, eine Ausstellung mit Ehemaligen und ihren Arbeiten zu machen. Das ermöglichte dem Frankfurter Fast-Nebenbei-Galeristen Milorad Prentovic einen Coup: die kleine, aber feine Ausstellung »200 Jahre. 200 Künstler«. Am Ende waren tatsächlich fast 200 Künstler*innen zu sehen. Wenn auch nicht aus 200 Jahren. Doch die Schau vereinte in den zwei kleinen Räumen einen Steinwurf von der Schule entfernt annähernd 200 Ehemalige aus den letzten Jahrzehnten und war mit Werken von Anny Öztürk und Bea Emsbach bis Yasuaki Kitagawa und Günter Zehetner geradezu ein Who is who aus guten Tagen der Schule. Und zeigte eindrucksvoll, welche Qualität in den letzten Jahrzehnten in der Frankfurter Vorzeige-Institution produziert wurde …

Dass ausgerechnet Milorad – kurz »Mica« – Prentovic in seiner kleinen Galerie Perpétuel diese große Ausstellung zeigte, kommt aber nicht von ungefähr. Mica ist – wenn es so etwas gibt – eine Art »Artoholic« mit einem besonderen Draht zu Ex-Städelschülern. Seit rund zwei Jahrzehnten betreibt er nach zwei kleinen Galerien in Belgrad und Dubrovnik nun die beiden Ausstellungsräume direkt neben seinem nicht minder kleinen Studio als Bilderrahmenbauer. Weit über 100 Ausstellungen waren dort bereits zu sehen, stets nach persönlichem Gusto Micas (Lieblingssatz: »Ein toller Künst­ler, mag ich sehr!«) ausgewählt und scheinbar einfach ausgestellt. Etwas Kunst, etwas Wein, viele Menschen – So lautet zumindest vor Corona die oft simple Devise. Nun mochte man in frühen Jahren manchmal noch über die Qualität der Kunst streiten. Doch das Besondere war immer, dass er es schaffte, den kleinen Off Space zu einem Zuhause Frankfurter Künstler*innen und ihrer Freunde zu machen. Und zwar nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als Ort, an dem viele von ihnen wie in einer Familie zusammenkommen und sich an Vernissage-Abenden in und vor den Räumen beim Rotwein treffen. Nicht von ungefähr musste Mica für die 200-Jahr-Ausstellung »nur« aus seinem Fundus schöpfen. Oder seine Freunde fragen – wie auch immer man es nimmt. Steter Tropfen höhlte und höhlt offenbar noch immer den Stein. In diesem Falle übrigens doppelt: Früher gab es einmal das teils böse, teils liebevolle Bonmot, dass es bei Mica (fast) die schlechteste Kunst und (fast) den besten Rotwein gäbe. Die erste Hälfte stimmt schon lange nicht mehr, doch der Rotwein ist trotzdem nicht schlechter geworden. Apropos: Es passte übrigens zu Mica und der ungewöhnlichen Galerie, dass die 200er-Ausstellung mehrfach verlängert wurde – am Ende sogar noch weit über die Finissage hinaus … (vss.).