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Krise, Gefahr und Chance

Kommentar von Volker Stahr

Zeit zum Innehalten, sich über den Globus, unsere Gesellschaft und unser aller Leben Gedanken zu machen.

Bisher war Bundestrainer Yogi Löw nicht als Philosoph hervorgetreten. Aber wenn selbst Deutschlands oberster Nebensachen-Vertreter feststellt, dass »sich die Erde ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und ihr Tun«, dann scheint die gegenwärtige Krise tatsächlich etwas auszulösen. Und in der Tat: Es hat schon etwas Symbolhaftes, wenn ein kleiner Virus eine offenbar aus den Fugen geratende Welt – oder genauer: deren globalisierte Zivilisation – mit Macht zum Innehalten zwingt. Zum Innehalten, um – vordergründig – eine Gefahr zu bekämpfen, die ansonsten diese Zivilisation wie so viele große Zivilisationen der Vergangenheit zum Kollabieren bringen könnte. Auch wenn es – wiederum vordergründig – »nur« um das Zusammenbrechen unzureichender Gesundheitsstrukturen geht. Strukturen allerdings, deren Zusammenbrechen viele, sehr viele Menschenleben kosten könnte. Pikanterweise die Leben der Schwächeren in dieser Gesellschaft, ob sie nun alt sind oder geschwächt.

Dabei offenbart die aktuelle Krise symbolhaft das Innehalten einer globalisierten Zivilisation, die zunehmend der Logik der City never sleeps, des Always-On oder des Citius, altius, fortius (neudeutsch: stärker,  dreister, unverschämter) folgte. Die globale Klimakrise und der Leugnung, der Börsenhype und Gewinnstreben der Konzerne, das Erstarken der Populisten und zunehmende Abhängen der Schwächeren sind nur einige von deren Auswüchsen. Doch die aktuelle Krise zeigt eben auch, dass sie direkt mit dieser Zivilisation zu tun hat. Und sie löst erstes Nachdenken bei den Menschen aus. Mit der Globalisierung, die eben keine Einbahnstraße ist und den Virus rasend schnell um die Welt trägt. Mit den Populisten. Urbanisierung. Arbeitsstrukturen. Solidarität. Krise ist auch Chance. Die Welt steht still und merkt, dass auch im Stillstand ein Reiz liegen kann. Dass vielleicht Arbeitsstrukturen anders sein könnten. Dass vielleicht Solidarität zwischen Starken und Schwachen zu einer gesunden Gesellschaft gehören, nicht nur im Ausnahmezustand. Dass vielleicht Globalisierung nicht um jeden Preis sein müsste. Dass vielleicht Gesundheitssysteme Stärke brauchen. Krise gleich Chance. Innehalten als Chance. Jeder einzelne.

Ungewöhnliches Denken. Zugeben keine Lösung zu haben. Verantwortung. Bedingungsloses Grundeinkommen.

Urban shorts wird in den kommenden Wochen gezielt dem Stillstand nachspüren. Versuchen, zu schauen, welche Chancen in den gegenwärtigen Veränderungen liegen. Ob nicht manches davon für eine bessere Welt bewahrt werden sollte. Ob nicht in der Krise die Chance für die Zukunft liegt …

 

 

 

 

 

Im Chinesischen besteht das Wort für »Krise« aus zwei Schriftzeichen. Aus den Zeichen für »Gefahr« und für »Chance«. Wenn in diesen Wochen die Welt fast buchstäblich zum Stillstand kommt, lässt sich vieles aus dem Zustand herauslesen. Für viele Menschen birgt die Krise eine Gefahr. Eine reale für ihr Leben als Risikogruppe, eine eingebildete für ihr Dasein als Hamsterkäufer. Virus Fieber Abwehr des Körpers und der Erde.

Chancen für die Welt und die Gesellschaft. Innehalten. Solidarität. Populismus.

Regelrecht entzaubert werden aktuell die Populisten.