Der Raum ist belebt. Wobei »Raum« hier ein sehr großzügiger Begriff ist. Menschen, die sich im langgezogenen Ladenlokal tummeln, die großformatigen Strichzeichnungen in den Schaufenstern betrachten. Menschen, die vor dem Laden auf dem Trottoir stehen und bei einem kultigen Radler plaudern. Menschen, die daneben an den orangenen Café-Tischen entspannt ihren Minztee schlürfen (und auch plaudern). Menschen, die gegenüber auf dem kleinen Parkstück stehen und das gleiche tun, wie die Menschen auf dem Trottoir. Dazwischen zahlreiche Fahrräder und zuweilen auch Teile davon. Fahrräder im Pulk an diversen Anschlussmöglichkeiten, einzelne Fahrräder am Haken in den Schaufenstern, Fahrradpumpen und Satteltaschen da und dort. Kaffeetassen mischen sich mit Kids, Fahrradanhänger mit den kleinen Strichfiguren des Künstler-Phantoms Peng. Wobei das Wort »Fahrradanhänger« gerne frei interpretiert werden darf …
Kurzer akademischer Exkurs: Der »radraum« im Herzen von Offenbach ist nicht nur an diesem warm-sonnigen Freitagabend ein sozio-kultureller Raum par excellence. Ein Raum also, in dem sich Soziales und Kultur mischen. Ein Raum, der – drinnen und draußen – ein Stück »Wohnzimmer«, ein Stück Repair-Café, ein Stück Ausstellungsraum, ein Stück »offener Treff« ist. Noch dazu idealtypisch in den Stadtraum drumherum erweitert. Da passt es fast wie orchestriert, dass nicht nur drinnen, wo sonst gemeinschaftlich Fahrräder repariert und beim Kaffee gechillt wird, nun gleich eine Ausstellung des Künstler-Phantoms mit den kleinen Strichmenschen eröffnet wird, sondern auch draußen sich die Räder und Menschen für den Start der Offenbacher Critical Mass an diesem Abend sammeln. Exkurs Ende. Doch auch ohne Exkurs ist spür- und sichtbar, dass dieser Rad- und Tatraum am Martin-Luther-Park nicht nur im Herzen der Stadt platziert ist, sondern nach gut einem Jahr an dieser Stelle auch im Herzen der Stadt angekommen zu sein scheint. Einen Raum – durchaus im mehrfachen Wortsinn gemeint – füllt und zugleich belebt, wie ihn Städte zunehmend suchen und brauchen. Einen offenen Raum für Gemeinschaft und in diesem Falle auch gleich noch für Umwelt und Mobilität. Da passt ins Bild, dass an den Tischen niemand kommt mit der berühmten Frage: »Darf ich noch etwas bringen … ?« …
Überhaupt: Im radraum wird einem selten etwas serviert. Es ist eher ein Raum zum Sein und zum Gestalten. Zum Miteinander. Vor rund einem Jahr ist der Raum, ursprünglich entstanden im Experimentierraum »Rathaus-Pavillon« im Schatten hinter dem Offenbacher Rathaus (der zur Zeit grundsaniert wird), nach kurzer Standortsuche umgezogen an den Martin-Luther-Park. Dort, wo mit der Wald- und der Bleichstraße zwei Lebensadern der Stadt sich kreuzen. Seither hat das Vereins-Team um Daniel Rese, der als Mobilitätsdesigner vor einigen Jahren die Raumidee ins Rollen brachte, ihren offenen Raum hier etabliert. Im Alltag ist der Laden niederschwelliger Anlaufpunkt für Menschen, die etwas zu dem und zu ihrem Rad wissen wollen. Dabei, dies in Schuss zu halten oder auch zu reparieren, wird ihnen hier von den mittlerweile rund zwei Dutzend engagierten (bei über Hundert gesamten) Vereinsmitgliedern geholfen. Mit Rat, Tat, Tipps, Teilen und zuweilen auch mal einem weiteren fehlenden Teil aus dem 3D-Drucker. Das unabhängig betriebene Café sorgt zudem für ein paar Einnahmen, vor allem um die Miete zu zahlen. Ob Hannah, Anton, Jonathan (Nachnamen fallen hier selten; weshalb wir auch nicht wissen, ob Hannah Hannah ist oder Hanna) oder die anderen – Alle schauen zudem, dass der Raum auch darüber hinaus mit Leben gefüllt ist. »Der radraum ist das, was du daraus machst«, heißt es dazu treffend auf der Website. Oder etwas formaler: »Er bietet ein Reparaturstudio zum Selbstschrauben, veranstaltet Workshops, organisiert Vorträge und leistet Vermittlungsarbeit zwischen Bürger*Innen, Händler*Innen, Politik und Stadtentwicklung«. Nicht nur die Critical Mass nimmt mithin regelmäßig hier ihren Start. Weitere Radtouren werden von hier organisiert, Tanz, Konzerte und Ausstellungen finden statt. Tauschbörsen oder die Vermittlung gebrauchter Räder. Der (Musik-) Waggon, ein anderer Kultort in Offenbach, hatte kürzlich hier sein Ausweichquartier. Mobilitätsdesigner vom nahen OIMD (Offenbacher Institut für Mobilitätsdesign) und zahlreiche Gäste und Partner*innen aus der Radfahrbranche machen Infoveranstaltungen. Zahlreiche Vereine und Initiativen nutzen den Raum zudem immer wieder. Dass der an diesem Abend dabei auch ein Herzstück der Offenbacher Kunstansichten 2026 ist und zur Eröffnung die stellvertretende Kulturamtsleiterin spricht, dürfte vor diesem Hintergrund nicht von ungefähr kommen. Doch letzteres ist fast schon das einzige, was an diesem Ort nach Formalitäten aussieht. Zumal es letzterer trefflich gelingt, dies abseits ihres Titels auch nicht so »rüberkommen« zu lassen … (vss.).
