Raul Gschrey: Inmitten seiner urban-suburbanen Welt
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Innen. Orte.

Der Stadt-Land-Mensch

Urban Art mit den Vibes der Suburbs

Wer den Künstler Raul Gschrey besuchen möchte, muss sich schon ein wenig aufmachen und sich Zeit nehmen. Die Reise beginnt mitten in Frankfurt an der Konstablerwache mit der S-Bahn. Schnell geht es raus nach Offenbach – dorthin, wohin es viele Künstler*innen verschlägt, wenn ihnen die Metropole unbezahlbar wird. Doch die Bahn fährt weiter, ins »Hinterland«. Über Obertshausen, das wohl kaum ein(e) Frankfurter*in kennt, in den beschaulichen Rodgau. Ein Bahnsteig mitten in den Feldern, auf der anderen Seite etwas Vorstadtidylle.

Der Künstler wartet mit dem Rad. Weiter geht’s an ein paar alten Villen vorbei, an Einfamilienhäusern, einem Handwerksbetrieb, wieder am Feldrand und am Ortsrand, am nahen Friedhof. An einem Gasthof »Alte Linde«, wo man gerade auf stolze 150 Jahre Geschichte zurückschaut. An einer neuen Kita, noch eine Straße mit Einfamilienhäusern, die ersten wohl aus den 50ern. Ein solches erwartet uns: Giebeldach, Blumen und Gemüse im Vorgarten, die flache Garage hinter der Einfahrt, ein Stück Garten mit Sonnenliegen, Rutsche, Trampolin, Terrasse … Vorbei an der offenen Küche ins Arbeitszimmer. Fürs kreative Chaos sorgt erstmal das verstreute Spielzeug der Tochter und der Freundinnen, in der Ecke ein Schreibtisch mit Monitor, daneben unübersehbar Kunst: ein pittoreskes Ölgemälde ländlicher Dorfidylle mit kleiner Burg auf einem Hügel …

Wie Eindrücke täuschen können. Das Ölgemälde ist ein Erbstück. Verweist auf die Herkunft von der Bergstraße. Eher zufällig dort. Der Monitor, genauer: der Rechner dahinter, und ein kluger Kopf – darin und dahinter verbirgt sich die Kunst, derentwegen wir hier sind. Und der Kontrast könnte kaum größer sein. Videos, Fotos, Performances, soziale Interventionen sind Gschreys Mittel, urbane, politische, soziale Kunst, »cultural studies« (im angelsächsischen Wortsinn), urbane und kulturelle Interventionen seine Genres. Der Ort ist scheinbar fern von der Kunst, die Gschrey macht oder kuratiert. Und doch nicht, 20 Minuten von der Metropole, mitten im urbanen Rhein-Main. Gschreys Palette ist breit, etwas »pädagogisch« zuweilen, wie er selbstironisch sagt. Seit kurzem hat er zudem einen hart erarbeiteten Professorentitel für Neue Medien und Medienpädagogik inne. Mit Studierenden der »FH« – neudeutsch »University of Applied Sciences« – kuratiert er »Urban Commons«-Workshops mit Partnerhochschulen von Finnland bis Portugal über alt-neue Dinge wie Allmenden und eine gemeinschaftliche Gesellschaft. Oder »Wasteland«, ein partizipatives Projekt um Ökologie und Miteinander, das Studierende der Architektur und sozialer Arbeiten auf die Beine stellten. Oder »Vision 31«, ein Forschungsprojekt zur Stadtentwicklung rund um den Frankfurter Stadtteil Bockenheim und den dortigen »Kulturcampus«. Oder er initiiert Performances über Aneignung von Raum, lässt hochoffizielle Fahnenmasten vom Römer ab- und zum Kunstverein Montez ummontieren und staatstragend mit Hymne eine White-Cube-Fahne hissen. Letzteres, zugegeben, schon ein paar Jahre her. Aber immer noch eine gute Geschichte, an die sich auch andere in der Stadt erinnern. Oder er erzählt von der Dissertation, in welcher es – vereinfacht gesprochen – um Gesichtserkennung ging – neudeutsches »Profiling«, womit man früher glaubte, »Krankheiten« wie Homosexualität erkennen und kategorisieren zu können, oder eben heute Straftäter in Menschenmassen. Bei Gschrey verschwimmen Welten. Urbanes mit Suburbanem, Altes mit Neuem. Welten werden neu gedacht oder definiert. Ganz nebenbei hat trägt er noch den Titel eines, nach einem europäischen Projekt genannten »Eurika-Innovationsprofessors«.

Ein Künstler? Ein Wissenschaftler? Ein Forschender? Ein Hinterfragender? Ein Gestaltender? Nein, Gschrey ist nicht das, was man sich unter dem Bild des Künstlers vorstellt. Nicht nur wegen der Landidylle (das Haus ist ein Erbe von der Oma). Nicht nur, weil ihm Arbeit und Einkommen an der Hochschule freies Arbeiten an der Gesellschaft und in der Kunst ermöglichen. Im Fokus die Frage »Wie wollen wir leben?« und das Miteinander – als Thema und Mittel. Wer jetzt einen Nerd mit Rollkragenpulli oder einen Professor mit Anzugsjacke vermutet, ist wieder auf der falschen Fährte. Statt dessen Rasta-Locken und Wohnmobil. Das steht nicht nur für den Besucher eigens dekorativ auf der Straße vor dem Haus. Mit Ausnahme von diesem Jahr wurde es in den letzten Jahren auch oft für Familien-Urlaube, etwa rund um die Ostsee, genutzt. Ach ja: Und die Garage? Lager für allerlei Utensilien wie alte Bildschirme von früheren Arbeiten – und für künftige natürlich auch. Ein Künstlerleben in Freiheit(en). Und gleichzeitig gefüllt von so vielen Orten, dass ein »Verorten« schon schwierig wird. Nicht nur für Raul Gschrey selbst  … (vss.).