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Bernd Thiele: Zu Hause doch am Schönsten?
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Leben. Orte. [11]

Bernd T. – der nun Sesshafte

Das Künstlerleben des Von-Heute-auf-Morgen

In einem Künstlerleben muss man sich immer wieder auf etwas Neues einstellen. Und manchmal kann es dabei auch ganz schnell gehen. Zum Beispiel vom Beginn eines Porträts bis zum Ende eines Porträts. Zu Beginn dieses Porträts hat der Fotograf Günther Dächert noch Fotos von dem Fotografen Bernd Thiele in seinem Frankfurter Atelier gemacht. Zum Ende des Porträts, während diese Zeilen entstanden, gibt es dieses Atelier schon nicht mehr. Den einst im Gebäude einer ehemaligen Teefabrik in Frankfurt gelegenen Raum hat Thiele aufgegeben. Nicht ganz freiwillig, wie er erzählt. Das Gebäude soll abgerissen werden und einem Bauprojekt weichen – wie viele Ateliers von Künstler*innen in diesen Jahren in der Region. Doch er sei keineswegs auf der Suche nach einem neuen Arbeitsraum. Durch die Corona-Pandemie habe er erkannt, dass er eigentlich kein zusätzliches Atelier benötige. Thiele ist Fotograf und Filmemacher. Um zu arbeiten, benötige er im Prinzip nur ein Laptop, eine Digitalkamera oder ein Handy – und natürlich ein wenig Platz, um Aufgenommenes zu bearbeiten. Der große Tisch im Wohnzimmer sei dafür vollkommen ausreichend …

Thiele ist also ausgezogen aus dem Atelier. Oder genauer: das Atelier ist bei ihm eingezogen. Er habe zwar zunächst überlegt, mit den anderen Künstlern aus dem Haus an einem anderen Ort in Frankfurt zu ziehen, das aber auch schnell wieder verworfen. »Die vergangenen Monate waren für mich so was wie eine Testphase, und ich habe festgestellt, wie angenehm es ist, zu Hause zu arbeiten«, sagt er. Immerhin hatte er Zeit, den Flur seiner Zwei-Zimmer-Altbauwohnung in Offenbach zu renovieren, die Wände überwiegend mit einem gelblichen Farbton zu streichen und eine Wand mit einer Motivtapete in einem intensiven Grün zu tapezieren. Das Ergebnis lässt an einen sommerlichen Tag im Frühling denken. Der Filmemacher und Fotograf hat ein Faible für Dinge, die eine Geschichte erzählen. Das spiegelt sich auch in der Einrichtung seiner Wohnung wider. In dem alten Kino-Gestühl, das dekorativ als Sitzgelegenheit dort steht. Oder den Möbeln aus den 60ern und 70ern, dekoriert mit keramischen Objekten und Porzellanvasen aus jener Zeit und früher. Schallplatten und DVDs füllen die Regalböden rund um das Fenster im Wohnzimmer. Thiele stand früher auch regelmäßig als DJ am Plattenteller. Arbeiten von befreundeten Künstler*innen – Zeichnungen, Grafiken, Fotografien und ein großes Ölgemälde – hängen an den Wänden im Wohnzimmer. Thiele, der aus Lippstadt in Nordrhein-Westfalen kommt und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach bei Helmut Herbst, Lothar Spree und Rotraut Pape studierte, macht auch selbst Geschichten. Eines seiner Lieblings-Projekte nennt er »Foto der Woche«. Seit Jahren sucht er sich wöchentlich ein Motiv – jedes zeigt seine ganz individuelle Wahrnehmung auf seine unmittelbare Umwelt. »Ich arbeite gerne projektbezogen«, erzählt er. Etwa für das Performance-Kollektiv Red Park. Das gilt auch für seine filmischen Arbeiten, die von animierten Videos über Filme mit realen Darstellern oder Dokumentarischem bis hin zur Aufzeichnungen solcher Performances reichen. Oder wie er es selbst beschreibt: vom Kurzfilm über den Animationsfilm bis zum Musikvideo. Diese setzt er mal als Regisseur in Szene, mal fängt er die Bilder selbst mit der Kamera ein. Dass er Wohnen und Arbeiten nun nicht mehr räumlich trennt, findet Thiele nicht schlimm, eher praktisch. Auch wenn noch längst nicht alle Kisten ausgepackt sind, die durch den Einzug seines Ateliers in die Wohnung zusammengekommen sind und für deren Inhalt er nun einen Platz finden muss. Doch er wird ihn finden. Künstler sind ja bekanntlich kreativ und verstehen es, mit Veränderungen zu leben. In einem Terrain wie FrankfurtRheinMain muss man dies wahrscheinlich sowieso. Und als Künstler ganz besonders … (_us.).