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Quelle: Sara Sun Hee Martischius©

Impuls | Sara Sun Hee Martischius

Ach so, Sie sind Deutsche …

Vom Leben mit täglichen Mückenstichen

Sara Sun Hee Martischius lebt seit ihrer Kindheit in der Nähe von Neustadt in der Pfalz. Sie ist, wie sie selbst sagt, »Mutter, Partnerin, Fotografin, Künstlerin, Reitlehrerin, Freundin, Tochter, Schwiegertochter, Cousine, Tante«. Und sie ist »WoC«, Woman of Color, geboren in Südkorea. Erlebnisse einer Woman of Color auf dem Land um Neustadt und drumherum in Deutschland. 

»Autsch, schon wieder einer!«, durchfährt es mich, während ich vergeblich versuche, einen riesigen Mückenschwarm mit der Hand zu verscheuchen. Doch das ist ein aussichtsloses Unterfangen, und so reiht sich bald Stich an Stich, während ich mit meiner Kamera bewaffnet durch die Wildnis Kamtschatkas stapfe. Für mich ist das hier zum Glück nur ein temporäres Problem. Schon sehr bald, wenn alle Fotos im Kasten sind, geht es wieder zurück in die pfälzische Provinz, die ich mein Zuhause nenne. Dort gibt es zwar weniger Moskitos, dafür piesackt mich dort fast täglich der Alltagsrassismus, dessen innewohnende Mikroaggressionen die Autorin Alice Hasters gerne passend mit Mückenstichen vergleicht …

Diese »Mikroaggressionen« begleiten mich als asiatisch-gelesene Woman of Color in Deutschland schon mein ganzes Leben lang. Der Alltagsrassismus schlägt mir manchmal schon entgegen, kaum dass ich nach einer Reise deutschen Boden unter den Füßen habe. Im vollen Zugabteil kontrolliert die Bundespolizei mal wieder nur die »BIPoc« (Black, Indigenous, and People of Color). Neben solchen Formen des institutionellen Rassismus sind es vor allem die unzähligen Momente direkt vor der Haustür, die mich immer wieder eiskalt erwischen. Ich kann ich ein Lied davon singen, und es ist nicht »Drei Chinesen mit dem Kontrabass«, was uns beim Einschulungsgespräch unseres Kindes tatsächlich zum Sprachtraining empfohlen wurde. Und, na klar, der ältere Herr im nahegelegenen Supermarkt, der ganz verdutzt meinen pfälzischen Dialekt bestaunt und partout wissen will, wo ich denn wirklich herkomme, meint es ja nur gut. So wie all die anderen Menschen, die mir immer wieder vorhalten, dass ich doch irgendwie anders bin als der Rest der w e i ß e n Mehrheitsgesellschaft. Dafür gibt es übrigens ein Fachwort: »Othering«, das (jemanden) Andersmachen. Beim gemütlichen Abendspaziergang sprechen die Leute dann auch mal in der dritten Person mit meinen Partner über mich, obwohl ich direkt daneben stehe: »Sie sieht ja schon wieder ganz gut aus nach der Schwangerschaft.« Bodyshaming gibt’s als Dreingabe. Immerhin fasst mir jetzt keiner mehr ungefragt in die »ach so schääne schwarze Hoor«. In meiner Kindheit war das Standard. Apropos Kinder: Dass man mich beim Spielplatzbesuch auf meine »süßen M_schlingskinder« anspricht, passiert mir zum Glück nur noch im Urlaub. Hier im Dorf kennt uns ja jede*r. Die anderen BIPoC sind an einer Hand abzuzählen. Sehr übersichtlich das Ganze.

Erlebnisse wie in den »Baseballschlägerjahren« hatte ich jetzt zum Glück schon lange nicht mehr. Aber von Neo-Nazis durch provinzielle Hinterhöfe und Gärten gejagt zu werden, wie es mir in meiner Jugend passierte, darauf kann ich ja auch ganz gut verzichten. Das Leben in der Provinz erscheint von außen oft beschaulich. Als sei die Welt hier irgendwie noch in Ordnung. Doch noch immer ist der Diskurs um marginalisierte und rassifizierte Menschen kaum ein Thema am Stammtisch in der Dorfkneipe. Bei »Hundegassi-Bekanntschaften« muss ich immer noch erklären, warum die süßen Dinger vom Dorffest jetzt Schokoküsse heißen. Gegen die, oft hinter Höflichkeit oder Unwissenheit versteckten Rassismen, helfen auch hier keine Salbe und kein Mückenspray, sondern nur Aufklärung und sichtbar machen von Rassismus. Denn gut gemeint, ist leider häufig alles andere, als gut gemacht …