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Monika Linhard: den Raum nutzen
Quelle: Günther Dächert©

Künstlerinnen. Leben. Orte. [10]

Monika L. – die Fabrikbesetzende

Mitten in einem Ort im Umbruch zu Hause

Es ist eine der spannendsten und doch unbekanntesten Ecken Frankfurts. Das hintere Gutleut – da, wo die Post ihr wie 70er Jahre aussehendes 90er-Jahre-Verteilzentrum hat und die Mainova ihr auch schon in die Jahre gekommenes Firmengelände mit dem charakteristischen Kraftwerk. Wo ein paar zeit- und gesichtslose Bettenbauten die Ausfallstraße säumen, aber auch eine charmante Ex-Handwerkersiedlung und der kleine Sommerhoffpark direkt über dem Main. An vielem hat der Zahn der Zeit nicht nur genagt. Auch an der »Farbenfabrik Milchsack«. Vorne, wo die mehrstöckigen Klinker-Mietshäuser stehen, sieht es fast herrschaftlich aus. Doch schon die zweite Reihe zweistöckiger Bürobauten irgendeiner Nachkriegszeit sind steingewordener Sanierungsbedarf. Das schmucklose »Tanzhaus West« und die Hallen des Theaterhauses »Landungsbrücken« schließen sich an. Weiter hinten, wo zu den Bahngleisen hin eine Auto-Werkstatt liegt, wird es langsam trostlos. Allerdings wird hier auch schon geräumt. Die Stadt hat das Gelände übernommen. Irgendwas mit Kultur, Handwerk, Gewerbe, Wohnen soll entstehen – der Frankfurter Mix. Vielleicht mit Glück etwas »Vorzeigbares mit Künstler*innen«, weil drumherum stellt sich die Stadt »neues urbanes Wohnen« vor …

»Wir wissen nicht so wirklich, was kommt«, sagt Monika Linhard. Die Objekt- und Installationskünstlerin hat im oberen Stock eines der Ex-Bürogebäude ihr Wohnatelier. Ein großes Atelier mit vielen Fenstern, langer Flur, kleine Küche, ein Wohnraum. Und ein untervermietetes Zimmer. Vieles mit den Jahren selbst renoviert. Linhard lebt hier seit einem Jahrzehnt. Schon damals war das Gelände im Dauer-Umbruch. Die Farbenfabrik war insolvent, Erbenvertreter Peter Peters träumte von einer Kulturfabrik. Neben Tanzhaus und Landungsbrücken haben sich Fotograf*innen, Künstler*innen und andere mehr oder minder Kreative angesiedelt. Ein irgendwie selbst nicht verwaltetes Kulturbiotop ist entstanden. Kulturschaffende, die sich eingerichtet haben. Auch Linhard hat sich eingerichtet und über die Jahre biotopen Raum erobert. Ihr Freund wohnt im Vorderhaus, sie nutzen die Dachterrasse vor ihrem Küchenfenster ebenso mit wie die kleine Urban-Gardening-Ecke. Und auch Linhard träumt von einer »Kulturfabrik«, die hier entstehen könnte. Die manche der Bewohner*innen auch schon ausgerufen haben, die an manchen Tagen mit Flohmärkten, Theater, Jazz oder offenen Ateliers mal sichtbar ist. Und für die Linhard in »ihrem« Haus, in dem ein Dutzend Künstler*innen mehr oder minder zu Hause sind, ein Atelierhaus entstehen lassen möchte. Für Linhard verschmelzen an dem Ort Wohnen, Leben und Arbeiten. Und sie möchte ihn in diesem Sinne gestalten. So wie sie als Objekt- und Installationskünstlerin Orte und Dinge nach ihren Vorstellungen gestaltet, Objekte und Dinge dabei auch zerlegt und neu definiert. Ein Beispiel für ihre Kunst sind die »Zeitungs-Arbeiten«, die aktuell wie eine kleine Ausstellung im Atelier hängen. Aus ganz Europa hat sie aus Tageszeitungen kleine Objekte in Bilderrahmen geschaffen. Sie sehen aus wie kleine imaginäre Stadtpläne. Stadtpläne? Ein kleines Stadtbiotop könnte auf dem Milchsack-Gelände entstehen. Doch noch ist alles ungewiss. Nur wenige Hundert Meter von hier sieht man beim Spaziergang, was es auch für Pläne gibt in diesem gerade entstehenden Viertel. Direkt am Main ragt ein eingerüstetes villenartiges altes Backstein-Mehrfamilienhaus auf. Alt? Was wie alter Backstein aussieht, scheint nur Verkleidung zu sein. Günstig dürften die Wohnungen dort trotzdem kaum werden. Wie sagte Linhard eingangs: »Wir wissen nicht so wirklich, was kommt«. Ein ganz untypisches Künstler*innen-Schicksal scheint das aber nicht zu sein in der Main-Metropole … (_us.).