Jahr im Wartestand - Orchestermitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie
Quelle: Achim Reissner©

Krise (in den Griff) kriegen

Mehr als ein verlorenes Jahr?

Karolin Spegg und das Dilemma junger Musiker*innen

Auf Urban shorts haben dieses Jahr Kulturschaffende von ihrem Corona-Jahr berichtet. Doch keine Geschichte hat uns so sehr berührt wie die von Karolin Spegg, Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie und (eigentlich) Praktikantin am SWR Orchester in Stuttgart. Ihr Jahr fiel weitgehend aus, sieht man von einem Projekt und Mini-Konzerten »vor den Fenstern sozialer Einrichtungen« ab. Für junge Musiker*innen wie sie ist dies aber mehr als ein verlorenes Jahr. In ihrem Metier kann ein solches Jahr eine ganze Karriere zur Disposition stellen … 

Das Jahr 2020 hätte ein ganz besonderes werden sollen. Sowohl für uns als Junge Deutsche Philharmonie als auch für mich als eine Musikerin in den Startlöchern ihrer Laufbahn. Nach einem Neujahrskonzert in der Alten Oper standen für uns im Frühjahr eine große Konzerttournee mit dem Ensemble Modern, im Sommer das selbst entworfene interdisziplinäre Beethoven-Projekt »Alle Sinne für die Siebte« und im Herbst Händels »Alessandro« im ETA Hoffmann Theater Bamberg an. Und ich selbst war gerade eingetaucht in mein einjähriges Praktikum der Cellogruppe im SWR Symphonieorchester Stuttgart – ein fast unverzichtbarer Grundstein für eine Orchesterkarriere.

Doch im März und April wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. Erst dachten wir, es würde »nur« unsere Frühjahrstournee ausfallen. Doch schon im April schloss auch das ETA Hoffmann Theater bis Oktober seine Türen. Von Freund*innen und Kommiliton*innen hörte ich, dass nicht nur ich in dieser Zeit kaum Motivation hatte, mein Instrument in die Hand zu nehmen. Eine Online-Krisensitzung im Orchestervorstand rüttelte mich etwas auf. »Wir erlauben das nicht, ein Leben ohne Musik!« war ein Satz, den unser Erster Dirigent Jonathan Nott sagte. Er forderte uns auf, unter allen Umständen unser noch nicht eingestampftes Beethoven-Projekt zu realisieren – und außerdem als junges Orchester öffentlich Stellung zu beziehen.

Es folgten Videositzungen, Zoom-Workouts, Online-Stammtische, eine Mitglieder-Umfrage – und schließlich ein offener Brief an alle deutschen Orchester. Denn für uns junge Musiker*innen geht es nicht nur um ein verlorenes Jahr. Es geht um unsere Zukunft. Für Musikstudierende sind ein Praktikum oder eine Akademieausbildung in einem professionellen Orchester fast unumgänglich, um sich überhaupt auf feste Stellen bewerben zu können. Andernfalls erhält man oft nicht einmal eine Einladung zum Vorspiel, dem sogenannten Probespiel. Die Altersgrenze für die begehrten Praktika und Akademiestellen liegt oft bei 26 Jahren, und viele müssen mehrere Jahre Probespiel-Erfahrung sammeln, um in dieser strapaziösen Situation ihre Fähigkeiten überhaupt zeigen zu können.

Im Sommer 2019 war ich noch sehr glücklich, das einjährige Praktikum in Stuttgart gewonnen zu haben. Doch das unvergesslichste Erlebnis meiner Zeit mit den SWR-Symphoniker*innen war im Nachhinein wohl leider der 8. März dieses Jahres in Paris, an dem wir nach dem Check-In im Hotel erfuhren, dass soeben in Frankreich mit sofortiger Wirkung alle Veranstaltungen ab 1.000 Leuten untersagt worden waren. Eine große Gruppe von Musiker*innen saß an dem Abend in der Hotelbar und diskutierte, ob nun wirklich das Konzert am nächsten Tag ausfallen würde. Gegen Mitternacht kam die Mail – das ganze Orchester war umsonst nach Paris gereist.

Anstatt wie vorgesehen ein ganzes Jahr Erfahrung in einem professionellen Rundfunkorchester zu sammeln, spielte ich von April bis Juli Duo-Auftritte vor den Fenstern sozialer Einrichtungen und Eins-zu-Eins-Konzerte für je eine*n Zuhörer*in. Als endlich wieder kleinere Orchester möglich wurden, durfte ich in einer reinen Streicherbesetzung noch eine Audioproduktion mitspielen. Praktika für die neue Saison wurden von vielen Orchestern vorerst nicht ausgeschrieben. Und selbst wenn, dann droht die Altersgrenze und drängen jüngere Musiker*innen nach. Auch mit festen Stellen sieht es wegen Einsparungen momentan schwierig aus – der Ansturm von Bewerber*innen scheint dagegen größer denn je. Ich bin irgendwie dankbar, dass ich erst noch ein Jahr Masterstudium vor mir habe!

Einen Lichtblick gab es aber. Im September haben wir als Junge Deutsche Philharmonie mit sechs Künstler*innen, einem Dramaturgen, einem Dirigenten, einem Organisationsteam und 32 Musiker*innen unsere Beethoven-Performance in fünf deutschen Städten auf die Bühne gebracht. 32 von 260 allerdings. Von unseren 260 Mitgliedern hat in der letzten Zeit nämlich nur ein Bruchteil gespielt, und es gibt Neulinge im Orchester, die schon vor einem Jahr ein erfolgreiches Probespiel hatten – und trotzdem noch nie mit uns spielen konnten. Wir haben im Sommer Probespiele unter strengen Hygienemaßnahmen veranstaltet, um jungen Leuten zumindest diese Erfahrung möglich zu machen und sie hoffentlich bald einbinden zu können. Denn eine ganze Generation bangt gerade um ihre Zukunft …