Bibliotheken erfinden sich neu
Quelle: Veronika Scherer©

Gestalten | Dritte Orte

Mit allen Menschen

In der Stadtbücherei Neu-Isenburg

Stadtbibliotheken – einst still, verstaubt und von wenigen Menschen besucht – erfinden sich in vielen Städten derzeit neu. Sie öffnen sich als »Dritte Orte« zwischen Zuhause und Arbeiten neuen Aufgaben, neuen Medien, neuen Menschen. Ein Besuch in der Stadtbibliothek Neu-Isenburg.

Das Rascheln von Seiten, leise geflüsterte Gespräche, das Klicken von Tastaturen. Am Fenster sitzt ein Junge, vor ihm sind seine Mathe-Hefte ausgebreitet. Gerade hilft ihm eine junge Nachhilfelehrerin bei den Hausaufgaben. Einen Tisch weiter sitzt ein Mädchen. Ganz vertieft in das Buch, das es gerade vor sich hält. Eine Tasse mit dampfendem Tee steht vor ihm auf dem Tisch. Und auf der anderen Seite des Raumes eine ganze Gruppe von Jugendlichen. Sie bereiten sich gerade gemeinsam auf die Prüfungen vor, die ihnen bevorstehen. Hin und wieder ertönt leises Lachen. Noch ein paar Meter weiter zwei weitere Jugendliche, diesmal spielend in ihre Tablets vertieft. Ein kurzer, wenn auch dezenter Aufschrei: »Ja«. Verlegener Blick in den Raum. Ein Lächeln da oder dort. Sie spielen weiter. Die anderen arbeiten weiter. Auch zwei ältere Damen zwischen den Buchregalen schmunzeln nur.

Der Ort: die Bibliothek der Stadt Neu-Isenburg. Wer bei Bibliothek noch an Stille, unendliche Bücher, dazwischen meist einige wenige ältere Menschen denkt, wird hier eines anderen belehrt. Bibliotheken sind längst nicht mehr aus der Zeit gefallen. Immer öfter werden sie zu einem Ort der Begegnung. Betritt man an einem ganz normalen Nachmittag die Stadtbücherei, so trifft man auf ein zwar recht stilles, aber zugleich auch wuseliges Treiben aus lernenden und lesenden oder einfach zusammensitzenden Menschen. Und auffällig viele davon sind jung. Was hier entsteht, nennt man einen sogenannten »Dritten Ort«, der Abwechslung schafft und Alternativen bietet, zu den gewohnten Umfeldern der Schule und der Arbeit einer- und des eigenen Zuhauses andererseits. Einen Ort, der Platz schafft, um zusammenzukommen, ohne gleich festgelegt zu sein. »Draußen«, so das Mädchen mit dem Buch, »ist es laut, hektisch, man muss immer etwas kaufen, um irgendwo zu sitzen. Zuhause sind die Eltern. In der Schule auch immer irgendjemand anderes, der irgendetwas will«. Man muss sich bloß umblicken und umhören, und schon wird klar, dass dieser Ort einen anderen Raum bietet, der zunehmend gebraucht und vor allem wertgeschätzt wird. Gerade bei Jüngeren …

Bibliotheken sind im Wandel. Sollen in der heutigen Zeit mehr Orte der Begegnung, der Gemeinschaft, aber auch einfach des bloßen Seins sein. Und sie sollen die Menschen der Stadt einbinden. Auch die Wände der Stadtbibliothek bieten Platz für Austausch und Gemeinschaft. Geht man die Treppe zwischen den beiden Stockwerken des Glasbaus hinauf, so blickt man auf immer wieder wechselnde Kunstwerke und Projekte. Mal finden sich hier Zeichnungen und Werke lokaler Künstler*innen, dann wiederum machen sich die in gemalten Bildern festgehaltenen Wünsche für die Zukunft bemerkbar, die von Kindern einer Grundschulklasse angefertigt wurden. Besonders eine Ausstellung bleibt im Gedächtnis. Besucher*innen waren eingeladen, auf kleinen Zetteln aufzuschreiben, was Bibliotheken, diese Bibliothek für sie oder ihn bedeuten. Zahllose Worte, Sätze und Wünschen wurden auf diese Art und Weise gesammelt. Unzählige Dinge schrieben die Besucher*innen auf. Die Wände des Treppenaufgangs waren voll behangen. Ein besonderer Zettel war heruntergefallen. »Mit allen Menschen dieser Stadt«, stand darauf. Treffender hätte man das, was diese Bibliothek, was diesen »Dritten Ort« ausmacht, kaum zusammenfassen können … (xxx.).