Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Beste Bücher | Stadt & Mensch

Städte sind für Menschen da

Jan Gehls menschliches Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch erfährt man mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass man alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).


Jakob Sturm - ein Frankfurter Vorausdenker
Quelle: Katrin Binner©

Impulse | Jakob Sturm

Neue Innenstädte? Oder welche Kultur für alle?

Über Kultur, Innenstadt und eine Kultur der Gemeinsamkeit

»Post-Corona-Innenstadt« – Irgendwie scheint Corona längst an allem Schuld zu sein. Zumindest klingt es so im Namen des Innenstadt-Programmes der Bundesregierung, auf dessen Basis derzeit viel über die Stadt diskutiert wird. Im Vorfeld von »Making Frankfurt«, dem neuesten Anlauf für ein anderes Frankfurt, hat sich auch Jakob Sturm einige Gedanken gemacht …

Angesichts des Strukturwandels im Einzelhandel, den die Corona-Pandemie wohl bestenfalls noch beschleunigt hat, wird allenthalben die Zukunft der Innenstädte diskutiert. Von öffentlicher Seite werden städtebauliche Förderprogramme gegen ihre Verödung aufgelegt. Doch rein investive Maßnahmen dürften zu kurz greifen. Was aber kann die Rolle und Bedeutung der Innenstadt für die Stadt der Zukunft und für ihre Bewohner*innen sein – jenseits eines Umschlagplatzes für Massenkonsumgüter, die bisher landauf, landab in den uniformen Tempeln des Konsums angeboten wurden und inzwischen einfacher und in größerer Auswahl und ohne relevante Abstriche der Inaugenscheinnahme im Internet bezogen werden können?

In der Tradition unserer Städte befinden sich in zentraler Lage auch unsere öffentlichen »Leuchttürme« der Kultur, die Museen, Theater, Kunsthallen. Doch scheinen diese – längst vor den Konsummeilen – die konkrete Bedeutung für unser Leben, zumindest für das der Mehrheit der Gesellschaft verloren zu haben. Die SPD hatte zuletzt auf einem Wahlplakat zur Kommunalwahl den in Frankfurt altbekannten Slogan »Kultur für alle« reaktiviert. Ja, bitte! Aber welche Kultur ist hier gemeint, welche Rolle in der Gesellschaft wird ihr zugewiesen, und wer sind eigentlich »alle«? Meint »alle« wirklich die gesamte Stadtgesellschaft in ihrer aktuellen Zusammensetzung? Und geht es bei der Veranstaltung Kultur noch um die zentralen Fragen, die uns wirklich alle beschäftigen und verbinden? Oder ist unsere Kultur längst ein Konsumgut mit zunehmendem Eventprofil, das, je nach Schicht und Bildungsstand, die Gesellschaft mehr oder weniger anspruchsvoll unterhält, oder sich, hochsubventioniert, als gehütetes Residuum unseres überkommenen Selbstbildes der Dynamik der digitalen Welt entzieht?

Unser Kulturbegriff kennt kaum mehr die Rolle der Kultur als gemeinsam zu gestaltender Grundlage des Zusammenlebens einer wie immer zusammengesetzten Gemeinschaft. Die Kultur muss nicht raus aus den Museen. Die Museen und sonstigen Kultureinrichtungen müssen sich, indem sie sich tatsächlich allen gesellschaftlichen Gruppen öffnen, auch den wichtigen Fragen der Gesellschaft insgesamt öffnen oder diese zumindest wieder identifizieren, damit Kultur ist, was sie sein sollte: deren Spiegel, ihre Repräsentanz und Ort zentraler Aushandlungsprozesse. Eine der zentral zur Diskussion stehenden Fragen ist dabei, gerade in Verbindung mit unserer zunehmend digitalisierten Welt, die Frage des Raumes. Virtuelle Welten suggerieren uns, dass dieser an Bedeutung verliert. Real tut er das nicht. Kulturelle und kreative, ja, Avantgarden in den großen Städten machen diesen seit geraumer Zeit zum Thema, indem sie sich neue Räume in Gebäuden, deren bisherige Nutzung nicht mehr besteht, vielfältig mit alternativen und neuen Konzepten erobern.

Wie können wir ein solches kreatives Neu-Denken von Raum fruchtbar machen für die Nutzung von Flächen, die sich jetzt durch Leerstand in den Innenstädten darbieten, damit Räume entstehen und, ganz nebenbei, die Kultur wieder den Bezug zu unserer Lebensrealität anknüpft? Natürlich spielt bezogen auf die aktuelle Debatte um die Innenstädte nicht zuletzt der ökonomische Aspekt eine bedeutsame Rolle. Aber wenn es uns gelingt, mit neuen Konzepten des Raumes zu experimentieren und Kultur in ihrer grundlegenden Bedeutung wieder in Verbindung mit den für unser Zusammenleben relevanten Themen – Wohnen, Kommunikation, Teilen, Tauschen, Wirtschaften, Umwelt etc. – zu verstehen, müssen wir uns womöglich um unsere Innenstädte nicht so große Sorgen machen …


Vier Orte für Menschen: Berlin, Oberhausen, Zwickau, Mannheim
Quelle: Wüstenrot Stiftung©

Projekt(e) über Projekte

Orte des Miteinanders

Biotope und soziokulturelle Zentren

In diesen Zeiten ist viel die Rede vom Wert der Demokratie, von der Freiheit und von der Teilhabe an der Gesellschaft. Doch Demokratie braucht auch Orte des Austausches, des Nachdenkens, des Miteinanders – kurzum: der Stärkung dieser Demokratie und ihrer grundlegenden Werte. »Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe« heißt ein Projekt der Wüstenrot Stiftung, das derzeit virtuell im Netz betrachtet werden kann und als Wanderausstellung durch die Republik tourt. Urban shorts – Das Metropole Magazin stellt vier der Orte pars pro toto vor. Ein Ort, an dem Bürger*innen selbst ihre Stadtentwicklung in die Hand nehmen (können). Ein Ort, an dem Geflüchtete Kultur und Kompetenzen einbringen (können). Ein Ort, an dem Jugendliche ein eigenes Gespür für Teilhabe und Demokratie entwickeln (können). Ein Ort, an dem Menschen in einem Stadtviertel Gemeinsamkeiten finden und entwickeln (können). Die vier Projekte zeigen, wie vielfältig Demokratie, Teilhabe und Integration gelebt werden und welche Rolle Kultur dabei als ein tragendes Element spielen kann. Urban shorts – Das Metropole Magazin ergänzt dieses »Projekt über Projekte« aber auch durch einige sehr unterschiedliche Beispiele aus der Region FrankfurtRheinMain, die ihrerseits zeigen, wie sehr solche Orte und deren Arbeit ein wichtiger Backbone für eine demokratische Gesellschaft sind. Pars pro toto steht das Frankfurter Offene Haus der Kulturen. Mit dabei sind aber auch Orte wie der Hafen 2 in Offenbach, der Darmstädter Waldkunstpfad, das Haus Mainusch in Mainz, der Orange Beach am Rande von Frankfurt oder ein immer mehr um sich greifender Trend zu Gemeinschaftsgärten. Abgerundet wird der kleine Schwerpunkt von einem Gastbeitrag von der  KulturRegion-Geschäftsführerin Sabine von Bebenburg über das Potential, das für Kulturschaffende in alten Industriekulturbauten liegt (red.).

Wüstenrot Stiftung©
Die Brotfabrik - dem Verwertungsdruck vorerst entzogen
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©

Impulse | Industriebauten

Kultur und Kulturerbe bewahren

Gastbeitrag von Sabine von Bebenburg

Alte Industriebauten sind oft ideale Biotope für Kultur und Kulturschaffende. Aber leider sind deren Areale auch beliebt bei Projekt- und Immobilienentwicklern. Sabine von Bebenburg, Geschäftsführerin der KulturRegion, plädiert für einen Erhalt und für ein Bündeln von Kräften – für die Kultur, aber auch für eine lebendige Stadtteilkultur. 

Nur selten sind sie in den Schlagzeilen: Ehemalige Industriebauten und -Ensembles, die nach einem Leerstand zunächst von Pionier*innen – etwa mit Künstler*innenateliers – genutzt wurden. So wie die Brotfabrik in Frankfurt-Hausen mit ihrem Mix aus Kultur, Gastronomie und Praxen. Sie belebt diesen Stadtteil und hat sich über Jahrzehnte als Kulturzentrum mit Tanz-Schwerpunkt für Frankfurt und die Region etabliert. In die Schlagzeilen geriet sie durch Verkaufspläne, die Abriss und Wohnungsneubau nach sich ziehen sollten. In diesem Fall reagierten Stadt und Land schnell und stellten das Ensemble unter Denkmalschutz. Fürs Erste scheint damit auch die Kultur hier gerettet.

Sowohl für eine lebendige Stadt wie für eine lebendige Kulturlandschaft ist es wichtig, Soziotope wie dieses zu schützen. Ist die Lage eines solchen Ensembles nämlich begehrt, wird es im weiteren Verlauf dann gerne von der Kreativwirtschaft, von Fotograf*innen, Design*innen oder Werbeagenturen, nachgefragt – sowie später in der Verwertungskette von etablierten Firmen als Showroom oder als Lofts zum Wohnen für Kosmopolit*innen. »Aufwertung« nennt man das – und es wird dabei Geld zur fachgerechten Erhaltung in die Hand genommen. Beispiele zur »upgrading«-Transformation von qualitativ hochwertigen Ensembles aus der Industriezeit sind etwa in Offenbach die Heyne- und Hassia-Fabrik, in Frankfurt die ehemalige Union-Brauerei an der Hanauer Landstraße, die Klassikstadt in Fechenheim oder das Druckwasserwerk im Westhafen, heute ein angesagtes Restaurant. Zuweilen werden Industriekultur-Hallen entkernt und erleben ihre Auferstehung als Supermärkte wie etwa die ehemaligen Bornheimer und Sachsenhäuser Straßenbahn-Depots. Auch die ehemaligen Lungenheilstätten in Königstein-Falkenstein (heute ein Kempinski-Hotel mit Wohnen sowie Fitnessstudio) und in Kelkheim-Ruppertshain (heute ein »Zauberberg« mit Wohnungen, Praxen, Ateliers und Gastronomie) haben eine solche Entwicklung durchlaufen, wodurch die aufgewerteten Ensembles dauerhaft erhalten werden können.

Die Schönheit und Potenziale solcher industriekultureller Ensembles zu erkennen, ist allerdings eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: als identitätsstiftende Orte – neben ihrer soziokulturellen Rolle auch durch ihre typischen Landmarken wie die alten Schornsteine – und in ihrer gestalterischen Offenheit als ideale Orte der künstlerischen und kreativen Begegnung. Nur selten können solche Orte dauerhaft für eine rein kulturelle Nutzung erhalten werden, so in Frankfurt ein weiteres ehemaliges Straßenbahn-Depot, das als »Bockenheimer Depot« Spielstätte städtischer Bühnen und des Balletts wurde. In nachgefragten Lagen kann die Kultur meist nur so lange bleiben, wie es (noch) bröckelt. An anderen brachgefallenen Orten etwa, wo der Verwertungsdruck nicht so groß ist, werkeln häufig eher betagte Vereinsmitglieder mit viel Leidenschaft und Kompetenz, um »ihre« Orte zu nutzen und zu erhalten: So gibt es etwa engagierte Eisenbahnvereine in Frankfurt, Darmstadt oder Hanau, die über historische Rundlokschuppen samt Schienenfahrzeugen verfügen. Doch hier fehlt es oft an Geld für notwendige Reparaturen zur Instandhaltung der Gebäude, und die Kosten notwendiger TÜV-Abnahmen von Dampfmaschinen oder Loks können einen Verein in den Ruin stürzen. An anderer Stelle braucht es Ressourcen, um ein Management so weit zu professionalisieren, dass ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept möglich wird für die Betreiber. Aktuelles Beispiel: die Transformation der Seilerbahn, der ehemaligen Seilerei Reutlinger, in Frankfurt-Sachsenhausen. Dass städtische oder staatliche Unterstützung seitens der Kreativwirtschaft im Schulterschluss mit Kultur- und Planungsdezernaten Gutes bewirken können, zeigen Beispiele wie das Produktions- und Ausstellungshaus Basis im Frankfurter Bahnhofsviertel oder die ebenfalls dort angesiedelte Leerstandagentur Radar, die im Bestand Räume für Kulturschaffende vermittelt und unterstützt. Wo findige und kundige Pioniere wie etwa der Gastronom Simon Horn und Projektentwickler Sven Seipp unterwegs sind, kann es auch aus eigener Kraft gelingen, inspirierende Orte für Kreative in Industriekultur zu schaffen, zumindest temporär. Das zeigen aktuell etwa das »Danzig am Platz« (am Frankfurter Ostbahnhof) und das »Massif Central« in einer ehemaligen Druckerei an der Eschersheimer Landstraße. Was es braucht: Kreative Köpfe, eine offene Gesprächskultur, ein konstruktives Miteinander von öffentlichen und privaten Akteur*innen, Ressourcen und finanzielle Unterstützung, Allianzen zwischen engagierten Kulturschaffenden und Bürger*innen. All das hat in Frankfurt, der Stadt der Bürger*innenstiftungen, Tradition …

Landesamt für Denkmalpflege / Thomas Steigenberger©
Die Werkstatt - Treffpunkt und Schnittstelle nach außen
Quelle: Nils Koenning©

Orte für Menschen [1]

Stadt gemeinsam entwickeln

Das (ehemalige) Haus der Statistik in Berlin

Stadtentwicklung ist normalerweise ein typisches Top-down-Geschäft. Städte und Unternehmen planen ein Stadtviertel; die Bevölkerung wird zuweilen in partizipativen Prozessen mehr oder minder beratend hinzugezogen. Rund um das ehemalige Haus der Statistik – bestehend aus vier Hochhauskomplexen und dem kleinen Werkstattgebäude – entstand in Berlin ein neuer Ansatz, bei dem neben Stadt und Wohnbaugesellschaften direkt zahlreiche Gruppen als Pioniernutzer*innen miteinziehen und mitgestalten konnten. Bundesweit ein mit Spannung beobachteter Modellversuch.

Die Idee: Das Haus der Statistik ist ein Modellversuch einer koproduktiven Stadtentwicklung. Das Gegeneinander von Top-down und Bottom-up soll durch ein Miteinander im Sinne einer vielstimmigen Gestaltung von Stadt abgelöst werden. Das Land Berlin leitete das Projekt 2017 mit der Rekommunalisierung des Gebäudekomplexes der ehemaligen Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR 2017 als kooperative Entwicklung ein. Zahlreiche Nutzungsangebote in den bestehenden Räumen wenden sich an Gruppen, die sonst, insbesondere in derart zentralen Stadträumen, nicht an diesen Prozessen beteiligt, sondern eher von Verdrängung und Marginalisierung betroffen sind.

Der Ort: Der ehemalige Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR besteht aus vier Hochhauskomplexen mit jeweils neun bis elf Geschossen sowie Verbindungsbauten. Der gesamte Komplex stand seit 2008 leer. Das Ergebnis eines städtebaulichen Werkstattverfahrens von 2019 sieht vor, dass auf dem mehr als drei Hektar großen Areal ein neues Stadtquartier entsteht und die bestehenden Bauten mit rund 46.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche um weitere rund 70.000 Quadratmeter Neubaufläche ergänzt werden. Aktuell stehen geringe Teile der Gebäude für unterschiedliche Zwischennutzungen zur Verfügung.

Programm: Seit Sommer 2019 beleben Pioniernutzungen die Erdgeschosse. Kunst, Kultur, Soziales, Bildung, Nachbarschaft, Klima und Ernährung sind die Themen der verschiedenen Zwischennutzer*innen, die durch die beginnenden Sanierungsarbeiten ihrerseits zu einem hohen Maß an Flexibilität verpflichtet sind. Es wird Wert darauf gelegt, mit den Angeboten auch Nachbar*innen anzusprechen, die sonst wenig Zugang zu Stadtentwicklung haben. Zugänge für Kinder und Jugendliche genießen ein besonderes Augenmerk. Über 40 Gruppen nutzen das Areal zurzeit. In regelmäßigen Plenarsitzungen werden gemeinschaftliche Themen verhandelt, die Kuratierung der Pioniernutzungen erfolgt durch die Koop5 (s.u.). Mit der Werkstatt Haus der Statistik steht ein zentraler Raum für Themenabende, Quartierslabore, Vernetzungsratschläge und einen »PlanTisch« zur Verfügung, um die kooperative Stadtentwicklung auf partizipativ mit Informationen, Konsultationen, Kooperationen und Koproduktionen zu ermöglichen.

Akteur*innen: Zur Umsetzung des Gesamtvorhabens arbeiten öffentliche Hand und Zivilgesellschaft in einer »Koop5« genannten Kooperationsgemeinschaft zusammen, die aus dem Bezirk Berlin-Mitte, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, den landeseigenen Gesellschaften WBM (Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte) und BIM (Berliner Immobilienmanagement) sowie der Genossenschaft »ZUsammenKUNFT Berlin eG« (ZKB) besteht. Die ZKB setzt im Auftrag der Koop5 die Mitwirkungsprozesse um und verantwortet die Pioniernutzungen. Diese müssen gemeinwohlorientiert und gemeinschaftlich sein. Der finanzielle Beitrag richtet sich nach den jeweiligen Möglichkeiten. Die Genossenschaft will damit vor allem Wirksamkeit erfahrbar machen. Ihr Credo: »Ich kann mein eigenes Lebensumfeld gestalten. Das jedoch muss ich jeden Tag neu mit den
Interessen anderer verhandeln.«


Das Refugees' Kitchen mitten im Leben
Quelle: Christoph Stark / KITEV©

Orte für Menschen [2]

Lebendige soziale Skulptur

Das Refugees' Kitchen in Oberhausen

Das Refugees’ Kitchen in Oberhausen könnte man tatsächlich als eine lebende soziale Skulptur bezeichnen: Ein eigenwilliger multifunktionaler Kubus wird zur Heimat für geflüchtete Menschen, von der aus sie über ihr Essen und ihre Kultur eigene Kompetenzen in die hiesige Gesellschaft einbringen können. Refugees’ Kitchen blieb dabei offenbar nicht nur ein »Kunstprojekt«, sondern brachte laut den Organisatoren bisher auch allen Geflüchteten Arbeitsplätze in lokalen Unternehmen. 

Die Idee: Eingebettet in zahlreiche weitere Aktivitäten des Kulturkollektivs KITEVKultur im Turm e. V. – nutzt Refugees‘ Kitchen einen umgebauten Kleinlaster mit einer Container-Küche als mobile Kantine. Refugees‘ Kitchen soll ein funktionelles Kunstwerk sein. Essen und Trinken werden bei jedem Catering von der basalen Erfüllung von Grundbedürfnissen zum performativen Akt, der den Austausch über Kultur, Politik und die sozialen Hintergründe der jeweils Kochenden fördern soll. Das Integrationsprojekt gibt Geflüchteten die Rolle der Gastgeber*innen – ein gewollter Bruch mit dem zugewiesenen Status der Geduldeten.

Der Ort:  Refugees‘ Kitchen hat als mobiler Ort begonnen. In einer Industriehalle wurde monatelang an dem Küchentruck geschraubt und lackiert, fachliche Kenntnisse ausgetauscht, soziale Kontakte zwischen Geflüchteten, dem Kollektiv KITEV und beteiligten lokalen Handwerker*innen geschaffen und Deutsch geübt. 2016 führte die »Jungfernfahrt« auf die bekannte Zeche Zollverein. Wo immer das Küchenmobil seither Station machte, entstand mit dem Essen die Möglichkeit zu Verständigung, Miteinander und Dialog, eröffnet von den Köch*innen, die ihre Geschichten mit den Gerichten verknüpfen – und Gesprächsrunden und Begegnungen ebenso wichtig finden wie das leibliche Wohl. Seit einiger Zeit gibt es zudem die »KüfA«, die »Küche für alle«, in einem selbstverwalteten Stadtteil- und Nachbarschaftszentrum in der Oberhausener Innenstadt, und Ende 2020 wurde eine prominent im Bahnhofsgebäude platzierte dauerhafte gastronomische Einrichtung eröffnet.

Programm: Kochen und gemeinsames Essen sind zentrale programmatische Elemente von Refugees‘ Kitchen, verbunden mit Möglichkeiten des Spracherwerbs, des Zuverdienstes für die Köch*innen sowie der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das Projekt ist mit einer Vielzahl von Vorhaben des Kollektivs KITEV vernetzt, die 2006 mit der Umnutzung des Wasserturms am Oberhausener Hauptbahnhof begannen. Empowerment des lokalen sozialen Umfelds sowie Interventionen in den urbanen Raum mit den Mitteln der Kunst bilden den roten Faden zwischen den einzelnen Projekten. Migration und Fluchterfahrung sind für diese Projekte ein zentrales Thema.

Akteur*innenKITEVKultur im Turm e. V. – besteht seit 2006 und führt als Verein vielfältige künstlerische Partizipationsprojekte durch. Bis heute ist der Trägerverein stark geprägt durch die Gründer*innen, eine Architektin und einen Künstler. Sie sehen sich als Vernetzer*innen und den Verein als eine Plattform für alle, deren Vorhaben zu den kulturellen und integrativen Vereinszielen passen. Am Bau des Küchenmobils haben ungefähr 50 Geflüchtete mitgewirkt, mitgekocht haben weit über 100 Geflächtete, von denen fast alle mittlerweile in Betrieben und Firmen tätig sind. Die Anzahl der ausgegebenen Essen interessiert die Macher*innen dabei weniger als die Bandbreite der Nutzer*innen: Refugees‘ Kitchen wurde etwa von Künstler*innen wie von Karnevalist*innen eingeladen …

Christoph Stark / KITEV©
Jugendarbeit in historischen Gemäuern
Quelle: Alter Gasometer e.V.©

Orte für Menschen [3]

Demokratie von klein auf

Soziokultur im Alten Gasometer in Zwickau

Ein Gespür für Demokratie und Teilhabe kann nicht früh genug geweckt werden. Jugendarbeit steht denn auch im Fokus des Soziokulturellen Zentrums im Alten Gasometer in Zwickau. Doch genau genommen ist dies nur die Basis einer Demokratiearbeit, die auf verschiedenen Ebenen mit Kultur, Projekten und eben offener Jugendarbeit ein lebendiger Ort des Miteinanders sein will, der sich auch in die Stadt und ins Umland öffnet. Die Organisatoren nennen ihn einen »konzentrierten Ort für Demokratiebündnisse« – ein Anspruch, den der kompakte Bau auch optisch einzulösen scheint … 

Die Idee: Das Programm im Alten Gasometer umfasst Jugend-, Kultur- und Demokratiearbeit. Mit niederschwelligen Angeboten werden die Bedeutung und das Zusammenspiel von Vielfalt, Bildung und Teilhabe als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft vermittelt. Dafür wird mit verschiedenen Partner*innen gezielt der öffentliche Raum in Zwickau außerhalb des Gasometers aufgesucht, seit 2019 verstärkt auch der ländliche Raum. Der Schwerpunkt des Angebotes im Bereich der Demokratiearbeit liegt insgesamt auf Jugendlichen.

Der Ort: Der Gasometer wurde 1875 zur Erzeugung von Gas in Betrieb genommen. Nach der Wende wurde er zunächst als Lagerraum genutzt, bevor ab Mitte der 1990er Jahre seitens der Stadt ein Konzept zur Erhaltung des Industriedenkmals und zur Nutzung als soziokulturelles Zentrum entwickelt wurde, dessen Eröffnung nach Umbau im Jahr 2000 stattfand. Der Alte Gasometer selbst ist ein Veranstaltungsort für Kultur, Musik und Bildung. Angesiedelt sind in den angeschlossenen Büroräumen neben dem Verein auch die Koordinationsstellen des lokalen Bündnisses für Demokratie und Toleranz der Zwickauer Region sowie von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und von Zwickauer Partnerschaft für Demokratie im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben!.

Programm: Die Angebote der verschiedenen Koordinationsstellen reichen von Jugendarbeit (u.a. offener Jugendtreff, Streetwork-Team, Geschichtswerkstatt) über Kulturarbeit (u.a. Kino, Kleinkunst, Stadtfest) bis zur Demokratiearbeit (Vernetzung, Projekttage, Begleitung des Jugendparlaments). Es gibt eine institutionelle Förderung der Stadt Zwickau sowie weitere Projektförderungen, sodass insgesamt mehrere Vollzeitstellen zur Verfügung stehen. Fördermittel kommen von Bund, Land, Landkreis, Gemeinden sowie Zweckverbänden und Stiftungen.

Akteur*innen: Träger ist der Verein Alter Gasometer e.V. in Zwickau.  Seine Wurzeln reichen bis in die Friedensbewegung zu Zeiten der DDR; heute bestimmt ein soziokultureller und kulturpolitischer Ansatz die Ausrichtung. Nutzer*innen sind vor allem junge Menschen, in einer Reihe von Angeboten – zum Beispiel Projekttage und Weiterbildungen – auch andere Zielgruppen sowie bei Kino, Theater und Lesungen die allgemeine Öffentlichkeit.