Kulturschaffende beim Arbeiten, beim Wohnen, beim Leben
Quelle: Sibylle Lienhard©

Best of 25 | Künstler. Innen. Orte.

Zwischen Wohnung und Wäscherei

Wie Kulturschaffende Raum für Kultur schaffen

Wie schaffen Kulturschaffende Räume für Kultur? Wie wohnen, wie arbeiten, wie leben sie? Diesen Fragen geht das Projekt »Künstler. Innen. Orte.« mit einer Porträtreihe in Form von Ausstellungen und Artikelserien über Kulturorte und Kulturschaffende in der Rhein-Main-Region nach. Den Auftakt bildete die gleichnamige Ausstellung »Künstler. Innen. Orte.«, die am 23. Oktober 2025 im Foyer des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach u.a. gemeinsam mit Oberbürgermeister Felix Schwenke eröffnet wurde. Zehn Künstler*innen – also genauer natürlich: ihre Porträts aus Fotos und Texten regionaler Fotograf*innen und Autor*innen – waren dort für einige Wochen bis Ende November zu Gast. Am letzten Novemberwochenende schloss dieses »Atelierhaus« wieder. Und drei der Künstler*innen verließen dabei ihr Offenbacher »Künstler*innenhaus« und bezogen am 30. November gemeinsam mit einem weiteren, neuen Künstler in Frankfurt-Höchst ein neues Zuhause: eine »Residenz« im Kulturraum B 25, wo sich im Laufe des Jahres 2026 – dann im monatlichen Wechsel – immer neue Artists in Residence anschließen werden. Ein ganz normales Künstler*innen-Dasein, das wie so oft auf Zeit und an wechselnden Orten angelegt ist (weiter lesen).


Mit Balkon: Wohnen und arbeiten quasi auf zwei Etagen
Quelle: Marie Schwarze©

Best of 25 | C. Liebl & N. Schmid-Pfähler

Die Zwei von der Wäscherei

Zwei Zimmer, Küche – und Künstlerhaus in Laufdistanz

Der niedrige Flachbau duckt sich im Viertel, das in vielen Jahrzehnten gealtert ist. Er stammt aus einer Zeit, in der gerne solche Flanken für die sogenannte »soziale Infrastruktur« in Quartieren gebaut wurden. Heute wirkt er teilweise unbelebt, etwas aus der Zeit gefallen inmitten des Mixes aus 30er-Jahre-Wohnsiedlung, Ein- und Mehrfamilienhäusern. Wären da nicht einige der Schaufenster in den Fassaden, die ihrerseits bunt herausstechen: das »Atelier Wäscherei«. Ladenschilder draußen und drinnen erinnern an die Vormieter – und Carolin Liebl und Nikolas Schmid-Pfähler erzählen, dass auch nach rund sieben Jahren hin und wieder Menschen ihre schmutzige Wäsche abgeben wollen. So haben sie sich vorgenommen, stets freundlich zu erklären, dass es keine Wäscherei mehr an diesem Ort gibt, und was sie hier nun stattdessen tun. Erster Kunstbildungsakt.

Überhaupt erscheinen die beiden heutigen Hauptprotagonist*innen des »Ateliers Wäscherei« stets entspannt. Sie wollen in einem Offenbacher Stadtteil, der in einem toten Winkel der Stadt oft wenig gesehen wird, Hemmschwellen senken, Zugänge erleichtern, einladen zu Kunst, die von der Künstler*innengruppe vor Ort geschaffen wird (weiter lesen).


Hans-Jürgen Herrmann: Hier genau zwischen Atelier und Wohnung
Quelle: Günther Dächert©

Hans-Jürgen Herrmann

Der Grenzgängige

Leben zwischen Städten und im Atelier

Frankfurter oder Offenbacher – Das ist am Ende die Frage, die unweigerlich kommen muss bei Hans-Jürgen Herrmann. Die Antwort: »Bayreuther«. Nein, kein Ausweichen bei der heikelsten Frage zwischen beiden Städten. Es ist Überzeugung. Herrmann stammt aus Bayreuth, ist dort auch immer mal wieder, um nach dem Tode der Mutter nach dem Elternhaus zu schauen.

Doch hierzulande kennt man ihn nur als Frankfurt-Offenbacher Fotografen, seit über 40 Jahren. Einst kam er nach Offenbach wegen der »HfG«, der renommierten Hochschule für Gestaltung, und wurde dort diplomierter Designer und Fotograf. Später zog er mit Frau Anita nach Sachsenhausen, bezog aber auch in einem typischen Offenbacher Gewerbe-Hinterhof Backsteinkomplex ein Atelier. So wie es viele dort gibt, wo deren Dichte viel höher scheint als in Frankfurt. Ein Hinterhaus, in dem er als Gründungsmitglied der Künstler*innen-Gemeinschaft »Projekt Bleichstraße 14 H« seither zusammen mit anderen Kulturschaffenden arbeitet (weiter lesen).


Setareh Alipour: Zwischenstopp auf der Suche nach Räumen
Quelle: Vlada Shcholkina©

Seterah Alipour

Die Improvisationskünstlerin

Die Orte der Kultur überall gestalten

Vielleicht war jene Ausstellung vor ein paar Jahren einfach so auf dem Grün des Offenbacher Büsingparks jene, die am meisten über Setareh Alipour verrät. Es ging um Alltagsrassismus, um die Erfahrungen junger Menschen, zusammengetragen vom Fotografen Zino Peterek, kuratiert für nur diesen einen Tag von Alipour mit Fotos und Texten, die an den Bäumen hingen und die Geschichten dieser Menschen mit deren eigenen Worten erzählten.

Orte der Kunst und der Kultur könnten überall sein, sagt Alipour. Orte des Lebens wohl auch. Setareh Alipour ist Kunstschaffende und Ausstellungsmacherin. Die 30-Jährige beendet derzeit noch an der »HfG« in Offenbach ihr Studium Experimentelle Raumkonzepte sowie Film und Konzeptionelles Zeichnen. Neue Medien und Stadtkonzepte sind ihre Schwerpunkte (mehr lesen).


Elena und Nikolai: Ein Leben in Gemeinschaften
Quelle: Günther Dächert©

Künstler. Innen. Orte.

Elena K. – die Verbindende

Mit Kunst und Kultur neue Orte schaffen

»Terz« ist ein Begriff aus der Musik, aber auch ein Synonym für »Krawall«. Eine ungewöhnliche Kombination. Terz heißt auch die Katze von Elena und ihrem Mann, dem Musiker Nikolai, die es sich im Körbchen auf dem Arbeitstisch der Künstlerin gemütlich macht. Das Künstlerpaar hat die Samtpfote vor fünf Jahren adoptiert und vor vier Jahren mitgebracht nach Praunheim, wo die drei in einer von zwei geförderten Atelierwohnungen auf dem früheren Gelände der Praunheimer Werkstätten direkt an der Nidda leben. Und auch das ist eine ungewöhnliche Konstellation. Ein Großteil des Gebäudes ist seit Jahren ein Übergangswohnheim für geflüchtete Menschen. Elena und Nikolai organisieren gemeinsam mit dem Ehepaar der zweiten Atelierwohnung, Sängerin Pariya Dharmajiva und Musiker Leon Lissner, kreative Aktionen, die sie dann mit den Bewohner*innen des Übergangswohnheims umsetzen. Kunst, Musik und Kreativität sowie soziales Engagement sollen einen Beitrag dazu leisten, dass die dort lebenden Menschen ankommen können. So wie die beiden und ihre Katze.

Dahinter steht ein Konzept, das durch die Vereine basis Frankfurt und KunstWerk Praunheim entwickelt wurde. Hiermit sollen Künstler*innen gefördert werden, die sich dafür entscheiden, mit geflüchteten Menschen zusammen zu leben und zu arbeiten. Elena Kotikova-Muck, die nach ihrem Master für Kulturwissenschaften in Russland 2011 nach Frankfurt kam und am Main Kunstpädagogik studierte, beschreibt ihr Zuhause in Praunheim mit den Worten »mitten im Leben«. Schon mit den ersten Veranstaltungen, welche die Künstler*innen im Übergangswohnheim umsetzten, habe es so viele Impulse gegeben von den Menschen, die dort leb(t)en. Kunst und Musik, sagt sie, ermögliche sich auszudrücken und Sprachbarrieren zu überwinden. Und sie spannt dabei einen Bogen. »Meine eigene Arbeit bezieht sich auf Orte und auf meine Migration«, sagt die Künstlerin, die in Russland im Grenzgebiet zur Ukraine geboren wurde. Dieses Grenzgebiet ist geprägt durch Tschernobyl, viele Orte dort seien seit der Reaktor-Katastrophe verlassen. Was von ihnen übriggeblieben ist, hat sich Elena Kotikova-Muck auf einer Reise dorthin angesehen und ein Stück davon mitgenommen nach Frankfurt – in Form von Frottagen der Außenwände von Häusern und in eigenen Zeichnungen und Monotypien. Auch das fließt in ihre Arbeit hier. Das Atelier von Elena Kotikova-Muck ist Teil der Wohnung, auch ihr Mann hat ein eigenes Musikzimmer. Die neueste Errungenschaft der Künstlerin ist eine Radierpresse, die sie für ihre eigene Kunst, aber auch für Workshops, vor allem mit Kindern und Jugendlichen aus dem Übergangswohnheim nutzen möchte. Kunstbücher stehen aufgereiht im Regal, der Raum ist lichtdurchflutet, einige ihrer grafischen Arbeiten hängen an der Wand. Aktuell bereitet sie sich auf ihren zweiten Studienabschluss in Deutschland, auf den Bachelor in Kunstgeschichte, vor. Elena und Nikolai sind angekommen hier »mitten im Leben«. Einen Ort zu finden, an dem man zu Hause ist, ist auch das, was die Menschen im Wohnheim suchen. Mit ihren Kunst- und Musikprojekten trägt das Paar dazu bei und schlägt auch eine Brücke für diese Menschen zum Stadtteil und seinen Bewohner*innen. Und sie fühlen, was ihre Künste aus dem Ort machen (alf.).


Yeşim und Ömer Yaprakkıran im Flur zwischen den Welten
Quelle: Veronika Scherer©

Yeşim und Ömer Yaprakkıran

Die mit der Meer zu Hause

Viele Welten unter einem Dach in Dreieich

»Enjoy!«, flüstert einem die Kaffeemaschine zu, während aus dem Flur Atatürk höchstpersönlich einen kritischen Blick Richtung Esstisch wirft. Ob er sich wie deren Eigner, Yeşim und Ömer Yaprakkıran, ebenfalls eine türkischsprachige Variante der Maschine wünscht? Das Künstlerpaar jedenfalls würde auch eine deutsche Version begrüßen – doch leider gab es beide nicht. Die Maschine, welche ebenfalls Tee zubereitet, ist ein Geschenk der Tochter und steht im Mittelpunkt der Wohnung, dem offenen Wohn- und Essbereich. Ihr gegenüber: der von Yeşim gewählte Ort für ihre Kunst – hell, luftig, zu allen Seiten offen. Wie ihr Arbeitsstil: Oft sind es mehrere Aquarelle, die gleichzeitig entstehen. Während eines trocknet, wird das nächste angelegt. Eine Pause, gerne gefüllt mit einer guten Tasse türkischen Tees, serviert in kleinen Gläsern. Natürlich auch für Gäste. Heute ist der große Holztisch in diesem Atelierbereich eigens für den Besuch mit einer Tischdecke versehen. Eine Decke in der Art, wie die Künstlerin sie als Lehrkraft an der Textil Ingenieurs School in Izmir einst mit ihren Student*innen per Siebdruck angefertigt hat.

Gegenüber von Yeşims Atelierbereich, auf der anderen Seite des hellen Flurs, öffnet sich eine Tür zu Ömers Raum. Im Gegensatz zu seiner Frau, welche am liebsten zuhause arbeitet, bespielt ihr Mann oft ergänzend ein externes Atelier. Auch in der gemeinsamen Wohnung setzt er auf einen eigenen Raum. Abgegrenzt, zurückgezogen, konzentriert auf sich. Doch gleichzeitig offen gegenüber Philosophie, Geschichte, Religion, Weltpolitik. Ein Blick in den Raum ist ein Blick in einen eigenen Kosmos: Regalmeter mit Büchern umrahmen und inspirieren den ehemaligen Mitarbeiter der Tageszeitung »Hürriyet« und seine Werke. In diesen allgegenwärtig: der Mensch. Und: Ömers hinterfragender Blick auf diesen. Sei es die unterwürfige Haltung des Papstes gegenüber dem chilenischen Diktator Pinochet oder die Zeichnung von Sacco und Vanzetti, zwei italienischen Einwanderern, Justizopfer in den USA der 1920er Jahre. Ömer zeichnet, was sein kritischer Geist auffängt. Seitenhiebe, Fingerzeige, Kritik. Früheres wieder aufgreifend, um ihm Platz im Hier und Jetzt zu geben. Dessen Aktualität herausarbeitend. Doch manchmal auch ganz im Hier und Jetzt: mit dem gehetzten Menschen mit den beiden Discounter-Tüten.

Und das Hier und Jetzt der Yaprakkırans? Ein moderner Neubau im Dreieicher Stadtteil Sprendlingen, in dem die L-förmige Wohnung samt sonniger Dachterrasse liegt. Er kam in den 70er, sie in den 80er Jahren nach Deutschland. Neu-Isenburg war eine wichtige Station für sie, wo sie bis heute in zwei Künstler*innen-Gruppen sind. In Sprendlingen, um die Ecke, leben sie seit einigen Jahren. Die Wohnung ist Lebens- und Arbeitsraum – so unterschiedlich beide darin auch sein mögen. Zwei Künstler, zwei Arbeitsweisen: Auf der einen Seite ein Rückzugsort, Abgrenzung, Planung, Konzentration – und doch auch eine Suche im Äußeren nach Themen, Ereignissen. Auf der anderen Seite Öffnung zum Leben, zum umgebenden Raum, zum Alltag, mit allen Verflechtungen und Zufällen – gleichzeitig eine Suche im eigenen Inneren. Auch Yeşim zieht ihre Inspiration von außen wie von innen. Aktuell ziert ihre Staffelei ein Seestück. Das Meer, der blaue Himmel –  auch hier eine Weite. Sehnsucht nach Meer, nach mehr. Dies könnte Überschrift für ihre Werke sein. Das Meer, das die in Izmir geborene Textildesignerin ihr Leben lang begleitet(e). Früher in Sichtweite des Zuhauses, hat es nach wie vor einen festen Platz in ihrem Leben. Ein Sehnsuchtsort zum Eintauchen. Ein Ort, auf den sie von Beginn an in Deutschland hinter jeder nächsten Kurve hofft(e). So wie früher eben. Das Vertraute. Wiedergegeben in ihrer Kunst. Mal als Aquarell, mit grafischen Elementen, mal in einer Collage aus selbst gefärbten Papieren und Zeitungsfetzen.

Man neigt schnell dazu, Klischees zu suchen. Allemal bei zwei türkischen Künstler*innen in Deutschland. Und läuft damit zumindest hier schnell ins Leere. Familie, Freunde, Landschaften – und immer wieder das Meer. Als würde es alles einen, umfassen: Erfahrungen, Schicksalsschläge, Gedanken – die ganze Bandbreite der eigenen Gefühle. Kunst als Resonanzkörper des Lebens. Ein Leben, in dem sicherlich die Herkunft eine Rolle spielt. Aber auch die Türkei, die beide nach wie vor prägt, ihre Kunst? Sicherlich, aber eher als Kindheit, als Vergangenheit, sagen sie. Istanbul, früher Wohn-, Arbeits-, Studienort, Lebensmittelpunkt für beide Künstler*innen, ist eben genau das: Vergangenheit. Zumal es sich verändert hat, Tourismus, Anglizismen, Retro-Tee-Gärten für Reisende. Damals, als man auch in der Metropole noch Zeit und Muse für eine gute Tasse Tee im Schatten von alten Bäumen hatte. Nein, es wäre unvollständig, beide als türkische Künstler*innen in Deutschland zu sehen. In ihrer Wohnung und in den Werken und Gesprächen kann man in viele Welten eintauchen. Im Raum steht ein Wort des ersten Direktors des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Jean-Christophe Ammann, zur Aufgabe der Künstler*innen in der Gesellschaft: stellvertretend für diese ihr eigenes Selbst erforschen (ver.).