Ob Chongqing im Herzen Chinas tatsächlich eine Stadt ist oder mit seinen zahllosen eingegliederten Umlandgemeinden eher eine gewaltige Provinz, sei einmal dahingestellt. Doch folgt man dem offiziellen Sprachgebrauch, so ist Chongqing am Rande des Roten Becken, der Reisschüssel Chinas, mit rund 80.000 Quadratkilometern Fläche die größte Stadt der Welt – so groß wie Österreich. Mit ihren dort lebenden rund 30 Millionen Menschen wäre sie zudem eine der bevölkerungsreichsten Megacities. Ohne Zweifel aber ist sie wohl die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Jeden Tag kommen 1.000 neue Einwohner hinzu, vor allem in die Kernstadt, auf der Suche nach Wohnung und Arbeit. Damit wächst Chongqing alle zwei Jahre um die Größe Frankfurts …
Laut einer OECD-Studie gibt es in China mittlerweile 15 Megacities mit jeweils mehr als 10 Millionen Einwohnern. Allein in Hongkong, Shanghai, Peking und Guangzhou (die vier bekanntesten unter ihnen) leben zusammen deutlich über 100 Millionen Menschen. Die Namen einiger andere Megacities wie Chongqing kennt kaum jemand außerhalb Chinas wirklich. Jeder Fünfte der knapp 1,4 Milliarden Chinesen leben mittlerweile in diesen Megacities. Jeder dritte Chinese lebt in einer Millionenstadt. Und Beobachter schätzen, dass sich diese Quote in den kommenden Jahrzehnten locker verdoppeln könnte. Schon in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten sind diese Millionenstädte um rund eine halbe Milliarde Menschen gewachsen. Chinas Städte explodieren regelrecht.
China ist dabei so etwas wie das Versuchslabor des globalen Megatrends der Urbanisierung. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieser erst gestoppt sein wird, wenn in einigen Jahrzehnten drei von vier Erdbewohnern in Städten leben. In China kann man deshalb besonders gut beobachten, wie die Städte und die Politik diese Mega-Urbanisierung managen. Oder zu managen versuchen. Für die 3sat-Reportage »Chinas explodierende Städte« haben Claire Floquet und Jörg Daniel Hissen dabei zugeschaut. Sie haben beobachtet, wie in Windeseile Hochhäuser hochgezogen werden. Wie versucht wird, Infrastrukturen anzupassen. Wie man versucht, mit (technologischer) Smartness Probleme zu lösen. Wie sich das alles auf die Gesellschaften und auf die Menschen auswirkt, die Enge, die Hektik, der Stress, die Eventisierung und vieles mehr. Und wie sich schließlich mehr und mehr auch eine globale (Einheits-) Kultur entwickelt. Und das Brisante daran: Ihr Film, der gerade in der 3sat-Mediathek zu sehen ist, ist schon zwei, drei Jahre alt. Doch man hat nicht den Eindruck, dass er an Aktualität verloren hätte … (vss.).
