The Phoenician Scheme
Quelle: DFF©

Best of 26 | Beste Filme 25

Das etwas andere Film(e)festival

Filmmuseum zeigt Highlights 2025 in Originalfassungen

Das Kino im Deutschen Filmmuseum Frankfurt macht Anfang des Jahres zwar kein Film-Festival, aber seit einigen Jahren in den ersten beiden Monaten immer wieder ein kleines Filme-Festival mit ausgewählten Kinohighlights des vorangegangenen Jahres. Das Besondere daran: Es handelt sich nicht nur um herausragende Programmkino-Filme des abgelaufenen Jahres, sondern neben einigen deutschsprachigen Filmperlen fast durchgängig auch um Originalfassungen in anderen Sprachen mit Untertiteln. Die Reihe mit kleinen und größeren Perlen reicht in diesem Jahr von Wes Andersons humorvoller Wirtschafts- und Spionagefilmpersiflage »The Phoenician Scheme« (Bild) über Christian Petzolds diesjährigem Meisterwerk »Miroirs No. 3« mit Barbara Auer bis zu Adam Elliots Stop-Motion-Highlight »Memoir of a snail«. Die meisten Filme laufen dabei mehrfach in den beiden Monaten Januar und Februar. Und parallel dazu setzt das Filmmuseum freitags und sonntags auch seine Reihe »Kinderkino – Filme für die ganze Familie« mit dem Einheitspreis von 5 Euro für Kinder und begleitende Erwachsene fort (red.).


Eine Tauchstation zum guten Zweck
Quelle: Daniela Kaiser©

Benefizausstellung

Aquarium in der Wäscherei

Acta non Verba strickt für Kinderhospiz

In der »Wäscherei« in Offenbachs Dornbuschviertel ist es gerade recht eng in Schaufenster und Empfangsraum. Doch nicht, weil gerade besonders viele Menschen besonders weiß gewaschene Hemden haben wollen. Nein. Fische, soweit das Auge blickt. Und sonstiges Unterwassergetier. Und Menschen, die nach all diesem Getier Schlange stehen. Kunststück. Die »Wäscherei« ist bekanntlich schon lange keine Wäscherei mehr. Sondern ein Atelier- und Ausstellungsraum. Und das »Aquarium« mit dem Getier, das sich wie in einer Unterwasserlandschaft zwischen zwei Geigenfeigen ausbreitet, ist eine Ausstellung. Genauer: eine Benefiz-Ausstellung zugunsten eines Hospizes. Und die Tiere? Sie sind unisono aus Wolle …

Angeschwemmt wurden die Meeresbewohner durch die Aktivitäten der Facebook-Gruppe »Acta non Verba – Von Freunden für Freunde«, welche in der Ausstellung vornehmlich selbstgemachte Wolltiere präsentiert. Vom Anemonenfisch über Hammerhai und Korallen bis hin zum Anglerfisch oder dem sehr begehrten schielenden Rochen. Und all diese Gefährten kann man/frau angeln. Also genauer: gegen eine Spende erwerben. Nachdem bereits im vergangenen Jahr bei einer ähnlichen Aktion vor Ort der Erlös von gut 2.000 Euro in Form eines Sessels für den Aufenthaltsbereich einer Palliativstation gespendet wurde, geht der komplette Ertrag in diesem Jahr an das Kinderhospiz Sterntaler in Heppenheim. Auch diese Aktion läuft gut. Schon kurz nach der Eröffnung lagen die Spenden wieder im vierstelligen Bereich. Und noch ist das »Aquarium« bis Ende Februar zu sehen (wobei die geangelten Tiere bis dahin übrigens vor Ort verbleiben).

»Wir wollen Freude schenken«, sagt Sabine, ein Mitglied der Gruppe. Es gehe darum, wie man selbst etwas tun und die Welt ein wenig positiv verändern könne. Und darum, den Besucher*innen der Ausstellung bei deren Betrachtung ein Lächeln ins Gesicht zu Zaubern. Was bei der Vernissage Mitte Januar leicht oder oft gelungen war.  »Acta non Verba!« besteht aus verschiedenen handarbeitsaffinen Menschen deutschlandweit. Natürlich hat jedes Mitglied eigene Vorlieben. So möchten manche einfach Socken stricken, andere etwas für Frühchen. Und manche eben auch mal witzige Meeresbewohner*innen. Es gibt so genannte Herzensprojekte, die regelmäßig »bedient« werden. Und dann wiederum Jahresprojekte, deren Erlös einmalig an eine bestimmte Einrichtung geht. Alle Orte, an denen sich die Aktionen abspielen, eint, dass sie Mitgliedern bekannt und vertraut sind und von diesen vorgeschlagen werden. Die Kreativen spenden ihre Zeit, ihre Arbeit und teils sogar das benötigte Material. Die erzielten Spenden gehen sodann eins zu eins an die gewählte Einrichtung. Nicht immer müssen Erwerber*innen allerdings direkt vor Ort sein. Meist gibt es noch eine Facebook-Seite zum Angeln von außerhalb. Ach ja: Sachspenden werden ebenfalls gerne entgegengenommen. Wer etwa zuhause noch Wollreste von Eltern und Großeltern hat, kann sie gerne bei einer Gruppe vor Ort vorbeibringen. Auch dies schenkt Freude … (ver.).


Abends in Sachsenhausen: Die Wendeltreppe in der Brückenstraße
Quelle: Barbara Walzer©

Best of 10 | Frankfurt

Eine Treppe und zwei Miss Marples

Mit 4.000 Titeln erste Adresse für Krimifans

Zu Orten der Kultur zählen sicher auch Antiquariate und Buchhandlungen. Gerade in den Herbst- und Wintertagen kann man dort herrlich stöbern, sich inspirieren lassen und die ganze Welt der Literatur für den gemütlichen Sofa-Abend entdecken. Und die meisten von ihnen sind selten überlaufen. In der Reihe »Bücher & Menschen« stellen wir einige besondere Buchorte vor. 

Der kleine Buchladen am Rande des Brückenviertels gehört heute zum festen Inventar des Sachsenhäuser Kultquartiers. Und: Er ist selbst längst Kult geworden. 4000 Titel, ausnahmslos Krimiliteratur, stehen gut sortiert in den Regalen. Auch ein kleines Buchantiquariat ist Teil des Angebots. Die Wendeltreppe – sie ist seit über dreieinhalb Jahrzehnten das Reich der beiden Krimi-Expertinnen Jutta Wilkesmann und Hildegard Ganßmüller. Mittlerweile fast schon selbst zwei veritable »Miss Marples«, kennen sie fast alle Autor*innen und Inhalte, können beraten und laden immer mal wieder am ersten Donnerstag im Monat zu einer Lesung in das Geschäft ein. An diesen Abenden, bei denen sie auch von Freund*innen unterstützt werden, gehe es darum, in entspannter Atmosphäre über die Bücher und ihre Inhalte zu sprechen und einen lebendigen Austausch zu ermöglichen. Wie viele Krimis sie selbst schon gelesen haben, können sie nicht genau beziffern. Auf jedem Fall »sehr viele«. Deswegen sind Krimi-Fans auf der Suche nach spannenden Büchern hier auch an der richtigen Adresse … (weiter lesen).


Jedes Jahr Gastgeber von GoEast und exground: das Caligari - eine echte Filmbühne
Quelle: Barbara Staubach / Caligari©

Orte & Menschen | Wiesbaden

Eine der letzten Filmbühnen

Kino-Klassiker mit Plüsch und feinem Programm

Herbst und Winter, wenn es draußen dunkler und ungemütlicher ist, ist die Kinozeit schlechthin. Zeit für Festivals, Zeit für Kinobesuche. Ein Kino, vielleicht das schönste der Region, fehlt im Augenblick: die legendäre CaligariFilmbühne in Wiesbaden, die noch bis Frühjahr saniert wird. 2026 könnte mithin auch das Frühjahr Kinozeit werden. 

Wenn die »CaligariFilmbühne« im Herzen der alten Kurstadt Wiesbaden buchstäblich ihren roten Teppich ausrollt, sind internationale Filmgrößen in der Regel nicht weit. Zugegeben: nicht die ganz berühmten »Celebrities« aus Hollywood (die finden sich nur auf der Leinwand). Dafür aber ein Volker Schlöndorff (den die Stadt kürzlich erst mit einer großen Ausstellung geehrt hatte), so manche Tatortkommissarin und unzählige renommierte und undergroundige Film- und Regiegrößen etwa aus Frankreich, aus Osteuropa oder aus anderen Teilen der Welt. Und das Kino selbst, benannt nach dem berühmten expressionistischen Stummfilmklassiker »Das Kabinett des Doktor Caligari«, versteckt sich zwar etwas in einem hinteren Winkel des Wiesbadener Marktplatzes, strahlt dafür aber um so schöner, wenn man den Kinosaal betritt. Tief einladende rote Sessel, goldene Ornamente an den Wänden und reichlich Platz – etwa für einen Flügel, auf dem Stummfilme live begleitet werden – erinnern an und versetzen ganz in die Glanzzeiten des Genres.

Kein Wunder, dass mehrere Filmfestivals die CaligariFilmbühne als Festivalzentrum und Hauptspielort ausgewählt haben. Allen voran sicher jenes ost- und mitteleuropäische »GoEast Filmfestival«, das nun schon seit einigen Jahren im Schatten von Putins Krieg in der Ukraine immer Ende April einmal mehr im Caligari zu Hause ist – und seinen Beitrag zum Verständnis Osteuropas leistet. Oder »exground«, das durch seine feine Auswahl an internationalen Independent-Produktionen bekannt geworden ist. Mittlerweile sind dort aber auch Raritäten wie das »Internationale Trickfilm-Wochenende«, das längst legendäre »Fernsehkrimi-Festival« (mit seiner mindestens ebenso legendären eigenen 24-Stunden-Nonstop-Krimiparade) oder die »Homonale« gerngesehene Gäste.  Kleine, feine Festivals, die sich fast wie an einer Perlenkette durchs Caligari-Kinojahr ziehen. Diese und andere Events, die das Caligari veranstaltet, und allem voran natürlich das sorgfältig ausgewählte Filmprogramm mit unzähligen Originalfassungen, hat dem alteingesessenen Ufa-Kino 2018 auch den Hessischen Kulturpreis eingebracht. Wer einmal in diesem außergewöhnlichen Kino einen Film gesehen hat und dabei wortwörtlich tief in die Sessel und die einmalige Atmosphäre eingetaucht ist, versteht warum … (ojs.).


The Cube von Jens J. Meyer
Quelle: Internationaler Waldkunstpfad©

Orte & Menschen | Darmstadt

Zur Kunst in den Wald

Der Internationale Waldkunstpfad

In Europa leben die Menschen ja bekanntlich vornehmlich im Wald. In manchen Ländern wie Österreich gibt es sogar ganze »Waldstädte«. Zugegeben: Dies war ein Gerücht, in die Welt gesetzt von einem in einem Weißen Haus residierenden einschlägigen Europa-Experten, der noch dazu Fachmann für Gerüchte und Fake News ist. Doch so ganz Fake war diese News dann ausnahmsweise mal doch nicht. Zwar scheint an den Waldstädten wenig dran zu sein. Aber ein Internationales Waldkunstzentrum gibt es sehr wohl in Europa. Und das liegt im Wald bei Darmstadt. Und das ist durchaus renommiert, war es doch das erste seiner Art, das auch bereits Nachahmer in China, den USA und sogar in Österreich gefunden haben soll (was vielleicht auch das Gerücht wiederum erklären würde).

Nun, mit Venedig oder der Documenta kann das seit nunmehr bereits über zwei Jahrzehnten bestehende Zentrum mit dem zugleich ersten Internationalen Waldkunstpfad noch nicht mithalten. Doch eine Biennale gibt es auch im Wald bei Darmstadt. Jedes Jahr im Sommer versammeln man/frau sich unter einem Jahresmotto, das oft viel mit Kunst und mit Natur zu tun hat. Um »Kunst/Natur/Wasser« ging es etwa 2024 zuletzt, »Kunst/Natur/Wandel« und »Kunst/Natur/Identität« waren die Themen 2022 und 2020. Rund zwei Dutzend Künstler*innen aus verschiedenen Ländern füllen dann jeweils den Wald mit Kunst rund um Klima-, soziale und andere Themen. Die Künstler*innen füllen diese Themen immer wieder aufs Neue mit Leben und mit zahlreichen Installationen, Performances und BankART. Da man im Waldmuseum aber nicht dazu neigt, nach einer Biennale alles wieder wegzuräumen, lassen sich auch nach und zwischen den Biennalen viele der Kunstwerke immer noch auf eigenen Führungen oder auch einfach so besichtigen. So sind stets gut und gerne zwei Dutzend Kunstwerke fast als eine Art Dauerausstellung auf den verschlungenen Wegen durch den Forst zu besichtigen. Der digitale Wandel ist übrigens auch im Waldkunstzentrum und auf dem zugehörigen Pfad eingekehrt. Gemeinsam mit dem Verein »Kultur einer Digitalstadt« wurde das Ganze auch digital vermessen und digitalisiert. Zum einen, um den Waldkunstpfad auch im Netz zugänglich zu machen. Zum anderen, um eingeladenen Künstler*innen auch ein Vorbereiten oder sogar Gestalten ihrer Werke aus der Ferne zu ermöglichen. Der Fokus soll allerdings weiterhin darauf liegen, ein realer Ort der Begegnung zu sein, also Natur, Kunst und Menschen zueinander zu bringen; seit 2022 auch mit einem »Jungen (Kunst-) Wald«, den Schulklassen gestaltet haben. Ach ja, schlecht besucht ist das »Waldmuseum« auch nicht gerade. Bis zu 200.000 Menschen sollen sich dort pro Jahr einfinden. Deutlich weniger zwar als im Städel, der Schirn oder dem Senckenberg-Museum in Frankfurt, aber ebenso deutlich mehr als etwa im Historischen Museum, dem für Angewandte und erst recht dem für Moderne Kunst in Frankfurt (bei letzterem zumindest, wenn es mal geöffnet ist). Und das sind denn in der Tat keine Gerüchte, sondern ganz und gar belastbare Fakten … (ver.).


Das Filmmuseum - Zentrum und Spielort zahlreicher Festivals
Quelle: Barbara Walzer©

Die Region | Blick auf 2026

Filme – soweit das Auge blickt

Nonstop-Filmfest FrankfurtRheinMain

Wer in Deutschland an Filmfestivals denkt, denkt zuerst an die Berlinale. Mit Cannes und Venedig spielt sie in der ersten Reihe europäischer Festivals und misst sich zuweilen gar mit Hollywood und seinen Oscars. FrankfurtRheinMain hingegen kann nichts derartiges aufweisen. Oder doch? FrankfurtRheinMain besitzt zwar keine Berlinale, ist aber wohl die Region in Deutschland und vielleicht sogar in Europa mit den meisten einzelnen Festivals überhaupt. Rund 50 Filmfeste stehen im Laufe des Jahres im Kalender – im Schnitt eines pro Woche. Die Palette beginnt bei relativ großen Akteuren wie Lichter und Nippon Connection in Frankfurt oder GoEast und exground in Wiesbaden. Und sie reicht bis hin zu den »Perlen« wie dem Open Air (Kurz-) Filmfest Weiterstadt mitten in einem Wald bei Darmstadt oder gar zu den »Exoten« wie dem Wiesbadener Trickfilmwochenende oder einem Putzfilmfestival, das 2018 Premiere hatte, danach aber leider wieder in der Abstellkammer verschwunden ist.

Besonders auffällig sind viele internationale Festivals, vom panafrikanischen Africa Alive, das meist am Jahresanfang steht, bis zum italienischen Verso Sud im Dezember. Dazwischen geht es locker in zwei Dutzend Festivals einmal rund um die Welt: vom bereits erwähnten Japan (Nippon Connection) über China (Golden Trees), Korea (Project K) und Indien (New Generations), Europa und den Nahen Osten (GoEast, Jüdische Filmtage, Türkisches Filmfestival), eben Afrika (Africa Alive) bis hin auf den amerikanischen Doppelkontinent. Letzterer steht richtig weit vorne. Die Dìas de Cine beleuchten gleich ganz Lateinamerika, mehrere Länder wie Brasilien (CineBrasil), Venezuela (Venezuela im Film) oder Cuba (Cuba im Film) und sogar die Dominikanische Republik haben eigene Festivals. Nicht von ungefähr kann FrankfurtRheinMain auch mit vielen Orten aufwarten, die Originalfilmreihen im Programm haben. Doch die Palette reicht auch quer durch Generationen und Geschlechter: vom Europäischen Filmfestival der Generationen und dem Frauenfilmfestival Remake über das Queer Filmfest Weiterstadt und die Homonale Wiesbaden bis zu den vielsprachigen Jugendfestivals Lucas, visionale, Cinéfête oder Britfilms (auch wenn manche davon unter Corona schon gelitten hatten). Ganz eigen ist auch die Landschaft für Kurzfilme vom kleinen Waldfestival in Weiterstadt bis zu den Rüsselsheimer Filmtagen. Leider auf der Strecke blieb nach Corona das wohl regionalste der Festivals: die Shorts at Moonlight, die unter anderem in Hofheim und Höchst zu sehen waren. Und seit 2018 gab es neben dem Urgestein der Animationsfilmszene, dem Internationalen Trickfilm Wochenende Wiesbaden, zwischenzeitlich auch immer mal das sporadische, fast jugendliche Pendant Sweat & Tears in Frankfurt. Ach ja. Noch kaum erwähnt sind die sommerlichen Freiluftkinos wie der Lichter-Ableger Freiluftkino Frankfurt, die Filmtage in den Reisinger Anlagen in Wiesbaden, das Open Air-Programm im Hafen 2 in Offenbach oder der Filmsommer in Mainz. Und wem das nicht reicht, der findet an den Rändern der Region mehr: bei den Openeyes in Marburg, dem Filmz in Mainz, dem Dokfest in Kassel, dem Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen oder dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Kurzum: FrankfurtRheinMain ist eigentlich von Januar bis Dezember ein einziges Nonstop-Filmfestival. Für eine Berlinale wäre wohl gar kein Platz mehr frei im regionalen Festivalkalender … (vss.).


Das Crespo Haus - viel Platz für Kultur und Begegnung
Quelle: Veronika Scherer (ver.)©

Best of 10 | Orte & Menschen

Wo Kultur neu zu Hause ist

Crespo-Haus & Museum Reinhard Ernst

Kultur muss sparen. Das hört man in jüngster Zeit wieder öfter. Städte und Gemeinden müssen nach Corona wieder die Rotstifte auspacken. Und die, so scheint es, scheinen vielen Stadtkämmerern oft am besten zur Kultur zu passen. Umso erfreulicher, dass in der Region gerade in dieser Zeit 2024 durch außergewöhnliches privates Engagement zwei neue, ebenso außergewöhnliche Kultur-Häuser entstanden sind: in Frankfurt das Crespo-Haus, zu dem die Stadt mit einem 50er-Jahre-Sanierungsfall den Grundstein legte, und in Wiesbaden das gänzlich neue Museum Reinhard Ernst, bei dem nur das Grundstück der Stadt gehört und das praktisch komplett privat finanziert wurde durch den Unternehmer gleichen Namens. Doch auch in Frankfurt wurde das neue Haus nur möglich durch das posthume Engagement der verstorbenen Wella-Erbin Ulrike Crespo – selbst begeisterte und zuweilen begeisternde Fotografin –, aus deren Stiftungsvermögen das neue Haus komplett grundsaniert wurde, nunmehr auch betrieben wird und wo zur Zeit auch ausgewählte Werke von ihr zu sehen sind.

Was beide Häuser neben zwei sehr ansprechenden Architekturen eint, sind hohe, wenn auch fast diametral gegensätzliche Ansprüche. Hier das neue, fast futuristische Museum Reinhard Ernst im Herzen von Wiesbaden, das sich als (künftiger) Leuchtturm und selbsternanntes »Kompetenzzentrum für abstrakte Kunst« positionieren will. Lee Krasner, Ernst Wilhelm Nay, Günther Uecker, Kenneth Noland – Schon die Eröffnungsausstellung »Farbe ist alles!« war ein Who is who der abstrakten Kunst; bestückt ausschließlich aus dem Fundus des Stifters selbst. Dazu eine Hommage an den wenige Tage vor der Eröffnung im Juni verstorbenen Architekten Fumihiko Maki, welcher den abstrakten Meisterwerken ihr Museum regelrecht auf den Leib geschneidert zu haben scheint. »Für eine menschliche Architektur« wurde diese zweite Schau überschrieben – und schlug damit geradezu die Brücke zu dem anderen neuen Haus in Frankfurt. »Menschen stark machen« war das Motto, das Ulrike Crespo ihrer gleichnamigen Stiftung und indirekt auch dem neuen Haus auferlegt hat. Menschen durch Kunst und durch kulturelle Bildung stärken, ihnen die Chance geben, Persönlichkeit(en) zu entwickeln, ist der Auftrag des Hauses und der mit bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr gut ausgestatteten Stiftung. Ein Stück weit fließt das Geld in dem weiten und lichten Crespo-Haus, das vor allem aus viel Luft zum Atmen zu bestehen scheint, in Projekte und Veranstaltungen, die dort stattfinden sollen oder die von dort aus gesteuert und noch mehr als bisher gefördert werden sollen. Kultur und Soziales soll mit den Projekten sehr konkret verbunden werden. Abstrakt ist hier wenig. Jugendliche sollen gefördert und gefordert werden, wie schon gleich nach der Eröffnung ein sehr offener »Social Dreaming Day« lebhaft illustrierte. Zusammenleben soll befördert werden, wie etwa die Unterstützung für die migrantische Plattform »Amal« unterstreicht. »Kultur-Schaffende« in vielerlei Sinn sollen ebenfalls dort buchstäblich Raum erhalten. »Eine gläserne Werkstatt« nannte es Crespo-Vorständin Christiane Riedel kurz nach dem Einzug. Nicht von ungefähr besteht das Haus aus vielen großen Fensterfronten – und einer nach außen offenen Freitreppe. Eine Architektur, welche das Innere nach außen trägt. Das wiederum hat das sehr offene Crespo-Haus mit der streng abstrakten weißen Kubenlandschaft des Museums Reinhard Ernst auf eine sehr eigene Art und Weise gemeinsam …  (vss./ver.).