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Das Buch des Monats

Drei Frauen. Drei Geschichten.

Laetitia Colombanis globaler Roman über drei Frauen

Die französische Filmemacherin Laetitia Colombani will ihren ersten Roman »La tresse« (»Der Zopf«) jetzt auch verfilmen. Das Buch stürmt – nach einer unglaublichen Erfolgsstory in Frankreich – inzwischen auch die deutschen Bestsellerlisten. »Der Zopf« erzählt die Geschichte von drei Frauen. Giulia, die Tochter eines Perückenmachers auf Sizilien, erfährt erst als der Vater im Krankenhaus liegt, wie schlecht es um das Familienunternehmen bestellt ist. Smita, die junge indische Mutter, will nicht länger hinnehmen, dass ihre Tochter in der Schule diskriminiert wird, weil sie beide der niedrigsten Kaste angehören. Sarah, eine erfolgreiche Anwältin und Mutter in Kanada, muss erleben, wie sich ihr erfolgreiches Leben durch die Krebs-Diagnose von einem Tag auf den anderen verändert.

Drei Frauen, drei Orte, drei Schicksale. Und doch gelingt es Laetitia Colombani, diese drei Geschichten meisterhaft ineinander zu verweben. Der Roman »Der Zopf« ist ein beeindruckendes Flechtwerk, das die Leserin und den Leser mitnimmt nach Palermo, nach Andrah Pradesh und nach Montreal. Giulia, Smita und Sarah müssen um ihre Freiheit(en) kämpfen und lassen sich nicht unterkriegen. Ob das Buch deshalb ein feministischer Roman ist, darüber kann man diskutieren. Männer sind nur Randfiguren in Colombanis Roman, doch man spürt, wie schwer es für die Frauen ist, die männliche Dominanz in ihren Gesellschaften zu überwinden und einen gleichberechtigten Platz einzunehmen. Dabei kämpfen die Frauen allerdings auch gegen die Widerstände im eigenen Kopf.  »Der Zopf« – ein starker Roman über drei starke Frauen auf drei Kontinenten (lys).


Film »Banyan Tree Lounge« (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden)
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Urban21 | Digitale Demenz

Wenn Computer für uns denken

Prof. Manfred Spitzer über die digitale Schattenseite

»Unser Gehirn kann eines nicht: nicht lernen«, sagt der renommierte Psychiater und Psychologe Prof. Manfred Spitzer. Wenn es nicht gefordert werde, baue es ab. Deshalb sind für Spitzer die vielen digitalen Helfer der heutigen Zeit vom Smartphone über den Computer bis zum Navigationssystem oft mehr Fluch als Segen, vor allem für Kinder. Wer etwa nicht mehr mit dem Gehirn durch eine Stadt navigiere, könne dies irgendwann nicht mehr. Umgekehrt haben Studien vor einigen Jahren ergeben, dass Londoner Taxifahrer durch die tägliche Schulung ein vergrößertes »Navigationsmodul« im Gehirn hatten. Ob dies heute noch so ist, ist leider nicht ermittelt. Welche Bedeutung ein solches vergrößertes Modul besitzt, erklärt Spitzer an einem Beispiel. Menschen, die zweisprachig aufwachsen und dies auch ihr Leben lang praktizieren, können eine Demenz um über fünf Jahre verzögern. Kurioserweise ist die Demenz bei ihnen zwar vorhanden. Doch durch die – vereinfacht gesprochen – doppelte Zahl von Synapsen im Kopf für zwei Sprachen stehen dem Gehirn doppelt so viele Umwege zur Verfügung, um den schleichenden Gehirnausfall bei Demenz zu umgehen. »Digitale Demenz« – wie die Fachwelt diesen Abbau durch Technik nennen – betrifft übrigens auch die soziale Kompetenz. Auch Empathie etwa werde im Gehirn gesteuert und entsprechend verkleinere sich der zuständige Teil des Gehirns, wenn die realen Kontakte abnähmen oder gar nicht erst vorhanden wären. »Wie«, so Spitzer, »sollen Acht- oder 13-Jährige Empathie oder das Dekodieren von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie auf den affektiven Gehalt hin erlernen, wenn bei virtuellen Sozialkontakten niemand da ist?« (sfo.).

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Drei der wunderschön gestalteten Perlen aus dem Verlagsprogramm
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Literatur | Guggolz Verlag

Der Lektor der verlorenen Schätze

Sebastian Guggolz sucht die Rufe der Vergangenheit

Ein feines Dutzend Bücher und eine ungewöhnliche Gründergeschichte. Das ist in boulevardtauglicher Verkürzung der kleine, aber feine und noch recht neue Berliner Guggolz Verlag. Und um in diesem Duktus zu bleiben, der für den Erfolg des Verlages nicht unwesentlich war: Bücherverrückter junger Lektor kämpft für seinen Traum einer Verlagsgründung und verwirklicht ihn mit einem Quizshow-Gewinn: 250.000 Euro bei Johannes B. Kerner im ZDF. Und er hat damit offenbar alles richtig gemacht, denn er wurde seither für sein augenfällig schön ausgestattetes Programm mit viel Aufmerksamkeit und bereits mehreren Auszeichnungen bedacht.

Eine tolle Geschichte, die immer wieder gerne gehört wird. Das Staunen über den damals Einunddreißigjährigen, der mit enormem Optimismus an sein Ziel glaubte und erfolglos zwanzig Banken abklapperte, gehört zur Dramaturgie mit dazu, wenn es um diesen Verlag geht. Denn Aufmerksamkeit und Auszeichnungen sind eigentlich eine Rarität für einen kleinen Verlag. Noch dazu für einen, der gute und schöne Bücher macht. Sebastian Guggolz erzählt die Geschichte deshalb gerne immer wieder – geduldig und ohne ein offensichtliches Zeichen der Müdigkeit. Lächelstarrkrampf eher beim Publikum. Eine kleine Müdigkeit ist ihm höchstens als getriebener Verleger, dem es chronisch an Schlaf mangelt, anzumerken.

Doch die Geschichte alleine hätte wohl nicht gereicht. Viel stärker strahlt Guggolz’ Begeisterung für Literatur und seine Entdeckerlust, bisher allenfalls antiquarisch diffundierende Literaturschätze aufzuspüren. Das nämlich war und ist seine Idee: Alte, längst vergessene Texte zu finden und mit viel Liebe in wunderschön aufgemachten Büchern neu zu präsentieren. Lesend liebkost er jedes Wort der hervorragend übersetzten Texte, wie besonders wertvolle Stücke, die dem Besucher gezeigt und anschließend wieder in der passgenauen Schatulle geborgen werden. Dafür nimmt er in Kauf, ein Ein-Mann-Unternehmen zu sein und noch immer andere Nebenjobs machen zu müssen. Vom Quizgewinn profitieren bisher vor allem die Erben seiner Autoren und seine handverlesenen Übersetzer – und wir als Leser. Denn sein Anspruch ist, den bestmöglichen Text zu veröffentlichen. Mit einem Cover, das schlichtweg schöner ist als andere, und einem Lesebändchen. Keine Kompromisse.

Sein verlegerischer Schwerpunkt liegt auf nord- und osteuropäischer Literatur der klassischen Moderne: Michael Prischwin, Frans Eeemil Sillanpää, James Leslie Mitchell, Amalie Skram. Bislang – zumindest von mir – nie gehörte Namen, darunter allerdings Nobelpreisträger und Autoren, die in ihren Heimatländern als prägende Klassiker gelten. Guggolz hat ein Faible für Landschafts- und Naturbeschreibungen, für ländliche Lebenswelten, aus denen manche der Figuren jedoch in die um die damalige Jahrhundertwende boomenden Städte gingen. Dies ist ganz und gar nicht rückwärtsgewandt. Vielmehr sind es oft sozialkritische Autoren und kämpferische Autorinnen, deren Themen uns heute unverändert bewegen. Aufbruch und Umbruch. Und es bleibt das schönste Wort, die immerwährende Suche nach dem Glück und den Fragen des Menschseins. Wünschenswert ist ein Happy End: nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern im wahren Leben. Für Sebastian Guggolz und seinen Verlag (pem.).

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Buch des Monats | Juni

6er-WG auf der Alb

Bov Bjerg über Jungsein auf dem Land

Viele der guten Bücher der vergangenen Jahre handeln vom Jungsein. Etwa Meg Wolitzers »Die Interessanten«. Oder »Nenn mich einfach Superheld« von Alina Bronsky. Doch selbst unter diesen ist Bov Bjergs melancholisch-ironisches »Auerhaus« ein richtig gutes Buch. Der Roman – auch als Taschenbuch mit einem richtig schönen Einband aus Papier, das sich gut anfühlt – erzählt die Geschichte von Höppner (17), der seinen Freund Frieder nach einem Selbstmordversuch vor dem Abi wieder ins Leben zurückzuholen versucht. Nach der »Klapse«, wo die Jungs noch die wunderschöne Brandstifterin Pauline (18) kennengelernt haben, leben sie zu sechst – die »Oberschüler« Höppner und Frieder, der Arbeiter Harry, Pauline und noch zwei, der elterlichen Enge entflohene Klassenkameradinnen – im »Auerhaus«.

Wer wissen will, warum das Haus so heißt, sollte das Buch lesen. Und wer wissen will, wie sich eine ungewöhnliche Jugend auf dem Land in den 80ern anfühlte, auch. Das Haus vom toten Opa hat Landwirtssohn Frieder von seinem Vater überlassen bekommen. Und es ist die einzige WG im Ort. Und ein Ort der Fragen. Wer oder was ist normal in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb Anfang der 80er Jahre? Frieder, der den Weihnachtsbaum umsäbelt, oder der deswegen auf ewig in seiner Ehre gekränkte Dorfpolizist? Und wer oder was ist nicht normal? Harry, der schwule Elektriker im Netzhemd, oder dessen Vater, der den Sohn verprügelt, weil er homosexuell ist? Die Jugendlichen trampen ins noch geteilte und isolierte Berlin und träumen davon, dort zu leben, weil wer dort wohnt, nicht zur Bundeswehr muss. Da erinnert sich so mancher Leser melancholisch an längst vergangene Zeiten. Aber Ex-Kabarettist Bov Bjerg (geboren 1965) lässt keinen Kitsch aufkommen – und keine Tragödie. Selbst die tieftraurigen Momente enthalten eine Prise Selbstironie. Genau die, die Menschen wie Höppner und Frieder (und Bjerg?) so sympathisch macht – und das Buch zu einem richtig guten Buch (lys.).

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Essay | Buchmarkt

Alles zum halben Preis?

Der Buchhandel ist im Wandel. Und die scheinbar eherne deutsche Buchpreisbindung offenbar gleich mit.

Dass kleine Buchhandlungen am Aussterben sind, ist nichts Neues. Dass kleine Antiquariate aufblühen, schon eher. Interessant daran ist, dass beides auch ein Fingerzeig für den Buchhandel an sich und vor allem für den Buchpreis und seine eherne Buchpreisbindung hierzulande ist. In Deutschland nämlich machen die Verlage die Buchpreise. Doch neue Handelsplattformen und andere Entwicklungen rund um das Internet hebeln die Preise langsam aus. Hat sich die Buchpreisbindung überlebt? Und bestimmt bald der Leser die Preise der Bücher? Urban shorts ist diesen Fragen nachgegangen. Und siehe da: Die neuen Marktplätze rund um Amazon im Internet und der schwunghafte Handel mit mehr oder weniger gebrauchten Büchern lassen die Preise purzeln – zumindest inoffiziell. Der Wandel der Gesellschaft und des Marktes lässt sich offenbar nicht durch deutsche Gesetze aufhalten (vss.).

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100. Geburtstag | Charlotte Salomon

In jeder Zeile nur ein Satz …

David Foenkinos' Roman über Charlotte Salomon

Eigentlich hat Charlotte Salomon ihr Leben selbst wohl am besten dargestellt. In ihren Gemälden mit dem Titel »Leben? Oder Theater? – Ein Singespiel«. Es war ein zu kurzes Leben. Die Künstlerin wurde am 16. April 1917 in Berlin geboren und 1943 schwanger in Auschwitz getötet.

Doch vielleicht ist ihr jemand nun sehr nahe gekommen. Wie viele andere hat den französischen Erfolgsautor David Foenkinos das Schicksal der Charlotte Salomon in seinen Bann gezogen. Der Schriftsteller hat sich auf eine jahrelange Spurensuche begeben und dann einen Roman geschrieben. »Charlotte« ist in Sprache gefasste Sprachlosigkeit angesichts von tiefer Trauer und Depression. In jeder Zeile nur ein Satz. Mit diesem ganz besonderen Stil gelingt es Foenkinos, seine Faszination für Charlotte weiterzugeben.

Charlotte trägt den Namen der toten Schwester ihrer Mutter. Mutter und Tante hatten sich beide das Leben genommen. Jahrelang hat ihr Vater Angst davor, dass sich auch Charlotte wie ihre Mutter aus dem Fenster stürzt. Doch Charlotte kämpft als Jüdin im Berlin der Nazizeit um ein gleichberechtigtes Leben als Künstlerin. Ein aussichtsloser Kampf, der sie dann ins Exil nach Frankreich führt und schließlich in Auschwitz endet. Es gab nur wenige Momente des Glücks in dieser Zeit. »Charlotte« ist ein tieftrauriges, ein erschütterndes Buch. Eines, das man nicht so schnell vergisst (lys.).

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Wieder gelesen | E-Commerce

Der Allesverkäufer

Brad Stone über Jeff Bezos' Amazon

Selten wohl ist ein Titel genialer gewählt worden als bei Brad Stones »Der Allesverkäufer« über Jeff Bezos und sein Amazon-Imperium. Längst ist aus dem  weltgrößten Netzbuchhändler ein gigantisches Internetkaufhaus geworden. Bezos’ Amazon verkauft seinen bald 200 Mio. Kunden weltweit wohl alles, was eine Ware zu sein scheint: Haushaltswaren, Lebensmittel, Computer, Kinderwindeln oder Mottenkugeln. Bücher und Filme sowieso. Ganz nebenbei entwickelt Amazon noch neue Geschäftsmodelle wie selbstfahrende Autos oder Computerbrillen. Doch der Titel ist auch deswegen so genial, weil er im Deutschen eine Assoziation zulässt: die vom »Seelenverkäufer« …

Und wer Stones Doppelbiografie vom Handelskonzern und von dessen Gründer liest, mag daran glauben, dass hinter dem weltumspannenden Imperium nicht nur eine geniale Geschäftsidee, sondern auch ein im Positiven wie Negativen geradezu besessener Besitzer steckt. Einer, der alles verkaufen könnte und würde, also vielleicht auch »arme Seelen«. Es ist das Verdienst von Stone, dass er diesen Jeff Bezos nicht einfach dämonisiert. Obwohl der selbst sehr viel Stoff dafür liefern würde. Er beschreibt ihn und seine Idee(n) einfach. Noch dazu als Kenner und Insider. Ein Stil, der wirkungsvoller ist als jedes Psychogramm. Einzig an einem Punkte – dort, wo es sehr persönlich wird – schießt er etwas über das Ziel hinaus. Dort, wo er die Kindheit beschreibt und Schlüsse daraus ziehen will. Vielleicht die einzige größere Schwäche dieses Blickes ins Innere eines Imperiums und seines Imperators (sfo.).