The Empty House - offenbar gestylt für alle Lebenslagen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Ort mit Auslauf | Museum Angewandte Kunst

Die Weite eines weißen Hauses

Wo Stil und Design (wieder) zu Hause sind

Als das Frankfurter Museum Angewandte Kunst 1985 eingeweiht wurde, feierte man vor allem die weiße und weite Architektur Richard Meiers. Doch Orientteppiche, Buddhas und Mingvasen – so sehr sie ihren Reiz haben mögen – überzogen das Haus im Laufe der Jahre gewaltig mit imaginärem Staub. Rechtzeitig zum Jubiläum 2015 aber kam mit Matthias Wagner K ein neuer Direktor. Und der bekennende Workaholic mit der Wohnung direkt neben dem Museum (seine Frau kennt von ihm vor allem den Satz: »Ich geh’ mal kurz runter«) entstaubte es gewaltig und lüftete kräftig durch. Lichter, weiter und präsenter wirkt der faszinierende Bau seither. Und vor allem moderner. Mit markanten und trotzdem nicht anbiedernden Ausstellungen zu Hipstern, Hamstern und Mobiltelefonen oder einer viel beachteten Partizipation an der Fototriennale RAY. Ganz nebenbei machte Wagner K das Haus zum begehrten Festivalzentrum, etwa für die Bewegtbildbiennale B3 oder in gewisser Weise auch für das »House of Norway« während der Buchmesse 2019. Nicht alles passte perfekt (etwa Stefan Sagmeisters reichlich überzogene »Happy Show«). Doch meist hatte Wagner K einen guten Griff. Zu den Highlights zählten eine große Tour durch die Kulturgeschichte des Picknicks oder die mehrdimensionalen Comicwelten des Marc-Antoine Mathieu. Und zwischendurch wagte er sich noch weiter und räumte das entstaubte Haus einmal komplett für eine raumgreifende erste Museumsschau mit der (Mode-) Designerin Jil Sander. Jil Sander im Museum Angewandte Kunst – quasi zwei Stil- und Designikonen unter sich. Zwischendurch machten das Haus und Wagner K auch mal Schlagzeilen mit der mutigen Übernahme von »Contemporary Muslim Fashion«, einer Ausstellung am Puls der Zeit. Lange stand das Museum Angewandte Kunst im Schatten des Museum Moderne Kunst auf der anderen Main-Seite. Doch längst lohnt sich, auch dort wieder hineinzuschauen. Stil und Design scheinen hier wieder zu Hause zu sein. Zuletzt zeigte das Haus mit »Life doesn’t frighten me« Mode, getragen comme des Garçons, aktuell mit »à propos« Grafikwelten der in Paris lebenden Designerin Anette Lenz ….  (vss.).

Barbara Walzer (bw.)©
Da hilft wirklich nur noch ein geniales Ordnungsschema
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Bücher & Menschen [3] | Antiquariat Rüger

Der Mann mit den Unterschriften

Spezialist für signierte Bücher – und einiges mehr

Es ist still im Antiquariat von Wolfgang Rüger. Der Lärm des Verkehrs, der sich auf der vielbefahrenen Dreieichstraße in Sachsenhausen seinen Weg sucht, ist in den beiden Geschäftsräumen, die er selbst gerne als Showrooms bezeichnet, kaum wahrzunehmen. Regale reihen sich aneinander und reichen bis fast zur Zimmerdecke. Tausende Bücher sind dort nach Themen einsortiert – insgesamt 45.000 Titel aus 87 Sachgebieten. Die zahlreichen Exemplare stehen aufgereiht in den Regalen oder sind verpackt in Kartons und insgesamt auf drei Etagen verteilt. Alles ist beschriftet. Ordnung zu halten, erzählt er, sei für einen Antiquar das Wichtigste – um selbst den Überblick zu behalten.

Auch vor den Regalen türmen sich kleinere Bücherstapel. Jeder Zentimeter Platz wird genutzt. Dort, wo an den Wänden noch freie Flächen vorhanden sind, hängen Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Autoren, die teils signiert sind. Womit wir schon beim Markenzeichen von Wolfgang Rüger wären. Einen Schwerpunkt im Sortiment bilden signierte Erstauflagen – aktuell mehr als 5000 Stück an der Zahl. Wahrscheinlich mehr als jeder andere Antiquar in der Stadt. In den vergangenen Jahrzehnten hat er stets den persönlichen Kontakt zu den Autoren gesucht und die Bücher selbst signieren lassen, darunter auch solche, die mittlerweile mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurden. Vor allem die Buchmesse bot ihm Gelegenheit dafür. Aber auch bei vielen Lesungen in der Stadt sah man ihn vor Corona immer wieder hinterher am Signiertisch. So kann er, wie er sagt, für deren Authentizität garantieren und von seinen Eindrücken auf der Messe erzählen.

Das Geschäft sieht der Inhaber als Allgemeines Antiquariat mit verschiedenen Schwerpunkten wie Literatur, Kunst, Architektur, Fotografie, Lyrik, Kinderbücher, Reiseliteratur, Film, Theater, Judaica, fremdsprachliche Literatur oder Publikationen über Frankfurt. Gerade noch so im alten Jahrtausend, im Oktober 1999, eröffnete Rüger vor über 21 Jahren den Laden und ist heute noch einer von wenigen in der Stadt, die antiquarische Bücher auch analog zum Verkauf anbieten. Die Betonung liegt auf »auch« – denn, so räumt er ein, Handel mit antiquarischen Büchern zu betreiben, lasse sich nicht mehr ohne das Internet verwirklichen. Der Kontakt zu den Kunden ist ihm sehr wichtig. Laufkundschaft, die spontan vorbeischaut, sei aber seltener geworden. Seit ein paar Jahren öffnet Rüger nur noch an drei Tagen pro Woche oder nach Vereinbarung seine Türen – das habe sich eingespielt. Die anderen Tage nutzt er, um sich zum Verkauf stehende Bibliotheken anzuschauen oder um neu erworbene Bücher zu sortieren. Der Handel hat sich für Rüger zwar verändert, die Leidenschaft für Bücher – das ist ihm anzumerken – ist geblieben … (alf.)


Das 1822-Forum: ein Klassiker der Fahrgasse
Quelle: Hans-Jürgen Herrmann©

Orte & Menschen | Fahrgasse

Kunst im Schaufenster

Frankfurts bescheidene Galerien-Szene

Die Fahrgasse ist so etwas wie das Herz der Frankfurter Galerien-Szene. Und sie war auch im tiefsten Lockdown einer der wenigen Orte in der Stadt, um Kunst nicht nur digital zu sehen. Leider muss man sagen, dass »die Szene« daraus manchmal wenig macht. Immerhin: Drei, vier Orte geben immer wieder Anlass, einmal vorbeizuschauen. Allen voran – nicht nur geographisch, wenn man vom Main her kommt – die Galerie Brigitte Maurer. Die Doyenne dieser Kunst-Straße belegt ein ums andere Mal, dass man auch mit konservativer Kunst innovativ-anspruchsvolle Akzente setzen kann. In vergangenen Jahren ließ sich dies oft an fein-kunstvollen Papierarbeiten sehen, für die sie ein besonderes Händchen zu haben scheint. Eine ähnlich haptisch-sinnliche Note strahlten auch jene Holzarbeiten von Aja von Loeper, Joseph Stephan Wurmer und Paul Diestel aus, die als »Konturen der Natur« zuletzt bei Maurer zu sehen waren. Derzeit präsentiert sie mit Tatiana Urbans »Phytopoetik« einen fast sommerlichen Blumenstrauß.

Den Gegenpol im wahrsten Wortsinn bildet künstlerisch und am anderen Ende der Straße wie so oft Andreas Greulich. Man muss das, was er zeigt, nicht mögen. Aber man muss ihm Respekt zollen, immer wieder eigenwillige Künstler*innen zu präsentieren, die offenbar auch ihre Kundschaft finden. Anfang des Jahres etwa waren es die grell-extravaganten Arbeiten von Tessa Wolkersdorfer. Gegen Ende Juni eröffnet Isabel Friedrichs »Bumerang oder das Gedächtnis für Gerüche«. Doch damit ist man fast schon durch mit dem, was man für eine geballte Galerien-Szene unweit des Museumsufers erwarten würde. Während neben Maurer und Greulich sonst sehr viel einfallslose Gebrauchs-Kunst die Straße füllt, gibt es wenigstens noch drei, vier »Outsider«, welche den Ort immer wieder zumindest beleben und so etwas wie »Szene« ausstrahlen. Zwei davon sind das 1822-Forum und der »Mixer«. Beide hatten in Lockdown-Zeiten auch mal mit Schaufensterausstellungen experimentiert oder die Räume – wenn auch nicht immer originell – halb künstlerisch untervermietet. Auch bei ihnen lohnt es, immer wieder mal einen Blick reinzuwerfen – in die Räume oder zumindest in die Schaufenster. Im Mixer etwa läuft in diesem Jahr ein Projekt zur Frage von Kunst und Markt mit Ausstellungen und Symposium.

Und auch dort, wo die Kunst selbst nur Untermieter ist, gibt es immer wieder etwas zu sehen. Das »Maria«, deren Besitzerin eigentlich Mode verkauft, hält sich immer wieder einmal eine Wand für originelle Zeichnungen frei. Und das »YokYok«, das kleine Kunst-Kiosk, schwankte in Corona-Wochen zwischen Kiosk mit Kunst und Schaufenster-Galerie mit Getränke-Verkauf. Immerhin: Zumindest das Sextett aus Maurer, Greulich, 1822, Maria, Mixer und YokYok lohnt oft einen Abstecher. Egal, ob man im Kunst-Winter durch die großen Schaufenster noch einiges an Kunst auf engem Raum erhaschen konnte – oder wenn sie seit einigen Wochen nach und nach auch ihre Pforten wieder für einzelne kleine Kunst-Dates öffneten. Und manchmal findet sich ja auch dazwischen dann doch noch das eine oder andere Kunstwerk … (vss.).

Hans-Jürgen Herrmann©
Abends in Sachsenhausen: Die Wendeltreppe in der Brückenstraße
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Bücher & Menschen [1] | Die Wendeltreppe

Eine Treppe und zwei Miss Marples

Mit 4.000 Titeln erste Adresse für Krimifans

Zu Orten der Kultur zählen ganz sicher auch Antiquariate und Buchhandlungen. In normalen Zeiten kann man dort herrlich stöbern, sich inspirieren lassen und die ganze Welt der Literatur entdecken. Doch auch in Lockdown-Zeiten standen sie zu Diensten. Ihre Schaufenster sind wahre Fundgruben, fast bei allen wird auch am Telefon beraten – und vor allem bestellen und liefern Antiquariate und Buchhandlungen auch jedes lieferbare Buch. Pars pro toto stellen wir eine der besonderen Buchhandlungen der Region vor. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenDer kleine Buchladen am Rande des Brückenviertels gehört heute zum festen Inventar des Sachsenhäuser Kultquartiers. Und: Er ist selbst längst Kult geworden. 4000 Titel, ausnahmslos Krimiliteratur, stehen gut sortiert in den Regalen. Auch ein kleines Buchantiquariat ist Teil des Angebots. Die Wendeltreppe – sie ist seit drei Jahrzehnten das Reich der beiden Krimi-Expertinnen Jutta Wilkesmann und Hildegard Ganßmüller. Mittlerweile fast schon selbst zwei veritable Miss Marples, kennen sie fast alle Autoren und Inhalte, können beraten und laden – zumindest außerhalb der Corona-Zeiten – regelmäßig am ersten Donnerstag im Monat zu einer Lesung in das Geschäft ein. An diesen Abenden, bei denen sie auch von Freunden unterstützt werden, gehe es darum, in entspannter Atmosphäre über die Bücher und ihre Inhalte zu sprechen und einen lebendigen Austausch zu ermöglichen. Wie viele Krimis sie selbst schon gelesen haben, können sie nicht genau beziffern. Auf jedem Fall »sehr viele«. Deswegen sind Krimi-Fans auf der Suche nach spannenden Büchern hier auch an der richtigen Adresse.

Ein persönliches Erlebnis brachte Jutta Wilkesmann Ende der 80er Jahre auf den Gedanken, eine Buchhandlung für Kriminalliteratur zu eröffnen. Damals, so erzählt sie, sei das Genre lange nicht so populär gewesen wie heute. Auch sie selbst habe erst spät damit angefangen, Krimis zu lesen. »Freunde hatten mich dazu gebracht.« Dass sie ihrer Buchhandlung den Namen »Die Wendeltreppe« gab, ist nicht dem gleichnamigen US-amerikanischen Thriller von Robert Siodmark aus dem Jahr 1946 zu verdanken. Von dem hängt zwar ein Plakat an der Wand des Geschäfts, doch es ist vielmehr die Wendeltreppe selbst, die es in den ersten Räumen der Buchhandlung gab und die im Februar 1989 in der Brückenstraße eröffnete. Trotz eines Umzugs vier Jahre später in einen größeren Laden ein paar Häuser weiter, steht auch dort immer noch eine Wendeltreppe zur Dekoration. Sie ist ein Symbol dessen, was den Buchladen für Kriminalliteratur, den Wilkesmann seit seinen Anfängen mit Unterstützung von Hildegard Ganßmüller führt, ist: Eine Oase für Krimi-Fans und solche, die in unserer schnelllebigen Zeit ein- und abtauchen wollen in die Welt des Genres …

Erst seit den 90er Jahren wurden Krimis unter Buchlesern immer beliebter, weiß Wilkesmann. So beliebt, dass sie sogar regelmäßig eine kleine Zeitung für ihre Kunden herausbrachten: das »Kriminal-Journal«. »Irgendwann war der Aufwand aber so groß, dass wir die Zeitung eingestellt haben«. So oder so sind Krimis für Wilkesmann immer viel mehr als nur Mord. »Mich fasziniert, dass Krimis immer sehr schnell auf politische, gesellschaftliche und soziale Zustände reagieren«. Übertragen auf die reale Welt, bedeute dies, dass auch eine Gesellschaft immer bemüht sein müsse, den Täter zu finden, weil sie sonst nicht überleben könne und Misstrauen entstünde. Ein guter Krimi müsse daher auch immer gut recherchiert sein. Doch auch das Krimigeschäft unterliegt dem Wandel. Die Zeiten haben sich verändert, nicht nur im Hinblick auf Technik und das Leseverhalten. Wilkesmann nennt als Beispiel den bevorstehenden Brexit, der sich unter anderem auch auf den Bezug der Bücher von britischen Verlagen auswirken werde. Doch wie genau, das werde sich – wie bei einem guten Krimi – wohl auch hier erst nach und nach zeigen … (alf.)

Ort & Mensch | Apfelwein-Galerie

Frankfurt in Fotos und Flaschen

Galerie mit Street Photography und Apfelwein

Apfelwein-Galerie – der erste Teil des Namens ist vorerst etwas irreführend. Das Frankfurter Nationalgetränk wird dort zwar ebenfalls verkauft, aber vorerst corona-bedingt doch sehr auf Sparflamme. Zielführender ist der zweite Teil des Namens. Die Frankfurter Galerie des (Ex-) Werbers und Fotografen Martin Schitto zeigt Fotografien. Dem ersten Teil des Namens folgend, meist Fotografien mit Lokalkolorit. Street Photography nämlich, vor allem von und/oder aus Frankfurt. Frankfurter Fotografen – es sind tatsächlich bisher ausschließlich Männer und solche zumindest aus dem Großraum Frankfurt – und Motive aus der Main-Metropole. Teils stadtbekannt wie Hauptbahnhof oder Hauptwache, teils Genreszenen etwa aus dem Bahnhofsviertel oder beim Barbier, teils einfach nur faszinierende Details von Hausfassaden oder Haustürklingeln. Der Lokalkolorit dieser Art soll weitgehend Programm sein. Die Fotografen – und demnächst erklärterweise auch Fotografinnen – sollen weiterhin vornehmlich aus der Region kommen. Die Street Photography darf allerdings auch schon mal New York oder Barcelona meinen. Passend zum Lokalkolorit übrigens auch der Ort: ein kleines Laden-Lokal am Rande der Frankfurter Kleinmarkthalle. Und damit kommt doch noch mal der erste Teil des Namens ins Spiel. Die »AW-Galerie« verkauft auch ausgewählten Apfelwein und Apfelsaft aus der Region; nicht im Ausschank, sondern zum Mitnehmen und, vornehmlich nach Corona natürlich, vielleicht auch zum »Umme-Ecke-Trinken«. Und wie beim Galerie-Gedanken, sollen auch die Getränke durchaus von wechselnden Produzent*innen kommen. Denn das war die ursprüngliche Idee Schittos: Frankfurts Nationalgetränk gepaart mit Frankfurter Fotografie. Und eines noch: ein Drittel der Schau-Fläche der kleinen Galerie sind die großen Fensterflächen nach außen. So können sich viele Aufnahmen der Ausstellungen auch in strikten Lockdowntagen oder außerhalb der Geschäftszeiten noch sehen lassen … (vss.).

Barbara Walzer (bw.)©
The Cube von Jens J. Meyer
Quelle: Internationaler Waldkunstpfad©

Ort mit Auslauf | Darmstadt

Zur Kunst in den Wald

10. Internationaler Waldkunstpfad 2020

In Europa leben die Menschen bekanntlich vornehmlich im Wald. In manchen Ländern wie Österreich gibt es sogar ganze Waldstädte. Das hatte sich zwischenzeitlich sogar bis in die USA und ins Weiße Haus herumgesprochen. Was bisher noch weniger bekannt ist: Auch Kunst und Kultur finden in unseren Breitengraden natürlich in der Natur statt. Das Zentrum europäischer Waldkultur ist bekanntlich Darmstadt. Wer sich für moderne Kunst interessiert, kommt nicht um das dortige Internationale Waldkunstzentrum herum. Mit seiner in US-Experten-Kreisen zeitweise bereits vor Venedig angesiedelten Biennale wird es alle zwei Jahre zum Mekka moderner Kunst. Internationale Künstler*innen wie die US-Amerikanerin Regina Walter zog es auch 2020 wieder dorthin. Die bekannte Urbanitäts-Künstlerin war nicht nur für die Eröffnungs-Performance mit bleibendem Kunstwerk verantwortlich. Als Artist-in-Residence wurde sie eigens eingeladen, um den Menschen im europäischen Wald auch einmal näher zu bringen, dass es auch andere Formen von Zusammenleben gibt. Weitere 15 Künstler*innen aus sieben Ländern hatten das Biennale-Motto »Kunst/Natur/Identität« mit Leben und mit zahlreichen Installationen, Performances und BankART gefüllt. Zugegeben: In hinterwäldlerischen Europa ist nicht alles so professionell wie den USA. Doch in der Folge kam eben auch hierzulande niemand auf die Idee, die Kunstwerke am Ende der Ausstellung einfach wieder wegzuräumen – wovon auch derzeit noch viele kunstbeflissene Europäer profitieren. Zumal die Darmstädter Museumsmacher*innen dabei schon lange vor Corona auf Abstand geachtet haben. Damit die Menschen nicht pulkartig in ihrem Waldmuseum herumstehen, führt eigens der Waldkunstpfad durch diesen buchstäblich öffentlichen Raum. Gerüchten zufolge sollte 2020 übrigens der international renommierteste Waldexperte aus Washington die Ausstellung eröffnen. Er musste sein Kommen allerdings auf den nächsten Waldkunstpfad 2022 verschieben – sofern er in den USA bis dahin noch ein paar offene juristische und steuerrechtliche Fragen geklärt hat … (sfo.).

Internationaler Waldkunstpfad©
Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte mit Auslauf | Trinkhallen

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Wasserhäuschen sind Kult. Und in Corona-Zeiten fast schon »systemrelevant«. 

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Monaten jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 1,50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte (auch wenn mit zunehmender Lockerung nicht wenige es auch lockerer mit Müll und Lautstärke sahen). Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die 2017 sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach rund acht Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).