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Quelle: Niko Neuwirth©

Best of 10 | Der Fotograf

N.N. – Chronist der Nächte

Subversive Baustellenbetrachtungen

Nachts begab er sich auf die Baustellen und auf die Dächer der Stadt. Je höher, desto besser. Und er suchte die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (konnten). Neue faszinierende Blick- und Stadtlandschaften taten sich auf – für ihn und für die Betrachter*innen seiner Fotos. Urban shorts – Das Metropole Magazin hat immer wieder diese nächtlichen »Beutezüge« des Frankfurter Fotografen Niko Neuwirth dokumentiert. In diesem Jahr sind sie mit dem Titel »Frankfurter Nächte« auch als Buch erschienen. Posthum – denn vor drei Jahren bereits starb Niko Neuwirth. Das Buch und seine Fotos zeugen noch immer von ihm. Urban shorts – Das Metropole Magazin zeigt aus diesem Anlass noch einmal die drei Folgen »N.N. – Auf den Dächern«, »N.N. – Über der Stadt« und »N.N. – Zwischen Häusern«, die zwischen 2020 und 2022 in diesem Magazin erschienen sind. Eine Hommage an Frankfurt – und an seinen nächtlichen Chronisten … (vss.).

Niko Neuwirth©
Aus »Nur ein Lächeln«
Quelle: scs / Louisa Nitsch und Tina Folz©

Best of 10 | Der Kurzfilm

Nur ein Lächeln …

Ohne Worte viel gesagt

In seinen Anfangsjahren verlieh »Urban shorts – Das Metropole Magazin« jeden Monat in seiner urban shorts selection den urban shorts award. Einmal im Jahr wurde von der Redaktion aus diesen zwölf Preisträgern der Kurzfilm des Jahres gekürt. Für das (erste) Jahr 2016 fiel die Wahl auf »Nur ein Lächeln« der beiden Wiesbadener Absolventinnen der Hochschule Rhein Main, Louisa Nitsch und Tina Folz. Er war für uns der Film des bewegten und herausfordernden Jahres. Zumal die beiden mit die ersten waren, die eine Idee umsetzten, die im Laufe des Jahres noch mehrfach kopiert wurde. Ihr Film war eine Antwort – und das fast gänzlich ohne Worte. Und er scheint geradezu zeitlos … (red.).

scs / Louisa Nitsch und Tina Folz©
Auch Kindern gehört die Stadt! Die Wiesbadener Wellritz-Straße, die vor einiger Zeit verkehrsberuhigt wurde
Quelle: Sibylle Lienhard©

Best of 10 | Impulse

Kids statt Kotflügel

Impuls von Katharina Knacker

Früher konnten Kinder noch auf den Straßen spielen und alleine zur Schule fahren oder laufen. Auch heute ist dies möglich. Allerdings wegen vieler Autos an und auf den Straßen ungleich gefährlicher. Katherina Knacker und die Initiative »Kidical Mass« fordern deshalb wieder mehr Platz und Sicherheit für Kids auf den Straßen, mit einer Neuverteilung des Raums und »Tempo 30« in Städten. Dafür macht »Kidical Mass« regelmäßig Fahrrad-Demos für Kids in Frankfurt und in anderen Städten.   

In der Führerscheinprüfung gibt es die Frage 1.1/02-112: »In einem Wohngebiet rollt ein Ball vor ihr Fahrzeug. Wie müssen sie reagieren?«. Die (einzig mögliche) Antwort: »Bremsen«. Warum? Weil Kinder hinter dem Ball her rennen könnten. Diese Frage beantworten jährlich tausende Fahrschüler*innen, obwohl Kinder, die im Straßenraum Ball spielen, kaum noch zu finden sind. Vor wenigen Jahrzehnten war es noch möglich, sich spontan mit den Nachbarskindern vor der Haustür zu treffen. Heute ist dieser Platz durch immer mehr parkende Autos fast verschwunden. Und durch schnell fahrende Autos ist das auch viel zu gefährlich geworden für die Kids. Mit ein Grund zudem, dass sich laut WHO im Jahre 2019 80 Prozent der Kinder in Deutschland zu wenig bewegt haben … (weiter lesen)


Chris Kircher, eine der Gründerinnen, hier zwischen Nutzen, Machen und Wissen
Quelle: Alexandra Flieth©

Best of 10 | Gemüseheldinnen

Von Städter*- zu Gärtner*innen

Aktiv in Markt-, Wald- und Mirabellengärten

An diesem Morgen ist es ruhig in den Gärten der »GemüseheldInnen Frankfurt«, hier in der »Grünen Lunge«, einem ihrer Refugien nur wenige Schritte vom Günthersburgpark entfernt. Selbst im nun beginnenden Herbst gedeihen in den Gärten verschiedene Gemüse wie Salate, Auberginen, Paprika und Kräuter. Setzlinge von Feldsalat wurden gerade erst eingepflanzt und können bald abgeerntet werden. »Der Market Garden, in dem wir hier stehen, folgt dem Vorbild der Pariser Marktgärtnerinnen aus dem 19. Jahrhundert, die eine ganze Stadt mit Gemüse versorgt und dabei rein auf Wissen und Handarbeit gesetzt haben«, erzählt Chris Kircher, eine der Gründerinnen der GemüseheldInnen. Beim »Market Gardening« seien die Beete normiert und die Bepflanzung sehr dicht, wodurch der Boden zwar geschützt, der Ertrag pro Quadratmeter aber trotzdem maximiert werden könne. Damit sei es für jedermann/jederfrau im Prinzip möglich, bereits kleinste Flächen zu bewirtschaften, auch weil der Einsatz von Maschinen fehle und damit Investitionskosten niedrig wären.

Wer in die »Grüne Lunge« am Günthersburgpark kommt, findet meist zweierlei: einerseits ein üppiges grünes Refugium und lebendiges Biotop, andererseits aber auch viel geteiltes Wissen und zahlreiche Anregungen für eigenes (Mit-) Tun. Was 2019 mit der Idee begann, städtische Landwirtschaft nach Frankfurt am Main zu bringen sowie in Gemeinschaft nach den Prinzipien von Permakultur und Market Gardening eigenes Gemüse anzubauen, hat sich mittlerweile zu einer Bewegung in der Mainmetropole entwickelt … (mehr lesen).


Was fehlt? Ein Display, das alle Verbindungsoptionen an dieser Stelle auf einen Blick zeigt ...
Quelle: us / OIMD©

Best of 25 | ÖP(N)V als Alltag

Einmal Mittelmeer, bitte

Gastbeitrag von Peter Eckart (OIMD)

Wenn die Tage grauer werden, kommt schnell mal der Wunsch nach einem Abstecher ans Mittelmeer auf. Erster Reflex: einfach ins Auto steigen. Zweiter Reflex: weit, anstrengend, teuer. Praktischer wäre: mitten in Frankfurt, Musterschule zum Beispiel, in die U-Bahn, am Hauptbahnhof in den Zug, flugs nach zum Beispiel Marseille und dann noch mit der Tram ans Meer. Am besten freitagmittags los, abends dort sein – und alles für ein paar Euro. Geht nicht? Geht doch! Zumindest an den 360 Tagen im Jahr, an denen die Bahnen nicht streiken. Die Formel: U5 plus TGV (Frankfurt Hbf – Marseille Saint-Charles) plus M1 zum Alten Hafen. Abfahrt etwa 13.30 Uhr, Ankunft etwa 23.30 Uhr. Kosten: mit etwas Glück um die 50 Euro. Das Problem: Viele Menschen haben eine solche Möglichkeit gar nicht auf dem Schirm. Genauso wenig, dass das Gleiche auch – mit höchstens ein Mal mehr umsteigen, aber bestenfalls einem Stündchen mehr Vorlauf – auch vom Darmstädter Martinsviertel, dem Offenbacher Mathildenviertel oder von Mainz-Mombach aus ginge. Und genauso einfach wäre es umgekehrt, von Roms Via Appia an fast jeden Punkt im Rodgau oder von Berlin-Kreuzberg nach Bürgel zu kommen …

Zugegeben: Die letzten Beispiele setzen schon einiges an Vorstellungskraft voraus. Doch eigentlich reicht bereits ein Umdenken: bei Menschen und Mobilitätsanbietern. Beginnen wir beim Menschen. Also bei uns … (mehr lesen).

Best of 10 | Sara Sun Hee Martischius

Kleiner Rassismus zwischendurch

Eine Fotografin dokumentiert Alltagsrassismus

Alltagsrassismus heißt auch deswegen Alltagsrassismus, weil der Rassismus dabei so alltäglich ist. Weil er überall passieren kann, oft auch en passant, nicht selten unerwartet. Auch durch Menschen, denen man ihn gar nicht zugetraut hätte. Oder die ihn sich selbst nicht zugetraut hätten. Wie alltäglich Alltagsrassismus ist, zeigt Sara Sun Hee Martischius in ihrem Fotoprojekt »Mein Leben – Dein Rassismus«. Ihr ständig wiederkehrendes Motiv: Sie selbst – in Südkorea geborene Deutsche –, gepaart mit Aussagen von Menschen zu ihr. Oder der Japanerin, der Mongolin, der Inuk in ihr. Oder der Frau, die lesen kann, die Deutsch sprechen kann, die nicht mit Stäbchen isst. Ihr Motiv: Sie selbst, wie sich andere sie vorstellen. Oder: wie sie dem unterschwelligen Rassismus oder zumindest der Gedankenlosigkeit der anderen ein Gesicht gibt. Oder: wie sie Menschen in diesem Land Denkanstöße gibt. Oder auch Sehhilfen, wie man’s nimmt. Ihr Projekt macht nachdenklich. Oder sollte es zumindest machen. Oder zumindest sollte es die Menschen sensibilisieren, wie sie selbst sagt. Zu diesem Zweck wandert es durch ihre Heimat Deutschland. In Neustadt, Mainz und Kaiserslautern waren die Bilder bereits zu sehen. Weitere Stationen sind Hamburg, Karlsruhe und Speyer. Besonders waren die Ausstellungen in Mainz und in Neustadt. Dort waren die Fotos im öffentlichen Raum zu sehen. Auf Plätzen oder in Schaufenstern begegneten die Menschen ihren Bildern – denen von Sara Sun Hee Martischius und denen in ihren Köpfen. Einfach mal so, en passant, nicht selten unerwartet, im Alltag eben. Ganz so wie Sara Sun Hee Martischius oft deren Bildern in ihrem eigenen Alltag … (vss.).


Nicht nur Tiere finden die kleine Floßinsel interessant
Quelle: Guillaume Bontemps / Ville de Paris/Presse©

Best of 25 | Gestalten mit Bürgerbudgets

Die eigene Stadt mitgestalten

Franzosen entscheiden direkt mit über Etats

Ob ein Floß oder eine Insel – Das mögen die Betrachtenden entscheiden. Auf jeden Fall beleben die 35 grün-braunen Quadratmeter, die auf dem kleinen Ourcq-Kanal in Paris am Ufer angedockt haben, den Fluss vielfältig. 350 Uferpflanzen sind darauf zu Hause – und mittlerweile nistende Vögel, zahllose kleine Krebse, Muscheln und allerlei sonstiges sichtbares und unsichtbares Getier. Das »radeau végétalisé«, das hier der Umwelt und den Menschen dient, ist nur eines von rund 850 Umwelt-Projekten, welche in Paris in den letzten zehn Jahren mit dem »Budget Participatif« realisiert wurden. Ein Budget, das seit 2014 jährlich zwischen 50 und 100 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung stellt, über welche die Bürger*innen der Metropole selbst entscheiden können. Insgesamt sind in vielen Bereichen wie Soziales, Umwelt, Kinder, Miteinander in den ersten zehn Jahren rund 21.000 Vorschläge eingereicht worden. 1345 Projekte wurden ausgewählt, sind umgesetzt oder in der Umsetzung – für insgesamt rund 786 Millionen Euro. Anteilig waren das rund 5 Prozent des Gesamtbudgets der Stadt Paris, über das alle Einwohner*innen ab 7 Jahren mitentscheiden können.

»Bürgerbudgets« – eine Idee, die vor allem in südeuropäischen Ländern immer mehr Furore macht. In Spanien wurden im letzten Jahr rund 476 Millionen Euro der Entscheidung der Spanier*innen überlassen. In Frankreich werden allein in Paris jedes Jahr rund 80 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dort und in Italien gab es schon im letzten Jahrhundert Möglichkeiten für Steuerzahlende, einen Teil ihrer Steuern quasi selbst in bestimmte Projekte oder für bestimmte soziale Zwecke zu geben. Allüberall ist das Argument das gleiche: die Bürger*innen direkt über einen Teil ihres Geldes mitentscheiden zu lassen. Das »Budget Participatif« in Paris etwa ist seit 2014 ein Bürgeretat, über den die Einwohner*innen selbst entscheiden können. Erst reichen sie über eine Online-Plattform Projekte ein (in der Regel eine vierstellige Zahl), aus denen die Verwaltung meist mehrere Hundert realisierbare Vorschläge herauskristallisiert und budgetiert. Sodann können die Bürger*innen das vorhandene Geld verteilen. In jedem Jahr stehen im September meist einige Hundert Projekte zur Auswahl: von der Renovierung einer kleinen Kirche bis zu einer Sozialkantine. Im vergangenen Jahr wurden letztlich von 137 622 Pariser*innen 114 Projekte für rund 83 Millionen Euro auf den Weg gebracht, in diesem Jahr waren es bereits wieder 162 395 Einwohner*innen, die ebenfalls gut 100 Projekte befürworteten (2014 waren es übrigens noch rund 15.000 Teilnehmer*innen). Längst gibt es entsprechende Bürgeretats auch in Städten wie Metz, Rennes oder Grenoble. In Deutschland stehen vergleichbare Budget-Beteiligungen von Bürger*innen übrigens vielfach noch am Anfang. Die üppigsten sind wohl jene in Leipzig und Mannheim, wo man die Beteiligten über etwa eine halbe Million Euro mitwirken und abstimmen lässt … (sfo.).