Sommerwerft, Jil Sander, Ausstellungen von und Ateliers für regionale Künstler*innen
Quelle: Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©

Urban:ist | Starke Partner [0]

Die starken stillen Partner

Kunst- und Kulturförderer in der Region

Kulturfonds, Dr. Marschner, Heussenstamm, Radar – Vier Institutionen in FrankfurtRheinMain, die nur wenigen Menschen in Stadt und Region bekannt sind. Bekannter hingegen sind das Tanzfestival RheinMain, die Sommerwerft oder die Maifestspiele, das Museum Angewandte Kunst, die HfG in Offenbach oder das Atelierhaus Basis in Frankfurt. Und sicher ist der eine oder die andere schon einmal in der Heussenstamm-Galerie nahe der Frankfurter Paulskirche gewesen oder zumindest daran vorbeigelaufen. Sie alle wurden und werden immer wieder direkt und indirekt von diesen meist stillen, aber auch starken Partnern im Hintergrund gefördert – vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von der Dr. Marschner-Stiftung in Frankfurt und Offenbach, von der Heussenstamm-Stiftung für Frankfurter Künstler*innen sowie von der Leerstands-Agentur Radar, die im wahrsten Wortsinn Freiräume für Kultur rekrutiert. Manche Großprojekte wie die regionweite Tanzplattform oder die viel beachtete Ausstellung »Jil Sander« stemmen solche Partner auch gemeinsam.

Urban shorts wird künftig in loser Folge solche starken und meist stillen Partner in der Region vorstellen. Große Fonds und Stiftungen wie den Kulturfonds und die Marschner-Stiftung, die auch große und mittlere Projekte finanzieren, aber auch viele kleine Einrichtungen, die weniger mit Geld als mit Räumen, Ausstellungen oder sonstiger Unterstützung Künstler*innen und Kreativen ihr Schaffen manchmal sogar erst ermöglichen. Zum Auftakt der Reihe, die auch explizit Förderer von bürgerschaftlichem Engagement einschließen soll, geht es um den Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Der Fonds mit einem Fördervolumen von jährlich sieben Millionen Euro ist mittlerweile selbst einer der wichtigsten Kulturakteure und auch einer der größten »Geldtöpfe« in der Region. Einst zur Sichtbarmachung von deren »Leuchttürmen« gegründet, hat er in den letzten Jahren immer mehr auch kleinere Projekte gefördert und damit auch zum Leben und Überleben vieler Künstler*innen und Kreativen in der Region beigetragen. In dieser wie in den weiteren Folgen wird es darum gehen, was eine solche Institution leistet, was sie fördert, wo sie unterstützen kann – und auch wo nicht. Dies soll es vor allem kleineren Einrichtungen und einzelnen Kulturschaffenden ermöglichen, für ihre Arbeit die richtigen Ansprechpartner zu finden. Die einzelnen Folgen werden etwa in monatlichem Abstand erscheinen (vss.).

Barbara Walzer / Hans-Jürgen Herrmann©
Am 14.10. ist der Kulturfonds auch Thema der Frankfurter bootsgespräche
Quelle: Barbara Walzer / RAY / Blickachsen / Nippon C. / Kulturfonds / Mousonturm / us©

Serie • Starke Partner [1]

Aus der Tiefe der Region

Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain

»Im Mousonturm müssen wir Projekte, Produktionen und Programme immer aus verschiedenen Quellen finanzieren. Nicht selten gibt es da freundliche Absagen, wird man von einer Stiftung zur anderen, von einem Geldgeber zum nächsten verwiesen. Die öffentliche Hand, die eigentlich langfristig Mittel für Kultureinrichtungen zur Verfügung stellen müsste, hofft oft, dass Projektförderungen von Stiftungen die Löcher stopfen. Da hat der Kulturfonds, gerade unter dem jetzt scheidenden Geschäftsführer Helmut Müller, aktiv Zeichen gesetzt für eine strukturell verantwortliche Kulturförderung. Ohne ihn wären eine Tanzplattform RheinMain und ein Festival Ende Oktober in vier Städten nicht denkbar. Auch weil der Fonds wie in diesem Fall Dauerhaftes angeschoben, immer wieder selbst andere Partner mit ins Boot geholt und damit Verantwortung übernommen hat«. 

Matthias Pees, Intendant des Frankfurter Mousonturm, weiß, warum er den Kulturfonds derart lobt. Die Tanzplattform RheinMain und das jährliche Festival in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Offenbach ist mittlerweile das größte Projekt des Fonds und trägt damit maßgeblich auch zum Bestand des freien Künstlerhauses im doppelten Schatten der Frankfurter Bühnen und auch der Staatstheater in Darmstadt und Wiesbaden bei. Zugleich ist es ein Paradebeispiel, wie der Kulturfonds funktioniert und arbeitet. Einst zur Sichtbarmachung der »Leuchttürme« der Region gegründet und lange Zeit vor allem mit Projekten wie Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« identifiziert, wirkt der Fonds mittlerweile breiter und tiefer in der Region und auch in die Region hinein. Die Tanzplattform verbindet nicht nur staatliche und freie Häuser in mehreren Städten (neben Mousonturm noch das Staatsballett an den beiden Staatstheatern). Sie schickt sich auch an, Rhein-Main in der ersten Reihe der Tanzregionen in Deutschland zu platzieren – und zwar mit Ressourcen, die in der Region selbst zu Hause sind, in Verbindung mit internationalen Akteuren. Hinzu kommt eine Tiefenwirkung mit einem Ensemble Mobile in die Region hinein sowie mit Ankern weit in die freie Szene und in den populären Tanz. Somit profitieren auch viele freie Gruppen und Akteure in der Region.

Längst ist der Fonds, dessen Führung dieser Tage von Helmut Müller auf Karin Wolff übergeht, selbst einer der wichtigsten Kulturakteure und einer der größten »Geldtöpfe« für Kulturförderung in der Region. Neben den traditionellen Leuchttürmen wie Städel, Mathildenhöhe & Co. entstehen durch den Fonds immer mehr neue Leuchtturmprojekte. Neben der Tanzplattform etwa die neue »dreifache Fototriennale«, die im Wechsel dreier etablierter Festivals in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt entsteht. Überhaupt ist dies auch ein Schlüssel zu Fördermitteln des Fonds. Chancen hat, wer regionale Partner zusammenbringt oder seine Idee in die Region erweitert. Exemplarisch das »Meidner-Projekt«, das an drei Orten dem »regionalen« Künstler Ludwig Meidner gewidmet war, oder die »Shorts of Moonlight«, die neben Höchst nun auch eine Dependance im Rheingau haben. Womit die Region zugleich sichtbar und vernetzt wird, und Projekte möglich werden, die kleinere Kommunen nicht stemmen könnten. Durch die Tiefe in Projekten und in die Region hinein kommt ein Teil der jährlich sieben Millionen Fördergelder (je zur Hälfte aus Kommunen und vom Land Hessen) auch vielen Künstler*innen und Kreativen direkt zu Gute. Zwar fördert der Fonds weder Institutionen dauerhaft noch Künstler*innen einzeln, wohl aber viele Festivals, die ihrerseits vielfach mit regionalen Akteuren arbeiten. Dazu gehören etwa Implantieren, Poesie im Park (Wiesbaden) oder das Sprungturm-Festival (Darmstadt). Auch viele regionale Filmfestivals erhalten Geld. Wichtige Kriterien sind allerdings öffentliche oder gemeinnützige Partner und im besten Falle weitere Förderer, da der Fonds selten als alleinige Geldgeber auftritt. Etwas im Argen liegt vielleicht im Moment am ehesten die Förderung kleinerer (Einzel-) Ausstellungen, da sie schwer ins Raster des Fonds passen. Allerdings profitieren auch diese von Projektgeldern, wie sie etwa der Kunstraum Eulengasse für ein Austauschprogramm mit einem Kunstverein in Münster-Altheim erhielt. Einzig die (noch) nicht flächendeckende Ausbreitung des Fonds setzt hier Grenzen. So fehlen etwa Mainz oder der Rheingau-Taunus-Kreis auf der Kulturfonds-Landkarte. Daneben unterstützt der Fonds selbst Initiativen wie die Crowdfunding-Plattform »Kulturmut« oder die Aktion »Kunstvoll« gemeinsam mit Schulen, von denen auch wiederum Künstler*innen profitieren (können). Und auch auf ungewohntes Terrain wagt sich der Fonds zuweilen vor. In diesem Jahr förderte er erstmals mit einer fünfstelligen Summe ein Theaterzelt auf der Sommerwerft, dem beliebten alternativen Frankfurter Straßentheaterfestival am Main. Das allerdings war wohl bisher auch der größtmögliche Kontrast zu den einstigen Leuchttürmen Romantikmuseum oder »Phänomen Expressionismus« … (vss.).

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Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban:ist | Wohnen im Wandel

Städte sind für Menschen da

Jan Gehl und das menschliche Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch lerne ich mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass ich alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).

Barbara Walzer (bw.)©
Bürger legen selbst Hand an die Politik an
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Urban.21 | Direkte Demokratie

Bürgerpolitik statt Populismus

Bürger*Innen treiben Politik voran und vor sich her

Wie weit in Europa und Deutschland Ursula von der Leyen und Angela Merkel eine nachhaltige Umweltpolitik vorantreiben wollen, sei einmal dahingestellt. Dass sie sich aber derzeit überhaupt so intensiv mit dieser Frage beschäftigen, ist sicher auch »Fridays for Future« geschuldet. Das Gleiche gilt für Städte wie Berlin oder Frankfurt und deren Stadtpolitik zu Mieten und Verkehr. Zehntausende Unterschriften für einen »Radentscheid« haben bewirkt, dass in Berlin ein Mobilitätsgesetz und in Frankfurt ein Maßnahmenpaket für deutlich mehr und bessere Radwege, übersichtlichere Kreuzungen und mehr Radparkplätze auf den Weg gebracht wurden. In beiden Fällen handelten die Stadtregierungen übrigens, bevor sie durch weitergehende Volksentscheide wohl dazu gezwungen worden wären. Und in beiden Städten versuchen derzeit Bürger*innen durch »Mietentscheide« die Regierungen in gleicher Weise anzutreiben. Berlins »Mietendeckel« ist ein Resultat dieser neuen außerparlamentarischen Politik.

Politik hat offenbar eine neue Qualität. Parteien und Politiker*innen, die gerne große Aufgaben auf sich zukommen sahen (und dabei gerne die übersahen, die schon da waren), werden bei Wahlen zunehmend für Inhaltslosigkeit und Handlungsarmut abgestraft. Dafür nehmen Bürger*innen auf breiter Front Politik selbst in die Hand und treiben ihre Volksvertreter*innen zum Handeln an. Erste Auguren sehen bereits ein neues Zeitalter »Direkter Demokratie«. Und nicht wenige warnen bereits, angesichts der Erfahrungen des Brexit oder dem Zulauf für Populisten. Doch sind Warnungen berechtigt? Adel und Klerus hatten in der Französischen Revolution auch vor dem Volk gewarnt. Aus sehr eigenen Motiven. Doch sind das Chaos, in welches das Brexit-Votum Großbritannien stürzte, und der Zulauf der dortigen Populisten ein Argument gegen Direkte Demokratie? Eigentlich nicht. Wahrscheinlich war es schlicht ein Fehler, die ungeübten Brit*innen gleich über die zweitwichtigste Frage ihres Landes (nach der über die Monarchie) entscheiden zu lassen. Es ist wohl nicht vermessen anzunehmen, dass nicht jedem Briten / jeder Britin klar war, was ihre Entscheidung bewirken würde …

An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Schweiz. Man stelle sich vor, dort würde auch mal wieder über den – in diesem Falle – Beitritt zur EU abgestimmt. Wie das Ergebnis ausfallen würde, sei dahingestellt. Wohl aber würde es dort trotz der Tragweite kaum ein Chaos auslösen. Es würde – wie viele andere Abstimmungen – wohl respektiert und umgesetzt. Denn in der Schweiz haben Abstimmungen eine andere Qualität. Schweizer und Schweizerinnen (letztere übrigens nach Zustimmung von ersteren erst im vergangenen Jahrhundert) stimmen seit Jahrzehnten direkt über Altersvorsorge, Atomenergie oder öffentlichen Rundfunk, aber auch über »Bedingungsloses Grundeinkommen«, »medizinisch unterstützte Fortpflanzung« oder die »Sanierung des Gotthard-Tunnels« ab. Das Gleiche gilt sogar für Steuersätze und einzelne Staats- oder Stadtausgaben. Ein Theater wie in Großbritannien macht man dort über keine dieser »Volksinitiativen«. Und Regierungen, die übrigens in der Schweiz weniger wichtig sind und sich weniger wichtig nehmen, setzen diese geräuschlos um. Vielleicht ist es also schlicht eine Frage des Gewichtes, das man dem Souverän gibt. Und der Übung, welche dieser Souverän mit Direkter Demokratie hat. Statistiker haben ausgerechnet, dass die Hälfte der weltweiten Volksabstimmungen in einem einzigen Land stattfinden. In der Schweiz. Deutschland und andere Länder sind allerdings dabei, ein wenig aufzuholen. Fridays for Future, Rad- und Mietentscheide dürften ein Anfang sein … (vss.).

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Urban.21 | Berlin bis Frankfurt

An der Radwegscheide

Städte beginnen mit Radverkehrspolitik

Berlin, Frankfurt, Darmstadt. Nur drei deutsche Städte, in denen in den letzten drei Jahren Stimmen gesammelt wurden. Rund 150.000 Stimmen waren es am Ende. 150.000 Menschen, die sich dafür ausgesprochen hatten, dass in ihren Städten mehr und sichererer Raum für Radfahrer*innen entstehen soll. Rund 100.000 Menschen waren es in Berlin, rund 35.000 in Frankfurt, über 11.000 in Darmstadt. Mit den Stimmen sollten Volksentscheide auf den Weg gebracht werden. Doch teilweise wurden bereits so viele Stimmen gesammelt, dass »die Politik« lieber gleich beschloss, mit den Initiatoren zu reden und die Städte zu verändern – bevor sie wohl durch Volksentscheide zum Handeln gezwungen worden wäre. Das Ergebnis: In Berlin wurde ein komplettes neues Mobilitäts-Gesetz (MobG) verabschiedet, in Frankfurt und Darmstadt wurden in Verhandlungen erste Maßnahmenpakete auf den Weg gebracht. Außerdem haben medienwirksame Kampagnen wie diese weitere Radentscheide in anderen Städten angestoßen und vorangebracht …

In Frankfurt hat nun im Sommer das Stadtparlament einen Plan verabschiedet, der nicht mehr und nicht weniger bedeutet als den Einstieg in eine neue Radverkehrspolitik. In den nächsten drei Jahren sollen mindestens 45 Kilometer neue Radwege entstehen, vor allem auf zehn städtischen Hauptverkehrsstraßen. Allen voran die gefürchtete Friedberger Landstraße, wo aus teilweise vier Autospuren künftig durchgängig zwei plus zwei getrennte Spuren für Autos und Räder werden sollen. Insgesamt sollen inklusive Nebenstraßen und neuen durchgängigen »Fahrradtrassen« für ein rasches Vorwärtskommen auf zwei Rädern etwa 75 Kilometer Radwege entstehen. Und zwar vielfach nach neuen Standards: mit mehr Breite und abgetrennt vom restlichen Verkehr. Dazu kommen mehr Verkehrsplaner*innen und eine eigene Fahrradstaffel der Polizei. Erstere sollen dann auch die Entschärfung gefährlicher Kreuzungen, Grüne Wellen für Radfahrer*innen oder 6000 neue Radparkplätze planen und umsetzen, letztere schlicht für die Einhaltung bestehender Gesetze auf Radwegen sorgen. Etwa für das Entfernen von Falschparkern. Mehr Geld sieht das Maßnahmenpaket auch vor: über 20 Millionen Euro in den kommenden zwei Jahren.

Was derzeit in Berlin, Frankfurt und anderen Städten beginnt, ist ein Einstieg. Ein Einstieg in einen Umbau der Städte weg von der Autostadt hin zur Stadt für Räder und Menschen. In ganz Deutschland sterben aktuell jeden Tag mehr als ein Radfahrer / eine Radfahrerin bei einem Unfall; Tendenz rasch steigend. Und 75 Prozent der Unfälle werden von Autofahrer*innen verursacht. Es geht also um einen Umbau, der längst überfällig ist. Beispiel Frankfurt. Pendler, Touristen, Freizeitfahrer – Die Stadt boomt, jedes Jahr wächst sie um weit über 10.000 Einwohner. Viele sind per Rad unterwegs. Doch ausgerichtet ist Frankfurt nicht wirklich darauf. Autos hatten lange Zeit Vorfahrt, Fahrräder waren im Verkehrskonzept nicht wirklich mitgedacht. Nach den Initiatoren der Radentscheide sollen sieben Kernpunkte diese und andere Städte nun fahrradfreundlicher und -sicherer machen: jährlich 15 Kilometer neue Radwege, mindestens 2,30 Meter breit, von der Autofahrbahn getrennt, farblich gekennzeichnet, auf leicht befahrbarem Belag und nach Möglichkeit ohne Unterbrechungen. Kreuzungen sollen sicherer werden, für Fußgänger sowie für Radfahrer, und deutlich mehr Fahrradparkplätze sollen entstehen.

Vorbilder gibt es genug. In Kopenhagen etwa müssen Radfahrer sich nicht auf den umgebenden Verkehr konzentrieren, sondern können aufgrund vieler  Maßnahmen einfach entspannt im Strom mitradeln. Die Stadt gilt mit 30 Prozent Radfahrer am Gesamtverkehr als Vorzeigestadt. Und da sich Frankfurt wie kaum eine andere Stadt in Deutschland mit den großen Metropolen etwa in den USA messen will, lohnt auch ein Blick über den großen Teich. Selbst Detroit – einst Motorcity – hat einen erstaunlichen Wandel hinter sich. In nicht einmal zehn Jahren hat es die Fahrradwege von elf auf 200 Meilen ausgebaut. Und Frankfurt? Profiliert sich im Gegensatz zu nordischen Städten wie Kopenhagen oder Oslo mit «halben Sachen«. Die Stadt feierte sich vor dem Kompromiss für eine halbe autofreie Straße ab Sommer am Main oder ein paar, dem Autoverkehr abgetrotzte Bike Lanes wie auf der Friedberger Landstraße. Mittlerweile jedoch bewegt sich die Stadt – angetrieben von ihren Bürger*innen und vor allem Radler*innen. Ob die neue Politik die Städte tatsächlich langfristig verändern und lebenswerter machen werden, wird man aber wohl erst in einigen Jahren sehen. Denn eigentlich können alle diese Maßnahmen tatsächlich nur ein Anfang sein. Wie das Beispiel Berlin zeigt. Trotz MobG ist die Metropole weltweit in einem viel beachteten Radranking kürzlich von Platz 4 auf Platz 15 gefallen – weil andere Metropolen deutlich mehr gemacht haben … Die Städte stehen also sozusagen an der Radwegscheide (ojs./sfo./red.).

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28.09. - 13. Infobörse Gemeinschaftliches Wohnen
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Wohnen [2] | Gemeinschaftliches Wohnen

»Wie eine große Familie … «

Netzwerk Frankfurt - die WG-Infobörse

»Wie eine große Familie …«.  So beschreibt Ute-Gesche Schönberger an diesem Samstagnachmittag im gemütlichen Gemeinschaftswohnzimmer ihr Zusammenleben in der »Wohngemeinschaft unterm Dach« in Ajas Gartenhaus. Die warmherzige ältere Dame lebt bereits seit 2007 hier mit fünf weiteren Frauen und drei Männern unter einem Dach zusammen. Jeder Bewohner, jede Bewohnerin hat dabei eine eigene hübsche kleine Wohnung auf etwa 50 Quadratmetern. Der Rest ist «Gemeinschafts-Raum« im doppelten Wortsinn. Frau Schönberger spricht davon, wie das Zusammenleben immer besser werde und wie wichtig dabei eine gemeinsame Basis sei. Die hat dieses Wohnprojekt der neun älteren Menschen, die inzwischen 72 bis 85 Jahre alt sind. Es ist deren gemeinsame Liebe zur Anthroposophie. Kurz gesagt: »Verantwortung zu übernehmen für die anderen und für das Weltgeschehen – weil alles zusammenhängt!« …

Die Begegnung mit Frau Schönberger war im Sommer 2018. Das rührige »Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen e.V.« hatte einen »Tag des Offenen Wohnprojektes« ausgerufen, an dem Interessierte sich elf derartige Projekte in und um Frankfurt ansehen konnten. Das »Netzwerk« ist die vielleicht wichtigste Anlaufstation für Menschen, die sich in dieser Region für gemeinschaftliches Wohnen interessieren oder bereits entsprechende Projekte betreiben. Zu dessen Angeboten gehört auch die »Infobörse«, die einmal im Jahr am Frankfurter Römer stattfindet, und bei der sich einige auf dem Weg befindliche Initiativen vorstellen. In diesem Jahr am 28. September in der Evangelischen Akademie und in den Römerhallen. Und dazu gehören zahlreiche Infoveranstaltungen: wie man Gleichgesinnte findet, wie man ein Vergabeverfahren bestreitet oder wie man die Finanzierung für ein solches Projekt aufstellt. »Herzstück« dieses Netzwerkes ist die Koordinatorin Birgit Kasper. Von ihr erfährt man, wie schwierig es in Frankfurt mittlerweile für Projektgruppen ist, an günstige Immobilien zu kommen. Gerade deshalb sei es so wichtig, dass sich die Menschen, die sich eine gemeinschaftliche Form des Wohnens wünschen, zusammentun – auch, um in der Politik etwas zu bewegen. Denn die gesellschaftliche Akzeptanz ist noch immer gering, sieht man einmal von Studenten und Senioren ab. Dazwischen gelten die eigenen vier Wände als das Nonplusultra vieler Menschen in diesem Lande. Und erst langsam hat auch die Stadt begonnen, solche Modelle zu fördern und bei ersten Neubauprojekten auch zu fordern …

So vielfältig wie die Modelle und Menschen, die sich in diesem Netzwerk wiederfinden, sind auch die Phasen der Projekte: von seit Jahrzehnten etablierten Wohnprojekten wie ProWo und KultA e.V. auf dem Frankfurter Berg bis zu Baustellen wie Hestia in Harheim. So gibt es aktuell drei bis vier Dutzend Wohninitiativen – also Gruppen, die dabei sind, sich beziehungsweise passende Objekte zu finden. Rund ein Dutzend Wohnprojekte werden derzeit gebaut, rund zwei Dutzend sind bereits realisiert. Immer im Frühjahr/Sommer können Interessierte bei solchen Tagen der offenen Türen mit Initiativgruppen und Bewohnern ins Gespräch kommen, an Führungen durch Wohngemeinschaften teilnehmen und aktiv werden. Zum Beispiel bei einem Architekturworkshop. Oder bei den etablierten Initiativen wie KultA, einem Gemeinschafts-Experiment, das vor rund 20 Jahren begann und in dem inzwischen etwa 40 Menschen verschiedenen Alters leben. Dort stärkte man sich etwa mit Selbstgebackenem und machte dann eine Tour durch Wohnungen, Gemeinschaftsräume und den gar nicht so selten obligatorischen Garten – den fast klassischen Gemeinschaftsraum. Dort wachsen Kräuter und Gemüse, stehen Bäume, welche die Bewohner selbst gepflanzt haben. Und neben den bereits schlafenden Hühnern steht – fast schon nicht mehr zu sehen in der Dämmerung – sogar noch der Bauwagen, mit dem einst alles begann … (mep. / vss.).

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Musliminnen in Deutschland: Mut für den eigenen Stil - und das eigene Leben
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban21 | Migration + Mode

Die Freiheit, selbst und anders zu sein

Meriem Lebdiri: Mode für Musliminnen und Andere

Frauen mit Migrationshintergrund – besonders die mit Kopftuch – müssen sich in Deutschland oft rechtfertigen. Für sich, für andere, für ihre Kleidung. Das geht selbst erfolgreichen Geschäftsfrauen wie Meriem Lebdiri so. »Oft begegne ich Menschen,« so die Germersheimer Modedesignerin, »die mich nur auf das Kopftuch reduzieren und mir nicht viel zutrauen, oder die sich wundern, wenn ich fließend deutsch spreche. Es kommt auch mal vor, dass man eine Stellungnahme von mir erwartet für grausame Taten, die Menschen begangen haben, die meiner Religion zugehörig sind. Damit umzugehen kann oft sehr mühsam sein. Aber das alles zeigt mir nur, dass wir als Gesellschaft mehr miteinander statt übereinander reden sollten.«

Meriem Lebdiri arbeitet daran, dass sich dies ändert. Sie kreiert im beschaulichen Germersheim zwischen Mannheim und Karlsruhe unweit der französischen Grenze Schleier, Kleider und Jacken, macht Mode für Musliminnen und Nicht-Musliminnen. Der Name ihrer Marke »Mizaan« kommt aus dem Arabischen und bedeutet in etwa »Gleichgewicht, Balance«. Mit ihrem Label reagiert sie auch auf etwas, das ihr in Deutschland in ihrer Jugend gefehlt hat, wie sie im Gespräch erklärt: »Ich habe mich nicht vertreten gefühlt und wollte genau das ändern. Zumindest für kommende Generationen. ›Modest Fashion‹ bietet zeitgemäße Kollektionen, die jedoch längere Ärmel und Säume haben, nicht durchsichtig sind – und somit die Lücke schließen, für alle Frauen, die das Bedürfnis nach mehr Stoff haben.« Ihre Kleider, Ponchos, Capes und Tücher kann man über das Internet kaufen – weltweit. Wohin die meisten Kleidungsstücke des seit 2012 bestehenden Labels gehen, will Lebdiri nicht verraten: »Mizaan ist noch viel zu klein, um Bilanz zu ziehen. Ich denke, dass sich erst in drei bis vier Saisons zeigen wird, wo es künftig die meisten Mizaan-Kollektionen geben wird.«

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Meriem Lebdiri | (c) Selma Lebdiri

Mit ihren Kollektionen möchte die Modemacherin keinesfalls zu einer Parallelgesellschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, sie will Menschen zusammenbringen und zum Dialog anregen: »Kundinnen meines Labels sind sehr durchmischt. Während ich weiß, dass Kundin Leyla den Seidenschal als Hijab tragen wird, kann ich mir bei Kundin Anna fast sicher sein, dass sie ihn als Accessoire um den Hals binden wird. Das mag zunächst etwas banal klingen, aber vielleicht treffen Leyla und Anna mal aufeinander, wenn sie gerade den gleichen Schal tragen. Vielleicht sprechen sie sich auch deswegen an und kommen ins Gespräch. Dann bin ich glücklich und habe (fast alles) erreicht, was ich erreichen will.« Wie fast alle Musliminnen mit Schleier in Deutschland fordert die Designerin vor allem die Freiheit für alle Frauen, sich anzuziehen, wie sie wollen. Zum Verhalten Ursula von der Leyens, die sich als deutsche Verteidigungsministerin weigerte, in Saudi-Arabien ihren Kopf zu bedecken, sagt sie: »Ich finde, keiner sollte das Recht haben, einer Frau zu sagen, was sie an- oder auszuziehen hat. Frau von der Leyen hat in dem Moment als selbstbestimmte Frau agiert. Nur schade, dass wir gerade hierzulande diese Selbstbestimmung anderen Frauen absprechen, die sich aus freien Stücken für das Tuch entscheiden. Ich kann mir nicht erklären, woher sich mehrheitlich männliche Politiker das Recht nehmen, über die Kleidung der Frau zu bestimmen, indem sie ihr etwas aufzwingen oder verbieten.«

Und wie lebt Meriem Lebdiri persönlich? »Ich denke«, so die junge Frau, »ich habe eine ausgewogene Mischung in mir aus beiden Kulturen: Deutschland und Algerien. Wie deutsch ich bin, merke ich jedes Mal wenn ich im Ausland bin und beispielsweise vergeblich nach Busfahrplänen suche oder überpünktlich und gut organisiert zu einem Termin erscheine. Meine algerische Lässigkeit kommt dann zum Vorschein, wenn es doch keine Fahrpläne gibt oder mein Gegenüber eine Stunde später erscheint als vereinbart …« (lys.).