Urban:ist | Ein Fotoprojekt

Mein(junges)RheinMain

72 Perspektiven aus und auf RheinMain

Politik wird in der Regel von Menschen mehr oder minder weit jenseits ihrer zweiten Lebensdekade gemacht. Doch die von diesen Menschen gemachte Politik betrifft auch die Jugendlichen, welche als »kommende Generationen« gerne zum Ziel solcher Politik ausgegeben werden. Da wäre es doch zuweilen hilfreich, sich die Welt einmal mit den Augen jener jungen Generation anzusehen, zumindest jener, die bereits in der politischen Tür steht.

In dem außergewöhnlichen Fotoprojekt »MeinRheinMain« haben Politiker und andere Menschen dazu die Möglichkeit. Im Rahmen der Fototriennale RAY initiierte im Sommer 2018 der Kulturfonds Frankfurt RheinMain einen Workshop, in dem 72 Jugendliche aus Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Offenbach, Darmstadt und Aschaffenburg mit professioneller Anleitung und ebensolchen Kameras ihr RheinMain festhalten konnten. Herausgekommen ist eine fotografische Momentaufnahme einer Region und einer Generation. Eine Mischung aus Leben und Lebensgefühl(en), zusammengesetzt aus Statements, Beobachtungen, Visionen, Irritationen und zuweilen auch einfach nur künstlerischen Impressionen. Die Qualität vieler Aufnahmen steht dabei der Qualität vieler Ausstellungen der sommerlichen Triennale keineswegs nach. Was allerdings auch angesichts der allgegenwärtigen Präsenz von Fotografie(renden) in der heutigen Zeit kaum überraschend kommt. Davon überzeugen kann man sich im Buch »MeinRheinMain« und auf der gleichnamigen Webseite. Urban shorts zeigt mit freundlicher Genehmigung des Kulturfonds eine kleine Auswahl aus dieser Momentaufnahme (vss.).

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Bürger legen selbst Hand an die Politik an
Quelle: Ponderosa Templeton • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Urban.21 | Direkte Demokratie

Bürgerpolitik statt Populismus

Bürger*Innen treiben Politik voran und vor sich her

Wie weit in Europa und Deutschland Ursula von der Leyen und Angela Merkel eine nachhaltige Umweltpolitik vorantreiben wollen, sei einmal dahingestellt. Dass sie sich aber derzeit überhaupt so intensiv mit dieser Frage beschäftigen, ist sicher auch »Fridays for Future« geschuldet. Das Gleiche gilt für Städte wie Berlin oder Frankfurt und deren Stadtpolitik zu Mieten und Verkehr. Zehntausende Unterschriften für einen »Radentscheid« haben bewirkt, dass in Berlin ein Mobilitätsgesetz und in Frankfurt ein Maßnahmenpaket für deutlich mehr und bessere Radwege, übersichtlichere Kreuzungen und mehr Radparkplätze auf den Weg gebracht wurden. In beiden Fällen handelten die Stadtregierungen übrigens, bevor sie durch weitergehende Volksentscheide wohl dazu gezwungen worden wären. Und in beiden Städten versuchen derzeit Bürger*innen durch »Mietentscheide« die Regierungen in gleicher Weise anzutreiben. Berlins »Mietendeckel« ist ein Resultat dieser neuen außerparlamentarischen Politik.

Politik hat offenbar eine neue Qualität. Parteien und Politiker*innen, die gerne große Aufgaben auf sich zukommen sahen (und dabei gerne die übersahen, die schon da waren), werden bei Wahlen zunehmend für Inhaltslosigkeit und Handlungsarmut abgestraft. Dafür nehmen Bürger*innen auf breiter Front Politik selbst in die Hand und treiben ihre Volksvertreter*innen zum Handeln an. Erste Auguren sehen bereits ein neues Zeitalter »Direkter Demokratie«. Und nicht wenige warnen bereits, angesichts der Erfahrungen des Brexit oder dem Zulauf für Populisten. Doch sind Warnungen berechtigt? Adel und Klerus hatten in der Französischen Revolution auch vor dem Volk gewarnt. Aus sehr eigenen Motiven. Doch sind das Chaos, in welches das Brexit-Votum Großbritannien stürzte, und der Zulauf der dortigen Populisten ein Argument gegen Direkte Demokratie? Eigentlich nicht. Wahrscheinlich war es schlicht ein Fehler, die ungeübten Brit*innen gleich über die zweitwichtigste Frage ihres Landes (nach der über die Monarchie) entscheiden zu lassen. Es ist wohl nicht vermessen anzunehmen, dass nicht jedem Briten / jeder Britin klar war, was ihre Entscheidung bewirken würde …

An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Schweiz. Man stelle sich vor, dort würde auch mal wieder über den – in diesem Falle – Beitritt zur EU abgestimmt. Wie das Ergebnis ausfallen würde, sei dahingestellt. Wohl aber würde es dort trotz der Tragweite kaum ein Chaos auslösen. Es würde – wie viele andere Abstimmungen – wohl respektiert und umgesetzt. Denn in der Schweiz haben Abstimmungen eine andere Qualität. Schweizer und Schweizerinnen (letztere übrigens nach Zustimmung von ersteren erst im vergangenen Jahrhundert) stimmen seit Jahrzehnten direkt über Altersvorsorge, Atomenergie oder öffentlichen Rundfunk, aber auch über »Bedingungsloses Grundeinkommen«, »medizinisch unterstützte Fortpflanzung« oder die »Sanierung des Gotthard-Tunnels« ab. Das Gleiche gilt sogar für Steuersätze und einzelne Staats- oder Stadtausgaben. Ein Theater wie in Großbritannien macht man dort über keine dieser »Volksinitiativen«. Und Regierungen, die übrigens in der Schweiz weniger wichtig sind und sich weniger wichtig nehmen, setzen diese geräuschlos um. Vielleicht ist es also schlicht eine Frage des Gewichtes, das man dem Souverän gibt. Und der Übung, welche dieser Souverän mit Direkter Demokratie hat. Statistiker haben ausgerechnet, dass die Hälfte der weltweiten Volksabstimmungen in einem einzigen Land stattfinden. In der Schweiz. Deutschland und andere Länder sind allerdings dabei, ein wenig aufzuholen. Fridays for Future, Rad- und Mietentscheide dürften ein Anfang sein … (vss.).

Ponderosa Templeton • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Urban.21 | Berlin bis Frankfurt

An der Radwegscheide

Städte beginnen mit Radverkehrspolitik

Berlin, Frankfurt, Darmstadt. Nur drei deutsche Städte, in denen in den letzten drei Jahren Stimmen gesammelt wurden. Rund 150.000 Stimmen waren es am Ende. 150.000 Menschen, die sich dafür ausgesprochen hatten, dass in ihren Städten mehr und sichererer Raum für Radfahrer*innen entstehen soll. Rund 100.000 Menschen waren es in Berlin, rund 35.000 in Frankfurt, über 11.000 in Darmstadt. Mit den Stimmen sollten Volksentscheide auf den Weg gebracht werden. Doch teilweise wurden bereits so viele Stimmen gesammelt, dass »die Politik« lieber gleich beschloss, mit den Initiatoren zu reden und die Städte zu verändern – bevor sie wohl durch Volksentscheide zum Handeln gezwungen worden wäre. Das Ergebnis: In Berlin wurde ein komplettes neues Mobilitäts-Gesetz (MobG) verabschiedet, in Frankfurt und Darmstadt wurden in Verhandlungen erste Maßnahmenpakete auf den Weg gebracht. Außerdem haben medienwirksame Kampagnen wie diese weitere Radentscheide in anderen Städten angestoßen und vorangebracht …

In Frankfurt hat nun im Sommer das Stadtparlament einen Plan verabschiedet, der nicht mehr und nicht weniger bedeutet als den Einstieg in eine neue Radverkehrspolitik. In den nächsten drei Jahren sollen mindestens 45 Kilometer neue Radwege entstehen, vor allem auf zehn städtischen Hauptverkehrsstraßen. Allen voran die gefürchtete Friedberger Landstraße, wo aus teilweise vier Autospuren künftig durchgängig zwei plus zwei getrennte Spuren für Autos und Räder werden sollen. Insgesamt sollen inklusive Nebenstraßen und neuen durchgängigen »Fahrradtrassen« für ein rasches Vorwärtskommen auf zwei Rädern etwa 75 Kilometer Radwege entstehen. Und zwar vielfach nach neuen Standards: mit mehr Breite und abgetrennt vom restlichen Verkehr. Dazu kommen mehr Verkehrsplaner*innen und eine eigene Fahrradstaffel der Polizei. Erstere sollen dann auch die Entschärfung gefährlicher Kreuzungen, Grüne Wellen für Radfahrer*innen oder 6000 neue Radparkplätze planen und umsetzen, letztere schlicht für die Einhaltung bestehender Gesetze auf Radwegen sorgen. Etwa für das Entfernen von Falschparkern. Mehr Geld sieht das Maßnahmenpaket auch vor: über 20 Millionen Euro in den kommenden zwei Jahren.

Was derzeit in Berlin, Frankfurt und anderen Städten beginnt, ist ein Einstieg. Ein Einstieg in einen Umbau der Städte weg von der Autostadt hin zur Stadt für Räder und Menschen. In ganz Deutschland sterben aktuell jeden Tag mehr als ein Radfahrer / eine Radfahrerin bei einem Unfall; Tendenz rasch steigend. Und 75 Prozent der Unfälle werden von Autofahrer*innen verursacht. Es geht also um einen Umbau, der längst überfällig ist. Beispiel Frankfurt. Pendler, Touristen, Freizeitfahrer – Die Stadt boomt, jedes Jahr wächst sie um weit über 10.000 Einwohner. Viele sind per Rad unterwegs. Doch ausgerichtet ist Frankfurt nicht wirklich darauf. Autos hatten lange Zeit Vorfahrt, Fahrräder waren im Verkehrskonzept nicht wirklich mitgedacht. Nach den Initiatoren der Radentscheide sollen sieben Kernpunkte diese und andere Städte nun fahrradfreundlicher und -sicherer machen: jährlich 15 Kilometer neue Radwege, mindestens 2,30 Meter breit, von der Autofahrbahn getrennt, farblich gekennzeichnet, auf leicht befahrbarem Belag und nach Möglichkeit ohne Unterbrechungen. Kreuzungen sollen sicherer werden, für Fußgänger sowie für Radfahrer, und deutlich mehr Fahrradparkplätze sollen entstehen.

Vorbilder gibt es genug. In Kopenhagen etwa müssen Radfahrer sich nicht auf den umgebenden Verkehr konzentrieren, sondern können aufgrund vieler  Maßnahmen einfach entspannt im Strom mitradeln. Die Stadt gilt mit 30 Prozent Radfahrer am Gesamtverkehr als Vorzeigestadt. Und da sich Frankfurt wie kaum eine andere Stadt in Deutschland mit den großen Metropolen etwa in den USA messen will, lohnt auch ein Blick über den großen Teich. Selbst Detroit – einst Motorcity – hat einen erstaunlichen Wandel hinter sich. In nicht einmal zehn Jahren hat es die Fahrradwege von elf auf 200 Meilen ausgebaut. Und Frankfurt? Profiliert sich im Gegensatz zu nordischen Städten wie Kopenhagen oder Oslo mit «halben Sachen«. Die Stadt feierte sich vor dem Kompromiss für eine halbe autofreie Straße ab Sommer am Main oder ein paar, dem Autoverkehr abgetrotzte Bike Lanes wie auf der Friedberger Landstraße. Mittlerweile jedoch bewegt sich die Stadt – angetrieben von ihren Bürger*innen und vor allem Radler*innen. Ob die neue Politik die Städte tatsächlich langfristig verändern und lebenswerter machen werden, wird man aber wohl erst in einigen Jahren sehen. Denn eigentlich können alle diese Maßnahmen tatsächlich nur ein Anfang sein. Wie das Beispiel Berlin zeigt. Trotz MobG ist die Metropole weltweit in einem viel beachteten Radranking kürzlich von Platz 4 auf Platz 15 gefallen – weil andere Metropolen deutlich mehr gemacht haben … Die Städte stehen also sozusagen an der Radwegscheide (ojs./sfo./red.).

Ponderosa Templeton • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban:ist | Wohnen im Wandel

Städte sind für Menschen da

Jan Gehl und das menschliche Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch lerne ich mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass ich alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).

Barbara Walzer (bw.)©
28.09. - 13. Infobörse Gemeinschaftliches Wohnen
Quelle: Netzwerk©

Wohnen [2] | Gemeinschaftliches Wohnen

»Wie eine große Familie … «

Netzwerk Frankfurt - die WG-Infobörse

»Wie eine große Familie …«.  So beschreibt Ute-Gesche Schönberger an diesem Samstagnachmittag im gemütlichen Gemeinschaftswohnzimmer ihr Zusammenleben in der »Wohngemeinschaft unterm Dach« in Ajas Gartenhaus. Die warmherzige ältere Dame lebt bereits seit 2007 hier mit fünf weiteren Frauen und drei Männern unter einem Dach zusammen. Jeder Bewohner, jede Bewohnerin hat dabei eine eigene hübsche kleine Wohnung auf etwa 50 Quadratmetern. Der Rest ist «Gemeinschafts-Raum« im doppelten Wortsinn. Frau Schönberger spricht davon, wie das Zusammenleben immer besser werde und wie wichtig dabei eine gemeinsame Basis sei. Die hat dieses Wohnprojekt der neun älteren Menschen, die inzwischen 72 bis 85 Jahre alt sind. Es ist deren gemeinsame Liebe zur Anthroposophie. Kurz gesagt: »Verantwortung zu übernehmen für die anderen und für das Weltgeschehen – weil alles zusammenhängt!« …

Die Begegnung mit Frau Schönberger war im Sommer 2018. Das rührige »Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen e.V.« hatte einen »Tag des Offenen Wohnprojektes« ausgerufen, an dem Interessierte sich elf derartige Projekte in und um Frankfurt ansehen konnten. Das »Netzwerk« ist die vielleicht wichtigste Anlaufstation für Menschen, die sich in dieser Region für gemeinschaftliches Wohnen interessieren oder bereits entsprechende Projekte betreiben. Zu dessen Angeboten gehört auch die »Infobörse«, die einmal im Jahr am Frankfurter Römer stattfindet, und bei der sich einige auf dem Weg befindliche Initiativen vorstellen. In diesem Jahr am 28. September in der Evangelischen Akademie und in den Römerhallen. Und dazu gehören zahlreiche Infoveranstaltungen: wie man Gleichgesinnte findet, wie man ein Vergabeverfahren bestreitet oder wie man die Finanzierung für ein solches Projekt aufstellt. »Herzstück« dieses Netzwerkes ist die Koordinatorin Birgit Kasper. Von ihr erfährt man, wie schwierig es in Frankfurt mittlerweile für Projektgruppen ist, an günstige Immobilien zu kommen. Gerade deshalb sei es so wichtig, dass sich die Menschen, die sich eine gemeinschaftliche Form des Wohnens wünschen, zusammentun – auch, um in der Politik etwas zu bewegen. Denn die gesellschaftliche Akzeptanz ist noch immer gering, sieht man einmal von Studenten und Senioren ab. Dazwischen gelten die eigenen vier Wände als das Nonplusultra vieler Menschen in diesem Lande. Und erst langsam hat auch die Stadt begonnen, solche Modelle zu fördern und bei ersten Neubauprojekten auch zu fordern …

So vielfältig wie die Modelle und Menschen, die sich in diesem Netzwerk wiederfinden, sind auch die Phasen der Projekte: von seit Jahrzehnten etablierten Wohnprojekten wie ProWo und KultA e.V. auf dem Frankfurter Berg bis zu Baustellen wie Hestia in Harheim. So gibt es aktuell drei bis vier Dutzend Wohninitiativen – also Gruppen, die dabei sind, sich beziehungsweise passende Objekte zu finden. Rund ein Dutzend Wohnprojekte werden derzeit gebaut, rund zwei Dutzend sind bereits realisiert. Immer im Frühjahr/Sommer können Interessierte bei solchen Tagen der offenen Türen mit Initiativgruppen und Bewohnern ins Gespräch kommen, an Führungen durch Wohngemeinschaften teilnehmen und aktiv werden. Zum Beispiel bei einem Architekturworkshop. Oder bei den etablierten Initiativen wie KultA, einem Gemeinschafts-Experiment, das vor rund 20 Jahren begann und in dem inzwischen etwa 40 Menschen verschiedenen Alters leben. Dort stärkte man sich etwa mit Selbstgebackenem und machte dann eine Tour durch Wohnungen, Gemeinschaftsräume und den gar nicht so selten obligatorischen Garten – den fast klassischen Gemeinschaftsraum. Dort wachsen Kräuter und Gemüse, stehen Bäume, welche die Bewohner selbst gepflanzt haben. Und neben den bereits schlafenden Hühnern steht – fast schon nicht mehr zu sehen in der Dämmerung – sogar noch der Bauwagen, mit dem einst alles begann … (mep. / vss.).

Wohnen [4] | Die neuen Hochhäuser

Statt Büros: Bäume und Bewohner

Wohnliche Wohnhochhäuser. Auch für weniger Betuchte

»Häuser sind zum Wohnen da«, sagte einst der Frankfurter und europäische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Und er meinte damit, dass Wohnraum wichtiger sei als Büroraum. Und dass Wohnhäuser nicht nur praktisch und funktional, sondern auch schön und angenehm sein sollten. Heute könnte man seinen Satz leicht abwandeln und sagen: (Auch) Hochhäuser sind zum Wohnen da. Weltweit geht in den immer stärker urbanen und verdichteten Zentren der Trend zum Hochhaus als Wohnhaus. Und zwar zunehmend auch mit Stil und Grün sowie für Menschen mit nicht so großem Geldbeutel. Trends, welche in den letzten Jahren auch der seit 2008 in Frankfurt verliehene Internationale Hochhauspreis (IHP) der Stadt, des Architektur-Museums und der Deka-Bank spiegelt.

Im Jahr 2016 etwa waren unter den fünf Finalisten für den Preis vier Wohnhochhäuser. Sieger wurde schließlich der VIA 57 West, ein mitten in New York wie eine Pyramide eingerichteter »Courtscraper«. Der Name bezeichnet die Höhe eines Skyscrapers mit der ungewöhnlichen Umbauung eines Innenhofes (engl. court). Besonders an diesem Bau: Ein Teil der Wohnungen ist auch weniger wohlhabenden Bewohnern vorbehalten. Den zweiten zentralen Trend spiegelte der Preisträger 2014. »Bosco Vertikale / Vertikaler Wald« nannten die Mailänder Architekten von Boeri Studios ihren Versuch, ein scheinbar völlig begrüntes Wohnhochhaus mit Blick über die norditalienische Metropole zu schaffen. Allerdings – das muss man deutlich feststellen und belegen auch diese beiden Häuser – sind in den USA und in Europa Wohnhochhäuser doch vor allem ein Privileg reicherer Bevölkerungsschichten …

Trendsetter in Sachen Wohnhochhäuser – und zwar weit über das Bauen für Reiche hinaus – sind allerdings die rasant wachsenden Megastädte Asiens, allen voran das wohlhabende Singapur. Angesichts ihrer begrenzten Fläche als Stadtstaat musste die kleine Republik in Südostasien schon immer kreativ mit dem Raum umgehen. Begünstigt durch den Wirtschaftsboom in der Region hatten schon die Gründerväter die Vision einer Wohnstadt im Grünen, die mehrheitlich ihren Bewohnern gehört. Staatlich gefördert leben heute 80 bis 90 Prozent der Einwohner im Eigentum – wohl einmalig weltweit. Und dies gilt für (fast) alle Einkommensklassen. Da allerdings der Raum eben begrenzt ist, musste das grüne Bauen in Singapur in der Vertikale stattfinden. Mit teilweise ganz bemerkenswerten Ergebnissen. Unter den fünf IHP-Finalisten des Jahres 2016 waren zwei Baukomplexe aus Singapur – und jeder für sich ein eigenes mehr oder minder grünes Dorf … (vss.).