Gartentisch, Küchentisch, Office Desk? Der Agenda ist es egal, wo mit ihr gearbeitet wird ...
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Die Welt, wie sie uns gefällt [1]

Office ohne Kids-Betreuung

Ginge Home Office nicht auch als Regelfall ?

»Das haben wir schon immer so gemacht«. Es ist einer der beliebtesten Sätze im Deutschen. Doch die Corona-Krise zeigt, dass frühzeitige Reformen vielleicht nicht das Dümmste gewesen wären. Urban shorts zeigt in kurzen Gedankenskizzen, was vielleicht schon vor Corona hilfreich gewesen wäre. Etwa mehr Home Office – aber ohne gleichzeitige Kinder-Betreuung im gleichen Raum. Eine Hommage an das Home Office, wie es sein könnte …

[Beitrag auf eigener Seite lesen] Eigentlich könnten es paradiesische Zustände sein. Einfach die Zeit, die man morgens im Stau oder in übervollen Zügen vergeudet, mit einem gemütlichen Frühstück und der Zeitungslektüre zu verbringen. Danach kurz mit dem Hund raus und das Kind mal zu Fuß zur Schule bringen, um danach im Arbeitszimmer den Laptop aufzuschlagen, ein kurzes Zoom-Meeting noch, und dann einfach mal los- und die virtuellen Stapel abarbeiten. Ohne dass gleich einer zur Tür reinkommt und von Superstars im Fernsehen erzählt. Und zum Telefonieren zwischendurch in den Garten – oder gleich dort den zweiten Frühstücks-Kaffee nehmen. Mittags selbst kochen aus dem eigenen Garten (in der ohne Kollegen gewonnenen Zeit) oder mit den Nachbarn essen. Und sich schon mal fragen, was man abends mit der Zeit anfängt, die man sonst nach Feierabend erst noch einmal im Stau oder in der Bahn verbringt …

Nun ja … eigentlich … Aber warum eigentlich nicht? Warum muss das nach dem Virus – oder eben jetzt, da wir gelernt haben, mit dem Virus zu leben (und wieder ins Büro zu gehen) – wieder alles anders sein? Home Office war doch eigentlich nur ein Problem, wenn das betriebliche Intranet nicht funktionierte, weil vor Corona im angeblich modernsten Unternehmen der Welt keine Strukturen geschaffen wurden und Home Office sowieso nur für Kranke war. Oder weil in diesem Lande niemand eine vernünftige Kinder-Betreuung organisiert bekam, um in Ruhe zu Hause zu arbeiten. Und die Schulen beim Tele-Learning schon an der noch immer vorhandenen Windows XP-Version scheiterten. Ansonsten wäre es fast eine Win-win-Situation. Für die Städte, in denen weniger Bürofläche gebraucht (und mehr Wohnfläche geschaffen) würde. In denen die Straßen leerer und die Luft sauberer wäre. Für die Menschen, die zumindest an einigen Tagen der Woche (Home Office muss ja nicht jeden Tag sein) locker eineinhalb Stunden Lebenszeit gewinnen – nur die Zeit auf Autobahnen, Bahnstrecken und unsinnigen Konferenzen. Wobei vielleicht im Laufe der Zeit Architekt*innen auch kreativere und/oder flexiblere Lösungen für Heimarbeiten finden als Küchentische und Kellergeschosse. Und für die Unternehmen. Sie könnten sparen. Büros, vielleicht sogar Dienstwagen. Und damit die so ungeliebten Fixkosten. Müssten vielleicht nicht mal nach Staatshilfe rufen. Nur eines wäre ein Problem. Manager und leitenden Angestellte, vor allem in Bürohochhäusern, müssten einen Satz aus dem Vokabular streichen: »Unter mir arbeiten X-Tausend Mitarbeiter*innen«. Denn ein Unter-mir gäbe es nicht mehr, wenn das halbe Hochhaus überflüssig wäre …

Zugegeben: Das mit den sozialen Kontakten und diesem Corporate Geist ist zu Hause schwieriger. Ehepartner sind ja keine sozialen Kontakte (die sind einem ja irgendwie schon vor längerer Zeit zugelaufen). Aber die ganzen Kollegen, die man nicht mag, schon. Doch zwei Office Tage die Woche würden eigentlich reichen, mit den einen Chor-Geist zu entwickeln und sich mit den anderen nicht auf die Nerven zu gehen. Und außerdem (was wenige bedenken): Home Office müsste ja nicht gleich Zu Hause Office sein. Nicht jeder Angestellte müsste sich am Küchentisch oder auf dem Sofa einrichten. Co-Working-Spaces in Suburbs oder auf der grünen Wiese wären auch eine Alternative zum Büro in der Stadt. Fünf Minuten morgens mit dem Fahrrad oder ein Viertelstündchen joggend zu Fuß. Soziale Kontakte wären bei der Gelegenheit auch gegeben, sogar mit Menschen, die nicht im gleichen Unternehmen arbeiten. Und einen Nebeneffekt hätte dies auch noch: Die Suburbs wären keine reinen Wohnquartiere mehr. Denn plötzlich braucht es auch dort wieder die Bäckerin, den Friseur oder das Fahrradgeschäft. Und womöglich entdeckt man plötzlich noch seine Nachbarn. Nur: Was würden wir eigentlich mit der gewonnenen Zeit machen? Vielleicht darüber nachdenken, ob man das Home Office auch in den Park verlegen könnte? Oder ob man dann ab fünf tatsächlich bereits Zeit für die Kids hätte? Oder ob man, frei nach Loriot, einfach mal nichts tun könnte? Oder … (vss.)

Barbara Walzer (bw.)©
Kleine Buchläden - die Bewahrer der Buchkultur
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Buchorte - Bücher und Menschen

Für Literaten und Leseratten

Kleine Buchläden und -antiquariate

In der Reihe »Bücher & Menschen« schaut Urban shorts gerade in diesen Tagen der Corona-Krise auf die kleinen Buchläden und -antiquariate der Region FrankfurtRheinMain. Obwohl das Geschäft mit Büchern stetig wächst, haben sie schon seit Jahren einen schweren Stand. Vor allem kleine Läden mussten schließen. Nicht hipp im Online-Zeitalter, so das schnelle Urteil. Dabei haben gerade diese Läden das Potential zum Kult. Die wenigen nämlich, die blieben, werden oft von idealistischen Kooperativen oder Einzelpersonen betrieben. Viele haben eine klare Ausrichtung und damit auch Klientel, etwa die »Karl-Marx-Buchhandlung« in Frankfurt-Bockenheim oder die (Krimi-) »Wendeltreppe« in -Sachsenhausen. Ihr Vorteil: ein Fokus und eine Expertise, welche noch so feine Internet-Filter nicht hergeben. In den Tagen der Krise hatten sie ihre Läden geschlossen. Mittlerweile haben sie wieder geöffnet und arbeiten nun im Mehr-Kanal-System. Vor Ort lässt sich – mit dem nötigen Abstand – kaufen und stöbern, am Telefon wird allerdings vielfach ebenfalls noch beraten, und außerdem liefern viele Läden auch wie zu besten Corona-Zeiten – entweder selbst in die Umgebung (wie etwa der Bornheimer Kultladen Ypsilon) oder zumindest per Post (wie das Antiquariat Orban & Streu auf der Eckenheimer Landstraße). So oder so: Man/frau hilft mit jedem Kauf einem echten Stück Buch-Kultur in seiner Stadt. Und selten übrigens sah man so viele Menschen beim Lesen auf Parkbänken und Picknick-Decken wie in diesen Corona-Tagen … (vss.).


Das Gude - ein Wasserhaus der neuen Art. Nur an der Distanz muss noch etwas gearbeitet werden ...
Quelle: Catalina Somolinos©

Kult-Kultur | Orte mit Auslauf

Neues Trinken an alten Mauern

Frankfurt und seine wiederbelebten Wasserhäuschen

Über Jahrzehnte gehörte das Wasserhäuschen in Frankfurt zum Alltag, ein sozialer Ort, an dem alle Generationen und Milieus einander trafen. Wo es menschelte und der Büdchenbesitzer schon wusste, wie viele Biere oder Schokoriegel man abends so kaufen wollte. Doch gerade das wollten viele Menschen irgendwann nicht mehr und haben die Anonymität eines Supermarktes oder einer Tankstelle vorgezogen. Am Büdchen strandeten nur noch die, die man lieber nicht treffen wollte. »Büdchensterben« nannte man das dann irgendwann. Doch was da starb, waren nicht nur ein paar Steine. In Zeiten, in denen über Zusammenhalt, Integration und Partizipation viel diskutiert wird, war am Büdchen eigentlich genau das gelebt worden. Und dies ist keineswegs nur als Wasserhäuschen-Romantik zu verstehen. Vielerorts ist der Büdchen-Alltag auch rauh und traurig. Wie das Leben in der Großstadt eben. Und gerade das schätz(t)en die Menschen.

Schon vor Corona erlebten diese Büdchen ihre Renaissance. In den Corona-Wochen jedoch lebten sie regelrecht auf. Für die einen wurden sie ein wichtiger Ort der Grundversorgung, wenn man sich nicht mit vielen Menschen im Supermarkt aufhalten wollte. Für die anderen wurden sie ein letzter Ort des Socialising mit ausreichender Social Distance in diesen Tagen. Vor allem in der  zuweilen etwas feineren Variante: wie eben wortwörtlich das »Fein« oder etwas abgespacter auch das »Gude« im Nordend. Das eine, sonst die kleine feine Plüsch-Oase mit der oft sehr kreativen Kuchen-Auswahl in der lauschigen Wallanlage, das in Corona-Tagen zur Ausgabe-Theke für frischen Kaffee und Kuchen wurde, den man und frau dann weitläufig rundum auf Parkbänken oder Picknickdecken im zwischenzeitlich vielleicht größten Café Frankfurts nutzen konnte. Das andere der (großflächige) Viertel-/ Kaltgetränke-Treff an der Hauptverkehrsachse, bei dem zwar die 50-Meter-Abstandsregel auf einer Verkehrsinsel mitten auf der Friedberger Landstraße selten ganz berücksichtigt, dafür aber ein letztlich auch nicht ganz unwichtiger letzter Teil von Miteinander gepflegt werden konnte; mit erstaunlicher Disziplin trotz allem. Überhaupt: Egal, wo das Büdchen steht, in der an Grünflächen reichen Bürgerstadt Frankfurt fand sich immer eine passende Außenfläche. Oder man stand mit dem entsprechenden Abstand einfach so auf einem freien Platz …

Doch schon vor Corona wurde das Kulturgut »Trinkhalle« Kult. Vereine und Initiativen entstanden rund um die Wasserhäuschen. Die »Linie 11« etwa, die 2017 sogar den »1. Frankfurter Wasserhäuschentag« feierte. Was vor Jahren zunächst als Aktion einiger Frankfurter Jungs im besten Partyalter startete, ist heute nach rund acht Jahren ein ordentlicher kleiner Verein, der als Experte in Sachen »Wasserhäuschen« gefragt ist. Die »Linie 11« hat den Kult nicht unwesentlich mitbegründet und setzt sich für den Erhalt sowie die Pflege eines vom Aussterben bedrohten Frankfurter Kulturgutes ein. Und das Engagement kommt von Herzen – nicht nur, wenn von der legendären gemischten Tüte oder von dem einzigartigen Charme der so ganz unterschiedlichen Büdchen geschwärmt wird. Ob die interaktive Wasserhäuschen-Karte, das erste Wasserhäuschen-Infomobil der Welt oder die Vernetzung der Büdchen-Betreiber: Die Macher haben immer wieder frische Ideen, um die Menschen der Stadt für ihre Traditionshäuschen zu begeistern. Und auf der Karte können auch Neu-Frankfurter oder Corona-Gestrandete ihr persönliches Wasserhäuschen finden …

Begonnen hat alles übrigens um die letzte Jahrhundertwende, als Frankfurt schon einmal boomte. Sauberes Wasser kam damals nicht aus dem Hahn, sondern eben vom Wasserhäuschen, für das die Stadt gesorgt hat. Heute ist es längst als Treffpunkt und kleiner Laden »um die Eck« wiederentdeckt worden und Teil einer neuen Kultur des urbanen Zusammenlebens. Viele alt eingesessene – wie das Jöst-Häuschen im Osthafen – und auch neue Büdchen mit kreativen Geschäftsideen gehören mittlerweile fest zum Leben im Quartier mit dazu. Genauso wie der Kult um sie, wie es die »Linie 11« oder auch die einmal im Jahr auf Tour gehenden Jungs und Mädels vom »Trinkhallen Hopping« pflegen. Um es mit der »Linie 11« zu sagen: »Wir lieben Wasserhäuschen«. Und sie stehen damit offenbar längst nicht mehr alleine – am Wasserhäuschen. Und das bestimmt auch noch lange nach Corona-Zeiten … (pem.).

Catalina Somolinos©
Luxemburgs Bahnen - Schrittmacher für Europa ?
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Urban .21 | Verkehrswende

Einfach einsteigen und mitfahren

Luxemburg macht kostenlosen Nahverkehr vor

Was haben Frankfurt und das Großherzogtum Luxemburg gemein? Nun, beide haben für ihre Verhältnisse als Land und als Stadt eine sehr kompakte Größe. Hier wie dort leben etwa gleich viele Menschen, 620.000 in Luxemburg, 750.000 in Frankfurt. Und als Wirtschaftsmetropolen ziehen beide – zumindest in »normalen Nicht-Corona-Zeiten« – täglich Hunderttausende weitere Menschen an. Und leiden mithin schon seit geraumer Zeit an massiven Verkehrsproblemen. Was macht Frankfurt dagegen? Senkt da und dort einzelne ÖPNV-Preise mutig um ein paar zehn Cents, bringt zügig ein halbes Jahr nach einem Radentscheid mit Corona-Hilfe ein paar erste neue Radwege auf die Fahrbahnen und sperrte rigoros eine komplette Straße in der Innenstadt für den Autoverkehr. Eine komplette Straße? Na ja. Ein Stück Straße zwischen zwei Brücken, probeweise für ein Jahr. Und mit anhaltender Diskussion darüber, ob man es nicht lieber gleich wieder rückgängig machen sollte. Über eine Ausweitung oder auch nur über eine dauerhafte vernünftige Nutzung redet kaum jemand.

»Verkehrswende« findet eher in Luxemburg statt. Als erstes Land der Welt hat das Großherzogtum vor zwei Monaten den öffentlichen Nahverkehr zur öffentlichen Domain erklärt und kostenlos gestellt. Seit Ende Februar werden Ticketautomaten abgebaut und Kontrolleure umgeschult. Bürger wie Pendler aus ganz Europa dürfen in Zügen, Trams und Bussen kostenlos mitfahren. Die Kosten waren schnell ermittelt. 41 Millionen Euro pro Jahr, kurzerhand verfügt durch eine neue Ampelkoalition aus Liberalen, Grünen und Sozialisten, die mit dem aufsehenerregenden Schritt die Verkehrswende starten wollen. Weitere Maßnahmen (zumindest vor Corona so geplant): ein um 60 Prozent auf 800 Millionen Euro pro Jahr gesteigerter Mobilitätsetat, der Ausbau des Tram- und Busnetzes sowie eine Verdoppelung der Park-and-Ride-Plätze an den Landesgrenzen. Noch zwei Zahlen: 600 Euro pro Einwohner sollen künftig in den Ausbau des Nahverkehrs fließen (in Deutschland sind es rund ein Zehntel) und die Taktung der zentralen Straßenbahn soll in Stoßzeiten von fünf auf drei Minuten verdichtet werden, um Fahrpläne überflüssig zu machen. Apropos Straßenbahn. Es gibt zwar erst eine Strecke quer durch die Hauptstadt. Aber die kommt schick und hochmodern daher, wurde sie doch erst 2017 in Betrieb genommen …

Verkehrsexperten bestätigen den Luxemburgern, mit diesem Gesamtkonzept für die Zukunft auf gutem Wege zu sein. Einzelmaßnahmen – so ihr einhelliges Credo – nützen wenig, wenn etwa neben den Gratisfahrten nicht auch Komfort wie Takt, Kapazitäten und Sauberkeit bei den Bahnen und flankierende Maßnahmen drumherum hinzukommen würden. Das hört man auch immer wieder, wenn man sich für Frankfurt mit Verantwortlichen des regionalen Verkehrsverbundes RMV unterhält. Zwar wird auch rund um die Mainmetropole mittlerweile ernsthaft zumindest über ein flächendeckendes 365-Euro-Jahresticket als erstem Einstieg diskutiert. Doch aus dem RMV ist zu hören, dass die Politik dafür nicht nur den Einnahmeausfall zu den bisherigen Jahrestickets (für Frankfurt etwa stolze 900 Euro) bewerkstelligen, sondern auch zumindest Gelder zum Ausbau der Kapazitäten für das erhoffte Mehraufkommen bereitstellen müsste. Denn schon jetzt stoßen Züge und Busse in den Stoßzeiten an ihre Grenzen. Ansonsten könnte sich der Umstieg schnell als Luftschloss erweisen. Und Corona hin, Home Offices her. Es wird auch wieder Stoßzeiten geben. Auch den Luxemburgern kommt bei ihrer jetzigen Gratis-Maßnahme entgegen, dass zuvor ihre hochmoderne Tram ihren Dienst aufnahm und jetzt Lust zum Umsteigen macht. Um diesen konzeptionellen Umstieg aber zu gewährleisten, bedarf es politischen Willens. Ob der auch in Frankfurt vorhanden ist, darf allerdings angesichts des konzeptlosen Beispiels Mainkai zumindest bezweifelt werden. Doch vielleicht hilft tatsächlich Corona. Deutlich mehr Home Offices würde das Hauptproblem der Unter-Kapazitäten plötzlich überschaubar machen. Einziger Haken: Dafür könnte das Geld in der Stadtkasse fehlen …  (vss.).

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Abends in Sachsenhausen: Die Wendeltreppe in der Brückenstraße
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Bücher & Menschen [1] | Die Wendeltreppe

Eine Treppe und zwei Miss Marples

Mit 4.000 Titeln erste Adresse für Krimifans

Der kleine Buchladen am Rande des Brückenviertels gehört heute zum festen Inventar des Sachsenhäuser Kultquartiers. Und: Er ist selbst längst Kult geworden. 4000 Titel, ausnahmslos Krimiliteratur, stehen gut sortiert in den Regalen. Auch ein kleines Buchantiquariat ist Teil des Angebots. Die Wendeltreppe – sie ist seit drei Jahrzehnten das Reich der beiden Krimi-Expertinnen Jutta Wilkesmann und Hildegard Ganßmüller. Mittlerweile fast schon selbst zwei veritable Miss Marples, kennen sie fast alle Autoren und Inhalte, können beraten und laden – zumindest außerhalb der Corona-Zeiten – regelmäßig am ersten Donnerstag im Monat zu einer Lesung in das Geschäft ein. An diesen Abenden, bei denen sie auch von Freunden unterstützt werden, gehe es darum, in entspannter Atmosphäre über die Bücher und ihre Inhalte zu sprechen und einen lebendigen Austausch zu ermöglichen. Wie viele Krimis sie selbst schon gelesen haben, können sie nicht genau beziffern. Auf jedem Fall »sehr viele«. Deswegen sind Krimi-Fans auf der Suche nach spannenden Büchern hier auch an der richtigen Adresse.

Ein persönliches Erlebnis brachte Jutta Wilkesmann Ende der 80er Jahre auf den Gedanken, eine Buchhandlung für Kriminalliteratur zu eröffnen. Damals, so erzählt sie, sei das Genre lange nicht so populär gewesen wie heute. Auch sie selbst habe erst spät damit angefangen, Krimis zu lesen. »Freunde hatten mich dazu gebracht.« Dass sie ihrer Buchhandlung den Namen »Die Wendeltreppe« gab, ist nicht dem gleichnamigen US-amerikanischen Thriller von Robert Siodmark aus dem Jahr 1946 zu verdanken. Von dem hängt zwar ein Plakat an der Wand des Geschäfts, doch es ist vielmehr die Wendeltreppe selbst, die es in den ersten Räumen der Buchhandlung gab und die im Februar 1989 in der Brückenstraße eröffnete. Trotz eines Umzugs vier Jahre später in einen größeren Laden ein paar Häuser weiter, steht auch dort immer noch eine Wendeltreppe zur Dekoration. Sie ist ein Symbol dessen, was den Buchladen für Kriminalliteratur, den Wilkesmann seit seinen Anfängen mit Unterstützung von Hildegard Ganßmüller führt, ist: Eine Oase für Krimi-Fans und solche, die in unserer schnelllebigen Zeit ein- und abtauchen wollen in die Welt des Genres …

Erst seit den 90er Jahren wurden Krimis unter Buchlesern immer beliebter, weiß Wilkesmann. So beliebt, dass sie sogar regelmäßig eine kleine Zeitung für ihre Kunden herausbrachten: das »Kriminal-Journal«. »Irgendwann war der Aufwand aber so groß, dass wir die Zeitung eingestellt haben«. So oder so sind Krimis für Wilkesmann immer viel mehr als nur Mord. »Mich fasziniert, dass Krimis immer sehr schnell auf politische, gesellschaftliche und soziale Zustände reagieren«. Übertragen auf die reale Welt, bedeute dies, dass auch eine Gesellschaft immer bemüht sein müsse, den Täter zu finden, weil sie sonst nicht überleben könne und Misstrauen entstünde. Ein guter Krimi müsse daher auch immer gut recherchiert sein. Doch auch das Krimigeschäft unterliegt dem Wandel. Die Zeiten haben sich verändert, nicht nur im Hinblick auf Technik und das Leseverhalten. Wilkesmann nennt als Beispiel den bevorstehenden Brexit, der sich unter anderem auch auf den Bezug der Bücher von britischen Verlagen auswirken werde. Doch wie genau, das werde sich – wie bei einem guten Krimi – wohl auch hier erst nach und nach zeigen … (alf.)