Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zementiert derzeit seine Macht. Nicht nur mit Wahlen, sondern auch ganz real in Istanbul und Ankara. Die Türkei und dessen alte Metropole Istanbul galten schon immer als Brücke zwischen Orient und Okzident. Drei Mal waren sie das Zentrum eines Weltreiches. Erst war das einstige Konstantinopel Hauptstadt des Römischen, danach des Byzantinischen Reiches und dann auch die Kapitale der Osmanen. An die alte Größe – vor allem der Osmanen – möchte auch der mittlerweile umstrittene heutige Präsident Erdoğan anknüpfen. Und zwar mit gewaltigen Bauprojekten. Allen voran der Neue Flughafen Istanbul, im Oktober 2018 eröffnet und in seiner letzten Ausbauphase 2028 als der größte Flughafen der Welt geplant. Riesige Moscheen und Paläste gehören zu diesem Masterplan ebenso wie mächtige Brücken und Tunnel, die mittlerweile die Verbindungen zwischen dem europäischen und dem anatolischen Teil der Metropole vereinfachen. Manches davon ist sicher auch dem gewaltigen Wachstum mit offiziell 15 Millionen, vielleicht aber schon bald 20 Millionen Menschen geschuldet und sieht aus wie die Fortführung seiner Arbeit als ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt in den 90er Jahren. Doch zugleich stecken hinter den Bauten noch andere Ziele: die symbolhafte Stärkung des Landes als Mittelmacht zwischen Orient und Okzident, die Neujustierung des Staates zwischen Demokratie und Islam, die Bedienung der eigenen muslimischen und anatolischen Klientel sowie letztlich wohl auch die Schaffung des eigenen Denkmals und des Platzes in den Geschichtsbüchern. Nicht wenige sprechen denn auch vom »neuen Sultan am Bosporus« und seinen Palästen (hak.).
Nachgeschaut
L’ Égypte Empathique
Denis Dailleux: Égypte + Mères et Fils
Empathie ist etwas, das selten geworden ist in der Kunst unserer Tage. Der französische Fotograf Denis Dailleux jedoch zelebriert geradezu diese alte menschliche Tugend in und mit seinen Fotos aus Ägypten. Auf ungewöhnliche Art und Weise hat er sich den Menschen in Kairo und in diesem Land genähert – und sie nicht selten in gleichsam alltäglichen und erstaunlich persönlichen Momenten festgehalten. Menschen in einem Bahnhof ebenso wie mit ihren Tieren auf dem Land. Sogar in Räumen, in denen der Mensch allgegenwärtig ist, ohne selbst im Bild zu sein. Noch deutlicher wird die Empathie, mit welcher Dailleux an seine Arbeit geht und welche gleichermaßen die Menschen in seinen Fotografien auszeichnet, in seiner kleinen Kabinett-Serie »Mères et Fils«. Sie zeigt – wie der Titel schon sagt – Mütter und ihre Söhne. Und mehr noch: ein inniges, fast zärtliches Verhältnis zwischen diesen beiden. Umso erstaunlicher, da es sich bei den Söhnen um junge Männer handelt, die als Bodybuilder ihre eigene Stärke inszenieren – und mit ihrer Hinwendung zu ihren Müttern die (emotionale) Stärke dieser Frauen erst recht unterstreichen. Zwei ungewöhnliche Serien von Bildern. Kurze Momente der Empathie und Intimität in einer immer unpersönlicheren und schnelllebigeren Welt (vss.).
Architektur | Steinzeitzeugen
Brutal und/oder schön
Beispiele des Brutalismus
Tarjeta Postal de Cuba* (sub.)
See (this) Cuba as long as it still exists
Bilder von einer Reise ins ausklingende Kuba Fidel Castros
Kuba – lange Jahrzehnte lebte der Inselstaat in der Karibik sein eigenes Leben. Scheinbar losgelöst von der Welt, geführt von einem der letzten Revolutionäre Fidel Castro, als Gegenmodell zum »Klassenfeind« USA, sozialistisch noch in der nach-sozialistischen Ära dieser Welt. Seit einigen Jahren ist dieses selbstgewählte Eigenleben am Aufbrechen. Ein (sehr) vorsichtiger Abbau des Sozialismus, eine spektakuläre Wiederannäherung an die USA noch unter Barack Obama sowie der Tod des »Übervaters« Fidel Castro markierten einen langsamen Aufbruch zu einem neuen Kuba. Urban shorts-Redakteurin Susanne Benner hat noch zu Lebzeiten des Máximo Líder die Karibik-Insel bereist. Ihre Fotos zeigen noch das alte, gerne auch leicht verklärte Kuba. Ein skurriles und manchmal trostloses, aber in der karibischen Sonne und mit seinem konsequenten Anti-Amerikanismus auch immer irgendwie charmantes sozialistisches Biotop, das wohl in nicht gar zu ferner Zukunft der Vergangenheit angehören könnte … (red.).
Kurzessay | Songs, so wrong [3]
Biedermeier abgebrannt
Peter Fox, (s)ein Haus am See - kurz zwangsenteignet

»Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier« ist der Titel einer Jugendstudie, die das Kölner rheingold Institut 2010 durchgeführt hat. In der Pressemitteilung zu den Ergebnissen heißt es: »Die Jugend 2010 gibt ein verblüffendes Bild ab. Sie präsentiert sich sehr erwachsen, kontrolliert und vernünftig. Zielstrebig will sie ihren eigenen Weg finden. Dabei stehen Bildung, Karriere und ein hoffentlich gutes Einkommen hoch in Kurs. … Dabei scheint in diesen Entwürfen immer eine Biedermeierwelt durch, in der das zentrale Lebensziel darin besteht, ein kleines Haus mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen. Bewohnt mit der eigenen Familie, den (beiden) Kindern und dem Hund.« Und dann kommt der Satz, der Musikfreunde aufhorchen lässt: »Das Lied von Peter Fox über das Haus am See ist daher eine Hymne an ein beschauliches Leben, in dem man endgültig angekommen ist, sich niedergelassen hat und sich im Kreise der Familie wohlfühlt.«
So weit, so aha. Peter Fox also, das Sprachrohr eines neuen jugendlichen Biedermeiertums? Haus am See, die Hymne auf ein beschauliches Leben im Kreis der Familie? Darauf muss man erst einmal kommen. Okay, in zwei Versen des Refrains klingt so etwas an wie ein beschauliches Leben: »Und am Ende der Straße steht ein Haus am See (…). Alle komm’n vorbei, ich brauch nie rauszugehn«. Aber das war’s eigentlich schon. Immerhin ist Fox Mitglied der weitgereisten Berliner Reggae- und Dancehall-Band Seeed, die die deutschsprachige Musikszene zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit heißen karibischen Rhythmen und originell-provokanten, teils anzüglichen Texten aufmischte. Und vor allem der Rest der Lyrics ist doch alles andere als deutsches Biedermeier. Schon der übrige Refrain deutet in eine ganz andere Richtung. »Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg / Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön«. Wenn ich nicht irre, wachsen Orangenbäume kaum in Deutschland, und die 20 Kinder stehen doch wohl in deutlichem Kontrast zur Idylle »mit der eigenen Familie, den (beiden) Kindern und dem Hund«. 20 Kinder, das klingt eher nach einem kleinen zufriedenen Karibik-Macho, einem echten Sugar Daddy. Aber es kommt noch dicker. Denn wer genauer hinhört, entdeckt auch keinen selbstzufriedenen Strand-Macho, sondern lediglich ein Loser-Ich, das sich aus einer beengten, traurigen und ausweglosen Situation heraus- und ganz weit weg fantasiert. »Hier bin ich gebor’n und laufe durch die Straßen. Kenn’ die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden. Ich muss mal weg, kenn’ jede Taube hier beim Namen. Daumen raus, ich warte auf ne schicke Frau mit schnellem Wagen.« Karriere, Kompetenz, Zielstrebigkeit, Anpassungsbereitschaft? Alles Fehlanzeige. Stattdessen: »Wir saufen Schnaps und feiern eine Woche jede Nacht« …
Am Ende des Songs offenbart sich die ganze Tragik des Sprechers, der seinen Traum wahrscheinlich nie verwirklichen wird: »Hier bin ich gebor’n, hier werd’ ich begraben. Hab taube Ohr’n, ’nen weißen Bart und sitz im Garten. Meine 100 Enkel spielen Cricket auf ’m Rasen. Wenn ich so daran denke, kann ich’s eigentlich kaum erwarten.« Klingt nicht nach Idylle, sondern eher bitter. Um es kurz zu machen: Fox’ Haus am See ist eine Aussteigerfantasie. Und nicht mal die eines ausgebrannten Karrieristen, sondern die eines armen Schluckers, der überhaupt keine Perspektiven hat. Ein Eindruck, den das Video zum Song übrigens unterstreicht: Dort sitzt der Protagonist am Ende tatsächlich an einem See und angelt. Doch er trägt abgerissene Klamotten, ist unrasiert. Und: Er angelt ganz allein. Das vielbeschworene Haus am See, das im Hintergrund zu sehen ist, erweist sich als armseliger Holzverschlag. Wenn das Biedermeier ist, liebes rheingold-Institut, müssten etliche Lexikoneinträge umgeschrieben werden … (ted.).
FFM. | VOM RANDE BETRACHTET (BW.)
Reden und reden lassen
Impressionen der 1. #bootsgespräche

Frankfurt(s) Feste im Wandel
Viertel wandeln sich, Feste auch
Gallus | Bahnhofsviertel | Brückenwall | Frankfurt
Frankfurt verändert sich rasant. Alle Zahlen über das Wachstum an Gebäuden und Menschen müssen immer wieder korrigiert werden. Kratzte man vor fünf Jahren noch an der 700.000-Grenze, so sind es längst mindestens 730.000 Menschen mit Hauptwohnsitz in dieser Stadt. Über Tag – und auch zuweilen abends – schwillt die Zahl der Menschen locker auf 1,5 bis zwei Millionen an. Und bei den Bewohnern kommen jedes Jahr rund 10.000 neu hinzu. Mit ihnen wächst Frankfurt auch in anderer Hinsicht. Ganze neue Quartiere wie das Europaviertel oder der Riedberg entstanden. Weitere sind angedacht. Viertel, deren Antlitz aber irgendwie an einstige sozialistische Zuckerbäcker- oder neue asiatische Retortenstädte en miniature erinnert. Und mit ihnen kommen viele Menschen, die erst noch Frankfurter werden müss(t)en. Oder solche, die es auf dem Durchzug durch diese Stadt eigentlich gar nicht werden wollen.
Das alles verändert Frankfurt. Gegenhalten könnten die alten Viertel. Doch auch sie verändern sich mit. Wie sehr, kann man an den Quartiersfesten sehen. Urban shorts-Redakteurin Petra Manahl hat sich mal einige der Feste (und deren Viertel) angesehen. Feste, die gerade wieder anstehen. Sie war im Gallus, das derzeit die heftigste Gentrifizierung der Stadt erlebt. Mit dem benachbarten Europaviertel »upgradet« es sich derzeit monatlich so schnell wie früher andere Stadtteile in einem Jahr – mindestens. Und nirgendwo treffen die Milieus härter aufeinander. Das urig-alternative und noch ursprüngliche Koblenzer Straßen-Fest scheint da fast ein Relikt. Doch die anstehende Verdrängung der das Fest tragenden Stadtteilinitiative Siks aus ihren Büros wirkt bereits wie ein Menetekel. Manahl war auch in Brückenwall- und Bahnhofsviertel. Dort ist alles längst schicker und sind die Preise längst merklich teurer. Dort zeigt sich auf den Festen bereits ein Graben. Da sind die mehr oder minder Alteingesessenen, die ihr Viertel-Image vom bunten Bahnhofs- oder hippen Brückenwall-Quartier transportieren wollen. Eigentlich ist schon das im Ansatz falsch, werden damit doch Quartiere zur Schau gestellt, wo die Feste eigentlich der Integration dienen sollten. Doch selbst das mit dem Image gelingt nur bedingt, wird konterkariert von Party-Massen. Irgendwie nähern sich auch diese Feste denen auf der Berger oder Schweizer, wo von den Anwohnern wenig zu sehen ist, weil Menschen von außerhalb den Ton angeben.
Bezeichnend die jüngste Pressekonferenz, auf welcher das Programm der Bahnhofsviertelnacht vorgestellt werden sollte. Auf dem Podium: ein Oberbürgermeister (aus Kalbach), ein Tourismuschef (Nidderau, hat zumindest eins seiner Büros im Viertel) und ein Stadtmarketingleiter (Bonames). Genau eine Minute sprachen die drei Herren im Anzug über die 50 Programmpunkte. Ansonsten beantworteten OB & Co. Fragen, die keiner gestellt hatte. Wir erfuhren, dass der OB nicht möchte, dass »Anzugträger« das Viertel überschwemmen, dass er selbst nach acht abends mit seinem Baby ins Viertel kommt und sich wundert, dass das Baby nicht negativ aufgenommen wird (was auch immer er damit sagen wollte), und dass mindestens zwei der drei Herren ihre Friseure im Viertel haben. Nur über die Programmpunkte erfuhren wir nichts. Kunststück: Von den 50 eigentlichen Akteuren war keiner auf dem Podium vorgesehen … (vss.).


