reparer_vivants
Aus: Réparer les vivant - Die Lebenden reparieren
Quelle: Verleih Allocine / Filmforum©

In den Kinos | 2 x »Leben«

Lieber. Leben. Reparieren.

Zwei herausragende Filme um Leben und Weiterleben

Es sind zwei der heikelsten Themen, welche das Leben und die Gesellschaft im Zeitalter der modernen Medizin anzubieten haben. Gemein ist ihnen ein Moment. Der Moment, in welchem ein Mensch durch einen Unfall aus seinem bisherigen Leben gerissen wird. Der Moment, in dem die Frage im Raume steht: Wie weiter? Wie weiter (leben) mit schweren Behinderungen? Wie weiter (leben), wenn der Mensch eigentlich schon gar nicht mehr lebt? Diesem Moment und diesem Thema widmeten sich jüngst zwei herausragende französische Filme. In »Patients – Lieber leben« schildern Fabien Marsaud (selbst seit einem Unfall gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt) und Mehdi Idir die Leben junger Menschen, die nach Unfällen in der Reha um ihr neues Leben kämpfen, angewiesen auf die Hilfe anderer, um jeden Zentimeter Bewegung ringend. Noch einen dramatischen Schritt weiter geht Katell Quillévéré in ihrem Film »Réparer les vivants – Die Lebenden reparieren«. Sie erzählt die Geschichte des nach einem Unfall hirntoten Simon und der herzkranken Claire. Claire braucht dringend ein Spenderherz. Jenes Herz, das noch immer im Körper Simons schlägt. Zwei Filme um das Leben und vor allem um das Weiterleben … (vss.).

Verleih Allocine / Filmforum©
Zwei Filme aus einer Hand. Aus: »Das Geschäft mit der Armut / Globale Dickmacher«
Quelle: 3sat©

Mediale Inszenierungen

Moderne Medien-Maßkonfektion

Wie ZDF und 3sat ihre Zuschauer sehen

In der Modebranche gibt es Konfektionsware, Maßanfertigung – und »Maßkonfektion«. Letzteres ist die Mischung aus dem Anzug oder dem Kostüm von der Stange und dem ausschließlich für einen Träger oder eine Trägerin individuell angefertigten Kleidungsstück. Ein Konfektions-Corpus wird dabei auf die besonderen Maße der Besitzerin oder des Besitzers angepasst hergestellt. Mittlerweile gibt es dies auch in den Medien. In großen Zentralredaktionen wird beispielsweise eine Zeitungsreportage ganz nach Bedarf für das Boulevardblatt, für die Lokalzeitung oder für das eher intellektuelle Wochenmagazin ein und desselben Verlages zurechtgeschnitten.

Wie so etwas im Fernsehen aussieht, kann man derzeit an zwei Reportagen in den Mediatheken von ZDF und 3sat sehen. Also eigentlich an einer Reportage – in zwei verschiedenen Versionen. Autor Joachim Walther hat rund um den Globus recherchiert, wie globale Konsum- und Lebensmittelkonzerne sich in den aufstrebenden Schwellenländern neue Märkte entwickeln. Und erzählt zu den gleichen Bildern zwei Geschichten. Er erzählt für das 3sat-Publikum die moralische Geschichte vom »Geschäft mit der Armut«, in dem die weniger kaufkräftige Bevölkerung Minipackungen zu Maxipreisen bekommt und obendrein die künstlichen Nahrungsmittel der Gesundheit nicht gerade förderlich sind. Und er erzählt dem ZDF-Publikum die eher plakative Geschichte von den »Globalen Dickmachern«, mit denen die Konzerne ganz nebenbei auch noch prächtige Geschäfte machen. Der Betrachter kann sich derzeit beide Beiträge parallel in den Mediatheken ansehen – oder sich seine Version aussuchen. Und erhält noch ganz nebenbei einen Einblick, wie sich ZDF und 3sat wohl so ihre Zuschauer vorstellen (vss.).

CIT_PG214_AZ-ZAATARI
Das jordanische Az-Zaatari entstand im Syrienkrieg. Es ist mit 80.000 Bewohnern eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Und längst eine Stadt.
Quelle: © eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©

Urban21 | Flüchtlingslager

Refugistan – ein Land mittlerer Größe

Das Land der Geflohenen und der Unerwünschten

Im Durchschnitt verbringt ein Flüchtling 17 Jahre seines Lebens in (s)einem Lager. Und gleich noch mal die selbe Zahl. Diesmal nur mit sechs Nullen dazu. Rund 17.000.000 Menschen leben heute weltweit in einem Flüchtlingslager. »Refugistan«, dieses merkwürdige »Land der Unerwünschten«, ist dabei längst ein eigener Staat mittlerer Größe geworden, nach »Einwohnern« etwa auf Platz 65 der Welt. Irgendwo zwischen den Niederlanden, Chile, Mali – und Syrien, das es makabererweise aber wohl bereits überholt haben dürfte. Und noch eine Zahl, bei der man die eins zu Beginn nur gegen eine zwei tauschen muss: 27.000 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, ohne wenigstens in einem Lager eine Art Heimat gefunden zu haben …

Besonders erschreckend ist die Institutionalisierung der Flucht, die in den letzten Jahren dramatische Ausmaße angenommen hat. Ob in Dabaab in Kenia, dem weltweit größten Lager am Horn von Afrika mit mittlerweile rund 350.000 »Einwohnern«, im jordanischen Camp Az-Zaatari, in das der Syrienkrieg bald 100.000 Menschen gespült haben wird, oder im traurig berühmten Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, das zum Symbol (gescheiterter) europäischer Flüchtlingspolitik wurde. Weltweit leben immer mehr Menschen in Lagern, die für diese Geflohenen und nicht selten doppelt Unerwünschten zur neuen Heimat geworden sind. Orte, welche die französische Journalistin Anne Poiret schon 2015 in einer Arte-Reportage »nicht Stadt und nicht Gefängnis« nannte, die aber doch von beidem etwas sind. Erst Orte der Zuflucht. Dann Orte des Aufbruchs, von dem man nicht weiß, wann und wohin er stattfindet. Oder ob überhaupt. Nicht selten nämlich werden diese Orte auch eine endgültige Heimat für viele dieser Menschen. Und obwohl sie dabei immer mehr Städten gleichen, sind diese Orte doch zugleich auch Gefängnisse. Und dramatische Denkmäler für gescheiterte Politik(en) … (vss.).

© eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©
Ein Österreicher - und ein anderer Österreicher (Filmausschnitt)
Quelle: scs / Screenshot / Courtesy and ©: The artists©©

Kurzfilm des Jahres | 2017

Ausstieg rechts …

Busfahren in Europas Provinz

Urban shorts verleiht jeden Monat den urban shorts award für einen herausragenden urbanen und/oder gesellschaftskritischen Kurzfilm. Einmal im Jahr wird von der Redaktion aus den zwölf Preisträgern der »Kurzfilm des Jahres« gekürt. Angesichts des Erstarkens rechter Parteien bei der Bundestagswahl in Deutschland, bei den Nationalratswahlen in Österreich und auch anderswo in Europa fiel unsere Wahl in diesem Jahr auf »Ausstieg rechts!«, eine Arbeit der beiden jungen Wiener Filmemacher Rupert Höller und Bernhard Wenger. Ihr Werk ist ein filmisches Ausrufezeichen gegen Rechts, das mit einer überaus subtilen Schlusspointe aufwartet. Es spielt in Österreich in der Provinz, könnte aber so oder ähnlich auch in jeder anderen und nicht nur geographischen Provinz mitten in Europa spielen – leider und hoffentlich zugleich … (red.).

scs / Screenshot / Courtesy and ©: The artists©©
Eigentlich haben Menschen im ÖPNV anderes zu tun als Tariftabellen zu lesen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban21 | Busse, Bahnen, Billetts

Wie(n) ÖPNV geht …

ÖPNV in Wien, Tallinn - und Frankfurt

Was haben die estnische Hauptstadt Tallinn und das brandenburgische Templin gemein? Die Antwort: Zwei innovative Modelle, wie man in Städten aktiven Umweltschutz und bürgerfreundlichen Nahverkehr gestaltet. Tallinn mit seinen 440.000 Einwohnern ist wohl weltweit die größte Stadt, in welcher Busse und Bahnen für die Bürger kostenlos sind. Seit 2013 hat sich damit der Autoverkehr deutlich verringert, der Zuzug in die attraktiver gewordene Stadt hat zudem die Stadtkasse gefüllt. Templin, das Kurstädtchen in der Uckermark, hatte dieses Modell vor einigen Jahren auch eingeführt. Allerdings war dort der Erfolg so groß, dass sich die Busnutzung in kürzester Zeit zeitweise verzehnfachte. Damit reichten die Busse nicht mehr aus, neue mussten angeschafft werden. Da dies die Kasse des kleinen Örtchens überforderte, führte man eine »Jahreskurkarte« ein, mit der man für nunmehr 44 Euro das ausgebaute Busnetz nutzen kann. Kostendeckend ist dies nicht, zumal Templin zwar nur 16.000 Einwohner hat, aber nach der Fläche die achtgrößte Stadt Deutschlands ist. Doch für Templin war dies eine politische Entscheidung. Für die Bürger – und für die Luft im Kurort, welche der Ort und die Menschen dort zum Leben brauchen.

Tallinn wirbt für sich übrigens mit dem Slogan: »Tallinn – The City where the Future is now«. In Zeiten von Klimakatastrophen, Verkehrsinfarkten sowie der oft hohen Belastung von Bürgern mit Luftverschmutzung und den Kosten für Busse und Bahnen denken aber immer mehr Städte weltweit ihre Verkehrspolitik neu und wollen über Umlagen den ÖPNV zu einem Rückgrat ihrer Innenstädte machen. Tallinn und Templin sind nur zwei Musterbeispiele. Allerdings sind beides keine Riesenstädte. Doch dass bei entsprechendem politischen Willen öffentliche Bus- und Bahnnetze über Stadt und Bürger gemeinsam finanziert werden können, zeigt das Beispiel der schon immer sehr sozialen Stadt Wien. 365 Euro – ein Euro am Tag – ist dort ein politisches Statement, das weit über die österreichische Hauptstadt hinaus strahlt. Dass dies die Kosten der »Wiener Linien«, wie Busse und Bahnen in der Stadt heißen, nicht deckt, ist klar. Doch auch hier haben sich fast aus dem Stand binnen zwei bis drei Jahren die Jahresabos mehr als verdoppelt. Und den Rest der Kosten gibt die Stadt hinzu. Für die fast schon immer »rot(regiert)e Hauptstadt« ist dies eine politische Willensentscheidung, die anschließt etwa an die traditionell vorbildliche Wohnungsbau- und Mietenpolitik der Metropole, welche sich schon immer als Avantgarde solcher sozialer und bürgernaher Konzepte verstand.

Weltweit suchen Städte nach Querfinanzierungen für Busse und Bahnen. Nachgedacht wird über Steuermittel, Umlagen à la GEZ für ARD und ZDF oder über Arbeitgeberabgaben wie im Sozialsystem (die es beispielsweise in Frankreich bereits gibt). Und Frankfurt? Jene Stadt, die zwar fast doppelt so groß wie Tallinn, aber nur weniger als ein Drittel so groß wie Wien ist? Dort scheint der politische Wille aus Wien, Tallinn, Templin oder anderswo zu fehlen. Zwar kommt vor der 2018 anstehenden Neuwahl des Oberbürgermeisters auch hier etwas Schwung in die Debatte. Doch 365-Euro-Tickets oder gar freie Fahrt im ÖPNV werden nur von Kandidatinnen vorgeschlagen, die wenig Chancen auf den Sieg haben. Andere wie der aktuelle Amtsinhaber verfallen eher in Vor-Wahl-Aktionismus und PR- oder Placebo-Politik, indem sie im vorwahltauglichen Alleingang mal Preissenkungen für Tagestickets und Einzelfahrten durchsetzen. Maßnahmen jedoch, die weniger Bürgern vor Ort, sondern großteils Touristen nutzen. Und die nur ohnehin hohe Preise korrigieren (wäre Frankfurt Berlin, käme man für etwa das Geld einer Tageskarte hin und zurück bis nach Mainz/Wiesbaden, so aber nicht mal bis Offenbach oder zum eigenen Flughafen). Jahreskarten werden hingegen zwei Prozent teurer und schrammen knapp an der 900 Euro-Marke vorbei. Woraus sich ein interessanter Vergleich ergibt. Wien hat rund 2,5 mal so viele Einwohner wie Frankfurt. Das Jahresticket ist dafür in Frankfurt aber 2,5 mal so teuer wie in Wien. Wie dem auch sei. In Frankfurt scheint man eher an Kosmetik als an echte Korrekturen zu denken. Dabei würde zur F-Stadt Frankfurt ein Slogan mit Future doch eigentlich besser passen als zu Tallinn … (vss.).

Urban21 | Cities auf einen Blick

Mehr als tausend Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats März« auf urban shorts. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Fotos aus dem Weltraum. Teils sind es – zumindest von oben – einfach wunderschöne Bilder wie das von Hongkong, das sowohl das Titelbild des Buches wie der aktuellen Ausgabe von urban shorts ist. Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen. Teils erzählen sie einfach Geschichte, etwa von den wechselvollen Episoden einer gewachsenen Metropole wie Peking oder vom Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl. Urban shorts zeigt eine Auswahl dieser Aufnahmen. Manche einfach schön, manche informativ, manche erschreckend, manche alles in einem. Aber alle dokumentieren ein eigenes Stück Urbanität und (Menschheits-) Geschichte … (red.).