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Quelle: Rahulla Torabi©

Neue Ufer vs. alte Muster

Zeiten des Aufbrechens?

Ein Vorwort aus der Redaktion

In der aktuellen Ausgabe der Urban shorts geht es viel um das Aufbrechen. Um ein vorsichtiges Aufbrechen mit Abstand und Augenmaß. Um ein Aufbrechen der Gesellschaft zu neuen Ufern, gespeist aus dem Innehalten und der Nachdenklichkeit der letzten Wochen. Um ein Aufbrechen der Kultur zu einem neuen Kulturleben, trotzend den Corona-bedingten Widrigkeiten. Doch leider auch um einen Teil der Gesellschaft, der unter Aufbrechen fast nur das Aufbrechen in den Urlaub und ein Aufbrechen von Zurückhaltungen versteht. Obwohl Abstand und Augenmaß auch hier das Aufbrechen vielfach nachhaltiger machen würden … (red.)

Rahulla Torabi©
Citizen - ein schwarz-weißes Buch
Quelle: scs / Spector©

Beste Bücher | Black Lives

Als Frau. Als Farbige. Fühlen.

Diskriminierung erleben: Claudia Rankines »Citizen«

Dieses Buch ist schwarzweiß und scharfkantig. Es ist eine Collage aus Alltagssplittern. Genau beobachtet und unerbittlich zeichnet es das Leben als Afroamerikanerin in den USA. Und zwar von innen heraus. So, als blickte ich selbst in die Welt als eine Diskriminierte. Häufig aber so subtil diskriminiert, dass ich dazu verleitet sein könnte, darüber hinweg zu sehen, mich »nicht so anzustellen«. Oder aus der anderen Sicht betrachtet, in der so etwas mitschwingt wie: »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?«. Nein. Es ist Sprache, die verletzt, wenn auch oft scheinbar zufällig, seltener offen rassistisch. Das allerdings macht es umso schwerer, es zu benennen …

Claudia Rankine gelingen in »Citizen« Momente, Empfindungen, Skripte aus der wahren Welt, die einfach nur treffen. Mit tiefgründiger Schwere hat ihre Komposition aus Alltagsszenen, Fotos, Zeichnungen und Lyrischem eine große Wucht. Ich denke an Adichie und ihren berühmten Roman »Americanah« über eine Nigerianerin in den USA. Doch während bei Adichie jede Bitterkeit von einer positiv-kämpferischen Kraft und Lebensfreude überstrahlt wird, hallt bei der in Jamaika geborenen Rankine immer wieder Wut, Fassungslosigkeit und Auflehnung mit. Was die Autorin so scheinbar willkürlich nebeneinander stellt, verdichtet sich immer wieder zu einem Muster, das sich immer weiter fortweben ließe. Etwa beim längeren Text über Tennis, der zunächst irritiert, doch sich dann immer mehr als Metapher herausstellt. Der High Society-Hochleistungssport als ein auch heute noch zutiefst weißer Sport – in jeglicher Hinsicht. Rankines Buch – als literarische Sensation ausgezeichnet – ist hoch aktuell und zugleich allgemeingültig. In ihm lässt sich die immer wieder erlebte Diskriminierung als Farbige und Frau immer weiterdenken. Kein Buch, das man einfach so »wegliest«. Aber eines, das im wahrsten Wortsinn den eigenen Horizont erweitert … (pem.).  

scs / Spector©
Das Ein-Euro-Streckennetz immer vor Augen in einer Wiener U-Bahn-Station
Quelle: Johannes Zinner / Wiener Linien©

Vorbild Österreich ?

Das Eins-Zwei-Drei-Euro-Ticket

Österreich will den ÖPNV einfach revolutionieren

Ein Euro am Tag, 365 Euro im Jahr – Für viele das neue Modell, die Bahn zum Rückgrat moderner Mobilität zu machen. Doch wie weit kommt man damit? Österreich hat nun eine Idee, die auch mehr als nur den nahen Umkreis abdecken könnte und mit politischem Willen finanzierbar wäre. 

Wie(n) ÖPNV geht – Schon seit Jahren macht Österreichs Hauptstadt vor, wie mit etwas politischem Willen ein kostengünstiger Öffentlicher Nahverkehr machbar ist. Vor fast genau acht Jahren führte die Stadt auf den sogenannten Wiener Linien das 365-Euro-Ticket ein. »Um einen Euro am Tag«, wie die Einheimischen sagen, dürfen Wiener und Wienerinnen seither alle Busse und Bahnen der Kapitale nutzen. Nun legte Österreichs neue schwarz-grüne Landesregierung nach – und will dabei gleich den gesamten Bus- und Bahnverkehr im Alpenland revolutionieren. »1-2-3-Euro-Ticket« heißt deren charmante wie einfache Idee. Ein komplettes Bundesland – zu denen auch Wien zählt – für einen Euro am Tag. Zwei Bundesländer für zwei Euro. Und ganz Österreich für drei Euro. Der letzte Teil des Plans soll bereits 2021 als erstes eingeführt werden. Kostenpunkt: rund 240 Millionen Euro, welche der Bund zu dem Paket zuschießen soll. Mit 1095 Euro im Jahr wäre das Ticket übrigens rund halb so teuer wie die aktuelle ÖBB-Jahreskarte der Österreichischen Bundesbahn, die noch dazu nur auf den Fernstrecken gilt.

Das »1-2-3-Euro-Ticket« hat durchaus seinen Charme. Wien darf hier sehr wohl als Vorreiter gesehen werden. Zumal die Stadt seit Einführung selbst fast den Dreisatz geschafft hat. Gab es vor 2012 noch 363.000 Jahreskarten-Besitzer*innen, so sind es heute bald drei Mal so viel: stolze 850.000 im Jahr 2019. Das sind rund 30 Prozent der Menschen, die im Großraum Wien leben. Allerdings: Kostendeckend ist der Zuwachs nicht, 40 Prozent der Kosten trägt weiterhin die Stadt. Der politische Wille dazu ist im meist rot regierten Wien jedoch vorhanden. Und ein Teil des Geldes kommt nur indirekt aus der Stadtkasse. So gibt es in Wien etwa durch eine Unternehmens-Umlage, die direkt in dieses Ticket fließt, und eine flankierende »Parkraumbewirtschaftung«. Soll heißen: Die Stadt hat den Parkraum verringert und teurer gemacht. Ersteres machte Autofahren in der Stadt unattraktiver, letzteres federt die ÖPNV-Kosten für die Stadt ab. Ein weiterer wichtiger Baustein in Wien: Vor Einführung des neuen 365-Euro-Tickets hatte die Stadt ihre Wiener Linien deutlich auf- und ausgebaut. Denn darüber sind sich Verkehrsexperten einig: Der Preis alleine macht es nicht. Gleichzeitig müssen Anreize wie etwa eine gute Taktung und ausreichender Platz geschaffen werden. Ähnlich ging übrigens auch das Großherzogtum Luxemburg vor, das kürzlich nach einer massiven Aufrüstung seinen ÖPNV kostenlos machte. Ob dies auch ein Modell für Deutschland ist, dürfte auch hier eine Frage des politischen Willens sein. Über die 365-Euro-Variante denken bereits diverse Städte und Verkehrs-Verbünde nach, Bundesgelder für Pilotprojekte tun ihr Übriges. Ob daraus später auch Mehr-Länder-Tickets oder eine bundesweite (DB- und) ÖPNV-Flat wird, muss sich wohl noch zeigen. Und rechnen – wobei ein einfacher Dreisatz dafür vielleicht etwas zu kurz gegriffen sein könnte. Aber vielleicht schafft Deutschland ja die 1-2-3-4-Euro-Variante. Wenn es in dem Modell überhaupt einer bundesweiten Komponenten bedürfen würden. Denn der Bedarf der meisten Menschen ist wohl viel regionaler … (sfo.).

Johannes Zinner / Wiener Linien©
Viel Platz im Hafen 2
Quelle: Catalina Somolinos©

Orte mit Auslauf | Hafen 2

Sheep and Screans

Subkulturelles Biotop - auch in Corona-Zeiten

Sie gehörten zu den letzten Kultur- und Gastro-Orten, die in den frühen Corona-Tagen noch offen haben durften. Und sie gehörten zu den ersten semi-gastronomischen Kulturorten, die wieder öffnen durften. Wo anders schließlich als im Offenbacher Kultur-Biotop »Hafen 2« gibt es sonst Kultur und Chillen mit so viel Auslauf? Weite und Freiraum waren nämlich schon immer dessen Markenzeichen – im übertragenen Sinne und auch wortwörtlich. Das gilt für das Programm: von den vielen fremdsprachigen Filmen (die schon seit Wochen wieder ihr Publikum haben) bis zu den coolen Singern und Songwritern (die nun seit Mitte des Jahres auch wieder vereinzelt auftreten dürfen). Und es gilt für das Ambiente. Nicht von ungefähr tummeln sich hier im Sommer Familien und Freidenkende, um im gepflegt-alternativen Ambiente eben diese Filme und Konzerte zu genießen oder die Kids im ausufernden Sandkasten und bei Schafen und Hühnern spielen zu lassen.

Möglich macht es der in der Region wohl einmalige Open-Air-Kino- und Konzertsaal mit echten Tieren, viel Kinder-Freifläche und dem chilligen Blick aufs Wasser. Das kleine Café auf einer Brache im sich wandelnden Hafen kann so gerade in diesem (Corona-) Sommer punkten, auch mit viel freiem Grün und dünigem Sand, mit locker gestellten Bierbänken, beweglichen Sonnen-Stühlen und Platz für Picknickdecken. Alles übrigens gepaart mit viel Engagement für Migrant*innen und Flüchtlinge. Apropos Engagement: In diesem Jahr hofft »der Hafen« selbst auf das besondere Engagement seiner Fan-Gemeinde. Die Filme finden zwar statt, fielen aber lange als Haupteinnahmequelle bei mühsam Kosten deckenden 100 Plätzen praktisch weg. Erst seit einigen Wochen spülen mittlerweile erlaubte 250 Gäste wieder etwas mehr Geld in die Kassen. Konzerte waren – auch wegen vieler Tournee-Absagen – lange praktisch komplett auf den Herbst verschoben (Mittlerweile finden auch sie vereinzelt wieder statt). So startete der Hafen im Frühjahr einen Spenden-Aufruf, um über die Runden zu kommen und das alternative Idyll im bau boomenden Hafen zu erhalten. Vor allem im Sommer ist er ein echter Place-to-be. Und bei Nicht-Sommer geht es in den Schuppen nebenan. Nur auf eines muss man in diesem Sommer im Hafen wirklich verzichten: auf die üblichen Live-Übertragungen von Fußball-WM und -EM. Doch dies liegt nicht an der Hafen-Crew …. (vss.).

Catalina Somolinos©
Kulturfonds öffnet einen Open Space
Quelle: Linienland / Kulturfonds©

Neue Bühnen, viele Hilfen

Kreativ. Überleben. Sichern.

Gastkommentar von Karin Wolff

[> Beitrag auf eigener Seite lesen] Als vor gut drei Monaten schlagartig auf den Bühnen die Lichter ausgingen und auch alle Konzertsäle schlossen, gehörten Igor Levit und Daniel Hope zu den ersten, die sich und dem Publikum spontan neue Bühnen schufen. Der Pianist und der Geiger musizierten aus ihren Wohnzimmern in die Welt hinaus und wärmten mit ihren »Hörfenstern« die Herzen von Tausenden. Levit und Hope standen für viele. Der Shutdown, wie wir ihn in den letzten Monaten erlebt haben, war erst einmal eine riesige Enttäuschung. Wir haben erlebt, wie fassungslos viele von uns geförderte Kulturschaffende im ersten Moment waren. Und wir natürlich auch. Doch schnell packten die ersten wieder an. Erste Lichtzeichen von Förderern wie dem Kulturfonds, von Stiftern und Privaten – »Wir bleiben bei unserer Förderung!«, »Wo kann ich helfen?« – taten ihr Übriges. Neue Ideen und Gedanken kamen auf: Können wir unser Projekt später ansetzen? Wie können wir es im Netz zeigen? Mit wem können wir uns zusammentun? Schnell war klar: Musiker ohne Musik? Gibt es nicht. Schauspielerinnen ohne Auftritt? Unmöglich.

Doch beim Re-Start ging und geht es um mehr als um »L’ Art pour l’ art«. Es geht auch um den Lebensunterhalt der Künstler und Künstlerinnen, um die Ausübung eines Berufes. Und da ist die Gemeinschaft gefragt. Förderer wie der Kulturfonds können zwar nicht »einfach mal die Welt retten«. Aber sie können ihren Teil dazu beitragen. Wir können helfen, Bühnen und Mittel zu generieren. Etwa durch unsere Online-Plattform Open Space. Dort fördern wir Leistung und sagen kleinen künstlerischen Werken, die in diesen Wochen zu unserem Schwerpunktthema »Erzählung. Macht. Identität.« erdacht wurden, Geld und das Schaufenster dieser Plattform zu. Eine Idee, die übrigens andere auch umsetzen – wenn man etwa in die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz schaut. Doch auch sonst entstehen viele neue Bühnen und gibt es mithin viele Möglichkeiten, zu helfen, Projekte umzusetzen. Wir können bei gemachten Zusagen bleiben und zugesagte Kosten übernehmen, auch Ausfallhonorare. Gemeinsam mit Startnext und der Aventis-Foundation stellen wir über »Kulturmut« Geld bei Crowdfunding-Projekten zur Verfügung. Wir unterstützen den neuen Anlauf jener wunderbaren Ausstellungen, die zwischenzeitlich im Netz ihr Licht oft nur auf einzelne Stücke richten konnten und jetzt wieder als Ganzes betreten werden dürfen; etwa durch Marketing. Und wir beraten mit unseren Partnern, welche ganz neuen Projekte mit unserer Unterstützung mit neuem Schwung an den Start gehen können. Gegen die Angst, die Sorgen wollen wir mit ihnen gemeinsam durchstarten. Nicht ins offene Messer zu rennen, sondern mit Augenmaß die Sehnsucht der Menschen nach Kultur zu stillen und zugleich noch weiter wachsen zu lassen. Ein Gasthaus nach vielen Wochen wieder zu öffnen, ist unter den Umständen schon nicht trivial. Mit der Kultur ist es an vielen Orten mindestens genauso komplex. Aber was wäre Kultur, wenn sie nicht aufstünde?!

Linienland / Kulturfonds©
Der Frankfurter Mousonturm baut sich für Herbst gleich eine eigene neue Bühne mitten im alten Bühnenraum
Quelle: Mousonturm / Raumlabor©

Kulturlandschaften | Trend

Eine neue Bühnen-Kultur

Real und virtuell wird viel neu gebaut

In Corona-Zeiten werden gerade viele neue Bühnen gebaut. Virtuelle Bühnen, auf denen sich Künstler*innen im Netz präsentieren können. Bühnen im übertragenen Sinne, indem Bühnen neu genutzt werden. Aber auch ganz reale neue Bühnen für die neuen Zeiten … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenAls der Mousonturm dieser Tage sein Programm für die nächste Spielzeit vorstellte, war der große Saal des Frankfurter Künstlerhauses fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zugegeben: »Bis auf den letzten Platz« hieß in diesem Fall, dass dort, wo sonst rund 250 Menschen das Publikum bilden, nun sorgsam getrennt auf einzelnen Stühlchen rund 30 Leute »Platz nahmen«; Künstler*innen inklusive. Im doppelten Sinne ein Ausblick auf den Herbst sozusagen. Damit der Herbst dann aber kein exklusives One-to-one-Theatre wird, war das Highlight des Tages allerdings das kleine Modell einer neuen agora-ähnlichen Bühne. Ein kleiner, vorzeitlich anmutender, aber nachzeitlich gedachter Höhlentempel aus Holz und Lehm – für die Zeit nach oder zumindest mit Corona. Realisiert von einer Design-Agentur mit dem corona-sinnigen Namen »Raumlabor« …

Angesichts zahlreicher Zu-, Ein- und Ausgangsbeschränkungen brauchen das Land und die Kultur in der Tat neue Bühnen. Das »Raumlabor Mousonturm« mit rund 50 Logenplätzen in Termitenbau-Design ist dabei die bisher kreativste Lösung. Doch auch andere Häuser suchen derzeit nach neuen Ideen und Bühnen. Die Darmstädter Centralstation als einer der größten Veranstaltungsräume der Region hat seine Bühne geöffnet für andere Akteure der regionalen Szene. »Von Null auf 100«, angelehnt an die Zahl der anfänglichen Sitzplätze, heißt das neue Programm für den Sommer, in dem nicht nur assoziierte Künstler*innen Platz finden, sondern eben auch Gruppen wie das TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder die kleine Initiative die stromer aus Darmstadt selbst. Häuser und Ensembles wie diese könnten in Corona-Zeiten kaum spielen oder spielen lassen, da ein Umbau kleiner und alter Häuser schwer und vor allem nicht schnell möglich ist. Vor Herbst sind viele Häuser und auch Gruppen auf Ausweichquartiere angewiesen. Ein weiteres solches Quartier ist ein »Kleiner Offenbacher Kultursalon« im dortigen Capitol-Theater. Ähnlich kreativ sind derzeit auch Künstler*innen, Hochschüler*innen und Stadtmarketingleute in der Region. »Window Shopping« heißt das Modell, mit dem Offenbacher HfG-Künstler*innen ab Juli freie Schaufenster in der Offenbacher Innenstadt mit dem Thema »Kleidung, Freiheit und Identität« bespielen. Gleiche Idee, nur etwas eher: Künstler*innen in Frankfurt machen das Gleiche bereits mit Schau- und Atelierfenstern im Westen von Frankfurt. Waren diese Atelierfenster schon sehr nahe dran an den Künstler*innen, so sind es einzelne Kunstmärkte dieses Sommers besonders. Pars pro toto der Mindest-Abstand-Kunstmarkt des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden im August, mit dem der Kunstverein die professionellen Kunstschaffenden der Stadt unterstützen will. Doch neue Bühnen entstehen in diesen Wochen nicht nur real. Öffentliche Hände und Fördereinrichtungen haben Bühnen im Internet geschaffen und Kreativen wie Künstler*innen kleine Stipendien ausgeschrieben, mit denen sie diese Bühnen mit etwas Leben füllen und sich damit den Lebensunterhalt über den Sommer sichern können. Eine dieser Bühnen ist der »Open Space« des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, zwei weitere sind die Plattformen und Förderstipendien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz (die beide jeweils Programme mit je 2000-Euro-Hilfen für ansässige Kreative ausgeschrieben hatten). In die Baupläne für neue Bühnen spielt derzeit übrigens auch der Sommer mit Open-Air-Bühnen und -Festivals. Im öffentlichen Raum sind Umbauten nämlich durchaus weniger aufwändig als im Mousonturm und anderswo … (vss.).


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Quelle: Rahulla Torabi©

Corona und die Tagesordnung

Ist nach Corona vor Corona ?

Zwei Einwürfe von Jan-Hendrik Pauls und Petra Manahl

In Deutschland und in der Region gehen die Menschen vielfach wieder zur Normalität über. »Zusammenstehen« wird wieder anders definiert als noch vor ein paar Wochen. Jan-Hendrik Pauls und Petra Manahl machten sich ein paar Gedanken in der allseits gefühlten Post-Corona-Ära. Sie fragen, ob nicht alles wieder viel zu schnell geht. Und wo sie geblieben ist, die Nachdenklichkeit der letzten Wochen, als doch alle mal über eine vielleicht andere Welt nach Corona sprachen … 

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Corona ? War da was ?

Ein sonniger Freitagabend in Frankfurt-Sachsenhausen. Die Tische der Pizzeria auf dem Gehweg sind fast alle belegt. An einem sitzen zwei Frauen und lachen. Eine dritte kommt hinzu. Sie umarmen sich, begrüßen sich mit Küsschen. »Dürfen wir das eigentlich?«, fragt die eine, als sie sich neben ihre Freundin quetscht. Halb verschämt, halb kokettierend. Die anderen lachen. »Ja, ich glaube, die Beschränkungen sind aufgehoben«, sagt eine. Und erteilt allen Dreien und der Entourage drumherum die Absolution. Corona? War da was? Muss gestern gewesen sein. Aber zur Sicherheit noch mal fragen …

100 Tage war das Virus jetzt in Deutschland. 100 Tage schwerste Ausgangsbeschränkungen, Trennung von besten Freunden, Aussetzung aller Grundrechte. 100 Tage – Das muss dem Virus reichen. Zumal jetzt ja nicht mehr Frühjahr ist. Sondern Sommer und Sommerferien. Und da gehören Viren ja gar nicht hin. Und überhaupt: Ist das Virus nicht schon in Südamerika? Die Folge: Frankfurter*innen – und nicht nur sie – fliegen in den Sommerurlaub (nur nicht nach Südamerika) oder quartieren sich über das Wochenende bei Freunden ein. Je nach gesellschaftlicher Couleur gehen sie Wochenende für Wochenende auf ihrem Opernplatz wieder auf Tuchfühlung, okkupieren den Friedberger Platz, machen Cocktail-Parties im Grüneburgweg oder treffen sich zum Grillen am Mainufer. Bunt geht’s zu. Nicht nur wegen der locker am Ohr oder unterm Kinn baumelnden mehr oder weniger schicken Masken. Und der Müll am nächsten Morgen lässt nicht nur fragen, ob wir nicht vor Corona mal weiter waren. Und das Virus? Ist scheinbar nach Südamerika ausgewandert. Oder ist es dort vielleicht auch nur einfach selbst mal im Urlaub (jhp.)?

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Corona ? War’s das ?

Corona? War da was? Die Zeit der Einkehr? Der Gedanken? Des Nachdenkens? Der Blick über den Horizont wäre gerade jetzt wohl mehr als angebracht. Doch zugleich fällt er gerade jetzt auch nicht leicht. Viele hadern damit, wohin er sich überhaupt richten soll. »Irgendwie normal und schön weiter so«, wäre vielleicht tröstlich, fühlt sich aber auch irgendwie falsch an. Und zwar jeden Tag mehr. Manch eine(r) wünscht sich den weitreichenden Aufbruch, indem wir gemeinsam lernen aus dem, was unter dem Brennglas der Krise in den letzten Monaten schmerzte. Selber machen etwa wäre immer eine gute Idee (auch für den Horizont übrigens). Hier ist in den letzten Monaten Bemerkenswertes entstanden: vielfältiges, individuelles, kollektives, lokales, regionales Engagement, aus der Not heraus, aber auch aus dem Nachdenken darüber, was wichtig ist und wie wir in Zukunft zusammenleben und -arbeiten wollen. In der Stadt wie auf dem Land. Und auch dazwischen wird sich das Leben eigentlich neu ausbalancieren müssen.

Denn die Einschränkungen der letzten Wochen haben den Blick geschärft für das unmittelbare Umfeld. Wochen, welche die Grenzen der globalisierten Welt aufgezeigt haben. Und uns mit der Entschleunigung in den Städten auch die Möglichkeiten, die hier vor unseren Haustüren liegen. Produktion und Handel in der Region, lokale Solidarität, Lebensqualität vor Ort, Urlaub nebenan – Manche Menschen haben völlig neue Entdeckungen gemacht. Regionale Wertschöpfung und Resilienz, die Widerstandsfähigkeit in der Krise, sind keine neuen Konzepte, leuchten nun aber vielleicht doch noch mal ein wenig mehr. Denn in der Region liegt ein enormes wirtschaftliches und soziales Kapital, das sich auch in Zukunft besser nutzen ließe. Dessen Hilfe macht widerstandsfähiger und ganz nebenbei Wirtschaft und Gesellschaft auch nachhaltiger. Und zwar in Harmonie mit fortwährender Weltoffenheit, hinter die nur Ewiggestrige zurückwollen. Und dann ließe sich auch die allseits beschriebene »Systemrelevanz« (Wort oder Unwort des Jahres 2020?) vielleicht wirklich mal neu definieren. Und dann auch über Applaus hinweg auch neu wertschätzen. Auch wenn die Versuchung groß ist: Nach Corona sollte nicht vor Corona sein …  (pem.).

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