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Links: Amerikas trauriger Bär | Rechts: die Hülsen mit den Namen und dem Alter der Opfer
Quelle: Barbara Walzer / Patricia Espinosa©

Das Kunststück des Monats

America’s trauriger Teddy Bear

Patricia Espinosa Fanal gegen die US-»school shootings«

438 Schüsse sind seit 2012 an Schulen in den Vereinigten Staaten von Amerika gefallen. 438 Schaumstoff-Gewehrbolzen hat die mexikanische Künstlerin Patricia Espinosa mithilfe eines Spielzeug-Gewehrs auf die Fensterscheibe ihrer Galerie ALAS (Atelier & Art Space) in Frankfurt-Bockenheim abgefeuert. 138 dieser Geschosse tragen Namen und eine Zahl. 138 Menschen – meist Kinder – sind bei den Schüssen in den USA getötet worden. Die Namen auf den Geschossen sind ihre Namen. Die Zahlen nennen das Alter, in welchem sie ums Leben kamen. Es sind selten große Zahlen geworden …

Die Geschosse formen einen Teddy Bär. »America’s Teddy Bear« nennt Espinosa ihre Ausstellung. Eine Ausstellung, die nur aus dieser einen Arbeit besteht. Und doch mehr erzählt als viele andere und größere Ausstellungen. Vor wenigen Wochen gingen Hunderttausende meist junge Menschen in Washington und in anderen Städten der USA auf die Straße(n), um gegen die Waffengläubigkeit in ihrem Land und unter ihren Politikern zu protestieren – und um diesen Wahnsinn an ihren Schulen zu stoppen. Espinosas Arbeit steht in deren Geiste.  Sie ist – für sich gesehen – ein ebenso eindrucksvolles Zeichen wie der Marsch der Hunderttausende. Espinosa, selbst Mutter zweier Kinder, hat lange Zeit in Manhattan gelebt und wird demnächst wieder von Frankfurt nach Brooklyn ziehen. Sie kennt dieses Amerika gut. Mit ihrer Arbeit will sie auch hierzulande Flagge zeigen, an die sinnlosen Opfer dieser »school shootings« erinnern – und auch an die Täter, die in der Mehrzahl selbst Amok laufende Jugendliche waren. Und damit auch nicht zuletzt darauf aufmerksam machen, wie oft Kinder und Jugendliche Einsamkeit und Ängsten, Verletzungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind und wie oft sie mit diesen alleine gelassen werden. Espinosa legt den Finger damit in gleich mehrere Wunden des Landes, das sie auch ein Stück weit als das ihre sieht.

Postskriptum: Die Zahl 438 ist leider längst überholt … (loe.).

Barbara Walzer / Patricia Espinosa©
Suleima in Damaskus
Quelle: scs / Arte©

Kurzfilm des Monats

Inside Syria …

Jalal Maghouts »Suleima« (Arte)

Urban shorts verleiht jeden Monat in seiner urban shorts selection den urban shorts award. Bisher galt dabei die Regel: Kein Film sollte länger als 10 Minuten sein. In diesem Monat hat sich die Redaktion entschieden, für einen besonderen Film diese Regel einmalig zu brechen. Die Wahl der Jury und der Redaktion fiel in diesem Monat auf »Suleima«, ein von Thema und Art außergewöhnliches Statement. Der syrische Filmemacher Jalal Maghout, 2013 zum Studium des Animationsfilms nach Deutschland gekommen und hier geblieben, erzählt in »Suleima« die Geschichte einer Frau im Syrien Asads. Einer Frau im Widerstand. In einem Syrien der Diktatur, des Überwachungsstaates und eines menschenverachtenden Regimes im Krieg gegen sein eigenes Volk. Wenige Dokumentationen geben einen so tiefen Einblick in das Innere Syriens wie diese filmische Graphic Novel. Sie zeigt ohne Larmoyanz, warum die Menschen gegen dieses Regime aufstehen und warum sie dieses Land verlassen (haben). Eine eindrucksvolle fiktive Dokumentation und zugleich ein Stück politischen Engagements und Widerstands. Und dies in 15 dichten Minuten, die es rechtfertigen, auch einmal eine Regel zu brechen … (uss.).

20 Steinzeitzeugen

Brutal schön

Beispiele des Brutalismus

scs / Arte©
Eine Kirche oder Fort Knox? Claude Parent / Paul Virilio: Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers (Frankreich)
Quelle: Bruno Bellec 2008 / DAM©

Urban21 | Brutal (oder) schön?

»Rettet die Betonmonster«

»SOSBrutalismus« - Aktion, Ausstellung, Essay

»SOS Brutalismus« ist eigentlich in vielfacher Hinsicht ein faszinierendes Wortspiel. Der »Brutalismus« bezeichnet jenen Baustil der 50er bis 70er Jahre, der seinerseits nach dem »béton brut« benannt ist. Das ist zwar zuerst einmal das französische Wort für »Sichtbeton« und zelebriert quasi den Stil jener puren, scheinbar nackten Betonbauten. Doch es korrespondiert natürlich auch mit dem Wort »brutal«, der rohen und für viele Betrachter hässlichen Facette, die vor allem in den späteren Bauten zum Tragen kam. Und damit dem Grund, warum viele der Gebäude bereits aus den Städten weichen mussten oder aktuell von der Abrissbirne bedroht sind. Nicht selten zu Unrecht, meinten die Macher der Kampagne »SOS Brutalismus« und machten sich an eine Neudefinition und Neubewertung des Brutalismus’, inklusive dem daraus abgeleiteten Aufruf »Rettet die Betonmonster«. Herausgekommen sind eine bemerkenswerte Internetpräsenz und eine (Wander-) Ausstellung, die zugleich ein Anstoß zu einer Debatte wie auch – wohl wider alles Erwarten – faszinierende ästhetische Inszenierungen sind. Und die an der einen oder anderen Stelle auch deutlich machen, dass es nicht selten auch ökonomisch und ökologisch sinnvoller sein könnte, die Bauten stehen zu lassen und neue Nutzungen für sie zu finden. Die Ausstellung »SOSBrutalismus« ist 2017/2018 zuerst in Frankfurt und in Wien zu sehen ist. Das Internetportal »SOSBrutalismus« dokumentiert derweil fortlaufend längst über 1000 dieser widersprüchlichen Bauten in aller Welt. Und beide rufen damit zu deren Erhaltung auf – sofern die Bauten überhaupt noch stehen … Urban shorts begleitet Aktion und Ausstellung(en) mit einem kleinen Auszug aus dieser Internetpräsenz (»Brutal schön – Beispiele des Brutalismus«) und mit dem Essay »Brutalismus neu entdecken« des Ausstellungs-Kurators Oliver Elser, in dem er eine neue Definition und einen eigenen Stellenwert für die Architektur des Brutalismus anstrebt … (vss.).

Urban21 | Megacities

Zehn Städte und 300.000.000 Menschen

Tokio, Kairo, Guangzhou - die neuen Mega-Stadtregionen

Auf der Erde leben heute 7,5 Milliarden Menschen. Vier Milliarden davon in Städten. Und die Urbanisierung treibt weltweit immer mehr Menschen vom Land in die wachsenden Zentren. Städte ist für viele davon nicht mehr der richtige Name. Es sind vielmehr ganze Stadtregionen. Egal, ob mit aufragenden Skyscrapern wie in New York oder Tokio oder im dichten traditionellen Häusermeer von Delhi oder Kairo. Im Jahre 2010 lebte ohnehin bereits jeder zweite Erdbewohner in einer Stadt. 2050 sollen es bereits zwei von drei Menschen sein. Mit der Zahl der Menschen und der Urbanisierung wächst auch die Zahl der Millionenstädte. Nach aktuellen Studien und jüngsten Berechnungen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union soll es weltweit bereits bis zu 500 Millionenstädte geben. Darunter gut 30 Megacities und Stadtregionen mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. 1950 noch gab es davon mit New York und Tokio gerade einmal zwei.

Über diese Grunddaten und -trends sind sich UN und EU einig. Einzig bei den Definitionen ihrer Mega- und Millionenstädte unterscheiden sie sich. Folgt man der jüngsten Studie der Europäischen Kommission, die Anfang 2018 auf der Basis von Satellitenaufnahmen, neuen Geografie- und Populationsberechnungen die bisher umfassendste Datenbank für rund 10.000 Stadtregionen weltweit vorgestellt hatte, leben allein in den zehn größten Städten und Stadtregionen der Welt mittlerweile über 300 Millionen Menschen. Vor allem mit Hilfe der Satellitenaufnahmen wurden die Grenzen der Großstadtregionen vielfach neu gezogen und definiert. Größte Megacity der Welt ist nach diesen Berechnungen nun das chinesische Guangzhou mit sage und schreibe 46 Millionen Menschen; vor Kairo und Jakarta (38 bzw. 36 Millionen). Und vor allem für die chinesische Megastadt gilt, dass dies mehr eine Stadtregion als eine Stadt ist. Der Großraum Tokio-Yokohama, der für die UN und bisher auch ganz allgemein als größter Stadtraum der Welt galt, folgt in dieser neuen Analyse knapp dahinter auf Rang 4 mit 34 Millionen Menschen.

Bemerkenswert an den neuen Zahlen – oder vielleicht auch einfach Beobachtungen und Berechnungen – der Europäischen Union: Bis auf Kairo liegen die zehn größten Megacities unserer Tage in Asien mit den vielleicht ohnehin am schnellsten wachsenden urbanen Regionen der Welt. Viele von ihnen scheinen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Fläche zu wachsen, und viele bereits umliegende Millionenstädte regelrecht aufzusaugen. Neben Guangzhou ist das ebenfalls chinesische Chongqing ein Musterbeispiel dieses rasant wachsenden und sich urbanisierenden Asien. Chongqing gilt laut manchen Studien mittlerweile ebenfalls als größte Stadt der Welt, zumindest nach seiner Fläche. Mit vielen Umlandgemeinden umfasst es bereits 80.000 Quadratkilometer Land (ungefähr die Größe Österreichs) und könnte mit den dort lebenden, bis zu 30 Millionen Menschen locker unter den Top Ten mithalten. Und mit rund 1.000 neuen Bewohnern pro Tag ist es ohnehin die wohl am stärksten wachsende Stadt der Welt. Nimmt man die neuen (EU-) Berechnungen, würden übrigens vor allem die großen süd- und mittelamerikanischen Metropolen Sao Paulo und Mexico City (beide auch mit mehr als 20 Millionen Einwohnern) damit aus den Top Ten verdrängt. Zu den neuen Mega-Städten würden hingegen Kalkutta, Manila oder Dhaka (Bangladesch) gehören. Apropos: In Europa liegen nur zweieinhalb Städte überhaupt mit über zehn Millionen Einwohnern: Paris, Moskau und (das zur Hälfte ebenfalls in Asien beheimatete) Istanbul … (vss.).