Fotograph | Barbara Walzer

Die 720.000 Anderen

Gesichter Frankfurts (5) | Musik-Edition

Die »Gesichter Frankfurts« sind ein Fotoprojekt der Frankfurter Fotografin Barbara Walzer. Die Aufnahmen sind entstanden auf zahllosen Streifzügen durch die Mainmetropole. Sie zeigen Menschen aus dem Leben, aus verschiedenen Kulturen, Berühmte und Unbekannte, Wichtige und scheinbar Wichtige. Es sind keine Studioaufnahmen, nichts daran ist inszeniert. Die Stadt, sie scheint das Studio dieser außergewöhnlichen Stadtstreicherin zu sein scheint. »Diese Menschen«, so Walzer, »suche ich nicht. Sie suchen mich. Sie sind einfach da. Im selben Moment wie ich … «. Die Serie wächst übrigens genauso wie die Stadt. Die erste Folge hieß im Jahr 2015 noch »Die 700.000 Anderen« … (jjk.).

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Das Intro des Festivals
Quelle: scs / exground©

In Wiesbaden | Filmfestival exground

the independent underground

17.11. bis 26.11.2017 | 200 Filme aus 42 Ländern

»exground« klingt wie ein merkwürdiger Mix aus exterritorial und underground. Und irgendwie ist das auch die Mischung, die eine sehr engagierte Wiesbadener Filmliebhabercrew seit über mittlerweile drei Jahrzehnten immer wieder zu einem Festival zusammenführt. Filme, vor allem urban, unabhängig und untergründig. Filme aus Kolumbien und Palästina, aus dem Kosovo oder aus Nepal. Filme, die nicht Mainstream und nur selten auf großen Festivals zu sehen sind. Eine Mischung, die aber aus dem einstigen Underground- längst ein renommiertes Independent-Festival gemacht hat. Wobei »renommiert« zwar zur nunmehr 30. Ausgabe, aber eigentlich gar nicht zu »exground« passt …

Auch zur Nummer 30 liefert exground wieder ein vielfältiges Programm mit über 200 internationalen Produktionen quer durch den 2016/17er-Jahrgang des internationalen Kinos, ausgewählt aus mehreren Tausend Kurz- und Langfilmen. Der Festival-Fokus liegt in diesem Jahr aus gegebenem Anlass auf der Türkei und trägt den bezeichnenden Titel »Über Landesgrenzen hinweg«. Die Palette der 19 Lang- und Kurzfilme reicht dabei von dem komplett neu bearbeiteten und gleichsam vollendeten Klassiker »Yol« (der einst 1980 in Cannes die Goldene Palme gewann) bis zu Orhan Eskiköys ebenfalls erstmals in Deutschland zu sehenden Film »Tas« (englischer Titel: »Stone«) über Zensur und Leben in der Türkei. Neben dem Schwerpunkt hat exground auch seine klassischen Reihen wie »American Independent«, »Made in Germany« oder »International«. Die Wettbewerbe sind ein Forum für vielversprechende junge Filmemacher – nicht zuletzt wegen des großen Publikumsinteresses an Werken jenseits der Kino-Konfektionsware. Eine Besonderheit sind auch die »youth days«, filmische Weltreisen in die Lebenswelten von Jugendlichen. Ein Höhepunkt und Publikumsrenner ist der »Deutsche Kurzfilmwettbewerb«. Längst gehört exground damit nach drei Jahrzehnten zu den größten und wichtigsten Festivals in Hessen und genießt sehr gute Resonanz über die Landesgrenzen hinaus. Trotzdem wird es auch heute noch jedes Jahr von mittlerweile über 100 ehrenamtlichen Helfern organisiert (ksa./vss.).

scs / exground©
Ein Österreicher - und ein anderer Österreicher (Filmausschnitt)
Quelle: scs / Screenshot / Courtesy and ©: The artists©©

Kurzfilm des Jahres | 2017

Ausstieg rechts …

Busfahren in Europas Provinz

Urban shorts verleiht jeden Monat den urban shorts award für einen herausragenden urbanen und/oder gesellschaftskritischen Kurzfilm. Einmal im Jahr – in der Regel zum Jahreswechsel – wird von der Redaktion aus den zwölf Preisträgern der »Kurzfilm des Jahres« gekürt. Angesichts des Erstarkens der AfD bei der Bundestagswahl und der Prognosen der bevorstehenden Nationalratswahl in Österreich hat sich die Redaktion entschieden, bereits in diesen Tagen in der Mitte zwischen jenen beiden Wahlen einen ganz bestimmten Film vorzeitig zum »Kurzfilm des Jahres 2017« zu küren. Es ist »Ausstieg rechts!«, eine Arbeit der beiden jungen Wiener Filmemacher Rupert Höller und Bernhard Wenger. Ihr Werk ist ein filmisches Ausrufezeichen gegen Rechts, das mit einer überaus subtilen Schlusspointe besticht. Es spielt in Österreich in der Provinz, könnte aber so oder ähnlich auch in jeder anderen und nicht nur geographischen Provinz mitten in Europa spielen – leider und hoffentlich zugleich … (red.).

scs / Screenshot / Courtesy and ©: The artists©©
Eigentlich haben Menschen im ÖPNV anderes zu tun als Tariftabellen zu lesen
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban21 | Busse, Bahnen, Billetts

Wie(n) ÖPNV geht …

ÖPNV in Wien, Tallinn - und Frankfurt

Was haben die estnische Hauptstadt Tallinn und das brandenburgische Templin gemein? Die Antwort: Zwei innovative Modelle, wie man in Städten aktiven Umweltschutz und bürgerfreundlichen Nahverkehr gestaltet. Tallinn mit seinen 440.000 Einwohnern ist wohl weltweit die größte Stadt, in welcher Busse und Bahnen für die Bürger kostenlos sind. Seit 2013 hat sich damit der Autoverkehr deutlich verringert, der Zuzug in die attraktiver gewordene Stadt hat zudem die Stadtkasse gefüllt. Templin, das Kurstädtchen in der Uckermark, hatte dieses Modell vor einigen Jahren auch eingeführt. Allerdings war dort der Erfolg so groß, dass sich die Busnutzung in kürzester Zeit zeitweise verzehnfachte. Damit reichten die Busse nicht mehr aus, neue mussten angeschafft werden. Da dies die Kasse des kleinen Örtchens überforderte, führte man eine »Jahreskurkarte« ein, mit der man für nunmehr 44 Euro das ausgebaute Busnetz nutzen kann. Kostendeckend ist dies nicht, zumal Templin zwar nur 16.000 Einwohner hat, aber nach der Fläche die achtgrößte Stadt Deutschlands ist. Doch für Templin war dies eine politische Entscheidung. Für die Bürger – und für die Luft im Kurort, welche der Ort und die Menschen dort zum Leben brauchen.

Tallinn wirbt für sich übrigens mit dem Slogan: »Tallinn – The City where the Future is now«. In Zeiten von Klimakatastrophen, Verkehrsinfarkten sowie der oft hohen Belastung von Bürgern mit Luftverschmutzung und den Kosten für Busse und Bahnen denken aber immer mehr Städte weltweit ihre Verkehrspolitik neu und wollen über Umlagen den ÖPNV zu einem Rückgrat ihrer Innenstädte machen. Tallinn und Templin sind nur zwei Musterbeispiele. Allerdings sind beides keine Riesenstädte. Doch dass bei entsprechendem politischen Willen öffentliche Bus- und Bahnnetze über Stadt und Bürger gemeinsam finanziert werden können, zeigt das Beispiel der schon immer sehr sozialen Stadt Wien. 365 Euro – ein Euro am Tag – ist dort ein politisches Statement, das weit über die österreichische Hauptstadt hinaus strahlt. Dass dies die Kosten der »Wiener Linien«, wie Busse und Bahnen in der Stadt heißen, nicht deckt, ist klar. Doch auch hier haben sich fast aus dem Stand binnen zwei bis drei Jahren die Jahresabos mehr als verdoppelt. Und den Rest der Kosten gibt die Stadt hinzu. Für die fast schon immer »rot(regiert)e Hauptstadt« ist dies eine politische Willensentscheidung, die anschließt etwa an die traditionell vorbildliche Wohnungsbau- und Mietenpolitik der Metropole, welche sich schon immer als Avantgarde solcher sozialer und bürgernaher Konzepte verstand.

Weltweit suchen Städte nach Querfinanzierungen für Busse und Bahnen. Nachgedacht wird über Steuermittel, Umlagen à la GEZ für ARD und ZDF oder über Arbeitgeberabgaben wie im Sozialsystem (die es beispielsweise in Frankreich bereits gibt). Und Frankfurt? Jene Stadt, die zwar fast doppelt so groß wie Tallinn, aber nur weniger als ein Drittel so groß wie Wien ist? Dort scheint der politische Wille aus Wien, Tallinn, Templin oder anderswo zu fehlen. Zwar kommt vor der 2018 anstehenden Neuwahl des Oberbürgermeisters auch hier etwas Schwung in die Debatte. Doch 365-Euro-Tickets oder gar freie Fahrt im ÖPNV werden nur von Kandidatinnen vorgeschlagen, die wenig Chancen auf den Sieg haben. Andere wie der aktuelle Amtsinhaber verfallen eher in Vor-Wahl-Aktionismus und PR- oder Placebo-Politik, indem sie im vorwahltauglichen Alleingang mal Preissenkungen für Tagestickets und Einzelfahrten durchsetzen. Maßnahmen jedoch, die weniger Bürgern vor Ort, sondern großteils Touristen nutzen. Und die nur ohnehin hohe Preise korrigieren (wäre Frankfurt Berlin, käme man für etwa das Geld einer Tageskarte hin und zurück bis nach Mainz/Wiesbaden, so aber nicht mal bis Offenbach oder zum eigenen Flughafen). Jahreskarten werden hingegen zwei Prozent teurer und schrammen knapp an der 900 Euro-Marke vorbei. Woraus sich ein interessanter Vergleich ergibt. Wien hat rund 2,5 mal so viele Einwohner wie Frankfurt. Das Jahresticket ist dafür in Frankfurt aber 2,5 mal so teuer wie in Wien. Wie dem auch sei. In Frankfurt scheint man eher an Kosmetik als an echte Korrekturen zu denken. Dabei würde zur F-Stadt Frankfurt ein Slogan mit Future doch eigentlich besser passen als zu Tallinn … (vss.).

Barbara Walzer (bw.)©
Ausnahmsweise keine Katastrophe, sondern Bilder aus einem Übungscamp für Rettungskräfte
Quelle: ZDF / Dieter Stürmer©

Im Netz | 3sat dokumentiert

Stürme. Erdbeben. Vulkane.

Die Natur. Die Gewalten. Und der Mensch.

In Bonn tagt derzeit die Weltklimakonferenz. Wie dringlich deren Arbeit ist, zeigt aktuell indirekt eine Reportage-Reihe von 3sat und Terra X. Sie handelt von Stürmen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Dies sind drei von vielen immer häufiger und heftiger werdenden Naturkatastrophen, welche die Erde seit einigen Jahren heimsuchen. Stürme, wegen denen in den USA ganze Landstriche evakuiert werden müssen. Erdbeben, die in Italien ganze Orte zerstören. Vulkane, die in Asien zum Alltag gehören. Ereignisse, die dabei aber nicht selten miteinander zu tun haben und einander bedingen. Etwa, wenn Erdbeben Vulkanausbrüche begünstigen oder auslösen können. Und ein Naturereignis ein anderes wie einen Dominoeffekt folgen lässt. Autor Stefan Schneider schaut in den drei Reportagen »Vulkane«, »Erdbeben« und »Stürme« auf diese drei Gewalten. In der vierten Folge »Wenn die Erde verrückt spielt« schließlich zeigt er die Zusammenhänge auf zwischen diesen Gewalten. Die Abhängigkeiten, die dabei sichtbar werden, machen letztlich deutlich, dass eine falsche Klimapolitik nicht nur Folgen in einem Bereich hat. Sondern auch einen Dominoeffekt, mit dem sich die Folgen potenzieren können … (red.).

ZDF / Dieter Stürmer©
Der Kurzfilm »Alike« - Ein berührender Aufruf zum Innehalten, Nachdenken und Andersmachen
Quelle: Alike©

Vom Großen zum Kleinen

Daß / dass diese Welt nie ende ..

Klimakonferenz, Fair Finance Week, Klimasparbuch

»Daß diese Welt nie ende, nur dafür laßt uns leben«. So hieß es in einem berühmten Lied von Konstantin Wecker aus den frühen 80er Jahren; damals noch mit »ß«. Dreieinhalb Jahrzehnte später, ein halbes Menschenleben, ist Wecker aktueller denn je. Es ist müßig, alles aufzuzählen, was diese Erde heute bedroht. Wobei, man kann es auch in einem einzigen Wort zusammenfassen: der »Mensch«. Und das Paradoxon ist, dass er selbst es in der Hand hat, die Erde auch zu retten. Oder weniger heroisch und zutreffender: zu bewahren. Und zuweilen macht er dies auch. Etwa auf der Weltklimakonferenz in Bonn, wo Politiker und Wissenschaftler den Ausweg aus der, wenn auch fern drohenden Klimakatastrophe suchen. Doch die Bewahrung der Erde ist nicht nur Aufgabe von Politikern und Wissenschaftlern. Die Erde lässt sich – nur – auf allen Ebenen bewahren. Etwa diese Woche, wenn in Frankfurt auf der Fair Finance Week Menschen aus vier alternativen Banken und aus deren Umfeld über eine nachhaltige Welt diskutieren und dabei Wege zum Bewahren jener Welt suchen. Und ganz nebenbei auch Wege, damit das, was diese bewahrte Welt zu bieten hat, für alle Menschen auf diesem Globus ausreicht. Doch ob auf der globalen Klimakonferenz oder an der lokalen Fair Finance Week. Letztlich kommt es auch auf den Einzelnen an (auf jenen, der gerne sagt, dass er alleine doch nichts tun könne). Auf sein Handeln im Alltag. Zum Beispiel mit dem Klimasparbuch, das verschiedene Städte heraus- und in dem sie Tipps zum Bewahren geben. Tipps, nach denen jeder handeln, nach denen jeder leben kann. Denn: »Dass diese Welt nie ende, nur dafür lasst uns leben« … (vss.).

Urban21 | Cities auf einen Blick

Mehr als tausend Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats März« auf urban shorts. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Fotos aus dem Weltraum. Teils sind es – zumindest von oben – einfach wunderschöne Bilder wie das von Hongkong, das sowohl das Titelbild des Buches wie der aktuellen Ausgabe von urban shorts ist. Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen. Teils erzählen sie einfach Geschichte, etwa von den wechselvollen Episoden einer gewachsenen Metropole wie Peking oder vom Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl. Urban shorts zeigt eine Auswahl dieser Aufnahmen. Manche einfach schön, manche informativ, manche erschreckend, manche alles in einem. Aber alle dokumentieren ein eigenes Stück Urbanität und (Menschheits-) Geschichte … (red.).