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Nockes Talkrunde mit Moderator
Quelle: scs / Screenshot Film Bilder©

Der Kurzfilm des Monats

Fressen und gefressen werden

Daniel Nockes »Wer trägt die Kosten?«

Urban shorts wählt jeden Monat in seiner urban shorts selection einen Kurzfilm des Monats und verleiht ihm den urban shorts award. Für den bundesdeutschen Wahl-Monat September hat die Jury »Wer trägt die Kosten?« ausgewählt. Der bereits 2015 entstandene Film von Daniel Nocke ist eine wunderbare und offenbar ständig aktuelle Persiflage auf Talkshows, Kapitalismus und die moderne Ellenbogengesellschaft. Es diskutieren: ein Löwe, eine Löwin, ein Aasgeier und ein Zebra. Moderation: eine Hyäne … (uss.).

scs / Screenshot Film Bilder©
Ausschnitt Buchcover
Quelle: Rowohlt©

Das Buch des Monats

Das Pro-Down-Syndrom-Kind-Buch

Sandra Schulz' Geschichte einer Entscheidung aus Liebe

In Frankreich hat eine junge Frau mit Down-Syndrom den Wetterbericht im Fernsehen präsentiert. In Frankreich liegt die Zahl der Abtreibungen wegen »Trisomie 21«, so der medizinisch korrekte Name, bei 77 Prozent. Und da immer mehr Mütter immer später schwanger werden, steigt das Risiko für Trisomie 21 zunehmend. Doch immer öfter wissen die Frauen auch schon vor der Geburt Bescheid. Wird es also bald keine Kinder mit Down-Syndrom mehr geben?

Nach dem »Spiegel«-Artikel »33 Millimeter Mensch«, in dem die Journalistin Sandra Schulz (39) über ihre erste Schwangerschaft schrieb, musste ich ihr Buch einfach kaufen. Ich wollte lesen, wie es weitergeht und was die werdende Mutter der kleinen Marja zu sagen hat. In der 13. Schwangerschaftswoche zeigt eine Blutuntersuchung »kein komplett unauffälliges Ergebnis«. Es folgt eine nicht enden wollende Odyssee von einem Spezialisten zum anderen, von der Psychologin zur Beratungsstelle – gespickt von grausamen Kommentaren von Ärzten. Einer ist der Titel des Buches »Das ganze Kind hat so viele Fehler«. Andere sind noch drastischer, noch brutaler, denn beim Ungeborenen werden nicht nur Trisomie 21, sondern auch ein Herzfehler und ein Wasserkopf diagnostiziert.

Die Stärke dieses Berichtes der werdenden Mutter liegt darin, dass sie ihre eigenen Zweifel, ihr Leid und ihre Wut so ehrlich wie möglich preisgibt. Die Reporterin, die jahrelang im Ausland unterwegs war und eine Fernbeziehung führte, kann sich ein Leben mit einem behinderten Kind zunächst kaum für sich selbst vorstellen. Geradezu trotzig aber ringt sie sich durch. Je mehr medizinische Probleme aufkommen, je mehr ihr die Ärzte und auch ihre Eltern dazu raten, das Kind nicht zu bekommen, desto stärker wird der Wille der Autorin, sich für ihre behinderte Tochter zu entscheiden …

Wie schwierig dieser Prozess ist – trotz oder gerade wegen der modernen Pränataldiagnostik, deren Grenzen das Buch gut aufzeigt -, erlebt der Leser hautnah mit. Und er erfährt – zusammen mit Sandra Schulz -, welche verborgenen Schätze in behinderten Kindern und ihren Familien stecken. Sie haben es schwerer. Aber im Buch wie im wirklichen Leben sind sie dadurch auch anders und reicher. Der achtjährige Down-Junge Paul hat gegen Ende des Buches ein Geschenk für die fast zweijährige Marja ausgesucht: einen Bären, der singt und tanzt. »Von Experten für Experten«, sagt Pauls Mutter – und Marjas Mama und Papa tanzen dann tatsächlich zusammen mit der Tochter morgens um acht im Kinderzimmer zur Musik des Bären. Ein Expertengeschenk (lys.).

Rowohlt©
Produziert für die »Dritte Welt«: Minipackungen zu Maxipreisen
Quelle: 3sat©

Im Netz | ZDF / 3sat

Geschäft mit der Armut

Konzerne, die Dritte Welt und maximierte Gewinne

Die globalen Konsum- und Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Unilever stoßen in Europa und Nordamerika zunehmend an ihre Grenzen. Die traditionellen Märkte sind buchstäblich gesättigt. Neue Umsätze und Gewinne lassen sich nur noch mit wenigen, oft öko- und nischenartigen Trends generieren. Auszeichnungen wie »Mogelpackung des Jahres« oder kritische und aufmerksame Verbraucher tun ihr Übriges, von den Preiskämpfen der Discounter ganz zu schweigen. Doch die Konzerne sind Aktiengesellschaften. Und die Logik dieses Marktes erfordert Wachstum, um Anleger und Analysten zufriedenzustellen.

Vor diesem Hintergrund haben die Konzerne die Schwellen- und Entwicklungsländer entdeckt. Und vor allem deren arme Einkommensschichten. In Brasilien und Kenia gelten jeweils über 40 Millionen Menschen als arm, haben nur ein, zwei oder drei Euro am Tag zum Leben. Was gemessen an noch ärmeren Ländern viel ist – und sie zur idealen Zielgruppe macht. Ein, zwei Euro sind zu wenig, um Vorräte einzukaufen. Die Antwort der Konzerne: Minipackungen. Und das zu Maxipreisen – und mit entsprechenden Gewinnmargen. Zumal nicht selten diese teuren Fertig-Lebensmittel trotzdem billiger sind als einheimische Früchte oder Gemüsesorten, die immer häufiger nur noch für den Export angebaut werden. Zusätzliche Crux: Fertigprodukte fördern oft Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes – und machen nicht selten auch noch abhängig. Ein zwiespältiges Geschäft mit zahlreichen Folgekosten und Folgegewinnen – aufgezeichnet in zwei anschaulichen Reportagen von Joachim Walther im ZDF und auf 3sat. Besonders interessant an diesen beiden Filmen: Es ist eigentlich zwei Mal die gleiche Reportage – vom gleichen Autor, mit dem gleichen Bildmaterial, aber das Thema von zwei verschiedenen Seiten her beleuchtend … (sfo.).

Urban21 | Urban Sketching

Städte. Skizzen. Sichten.

Eine Bewegung und zwei Ausstellungen

Am Anfang – wenn auch keineswegs ganz am Anfang – stand 2007 der in den USA lebende spanische Zeichner und Journalist Gabi Campanario. Für die »Seattle Times« näherte er sich damals bereits einmal in der Woche zeichnerisch und journalistisch einem Ort, einem Thema oder einem Ereignis, das er auf diese vorerst ungewohnte Art und Weise versuchte, aufzunehmen, einzufangen und zu dokumentieren. Da Campanario mit dieser Idee allerdings schon damals nicht so ganz allein stand, sondern rund um den Globus durchaus zahlreiche Menschen bereits versuchten, auf die gleiche Art und Weise ihre Städte und ihre Umgebung zu erkunden und zu erfassen, entstand um Campanario herum rasch eine neue Bewegung, die sich den Namen »Urban Sketchers« gab. Herzstück ist der »Urban Sketchers Blog«, auf dem 100 »Blogkorrespondenten« weltweit publizieren.

Zehn Jahre später ist »Urban Sketching« – ob organisiert oder unorganisiert – eine weltweite und ständig wachsende Gemeinschaft, die über das World Wide Web miteinander vernetzt ist, dort ihre Idee(n) und Zeichnungen teilt und verbreitet, aber deren Mitglieder auch untereinander sich immer wieder in Gruppen treffen, miteinander diskutieren und zeichnen. Neben einer neuen, eigenen Sicht auf die Dinge steht für sie oft auch das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Allein im RheinMain-Gebiet hat das Urban Sketching mittlerweile eine dreistellige Zahl mehr oder minder organisierter Anhänger, die in diesem Jahr auch bereits durch zwei außergewöhnliche Ausstellungen auf sich aufmerksam machten. In Mainz präsentierten zehn organisierte Urban Sketcher aus der Region Werke der letzten Jahre, die nicht nur vor Ort, sondern auch bei zahlreichen (auch gemeinsamen) Reisen rund um den Globus entstanden sind. Parallel dazu zeigte die renommierte Frankfurter Urban Sketcherin Katharina Müller (Künstlername: Kamü) einige sehr feine Zeichnungen von ihren Reisen nach Osteuropa. Beiden Ausstellungen gemein war die hohe zeichnerische Klasse, mit welcher es den Künstler(inne)n immer wieder gelingt, nicht nur einfach Orte und Menschen abzubilden, sondern auch ein Stück weit das Lebensgefühl dieser Orte und Menschen und damit auch der Zeit und Gesellschaft von heute einzufangen. Urban shorts dokumentiert in einer Galerie anhand von 15 ausgewählten Zeichnungen die beiden Ausstellungen (vss.).

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Das jordanische Az-Zaatari entstand im Syrienkrieg. Es ist mit 80.000 Bewohnern eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Und längst eine Stadt.
Quelle: © eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©

Urban21 | Flüchtlingslager

Refugistan – ein Land mittlerer Größe

Das Land der Geflohenen und der Unerwünschten

Am 20. Juni war weltweit der Tag des Flüchtlings. Dazu eine der erschütterndsten Zahlen überhaupt: Im Durchschnitt verbringt ein Flüchtling 17 Jahre seines Lebens in (s)einem Lager. Und gleich noch mal die selbe Zahl. Diesmal nur mit sechs Nullen dazu. Rund 17.000.000 Menschen leben heute weltweit in einem Flüchtlingslager. »Refugistan«, dieses merkwürdige »Land der Unerwünschten«, ist dabei längst ein eigener Staat mittlerer Größe geworden, nach »Einwohnern« etwa auf Platz 65 der Welt. Irgendwo zwischen den Niederlanden, Chile, Mali – und Syrien, das es makabererweise aber wohl bereits überholt haben dürfte. Und noch eine Zahl, bei der man die eins zu Beginn nur gegen eine zwei tauschen muss: 27.000 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, ohne wenigstens in einem Lager eine Art Heimat gefunden zu haben …

Besonders erschreckend ist die Institutionalisierung der Flucht, die in den letzten Jahren dramatische Ausmaße angenommen hat. Ob in Dabaab in Kenia, dem weltweit größten Lager am Horn von Afrika mit mittlerweile rund 350.000 »Einwohnern«, im jordanischen Camp Az-Zaatari, in das der Syrienkrieg bald 100.000 Menschen gespült haben wird, oder im traurig berühmten Idomeni an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien, das zum Symbol (gescheiterter) europäischer Flüchtlingspolitik wurde. Weltweit leben immer mehr Menschen in Lagern, die für diese Geflohenen und nicht selten doppelt Unerwünschten zur neuen Heimat geworden sind. Orte, welche die französische Journalistin Anne Poiret schon 2015 in einer Arte-Reportage »nicht Stadt und nicht Gefängnis« nannte, die aber doch von beidem etwas sind. Erst Orte der Zuflucht. Dann Orte des Aufbruchs, von dem man nicht weiß, wann und wohin er stattfindet. Oder ob überhaupt. Nicht selten nämlich werden diese Orte auch eine endgültige Heimat für viele dieser Menschen. Und obwohl sie dabei immer mehr Städten gleichen, sind diese Orte doch zugleich auch Gefängnisse. Und dramatische Denkmäler für gescheiterte Politik(en) … (vss.).

Urban21 | Cities auf einen Blick

Mehr als tausend Worte …

Städte erzählen (ihre) Geschichte

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Dies gilt ganz besonders für das »Buch des Monats März« auf urban shorts. In »Cities. Brennpunkte der Menschheit« erzählt der Wiener Verlag eoVision die Geschichte von Städten anhand von Satelliten-Fotos aus dem Weltraum. Teils sind es – zumindest von oben – einfach wunderschöne Bilder wie das von Hongkong, das sowohl das Titelbild des Buches wie der aktuellen Ausgabe von urban shorts ist. Teils sind es erschreckende Bilder, wenn sie die Ausmaße von tief in die Natur oder das Leben eingreifenden Strukturen in Minen- oder Industriestädten zeigen. Teils erzählen sie einfach Geschichte, etwa von den wechselvollen Episoden einer gewachsenen Metropole wie Peking oder vom Aussterben einer ganzen Stadt nach dem Unglück von Tschernobyl. Urban shorts zeigt eine Auswahl dieser Aufnahmen. Manche einfach schön, manche informativ, manche erschreckend, manche alles in einem. Aber alle dokumentieren ein eigenes Stück Urbanität und (Menschheits-) Geschichte … (red.).

© eoVision 2016; Originaldaten: © CNES 2016, Distribution Airbus DS©
Künftig öfter mal allein zu sehen
Quelle: lys.©

Lettre de France (lys.)

Wenn der Briefträger wieder klingelt

Frankreichs Post will sich um die Alten kümmern

In  Frankreich soll es bis 2030 über eine Million Menschen geben, die über 90 Jahre alt sein werden. Damit wird auch die Zahl der Älteren wachsen, die alleine leben. Besonders auf dem Land und bei Seniorinnen wird dies zum Problem (Frauen werden ja bekanntlich älter als Männer – das ist in Frankreich nicht anders als anderswo). Mehr als anderswo leben in Frankreich ältere Menschen alleine auf dem Land – in Dörfern, denen die jungen Leute den Rücken gekehrt haben. Doch auch in den Städten wird deren Zahl steigen. Und nur wenige werden die Chance haben, eine Studentin oder einen Studenten bei sich aufzunehmen. Wie französische Medien kürzlich berichteten, sind die Briefträger oft die einzigen, die regelmäßig bei isoliert lebenden älteren Leuten vorbeikommen … 

Das hat jetzt offenbar auch Frankreichs Post bemerkt – und als neues Geschäftsfeld für sich entdeckt. So hat »La poste« ein Konzept gestartet, bei dem sich die Briefträger um alleinstehende ältere Menschen kümmern sollen. Unter dem Slogan »Veiller sur mes parents« (»Auf meine Eltern aufpassen«) bietet sie ein Abonnement, bei dem bis zu sechs Besuche pro Woche gebucht werden können. Schaut der Postbote sechs Mal pro Woche bei einem älteren Verwandten vorbei und verschickt einen Bericht per SMS, kostet das 135 Euro pro Monat. Die Kosten sind steuerlich absetzbar, so dass der Besuch zwei Mal pro Woche nach Abzug der Steuern sogar nur 27,50 Euros kostet. Per SMS kann der Abonnent über den Briefträger auch noch Nachrichten an den Vater, die Mutter, die Oma oder den Opa ausrichten (lassen). Das Konzept wurde bereits erfolgreich in Westfrankreich getestet und wird jetzt im ganzen Land angeboten.

Im Zeitalter des Internets leidet auch die französische Post unter dem einbrechenden Kerngeschäft, weil immer weniger Briefe verschickt werden. Und dabei rückt für sie der wachsenden Markt der älteren Menschen immer mehr in den Fokus. So bietet das Unternehmen, das neben Finanzprodukten auch Handys verkauft, auch ein Tablet speziell für ältere Leute an – unter dem Namen »Ardoiz«. »Ardoise« ist das französische Wort für eine Geldsumme, die man in einem Laden oder in einer Kneipe schuldet, abgeleitet vom Namen der kleinen Schiefertafel, auf der etwas notiert wird und die Schüler früher mit in die Schule brachten. Damit nicht genug. Obendrein hat La poste auch Anteile an einem Unternehmen erworben, das auf Seniorenbetreuung spezialisiert ist. Und auch die neue Geschäftsidee geht man fast generalstabsmäßig an. 27.000 der 73.000 Briefträger erhalten dafür sogar eine spezielle Fortbildung. Kritik gab es allerdings auch bereits. So beklagte die Postgewerkschaft SUD PTT, dass jetzt Geschäft mit sozialen Kontakten gemacht werden solle … (lys.).