Aus dem Film »Miete essen Seele auf«
Quelle: scs / Arte©

Arte dokumentiert | Berlin

Miete essen Seele auf

Bis 18.12. | Der Mieterprotest am Kottbusser Tor

»Gecekondu« – das Wort stammt aus der Türkei. Es bedeutet »über Nacht gebaut«. Türken, vornehmlich in der seit Jahrzehnten permanent wachsenden Metropole Istanbul, bezeichnen damit Bauten, die buchstäblich in einer Nacht (oder zumindest annähernd) errichtet wurden und nach Meinung vieler Türken dann nicht abgerissen werden dürften (woran sich manchmal sogar Behörden halten). So ist es kaum verwunderlich, dass eine der ungewöhnlichsten und stark von türkischstämmigen Migranten mitgetragenen Mieterinitiativen Berlins mit einem Gecekondu begann. Im Mai 2012 errichteten sie mit anderen Bewohnern von Sozialwohnungen am Kottbusser Tor aus Europaletten ein kleines Gecekondu. Mit und in dem kleinen Palettenbau protestierten sie gegen die Mietsituation in den benachbarten Plattenbauten.

Aus dem Gecekondu wurde die Initiative Kotti & Co., die vor allem für Sozialwohnungen in der Innenstadt eintritt, für das Recht von sozial Schwachen auf urbanes Leben sozusagen. Längst ist Kotti & Co. aber auch zum Zentrum für Initiativen rund um Mieterinteressen und zum Nachbarschaftstreff quer durch alle Schichten geworden. In »Miete essen Seele auf« dokumentierte Regisseurin Angela Levi zwei Jahre des Miteinanders und des Kampfes von Kotti & Co., der längst weit über Berlin hinaus Beachtung findet. Auch, weil es fast ein Stellvertreterkrieg ist für die Art und Weise, wie wir urban leben wollen. Neben vielen Einblicken auch in die Wohnungen rundherum gibt auch der »Cottbusser Chor« Kostproben seines Könnens und verleiht dem Ganzen auch satirische Züge. Ein Auszug: »Sie sind verbunden mit dem Reparaturservice der Deutsche Wohnen. Wenn Sie Ahmet oder Hatice heißen oder aus anderen Gründen ein niedriges Einkommen haben, drücken sie die 1 …«. Der Film – man glaubt es kaum – stammt aus dem Jahr 2015. Und doch ist er im Jahr 2018 an Aktualität kaum zu überbieten. Ein Lehrstück zur Rückeroberung der Stadt … (hak.).

Virtual Artist | Niko Neuwirth

Über den Dächern einer Stadt

Suburban-subversive Baustellen-Betrachtungen

Niko Neuwirth ist ein Spezialist für die ungewöhnlichen Fälle und Fotografien. Für »Facing Europe« reiste er mehrfach quer durch Europa und fotografierte Menschen, die ihm begegneten. Sein neuestes Projekt ist Frankfurt. Genauer: die Baustelle(n) Frankfurt(s). Nachts begibt er sich auf die Dächer der Stadt und ihrer Baustellen. Je höher, desto besser. Und er sucht die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (können). Neue Blick- und Stadtlandschaften tun sich auf. Gerüste, Mülltonnen und Straßenmarkierungen bekommen einen künstlerischen Mehrwert. »Nachts über Frankfurt« ist ein urbanes und künstlerisches Projekt zugleich. Und in gewisser Weise – trotz der schwindelnden Höhen, in denen es entsteht – ein suburbanes und subversives. Urban shorts, das urban-kulturelle Magazin, dokumentiert 20 Momentaufnahmen aus den nächtlichen »Beutezügen« – persönlich »eingerahmt« durch den Künstler. Und: Urban shorts und Niko Neuwirth setzen diese Betrachtungen der Stadt mittels ihrer Baustellen fort. Im Laufe des Sommers werden weitere Bilder auftauchen. Lose und in lockerer Folge – so wie ihr Fotograf selbst immer wieder auf den Baustellen der Stadt erscheint und mit seiner ungewöhnlichen »Bildbeute« wieder entschwindet … (vss.).


Spät abends auf dem Boot der zeichnenden Hände ...
Quelle: kamü / Clara Schuster / Verlage©

Festival | Downtown Frankfurt

Das Boot der zeichnenden Hände

Comic Solidarity & Urban Sketchers auf dem Yachtklub

»Das Boot der zeichnenden Hände« – Es klingt wie der Titel des neuesten Abenteuers der beiden frankobelgischen Comic-Helden Spirou und Fantasio. Ort und Zeit: ein altes Hausboot am Ufer des Flusses, etwas versteckt unter einer Brücke und hinter einer bewaldeten Flussinsel, an einem lauschigen Altweibersommerabend, an dem sich die milde Wärme vom sonnigen Tag mit den ersten Oktobernebeln über dem Wasser mischen. Szenerie und Handlung: eine illustre Gesellschaft teils mondäner, teils subkultureller Stadtmenschen, toulouse-lautrec-artig gemischt mit Künstlern und Künstlerinnen sowie einigen skurrilen Gestalten der örtlichen Szene, soireeartige Lesungen unter Deck, angeregte Plaudereien an Bar und Reling, ein bohèmehaft-künstlerisches Treiben der Szenekünstler, die zwischendurch Gäste skizzenhaft aufs Zeichenpapier bannen, und erste Töne eines DJs, der seinerseits bereits die späteren Bands ankündigt …

»Das Boot der zeichnenden Hände« – Es war allerdings (noch) nicht das neueste Abenteuer der beiden Comic-Helden. Es war vielmehr die Szenerie des 4. Frankfurter Comic Satelliten, der im Schatten der großen Buchmesse nicht nur erstmals auf dem kleinen szenigen Yachtklub am Main stattfand, sondern erstmals auch zwei ungewöhnliche Communities zusammenbrachte. Womit wir bei der Handlung wären: Die Frankfurter Comic Solidarity der unabhängigen Comicszene traf auf die Urban Sketcher der freien urbanen Zeichner aus der Region. Hier die ZeichnerInnen aus dem stillen Kämmerlein, die erst mit dem fertigen Produkt und ganzen Geschichten an die Öffentlichkeit treten. Dort die ZeichnerInnen, deren Werke in der Öffentlichkeit entstehen und die eher einzelne Momente festhalten. Eins eint allerdings beide Gemeinschaften: der Wunsch, zeichnerisch ihre Welt(en) zu entdecken und festzuhalten und dabei tatsächlich auch Gemeinschaft in den Vordergrund zu stellen.

Drei Abende lang war das Hausboot – tatsächlich gelegen zwischen Alter Brücke, Mainufer und Rudererinsel – Gastort dieses ungewöhnlichen »Comicsatelliten«, eines der eher schrägen Kunstereignisse am Rande der Buchmesse. ComiczeichnerInnen luden zu Lesungen aus ihren neuesten Bänden, darunter Kultautorin Katja Klengel (mit »Girlsplaining«) oder das Independent-Label »Jazam«. Dazu konter-skizzierten die VertreterInnen der Urban-Sketcher-Szene mit Pop-up-Ausstellungen und permanentem Live-Zeichnen per Hand im Skizzenblock und elektronisch via Bildschirm die Abende. Meist in entspannter Runde mit Tusche und Stift, ließen sie sich dabei über die Schultern schauen und auch für einige Porträts einspannen. Je später der Abend, desto chilliger wurde es denn auch auf dem Boot, auch durch die anschließenden Parties zu später Stunde. Und das Boot? Es wurde dabei selbst zur Pop-up-Ausstellung mit unzähligen kleinen Zeichnungen an den Wänden. Und auch doch noch zum Stoff neuer Comic-Geschichten? Vielleicht sogar des nächsten Spirou- und Fantasio-Bandes? Flix, der Zeichner des aktuellen Berlin-Abenteuers der beiden, war am Samstag selbst zur Lesung zu Gast – und sprach danach schon vorsichtig von Spirou in Frankfurt. Und wenn nicht, schreibt vielleicht jemand anderes nach diesen Abenden die Geschichte vom »Boot der zeichnenden Hände« … (vss.).

Buchmesse | Gastland

Georgian Characters

Ein Land in Ausstellungen (und Lesungen)

Ganz neu ist die Idee nicht. Und doch ist sie immer wieder originell. Gemeint ist das Spiel mit dem englischen Wort »Characters«. Im Deutschen kann es zwei Bedeutungen haben: Buchstaben und eben den Charakter von Menschen. Auf der diesjährigen Buchmesse spielt das Gastland Georgien mit diesem Doppelsinn. Es geht um die ungewöhnliche Schrift und um die ungewöhnlichen Charaktere des Landes und seiner Menschen. Vieles davon kommt in den Lesungen georgischer Autoren, aber vor allem auch in vielen, teils außergewöhnlich guten Ausstellungen mit Fotos und Videos über das Land und jene Menschen zum Ausdruck. Urban shorts gibt einen kleinen Über- und Einblick in sechs ausgewählte Ausstellungen in Frankfurt. Unkommentiert, denn die Bilder sprechen für sich. Ebenso wie hoffentlich die Lesungen im Laufe der Woche auch (red.).

Urban Sketchers unterwegs

Einige Tage in … Porto

Sketchers sehen die portugiesische Stadt

Einmal im Jahr trifft sich die weltweite Urban Sketchers Community in einer Metropole dieser Welt. Für wenige Tage wird diese Stadt zum Mittelpunkt und zum Studio dieser begeisterten ZeichnerInnen. Sie kommen zusammen, um andere ZeichnerInnen zu treffen, um dazuzulernen, um die Stadt zu erleben – und natürlich um zu zeichnen. 2018 war dieses Mekka die portugiesische Küstenstadt Porto, zweitgrößte Metropole des Landes. In der Urban shorts Artist-Section »Out of the Box« zeigen einige Urban Sketchers aus FrankfurtRheinMain eine kleine Nachlese dieser Reise. Mehr über diesen Trip und die Philosophie dieser Treffen im nachfolgenden Text der Frankfurter Urban Sketcherin Gabi Wührmann, in dem sie einen Einblick in die Tage in Porto gibt (red.).

Urban-ist | Urban Sketching

Städte. Skizzen. Sichten.

Eine urban-künstlerische Bewegung

Am Anfang – wenn auch keineswegs ganz am Anfang – stand 2007 der in den USA lebende spanische Zeichner und Journalist Gabi Campanario. Für die »Seattle Times« näherte er sich damals bereits einmal in der Woche zeichnerisch und journalistisch einem Ort, einem Thema oder einem Ereignis, das er auf diese vorerst ungewohnte Art und Weise versuchte, aufzunehmen, einzufangen und zu dokumentieren. Da Campanario mit dieser Idee allerdings schon damals nicht so ganz allein stand, sondern rund um den Globus bereits zahlreiche Menschen versuchten, auf die gleiche Art und Weise ihre Städte und ihre Umgebung zu erkunden und zu erfassen, entstand um Campanario herum rasch eine neue Bewegung, die sich den Namen »Urban Sketchers« gab. Herzstück ist der »Urban Sketchers Blog«, auf dem mittlerweile rund 100 »Blogkorrespondenten« weltweit ihre Arbeiten und Berichte von ihren Treffen publizieren.

Ein Jahrzehnt nach Gabi Campanarios Anfängen ist das »Urban Sketching« – ob organisiert oder unorganisiert – eine weltweite und ständig wachsende Gemeinschaft, die über das World Wide Web miteinander vernetzt ist, dort ihre Idee(n) und Zeichnungen teilt und verbreitet, aber deren Mitglieder auch untereinander sich immer wieder in Gruppen treffen, miteinander diskutieren und zeichnen. Neben einer neuen, eigenen Sicht auf die Dinge steht für sie oft auch das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Allein im Rhein-Main-Gebiet hat Urban Sketching mittlerweile eine dreistellige Zahl mehr oder minder organisierter Anhänger, die auch immer wieder durch Projekte und Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. In Mainz hat sich ein kleines Zentrum ihrer Arbeit entwickelt. Dort hatten zuletzt sowohl im Rathaus als auch im Landesmuseum organisierte Urban Sketchers aus der Region und auch Gäste aus aller Welt eigene Ausstellungen und präsentierten Zeichnungen, die bei zahlreichen (auch gemeinsamen) Reisen rund um den Globus entstanden sind. Gerade diese Ausstellungen zeigten die Klasse, mit welcher es den Künstler(inne)n immer wieder gelingt, nicht nur einfach Orte und Menschen abzubilden, sondern auch ein Stück weit das Lebensgefühl dieser Orte und Menschen und damit auch der Zeit und Gesellschaft von heute einzufangen. Ergänzt werden diese Ausstellungen und auch die sonstigen Treffen der Urban Sketchers immer wieder mit Live-Zeichen-Sessions und Workshops, bei denen nicht selten neue Interessenten zu dieser Community hinzustoßen … (vss.).