Solidarität über (Kriegs-) Grenzen hinweg: Libanesische Zeder illuminiert an der City Hall Tel Aviv
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Bild der Woche

Selbst über Grenzen hinweg

Tel Aviv trauert solidarisch mit Beirut

Es gibt Momente, die lassen für einen kurzen Augenblick die Welt stehen bleiben. Momente, in denen plötzlich alles anders ist und sich vieles in dieser Welt relativiert. Einer dieser Momente ist der Moment jener gewaltigen Explosion, die von einer Sekunde auf die andere weite Teile Beiruts zerstörte. Und der mitten in Corona-Zeiten noch größeres Leid über die ohnehin gebeutelte Stadt bringt. Momente, die so gewaltig sind, dass selbst Gegner für einen Moment ihre Trauer und ihre Solidarität zeigen und ihre Hilfe anbieten. In der israelischen Metropole Tel Aviv leuchtete die City Hall in den Umrissen und Farben der libanesischen Zeder. Und das, obwohl beide Staaten formal im Kriegszustand miteinander sind. Momente, in denen sich vieles in dieser Welt relativiert … (red.).

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Delhi wird 2100 wohl die Kapitale des Landes mit den meisten Menschen weltweit sein
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Studie zur Weltbevölkerung

Weniger Menschen in der Zukunft

Afrika wächst, aber die Erdbevölkerung schrumpft

Der »Platz auf dem Planeten« wird nach einer neuen Studie bis 2064 mit dann fast zehn Milliarden Menschen immer weniger werden. Doch danach wird die Zahl der Menschen weniger – um eine Milliarde bereits bis Ende des Jahrhunderts. Während Afrika noch wächst, schrumpfen Länder wie Deutschland und vor allem südeuropäische Staaten – und wird Migration wohl eine immer wichtigere Rolle für diese Länder spielen.

[> Beitrag auf eigener Seite lesenFür die Menschheit könnte 2064 das magische Jahr ihrer Geschichte werden. In diesem Jahr sollen fast zehn Milliarden Menschen auf dem Globus leben. Rund zwei Milliarden mehr als heute. Nach jüngsten Berechnungen der renommierten University of Washington (Seattle) soll das dann allerdings der Gipfel der Menschheitsgeschichte sein. Schon bis Ende des Jahrhunderts erwarten die Forscher*innen schon wieder rund eine Milliarde weniger Menschen. Geringere Geburtenraten in vielen Teilen der Welt, bedingt durch mehr Wohlstand, mehr Verhütung und bessere Bildung für Frauen, sollen die Gründe sein. Vor allem in Europa und Asien würden sich Populationen vielfach sogar halbieren, wenn die Länder nicht massiv mit Immigration gegensteuerten. Selbst China – heute mit 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde – soll auf ziemlich genau die Hälfte schrumpfen. Ähnlich wie viele Länder in Südeuropa, etwa Spanien, Italien oder Portugal, wo dann vielleicht zusammen nur noch 60 Millionen Menschen leben.

In mancherlei Hinsicht werden sich die Verhältnisse auf dem Globus regelrecht umkehren. Die wirtschaftlich schwächeren Regionen in Afrika und Nahost könnten dann mit rund vier Milliarden Menschen (heute 1,6 Milliarden) fast die Hälfte der Erdbevölkerung beherbergen – falls diese nicht massiv in andere Regionen wandern. Folgen würde das restliche Asien, in dem das wirtschaftlich schwächere Indien mit 1,1 Milliarden China abgelöst haben dürfte (laut Prognose dann vor Nigeria mit 800 Millionen). Apropos Wirtschaft: Die USA und China würden sich der Studie zufolge das gesamte Jahrhundert über einen Zweikampf um die stärkste Volkswirtschaft des Planeten liefern; in dem China zeitweise vor den USA liegen soll, bevor es seiner schwindenden Bevölkerung Tribut zollt. In Europa würden von den vier großen Staaten und Volkswirtschaften die migrationsstarken Großbritannien und Frankreich etwa gleichbleiben in Population und in relativer Wirtschaftskraft unter den Top Ten der Welt, Deutschland würde den Platz unter den Top Ten trotz massiven Schwundes von rund 20 Prozent der Bevölkerung halten, aber Italien würde aufgrund des massiven Schwundes kaum so glimpflich wegkommen. Allerdings offenbart die Studie damit auch ihren größten Unsicherheitsfaktor, da in den Berechnungen reale Zuwanderung nur bedingt über mehrere Jahrzehnte vorhergesagt werden könn(t)e. Im Umkehrschluss halten die Forscher*innen übrigens fest, dass gerade die europäischen Staaten ohne Zuwanderung ihre heutige Stellung kaum werden halten können, und legen damit insbesondere eine vorausschauende Migrationspolitik nahe. Und noch eine Folge wird das Szenario haben: 2100 werden mit rund 2,4 Milliarden mehr Menschen über 65 Jahren auf dem Planeten leben als Menschen unter 20 Jahren (rund 1,7 Milliarden). Dies lässt sich allerdings wieder ziemlich sicher vorhersagen … (vss.).

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Kopenhagen als Avantgarde - In der dänischen Metropole haben Radfahrer sogar eigene Brücken
Quelle: Quelle: Jakob Munk / Butchers & Bicycles / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-4.0 (s.u.)©

Urban .21 | Pop up-Bike Lanes

Radwege auf allen Wegen

Corona beschleunigt Rad-Verkehrs-Wende

Ob Brüssel, Mailand oder Barcelona, ob Berlin, München, Frankfurt, Darmstadt oder Offenbach – Europa- und bundesweit bauen Städte Radwege aus. Nicht nur aus ökologischen Gründen. Die neuen Pop-up-Lanes, die vom Lockdown noch befördert wurden, werden in Zeiten der Lockerungen erst recht gebraucht. Und es gibt wenig gute Gründe dagegen. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war schon ein bemerkenswerter Satz, der vor einigen Wochen aus der Frankfurter Industrie- und Handelskammer zu vernehmen war. Die Frankfurter Verkehrspolitik solle sich, so der Präsident des einflussreichen Wirtschafts- und Handelsverbandes, mehr an einem funktionierenden Verkehr als an der Bevorzugung einzelner Verkehrsmittel orientieren. Vereinfacht gesprochen: Die in einem mühsamen Prozess gerade neu die Stadt durchziehenden roten Bike Lanes auf den Hauptverkehrsstraßen sollten doch bald wieder verschwinden, um die Straßen wieder einem einzelnen Verkehrsmittel namens Auto und den damit einkommenden Pendlern, Geschäftskunden und Lieferanten zurückzugeben. Pardon: natürlich nicht einem einzelnen Verkehrsmittel, sondern einem in den Augen der IHK funktionierenden Verkehr natürlich.

Nun scheinen Frankfurts Straßen – siehe Mainkai – ja überhaupt ein gutes Pflaster für das Infragestellen urbaner Veränderungsprozesse zu sein. Doch in Sachen Bike Lanes scheinen manche in dieser Stadt vollends die Zeichen der Zeit zu ignorieren. Ob Brüssel, Mailand oder Barcelona, ob Berlin, München, Darmstadt oder sogar Offenbach – Europa- und bundesweit bauen Städte derzeit massiv ihre Radwege-Infrastruktur aus. Und in Corona-Zeiten noch um einiges zügiger als zuvor. In Berlin und München entstanden und entstehen mit dem Beinamen »Corona Lanes« bereits zahlreiche Pop-up-Lanes auf großen Verkehrsachsen. Ging es in der Vergangenheit um bessere Luft und mehr Lebensqualität, so kam in den letzten Wochen noch das Argument für mehr gesunde und abstandsgeschützte Fortbewegung in Corona-Zeiten hinzu. Berlin etwa hat denn auch die zeitliche Begrenzung der Lanes von Ende Mai auf Ende des Jahres verlängert. München begleitet die Lanes mit parallelen Untersuchungen, ob positive Effekte denn nicht gleich dauerhaft bleiben sollten. In Darmstadt und Offenbach mach(t)en sich Bürger*innen für Radentscheide stark, um dem Rad dauerhaft mehr Platz im Straßenverkehr zu schaffen. Gegen die bisherige Bevorzugung eines einzelnen Verkehrsmittels, könnte man sagen.

Nicht nur in Deutschland treffen sich mittlerweile Ökologie und Corona-Vorsorge. Metropolen wie Brüssel oder Barcelona beschleunigten in diesem Sommer den Umbau ihrer Innenstädte zu Städten für Fahrrad und Fußgänger. Brüssel etwa führt flächendeckend Tempo-20-Zonen ein und erlaubt Fußgänger*innen, auf den Straßen zu gehen. Zuerst einmal, um ihnen mehr Abstand auf und in den Straßen zu ermöglichen. Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau assistiert mit der Bemerkung, dass Corona die Dringlichkeit des Umbaus noch erhöht habe. Und dies gilt nach Ansicht zahlreicher europäischer Stadtoberer gerade jetzt. In einem offenen Brief an die EU warnten sie vor einem Rebound-Effekt für das Klima und die Schadstoffbelastung der Städte, da gerade jetzt viele Menschen zum eigenen Schutz eher auf das Auto als auf den Zug setzten. Ein Grund mehr, neben einem Ausbau des ÖPNV den Raum für Autos zu verknappen. Auch Italiens Wirtschaftsmetropole Mailand schließt sich den anderen Großstädten an und will im Laufe des Sommers 35 Kilometer Straße zugunsten von Radfahrer*innen und Fußgänger*innen umbauen. Mit einer – neben der Gesundheit – interessanten Begründung: Dass dies der innerstädtischen Wirtschaft, den Bars, den Geschäften und Handwerkern zugutekäme in der Zeit nach der Krise. Ein bemerkenswertes Motiv übrigens, bestätigen doch praktische Beispiele und Studien aus und über andere Städte immer wieder, dass verkehrsberuhigtere Innenstädte mitnichten immer zu Verödung, Geschäftesterben oder Umsatzeinbußen führten. Zumal wenn mehr Parkhäuser und besserer ÖPNV das ausgleichen. Davon kündet auch die skurrile Erfahrung von Stadtoberen aus dem belgischen Gent. Als vor vier Jahrzehnten der damalige Bürgermeister die Innenstadt autofrei machen wollte, schickte ihm ein Ladeninhaber unmissverständlich eine Patrone ins Rathaus. Vier Jahrzehnte später berichtet sein Nachfolger, dass er eine kugelsichere Weste brauchen würde – wenn er das wieder rückgängig machen würde … (vss.).

Quelle: Jakob Munk / Butchers & Bicycles / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-4.0 (s.u.)©
Lichter nun doch doppelt am Start
Quelle: Lichter Filmkunst e.V.©

Das Festival | Sommerkino(s)

Das Freiluftkino im Doppelpack

Lichter Sommerkinos in Rüsselsheim und Frankfurt

Was machen in Frankfurt Festivalmacher*innen, wenn sie die aktuell obligatorische Gästezahl von 250 überschreiten wollen? Möglichkeit eins: eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Was ein mühseliges Unterfangen ist, wie die Crew der Sommerwerft zu berichten weiß. Möglichkeit zwei: zwei Festivals machen. Was am Ende nicht weniger mühsam ist, wie die Crew des Lichter Filmfests weiß. Und letzteres liegt dabei nicht am Wunsch nach mehr Publikum, sondern am ganz normalen Wahnsinn, in der Mainmetropole Plätze für Open Air-Festivals erstens zu finden und zweitens genehmigt zu bekommen. Schon ohne Corona ist dies nicht selten ein Puzzlespiel zwischen mäkelnden Nachbarn und städtischen Verordnungen. Ersteres übrigens meist im Singular, letzteres oft im Plural. Was aber keinen Unterschied macht: Es dauert oft lange, bis ein solches Festival in Frankfurt »steht«.

So macht Lichter zwar wieder zwei Festivals in der Region. Aber das »Freiluftkino Frankfurt« und das Sommerkino in Rüsselsheim finden nun praktisch gleichzeitig statt. Das »Sommerkino im (Opel-) Altwerk« steht eigentlich schon seit Wochen und startete am 6. August. Die Opel-Stadt hat in Corona-Zeiten schon frühzeitig zusammen mit Kulturschaffenden und -institutionen eine zentrale Bühne für alle Arten von Kultur-Programmen geschaffen und auch ausgestattet. Im Altwerk, wo Lichter schon 2019 erstmals zu Gast war, sind nun bis Ende August neue Independent-Filme von »Joker« über »Parasite« und »Les Misérables« bis hin zum fulminanten Queens-Epos »Bohemian Rhapsody« zu sehen. Eine Woche später startet in Frankfurts Altem Polizeipräsidium das nun schon im siebten Jahr etablierte und diesmal lange auf der Kippe stehende »Freiluftkino Frankfurt«. Dort beginnen und enden die Lichter mit Queen(s): von »Queen & Slim« bis ebenfalls der »Bohemian Rhapsody«. Dazwischen gleiches und anderes – hier wie dort eine Tour d’ Horizon durch das vergangene Filmjahr. Und warum das in Frankfurt so ein wenig von jetzt auf gleich geht? Na ja: Die Main-Metropole ist halt immer etwas anders. Anders als andere Metropolen der Region wie Mainz, Rüsselsheim oder Offenbach fängt man in Mainhattan sowieso erst jetzt so langsam an, sich am Schaffen von zentralen Plätzen für die Kultur in Corona-Zeiten zu beteiligen. Erste Ergebnisse werden tatsächlich schon für Mitte August erwartet. Beim Sommerkino hat man da schon die ersten Filme hinter sich. Auch eine Art von großes Kino … (vss.).

Lichter Filmkunst e.V.©
Die Magie des Ortes
Quelle: Barbara Walzer©

Das Festival | Sommerwerft

Gedimmt und gechillt

Sommerfestival in Limited Edition

Straßentheater, Gaukler, fahrendes Volk – Es gab und gibt viele Namen für jene Künstler*innen, welche der Frankfurter Verein Protagon und das liebenswert alternative Theater Antagon einmal im Jahr auf ihrer »Sommerwerft« am Mainufer versammeln. Ob Theater, Musik, Lyrik, Improvisation oder Poetry Slam – Die Akteur*innen, die hier zu Gast sind, stammen nicht nur aus ganz Europa, sondern ziehen übers Jahr hinweg auch selbst quer durch den Kontinent (und nicht nur durch diesen), treten in vielen Städten und auf sehr vielen Festivals, Straßen und Plätzen auf. Zumindest normalerweise. Im Jahr 2020 hingegen war natürlich alles ein wenig anders. Das Festival ist überschaubarer: Statt Tausenden nur einige Hundert Besucher*innen. Ebenso das Programm: Statt einem Feuerwerk nur einige ausgewählte Theater-, Musik- und Slam-Gruppen.

So lebte das Festival im 30. Jahr von Antagon diesmal von einer Imagination der ganz besonderen Art. Vom Zauber der Erinnerung und einigen sorgfältig inszenierten Kostproben; vielfach von Künstler*innen präsentiert, die diesmal nicht von ganz so weit herkamen. Noch immer sind die Programme so bunt wie dieses fahrende Volk, aber diesmal nicht ganz so laut, schrill, farbig. Es dominieren diesmal die leisen, stillen (Zwischen-) Töne, die man in den letzten Jahren auch schon kannte, wenn einmal eine nächtliche asiatische Geh-Performance das Gelände durchstreifte oder eine nachdenkliche Songwriterin das kleine Beduinenzelt im Herzen dieses sehr alternativen Rummel- und Tummelplatzes bespielte. Auch die Flohmärkte an den Sonntagen sind beschaulicher – aber immer noch noch echte Flohmärkte, wie sie selten geworden sind. Sicher auf seine Art das faszinierendste Sommerfestival, das die Stadt zu bieten hat. In diesem Jahr in einer Limited Edition – alles einige Nummern kleiner und auch nur für bis zu 800 Besucher*innen, die gleichzeitig auf dem Gelände sein durften. Trotzdem – oder gerade deshalb – zeigte es auf, wie Kultur und Treffen im öffentlichen Raum funktionieren können … (vss.).

Der Termin: Sommerwerft + 24.07. bis 09.08.2020 | Der Ort: F + Weseler Werft am nordöstlichen Mainufer zwischen Literaturhaus und EZB | 2020 als Sommerwerft light: mit Sicherheitskonzept, beschränktem Zugang und Online-Übertragungen - ohne Zelte, aber weiterhin mit Open Air-Theater, Singers & Songwriters und Flohmarkt. Montags bis mittwochs als mobile Version in der Region oder in Frankfurter Stadtteilen |  Überblick und Programm: Sommerwerft | Mehr dazu auf urban shorts: Theater am Fluss | Mehr zum Thema: Bitte Plätze einnehmen | Weitere Festivals: Seite FESTIVALS

Barbara Walzer©
Das Logo des ausgefallenen Stoffel – Es wirkt ein bisschen wie das Logo dieses Corona-Sommers
Quelle: Stalburg©

Die Welt, wie sie uns gefällt

Bitte Plätze einnehmen

Kultur und Treffen in Corona-Zeiten

Corona hat die Städte und die Gesellschaft verändert. Die Reihe »Die Welt, wie sie uns gefällt« vereint in kurzen Gedankenskizzen, wie Städte in diesen Tagen und vielleicht auch mal über die Corona-Zeiten hinaus mit diesen Veränderungen umgehen könnten. Etwa mit dem Leben auf ihren Plätzen in den Innenstädten. Orte, die durchaus mehr Leben vertragen würden, allerdings auch ein bewussteres und verantwortlicheres Leben. Gefragt sind Städte, Festivalmacher*innen und Gäste gleichermaßen. Ein sommerliches Lehrstück, Plätze richtig zu über- und richtig einzunehmen … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenWelch ein Kontrast war doch in den letzten Wochen auf zwei Plätzen in Frankfurt zu beobachten. Hier der Opernplatz, wo auf engstem Raum an den Wochenenden bis zu 3.000 Menschen zusammen- und sich großteils ohne Masken näherkamen – mit unrühmlichen Höhepunkten zu später Stunde. Dort die Weseler Werft am Mainufer unweit der EZB, wo auf einer Fläche von zehn Opernplätzen zeitweise ein Zehntel dieser Menschen einem chilligen sommerlichen Festival frönte – mit oft erstaunlich viel Abstand und nicht selten strengen Regeln. Die Sommerwerft, jenes eigentlich alternative Frankfurter Straßentheaterfestival rund um die Theatergruppe Antagon, war denn auch in diesem Sommer – bisher – das einzige große Festival, das überhaupt stattfinden konnte. Und das mit anfangs 500, später bis zu 800 Besucher*innen aufzeigte, wie Kultur und das Zusammentreffen von Menschen in Corona-Zeiten funktionieren können. Mit Abstand und Augenmaß, mit Regeln, aber auch mit Verantwortung.

Die Sommerwerft (Link: Gedimmt und gechillt) war so etwas wie Avantgarde und Blaupause für den weiteren Corona-Sommer. Allerdings eigentlich auch mit einigen Selbstverständlichkeiten, die vielleicht irgendwann einmal aus dem Blick geraten sind. Sicher: Es war anfangs nervig, sich auf dem weiten Gelände nur mit Maske bewegen zu dürfen und immer aufgefordert zu werden, sich bei den Theaterstücken oder den Performances zu setzen und halbwegs ruhig zu verhalten (glücklicherweise dann ohne Maske). Doch nach ein wenig Eingewöhnung hatte es etwas Chilliges und Entspanntes, das gut zu dem alternativen Festival in der sommerlichen Hitze und Sonne passte. Man fragt sich, warum nicht mehr solcher Festivals auf mehr der vielen Plätze dieser Stadt stattfinden? Denn davon hat Frankfurt wahrlich genug: Plätze, Ufer, Parks bis hin zu den Wallanlagen. Aber auch ganze Straßenzüge, die sich bespielen ließen. In den kommenden Tagen gibt es immerhin einen neuen Anlauf, wenn das Team des Lichter Filmfestes vor 250 Leuten sein Freiluftkino Frankfurt im alten Polizeipräsidium startet. Auch dies wird anders sein als in den letzten Jahren. Doch die Sommerwerft zeigte, dass anders nicht schlechter sein muss. Vielleicht etwas entschleunigter, vielleicht auch mit dem einen oder anderen Fingerzeig für künftige Festivals. Im Grunde genommen scheint alles ganz einfach: Die Festival-Macher*innen nehmen mutig die Plätze der Stadt ein. Und die Gäste nehmen dann in diesem Jahr auf diesen Plätzen einfach mal brav ihre Plätze ein. Ein paar Regeln für einen langsam wieder fast normalen Sommer …

Zugegeben. Die Festivalmacher*innen brauchen dafür auch Unterstützung dieses Jahr. Unterstützung der Gäste, die mitspielen müssen. Und Unterstützung der Stadt, die gerade in Frankfurt sehr zögerlich war und sehr lange brauchte, um selbst einmal Plätze in Angriff zu nehmen und anzubieten. Andere Metropolen der Region wie Mainz, Rüsselsheim oder sogar Offenbach waren da bereits weit voraus (Link: Gemeinsam draußen dabei). In Frankfurt hingegen suchte die Crew des Lichter Filmfests lange nach einem Platz für das Freiluftkino, wanderten Stoffel und Shorts at Moonlight gar ins Internet aus. Dabei hatte der vom Stalburg-Theater organisierte Stoffel sogar schon das richtige Corona-affine Logo mit einem Menschen und ganz viel grünem Raum drum herum in petto. In gewisser Weise ist die Sommerwerft übrigens auch eine Blaupause für die Opern- und Friedberger Plätze dieser Stadt. Jener Stadt, deren Oberen sich nun bereit erklärt haben, Clubbetreibern vier Orte zum Bespielen zur Verfügung zu stellen. Sicher eine gute Entscheidung. Aber man fragt sich schon, warum Frankfurt dafür Monate brauchte? Aber auch, warum die Menschen dieser Stadt sich nicht selbst die vielen Plätze nehmen, sie beleben, sie vielleicht auch bespielen? Unweit des Friedberger Platzes etwa den Luisenplatz, der in den letzten Wochen zeitweilig zu einem chilligen Refugium der Frankfurter*innen geworden ist. Mehrfach fand sich auf dem etwas erhabenen Rund in dessen Mitte eine kleine Gruppe Musiker ein, die spontane Stand-up-Konzerte gab. Überhaupt hat dieser Luisenplatz etwas von einem Wohnzimmer des Viertels an solchen Tagen. Wenn sich auf den Bänken und Stühlen auf dem und rund um den Platz die Menschen zusammenfinden. Oder wenn sie im Lido in einem der schönsten und nachbarschaftlichsten Cafés Frankfurts den Abend ausklingen lassen. Und man fragt sich denn auch an solchen Abenden und an solchen Plätzen, was andere Menschen immer wieder dazu bringt, auf einen Platz noch als Achthunderterster oder als achthundertzweite hinzuzugehen, wenn nicht gar als 3001. oder 3002.? Und was sie dazu bringt, überhaupt ohne Abstand und Augenmaß sich in diese Massen zu begeben? Wo es doch so viele andere Plätze und Orte in dieser Stadt im Sommer gibt, die man/frau einnehmen könnte. Aber eigentlich sind dies schon Fragen, die schon gar nichts mehr mit Corona zu tun haben, sondern vielleicht schon mit einer Kultur der Festivals und des Feierns weit über diese Zeit hinaus … (vss.).

Stalburg©
Die Köche von Stalburg und Stoffel - Etwas allein(,) gelassen und auf der Suche nach den richtigen Rezepten
Quelle: Stalburg©

Krise (in den Griff) kriegen | Michael Herl

Publikumskontakt per Spendenquittung

Alles schlimm - solange man nicht in die Welt hinausschaut

Kulturlandschaft und Kulturschaffende sind von der Corona-Krise schwer getroffen worden. Auf urban shorts beschreiben Kulturschaffende, wie sie in diesen Wochen die Krise krieg(t)en – und wie sie diese in den Griff kriegen. In Folge 5 schreibt Michael »Michi« Herl vom Frankfurter Stalburg-Theater über vergebliche Antrags-Marathons, einen amtlich ins Netz gegangenen »Stoffel« und darüber, wie schlimm alles ist – solange man nicht in die Welt hinausschaut … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war »Freitag, der 13.«. Wir spielten zum 658. Mal seit 18 Jahren unser Erfolgsstück »Wer kocht, schießt nicht«, wie fast immer ausverkauft. »Es fühlte sich nicht gut an«, meinte danach unser Barchef, »eigentlich fühlt es sich seit Tagen nicht mehr gut an.« Etwa zehn Prozent der Gäste waren trotz bereits erworbener Tickets nicht gekommen, bei den anderen verspürte der Kollege eine »unterschwellige Beklommenheit«. Die Vorstellung am Folgetag, dem 14. März, sagten wir dann ab. Dass wir von da an geschlossen haben sollten, ahnten wir natürlich nicht. Bis heute weiß ja niemand, was morgen sein wird …

Ja, es ist schlimm, was dann kam. Wie sollte es auch anders sein, wenn man von jetzt auf gleich dazu gezwungen wird, sein Leben komplett zu ändern? Pläne über den Haufen zu werfen, Termine abzusagen, Zusagen nicht einzuhalten, Erwartungen zu enttäuschen? Wenn man nicht wie seit 22 Jahren täglich Stücke liest, Stücke schreibt, Proben organisiert, Proben begleitet, sich mit Kolleg*innen austauscht und zu anderen Theatern reist? Sondern wenn man unaufhörlich Subventions-Anträge ausfüllt, um Almosen bettelt, Sponsoren umgarnt und auf Pressekonferenzen statt Heldentaten Überlebensstrategien verkündet? Wenn der Kontakt zum Publikum nur mehr aus dem Unterschreiben von Spendenquittungen besteht? Was soll daran nicht schlimm sein?

Seit diesem Freitag taten wir, was alle taten, also Kurzarbeit anmelden für zehn Festangestellte – und hoffen, dass eines der vielen Unterstützungsprogramme greift. Um es kurz zu sagen: Bis heute griff keins. Übernommen wurden nur laufende Kosten, nicht jedoch Umsatzeinbußen. Das genau aber ist unser Problem. Wir hatten uns für die dreiteilige Bühnenfassung von »Das Leben des Vernon Subutex« mächtig aus dem Fenster gelehnt, ideell und finanziell. Die Premiere war ein Riesenerfolg – dann kam das Virus. Und das noch in einer Zeit, in der wir uns eigentlich ein Polster hätten zulegen müssen. Der nächste Schlag folgte im Mai. Eine Entschädigung für unser Open-Air »Stoffel« (kurz für: Stalburg Theater offen Luft) wurde uns verwehrt – weil wir »nur« ein freiwilliges Eintrittsgeld verlangen. Es fehle eine »Bemessungsgrundlage«, hieß es aus Wiesbaden, der belegbare Verlust im sechsstelligen Bereich spiele da keine Rolle. Etwas gemacht haben wir natürlich dennoch. Sogar etwas Großartiges. Finanziert durch eine Stoffel-Subvention der Stadt Frankfurt drehten wir zehn Tage lang im Theater Auftritte von 29 Bands und Solokünstler*innen und stellen sie nun vier Wochen lang ins Netz. Amtliche Werke sind das, von Profis gefilmt und gemischt. Sie brachten der Menschheit Kurzweil und den Künstler*innen Gagen. Toll – aber halt kein richtiger Stoffel.

Es ist also schlimm. Aber wirklich? Unser Claim »Wir wissen nicht, wie es weitergeht, aber wir wissen, dass es weitergeht« spricht uns aus dem Herzen. Warum? Wir haben ein wundervolles Publikum und großzügige Gönner, die uns unterstützen. Es laufen noch einige Anträge, und auch sonst haben wir eine Menge Ideen. Und: Wir erlebten und erleben Eigenartiges. Etwas, was wir in unserer Wohlstandsgeneration in einem Wohlstandsland nur von Erzählungen kennen. Man handelt und hält gelegentlich inne, um sich darüber zu wundern, dass man handelt. Es ist wohl ein Hauch dessen, was Menschen in Krisen überleben lässt. Aber eben nur ein Hauch. Ein Hauch auch dessen, was Milliarden täglich in fürchterlicher Geballtheit erleben müssen. Auch ohne Corona – sondern aufgrund des ganz normalen Wahnsinns, der auf die Namen Krieg, Hunger, Unterdrückung und Vertreibung hört. Menschen, für die das neue Virus nichts weiter bedeutet als ein weiteres Puzzleteilchen ihres Elends. Denen es vollkommen schnuppe ist, ob sie morgen an Hunger oder an Covid-19 verrecken. Wir hingegen leben in einem der reichsten Länder der Erde. Daran sollten wir täglich voller Demut denken (zumal wir große Teile unseres Wohlstands der Ausbeutung der Ärmsten zu verdanken haben). Und uns darüber freuen, dass unsere Gesellschaft immer noch die Mittel hat, künstlerisch Arbeitende zu unterstützen. Schlimm? Es gibt Schlimmeres …