Martin Liebscher: FIFA Boardroam (aus der Serie »Familienalbum«)
Quelle: Martin Liebscher, VGBildkunst / RAY©

Festivals | RAY2018

Extreme Fotografie

Fotografie an (fast) allen Orten

Kurz & knapp: Martin Liebscher ist Fotograf in Berlin und Professor in Offenbach. Sein Lieblingsprojekt und -motiv: Selbstinszenierungen. »Familienalbum« nennt er die Reihe, in welcher er sich in allen möglichen Rollen in eine Szenerie hineinmontiert. Zum Beispiel dutzendfach in einen Konferenzraum. Das Ergebnis: faszinierende politisch-gesellschaftliche Inszenierungen des scheinbar immer Gleichen. Irgendwie scheint Liebschers Kunst pars pro toto für die Fototriennale RAY2018 zu stehen. Wohin man im Sommer im Rhein-Main-Gebiet blickt, wird man allüberall die fotografische Inszenierung des Themas »Extreme« sehen: »Extreme. Territories« (Deutschen Börse, Frankfurt),  »Extreme. Environments« (Fotografie Forum, Frankfurt), »Extreme. Bodies« (Museum Angewandte Kunst, Frankfurt), dazu »Reine Leidenschaft« (Opelvillen, Rüsselsheim), »Holy Smoke« (Stadtmuseum, Hofheim) oder »H x B x T« (NKV, Wiesbaden) und noch einiges mehr. Erster Eindruck: eine oftmals faszinierende Inszenierung des nur scheinbar immer Gleichen … Nicht das immer Gleiche, sondern auf jeden Fall etwas Neues ist das Festival im Festival. RAY macht in diesem Jahr erstmals ein langes Festivalwochenende mit Vorträgen, Gesprächen und Workshops zum Auftakt der Triennale, um Fotografie nicht nur zu zeigen, sondern um auch über das diesjährige Thema »Extreme« und natürlich über die Fotografie(n) zu sprechen. Erster Eindruck hier: ein durchaus lohnenswertes Experiment … (vss.).

Martin Liebscher, VGBildkunst / RAY©
Nørreport Station - zentraler Ort für Fußgänger, Radfahrer und den ÖPNV in Kopenhagen
Quelle: Lars Rolfsted Mortensen / DAM©

Ausstellung und Artikelserie

Städte für Menschen und Räder

Das Fahrrad als Katalysator für eine lebenswerte Stadt

Mehr als die Hälfte (55,8 Prozent) aller Wege in Deutschland werden mit Autos zurückgelegt; auch in den urbanen Zentren. Auf zwei Einwohner kommt in diesem Land mehr als ein Auto; selbst in den Großstädten sind es rund 450 Autos auf 1.000 Bewohner. Nur knapp ein Viertel der Wege werden hingegen mit dem ÖPNV (11,5 %) oder mit dem Rad (11,4 %) erledigt; ein Fünftel zu Fuß. Entsprechend sieht das Land und sehen vor allem viele Städte aus. Rund fünf bis zehn Prozent der städtischen Verkehrsflächen werden diversen Studien zufolge permanent von Autos bedeckt; wohlgemerkt: von stehenden Autos. Dies ist kein Kunststück: Statistisch gesehen stehen die meisten dieser »Fahrzeuge« 23 Stunden am Tag. Und falls sie nicht stehen, verursachen sie Lärm, Schmutz, Gesundheitsschäden und damit nicht zuletzt hohe Kosten für die Gemeinschaft. Und sie blockieren weiteren, nicht unerheblichen Lebens-Raum …

Das Deutsche Architekturmuseum ruft nun mit der Ausstellung »Fahr Rad!« explizit zur Rückeroberung dieses Stadt-Raumes als Lebens-Raum für die Menschen auf. Die überaus detailreiche Ausstellung stellt acht Städte vor, die sich bereits auf diesen Weg gemacht haben. Doch dabei geht es nicht allein um Radwege. Die acht Städte haben Grün- und Freiflächen ausgebaut, begleitend den ÖPNV gestärkt und den Autoverkehr eingeschränkt – und natürlich auch andere Initiativen rund ums Rad ergriffen. In diesen und anderen Städten werden zahlreiche Konzepte und Projekte gezeigt. Es geht um Groningen, das die Stadt in vier, für Autos nicht verbundene Sektoren aufgeteilt hat. Es geht um die selbsternannte Fahrradhauptstadt Kopenhagen, die etwa Radstellplätze für neue Wohneinheiten vorschreibt. Es geht um Barcelona, das ein neues leistungsstarkes Busnetz mit Takten von fünf bis acht Minuten einführt. Es geht um Portland, das binnen 25 Jahren sein Radwegenetz verfünffacht hat. Es geht um das Ruhrgebiet, das an einem Netz von Radschnellwegen baut, und um andere Städte, die ebenfalls Radhochwege, -brücken oder -tunnels entwickeln. Und es geht um Fahrradparkhäuser, -pavillons und -stellplatzideen, um einladende, vor allem aber eigene, bunte oder begrünte Flächen für Radfahrer, Fußgänger und andere Menschen, um Cargo-Räder und weitere zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten des Fahrrads. Kurzum: Es geht um eine neue Aufteilung der Fläche für mehr Luft (in mehrfacher Hinsicht) und Leben in den Städten. Pikanterweise ist dies alles nicht so neu, wie es scheint. Vor rund 100 Jahren war in vielen europäischen Städten das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel und gab es dort nicht selten bereits gut ausgebaute Radwegenetze. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg mussten diese in großem Stil dem Autoverkehr und vor allem den längst unzähligen Parkplätzen und -buchten weichen … (vss.).

Lars Rolfsted Mortensen / DAM©
Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Wieder gelesen

Städte sind für Menschen da

Jan Gehl und das menschliche Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch lerne ich mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass ich alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).

Urban21 | Megacities

Zehn Städte und 300.000.000 Menschen

Tokio, Kairo, Guangzhou - die neuen Mega-Stadtregionen

Auf der Erde leben heute 7,5 Milliarden Menschen. Vier Milliarden davon in Städten. Und die Urbanisierung treibt weltweit immer mehr Menschen vom Land in die wachsenden Zentren. Städte ist für viele davon nicht mehr der richtige Name. Es sind vielmehr ganze Stadtregionen. Egal, ob mit aufragenden Skyscrapern wie in New York oder Tokio oder im dichten traditionellen Häusermeer von Delhi oder Kairo. Im Jahre 2010 lebte ohnehin bereits jeder zweite Erdbewohner in einer Stadt. 2050 sollen es bereits zwei von drei Menschen sein. Mit der Zahl der Menschen und der Urbanisierung wächst auch die Zahl der Millionenstädte. Nach aktuellen Studien und jüngsten Berechnungen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union soll es weltweit bereits bis zu 500 Millionenstädte geben. Darunter gut 30 Megacities und Stadtregionen mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. 1950 noch gab es davon mit New York und Tokio gerade einmal zwei.

Über diese Grunddaten und -trends sind sich UN und EU einig. Einzig bei den Definitionen ihrer Mega- und Millionenstädte unterscheiden sie sich. Folgt man der jüngsten Studie der Europäischen Kommission, die Anfang 2018 auf der Basis von Satellitenaufnahmen, neuen Geografie- und Populationsberechnungen die bisher umfassendste Datenbank für rund 10.000 Stadtregionen weltweit vorgestellt hatte, leben allein in den zehn größten Städten und Stadtregionen der Welt mittlerweile über 300 Millionen Menschen. Vor allem mit Hilfe der Satellitenaufnahmen wurden die Grenzen der Großstadtregionen vielfach neu gezogen und definiert. Größte Megacity der Welt ist nach diesen Berechnungen nun das chinesische Guangzhou mit sage und schreibe 46 Millionen Menschen; vor Kairo und Jakarta (38 bzw. 36 Millionen). Und vor allem für die chinesische Megastadt gilt, dass dies mehr eine Stadtregion als eine Stadt ist. Der Großraum Tokio-Yokohama, der für die UN und bisher auch ganz allgemein als größter Stadtraum der Welt galt, folgt in dieser neuen Analyse knapp dahinter auf Rang 4 mit 34 Millionen Menschen.

Bemerkenswert an den neuen Zahlen – oder vielleicht auch einfach Beobachtungen und Berechnungen – der Europäischen Union: Bis auf Kairo liegen die zehn größten Megacities unserer Tage in Asien mit den vielleicht ohnehin am schnellsten wachsenden urbanen Regionen der Welt. Viele von ihnen scheinen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Fläche zu wachsen, und viele bereits umliegende Millionenstädte regelrecht aufzusaugen. Neben Guangzhou ist das ebenfalls chinesische Chongqing ein Musterbeispiel dieses rasant wachsenden und sich urbanisierenden Asien. Chongqing gilt laut manchen Studien mittlerweile ebenfalls als größte Stadt der Welt, zumindest nach seiner Fläche. Mit vielen Umlandgemeinden umfasst es bereits 80.000 Quadratkilometer Land (ungefähr die Größe Österreichs) und könnte mit den dort lebenden, bis zu 30 Millionen Menschen locker unter den Top Ten mithalten. Und mit rund 1.000 neuen Bewohnern pro Tag ist es ohnehin die wohl am stärksten wachsende Stadt der Welt. Nimmt man die neuen (EU-) Berechnungen, würden übrigens vor allem die großen süd- und mittelamerikanischen Metropolen Sao Paulo und Mexico City (beide auch mit mehr als 20 Millionen Einwohnern) damit aus den Top Ten verdrängt. Zu den neuen Mega-Städten würden hingegen Kalkutta, Manila oder Dhaka (Bangladesch) gehören. Apropos: In Europa liegen nur zweieinhalb Städte überhaupt mit über zehn Millionen Einwohnern: Paris, Moskau und (das zur Hälfte ebenfalls in Asien beheimatete) Istanbul … (vss.).

Barbara Walzer (bw.)©
Eine Kirche oder Fort Knox? Claude Parent / Paul Virilio: Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers (Frankreich)
Quelle: Bruno Bellec 2008 / DAM©

Urban21 | Brutal (oder) schön?

»Rettet die Betonmonster«

»SOSBrutalismus« - Aktion, Ausstellung, Essay

»SOS Brutalismus« ist eigentlich in vielfacher Hinsicht ein faszinierendes Wortspiel. Der »Brutalismus« bezeichnet jenen Baustil der 50er bis 70er Jahre, der seinerseits nach dem »béton brut« benannt ist. Das ist zwar zuerst einmal das französische Wort für »Sichtbeton« und zelebriert quasi den Stil jener puren, scheinbar nackten Betonbauten. Doch es korrespondiert natürlich auch mit dem Wort »brutal«, der rohen und für viele Betrachter hässlichen Facette, die vor allem in den späteren Bauten zum Tragen kam. Und damit dem Grund, warum viele der Gebäude bereits aus den Städten weichen mussten oder aktuell von der Abrissbirne bedroht sind. Nicht selten zu Unrecht, meinten die Macher der Kampagne »SOS Brutalismus« und machten sich an eine Neudefinition und Neubewertung des Brutalismus’, inklusive dem daraus abgeleiteten Aufruf »Rettet die Betonmonster«. Herausgekommen sind eine bemerkenswerte Internetpräsenz und eine (Wander-) Ausstellung, die zugleich ein Anstoß zu einer Debatte wie auch – wohl wider alles Erwarten – faszinierende ästhetische Inszenierungen sind. Und die an der einen oder anderen Stelle auch deutlich machen, dass es nicht selten auch ökonomisch und ökologisch sinnvoller sein könnte, die Bauten stehen zu lassen und neue Nutzungen für sie zu finden. Die Ausstellung »SOSBrutalismus« ist 2017/2018 zuerst in Frankfurt und in Wien zu sehen ist. Das Internetportal »SOSBrutalismus« dokumentiert derweil fortlaufend längst über 1000 dieser widersprüchlichen Bauten in aller Welt. Und beide rufen damit zu deren Erhaltung auf – sofern die Bauten überhaupt noch stehen … Urban shorts begleitet Aktion und Ausstellung(en) mit einem kleinen Auszug aus dieser Internetpräsenz (»Brutal schön – Beispiele des Brutalismus«) und mit dem Essay »Brutalismus neu entdecken« des Ausstellungs-Kurators Oliver Elser, in dem er eine neue Definition und einen eigenen Stellenwert für die Architektur des Brutalismus anstrebt … (vss.).

20 Steinzeitzeugen

Brutal schön

Beispiele des Brutalismus