Urban:ist | Ein Fotoprojekt

Mein(junges)RheinMain

72 Perspektiven aus und auf RheinMain

Politik wird in der Regel von Menschen mehr oder minder weit jenseits ihrer zweiten Lebensdekade gemacht. Doch die von diesen Menschen gemachte Politik betrifft auch die Jugendlichen, welche als »kommende Generationen« gerne zum Ziel solcher Politik ausgegeben werden. Da wäre es doch zuweilen hilfreich, sich die Welt einmal mit den Augen jener jungen Generation anzusehen, zumindest jener, die bereits in der politischen Tür steht.

In dem außergewöhnlichen Fotoprojekt »MeinRheinMain« haben Politiker und andere Menschen dazu die Möglichkeit. Im Rahmen der Fototriennale RAY initiierte im Sommer der Kulturfonds Frankfurt RheinMain einen Workshop, in dem 72 Jugendliche aus Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Offenbach, Darmstadt und Aschaffenburg mit professioneller Anleitung und ebensolchen Kameras ihr RheinMain festhalten konnten. Herausgekommen ist eine fotografische Momentaufnahme einer Region und einer Generation. Eine Mischung aus Leben und Lebensgefühl(en), zusammengesetzt aus Statements, Beobachtungen, Visionen, Irritationen und zuweilen auch einfach nur künstlerischen Impressionen. Die Qualität vieler Aufnahmen steht dabei der Qualität vieler Ausstellungen der sommerlichen Triennale keineswegs nach. Was allerdings auch angesichts der allgegenwärtigen Präsenz von Fotografie(renden) in der heutigen Zeit kaum überraschend kommt. Davon überzeugen kann man sich im Buch »MeinRheinMain« und auf der gleichnamigen Webseite. Urban shorts zeigt mit freundlicher Genehmigung des Kulturfonds eine kleine Auswahl aus dieser Momentaufnahme (vss.).

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Quelle: Wesaam al-Badry / MAK©

Am Puls der Zeit

Sehr viel Gesprächsstoff

MAK zeigt (nicht nur) Muslim Fashions

Es gibt zuweilen gute Gründe, dem üblichen Ritual einer Ausstellungs(vor)besprechung zu widerstehen. »Contemporary Muslim Fashions« ist ohnehin eine Ausstellung, über die viel geredet und gestritten wird. Noch besser wäre es allerdings, wenn möglichst viele Menschen in dieser Ausstellung miteinander ins Gespräch kommen würden. Denn diese Ausstellung überzeugt nicht (allein) durch den Inhalt, sondern durch den Mut, dieses Thema zur Diskussion zu stellen. Das Spannendste an ihr sind nämlich die Meinungen (und Instrumentalisierungen), die vor Ort und drumherum in der Luft liegen. Weshalb wir künftigen Besuchern keine weitere vorgeben werden … (vss.).

Wesaam al-Badry / MAK©
Künftig eigene Verkehrsbereiche für Smombies?
Quelle: AlphaWhiskey • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Neuer urbaner Autismus

In der Welt der Smombies

Smartphones und der öffentliche Stadtraum

Wir sind immer digitaler, vernetzter, smarter. Das hat unseren Horizont erweitert, neue Möglichkeiten eröffnet und durchaus auch Lebensqualität mit sich gebracht. Einerseits. Andererseits zuckt die Hand, sehnt sich das Auge mittlerweile unausgesetzt nach dem Display des Smartphones und wird ein auch nur Minuten währender optischer oder akustischer Verzicht auf die 200 besten Freunde offensichtlich immer weniger denkbar. Doch wie sehr man diesem Verlangen nachgibt, ist längst nicht mehr nur eine individuelle Entscheidung, denn die unentwegte Fokussierung auf das eigene Smartphone ist vor allem für Stadtbewohner im öffentlichen Raum zunehmend gefährlich. Dies belegen die steigenden Unfallzahlen. Sie konterkarieren das Ziel von Politik und Verkehrsexperten: die Vision Zero, also keine Verkehrstoten und mehr Verkehrssicherheit. Handy-Verbote am Steuer sind ein kleiner Schritt dahin.  Doch offenbar keiner, der bei den meisten Fahrern und Fahrerinnen ankommt.

Doch nicht nur Autofahrer*innen, sondern auch Radfahrer*innen und vor allem Fußgänger*innen leben zunehmend in ihrer eigenen Welt. Sorgsam abgeschirmt über Kopfhörer und Headsets, weggetaucht in virtuelle Welten ihrer Videos, Textnachrichten und wichtiger Telefonate. So stehen sie dann im günstigsten Falle mitten im Wege herum. Und im ungünstigsten Falle – für ihre Umwelt – bewegen sie sich auch noch. Das Netz hat längst einen Namen für sie: Smombies – Smartphone Zombies. Doch gerade das alltägliche Miteinander in der großstädtischen Enge basiert eigentlich im Wesentlichen auf nonverbaler Kommunikation und sozialer Interaktion. Welchen Pfad am anderen vorbei wähle ich? Hat mich der andere Verkehrsteilnehmer wahrgenommen? Wo kommen Hindernisse auf meinem Weg? Wer sich hieraus zu Gunsten auch der tollsten virtuellen Welten freiwillig verabschiedet, entscheidet sich für einen letztlich traurigen Autismus. Nicht zuletzt, weil viele Sinne verkümmern und er oder sie das Spannendste verpasst: Vielfältige und überraschende Menschen, Farben, Dinge, Gerüche und mehr, die ihn oder sie umgeben. Auch das ist ein Faktor für urbane Lebensqualität. Bislang. Noch funktioniert der Alltag in unseren Straßen weitgehend, doch der Unfalltrend ist alarmierend. Wenn er sich fortsetzt, werden Verkehrsplaner und Stadtentwickler nach sinnvolleren Lösungen suchen müssen. So könnte das, was bis vor kurzem noch als spinnerte Idee in Shanghai und im chinesischen Chongqing belächelt wurde, bald auch in unseren Städten zum Straßenbild gehören:  Die Smartphone-Spur auf Gehwegen. Und vielleicht Bußgelder für Fußgänger, die außerhalb dieser Zone dann verbotenerweise auf ihr Mobiltelefon starren. Aber möglicherweise wird auch die Technik einfach noch smarter, indem die Idee der selbstfahrenden Autos adaptiert wird: Die obligatorische und am besten sprachgesteuerte App – ganz innovativ auch als Implantat erhältlich – des Wegnavigators für Fußgänger. Wie erfolgreich die selbstfahrenden Autos und die fremdgesteuerten Menschen dann im Stadtraum zusammenleben (oder wer überlebt), ist eine andere Zukunftsfrage … (pem.).

AlphaWhiskey • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
E-Roller sind schon fast überall - die Gesetze folgen noch ...
Quelle: Sebleouf • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©

Lettre de Lyon (lys.)

Gesetze des Dschungels?

Elektroroller überrollen Europas Städte

Neun Anbieter gibt es in Paris, vier in Lyon. Die grünen, schwarz-roten oder weißen und per App auszuleihenden E-Scooter sind einfach überall, derzeit allein 15.000 in Paris – bis zum Jahresende sollen es dort bereits 40.000 sein. Schnell flitzen die Roller – oft auch mit zwei Personen darauf – über den Bürgersteig. Schon jetzt fahren Französinnen und Franzosen mit dem Roller zur Arbeit, nehmen ihn mit ins Büro, in die Metro, auf die Rolltreppe, in den Supermarkt – letzteres zumindest (noch) nicht fahrend. Sie rasen damit aber mitten auf der Straße, an den Autos vorbei, zwischen den Fahrzeugen durch. Die meisten »trottinettes électriques« fahren bis zu 25 km/h schnell, einige bis zu 40 km/h. Ganz schön schnell – wenn diese Roller an einem als Fußgängerin so vorbeirauschen.

Und das kommt mittlerweile immer häufiger vor. Denn auch die Bürgersteige sind nicht sicher vor ihnen. In Paris etwa ist es eigentlich verboten, mit dem Elektroroller auf dem Bürgersteig zu fahren. Aber das Bußgeld von 135 Euro kommt erst im Laufe des Sommers. Dann soll es auch 35 Euro Strafe kosten, die Roller einfach mitten auf der Fahrbahn oder auf dem Bürgersteig abzustellen. Tatsächlich stehen die vielen Gefährte zur Zeit einfach überall herum – frau und man kann sie einfach abstellen, wo sie oder er will. Wer dann mit dem nicht elektrischen Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist, muss oft höllisch aufpassen, um nicht in einen abgestellten Elektroroller zu crashen. Von den fahrenden Exemplaren ganz abgesehen. Längst überrollen die E-Scooter regelrecht die Städte. Und zuweilen auch Bürger, Bürgerinnen – und Behörden. Frankreichs Verkehrsministerin spricht bereits vom »Gesetz des Dschungels« und macht sich eilend daran, dem eigene Gesetze entgegenzusetzen (lys.).

Doch nicht nur in Frankreich sind die kleinen Elektroroller längst zum allgegenwärtigen Phänomen und zum und (all-) gemeinen Problem geworden. Die einen feiern sie zusammen mit E-Bikes als neue umweltfreundliche Fortbewegungsmittel. Die anderen fürchten sie zunehmend, weil sie vor allem für den umweltfreundlichsten Verkehrsteilnehmer überhaupt zur immer plötzlicher auftauchenden Gefahr werden: für den Fußgänger. In Deutschland diskutiert man heftig über Sinn und Unsinn der Scooter, über Sicherheit und Versicherungen – und zimmern Behörden eilends und offenbar recht planlos Gesetze für die Zulassung der kleinen Flitzer. Während anderswo die Roller zunehmend vom Trottoir verbannt werden, sollten hierzulande zunächst nur der schnellere Teil von ihnen (über 12 km/h) verwiesen werden. Mittlerweile soll dies zwar für alle E-Scooter gelten. Doch nun soll der Radweg ihre neue Heimat werden. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist? Nicht nur, dass die Grenzen zwischen Fuß- und Radwegen oft fließend sind und die Radfahrer gerade erst vermehrt eigene Grenzen zu anderen motorisierten Gefährten erstreiten. Die Zahl der tödlichen Fahrradunfälle ist im vergangenen Jahr hierzulande um rund 20 Prozent sprunghaft angestiegen. Und zwar fast genau um den Prozentsatz, der bei diesen Unfällen auf die Beteiligung von E-Bikes entfällt. Ob dies besser wird, wenn auf den schmalen Radwegen künftig normale Räder, E-Bikes und E-Scooter konkurrieren … (sfo.)?

Sebleouf • CC BY-SA 4.0 (s.u.)©
Mitten in Frankfurt
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Urban:ist | Wieder gelesen

Städte sind für Menschen da

Jan Gehl und das menschliche Maß urbaner Entwicklung

Wohl nur wenige Menschen kämen auf die Idee, Venedig als Prototyp einer modernen Stadt zu sehen. Doch für Städteforscher Jan Gehl ist die alte Lagunenstadt am Mittelmeer die Blaupause für eine moderne Metropole. Nein, nicht wegen der Gondeln (wobei sich die in Frankfurt sicher auch ganz gut machen würden), sondern wegen der dichten Bebauung, der kurzen Wege, einer weitgehend gemischten Nutzung der Viertel und dem naturgemäß fehlenden Autoverkehr. Alles das macht für ihn eine »Stadt nach menschlichem Maß« aus.

Gehl beschäftigt sich seit rund 50 Jahren mit Stadtentwicklung und hat wesentlich dazu beigetragen, dass seine Heimatstadt Kopenhagen bereits in den 60er Jahren mit dem begonnen hatte, was wir heute als »Nachhaltige Stadt« fast alle für erstrebenswert halten. Vor diesem Hintergrund hat sein Ruf nach dem »menschlichen Maß« Gewicht. Ein Maß, das jahrhundertelang in der Entwicklung von Städten selbstverständlich war. Erst mit deren sehr schnellem Wachstum, der Professionalisierung der Stadtplanung, einer im 20. Jahrhundert zusehends funktionalen Aufteilung des Stadtraums und dem befremdlichen Ruf nach der autogerechten Stadt ist der Mensch aus dem Blick geraten.

»Bauliche Einladungen« und Nutzungsmuster hängen seiner Erfahrung nach unmittelbar zusammen. Wenn es Flächen und Wege für Fußgänger und Radfahrer gibt, die zu verschiedenen Aktivitäten einladen, wenn sich nicht monoton gestaltete Gebäude nach außen abschotten, sondern erfassbar und abwechslungsreich fürs Auge sind und auch Erlebnisse ermöglichen, dann wird der Raum zur Stadt für die Menschen. In Gehls Buch lerne ich mehr über qualitätvolle Dichte, über die Art und Weise, wie die Stadt zugleich sicher und gesund wird, über Proportionen und Perspektiven – und weshalb es normal ist, dass ich alles über dem fünften Stock eines Hauses erst mal nicht wahrnehme. Gehl gibt in seinem Buch vielfältige und wertvolle Impulse für alle, die sich an der gerade aktuell so wichtigen Debatte über die Zukunft wachsender Städte wie Frankfurt beteiligen und die diese mitgestalten wollen. Und dies nicht nur als Städteplaner (pem.).

Barbara Walzer (bw.)©
Quo vadis - Künstler*innen in FrankfurtRheinMain?
Quelle: Barbara Walzer (bw.)©

Impuls | Eine Künstler-Abgabe

Ein Drittel für Künstler!

Gastkommentar von Jan Deck

Frankfurt ist ein Tourismusmagnet. Über fünf Millionen Menschen kommen jedes Jahr in die Stadt und sorgen für rund zehn Millionen Übernachtungen. Ein Potential, an dem auch die Stadt mittlerweile verdient. Für jede private Übernachtung – und das ist fast jede dritte – kassiert sie seit 2018 zwei Euro. Das müssten rund sechs Millionen Euro pro Jahr sein.

Nun kommen diese Menschen vor allem wegen der lebendigen und vielseitigen Kunst- und Kulturlandschaft. Städel, Oper oder Mousonturm sind Publikumsmagneten. Doch dahinter stehen auch viele freischaffende Künstler*innen. Ihre Zahl dürfte in und um diese Stadt herum locker vierstellig sein. In den meisten Sparten ist deren Förderung durch die Stadt mangelhaft. Gleichzeitig steigen Mieten, Lebenshaltung, Preise für Ateliers und Proberäume. Viele Künstler können sich die Stadt, die sie sich mit ihnen schmückt, nicht mehr leisten.

Deshalb muss ein Drittel der neuen Einnahmen zur besseren Finanzierung der freien Szene verwendet werden! Das wären geschätzt zwei Millionen Euro. Wir wollen, dass mit dem Geld ein Fördertopf eingerichtet wird, aus dem alle freischaffenden Künstler*innen und Initiativen Geld für Projekte bekommen: Filmfeste, Musiker*innen, Clubs, Theatergruppen, Bildende Künstler*innen, Autor*innen, Filmschaffende, Kooperationsprojekte zwischen den Sparten und viele mehr. Diese vielseitige Kunstszene ist ein Hauptgrund für den privaten Touristenboom. Deshalb wollen wir nicht mehr und nicht weniger als unseren Anteil an den mit uns erzielten Einnahmen. Und das bitte nicht bei gleichzeitiger Streichung anderer Gelder …