Urban Artists | Niko Neuwirth

N.N. – Auf den Dächern

Subversive Baustellen-Betrachtungen (3)

Nachts begibt er sich auf Baustellen und auf die Dächer der Stadt. Je höher, desto besser. Und er sucht die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (können). Neue faszinierende Blick- und Stadtlandschaften tun sich auf – für ihn und für die Betrachter*innen seiner Fotos. Schon seit einigen Jahren dokumentiert Urban shorts immer wieder die nächtlichen »Beutezüge« des Frankfurter Fotografen Niko Neuwirth. In den vergangenen Wochen waren einige seiner »Beutestücke« im Frankfurter Heussenstamm in einer realen Ausstellung zu sehen und immer wieder einzeln auch auf Urban shorts. Zum Abschluss dieser Ausstellung dokumentieren wir diese Einzelstücke noch einmal zum Durchklicken in einer eigenen Bilderserie »N.N. – Auf den Dächern« (red.).

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Nur eine Vision? Der Mainkai und die Menschen
Quelle: Moritz Bernoully / Making Frankfurt©

Impuls | Making Frankfurt

Mehr als eine Durchfahrt

Ein Appell für den autofreien Mainkai

Anfang September endete die rund einjährige Sperrung des Frankfurter Mainkais für den Autoverkehr. Mehrere Initiativen setzen sich für die dauerhafte Fortführung des Experimentes ein, sehen darin den Anfang für eine autofreiere und lebenswertere Innenstadt. Urban shorts dokumentiert in leicht gekürzter Form einen Offenen Brief der Initiative Making Frankfurt.  

Am nördlichen Mainufer zwischen Alter Brücke und Untermainbrücke rollen wieder Autos und LKWs. Am 1. September endete das von der Römerkoalition durchgeführte Verkehrsexperiment, den Mainkai für 13 Monate für den Autoverkehr zu schließen. Durch die Corona-Pandemie war es nicht möglich, innerhalb dieses Zeitraums eine wissenschaftlich fundierte Auswertung des Experimentes vorzunehmen. Gleichzeitig konnten wir alle in den letzten Wochen und Monaten erleben, wie die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt und unsere Gäste von außerhalb diesen Stadtraum für sich entdeckt und intensiv genutzt haben. Wie sich dort ein buntes und vielfältiges Leben entfaltete, wie aus einem Verkehrs- ein Stadtraumexperiment wurde, wie die Vision einer verkehrsberuhigten und irgendwann auch autofreien Innenstadt sichtbar und manifest wurde – nicht zuletzt als Folge der Corona-Einschränkungen. Wir haben gemerkt: Dieser Ort ist zu weit mehr berufen als für die Durchfahrt. Viele europäische Städte beneiden uns um einen solchen Möglichkeitsraum am Fluss.

Eine klare Mehrheit von 57 Prozent der Frankfurterinnen und Frankfurter ist für eine dauerhafte Sperrung des Mainkais für den Autoverkehr, nur 21 Prozent wünschen sich, dass dort wieder PKW und LKW fahren. Das hat eine von der Stadt in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage ergeben. Und auch unter den Stadtverordneten gibt es dafür eine Mehrheit jenseits von parteipolitischem Koalitionskalkül. Doch die CDU-Fraktion im Römer blockiert hartnäckig eine mögliche Verlängerung der Sperrung und SPD und Grüne wollen einen Koalitionsbruch verhindern. Wir appellieren an die Entscheidungsträger. Verlängern Sie die Sperrung für mindestens zwei weitere Jahre! Machen Sie gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern aus dem Verkehrs- ein Stadtraumexperiment! Ermöglichen Sie temporäre Umbaumaßnahmen, die über die bloße Absperrung hinausgehen und  Aufenthaltsqualität bieten! Rufen Sie zu einem internationalen Ideenwettbewerb für die dauerhafte Neugestaltung des Mainkais auf! Begleiten Sie das Experiment durch bedarfsgerechte Verkehrsmessungen, Studien und Maßnahmen, um die angrenzenden Stadtteile zu entlasten! Organisieren Sie ein Innenstadtforum, in dem Bürgerinnen und Bürger mit Experten und Entscheidungsträgern über die Zukunft der Innenstadt debattieren!

Mit unserem Appell knüpfen wir an die historische Bedeutung des Mainkais für Handel, Kultur, Gesellschaft und Stadtstruktur an. Denn hier am ehemaligen Fahrtor schlug über Jahrhunderte das Herz unserer Stadt – und an eben dieser Stelle soll es auch in Zukunft wieder schlagen! Frankfurt hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, wie bürgerschaftliches Engagement im Schulterschluss mit Politik und Verwaltung zu guten Ergebnissen führt. Ein dauerhaft vom Autoverkehr befreiter Mainkai wäre ein starkes Zeichen! Und ein Anfang. Für mehr Aufenthaltsqualität und neue öffentliche Freiräume für alle in der Innenstadt, für eine selbstbewusste und zukunftsorientierte Verkehrspolitik in Zeiten des Klimawandels und für eine weltoffene, lebenswerte Metropole, die auch über die Stadtgrenzen hinaus Zeichen setzt! Es gilt, gemeinsam mutig zu sein – für ein lebenswertes Frankfurt heute und morgen! Liebe Koalition im Römer, nutzen Sie die historische Chance, das frisch aufkeimende urbane Leben am Mainkai zu unterstützen! Ermöglichen Sie im Sinne der klaren Mehrheit der Frankfurterinnen und Frankfurter eine Fortführung der Autofreiheit am Mainkai! Gehen Sie auf entsprechende Kompromiss-Angebote ein und bauen Sie politische Brücken! Und bringen Sie Ihre Zukunftsideen in das Stadtraum-Experiment ein!


Zwischen Nordsee und Bodensee: Fünf beliebte Radwege in Deutschland
Quelle: Bronstein / statista • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©

Non-Urban | Radwege

Republik per Pedale

Beliebte deutsche Radwanderwege

Freizeit findet in Corona-Zeiten für viele Menschen am besten draußen statt. Und für umweltbewusste und sportliche Menschen ist das Fahrrad dabei erste Wahl. Passend dazu hat der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club, die fünf beliebtesten Radwanderwege in und um Deutschland ermittelt. Der Weg davon mit dem größten Teilstück innerhalb Deutschlands führt immer an der Elbe entlang von Cuxhaven an der Nordsee über Hamburg und Dresden auf rund 840 Kilometern bis nach Königstein an der Grenze zu Tschechien. Wer trotz Corona noch weiterfahren mag, kann die Tour auch noch auf 1270 Kilometer tief ins Nachbarland hinein ausdehnen. Wem das eine oder das andere für vielleicht ein paar freie Tage doch zu sportlich ist, kann eine der vier anderen Routen wählen, die etwa besonders reizvoll auf rund 250 Kilometern einmal rund um den Bodensee führen. Und wer im Rhein-Main-Gebiet lieber gleich nahe der eigenen Haustür rund um Frankfurt losfahren möchte, findet etwa auf der Seite Regionalpark Rhein-Main das regionale Pendant mit fünf ausgewählten Radwanderwegen in der Region (sfo.).

Bronstein / statista • CC BY-SA 3.0 (s.u.)©
Züge im Nichts
Quelle: Niko Neuwirth©

(Non-) Urban | Bahnverkehr

Angehängt statt abgehängt

Pläne, die Bahn auf dem Land zu reaktivieren

Immer mehr Städte und Orte aus dem »Umland« wurden in den letzten Jahrzehnten buchstäblich abgehängt. Rund 6.000 von einst 45.000 Kilometern Bahnstrecke sind über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg stillgelegt worden. Mittlerweile gibt es Pläne und Initiativen, die Bahn – und damit auch die Menschen – da und dort wieder anzukoppeln. Auch wenn es paradox klingt: Sogar in Corona-Zeiten könnte dies eine gute Idee sein. 

Manchmal ist es aufschlussreich, sich Zahlen anzusehen. Zum Beispiel zum Bahnverkehr in Deutschland. Die gute Nachricht zuerst: Das Schienennetz ist im Jahr 2019 gewachsen. Die nicht so gute Nachricht: um sechs Kilometer. Diese Schienen würden gerade ausreichen, um Frankfurt-Sachsenhausen mit Offenbach zu verbinden. Aber gut – Da liegen ja bereits Schienen. Weswegen die sechs Kilometer wohl nicht nur für ein paar S-Bahn-Gleise in Frankfurt (tatsächlich), sondern auch noch für zwei Strecken in Brandenburg und Sachsen reichten. Zum Vergleich: Autobahnen wurden im gleichen Zeitraum um 99 Kilometer ausgebaut, Bundesstraßen um fast 150 Kilometer.

Soviel zu Klimaschutz und Verkehrswende, zu denen sich Politiker*innen im Lande immer gerne bekennen. Immerhin hält sich die Deutsche Bahn gerade viel darauf zu Gute, 2019 auch noch keine Strecken stillgelegt zu haben. Erstmals seit vielen Jahren. Per Saldo hat die Bahn nämlich in eineinhalb Jahrzehnten rund 2.500 Kilometer Gleisstrecke vom Netz genommen. In den vergangenen 25 Jahren sind sogar über 6.000 der einst fast 45.000 Streckenkilometer stillgelegt worden. Vorteil beim stilllegen ist allerdings, dass diese Gleise wieder reaktiviert werden können. Städte und Orte könnten wieder an ihre Umgebung und an die urbane Welt drumherum angebunden werden. Experten des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und der Allianz pro Schiene haben zuletzt rund 4.000 Streckenkilometer ausgemacht, bei denen es sich lohnen würde, sie wieder in Betrieb zu nehmen.

Meist wäre dies im Sinne der Ökologie, zuweilen aber auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Das Ziel: knapp 300 Städte und Gemeinden wieder ans Netz anschließen, die großteils über die Jahre abgekoppelt worden sind. In Hessen zählten dazu die Kleinstädte Bad Orb, Bad Schwalbach und Homberg (Efze), an dem eine der drei, vier am meisten mit Staus belasteten Autobahnstellen des Bundeslandes liegt. Die Bahn hat zumindest reagiert, Stilllegungen ausgesetzt und ist dabei, Reaktivierungen zu prüfen. Rückenwind kommt aus Berlin, wo in zuletzt neue Gelder zur Finanzierung im Zuge des Klimaschutzes bereitgestellt wurden. Deutschland hat allerdings Nachholbedarf. Nur rund 77 Euro fließen pro Jahr und Kopf der Bevölkerung in die Schiene. In der Schweiz sind dies 365 Euro. Nicht von ungefähr glauben nicht nur Eidgenoss*innen, dass Schweizer*innen eine der besten Bahnversorgungen in Europa haben. Paradoxerweise könnte gerade Corona nun ein Argument für die Reaktivierung sein. Das Gegenargument, dass die Züge halbleer fahren würden, wäre in diesen Zeiten ja fast schon ein Pluspunkt. Und vielleicht entdeckt dabei ja mancher Autofahrer die Bahn neu. Experten gehen allerdings auch davon aus, dass alleine das Reaktivieren der Bahnen nicht reicht. Längst weiß man, dass es ein Gesamtkonzept braucht. Mit Park-and-Ride, Zubringer-Bussen oder selbstfahrenden Autos sowie Leihfahrrädern in der Region. Und vielleicht sogar mit jenen E-Rollern, die in der Stadt unsinnig auf den Trottoirs liegen … (sfo.).

Niko Neuwirth©
Fototage Darmstadt - Raus mit der Kunst
Quelle: Darmstädter Tage der Fotografie©

Kunst im öffentlichen Raum

Outdoor ist das neue Indoor

Künstler*innen bespielen Städte und Wälder

In Corona-Zeiten haben Abstand und Draußensein Konjunktur. Da passte im Spätsommer die Aktionskunst der Frankfurterin Cornelia F Ch Heier bestens in die Zeit, obwohl sie eigentlich »nur« eine Fortsetzung aus vergangenen Jahren war. Seit Jahren bespielt sie mit »Signalement« die Frankfurter Innenstadt mit Plakaten. Auf Plakatwänden und Litfaßsäulen, welche ihr in der werbearmen Sommerzeit ein Vermarkter zur Verfügung stellt. Dieses Jahr waren großformatig reduzierte Gesichter mehr oder minder berühmter Köpfe wie Mahatma Gandhi und Fara Diba, Beate Uhse und Simone Signoret oder Goebbels und Xi Jinping zu sehen. Heier bespielt den Stadtraum wie eine große Galerie – für Menschen, die sonst selten mit Kunst in Berührung kommen. Und Heiers Kunst ist zeitlos. Ohne Anfang und Ende. Wenn die Flächen wieder vermietet sind, verschwindet ihre Kunst. Ob und welche der im August angebrachten Plakate auch heute noch da sind, weiß sie selbst nicht genau.

Was Heier seit Jahren macht, ist in diesem Corona-Jahr Mode geworden. Diesmal aber nicht nur als »Zufallsprodukt« für sonst kunstferne Passant*innen, sondern vor allem, um der Kunst und vor allem kunstaffinen Ausstellungsgänger*innen buchstäblich Raum zu geben. Davon zeugen zwei Großausstellungen, mit denen Künstler*innen derzeit vor allem Darmstadt und Offenbach bespielen. In beiden Städten haben die Ausstellungsmacher*innen der »Darmstädter Tage der Fotografie« und der Hochschule für Gestaltung (HfG) dieses Jahr aus der Not eine Tugend gemacht. Die Darmstädter Tage bestücken großflächig die Innenstadt: mit teils überdimensionalen Fotografien von Kultfotografen wie Erwin Wurm auf dem Friedensplatz oder etwas versteckter mit Fotoprojekten im Schlossgraben oder im waldähnlichen Osthang an der Mathildenhöhe. Und auch die Student*innen der Kreativenschmiede HfG sind in diesem Jahr mit ihren Abschlussarbeiten nach draußen gegangen und bespielen in Offenbach Bauzäune, S-Bahnstationen oder ebenfalls Plakatwände. »Draußen« bedeutet in diesem Fall übrigens diesmal auch Frankfurt, wo sie ebenso wie Heier Flächen eines Vermarkters füllen.

Doch beileibe nicht alles, was derzeit im öffentlichen Raum zu sehen ist, hat mit Corona zu tun. Und gerade zwei Klassiker bespielen Orte, an die man zuerst gar nicht denkt. Besonders beständig etwa sind die überdimensionalen Menschenlandschaften von Nikolaus Nessler, der im Frankfurter Hauptbahnhof in zwei S-Bahn-Abgängen schon seit Jahren Landkarten und Stadtpläne drapiert hat, auf welchen Städte- und Straßennamen durch menschliche Namen aus aller Welt ersetzt sind. Bereits seit zehn Jahren bringen bei Darmstadt auf dem Internationalen Waldkunstpfad Künstler*innen aus aller Welt moderne Kunst alle zwei Jahre in vielen Spielarten mitten unter die Bäume, wo über die Jahre hinweg langsam aber sicher ein regelrechtes Museum entsteht. Eines sollte man bei Outdoor-Ausstellungen immer im Blick haben: Sie sind, wie Heier sagte, zeitlos und wandelbar. Manche wie Nesslers Karten überdauern selbst zur Überraschung des Künstlers, andere wie die Darmstädter Fototage wachsen dieser Tage sogar noch. Auch die Waldkunst ist mindestens noch übers Jahr zu sehen. Über die HfG-Interventionen hingegen geht wie bei Heier mittlerweile bereits die Zeit hinweg; wenn auch offenbar mehr in Frankfurt als in Offenbach. So oder so – es steht zu erwarten, dass gerade in Corona-Zeiten da und dort wieder neue Werke aufpoppen werden. Urban shorts hat auf seiner AGENDA-Seite zwei, drei Plätze reserviert, die in den kommenden Wochen für diese Kunst immer neu angepasst werden sollen (loe./vss.).

Nachgeschaut

Mit alt mach neu

Niklas Görkes Retro-Frankfurt (2)

»Sobald der Fotograf Niklas Görke auf sein Fahrrad steigt, ist er auf der Suche. Wonach, das weiß er im Vorfeld nie so genau. Hat er ein passendes Motiv gefunden, dauert es eine kleine Ewigkeit, bis er ein Foto machen kann. Denn Görke arbeitet mit einer 4×5 inch Großbildkamera, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war. Aus Holz gefertigt, ist sie zwar relativ leicht und kompakt, aber muss erst einmal auf ein Stativ aufgebaut und genau justiert werden. Für jede Änderung des Bildausschnitts muss das Stativ verschoben und die Kamera neu ausgerichtet werden – und das unter dem Dunkeltuch mit Blick auf das seitenverkehrt und kopfüber stehende Bild der Mattscheibe. Dann geht alles ganz schnell: Um die Platten lichtempfindlich zu machen, werden sie zunächst gleichmäßig mit einer sogenannten Kollodium-Emulsion überzogen und unter Rotlicht für drei Minuten in ein Bad aus Silbernitratlösung gelegt. In die Kamera eingesetzt, werden die Platten noch im feuchten Zustand belichtet. Die anschließende Entwicklung vor Ort der noch feuchten Platten ist nach ca. 15 Sekunden abgeschlossen. Dafür hat Görke aus zwei schwarzen Plastikkisten für sein Lastenfahrrad eine mobile Dunkelkammer gebaut. Wie in einem Brutkasten hantiert der Fotograf durch zwei Greiflöcher im beengten Raum, den er nur durch eine dunkelrote Scheibe einsehen kann. Nach der Entwicklung werden die Platten fixiert und zeigen das Bild als Positiv. In einem Wasserbad zurück ins Studio transportiert, trocknet Görke dort die Platten, scannt sie und versiegelt sie schließlich mit Schellack. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis er diesen Ablauf mit viel Geduld und Übung in den Griff bekam«.


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Quelle: Rahulla Torabi©

Corona und die Tagesordnung

Ist nach Corona vor Corona ?

Zwei Einwürfe von Jan-Hendrik Pauls und Petra Manahl

In Deutschland und in der Region gehen die Menschen vielfach wieder zur Normalität über. »Zusammenstehen« wird wieder anders definiert als noch vor ein paar Wochen. Jan-Hendrik Pauls und Petra Manahl machten sich ein paar Gedanken in der allseits gefühlten Post-Corona-Ära. Sie fragen, ob nicht alles wieder viel zu schnell geht. Und wo sie geblieben ist, die Nachdenklichkeit der letzten Wochen, als doch alle mal über eine vielleicht andere Welt nach Corona sprachen … 

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Corona ? War da was ?

Ein sonniger Freitagabend Anfang Juli in Frankfurt-Sachsenhausen. Die Tische der Pizzeria auf dem Gehweg sind fast alle belegt. An einem sitzen zwei Frauen und lachen. Eine dritte kommt hinzu. Sie umarmen sich, begrüßen sich mit Küsschen. »Dürfen wir das eigentlich?«, fragt die eine, als sie sich neben ihre Freundin quetscht. Halb verschämt, halb kokettierend. Die anderen lachen. »Ja, ich glaube, die Beschränkungen sind aufgehoben«, sagt eine. Und erteilt allen Dreien und der Entourage drumherum die Absolution. Corona? War da was? Muss gestern gewesen sein. Aber zur Sicherheit noch mal fragen …

100 Tage war das Virus jetzt in Deutschland. 100 Tage schwerste Ausgangsbeschränkungen, Trennung von besten Freunden, Aussetzung aller Grundrechte. 100 Tage – Das muss dem Virus reichen. Zumal jetzt ja nicht mehr Frühjahr ist. Sondern Sommer und Sommerferien. Und da gehören Viren ja gar nicht hin. Und überhaupt: Ist das Virus nicht schon in Südamerika? Die Folge: Frankfurter*innen – und nicht nur sie – fliegen in den Sommerurlaub (nur nicht nach Südamerika) oder quartieren sich über das Wochenende bei Freunden ein. Dass manche davon in der Ferne auch alle Vorsichtsmaßnahmen weit hinter sich lassen, hat man gerade erst in Mallorca gesehen. Aber dass das nicht immer nur »die anderen« sind, lässt sich auch in Frankfurt erleben. Je nach gesellschaftlicher Couleur gehen sie Wochenende für Wochenende auf ihrem Opernplatz wieder auf Tuchfühlung, okkupieren den Friedberger Platz, machen Cocktail-Parties im Grüneburgweg oder treffen sich zum Grillen am Mainufer. Wer nicht dabei war, fragt sich ernsthaft, wie etwa 3.000 Menschen auf den Opernplatz passen sollten. Pardon: … passten. Und bunt geht’s zu an diesen Orten. Nicht nur wegen der locker am Ohr oder unterm Kinn baumelnden mehr oder weniger schicken Masken. Und der Müll am nächsten Morgen lässt nicht nur fragen, ob wir nicht vor Corona mal weiter waren. Und das Virus? Ist scheinbar nach Südamerika ausgewandert. Oder ist es dort vielleicht auch nur einfach selbst mal im Urlaub (jhp.)?

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Corona ? War’s das ?

Corona? War da was? Die Zeit der Einkehr? Der Gedanken? Des Nachdenkens? Der Blick über den Horizont wäre gerade jetzt wohl mehr als angebracht. Doch zugleich fällt er gerade jetzt auch nicht leicht. Viele hadern damit, wohin er sich überhaupt richten soll. »Irgendwie normal und schön weiter so«, wäre vielleicht tröstlich, fühlt sich aber auch irgendwie falsch an. Und zwar jeden Tag mehr. Manch eine(r) wünscht sich den weitreichenden Aufbruch, indem wir gemeinsam lernen aus dem, was unter dem Brennglas der Krise in den letzten Monaten schmerzte. Selber machen etwa wäre immer eine gute Idee (auch für den Horizont übrigens). Hier ist in den letzten Monaten Bemerkenswertes entstanden: vielfältiges, individuelles, kollektives, lokales, regionales Engagement, aus der Not heraus, aber auch aus dem Nachdenken darüber, was wichtig ist und wie wir in Zukunft zusammenleben und -arbeiten wollen. In der Stadt wie auf dem Land. Und auch dazwischen wird sich das Leben eigentlich neu ausbalancieren müssen.

Denn die Einschränkungen der letzten Wochen haben den Blick geschärft für das unmittelbare Umfeld. Wochen, welche die Grenzen der globalisierten Welt aufgezeigt haben. Und uns mit der Entschleunigung in den Städten auch die Möglichkeiten, die hier vor unseren Haustüren liegen. Produktion und Handel in der Region, lokale Solidarität, Lebensqualität vor Ort, Urlaub nebenan – Manche Menschen haben völlig neue Entdeckungen gemacht. Regionale Wertschöpfung und Resilienz, die Widerstandsfähigkeit in der Krise, sind keine neuen Konzepte, leuchten nun aber vielleicht doch noch mal ein wenig mehr. Denn in der Region liegt ein enormes wirtschaftliches und soziales Kapital, das sich auch in Zukunft besser nutzen ließe. Dessen Hilfe macht widerstandsfähiger und ganz nebenbei Wirtschaft und Gesellschaft auch nachhaltiger. Und zwar in Harmonie mit fortwährender Weltoffenheit, hinter die nur Ewiggestrige zurückwollen. Und dann ließe sich auch die allseits beschriebene »Systemrelevanz« (Wort oder Unwort des Jahres 2020?) vielleicht wirklich mal neu definieren. Und dann auch über Applaus hinweg auch neu wertschätzen. Auch wenn die Versuchung groß ist: Nach Corona sollte nicht vor Corona sein …  (pem.).

(*)