Urban Artists | Niko Neuwirth

N.N. – Zwischen Häusern

Subversive Baustellen-Betrachtungen (2)

Niko Neuwirth ist ein Spezialist für ungewöhnliche Fälle und Fotografien. Für »Facing Europe« reiste er mehrfach quer durch Europa und fotografierte Menschen, die ihm begegneten. Sein aktuelles Projekt ist Frankfurt. Genauer: die Baustelle(n) Frankfurt(s). Nachts begibt er sich auf Baustellen und auf die Dächer der Stadt. Je höher, desto besser. Und er sucht die ungewöhnlichen Motive, die sonst nur wenige sehen (können). Neue Blick- und Stadtlandschaften tun sich auf. In der Stadt, die längst eine permanente Baustelle geworden ist. »Nachts über Frankfurt« ist ein urbanes und künstlerisches Projekt zugleich. Und in gewisser Weise – trotz der teils schwindelnden Höhen, in denen es entsteht – ein subversives. In der Bildergalerie »N.N. – Zwischen Häusern« dokumentiert Urban shorts, das urban-kulturelle Magazin, erneut einige dieser Momentaufnahmen aus den nächtlichen »Beutezügen« zum Durchklicken. Und: Urban shorts und Niko Neuwirth werden auch weiterhin diese Betrachtungen der Stadt mittels ihrer Baustellen fortsetzen. Im Laufe der Zeit werden weitere Bilder auftauchen. Lose und in lockerer Folge – so wie ihr Fotograf selbst immer wieder auf den Baustellen der Stadt erscheint und mit seiner ungewöhnlichen »Bildbeute« wieder entschwindet. Von Anfang September an sind ausgewählte Werke aus der Reihe außerdem im Frankfurter Heussenstamm in einer realen Ausstellung zu sehen … (vss.).

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Auch Kindern gehört die Stadt! Die Wiesbadener Wellritz-Straße, die kürzlich verkehrsberuhigt wurde
Quelle: Zeichnung: Sibylle Lienhard©

Impuls | Kidical Mass

Kids statt Kotflügel

Gast-Kommentar von Katharina Knacker

Früher konnten Kinder noch auf den Straßen spielen und alleine zur Schule fahren oder laufen. Auch heute ist dies möglich. Allerdings wegen vieler Autos an und auf den Straßen ungleich gefährlicher. Katherina Knacker und die Initiative »Kidical Mass« fordern deshalb wieder mehr Platz und Sicherheit für Kids auf den Straßen, mit einer Neuverteilung des Raums und »Tempo 30« in Städten. Etwa einmal im Monat macht »Kidical Mass« dafür eine Fahrrad-Demo für Kids in Frankfurt. 

In der Führerscheinprüfung gibt es die Frage 1.1/02-112: »In einem Wohngebiet rollt ein Ball vor ihr Fahrzeug. Wie müssen sie reagieren?«. Die (einzig mögliche) Antwort: »Bremsen«. Warum? Weil Kinder hinter dem Ball her rennen könnten. Diese Frage beantworten jährlich tausende Fahrschüler*innen, obwohl Kinder, die im Straßenraum Ball spielen, kaum noch zu finden sind. Vor wenigen Jahrzehnten war es noch möglich, sich spontan mit den Nachbarskindern vor der Haustür zu treffen. Heute ist dieser Platz durch immer mehr parkende Autos fast verschwunden. Und durch schnell fahrende Autos ist das auch viel zu gefährlich geworden für die Kids. Mit ein Grund zudem, dass sich lauf WHO im Jahre 2019 80 Prozent der Kinder in Deutschland zu wenig bewegt haben …

Dabei wäre alles sehr einfach. Eine gerechtere Platzverteilung im Straßenraum und Tempo 30 innerorts könnten unsere Städte auch für unsere Kinder wieder lebenswerter machen. Bei Tempo 30 passieren erwiesenermaßen weniger Unfälle und weniger schwere Unfallfolgen. Autofahrer*innen nähmen mehr Rücksicht auf Kinder, Gefahren könnten besser erkannt werden, es gäbe zudem weniger Lärm und Abgase. Dabei erhöht sich die Fahrtzeit im Gegensatz zu Tempo 50 nur geringfügig. Mit »Kidical Mass« demonstrieren wir mehrfach im Jahr, was möglich wäre. Mit Hunderten Kids radeln wir eine Stunde lang im kinderfreundlichen Tempo quer durch die Stadt. Start ist meist an Orten wie der Alten Oper oder dem Mainkai. Ziel sind Parks, an denen alle gemeinsam den Tag ausklingen lassen können. Ein Erlebnis immer wieder – für Kids, Familien und Freunde. Der Kinder-Fahrrad-Korso – der am 19./20. September auch erstmals bundesweit stattfand – ist allerdings eine angemeldete Demonstration, wird von der Polizei geschützt, und erfahrene Ordner*innen sichern Straßen und Kreuzungen. Denn normal ist es für Kids leider auch an einem Sonntag nicht, so sorglos durch eine Stadt wie Frankfurt zu radeln …

»Normal« ist in unseren Städten leider anderes. Aktuell toleriert unsere Gesellschaft »Blitzer-Meldungen«, die Autofahrer*innen nicht daran erinnern, dass es kein Kavaliersdelikt ist, zu schnell zu fahren, sondern davor warnen, wo sie für zu schnelles Fahren eine Strafe erhalten könnten. Auch das Parken an Kreuzungen oder Zebrastreifen ist gang und gäbe – obwohl es verboten und eine besondere Gefahr für kleine Menschen ist, die von den parkenden Autos beim Queren der Straße verdeckt werden. Von den vielen sonstigen Autos am Straßenrand mal ganz abgesehen. Während Anfang der 70er Jahre noch 92 Prozent der 6- bis 7-Jährigen selbständig zur Schule gingen, waren es 2018 nur noch 43 Prozent. Immer mehr Kinder werden von den Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren. Mit teils paradoxen Folgen: noch mehr Verkehr und vor den Schulen immer mehr gefährliche Situationen und Unfälle. Kommen Kinder hingegen zu Fuß, mit Roller oder Rad zur Schule, haben sie sich morgens schon bewegt, können sich besser konzentrieren und hatten schon schöne Erlebnisse mit Freunden oder Eltern, die sie begleiteten. Genauso paradox: Während die Anmeldungen in Sportvereinen immer mehr steigen, können Kinder immer weniger selbstständig zu diesen oder an andere Orte gelangen. Alles gute Gründe, mit neuen Regeln und bei der Neuverteilung des Platzes in den Straßen mehr an die Kinder zu denken. Denn auch ihnen gehört die Stadt! Und wir waren da schon mal weiter – wie die Fragen in den Führerscheinprüfungen belegen …

Zeichnung: Sibylle Lienhard©
Nur eine Vision? Der Mainkai und die Menschen
Quelle: Moritz Bernoully / Making Frankfurt©

Impuls | Making Frankfurt

Mehr als eine Durchfahrt

Ein Appell für den autofreien Mainkai

Am 1. September endete die rund einjährige Sperrung des Frankfurter Mainkais für den Autoverkehr. Mehrere Initiativen setzen sich für die dauerhafte Fortführung des Experimentes ein, sehen darin den Anfang für eine autofreiere und lebenswertere Innenstadt. Urban shorts dokumentiert in leicht gekürzter Form einen Offenen Brief der Initiative Making Frankfurt.  

Am nördlichen Mainufer zwischen Alter Brücke und Untermainbrücke rollen wieder Autos und LKWs. Am 1. September endete das von der Römerkoalition durchgeführte Verkehrsexperiment, den Mainkai für 13 Monate für den Autoverkehr zu schließen. Durch die Corona-Pandemie war es nicht möglich, innerhalb dieses Zeitraums eine wissenschaftlich fundierte Auswertung des Experimentes vorzunehmen. Gleichzeitig konnten wir alle in den letzten Wochen und Monaten erleben, wie die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt und unsere Gäste von außerhalb diesen Stadtraum für sich entdeckt und intensiv genutzt haben. Wie sich dort ein buntes und vielfältiges Leben entfaltete, wie aus einem Verkehrs- ein Stadtraumexperiment wurde, wie die Vision einer verkehrsberuhigten und irgendwann auch autofreien Innenstadt sichtbar und manifest wurde – nicht zuletzt als Folge der Corona-Einschränkungen. Wir haben gemerkt: Dieser Ort ist zu weit mehr berufen als für die Durchfahrt. Viele europäische Städte beneiden uns um einen solchen Möglichkeitsraum am Fluss.

Eine klare Mehrheit von 57 Prozent der Frankfurterinnen und Frankfurter ist für eine dauerhafte Sperrung des Mainkais für den Autoverkehr, nur 21 Prozent wünschen sich, dass dort wieder PKW und LKW fahren. Das hat eine von der Stadt in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage ergeben. Und auch unter den Stadtverordneten gibt es dafür eine Mehrheit jenseits von parteipolitischem Koalitionskalkül. Doch die CDU-Fraktion im Römer blockiert hartnäckig eine mögliche Verlängerung der Sperrung und SPD und Grüne wollen einen Koalitionsbruch verhindern. Wir appellieren an die Entscheidungsträger. Verlängern Sie die Sperrung für mindestens zwei weitere Jahre! Machen Sie gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern aus dem Verkehrs- ein Stadtraumexperiment! Ermöglichen Sie temporäre Umbaumaßnahmen, die über die bloße Absperrung hinausgehen und  Aufenthaltsqualität bieten! Rufen Sie zu einem internationalen Ideenwettbewerb für die dauerhafte Neugestaltung des Mainkais auf! Begleiten Sie das Experiment durch bedarfsgerechte Verkehrsmessungen, Studien und Maßnahmen, um die angrenzenden Stadtteile zu entlasten! Organisieren Sie ein Innenstadtforum, in dem Bürgerinnen und Bürger mit Experten und Entscheidungsträgern über die Zukunft der Innenstadt debattieren!

Mit unserem Appell knüpfen wir an die historische Bedeutung des Mainkais für Handel, Kultur, Gesellschaft und Stadtstruktur an. Denn hier am ehemaligen Fahrtor schlug über Jahrhunderte das Herz unserer Stadt – und an eben dieser Stelle soll es auch in Zukunft wieder schlagen! Frankfurt hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, wie bürgerschaftliches Engagement im Schulterschluss mit Politik und Verwaltung zu guten Ergebnissen führt. Ein dauerhaft vom Autoverkehr befreiter Mainkai wäre ein starkes Zeichen! Und ein Anfang. Für mehr Aufenthaltsqualität und neue öffentliche Freiräume für alle in der Innenstadt, für eine selbstbewusste und zukunftsorientierte Verkehrspolitik in Zeiten des Klimawandels und für eine weltoffene, lebenswerte Metropole, die auch über die Stadtgrenzen hinaus Zeichen setzt! Es gilt, gemeinsam mutig zu sein – für ein lebenswertes Frankfurt heute und morgen! Liebe Koalition im Römer, nutzen Sie die historische Chance, das frisch aufkeimende urbane Leben am Mainkai zu unterstützen! Ermöglichen Sie im Sinne der klaren Mehrheit der Frankfurterinnen und Frankfurter eine Fortführung der Autofreiheit am Mainkai! Gehen Sie auf entsprechende Kompromiss-Angebote ein und bauen Sie politische Brücken! Und bringen Sie Ihre Zukunftsideen in das Stadtraum-Experiment ein!

Moritz Bernoully / Making Frankfurt©
Citizen - ein schwarz-weißes Buch
Quelle: scs / Spector©

Beste Bücher | Black Lives

Als Frau. Als Farbige. Fühlen.

Diskriminierung erleben: Claudia Rankines »Citizen«

Dieses Buch ist schwarzweiß und scharfkantig. Es ist eine Collage aus Alltagssplittern. Genau beobachtet und unerbittlich zeichnet es das Leben als Afroamerikanerin in den USA. Und zwar von innen heraus. So, als blickte ich selbst in die Welt als eine Diskriminierte. Häufig aber so subtil diskriminiert, dass ich dazu verleitet sein könnte, darüber hinweg zu sehen, mich »nicht so anzustellen«. Oder aus der anderen Sicht betrachtet, in der so etwas mitschwingt wie: »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!?«. Nein. Es ist Sprache, die verletzt, wenn auch oft scheinbar zufällig, seltener offen rassistisch. Das allerdings macht es umso schwerer, es zu benennen …

Claudia Rankine gelingen in »Citizen« Momente, Empfindungen, Skripte aus der wahren Welt, die einfach nur treffen. Mit tiefgründiger Schwere hat ihre Komposition aus Alltagsszenen, Fotos, Zeichnungen und Lyrischem eine große Wucht. Ich denke an Adichie und ihren berühmten Roman »Americanah« über eine Nigerianerin in den USA. Doch während bei Adichie jede Bitterkeit von einer positiv-kämpferischen Kraft und Lebensfreude überstrahlt wird, hallt bei der in Jamaika geborenen Rankine immer wieder Wut, Fassungslosigkeit und Auflehnung mit. Was die Autorin so scheinbar willkürlich nebeneinander stellt, verdichtet sich immer wieder zu einem Muster, das sich immer weiter fortweben ließe. Etwa beim längeren Text über Tennis, der zunächst irritiert, doch sich dann immer mehr als Metapher herausstellt. Der High Society-Hochleistungssport als ein auch heute noch zutiefst weißer Sport – in jeglicher Hinsicht. Rankines Buch – als literarische Sensation ausgezeichnet – ist hoch aktuell und zugleich allgemeingültig. In ihm lässt sich die immer wieder erlebte Diskriminierung als Farbige und Frau immer weiterdenken. Kein Buch, das man einfach so »wegliest«. Aber eines, das im wahrsten Wortsinn den eigenen Horizont erweitert … (pem.).  

scs / Spector©
Delhi wird 2100 wohl die Kapitale des Landes mit den meisten Menschen weltweit sein
Quelle: © Francisco Anzola / CC-BY-SA-2.0 (s.u.)©

Studie zur Weltbevölkerung

Weniger Menschen in der Zukunft

Afrika wächst, aber die Erdbevölkerung schrumpft

Der »Platz auf dem Planeten« wird nach einer neuen Studie bis 2064 mit dann fast zehn Milliarden Menschen immer weniger werden. Doch danach wird die Zahl der Menschen weniger – um eine Milliarde bereits bis Ende des Jahrhunderts. Während Afrika noch wächst, schrumpfen Länder wie Deutschland und vor allem südeuropäische Staaten – und wird Migration wohl eine immer wichtigere Rolle für diese Länder spielen.

[> Beitrag auf eigener Seite lesenFür die Menschheit könnte 2064 das magische Jahr ihrer Geschichte werden. In diesem Jahr sollen fast zehn Milliarden Menschen auf dem Globus leben. Rund zwei Milliarden mehr als heute. Nach jüngsten Berechnungen der renommierten University of Washington (Seattle) soll das dann allerdings der Gipfel der Menschheitsgeschichte sein. Schon bis Ende des Jahrhunderts erwarten die Forscher*innen schon wieder rund eine Milliarde weniger Menschen. Geringere Geburtenraten in vielen Teilen der Welt, bedingt durch mehr Wohlstand, mehr Verhütung und bessere Bildung für Frauen, sollen die Gründe sein. Vor allem in Europa und Asien würden sich Populationen vielfach sogar halbieren, wenn die Länder nicht massiv mit Immigration gegensteuerten. Selbst China – heute mit 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde – soll auf ziemlich genau die Hälfte schrumpfen. Ähnlich wie viele Länder in Südeuropa, etwa Spanien, Italien oder Portugal, wo dann vielleicht zusammen nur noch 60 Millionen Menschen leben.

In mancherlei Hinsicht werden sich die Verhältnisse auf dem Globus regelrecht umkehren. Die wirtschaftlich schwächeren Regionen in Afrika und Nahost könnten dann mit rund vier Milliarden Menschen (heute 1,6 Milliarden) fast die Hälfte der Erdbevölkerung beherbergen – falls diese nicht massiv in andere Regionen wandern. Folgen würde das restliche Asien, in dem das wirtschaftlich schwächere Indien mit 1,1 Milliarden China abgelöst haben dürfte (laut Prognose dann vor Nigeria mit 800 Millionen). Apropos Wirtschaft: Die USA und China würden sich der Studie zufolge das gesamte Jahrhundert über einen Zweikampf um die stärkste Volkswirtschaft des Planeten liefern; in dem China zeitweise vor den USA liegen soll, bevor es seiner schwindenden Bevölkerung Tribut zollt. In Europa würden von den vier großen Staaten und Volkswirtschaften die migrationsstarken Großbritannien und Frankreich etwa gleichbleiben in Population und in relativer Wirtschaftskraft unter den Top Ten der Welt, Deutschland würde den Platz unter den Top Ten trotz massiven Schwundes von rund 20 Prozent der Bevölkerung halten, aber Italien würde aufgrund des massiven Schwundes kaum so glimpflich wegkommen. Allerdings offenbart die Studie damit auch ihren größten Unsicherheitsfaktor, da in den Berechnungen reale Zuwanderung nur bedingt über mehrere Jahrzehnte vorhergesagt werden könn(t)e. Im Umkehrschluss halten die Forscher*innen übrigens fest, dass gerade die europäischen Staaten ohne Zuwanderung ihre heutige Stellung kaum werden halten können, und legen damit insbesondere eine vorausschauende Migrationspolitik nahe. Und noch eine Folge wird das Szenario haben: 2100 werden mit rund 2,4 Milliarden mehr Menschen über 65 Jahren auf dem Planeten leben als Menschen unter 20 Jahren (rund 1,7 Milliarden). Dies lässt sich allerdings wieder ziemlich sicher vorhersagen … (vss.).

© Francisco Anzola / CC-BY-SA-2.0 (s.u.)©
Kopenhagen als Avantgarde - In der dänischen Metropole haben Radfahrer sogar eigene Brücken
Quelle: Quelle: Jakob Munk / Butchers & Bicycles / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-4.0 (s.u.)©

Urban .21 | Pop up-Bike Lanes

Radwege auf allen Wegen

Corona beschleunigt Rad-Verkehrs-Wende

Ob Brüssel, Mailand oder Barcelona, ob Berlin, München, Frankfurt, Darmstadt oder Offenbach – Europa- und bundesweit bauen Städte Radwege aus. Nicht nur aus ökologischen Gründen. Die neuen Pop-up-Lanes, die vom Lockdown noch befördert wurden, werden in Zeiten der Lockerungen erst recht gebraucht. Und es gibt wenig gute Gründe dagegen. 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenEs war schon ein bemerkenswerter Satz, der vor einigen Wochen aus der Frankfurter Industrie- und Handelskammer zu vernehmen war. Die Frankfurter Verkehrspolitik solle sich, so der Präsident des einflussreichen Wirtschafts- und Handelsverbandes, mehr an einem funktionierenden Verkehr als an der Bevorzugung einzelner Verkehrsmittel orientieren. Vereinfacht gesprochen: Die in einem mühsamen Prozess gerade neu die Stadt durchziehenden roten Bike Lanes auf den Hauptverkehrsstraßen sollten doch bald wieder verschwinden, um die Straßen wieder einem einzelnen Verkehrsmittel namens Auto und den damit einkommenden Pendlern, Geschäftskunden und Lieferanten zurückzugeben. Pardon: natürlich nicht einem einzelnen Verkehrsmittel, sondern einem in den Augen der IHK funktionierenden Verkehr natürlich.

Nun scheinen Frankfurts Straßen – siehe Mainkai – ja überhaupt ein gutes Pflaster für das Infragestellen urbaner Veränderungsprozesse zu sein. Während fast alle Welt die Straßen beruhigt, wird in Frankfurt schon wieder »zurückberuhigt«. Doch in Sachen Bike Lanes scheinen manche in dieser Stadt vollends die Zeichen der Zeit zu ignorieren. Ob Brüssel, Mailand oder Barcelona, ob Berlin, München, Darmstadt oder sogar Offenbach – Europa- und bundesweit bauen Städte derzeit massiv ihre Radwege-Infrastruktur aus. Und in Corona-Zeiten noch um einiges zügiger als zuvor. In Berlin und München entstanden und entstehen mit dem Beinamen »Corona Lanes« bereits zahlreiche Pop-up-Lanes auf großen Verkehrsachsen. Ging es in der Vergangenheit um bessere Luft und mehr Lebensqualität, so kam in den letzten Wochen noch das Argument für mehr gesunde und abstandsgeschützte Fortbewegung in Corona-Zeiten hinzu. Berlin etwa hat denn auch die zeitliche Begrenzung der Lanes von Ende Mai auf Ende des Jahres verlängert. München begleitet die Lanes mit parallelen Untersuchungen, ob positive Effekte denn nicht gleich dauerhaft bleiben sollten. In Darmstadt und Offenbach mach(t)en sich Bürger*innen für Radentscheide stark, um dem Rad dauerhaft mehr Platz im Straßenverkehr zu schaffen. Gegen die bisherige Bevorzugung eines einzelnen Verkehrsmittels, könnte man sagen.

Nicht nur in Deutschland treffen sich mittlerweile Ökologie und Corona-Vorsorge. Metropolen wie Brüssel oder Barcelona beschleunigten in diesem Sommer den Umbau ihrer Innenstädte zu Städten für Fahrrad und Fußgänger. Brüssel etwa führt flächendeckend Tempo-20-Zonen ein und erlaubt Fußgänger*innen, auf den Straßen zu gehen. Zuerst einmal, um ihnen mehr Abstand auf und in den Straßen zu ermöglichen. Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau assistiert mit der Bemerkung, dass Corona die Dringlichkeit des Umbaus noch erhöht habe. Und dies gilt nach Ansicht zahlreicher europäischer Stadtoberer gerade jetzt. In einem offenen Brief an die EU warnten sie vor einem Rebound-Effekt für das Klima und die Schadstoffbelastung der Städte, da gerade jetzt viele Menschen zum eigenen Schutz eher auf das Auto als auf den Zug setzten. Ein Grund mehr, neben einem Ausbau des ÖPNV den Raum für Autos zu verknappen. Auch Italiens Wirtschaftsmetropole Mailand schließt sich den anderen Großstädten an und will im Laufe des Sommers 35 Kilometer Straße zugunsten von Radfahrer*innen und Fußgänger*innen umbauen. Mit einer – neben der Gesundheit – interessanten Begründung: Dass dies der innerstädtischen Wirtschaft, den Bars, den Geschäften und Handwerkern zugutekäme in der Zeit nach der Krise. Ein bemerkenswertes Motiv übrigens, bestätigen doch praktische Beispiele und Studien aus und über andere Städte immer wieder, dass verkehrsberuhigtere Innenstädte mitnichten immer zu Verödung, Geschäftesterben oder Umsatzeinbußen führten. Zumal wenn mehr Parkhäuser und besserer ÖPNV das ausgleichen. Davon kündet auch die skurrile Erfahrung von Stadtoberen aus dem belgischen Gent. Als vor vier Jahrzehnten der damalige Bürgermeister die Innenstadt autofrei machen wollte, schickte ihm ein Ladeninhaber unmissverständlich eine Patrone ins Rathaus. Vier Jahrzehnte später berichtet sein Nachfolger, dass er eine kugelsichere Weste brauchen würde – wenn er das wieder rückgängig machen würde … (vss.).

Quelle: Jakob Munk / Butchers & Bicycles / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-4.0 (s.u.)©
Der Frankfurter Mousonturm gleich mit eigener neuer Bühne mitten im alten Bühnenraum
Quelle: Mousonturm / Raumlabor©

Kulturlandschaften | Trend

Eine neue Bühnen-Kultur

Real und virtuell wird viel neu gebaut

In Corona-Zeiten werden gerade viele neue Bühnen gebaut. Virtuelle Bühnen, auf denen sich Künstler*innen im Netz präsentieren können. Bühnen im übertragenen Sinne, indem Bühnen neu genutzt werden. Aber auch ganz reale neue Bühnen für die neuen Zeiten … 

[> Beitrag auf eigener Seite lesenAls der Mousonturm kürzlich sein Programm für die neue Spielzeit vorstellte, war der große Saal des Frankfurter Künstlerhauses fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zugegeben: »Bis auf den letzten Platz« hieß in diesem Fall, dass dort, wo sonst rund 250 Menschen das Publikum bilden, nun sorgsam getrennt auf einzelnen Stühlchen rund 30 Leute »Platz nahmen«; Künstler*innen inklusive. Im doppelten Sinne ein Ausblick auf den kommenden Herbst sozusagen. Damit der Herbst dann aber kein exklusives One-to-one-Theatre wird, war das Highlight des Tages allerdings das kleine Modell einer neuen agora-ähnlichen Bühne. Ein kleiner, vorzeitlich anmutender, aber nachzeitlich gedachter Höhlentempel aus Holz und Lehm – für die Zeit nach oder zumindest mit Corona. Realisiert von einer Design-Agentur mit dem corona-sinnigen Namen »Raumlabor« …

Angesichts zahlreicher Zu-, Ein- und Ausgangsbeschränkungen brauchen das Land und die Kultur in der Tat neue Bühnen. Das mittlerweile realisierte »Raumlabor Mousonturm« mit genau 38 Logenplätzen in Termitenbau-Design ist dabei die bisher kreativste Lösung. Doch auch andere Häuser suchen dieses Jahr nach neuen Ideen und Bühnen. Die Darmstädter Centralstation als einer der größten Veranstaltungsräume der Region hat seine Bühne geöffnet für andere Akteure der regionalen Szene. »Von Null auf 100«, angelehnt an die Zahl der anfänglichen Sitzplätze, heißt das Programm dieses Sommers, in dem nicht nur assoziierte Künstler*innen Platz finden, sondern eben auch Gruppen wie das TheaterGrueneSosse aus Frankfurt oder die kleine Initiative die stromer aus Darmstadt selbst. Häuser und Ensembles wie diese können in Corona-Zeiten kaum spielen oder spielen lassen, da ein Umbau kleiner und alter Häuser schwer und vor allem nicht schnell möglich ist. Vor Herbst sind viele Häuser und auch Gruppen auf Ausweichquartiere angewiesen. Ein weiteres solches Quartier ist ein »Kleiner Offenbacher Kultursalon« im dortigen Capitol-Theater. Ähnlich kreativ waren auch Künstler*innen, Hochschüler*innen und Stadtmarketingleute in der Region. »Window Shopping« heißt das Modell, mit dem Offenbacher HfG-Künstler*innen ab Juli freie Schaufenster in der Offenbacher Innenstadt mit dem Thema »Kleidung, Freiheit und Identität« bespielten. Gleiche Idee: Künstler*innen in Frankfurt machten das Gleiche bereits mit Schau- und Atelierfenstern im Westen von Frankfurt. Waren diese Atelierfenster schon sehr nahe dran an den Künstler*innen, so sind es einzelne Kunstmärkte dieses Sommers besonders. Pars pro toto der Mindest-Abstand-Kunstmarkt des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden im August, mit dem der Kunstverein die professionellen Kunstschaffenden der Stadt unterstützen will. Doch neue Bühnen entstehen in diesen Wochen nicht nur real. Öffentliche Hände und Fördereinrichtungen haben Bühnen im Internet geschaffen und Kreativen wie Künstler*innen kleine Stipendien ausgeschrieben, mit denen sie diese Bühnen mit etwas Leben füllen und sich damit den Lebensunterhalt über den Sommer sichern können. Eine dieser Bühnen ist der »Open Space« des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, zwei weitere sind die Plattformen und Förderstipendien der Länder Hessen und Rheinland-Pfalz (die beide jeweils Programme mit je 2000-Euro-Hilfen für ansässige Kreative ausgeschrieben hatten). In die Baupläne für neue Bühnen spielt derzeit übrigens auch der Sommer mit Open-Air-Bühnen und -Festivals. Im öffentlichen Raum sind Umbauten nämlich durchaus weniger aufwändig als im Mousonturm und anderswo. Und manche benutzen einfach die Stadt als Bühne(n). Im Spätsommer bespielen die Frankfurter Künstlerin Cornelia Heier sowie die Studenten der Offenbacher Kreativenschmiede HfG Plakatwände in Frankfurt und Offenbach … (vss.).